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  • Drei Tage an der Flut

    Drei Tage an der Flut

    August im Jahr 2002: Seit Tagen habe mir ich die Berichte über die Hochwasserkatastrophe im Fernsehen angeschaut – erschüttert, wie wohl die meisten. Anfangs war noch alles wie in einer anderen Welt, bis mir ein guter Freund von seiner Freundin aus Dresden erzählte. Die Familie hatte ein Lokal, das in den Fluten versunken ist. Plötzlich war die Katastrophe nicht mehr weit weg von mir, stattdessen wuchs der Zorn über all die, die nicht halfen – mich selber eingeschlossen. Das Schlüsselerlebnis aber war banaler: Ein Einkauf bei Hertie, ein mitgehörtes Gespräch zweier Frauen, die eine bezeichnete es als Katastrophe, dass ihr teures Kleid bereits nach einem Jahr nicht mehr modern war. Dabei verloren nur 100 Kilometer entfernt die Menschen ihr Zuhause, all ihr Hab und Gut und ihre Arbeit.
    Meine Entscheidung war klar: Am nächsten Tag wollte ich ins Hochwassergebiet um den Menschen zu helfen, die dort unermüdlich gegen das Wasser kämpften. Noch hatte ich ja ein paar Tage Urlaub, die wollte ich nutzen.
    Ein Freund hatte mir schon vorher erzählt, dass er mit dem Technischen Hilfswerk nach Dessau fahren würde, dort wollte ich mit. Doch der Zug war schon abgefahren, früher als geplant. Im Radio sagten sie, dass nun auch Wittenberg bedroht sei, die Stadt, in der Martin Luther einst seine Thesen an die Tür der Schlosskirche genagelt hatte stand unmittelbar als nächstes auf der Liste des Hochwassers.
    Meine Entscheidung für Wittenberg fiel aber auch aus einem anderen Grund: Von allen in Frage kommenden Städten lag sie als einzige östlich der Elbe, also auf der »Berliner Seite«. Da man damit rechnen musste, dass auch die Elbbrücken gesperrt werden, wollte ich nicht plötzlich auf der »falschen« Seite des Flusses stehen. Das Technische Hilfswerk war überall präsent

    Also Wittenberg.

    Am nächsten Tag gings los, von Berlin aus dauert es nur etwas mehr als eine Stunde. Bei der Autobahnabfahrt Coswig/Anhalt überholte mich ein Zug des Technisches Hilfswerks, mit Blaulicht und Martinshorn fuhr der THW die 16 Kilometer in die Stadt. Da ich ein Autos im gleichen Blau fahre, habe ich mich einfach drangehängt, so gings auch über rote Ampeln und durch die Straßensperren in Wittenberg selbst. Dort stellte ich den Wagen an einer etwas höher gelegenen Straße ab, die zur Elbe gewandten Straßen waren bereits überschwemmt. Schon auf der Hinfahrt habe ich über Radio SAW erfahren, wo derzeit in Wittenberg am Deich gearbeitet wird. Pratau, ein am anderen Elbufer gelegener Vorort, mit zwei- bis dreitausend Einwohnern, sollte geschützt werden. Wittenberg liegt beidseitig der Elbe, der größte Teil auf der rechten Seite, also nordöstlich. Von hier aus führt nur eine einzige Brücke zum anderen Ufer, wo noch mehrere Stadtteile und Ortschaften liegen.
    Die Stadt hatte am Bahnhof für freiwillige Helfer einen Anlaufpunkt aufgebaut, doch soweit kam ich nicht mehr. Auf der Straße hielt neben mir ein Jeep, der auf einem Anhänger Sandsäcke geladen hatte. Der Fahrer, ein höchstens 17-jähriger Glatzkopf, nahm mich mit. Er sagte, dass er sich das Auto von seinem Vater »geliehen« hätte, ohne dessen Wissen. Er hätte auch keinen Führerschein, aber die Polizei hatte im Moment auch andere Probleme. Wir fuhren über die 1.800 Meter lange Brücke über’s Wasser, direkt am anderen Ufer liegt Pratau. Der Stadtteil war jedoch von der Feuerwehr abgesperrt, sie schickten uns Richtung Westen. Es ging etwa einen Kilometer weit über eine enge Straße nach Kienberge, einem weiteren Vorort Wittenbergs. Hier musste sich mein Fahrer an eine Schlange verschiedenster Fahrzeuge anstellen: Große Sattelschlepper standen hinter kleinen Lieferwagen, sogar mit Sandsäcken beladene Pkws warteten darauf dass sie ihre Fracht abladen konnten.
