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  • »Guten Tag, ich bin der Rudolf…«

    U-Bahn»…und ich bin obdachlos«. Wer auch immer in Berlin mit der U- oder S-Bahn fährt, kann ihnen nicht entgehen: Den Schnorrern, Musikanten und Zeitungsverkäufern. Manche von ihnen gehen leise durch den Gang, zeigen einem die Zeitung »Motz« oder »Straßenfeger« und wenn man abwinkt oder nicht reagiert, gehen sie weiter. Doch die sind die Ausnahme. Fast alle kommen in den Zug und warten erstmal ab, bis die Türen geschlossen sind. Offenbar wollen sie nicht, dass ihnen jemand entkommt, da sind sie wie die Fahrscheinkontrolleure, die auch zur Plage werden können.
    Und dann geht es los, meistens in einer Lautstärke, als wollten sie den entgegenkommenden Zug gleich mit beschallen: »Guten Tag, ich bin der Rudolf, bin 25 Jahre alt und obdachlos.« Dann kommen die Standardsprüche, die wirklich jeder Fahrgast schon auswendig dahersagen kann. Trotzdem muss man sie sich eine halbe Minute lang anhören, bis der Verkäufer endlich am Ende angekommen ist und durch den Gang läuft, um die Zeitung zu verkaufen. Manche reagieren freundlich, wenn man mit dem Kopf schüttelt; andere pöbeln, falls sie keine Zeitung loswerden. Noch lauter sind eigentlich nur noch die Musiker, die sich offenbar abgesprochen haben, sich immer genau neben mich zu stellen. Egal ob Gitarre, Trommel oder neulich sogar Trompete – wenn sie anfangen zu spielen, sind Gespräche nicht mehr möglich. Es interessiert sie natürlich nicht, ob man den Krach hören möchte oder nicht, solange es noch irgend jemanden gibt, der sich mit 50 Cent für den Lärm bedankt, werden sie damit niemals aufhören.
    Glücklicherweise fahre ich nicht mehr jeden Tag mit der Bahn. Heute musste ich aber vom Bahnhof Friedrichstraße zum Hansaplatz. Bis zum Bahnhof Zoo (nur vier Stationen entfernt!) schafften es zwei verschiedene Zeitungsverkäufer, die Fahrgäste zu belästigen. Am schlimmsten war es dann aber in der U9. Ich stieg ganz vorn ein und dort saß auf dem Boden ein recht abgerissener Zeitgenosse mit seinem Hund, den er an einer ca. 2 Meter langen Leine hielt. Während der Fahrt fing der Typ an rumzubrüllen, »was kuckst du mich an«, »Votze«, »Arschloch« usw. Fast alle Fahrgäste sahen zu Boden, fühlten sich als Opfer. Sein Hund bellte mit ihm um die Wette, ich war heilfroh, dass ich schon an der nächsten Station wieder aussteigen musste.
    Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Wenn Leute in der Bahn ihre Zeitung in angemessener Lautstärke verkaufen oder mit ihrer Fidel irgendwo stehen, wo man ihnen aus dem Weg gegen kann, habe ich nichts dagegen. Aber Fahrgästen das aufzudrängen, weil sie ja schlecht zwischen den Stationen aus dem Zug springen können, ist nicht zu akzeptieren. Ich gebe Obdachlosen auch gerne einen Euro, auf diese Weise bin ich schon eine Menge Geld losgeworden. Aber nur, wenn sie freundlich und auf angenehme Weise fragen und mich nicht anbrüllen.


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    Von: Aro Kuhrt

    (2. April 2008)

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    KOMMENTARE:

    1. Gudrun am 12. April 2008 um 09:49 Uhr

      Der Blog spricht mir aus dem Herzen. Wir waren vor 14 Tagen in Berlin mit der U-Bahn unterwegs und mir ging es nicht sehr gut. Beim dritten Musiker (Saxophon) hab ich meinen Mann gebeten, den nächsten der kommt, zu erwürgen. Das ist nicht mehr schön, das ist nur lästig wie man dort beschallt wird. Wenn man sich gerade freut, daß man die Sängerin hinter sich hat, steigt zu der hinteren Tür wieder der nächste ein und, wie im Blog beschrieben, man kann ja nicht flüchten.

