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  • Gay Cruising Area

    Zu Zeiten als »homosexuelle Handlungen« noch unter Strafe standen gab es für schwule Männer kaum Orte, wo sie Gleichgesinnte kennenlernen konnten. Homo-Bars erlebten zwar von den späten Zwanzigern bis 1933 eine Blüte, doch mit der Machtergreifung der Nazis war damit wieder Schluss. Und auch in den ersten Nachkriegs-Jahrzehnten mussten sich Schwule verstecken, die Nazi-Gesetze gegen sie galten noch bis in die 70er Jahre hinein.

    Um andere Schwule kennenzulernen musste man ausweichen, so »entdeckten« die Berliner Gays den Tiergarten. Das Areal zwischen Siegessäule und Zoo entwickelte sich in den Jahren zu einer Art öffentlichem Treffpunkt, ebenso das Ostberliner Gegenstück im Volkspark Friedrichshain. Hier legten sich im Sommer die Männer auf die sogenannte »Tuntenwiese«, hier wusste Mann: Wer stehenbleibt und guckt, der ist ebenfalls auf der Suche. Die umliegenden Büsche entwickelten sich rasch zum Ort für den schnellen Sex, oft nur spärlich geschützt vor Blicken von außen.
    Solch zügelloses Treiben rief natürlich die staatlichen Sittenwächter auf den Plan, berüchtigt wurden die Razzien im Tiergarten Ende der 70er Jahre, als manchmal Hunderte Polizeibeamte das Areal umstellten, auf dass auch ja kein Bösewicht entkäme.

    Heute sieht der Senat diese schwulen Aktivitäten gelassener, wenn auch nicht gerne. Denn in den Parks lauern auch Gefahren, schon oft gab es Übergriffe von Schwulenhassern auf die sogenannten »Cruiser«. Das Wort ist abgeleitet vom »Cruising«, dem Kreuzen quer durch die Büsche. Allerdings gibt es auch Gegenwehr, schon mehrmals wurden Angreifer von den Cruisern gestellt und zusammengeschlagen oder der Polizei übergeben. Erfahrungen wie in Kopenhagen, wo ein Angreifer sogar vergewaltigt wurde, gibt es in Berlin jedoch noch nicht.
    Die Männer, die hier vor allem den kurzen, schnelles Sex suchen, entsprechen auch gar nicht dem Klischee-Schwulen. Weder sind es Tunten, die in den Parks herumhüpfen, noch stampfen die Lederkerle durchs Gebüsch, auf der Suche nach einem »Opfer«. Meistens sind es ganz normale Männer, die einfach nur schwul sind und die mit ihrer sexuellen Orierentierung nicht nach außen gehen.
    Das »schwule Dreieck« im Tiergarten existiert auch heute noch. Anders als an den übrigen Orten werden trifft man hier auch tagsüber stets schwule Männer, in den Sommermonaten bevölkern manchmal hundert Kerle die Tuntenwiese. Richtig los gehts aber wie bei den anderen »Cruising Areas« erst mit Anbruch der Dunkelheit. Dann sind hier in warmen Sommernächten bis zu 300 Schwule gleichzeitig unterwegs, vor allem die Wege um die Löwenbrücke sind voller halbnackter Männer.

    Ein anderer Ort, ein anderes Bild: Auch der Märchenbrunnen im Friedrichshain ist noch immer Treffpunkt, hier sind es aber mehr junge Schwule, die auf der Pirsch sind. Währenddessen trifft man im Preußenpark zur gleichen Zeit die »härteren« Schwulen, schwarzes Leder, Glatze und Bomberjacken dominieren.
    Neben diesen recht zentralen Orten haben sich noch einige »Kiez Areas« entwickelt. Der Schillerpark im Wedding, der Park an der Neuköllner Thomasstraße, der Kreuzberg, rund um den Müggelsee oder der Ort gleich hinter dem S-Bahnhof Grunewald sind beliebte »Ausflugsziele«. Abzuraten ist aus Sicherheitsgründen vom »Kleinen Tiergarten« an der Turmstraße, da es hier wiederholt zu Überfällen gekommen ist.

    Übrigens sind es nicht nur die sogenannten »Klemmschwestern«, die sich im Gebüsch rumtreiben, sondern der Durchschnitt der schwulen Bevölkerung. Richtig junge Schwule kommen zwar seltener, aber sonst ist die ganze Bandbreite vertreten. Es kann auch durchaus passieren kann, dass man des Nachts mal den eigenen Nachbarn trifft (nicht jeder Ehemann, der eine Stunde zum Zigarettenholen weg bleibt, trifft sich mit einer Frau…).
    Die Cruising Areas ziehen teilweise auch Heteromänner an, die es mal unverbindlich andersrum probieren wollen. Manche Männer sieht man hier jeden Tag, für sie ist der Sex in der geheimen Öffentlichkeit ein Ersatz für andere Gelegenheiten, wenigstens in den Sommermonaten. Andere kommen auch zu zweit, weil sie der Sex in der eigenen Beziehung nicht mehr ausfüllt. Es gibt Voyeure, es gibt die Exhibitionisten, aber vor allem gibt es diejenigen, die einfach nur ein paar schöne Minuten oder Sekunden suchen. Dafür warten sie oft einige Stunden.


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    Von: Aro Kuhrt

    (1. Januar 2005)

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