    Kienberge sah aus, als läge es direkt an der Elbe. Zwischen dem Ort und dem Fluss lag nur noch der Schutzdamm. Normalerweise aber fließt die Elbe etwa 1,5 Kilometer entfernt, aber bis hier zum Deich hatte sie sich schon geschoben.
    Ich verließ mein Sandtaxi und lief vor zum Deich. In mehreren Reihen standen hier die Helfer, unten, in der Mitte und auf der Deichkrone wurden die Säcke weitergereicht. Ich fand eine bunte Mischung von Menschen vor, die meisten zwischen 20 und 40 Jahre alt, gut gelaunt und voller Zuversicht. Dazwischen Grüppchen von Bundeswehrsoldaten und von Jugendlichen, die anscheinend als Cliquen hergekommen sind. Auch eine Gruppe Pfadfinder aus Thüringen stand am Deich. Dort wo eine etwas größere Lücke war, stellte ich mich rein und war sofort in die Kette eingebunden.
    Sandsäcke sind schwer. Vor allem, wenn die Zeit vergeht und zwischendurch immer wieder mal ein Sack mit doppelter Menge rumgeht. Wer ihn nicht halten kann, lässt ihn fallen, der Deich muss schließlich an allen Stellen verstärkt werden… Ich versuchte in der schrägen Deichwand Halt zu finden, unter mir nur noch Sandsäcke. Wenn ich hochschaute, konnte ich hinten die Altstadt von Wittenberg sehen, die Türme des Doms und der Schlosskirche. Und das Wasser, das höchstens noch 20 cm unter der Deichkrone stand. Der Damm war an dieser Stelle drei bis vier Meter hoch – und nass. Auch die Sandsäcke wurden nach und nach aufgeweicht, das Wasser presste sich vom Fluss aus hinein. Bisher war mir nie wirklich klar, wie so ein Deich funktioniert und warum er brechen kann. Hier habe ich es erfahren: Der Damm besteht ja aus Sand und Erde, bewachsen mit Gras, innen vielleicht auch noch verstärkt. Wenn nun von der Flussseite aus das Wasser ständig dagegen gedrückt wird, dann saugt er sich langsam voll. Der Deich weicht auf und irgendwann bricht er unter dem Druck. Das Legen der Sandsäcke hat also nur den Zweck, die Deichkrone zu erhöhen, damit das Wasser nicht oben rüberfließt. Außerdem sollen die Deiche damit verstärkt werden, doch die paar Tonnen Sand sind nichts gegen die Gewalt eines Stromes.
    Einige Stunden stand ich so am Deich, links von mir ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, rechts eine junge Frau, die ständig davon sprach, dass ihre Mutter weiter bei Pratau hilft, obwohl doch ihr Haus in Kienberge gefährdet ist. Sie erzählte, dass sie die Kellerfenster zugemauert haben und die Eingangstür bis auf 1,5 Meter, es könne also nicht viel passieren. Am nächsten Tag sollte sich zeigen, dass das nicht genug war.
    Die Arbeit war sehr anstrengend, zumal es uns die Sonne mit 30 Grad nicht gerade leicht machte. Aber immer noch besser als Regen, der die Elbe noch weiter anschwellen lassen würde. Zwischendurch gab es immer mal eine kurze Pause, immer wenn einer der Wagen entleert war und der nächste sich bereit stellte. Wir wussten, dass die Zeit drängt, deshalb waren wir nicht auf längere Pausen scharf. Ab und zu gingen einige Flaschen Selters herum, man nahm einen Schluck und gab sie weiter. War sie noch geschlossen, ging sie ebenfalls weiter nach hinten.
    In Minutenabständen kamen die Wagen, ein paar Mann sprangen auf die Ladefläche und sofort geriet die Kette wieder in Bewegung. Von weiter weg sah es sicher aus wie ein Uhrwerk, mechanisch wurden die Säcke weitergereicht.
