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  • Gedanken zur DDR

    Gedanken zur DDR

    In Diskus­sionen zur DDR gibt es eigentlich fast immer nur zwei Meinungen: Dafür oder dagegen. Manche, die den Staat verteidigen, nennen die soziale Sicherheit an erster Stelle und dass es dort (angeblich) keine Faschisten gab und keine Kapitalisten, die die Arbeiter ausplünderten. Die Gegner führen die Überwachung und Repression an, die fehlende Freizügigkeit beim Reisen und dass die Bürger keine Rechtssicherheit hatten. Beide sind in ihren Standpunkten nicht bereit, auch wenigstens Teile der anderen Meinung zuzulassen, was eher einem Glaubensstreit ähnelt, als einer politischen Argumentation.

    Ich selber kenne die DDR von zwei Positionen aus. Kurz nach meiner Geburt wurde die Mauer gebaut, für mich war sie also Normalität und »drüben« lag ein ganz anderes Land. Von meinem Kinderzimmerfenster aus sah ich, wie in diesem anderen Land ein Turm immer höher gebaut wurde, schließlich bekam er noch eine Kugel, das war sehr spannend. Aber es war wie fernsehen, irgendwo anders, unerreichbar.
    Anfang und Mitte der 80er Jahre arbeitete ich in für eine Firma, die auch Künstler aus der DDR betreute. So lernte ich plötzlich die andere Seite kennen. Manchmal hielt ich mich wochenlang dort auf, zwischen Rostock und Zittau lernte ich auch den Lebensalltag kennen. Dieser Alltag unterschied sich zwar an vielen Punkten von dem im Westen, aber im Allgemeinen lief er nicht anders ab. Auch dort gingen die Leute zu ihrem Job, mit dem sie sich nicht identifizierten. Auch dort schimpften sie auf »die da oben«, wenn auch mit größerem Risiko als im Westen. Und auch dort hatten die Leute unerreichbare Träume.
    Die äußeren Verhältnisse waren anders, alles war grauer, wohl weil die Leuchtreklame und die bunten Autos fehlten. Vieles in der DDR der 80er war so, wie es in den 50ern auch in der Bundesrepublik gewesen sein muss. Unfertig, improvisiert, eher funktionell als schön. Aber deshalb nicht schlechter, auch wenn viele im Westen (und leider auch im Osten) es so gesehen haben.
    Das, was an den Zuständen in der DDR kritisiert wurde, gab es natürlich. Schon wer gegenüber eines Polizisten ein zu loses Mundwerk hatte, konnte vorgeladen werden. »Staatsfeind« zu werden, war einfach, in meinem Fall reichte es schon einen Punk nur zu kennen, um dann jahrelang Einreiseverbot zu bekommen.
    Der Alltag war jedoch nicht soviel anders. Es standen nicht an jeder Straßenecke Männer im Trendcoat und mit heruntergezogenem Hut (wobei die meisten Stasis sowieso lieber Windjacken und seltsame Herrenhandtäschchen trugen). Die Überwachung war EIN Teil der DDR-Realität, aber für die meisten Menschen ein sehr kleiner. Wer sich aus kontroversen Diskussionen herausgehalten hat, wer nicht versucht hat die DDR zu verlassen, der hatte keine Repressionen zu befürchten. Das war jedoch in den 60er und 70er Jahren im Westen nicht so viel anders. Weh dem, der sich offen zum Kommunismus bekannte. Tausende von ihnen erhielten Berufsverbot oder wurden auf der Straßen zusammengeknüppelt. Rudolf Augstein wanderte wegen eines einzelnen Spiegel-Artikels monatelang in den Knast, die KPD wurde verboten und im Rahmen der Terroristen-Hysterie 1977 gab es Hunderte illegaler Verhaftungen und Hausdurchsuchungen. Bitte all das nicht vergessen, wenn man einen Vergleich anstellt.

