mytaxi an Bord

Die Entwicklung in der Vermittlung von Taxifahrten ging in den vergangenen Jahren schnell voran. Bis kurz vor der Jahrhundertwende gab es ausschließlich den Sprachfunk, erste Funkgesellschaften führten Ende der Neunziger eine digitale (Cityfunk) oder eine halbdigitale (Würfel) Vermittlung ein. Dort hatten die Eigentümer die Software noch selbst programmiert. Nachdem der Würfelfunk wie einige andere Firmen “übernommen” wurde, gibt es in Berlin heute nur noch zwei Funkgesellschaften. Die WBT (“Wirtschaftsgenossenschaft Berliner Taxibesitzer”) mit dem grünen Dreieck hat zwar vor zehn Jahren einen Teil ihrer angeschlossenen Taxis mit Digitalfunk ausgestattet, bis heute sind die aber noch die Ausnahme.
Anders bei Taxi Berlin, wo die Wagen unter Labels wie Würfelfunk, TaxiFunk (“Bärchen”), City oder Quality fahren. Jedes Taxi hat ein PDA1 an Bord, über das sich die Fahrer anmelden, worüber sie per GPS geortet werden und auf das sie ihre Aufträge erhalten. Es bietet noch eine Reihe zusätzlicher Services an, wie die Abrechnung von Kreditkarten usw.

So innovativ Taxi Berlin vor zehn Jahren auch gewesen sein mag, irgendwann haben sie die Entwicklung verschlafen. Denn mit der Veröffentlichung des iPhones von Apple war klar, wohin die Reise geht: Fast alles, was mit Kommunikation zu tun hat, kann mit Apps2 realisiert werden. In diese Lücke stieß 2010 das Startup “Intelligent Apps” mit ihrem mytaxi. Jedes Smartphone mit der Software von Apple (iOS) oder Google (Android) kann das nutzen.

Wer ein Taxi benötigt, muss nur den Button in seinem Handydisplay drücken. Das Taxi, das am nächsten ist und die Software nutzt, bekommt den Auftrag. Während der Anfahrt sieht der Fahrgast auf seinem Display, wo sich der bestellte Wagen gerade befindet. Auch der Name des Fahrers sowie die Handynummer werden angezeigt. Da jeder Fahrer im Nachhinein auch bewertet werden kann, sieht man schon bei der Bestellung die durchschnittliche Meinung seiner früheren Fahrgäste. Ich bin übrigens ein 5-Sterne-Kutscher, volle Punktzahl :-) Aber wahrscheinlich sind das fast alle, die ihre Arbeit vernünftig machen.

Auftragsvermittlung

Als Taxifahrer muss man sich erstmal bei mytaxi registrieren und erhält eine persönliche Einweisung in das Programm. Hier in Berlin findet das im Prenzlauer Berg statt, allerdings wird auch eine Schulung per Telefon angeboten. Der Taxi-Unternehmer muss außerdem das Fahrzeug dort registrieren.

Praktisch läuft die Vermittlung so, dass man einen Auftrag angeboten bekommt. Je nach selbst definiertem Radius (z.B. zwei Kilometer) können das manchmal sehr viele Angebote sein. Man hat dann zehn Sekunden Zeit, den Auftrag anzunehmen. Allerdings ist man nicht der Einzige, der das Angebot bekommt. Wer dem Fahrgast am nächsten ist, erhält dann den Auftrag, ebenfalls mit Namen und Handynummer, Anzahl der Fahrgäste und natürlich der Adresse. Wenn man den Auftrag jetzt abbricht, muss man eine Begründung eintippen oder aus einer Liste auswählen.

Bei der Ankunft am Abholort drückt man auf einen Button, dann erhält der Fahrgast eine Nachricht auf sein Display, dass das Auto da ist. Erst wenn er ins Taxi eingestiegen ist und der Fahrer noch zweimal auf einen Button gedrückt hat, ist die Vermittlung zustande gekommen und wird berechnet. Jede Vermittlung kostet 94 Cent. Nach Abschluss der Fahrt wird das nochmal per Klick bestätigt und man kann neue Fahrgäste suchen.

Das ganze Handling ist leicht zu lernen, und doch gibt es nicht nur positive Punkte. Hier ein kleines Pro & Contra aus Sicht der Fahrer.