    Wir waren vielleicht 500 Leute an dieser Stelle, davon etwa 100 junge Soldaten, alles Wehrpflichtige. Sie waren bereits seit Freitag hier, sahen erschöpft aus, aber hatten trotzdem gute Laune. Die hatten wir eigentlich alle, man macht sich die Laune, um sich selbst anzutreiben. Es wäre schlimm, wenn man hier frustrieren würde, denn die Kräfte die man hier braucht bekommt man durch das positive Denken. Allerdings: Zuviel Denken sollte man in dieser Situation auch nicht, denn dann würde man sich bewusst machen, dass dies alles hier nicht viel Sinn hat.
    Dazu kommen Gerüchte und falsche Meldungen wie die, dass der Deich in Pratau gebrochen wäre, was zu diesem Zeitpunkt nicht stimmte. Doch diese Meldungen nagen auch an einem, wenn man nicht weiß, was nun wirklich stimmt.
    Mittlerweile war es dunkel geworden, die Bundeswehr karrte einige Hänger mit Scheinwerferanlagen heran. Plötzlich zogen die Soldaten ab, ohne Erklärung, nur drei von ihnen blieben vor Ort, offenbar um die Scheinwerfer zu bewachen. Der plötzliche Aufbruch der Soldaten hinterließ ein ungutes Gefühl, zumal wir nun viel weniger Helfer waren. Kurz darauf kam die Order, dass wir mit den Arbeiten aufhören sollten, nur die vorhandenen Säcke sollten noch auf den Deich gelegt werden. Die letzten Lkw-Fahrer boten an, die Menschen auf der Ladefläche mitzunehmen, die meisten aber waren aus der Gegend mit dem Fahrrad da oder hatten ein Auto auf dem Feld stehen.
    Ich selber fuhr mit einem Fahrer mit, der nun, um 22 Uhr, bereits 18 Stunden lang unterwegs war, den ganzen Tag schon hatte er Sandsäcke zu den Deichen gefahren. Auf der Straße zurück zur Brücke staute sich dann der Verkehr. Etliche Lkw und Lieferwagen kamen uns entgegen, beladen mit Sandsäcken! Die Fahrer sagten, dass sie von der Bundeswehr zum Damm nach Kienberge geschickt worden seien. Also genau dorthin, wo die Armee gerade die Leute weggeschickt hatte. In uns stieg Wut auf. Die richtete sich nicht gegen die Soldaten vor Ort, aber gegen diejenigen, die den Einsatz hier koordinierten. Es sind Profis, aber sie kriegen es nicht hin, an einem einzigen Deich den Überblick zu behalten.
    Am Ende der Straße, dort wo es zur Brücke hinauf geht, liegt Pratau. Hier standen einige hochrangige Soldaten, die offensichtlich völlig überfordert waren. Sie standen in völligem Kontrast zu den jungen Rekruten, die vorher kraftvoll und optimistisch am Deich gearbeitet haben.
    Da die Soldaten an der Straßensperre nach Pratau keinen Überblick mehr hatten, stieg ich aus dem Lkw und lief zum Deich. Hier waren etwa 20 Feuerwehrleute und circa 10 Freiwillige, die den Deich »sicherten«. Viel war aber nicht mehr zu retten, es war klar, dass es hier bald einen Deichbruch geben würde. Wir konnten den Damm kaum betreten, so weich war er bereits. Trotzdem kamen hier noch vereinzelt Wagen mit Sandsäcken an, die wir weiter auf den Deich legten bzw. warfen, denn betreten konnten wir ihn nicht mehr. Irgendwann gegen Mitternacht passierte dann das, was wir erwartet hatten. Jemand schrie »Deich bricht«, alle rannten ein paar Meter zur Seite, da schoss auch schon das Wasser oben aus der aufbrechenden Dammkrone heraus. Der Riss verbreiterte sich in Sekunden, es war wie ein wildes Tier, das dort durchbrach. Sandsäcke, gerade noch als Befestigung am Deich aufgestapelt, wurden zur Seite gedrückt. Sofort standen wir im Wasser, die Feuerwehr, die Soldaten und wir freiwilligen Helfer liefen in Richtung der Brücke. Neben mir stürzte eine Frau, die zusammen mit ihrem Freund (einem Feuerwehrmann) und mir am Rand des Durchbruchs gestanden hatte. Wir hoben sie aus dem Wasser, in diesem Moment verbreitete sich der Spalt. Die Elbe warf mit Erde und Sandsäcken nach uns, die Frau wurde leicht am Kopf verletzt, ich am Knie und am Handgelenk. Davon merkte ich in diesem Moment jedoch nichts. Zusammen mit den anderen zogen wir uns auf die höhergelegene Zufahrt zur Brücke zurück, wo die Feuerwehr nach Verletzten fragte. Die Frau wurde mit einem Krankenwagen weggefahren. Ich selber hatte für diesen Tag auch genug, außerdem war ich plötzlich sehr müde.
