In den Zelten

Erinnert sich überhaupt noch jemand daran, wie das früher in der Straße „In den Zelten“ (heute: John-Foster-Dulles-Allee) gewesen ist, wie die ganze Gegend hier ausgesehen hat? Seit 1945 sind schließlich viele Jahre vergangen, und noch ein bisschen länger ist es her, dass auch zwischen Spree und Tiergarten die Bomben fielen, deren zerstörende Kraft dieses anmutigste Exempel berlinischer Lebensfreude vernichtete…

Da kann man schon vergessen haben, dass die Siegessäule erst 1938 zum „Großen Stern“ umzog und viele Jahrzehnte zuvor auf dem Platz zwischen „Zelten“ und Reichs­tag gestanden hat. Nicht einmal von „Krolls Etablissement“, dem großartigen Vergnügungsbetrieb, dessen berühmter Park bei den „Zelten“ endete, entdecken wir anderes als kärg­lichste Überreste einstigen Glanzes. Italienische Nächte, phantastische Mas­kenbälle, die luxuriösesten Silvestersoupers lockten die Berliner zu Kroll. Ein Sommertheater gab es, eine wichtige Opernbühne wuchs heran, noch bis zum Jahre 1933 strömten die Musikliebhaber in Krolls Oper, wie die Freunde von Tanz und Militärmusik in Krolls Garten.

Die Straße In den Zelten ist nicht einmal fünfhundert Meter lang, nur dreiundzwanzig Häuser standen rechts und links. Wo sie an­fängt, beim Kurfürstenplatz, in Nr. 5, hat fast ein halbes Jahrhundert lang Bettina von Arnim gewohnt, Goethes etwas allzu enthusiastische Freundin. Hier, In den Zelten Nr. 5, entstand der „Briefwechsel mit einem Kinde“, den wir noch immer gern lesen. Hier hat Bettina aber auch eines der auf­rührerischsten Bücher geschrieben, das vielleicht gerade wegen seines unbe­quemen Mahnens so schnell vergessen wurde. Es war dem König gewidmet, sein Titel lautete ganz herausfordernd „Dies Buch gehört dem König“. Aber auch Friedrich Wilhelm IV. hat das 1843 erschienene Buch mit all den An­klagen Bettinas nicht für wichtig gehalten…
Genau fünf Jahre später, 1848, schrien ihm die Revolutionäre die An­klage entgegen. Die Schreie kamen auch von den Zelten her, dort hatten sich Berlins Bürger versammelt, um vom König ein Parlament und demokratische Freiheit zu fordern.
Das Haus Nr. 5 steht nicht mehr. Es ist hübsch, dass am anderen Ende der kleinen Straße die Kongresshalle (heute Haus der Kulturen der Welt) errichtet wurde, die dem Gedanken der Freiheit eine Heimstatt sein will. Auch wenn die Herren Stadtplaner wohl kaum daran gedacht haben, freut man sich darüber, dass sie den neuen Bau gerade in die Nachbarschaft eines Hauses stellten, das auf seine Art eine Heimstatt von Freiheit und Menschenrecht gewesen ist.

Eigentlich, besucht man dieses Kulturhaus, sollte man sich noch einer zweiten Frau erinnern, die In den Zelten zu Hause und – ehe sie 1882 die prächtige Villa Nr. 21 bezog – eines weltberühmten Mannes Freundin gewesen ist. Mathilde Wesendonck hat beinahe zwanzig Jahre hier gewohnt, inmitten der kostbaren Bildersammlung, die ihr Mann geschaffen hatte, in­mitten der Erinnerungen, die sie mit Richard Wagner verbanden, mit der Oper „Tristan und Isolde“, deren Entstehen ohne Mathilde Wesendonck nicht zu denken ist.
Die Straße „In den Zelten“ hat schon ihre Geschichte. Wenn wir 1957 die moderne Kongresshalle sehen, wenn jetzt mit jeder Woche, mit jedem Tag das neue Leben stärker spürbar ist, denkt kaum jemand mehr daran, dass schon der Alte Fritz hier promenierte, dass schon vor mehr als zweihundert Jahren vergnügte Berliner nach den „Zelten“ strebten.
Ich habe sogar den Verdacht, dass selbst alte und sogar uralte Berliner vergessen haben, was noch sehr viel älter ist als eben der älteste Berliner. Oder ist die Redensart doch noch im Schwange, die den Berliner „bis in de Puppen“ laufen lässt, wenn ihn in weiter Ferne ein Vergnügen lockt?

