Ungeliebter Chef

Eben erst hat sich die Belegschaft des Spiegel erfolgreich von ihrem Chef Stefan Aust befreit, da will schon die nächste Redaktion die Trennung: Die Macher der Berliner Zeitung fordern in einem offenen Brief ihren Chefredakteur Josef Depenbrock zum Rücktritt auf. Depenbrock hat diesen Posten seit Mai 2006, seit vorigen Sommer ist er gleichzeitig Geschäftsführer, was aus journalistischem Blickwinkel problematisch ist, weil Redaktion und Verlag nicht mehr sauber getrennt sind. Die Einsetzung von Josef Depenbrock als Chefredakteur erfolgte nach dem Verkauf des Berliner Verlags an die BV Deutsche Zeitungsholding, die zum Mecom-Konzern des Briten David Montgomery gehört. Der Finanzinvestor Montgomery gilt als Heuschrecke, der seine Medienverlage auf Kosten der Angestellten und damit der journalistischen Qualität aussaugt. In seinem Heimatland England wird er auch Rommel genannt, nach dem deutschen Generalfeldmarschall im Zweitel Weltkrieg.
Von Anfang an sahen die Redakteure der Berliner Zeitung Josef Depenbrock als Erfüllungsgehilfen Montgomerys, der vor allem die Einkünfte des Verlags (zu dem auch der Kurier, der tip und netzeitung.de gehören) hochtreiben soll. Seit seiner Einsetzung hat er deswegen einen strikten Sparkurs durchgesetzt, und wie üblich spart man als erstes beim Personal. Zahlreiche frei werdende Stellen in verschiedenen Redaktionen wurden nicht mehr besetzt. Hintergrund ist die von Verleger Montgomery geforderte Renditeerhöhung auf 18 Prozent für das laufende Geschäftsjahr.
Bei einer Redaktionskonferenz am Donnerstag kündigte Depenbrock nun weitere Sparmaßnahmen an. Das war den Redakteuren zu viel: Einige verließen die Konferenz, andere brachen in Tränen aus. Nachmittags trafen sich die Redakteure und setzten einen Brief auf, in dem sie Depenbrock das Misstrauen aussprechen.
»Heute haben Sie einen weiteren Stellenabbau angekündigt«, heißt es in dem Brief an den Chefredakteur. »Das bedeute eine erhebliche Einschränkung der Leistungsfähigkeit der Redaktion.« Die »mehrfach geäußerte Anschauung, die Redaktion lasse sich per Autopilot leiten«, zeige »mangelndes Verständnis der Aufgaben des Chefredakteurs einer Qualitätszeitung«. Auch an Montgomery wurde ein Brief geschrieben, in dem die Redakteure ihn auffordern, einen neuen Käufer für den Verlag zu finden.
Von: Aro Kuhrt
(15. Februar 2008)
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