    Ich fragte einen der Feuerwehrleute, ob es eine Schlafmöglichkeit für Auswärtige gibt, aber er konnte mich nur an die Feuerwehrzentrale in Teuchel verweisen. Teuchel ist ein Stadtteil am nördlichen Ende von Wittenberg, also einige Kilometer von hier entfernt. Ein Lkw-Fahrer, der gerade von Kienberge zurückgekommen war, nahm mich mit in die Stadt. Ich war ja noch völlig nass, aber bei dem Wetter war das nicht so schlimm. Nur die Müdigkeit drückte nun auf meine Augen.
    Außerdem wollte ich auch unbedingt wieder über den Fluss rüber, weil dort mein Auto stand und da auch die eigentliche Stadt liegt. Außerdem musste man damit rechnen, dass die Brücke bald gesperrt wird, das Wasser stand bereits bis zur Unterkante. Der Fahrer fuhr mich direkt zu meinen Auto in Wittenberg City, von dort war ich in zehn Minuten bei der Feuerwehrzentrale.
    Allerdings war mir schon beim Eintreffen klar, dass ich mich wohl selbst um einen Schlafplatz kümmern müsste. Die Zentrale bestand neben vielen Gebäuden aus einem großen, hell erleuchteten Platz, auf dem alle paar Minuten Bundeswehr-Hubschrauber ankamen und abhoben. Sie holten dort spezielle Sandsäcke ab, etwa einen Kubikmeter groß, die unten drangehängt wurden. Diese wurden irgendwo zu den Deichen gebracht und dort abgeworfen.
    Ich sah auch noch Dutzende Feuerwehrleute, die alle umherrannten, dazu einige hundert freiwillige Helfer, die Sandsäcke füllten. Aber das hat mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr interessiert, ich wollte nur noch schlafen. Also fuhr ich 500 Meter zurück in ein Wohngebiet. Das Auto stellte ich an den Rand eines Parkplatzes, holte meine Decke raus und legte mich neben das Auto, fast so wie sich ein Hund neben sein Herrchen rollt. Allerdings ließ mich das Erlebte noch mindestens ein Stunde wach liegen.

    Ich dürfte etwa drei Stunden geschlafen haben, als ich gegen sechs Uhr aufwachte. Das erste was ich spürte waren die Schmerzen in meinem Handgelenk und am Knie. Die Hand konnte ich fast nicht bewegen, auch das Knie war kaum zu gebrauchen. So lädiert humpelte ich erstmal ein paar hundert Meter weiter zu einer Tankstelle, um dort drei Tassen Kaffee zu trinken. Am Tag vorher bin ich überhaupt nicht mehr zum Essen gekommen, das machte sich jetzt bemerkbar. Es gab hier frische Schrippen, für die übermüdete und verdreckte Menschen nichts zahlen brauchten – ich muss recht übel ausgesehen haben, denn sie haben mir gleich drei Brötchen hingelegt.