Wir sind schon wieder bei den „Zelten“, nur dieses Mal eben bei den wirklichen „Zelten“ aus geteerter Leinwand, die Schutz vor Regen oder heißer Sonne gaben. Die „Puppen“ waren ja hübsche Marmorfiguren, Bau­meister Wenzel von Knobelsdorff hatte sie am Großen Stern aufgestellt, als er nach 1740 das von Wildgattern umgebene Jagdrevier der Kurfürsten und Könige in einen parkartigen Tiergarten umgestaltete. Aber wegen Knobelsdorffs Puppen lief kein Mensch „bis in de Puppen“ – die marmornen Figuren waren gar nicht so interessant. Interessant war, was rechter Hand an der Spree lag: Eben die richtigen, echten Zelte aus geteerter Leinwand, die vor Regen und Sonne schützten in denen dienst­eifrige Wirte köstliches Bier, duftenden „Coffee“, leckere Kuchen, natürlich auch Wein und Likör und Braten und Suppe bereit hielten. Es gab an Speise und Trank, was der Gaumen nur wünschen mochte. Nur die „Bulette“ gab es nicht, auch das „Kasseler“ fehlte, die Speisekarte verzeichnete auch keine „Wiener Würstchen“ – diese drei Spezialitäten wurden zwar in Berlin erfunden, aber erst im neunzehnten Jahrhundert. Die ersten Zelte aber genehmigte Friedrich II. schon 1745. Zum Vergnügen seiner Berliner, die dann in großen Scharen auch herbei kamen.
Was es aber schon 1745 gab, war „Sieke“, mit welchem etwas schnoddrigen Ausdruck bezeichnet wurde, was feierlich sonst „Musik“ heißt. Es gab reichlich „Sieke“, jedes der Zelte hatte seine Kapelle, und Zelt 1, das einem früheren Seidenweber namens Mourrier gehörte, hatte sogar eine Militärkapelle, und die großen wie die kleinen Berliner waren begeistert über deren „Tambauer“, mit welchem Worte der stockschwingende „Tambour“ gemeint war.