POSITIV:

  • Aufträge sind unabhängig vom Funk oder vom Halteplatz.
  • Auf dem Display wird der Standort den Fahrgastes angezeigt, notfalls kann man ihn anrufen.
  • Andere freie Taxis werden angezeigt. So sieht man, ob sich eine Gegend gerade lohnt oder eher nicht.
  • Bewertungssystem für den Fahrer.

NEGATIV:

  • Je nach gewähltem Radius erhält man zu oft Angebote, für die man dann aber keinen Auftrag kriegt. Trotzdem muss man erstmal bestätigen. Zu kleiner Radius bedeutet aber auch weniger Aufträge.
  • Der telefonische Service bei der Zentrale in Hamburg ist schlecht, die Mitarbeiter bisher unfreundlich. Und die Berliner machen leider schon um 18 Uhr Feierabend.
  • Datenschutz existiert kaum, der Fahrgast kriegt nicht nur den Namen des Fahrers, sondern auch die Telefonnummer.
  • Die App ist ein Akku-Killer. Ohne Ladekabel ist der Akku nach etwa zwei Stunden leer.

Die Zahl der durchschnittlichen Umsätze lässt sich schwer sagen, aber das ist bei herkömmlichen Funkaufträgen ja nicht anders. Bei einem 5-tägigen Vergleich habe folgendes Ergebnis erreicht:
Würfelfunk = zehn Aufträge mit 114,20 EUR Umsatz
mytaxi = neun Aufträge mit 93,80 EUR Umsatz

Mittlerweile benutzen auch manche Hotels den Service, innerhalb eines Monats hatte ich drei mytaxi-Aufträge eines Hotels in Mitte, das vorher beim Würfel bestellt hatte.

Reaktionen der Funkgesellschaften

Den etablierten Funkgesellschaften ist damit also eine richtige Konkurrenz herangewachsen. Dass sie das spüren zeigt die wenig souveräne Reaktion des Taxi-Berlin-Chefs Hermann Waldner. In einer E-Mail an die Taxi-Unternehmer behauptet er, dass nur 2,5 Prozent aller Kunden per App bestellen. Außerdem, dass die Mehrzahl der Smartphone-Kunden nach einer kurzen “Spielphase” wieder per Telefon bestellt. Gleichzeitig aber erzählt er stolz, bereits 40.000 Taxen in Europa würden schon die Apps von Taxi Berlin und Taxi.eu nutzen. Und das, obwohl es doch nur eine Spielerei ist?
Dafür rechnet er auch die Zahl der angeschlossenen Wagen, die mytaxi nutzen, auf 500 in allen Städten und Gemeinden herunter (Angabe von mytaxi: 1.700 allein in Berlin, 7.000 bundesweit). Da scheint jemand wirklich ein Problem zu haben.

Natürlich sieht Waldner nun seine Geschäfte durch mytaxi bedroht. Er schreibt, dass ein “massiver Eingriff in das gesamte Geschäftsmodell des bis heute weitgehend selbstständig funktionierende Taxigewerbes geplant ist”. Und dass sich mytaxi “raffiniert die Rosinen aus dem Kuchen picken” will. Das mag ja stimmen, ist aber kein Grund, diesen Dienst nicht zu nutzen. Außerdem kann Waldner bzw. Berlin Taxi nicht von sich behaupten, die Selbstständigkeit des Gewerbes zu fördern: Mit Ausnahme der WBT sind alle vormals eigenständigen Funkgesellschaften übernommen worden. Ob man heute beim Cityfunk, Quatity, Würfel oder Bärchen anruft – man landet immer in der gleichen Zentrale. Damit wird den Fahrgästen eine Vielfalt vorgegaukelt, die gar nicht mehr existiert.

Nicht nur Taxi Berlin, auch die WBT reagierte auf die neue Konkurrenz mit der Einführung einer eigenen App, die man allerdings im App-Markt von Android und Apple vergeblich sucht. Man kann sie offenbar nur von der WBT-Website herunterladen.