    2. Fahsing am 15. April 2008 um 09:47 Uhr

      Sehr geehrte Herren! Die Darstellung ist sehr gut beschrieben. Es ist einfach fuerchterlich in den »Oeffentlichen« manchmal. Man wird selbst niedergeschlagen und depressiev. Ich selbst komme aus den Niederlanden und habe mir hier in Berlin eine kleine Wohnung gekauft. Mein Freund und ich nennen Berlin nur noch die Hauptstadt der Bettler. Ich habe auch den Eindruck das alles was im Bundesgebiet aus der Rolle faellt, sich nach Berlin verschlaegt!!
      MIR VERSCHLAEGT ES DEN ATEM!
      K.H. Fahsing

    3. Holger am 14. Juni 2010 um 12:06 Uhr

      Absoluter Quatsch, dass es in anderen Großstädten anders sei. Natürlich nervt es und viele Verkäufer, Musiker oder Bettler können sich weder absprechen noch akzeptieren ein nein. Aber sie verdienen trotzdem. Und einige derjenigen, die am meisten nerven, verdienen auch noch 50 bis 100 Euro am Tag. Wirklich ohne obdacht sind dabei die wenigsten. Ich hatte auch schonmal ein halbes Jahr keine Wohnung, bevor ich nach Berlin gekommen bin. Ich habe auch geklaut, aber da gabs nicht die Möglichkeit zu betteln. War ne Kleinstadt voller spießiger Menschen. Jetzt verkaufe ich auch die Motz. Ist nun die Frage, was euch lieber ist, beklaut zu werden oder angequatscht zu werden, ob man denn nich ne Zeitung kaufen will oder vielleicht ein Paar Cent als Spende über hat. Und dann sollte man sich die Verkäufer genau angucken. Ich bin immer sauber, sage nur Guten, ich verkauf die Straßenzeitung Motz, in der aktuellen Ausgabe lesen sie unter anderem das und jenes, ich würde mich sehr freuen, würden Sie für 1 Euro 20 eine Motz kaufen, ich danke ihnen und wünsche einen schönen tag (schönes Wochenende, schönen Sonntag etc.)… Mir gehen diese Kollegen, die keinerlei Rücksicht nehmen, auch auf die nerven. Wenn ich in ner Bahn war und die steigen hinten ein, treffen wir uns in der Mitte, dann sage ich, hey, da war ich schon. Juckt die Leute aber nicht, die machen trotzdem weiter und nerven die Leute noch mal, wo ich gerade war. Wenn Abteile richtig voll sind, lasse ich es gleich und mal abgesehen von dem Schweiß, den ich entwickele, bei meiner »Tätigkeit« über mehrere Stunden, ist das einzige, was an mir hin und wieder riecht. Ich erzähl auch nix von obdachlosigkeit, weil ich eine Bleibe habe. Aber es gibt viele Gründe warum leute das machen. Schulden, Sucht oder einfach deshalb, weil einem sonst zuhause als Arbeitsloser die Decke auf den Kopf fällt. Bei mir sinds die Schulden… Aber ich tu was dafür. Könnte auch in Privatinsolvenz gehen, aber das kann mir irgendwann mal zum Verhängnis werden. Deshalb mache ich das lieber so. Es tut mir auch leid, das ich manchmal der 2. oder 5. bin, der die Leute am Tag anquatscht. allerings, wenn Leute in der U-Bahn nicht kaufen, aber zumindest reagieren, und sei es nur ein Kopf schütteln, dann lächele ich und sag kurz freundlich okay… Wenn sich Leute entschuldigen, erkläre ich kurz und natürlich freundlich, dass ich Verständnis dafür habe, dass man nicht jeden Tag oder Jedem Geld geben kann. Ich wünschte mir nur, das vielmehr Berliner den Mumm hätten, einfach mal zu sagen, hier war gerade ein Verkäufer drin. Mach ich doch auch wenn ich bspw mit der U7 fahre und wieder mal 3 Kollegen ankommen. Dann sag ich immer, du, ich verkaufe erstens auch und zweitens war vor 4 Stationen und vor 2 Stationen schon andere hier und haben verkauft. Ich weiß nicht ob einige blind sind, aber bei einigen glaub ich, sie sind so dämlich und raffen es gar nicht mehr. Ich habe auch meine Zeiten geändert. Ich habe festgestellt, dass ich auf meiner Linie morgens alleine bin und ich natürlich das ganze Geld von denen kassiere, die sowieso grundsätzlich etwas geben. Nach 3 Stunden bin ich weg und ich muss sagen, dass eigentlich nur 10 Leute von 150 genervt aussehen. Das einzige, was ich ein wenig schade finde, dass Fahrgäste eigentlich nie auf ihre Taschen