Sehr viel los war damals nicht in des Königs Residenzstadt. Sie zählte zwar nur knapp hunderttausend Einwohner, aber sie war dafür auch sehr klein, um die Wilhelmstraße herum war sie zu Ende, und auch die Wilhelmstraße, mitsamt dem „Quare“, das jetzt Pariser Platz heißt, lag „jottwedeh“, j.w.d., janz weit draußen.
Und die Zelten eben lagen „bis in de Puppen“, weit ab, und für Vatern und Muttern war’s ein langer Weg, weil die „Jören“ doch nicht so schnell laufen konnten. Vater schwitzte auch sehr in dem „Jipsverband“, der weißen Weste, die er als feiner Mann zu tragen pflegte. Mutter tat sich schwer mit dem „Fresskober“, dem Speisekorb, den sie mitschleppte, weil sie den Wirten der Zelte den Verdienst nicht gönnte.
Auch das Schild „Hier können Familien Kaffee kochen“ hing in den Zelten. Nicht gerade in Zelt I, auch nicht in Zelt II, auch nicht in Zelt III.
Haben Sie vielleicht vergessen, dass die Zelte „In den Zelten“ nummeriert waren? Und wenn Sie es noch wissen – haben Sie eine Ahnung, wie viele Zelte es gab? Überschätzen Sie die berühmten Zelte nicht! Lassen Sie sich nicht von einer Erinnerung verführen, die das Romantische noch romantischer, das Köstliche noch köstlicher erscheinen lässt, wie Träume und Erinnerungen das zu tun pflegen.
Die Straße In den Zelten ist und war ja eine kleine Straße. Der Alte Fritz – 1745 war er eigentlich noch ein sehr junger Fritz – hatte nur vier Wirten erlaubt, hier Getränke und Speisen feilzuhalten. Und als die Bomben fast genau zweihundert Jahre später herunterfielen, gab es noch immer nur diese „vier historischen Zelte“ in der Straße In den Zelten. Und nur ein fünftes, das sich „Neues Zelt“ nannte, und trotzdem gar kein „Zelt“ mehr war.
Denn die „Zelten“ hatten zwar die Zeiten überdauert, aber sie waren langsam hölzernen Buden gewichen, an Stelle der Bretterbuden hatten die Gastwirte steinerne Häuser errichtet. Kurz und gut, die „Jejend“ war fein geworden. Die Gewerbefreiheit nach 1848 tat ein übriges: Aber mehr als sieben „Zelte“ aus märkischen Backsteinen hat es nie gegeben, und nur eben vier durften die ehrende Bezeichnung „historisch“ führen.
Zelt Nr. V soll trotzdem nicht vergessen werden. Es gehörte der „Witwe Pauly“, und wenn sonst von ihr und von Zelt V (nicht historisch!) wenig zu erzählen wäre, wollen wir daran erinnern, dass diese wohl tüchtige Frau auf die Idee gekommen ist, im Zoo die „Frühkonzerte“ zu veranstalten.
Weshalb die Witwe Pauly sich für Frühkonzerte im Zoo interessierte? Sie hatte einigen Grund, sich selber und damit den „Zelten“ Konkurrenz zu machen. Die Straße In den Zelten, die von 1745 bis beinahe zur Wende des nächsten Jahrhunderts mit Krolls Etablissement das einzige und jedenfalls das amüsanteste Vergnügungsviertel gewesen war, hatte an Anziehungskraft verloren. Wir wollen ganz objektiv sein: Die Bewohner der Weltstadt Berlin machten sich nicht mehr soviel daraus, ihr Vergnügen am Rande des Tiergartens zu suchen. Was zuvor so weitab, bis in de Puppen, gelegen war, hatten Stadtbahn und Omnibus in zu selbstverständliche Nähe gerückt. Andererseits, auch das ist sachliches Argument, waren die Berliner um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts noch nicht „großstädtisch“ genug, um gerade den Reiz der Nähe empfinden zu können.

Auch das muss gesagt werden, um Glanz und nachfolgenden Niedergang zu verstehen: Als Friedrich der Große die „Zelte“ genehmigte, hatte er eine grandiose Planung städtebaulicher Art bedacht. Der Tiergarten sollte, war seine Absicht, ein Park „innerhalb der Stadt werden! Bis zum Brandenburger Tor, meinte er, werden die Wohnhäuser der Residenz gebaut werden – am Nordrand des neuen Tiergartens müsste ein „ländliches“ Berlin, eine Erholungsstätte entstehen. Fridericus Rex sah die Einheit voraus, in welcher die „Zelten“ städtebaulich so gut einbezogen waren wie die Vorstädte beim Halleschen Tor oder am Alexanderplatz.
Es glückte nicht ganz. Die Gegend blieb zwar noch bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges das köstlichste und aufregendste Vergnügungsviertel – sie blieb trotz Automobil „jottwedeh“ – und sie war, auch als in nächster Nachbarschaft der neue Reichstag gebaut wurde, trotz allem Wahlrecht eine allzu „exklusive“ Gegend geworden.