    Viele einstige DDR-Bürger haben das Gefühl, etwas verloren zu haben. Natürlich gibt es den Staat nicht mehr, der sie ja geprägt hat und der ihnen vertraut war, unabhängig davon, wie sie ihn damals erlebt haben. Aber dass heute sogar Leute mit DDR-Emblemen herumlaufen, die damals lieber in den Westen wollten, ist eine der Merkwürdigkeiten, die nur durch solche Kapriolen der Geschichte entstehen können. Viele von sind enttäuscht von dem, was danach kam. Der Westen war schon 1990 kein Schlaraffenland und wer sich damals das Westfernsehen richtigen angeschaut hat, konnte das auch wissen. Seitdem ist es aber schlimmer geworden und viele Menschen legen die Maßstäbe falsch an. Sie vergleichen ihre Situation 1989 in der DDR mit der heutigen, in einer total veränderten Welt. Sicher gab es nach der Wende die Ausplünderung von Ost-Betrieben durch West-Unternehmer, keine Frage. Aber es gab auch die Wirtschaftskrise, erst ab 1990 im gemeinsamen Deutschland und dann einen radikalen Umbruch auf der ganzen Welt. In England oder Spanien sind im Verhältnis prozentual viel mehr Menschen arbeitslos geworden, als in Ost-Deutschland. Und dort gab es keinen Mauerfall, keine Wiedervereinigung. Wer heute der DDR als sozialem Staat hinterhertrauert, ignoriert die damaligen Verhältnisse. Der Staat war absolut pleite, nur noch der Handel mit der Bundesrepublik hielt ihn am Leben. Er wäre schon 1983 bankrott gewesen, hätte es nicht mehrmals Kredite des Klassenfeindes zur Unterstützung gegeben. Die Schuld für den Zusammenbruch der eigenen Wirtschaft also dem »Westen« zu geben, ist dumm.

    Lange Zeit habe ich mich gefragt, wieso durchaus intelligente Bürger der DDR ihren Staat so verteidigen, obwohl sie für Menschenrechte und freies Denken sind. Ich habe dann alte Menschen kennengelernt, die den Aufbau der DDR bewusst miterlebt und sogar mitgestaltet haben. Sie waren teilweise in der Nazizeit inhaftiert, einer sogar im KZ. Für sie war der Aufbau eines antifaschistischen Staats natürlich das beste, was ihnen passieren konnte. Rosel aus Weimar war als junge Frau in einer Gruppe organisiert, die Aktionen gegen die Hitler-Jugend durchgeführt hat. Sie organisierte mit ihren Freunden Lebensmittel für Zwangsarbeiter. Ihr Vater war im KZ ermordet worden, sie selber wurde mehrmals verhaftet. Mit all diesen Erfahrungen war sie natürlich mit voller Kraft dabei, als ein Staat aufgebaut wurde, der so sehr anders sein sollte, als der aus ihrer Kindheit und Jugend. Die vielen Angriffe aus dem Westen im Kalten Krieg bewirkten aber, dass sich die überzeugten Antifaschisten immer weiter in eine Verteidigungshaltung zurückzogen. Wer Fragen stellte, wer eine andere Meinung hatte, war schon bald verdächtig, zur »anderen Seite« zu gehören. Und die andere Seite war die, in denen Alt-Nazis die Wirtschaft dominierten und auch in der Politik hohe Posten bekleideten. Die Gefahr war ja auch real, dass es nochmal zu einem Krieg kommen könnte und die von der anderen Seite gewinnen könnten. Und dazu gehörten auch die alten Faschisten. Also schotteten sich viele linke Demokraten ab in ihrem Staat, sie sahen in Kritikern Staatsfeinde, die den »Imperialisten« in die Hände spielten. Sie waren blind dafür, dass in ihrem eigenen Land erneut eine Diktatur entstand, in der nur eine Partei das Sagen hatte, in dem Presse, Gewerkschaften und alle nichtstaatlichen Organisationen gleichgeschaltet wurden, in dem ein Geheimdienst entstand, der viel größer war und mehr Einfluss hatte, als einst die Gestapo. Die Parallelen wollte man nicht sehen, denn dann hätte man sich eingestehen müssen, dass die Diktatur des Proletariats in Wirklichkeit auch eine Diktatur gegen das Proletariat geworden ist. Und gegen die Demokratie, die nur noch im Staatsnamen bestand und in einer Farce, die sich Wahl nannte. Opposition wurde nicht geduldet, die Demokratie war nur noch eine Illusion. Eines Tages, ungefähr 1992, verfolgte ich die Diskussion zwischen Rosel und einer gleichaltrigen Freundin, die ihr vorwarf, blind für die vielen Missstände in der DDR zu sein. Rosel dagegen hielt dagegen, dass der Westen die DDR kaputt gemacht hätte, dass man sich doch auch gegen Feinde des Staates hatte wehren müssen. Nach einigen Minuten fingen beide an zu weinen, immerhin war die DDR ihr gemeinsames Lebenswerk. Nun war es kaputt, und damit alle Hoffnungen, es nochmal anders zu machen. Später sagte Rosel zu mir, dass sie ja auch all die falschen Dinge gesehen hatte, aber die Angst, die DDR an die Bundesrepublik verlieren zu können, hatte sie das tolerieren lassen.