Nicht jede Befürchtung der Platzhirsche ist unberechtigt. Bedenklich ist vor allem die Tatsache, wer hinter mytaxi steckt. Die Betreiberfirma “Intelligent Apps” wird zum Großteil von der Telekom-Tochter T-Ventures sowie Mercedes finanziert. Diese bauen derzeit den Mietwagenservice Car2go  auf. Es ist angeblich geplant, dass mytaxi-Kunden über die App auch einen Mietwagen finden können, ähnlich wie es bisher schon mit  den Mietfahrrädern der Deutschen Bahn funktioniert. Damit würde nicht nur den Funkgesellschaften, sondern dem Taxigewerbe als Ganzes eine neue Konkurrenz erwachsen.

mytaxi nutzen oder nicht?

Aus Sicht des Fahrgastes kann man die Nutzung dieses Dienstes empfehlen. Vor allem, weil es vermutlich schneller geht, bis das bestellte Auto vor Ort ist, weil es unabhängig von einer Taxihalte geordert wird. Über die Möglichkeit zur Bewertung eines Fahrers kann man sich einer gewissen Qualität sicher sein und sogar bevorzugte Fahrer bestellen.

Taxifahrer haben den Vorteil, dass sie mit mytaxi Aufträge kriegen, an die sie sonst nicht kommen würden. Je nach Verbreitung der Apps in Taxis verschiebt sich die Auftragsmenge jedoch nur, neue Kunden werden dadurch ja nicht gewonnen. Wer es nicht nutzt, wird aber vermutlich weniger haben.

Der Unternehmer zahlt für die Nutzung von mytaxi keine monatliche Gebühr wie bei den Funkgesellschaften. Dafür beträgt der Preis für eine Vermittlung etwa das Doppelte, was aber noch günstiger sein dürfte. Trotzdem gibt es schon jetzt Unternehmer, die die Kosten für die mytaxi-Teilnahme ihren Angestellten aufbürden, die dann die Vermittlungsgebühr selber zahlen müssen. Dass dies die Loyalität der Fahrer nicht fördert, dürfte klar sein. Auch der Fahrer als unterste Stufe der Nahrungskette muss schließlich von irgendwas leben.

Wie geht es weiter?

Man kann davon ausgehen, dass sich die Vermittlung über Apps weiter durchsetzen wird. Auch wenn einige Taxibetriebe berichten, dass ihr Vertrag mit der Funkgesellschaft gekündigt wurde, weil sie mytaxi-Werbung an der Autotür haben. Diese lächerliche Reaktion zeigt, dass Taxi Berlin & Co. nicht begriffen haben, dass es besser wäre, den Service für Fahrgäste und Taxler zu verbessern, anstatt mit der Keule oder mit Lügen zu kontern.
Die Bewertung von Fahrern wird sich durchsetzen, ebenso die Möglichkeit, ihn direkt zu kontaktieren. Und auch die Live-Verfolgung des bestellten Wagens. Eine Funkgesellschaft braucht man dafür nicht.  Am Ende ist es der Kunde, der entscheidet. Da hilft kein beleidigt sein und kein Ignorieren der Entwicklung.

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  1. Kreuzung von Handy und Computer []
  2. Kleine Applikationen für Smartphones []

13 Kommentare zu mytaxi an Bord

  1. Insgesamt gute, durchdachte Analyse.
    Warum aber sollte ich als angestellter Fahrer diese App installieren, wenn mein Chef die fälligen Gebühren pro Fahrt nicht bezahlt?
    Und noch etwas ist mir suspekt:
    Die Vermittlung ist nicht fahrzeug- sondern personengebunden. Rein theorethisch kann ich nach legaler Anmeldung mit meinem privaten PKW durch die Stadt cruisen und Aufträge annehmen. Wenn ich dann Sonderpreise mache, werden sich die negativen Bewertungen schon in Grenzen halten.
    Aber Du hast Recht, die Welt dreht sich weiter.

  2. Dass mit den Gebühren pro Fahrt ist natürlich ärgerlich und fördert eben die Schwarzfahrerei.

    Die Vermittlung ist beim Würfel auch personen- und nicht wagengebunden.
    Aber danke für den Tipp, werde das gleich mal am Wochenende ausprobieren (“ja, es gibt jetzt auch blaue Kleinwagen als Taxis…!”)
    ;-)

  3. Herr Waldner wird beim Aufbau eines Monopols gestört. Das gefällt mich.

  4. Die Vermittlung ist beim Würfel Wagen und Personenbezogen. Und wenn einer auf die Idee kommen sollte, mit einem kleinen klapprigen Franzosen Fahrgäste zu transportieren, käme er damit sicherlich nicht sehr weit. Schliesslich muss ein mytaxi Fahrer ein Kennzeichen eingeben um sich anzumelden. Also Männer nicht immer in die eine Richtung schielen.