achten, nur wenn ein Motzverkäufer reinkommt werden die Taschen plötzlich auf den Schoß genommen. Wie doof ist das denn? Gut, es gibt dumme schwarze Schafe, die Zeitung verkaufen und klauen, allerdings ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass irgendwann sonst die Tasche geklaut wird. Und was das mit den Türen angeht… Stehen sie wirklich auf, wenn jemand gleich anfängt zu quatschen? Musiker erkennt man auch gleich und mal im ernst, wenn man aussteigt und in einen anderen Waggon geht, steht man mit Pech dann gleich in dem Waggon, indem der Verkäufer danach seinen Spruch bringt. Und ehrlich gesagt fand ich es amüsant, als das mal bei mir jemand gemacht hat… Und am Ende wäre er fast noch aufs Maul geflogen. Das wir soviele Zeitungsverkäufer haben, liegt am unsozialen Bundesland Berlin. Und an den Wählern. Das es soviele Menschen gibt, die süchtig sind, Schulden haben oder agressiv sind, daran ist der Staat schuld. Seit 30 Jahren wissen selbst CDU-Politiker, durch industriellen Fortschritt wird es nicht mehr für jeden eine Vollbeschäftigung geben, wenn überhauzpt noch Arbeit. Und Unternehmer, die sich den Rachen vollstopfen, und das wir Wähler nicht endlich mal sagen, zu CDU, CSU, FDP, SPD, Grüne, Linke und NPD, ihr habt 60 Jahre lang versagt, von uns kriegt ihr keinen Auftrag mehr, ihr habt 60 Jahre lang versagt. Stattdessen lassen wir es zu, dass sie die Menschen, die nicht das Privileg haben, arbeiten zu dürfen, Knechten, als faul hinstellen und ihnen die finanziellen Mittel immer weiter zusammenstreichen. Würde es für JEDEN ein Grundeinkommen geben, dann würde Kriminalität und Aggresion in der Gesellschaft massiv gemindert. das wären Einsparpotenziale, die man sich gar nicht vorstellen kann. Stattdessen machen sie Lobbyarbeit für die Banker… Und gerade die richtig reichen Schnösel geben selten was. Bis auf wenige Ausnahmen. Ich für meinen Teil, wenn ich Geld im Überfluss und gerade Zeit hätte, würde einem richtig guten Verkäufer anquatschen. dann würde ich sagen, magst du dich kurz setzen? Ich geb dir Geld, mehr als andere hier, ich möchte nur erst wissen, warum du das machst. Würde er mir dann noch richtig anständig erzählen was er macht, würde ich ihm 20 Euro in die Hand drücken und fragen, ob er nicht Lust hätte, noch schnell ne Pizza oder Currywurst mit zu essen und was zu trinken. Hat bei mir auch schon ein herr gemacht. Ich hatte meine 30 Euro voll und hab sofort aufgehört. Ich hab mich mehrmals bedankt. Ich mach das mit der Motz bestimmt nicht zum Spaß und ich entschuldige mich nochmals dafür, dass ich manchmal schon der 4. oder 5. am Tag war oder in Zukunft sein werde… Ich achte schon darauf das ich in nem Zug bin, wo keiner drin war, allerdings wünsche ich mir schon lang, einfach mal den Hinweis zu bekommen, wenn 4 Stationen vorher schon mal jemand drin war… weil dann setze ich 5 Minuten aus und nehme die nächste Bahn. Denn auch mir macht es keinen Spaß, genervte Gesichter zu sehen, geschweige denn, nichts zu verdienen, weil gerade vorher einer meiner teils bekloppten »Kollegen« die ganze Kohle abkassiert hat und zur Not auch noch die Laune der Fahrgäste mit seinem Benehmen mächtig versaut… Ich nehme auch kritische Anmerkungen nicht immer persönlich. Ich bin auch Fahrgast, mit nem Monatsticket und manche nerven mich schon, wenn sie die einzigen sind, die an dem Tag mir was verkaufen wollen. Gestern kam einer an, hat höflich gefragt. Hab ihm erst 20 Cent so gegeben. hatte aber vergessen, im Ullrich Brötchen zu holen. Da bin ich dann noch mal los und traf ihn wieder. Er verkauft eigentlich Zeitungen und meinte, er könne nicht zur Ausgabestelle weil er das Geld fürs Ticket nicht hat. Da hab ich ihm 3 geschenkt. Morgen gibts ne neue Ausgabe, ich hätte sie wohl sowieso nicht mehr komplett verkauft. Es gibt solche und solche, deshalb nicht alles schwarz oder weiß sehen… Was vielleicht hilft sind Beschwerdeanrufe an die Motz…

