Nazis ohne Führer

Die NPD hat’s schon schwer. Keiner mag sie, ihr Financier ist tot, ihr Führer schon viel länger und pleite ist sie auch noch. Und nun auch noch das: Ausgerechnet in der Reichshauptstadt hat die Partei des deutschen Wesens keinen Führer mehr. Ihr bisheriger Landes-Chef Jörg Hähnel will nach nur einem Jahr an der Spitze nicht mehr Anführer sein. Und weil kein neuer in Sicht ist, hat die NPD ihren Landesparteitag kurzerhand abgesagt. Also muss Hähnel weitermachen, als kommissarischer Vorsitzender.
Es ist ja nicht so, dass es mittlerweile zu wenig Rechtsextreme gäbe, um eine solche Aufgabe zu übernehmen. Die Gesamtzahl der Faschisten ist in Berlin nicht gesunken. Der Grund ist eher, dass die NPD in der Neonaziszene mittlerweile abgelehnt wird. Dutzende Mitglieder sind dieses Jahr in Berlin ausgetreten, weil sie die Partei nicht mehr unterstützen wollen. Ganze Kreisverbände haben die Partei verlassen, wie der aus Marzahn-Hellersdorf, und haben eigene Gruppen gebildet. Vor allem die offenen Hitler-Anhänger organisieren sich lieber in sogenannten »Freie Kameradschaften«, als in der NPD. Eine davon, der »Sturmbann 24″, ist aus den Ex-NPD-Mitgliedern der Ostbezirke entstanden. Allerdings wurde diese Gruppe im November von Innensenator Körting verboten.
Auch bundesweit hatte die NPD einige Jahre die Strategie, offen agierende Neonazis und »gemäßigtere« Rechtsextremisten zu vereinen. Während die einen Straßenkämpfe und Überfälle organisierten, zogen die anderen in Landes- und Regionalparlamente ein, um dort ihre braune Propaganda zu verbreiten. Und um an Gelder zu kommen. Genauso lief es auch in Berlin, wo NPD’ler in mehreren Bezirksverordneten-Versammlungen sitzen. Dort allerdings arbeiten sie praktisch nicht mehr mit, teilweise sind sie sogar zerstritten.
Die NPD wurde in den vergangenen Jahren immer stärker, weil sie eben die Unterstützung der Kameradschaften hatte. Zahlreiche Gewalttäter und sogar NS-Terroristen wurden nicht nur Mitglied, sondern übernahmen sogar Ämter in der Partei, wie Eckart Bräuniger, der einst im Kroatien-Krieg kämpfte. Vor allem Parteichef Udo Voigt hat die Zusammenarbeit der verschiedenen Nazi-Strömungen vorangetrieben. Es war eine typische Win-win-Situation: Die Partei erhielt Masse und kampfbereite Mitglieder, die NS-Kameraden konnten sich legal organisieren und Geld abgreifen. Das ist nun vorbei, auf bundesweiter Ebene, aber auch in Berlin.
Sicher wird sich die NPD nicht auflösen. Aber die Kameradschaften werden weiter wachsen, autonome Gruppen entstehen, die von Staat schwerer zu beobachten sind. Es sind vor allem diese potenziellen Terroristen, die künftig die Gefährlichkeit der Faschisten ausmachen.
Einen Führer brauchen sie nicht mehr. Und auch die NPD wird ohne einen auskommen, selbst wenn irgendein Hansel als Pappkamerad aufgestellt wird.
Von: Aro Kuhrt
(15. Dezember 2009)
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