    In der Tankstelle hörte ich die neuesten Nachrichten: Bei Kienberge, dort wo ich als erstes gewesen bin, war der Deich ebenfalls gebrochen, im Ort steht das Wasser 1,80 bis 2,00 Meter hoch. Die Dammbrüche sind aber nicht nur eine Katastrophe für Pratau und Kienberge: insgesamt wurden aus den weiter hinten liegenden Ortschaften mehr als 30.000 Menschen evakuiert, 400-500 Quadratkilometer sollten nun allein durch diese Deichbrüche überschwemmt werden. Ich stand da in der Tankstelle und hätte heulen können, die ganze Arbeit war umsonst. In diesem Moment sagte ein Feuerwehrsprecher im Radio, dass nur durch die Hilfe der Bevölkerung am Deich südlich von Wittenberg die massenweise Evakuierung möglich war. Na gut, es war doch nicht umsonst gewesen, denn wir hatten damit Zeit gewonnen, die gut genutzt wurde. Sie sagten auch, dass insgesamt 5.000 Helfer an dem Deich gewesen waren. Die letzten sind dann beim zweiten Dammbruch nicht mehr rechtzeitig weggekommen. Sie retteten sich auf eine Anhöhe und wurden von dort aus mit Hubschraubern einzeln in Sicherheit geflogen.
    Nach dem ausgiebigen Frühstück bei Aral ging ich zurück in das Wohngebiet, das auf dem Gelände einer ehemaligen Russenkaserne liegt. Am Rand war ein freier Platz und dies war auch der Ort, wo die Sandsäcke für die vielen Helfer auf den Deichen gefüllt wurden. Der Platz war etwa 200 Meter lang und 100 Meter breit und voller Menschen. An zwei großen Sandhaufen wurden die Säcke gefüllt und nach hinten gelegt, an anderen Stellen gab es Menschenketten, die die Fahrzeuge mit den Säcken beluden. Alle paar Minuten kam ein neuer Lkw mit Sand, die Haufen schmolzen aber schnell wieder dahin. Auch hier waren es wieder Lkws und Lieferwagen, die die Sandsäcke aufluden und wegfuhren. Dazwischen immer wieder Pkws mit Hängern, teilweise Kombis, die nur wenige Säcke transportieren können. Selbst ein Motorradfahrer mit Anhänger lud Säcke auf. Die Fahrer der kleinen Fahrzeuge holten vielleicht auch Säcke, um ihr eigenes Haus zu sichern. Zwar war die gesamte Südseite der Elbe im Wasser versunken, aber auch nördlich des Flusses liefen schon Keller voll.
    Ich nahm mir eine herumliegende Schaufel und versuchte trotz der Schmerzen in der Hand beim Säckefüllen zu helfen. Das musste ich aber gleich beim ersten Versuch wieder aufgeben. Da ich mich mit nur einer Hand auch bei einer Kette kaum nützlich machen konnte, stieg ich auf einen der Lkw und nahm mit der anderen Hand die hochgereichten Sandsäcke entgegen und platzierte sie oben auf der Ladefläche. Aber auch das ging aufgrund der Schmerzen im Bein nicht gut. Nachdem ich umständlich heruntergestiegen war wurde ich von einem der Helfer angesprochen, ob ich Schmerzen hätte. Er ist Arzt und tastete meine Hand und das Knie ab. Dann gab er mir die Adresse von einem Krankenhaus in der Stadt, ich sollte mich wegen Verdacht auf ein gebrochenes Handgelenk röntgen lassen. Das Knie hatte nur Prellungen. Er bot sich sogar auf, ich auf dem Fahrrad zum Krankenhaus zu fahren, aber ich konnte ja laufen.
    So machte ich nun eine kurze Stadtbesichtigung. Die Straßen in der Nähe der Elbe waren jetzt auch im Stadtgebiet komplett überschwemmt. Hinter dem Bahnhof standen Fabrikgelände und ein Friedhof unter Wasser, bei einem Hotel und zahlreichen Wohnhäusern wurden gerade Sandsäcke vor Eingangstüren und Kellerfenster gelegt. Das THW versuchte Unterführungen freizupumpen, aber es sah nicht sehr erfolgreich aus.