  5. @Paule
    Woher weißt du, dass ich einen kleinen klapprigen Franzosen fahre? :-D

  6. Hey, Klaus, auch im KKF-Club?
    Cool :-)

    @ Paule
    Mist, jetzt muss ich nicht nur die Lackierung, sondern auch noch das Kennzeichen andern. Na gut, hab ja ‘ne Woche frei, da sollte das zu schaffen sein…
    ;-)

  7. KKF??
    Kleinenbroicher Karnevals-Freunde?
    Verband katholischer kaufmännischer Frauenjugend?

  8. Kleine klapprige Franzosen!

  9. Während du aber einen BKKF fährst, fahre ich einen RKKF.

  10. Eigentlich ist er gar nicht klapprig. Das ist nur Kapitalisten-Propaganda von meinem Chef, der mir seine Umsätze wegnehmen will
    :-)

  11. Vielleicht meinte er deinen Dienstwagen? *duckundweg*

  12. Als erstes fällt mir mal wieder auf: “Der Fahrer als unterstes Glied in der Nahrungskette” – und doch ist er oder sie es, der die tatsächliche “Produktivleistung” erbringt. Irgendwas läuft da gewaltig falsch in unserer “arbeitsteiligen Gesellschaft”.

    Dann zur Sache: Ich bezweifle stark, dass Mietwagen- oder neudeutsch “Carsharing”-Angebote (wobei das auch noch mal ein kleiner Unterschied ist, zumindest logistisch) eine Konkurrenz zum Taxi darstellen. Ich fahre nie Taxi, hab mir aber neben meinem Privat-PKW (“MKS – Mittlerer Klappriger Slowake” ;-)) auch noch die “Patenschaft” eines solchen Mietwagens aufgebürdet und darf dafür, dass ich ihn betanke und säubere eine gewisse Menge an Stunden im Monat “frei” fahren, d.h. zahle nur den Kilometerbetrag (der so hoch ist, wie Eure “Schaltstufe” im Taxi).
    Erstens, weil selbst Fahren Spaß macht, und Taxikunden wohl eher die sind, die nicht selbst fahren wollen oder können (auf Grund von Intoxikation oder mangels Fahrerlaubnis), und zweitens ist ein Taxi “mal eben schnell gerufen”. Bei den Carsharing-Mietautos muss man immer vorher “buchen”, was bedingt, dass das Auto auch frei ist (bei den Angeboten mit festem Standort) – zugleich muss das Auto dann auch immer an demselben Standort wieder abgestellt werden, d.h. für einfache Strecken ohne Rückweg eignen sich diese Mietwagen nicht, bei anderen Carsharing-Angeboten gibt es die “freie” Abstellung irgendwo im Stadtgebiet (ähnlich, wie es bei den Bahn-Fahrrädern nach dem Alten Modell innerhalb des S-Bahn-Rings war), aber da ist dann wiederum der Nachteil – neben dem höheren Preis – dass man unter Umständen ein Auto, was man ein paar Stunden vorher wo abgestellt hat, dann nicht mehr für eine weitere Fahrt oder den Rückweg zur Verfügung hat, weil es sich jemand anders “genommen” hat – wenn man dann etwas außerhalb ist, muss man wieder erst zum nächsten Auto hinfahren (z.B. mit dem Taxi oder ÖPNV), was das Ganze unpraktisch macht (bzw. wenn man um das zu verhindern das Auto für die ganze Zeit mietet, ist man gleich ein kleines Vermögen los, und ein Taxi hin und zurück wäre billiger gewesen. Alles in allem eignen sich diese Carsharing-Angebote also vor allem, um ein eigenes Auto zu ersetzen (wobei das für mich auch nicht wirklich in Frage kommt, da das Mietauto nicht alle Einsatzszenarien abdeckt).

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