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  • Paranoia in Lichtenberg

    Das »gesunde Volksempfinden« bricht sich derzeit in Lichtenberg Bahn. Dutzende Menschen gehen auf die Straße oder jammern in Fernsehkameras. Sie beklagen nicht etwa die zahlreichen Gewalttaten von Neonazis in ihrem Stadtteil, sondern die Einrichtung einer Haftanstalt für Freigänger. Dies sind Gefangene, die tagsüber irgend einer Arbeit nachgehen dürfen, abends aber wieder ins Gefängnis zurück müssen. Es sind also keine gefährlichen Kriminellen, vor denen man die Bürger schützen muss.
    Der kürzlich eingerichtete Freigängerknast nahe der Storkower Straße ist nur ein Provisorium für zwei Jahre, während das eigentliche Gefängnis in Lichtenrade saniert wird. In den letzten Jahrzehnten wurde nicht bekannt, dass es dort oder rund um die beiden Freigängerknäste in Spandau eine höhere Kriminalitätsrate gegeben hätte als anderswo.
    Das interessiert aber manchen Lichtenberger Bürger nicht. Dort wird demonstriert. Und nachdem es Anfang dieser Woche ebenfalls in Lichtenberg zur Vergewaltigung eines sechsjährigen Mädchens gekommen war, schlugen die Wellen besonders hoch. Das Verbrechen wurde sofort als Beweis herangezogen, dass nun die Kriminalität steige. Die Zeitung BZ rief auf ihrer Titelseite sogar zur Jagd auf den Täter auf. Wahrscheinlich würden sich gleich einige finden, die ihn erschlagen. Dass die Vergewaltigung von einem Freigänger verübt wurde, ist jedoch nichts als eine Behauptung der Knastgegner. Der Tatort liegt mehr als einen Kilometer vom Gefängnis entfernt und die Polizei sieht keinen Zusammenhang. Das ist aber dem Initiator der Anwohnerproteste, Thorsten Sett-Weigel, egal. Er sagte laut Berliner Zeitung: »Wir gehen davon aus, dass der Vergewaltiger aus dem offenen Vollzug kommt – und zwar so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist. Die Vergewaltigung des Mädchens hätte verhindert werden können!«
    Wenn die Volksseele kocht, dann ist es wohl besser, die eigene Tür zu verrammeln. Ein Strick ist schnell geknüpft und die Frage nach Schuld oder Unschuld stört doch nur, wenn der Pöbel im Blutrausch ist.


    Artikel als PDF

    Von: Aro Kuhrt

    (1. Februar 2008)

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