    4. Aro Kuhrt am 14. Juni 2010 um 13:58 Uhr

      Hallo Holger,
      danke für diesen Kommentar. Allerdings kann ich deine Aussagen
      »Ist nun die Frage, was euch lieber ist, beklaut zu werden oder angequatscht zu werden«
      »Das es soviele Menschen gibt, die süchtig sind, Schulden haben oder agressiv sind, daran ist der Staat schuld.«

      nicht akzeptieren. Aber sei’s drum.
      Ich weiß auch sehr wohl, dass es auch bei den Zeitungsverkäufern sehr unterschiedliche Charaktere gibt, was du ja auch beschreibst. Mir ging es in dem Artikel auch um diejenigen, die sich den anderen Fahrgästen gegenüber rücksichtslos verhalten. Sei es in ihrem Auftreten oder in der Lautstärke. Letztendlich ist es doch wie bei jeder anderen Dienstleistung: Wer freundlich ist, dem nimmt man auch lieber etwas ab als demjenigen, der aggressiv auftritt. Und wie immer bleiben einem die negativen Erfahrungen eher in Erinnerung, als die guten.

    5. Holger am 14. Juni 2010 um 19:05 Uhr

      Absolut richtig. Geht mir ja genau so. Und es war nur mal so ne allgemeine Frage. Leute sind so unvorsichtig und unbedacht. Ich schreib mal noch ne kleine Geschichte über einen Kollegen bei der Motz. Der junge Mann ist zum Jobcenter. Nachdem er zwei Jahre lang ohne Hartz bei Kumpels gewohnt hat, sein Geld mit Straßenzeitungen, also mit der Motz verdient hat. Dann sagte ihm jemand, hey, geh mal zum Jobcenter, du hast Anspruch auf Leistungen. Er gibt einen Antrag ab, da fragt die Mitarbeiterin ihn, wie er denn die letzten Jahre über die Runden gekommen ist? Da antwortete er, er habe Straßenzeitungen verkauft und bei Kumpels gewohnt. Da hat sie gesagt, dass geht nicht, das können Sie nicht machen… Hä? Wie, er kann das nicht machen? Interessiert das Amt doch auch herzlich wenig, wenn ein Jugendlicher kein Geld bekommt, oder ein Empfänger zu 50 % sanktioniert ist. Dann hat sie seine Version noch angezweifelt, da hat er gesagt, und tschüs, und seitdem geht das so weiter…. Oder das man leistung erst am 14. bekommt, weil einer den Datensatz bearbeitet hat und nicht abgelegt hat, also wieder freigegeben. Da rückt man dann persönlich an, das Geld wurde angewiesen, lediglich den Bescheid hab ich vergessen zu schicken, es ist alles in bester Ordnung, hieß es am 31. Mai. Aber kein Geld auf dem Konto. Hmmm. Nächsten Tag angerufen, nein das Geld ist bei uns nicht rausgegangen. Morgen schicken wir es raus, da is es Montag, spätestens Mittwoch da. Freitag noch mal vergewissern, ist das Geld raus? Mitarbeiter, der es nicht für nötig hat, das Gespräch zu protokolieren, sagt, Geld ist raus. Woche darauf Montag, kein Geld, Dienstag nicht, Mittwoch wieder anrufen. Geld nicht raus gegangen. Neu angewiesen, nächste Woche Montag, Dienstag, oder Mittwoch… PRIMA!!! Zwischenzeitlich noch 5 vergebliche Anrufe mit jeweils 5 Minuten Warteschleife auf ner 0180er Nummer und dann doch nicht durchkommen. Und da soll man nicht aggressiv werden? Dazu Öffnungszeiten, die ein Witz sind, telefonisch vereinbarte Termine kann man dank der Security nicht wahrnehmen, weil die ohne schriftliche Einladung ab 12:30 oder noch früher, keine Ahnung, einen nicht mehr reinlassen. ich vergleiche das immer mit dem Haus was Verrückte macht, aus dem Film Asterix erobert Rom!!! Die wollen sogar Gehaltsnachweise für 3 tage Probearbeit, die noch nicht mal in die Zuständigkeit des Jobcenters fällt, weil damals die leistungen woanders herkamen. Und jede simpelste Mitteilung wird missverständlich ausgedrückt, damit man ja viele Fehler macht, und immer im Anhang die Androhung einer Sanktion.





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