    Natürlich war die Gründung der DDR als Gegenstück zur Bundesrepublik ein verständlicher und vernünftiger Schritt. Aus einem faschistischen Staat, der zuvor den größten Krieg der Geschichte angezettelt und sechs Millionen Menschen nur wegen ihrer Religion hatte ermorden lassen, aus diesem Staat musste einfach etwas entstehen, das ganz anders als dieser war. Die Angst vor einer Übernahme durch die Alt-Faschisten war vielleicht nicht so irreal, wie es heute scheint. Jedenfalls die individuelle Angst derjenigen, die das neue Land aufbauten. Denn die Bundesrepublik sah sich ja selber als Nachfolger des NS-Staats.
    Dabei gab es aber noch eine ganz andere Kraft, und die war letztendlich auch für das Scheitern der DDR verantwortlich. Die Sowjetunion, die Stalinisten, hatten von Anfang an das Sagen in der DDR. Eine wirklich demokratische Republik hätten sie gar nicht zugelassen, egal wie viele Deutsche das wollten. Damit war vom ersten Tag an klar, dass es nur eine Diktatur werden konnte. Und das bedeutete, dass die Rechte der Menschen in dem Land begrenzt sind und dass sie sich auf Dauer von ihm entfremden. Das änderte sich auch kaum, als die Zügel in den 70er Jahren etwas gelockert wurden und auch der Lebensstandard langsam stieg. Durch das nahe Fenster in den Westen wurde den DDR-Bürgern ständig vor Augen geführt, dass sie noch mehr Freiheiten haben könnten, noch mehr unterschiedliche Käsesorten, weitere Reisen. Doch die Abhängigkeit von der Sowjetunion machte jede positive Entwicklung unmöglich. Die Staatsführung, bestehend aus den alten Männern der Anfangsjahre, war der SU bis zum Schluss hörig, sie verhinderte mehr Freiheiten und wirtschaftliche Weiterentwicklung. Vielleicht hätte die DDR noch eine Chance gehabt, wenn Ende der 70er Jahre andere, offenere Menschen an ihrer Spitze gekommen wären. Leute, die das Recht der Bürger auf eine eigene Meinung ernst genommen hätten und die sich bemüht hätten, die Wirtschaft zu reformieren. Wären die 5-Jahres-Pläne abgeschafft, Privatbetriebe zugelassen und der Handel mit dem westlichen Ausland intensiviert worden, wären die positiven Seiten der DDR, die soziale Absicherung ihrer Bürger, vielleicht finanzierbar gewesen. Wahrscheinlich aber hätte Leonid Breschnew, der große Bruder in Moskau, eine solche Entwicklung nicht zugelassen. Insofern hatte das Land schon damals keine Zukunft mehr.


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    Von: Aro Kuhrt

    (25. Januar 2010)

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    KOMMENTARE:

    1. Tom am 27. Januar 2010 um 13:00 Uhr

      Zitat:«Der Alltag war jedoch nicht soviel anders«. Das kann wohl nur jemand schreiben, der nicht in der DDR aufwuchs, nicht erlebt, wie die tagtägliche politische Überwachung funktionierte, nicht erlebt hat, wie die Stasi den Bruder aus der Wohnung holte. In der BRD gab es kein Bautzen, kein Hoheneck, keine Hilde Benjamin. Nazis gab es in der DDR jede Menge, wenn auch rot lackiert und nicht so prominent wie Hans Globke etc. .

    2. Aro Kuhrt am 27. Januar 2010 um 15:33 Uhr

      Ich habe weder geschrieben, dass es keine Unterdrückung gab, noch dass es keine Nazis gab.

    3. Frank M. am 7. Februar 2010 um 00:51 Uhr

      Die meisten Artikel zu diesem Thema polarisieren sehr, das ist hier anders. Die DDR war nicht eindeutig, so wie auch die Geschichte der BRD nicht so eindeutig zu beurteilen ist. Ich finde den Text sehr interessant.

    4. Polyluxx am 27. Februar 2011 um 12:58 Uhr

      Ich finde auch, dieser Bericht ist nicht wirklich sooo, wie es war.
      Aber man sollte es so stehen lassen, das es von jemanden geschrieben ist, der es eben so als »Außenstehender« miterlebt hat.
      Ich bin kein Befürworter, es gibt auch NICHT NUR Befürworter und Gegner, es gibt auch noch die Mitte. Das ist vielleicht für viele Menschen nicht zu verstehen, entspricht aber der Realität.

      Übrigens, Überwachung hat auch funktioniert, wenn man nichts gemacht hat! Es ist aber passiert. Und dafür gibt es auch keine Logik, noch kann man etwas dazu schreiben. Weil so vieles, auch heutzutage, einfach nicht nachvollziehbar ist!

    5. Martin am 15. April 2012 um 09:58 Uhr

      Guter Text, weil er versucht zu differenzieren und möglichst emotionslos klassifiziert und so die wichtige Erkenntnise herausarbeitet.






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