Steglitzer Konsumorgasmus
Eines der weitverbreitetsten Irrtümer ist der, dass es den Berlinern schlechter geht und sie weniger Geld haben als früher. Anders ist es nicht zu erklären, dass überall in der Stadt neue gigantische Einkaufscenter entstehen. Am Alexanderplatz, wo gerade erst das alte Centrum-Warenhaus vergrößert und veredelt wurde, ein C&A-Kaufhaus eröffnete und eben der Grundstein für ein weiteres Kaufhaus gelegt wurde, entsteht bis zum Herbst das größte Shoppingzentrum Deutschlands, das »Alexa«. Ok, dort kann man noch die Touristen als potenzielle Kundschaft hinzurechnen.
Anders ist es schon am Bahnhof Frankfurter Allee, wo das »Ring-Center« 3 eröffnet, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Nummern 1 und 2.
Warum aber um Himmels Willen die Schlossstraße in Steglitz ein weiteres Center braucht, ist mir völlig unverständlich. Hier entstand an der Hochstraße bereits ein kleines Center. Im letzten Jahr wurde am Rathaus die sogenannte »Schloss-Galerie« eröffnet. Im nördlichen Teil der Straße, am Walther-Schreiber-Platz, kam das alte Hertie-Kaufhaus unter den Hammer, hier entsteht gerade das riesige »Schloss-Straßen-Center« – neben dem Forum Steglitz, das soeben saniert wurde.
Da aber immer noch nicht alle Steglitzer gleichzeitig in einem Einkaufszentrum Platz haben, ist es dringend nötig, dass erweitert wird! Deshalb schließt das nur hundert Meter entfernte Karstadt-Warenhaus und wird mit dem daneben stehenden Kaufhaus Wertheim umgebaut, teilweise abgerissen und zu einem gemeinsamen neuen Komplex ausgebaut, der schließlich 70.000 Quadratmeter Einkaufsfläche haben wird – 15 Prozent mehr als das KaDeWe. Der sogenannte »Berlin Boulevard« kostet 390 Millionen Euro und soll das schickste Einkaufsparadies Berlins werden, mit riesiger Terrasse und Übergang in einen Park.

Für die Steglitzer Schlossstraße ist das mehrteilige, sehr hell geplante Konsummonster sicher ein optischer Gewinn. Die Bewohner der Gegend erwarten jedoch eine »Wertsteigerung«, die Mieterhöhungen nach sich ziehen wird. Daher sind die Gefühle und Erwartungen gemischt. Viele haben jedoch Angst, dass sie sich das Leben in Steglitz oder Friedenau bald nicht mehr leisten können.
Von: Aro Kuhrt
(16. Februar 2007)
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