Traurige Fahrten

Als Taxifahrer erwischt man seine Fahrgäste in allen möglichen Stimmungen. Wenn jemand schlechte Laune hat, sollte man das schnell erfassen können und nicht als Erstes einen dummen Spruch machen. Andererseits kann es ganz gut sein, auf irgendein anderes Thema abzulenken. Passagiere mit sehr guter Laune sind dagegen schnell ansteckend, das färbt meistens auch auf mich ab.

Schwierig ist es jedoch, wenn der Fahrgast traurig ist oder sogar verzweifelt. Natürlich fahren wir auch mal Menschen, die in einer Lebenskrise stecken, aber anders als manche Kollegen kann ich das nicht an mir abperlen lassen. Mehrmals hatte ich schon extreme Fälle, wie den Mann, den ich an der Charité gerade von seiner eben gestorbenen Tochter abgeholt habe. Oder die Frau, die ich zum sterbenden Vater nach Hause fuhr.

Als Taxifahrer ist man öfters mal Ansprechpartner in psychologischen Dingen. Die räumlich Nähe, die gleichzeitige Anonymität, nachts die ruhige Stimmung, all dies begünstigt es, dass sich manche im Taxi ein bisschen öffnen.
Natürlich muss man aufpassen, sich nicht zu sehr darauf einzulassen und die Probleme nicht zu sehr an sich heran zu lassen. Es nützt niemandem, wenn beide weinend im Auto sitzen. Trotzdem versuche ich in solchen Momenten, Mitgefühl zu zeigen und nicht als ignoranter Eisblock rüber zu kommen. Oft ist es ja schon eine Hilfe, wenn man zuhört und ein paar Worte dazu sagt.

Meist geht es in solchen Situationen auch gar nicht um objektive Katastrophen, sondern um Beziehungsprobleme, die einen natürlich trotzdem umwerfen können. Die eine oder andere Sache kann ich dann dazu sagen, ganz unerfahren bin ich ja nicht. Und sei es nur, dass ich einfach versuche Mut zu machen.
Klar, das ganze 08/15-Blabla ist zwar nicht falsch, aber total ausgelutscht: „Das Leben geht weiter, ist eine Achterbahn, man darf nicht aufgeben, man hat gute und schlechte Tage“ usw.
Letztendlich ist aber das Ziel, dass mein Fahrgast das Taxi mit ein wenig mehr Hoffnung und Kraft verlässt. Manchmal habe ich es auch geschafft.

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