Schwindende Ankerpunkte

Wer jede Nacht im Taxi unterwegs ist, der hat Orte in der Stadt, die er bewusst anfährt. Nicht um dort nach Fahrgästen zu suchen, sondern um zu entspannen, wenn auch nur für einige Minuten.
Jürgen vom Bahnhof Zoo war ein solcher Ankerpunkt, dort lief er die Taxireihen ab mit seinem umgebauten Rentnerporsche. Kaffee und Tee, Kekse, Stullen und Salate bekam man bei ihm, und dazu noch ein paar Worte. Im Winter setzte er sich öfter zum Aufwärmen bei mir ins Auto. Jürgen war ein Junkie, der sich nach dem Entzug seine kleine Existenz aufgebaut hatte, trotz aller Widrigkeiten, die ihm das Bezirksamt, die Polizei und auch so mancher grummeliger Taxifahrer bereiteten. Ich dagegen bin immer gern hingefahren, um meinen nächtlichen Obstsalat zu kaufen oder ein leckeres Vollkorn-Schinkenbrot. Zu Ostern gabs als Werbegeschenk noch ein Schokoladen-Ei dazu, Jürgen hat seinen 7-Tage-Job wirklich gut gemacht.
Als sich der Verkehr zum Hauptbahnhof verlagerte, zog er mit. Nun stand er mit den Taschen und Thermoskannen unter den Gleisen zwischen den wartenden Taxis. Auch hier bekam er Ärger mit der Bahn und eines Tages war er plötzlich nicht mehr da. Kein Kollege wusste, was los war, nur Gerüchte kursierten, keine schönen. Seit über einem Jahr habe ich ihn nun nicht mehr gesehen.

Jetzt ist auch noch eine andere Institution verschwunden. Seit zehn Jahren kam ich abends immer wieder mal zum Imbiss in der Bundesallee, direkt an der Taxihalte Trautenau. Die Inhaberin Christine hatte meistens gute Laune, war immer frech, duzte selbstverständlich alle Taxler. Als sie letztes Jahr krank wurde, übernahm ihr Sohn Dennis das Geschäft, obwohl gerade erst aus der Schule raus. Irgendwann war sie wieder zurück, sie sprach nicht drüber und sie war wieder guter Dinge.
Ihr Imbiss war beliebt, nicht nur bei den Taxifahrern. Fotos zeigten Jürgen von der Lippe, Inspektor Colombo spielte hier im Kinofilm „Der Himmel über Berlin“ einige Szenen mit. Man fühlte sich an diesem Ort willkommen und wenn ich mal schlecht drauf war, kam gleich die Nachfrage, ob alles okay ist.
Vor zwei Wochen brannte um Mitternacht noch Licht. Das war ungewöhnlich, normalerweise war um 22 Uhr Feierabend. Jetzt schaut plötzlich ein anderes Gesicht durchs Fenster, die Fotos sind weg, die Schalen mit Obst und Bonbons ebenfalls. Verschwunden ist aber auch die Herzlichkeit: „Ich möchte gerne eine Wiener“ – „Ham wa nich, da oben steht dran, wasses gibt“. Auf meine Frage nach der bisherigen Inhaberin kam eine ebenso pampige Antwort.

Das war’s, wieder ein Ankerpunkt weniger. Ich hoffe nur, dass es Christine gut geht.

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2 Kommentare zu Schwindende Ankerpunkte

  1. Das war mal wieder eine schöne Geschichte aus dem Leben der nicht gelackten. Bravo.

  2. Christine heißt sie? Ich hab auch schon seit Jahren immer wieder mal extra die Trautenau-Halte angesteuert, wegen des leckeren Essens und den herzlichen Bedienung. Was für ein Schock, vergangene Woche plötzlich diesem Ziesel gegenüberzustehen, ich wurde wie ein Bittsteller behandelt. Deshalb scließe ich mich den guten Wünschen des Autors an und wünsche der Christine auch alles Gute.
    Stefan (Tagfahrer aus Pankow)

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