Man kann darüber nachdenken, was Technik für die Weltgeschichte bedeutet. Es ist sogar amüsant, zu vermerken, dass die Technik selbst über eine so winzige Straße „In den Zelten“ bestimmt. Denn im Jahre 1957 verwirklicht sich, was Friedrich der Große 1745 gewollt, geplant hat: Auf der anderen Seite der Spree entsteht ein Hansa-Viertel! Der Sandweg durch den Tiergarten wurde eine viel befahrene Autostraße. Um den einstigen Exerzierplatz, heute „Platz der Republik“, erheben sich nun die Bauten des Regierungsviertels.
Gewiss, nur wenige hundert Meter weiter, am Brandenburger Tor, gab es die „Sektorengrenze“ und die räumliche Trennung zwischen Ost und West die uns unerträglich ist. Trotzdem! Die Kongresshalle wurde gebaut! Sie steht in der Straße „In den Zelten“ und genau dort, wo von Friedrich II. Zeiten bis zu Wilhelms II. Zeiten die Gegend sehr lebendig war. Das Haus der Kulturen der Welt steht genau dort, wo auch nach 1918 und bis zum Bombenhagel ein „Quartier der vornehmen Lebensfreude“ war, wie Gerhart Hauptmann sagte. Auch, denken wir an die Kroll-Oper, ein Quartier der besten avantgardistischen Musik!
Im Grunde entstand das „Neue“, die mit so vielen ironischen Witzen bedachte Kongresshalle eben dort, wo lang zuvor, schon 1745, sich das „Alte“ bewährt hat. Nur sind heute die Chancen besser. Die lieben, die schönen „Zelten“ liegen nicht mehr „bis in de Puppen“.
Wenn der Hofrat Kremser für die Fahrt vom Brandenburger Tor in die Zelten damals 50 Pfennig in seinem „Kremser“ kassieren ließ, war anderes ja sehr viel billiger. Ein leckeres Kalbsschnitzel kostete im Zelt II genau vierzig Pfennig heutigen Geldes, und für einen ganzen Liter edlen Burgunders nahm der „Zelter“ von Zelt I nicht mehr als 50 Cent jetzigen Wertes.
Wir wollen nicht neidisch sein. Heute ist das alles sehr, sehr viel teurer. Aber der Stundenlohn für einen Handwerker, der um das Jahr 1745 nur 10 und 1860 nur 24 Pfennig betragen hat, liegt heute doch auch um einiges höher. Unverändert blieb nur das leckere Kalbsschnitzel, so gut wie einst ist der Wein, das Bier, trotz wechselnder Jahrgänge, böser und guter Jahre.

Wir wollen keine großen Worte machen: Die Straße In den Zelten hat ja auch andere und sogar ältere Traditionen, sie mögen nicht so schicksalhaft und geschichtsträchtig sein wie hohe Politik – aber es sind eben Traditionen und sogar ältere, sie reichen zurück bis ins Jahr 1745. In der Straße, die heute John-Foster-Dulles-Allee heißt, war seit mehr als zwei Jahrhunderten das zu spüren, was wir den „Pulsschlag“ der deutschen Hauptstadt nennen. Er war langsamer, er war schneller – wie die Zeiten es gaben. Er erlahmte, er hatte aufgehört…

Nehmen wir, ohne detaillierte Historiographie, alles in allem. Mit der Kongresshalle ist der Lebensgeist des anmutigsten Viertels von Berlin wieder erwacht. Hier verbindet sich auch – und das schafft besonderes Vergnügen – mit dem genius loci eine andere, nicht minder traditionsreiche Stätte Berlins. Wer die Kongresshalle in den Zelten besucht, wird dem Restaurant Borchardt aus der Französischen Straße begegnen. In den fünfziger Jahren des vorvorigen Jahrhunderts ist dieses Restaurant eröffnet worden. Bis es 1943 in Trümmer sank, hatte es wohl sämtliche Staatsmänner Europas an seinen Tischen gesehen. Und nun ist auch Borchardt wieder da. In den Zelten kommt – mit allem Gewichtigen und allem Genüsslichen – ein Berlin wieder, das unseren Eltern, Großeltern, Ur- und Urur- und Ururur-Großeltern immer die schönste Stadt der Welt war. Seit 1745, seit mehr als 250 Jahren.

image_pdfimage_print

2 Kommentare zu In den Zelten

  1. Ich habe als Kind zwischen Juni 1942 bis 23 November 1943 in der In den Zelten Strasse 9A gelebt.
    Das Gebeude wurde total abgebrannt zusammen mit dem ganzen Viertel wehrend des 22/23 November 1943 Bombenangriff. Es war eine wunderschoene Gegend.
    Der Tiergarten auf der andere Seite der Strasse hat uns von dem Feuersturm gerettet.
    Ich kam nacher wieder in Oktober 2002, die Strasse gabt es noch aber ohne Gebeude, und nochmals in September 2015. Diesmal gab es keine In den Zelten Strasse mehr. Schade.
    Bitte die Schreibfehler zu entschuldigen.
    Dan Balotescu Washington DC USA

  2. Sehr cooler Artikel!

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*