    Im Krankenhaus ging alles sehr schnell, die Hand war nur verstaucht, man riet mir zur Heimfahrt. Das kam für mich aber nicht infrage, schließlich war ich zum Helfen hier. Also fuhr ich zurück nach Teuchel und sprach einen Feuerwehrmann an, ob er eine Verwendung für einen angeschlagenen Helfer hätte. Nach einem kurzen Gespräch und der Aufnahme meiner Personalien schickte er mich als Einweiser auf das Gelände der Russenkaserne, bei der ich morgens schon gewesen bin. Hier hatte ich nun bis in die Nacht hinein die Aufgabe, zusammen mit einem Feuerwehrmann den reibungslosen Ablauf zu organisieren. Ankommende und abfahrende Lkws mussten durch die Menge geschleust werden, Fahrern von Lieferwagen wurden Adressen genannt wo sie Sandsäcke hinfahren sollten, wir mussten zusehen, dass immer an den richtigen Stelle ausreichend Leute zur Verfügung standen, auch der Nachschub der leeren Sandsäcke musste organisiert werden. Jede Stunde wurde über Funk nachgefragt, ob über die Radiosender weitere Helfer angefordert werden sollten. An »unserem« Platz arbeiteten etwa 200 bis 300 Leute. Dazu gab es noch den Platz direkt bei der Feuerwehr, dort dürften es vielleicht 500 Menschen gewesen sein.
    Und es waren wirklich alle Altersgruppen vertreten. Die Kleinsten brachten die Stapel mit den leeren Säcken dorthin wo sie gebraucht wurden, die Erwachsenen machten eine Menschenkette zum Beladen der Lkws, andere schippten Sand in die Säcke, die ihnen die ganz Alten aufhielten. »Bitte immer nur drei Schippen voll« – ich wusste noch aus eigener Erfahrungen, dass zu schwere Sandsäcke die Arbeit am Deich behindern. Außerdem passen sich halbvolle Säcke besser dem Untergrund an.
    Die Stimmung hier am Platz war sehr gut, trotz der schweren Arbeit wurde viel gelacht, zwischendurch spielte ein alter Mann auf dem Akkordeon. Am Rande des Platzes, unter ein paar Bäumen, gab es eine Verpflegungsstation. Hier konnten die Helfer kostenlos heiße und kalte Getränke bekommen, es wurden belegte Brote, Suppe und Obst angeboten. Am frühen Abend kamen einige junge Leute aus Thüringen, die einen mobilen Würstchenstand aufbauten. Ständig kamen Leute an, die Nahrungsmittel spendeten. Es herrschte eine Stimmung der Solidarität, trotz der schlechten Nachrichten, die immer wieder eintrafen. Aber was hatten wir für eine Wahl? Solange in der Stadt Sandsäcke zum Schutz gebraucht wurden, solange sollten sie auch gefüllt werden. Und es war ja auch nicht vergebens. Diesseits der Elbe wurden schon etliche Häuser durch »unsere« Säcke geschützt.
    Aber es war auch eine Trotzstimmung, bei den Erwachsenen genauso wie unter den Jugendlichen. Also wollten alle der Elbe beweisen, dass sie sie beherrschen könnten. Einige der Jugendlichen sprach ich nach ein paar Stunden an, sie sollten doch mal eine Pause machen. Es war nicht leicht, sie dazu zu überreden, aber manche waren einfach schon zu erschöpft, um ohne Unterlass weiter zu schippen.
    Am späten Abend wurden keine Säcke mehr abtransportiert, die Helfer sollten nur noch Sand abfüllen. So sollte es am frühen Morgen an den Deichen gleich weitergehen können.
    Dann die Meldung, dass in der Umgebung von Wittenberg weitere sieben Deiche gebrochen sind. Die meisten liegen an der Elbe vor der Stadt, einer gehört zu Seegrehna, dem Nachbarort von Kienberge. Damit waren die Elb-Auen den Fluten völlig ausgeliefert. Der Ort Prettin war vollständig vom Wasser eingeschlossen.
    Über ein Autoradio hörten wir Radio SAW, einen regionalen Dudelsender, der nun aber die Flut zu seinem Hauptthema gemacht hat und für viele zur wichtigen Informationsquelle geworden war. Über diesen Sender lief auch die Mobilisierung von Freiwilligen und von hier aus wurde Druck auf die Krisenstäbe gemacht, Informationen sofort zu veröffentlichen. Denn daran hatte es in den letzten Tagen gehapert. Im Radio hörten wir von nun 50.000 Menschen, die südlich von Wittenberg auf der Flucht sind oder evakuiert werden. Eine Verbreiterung des Deichbruchs bei Pratau konnte durch das massive Abwerfen von großen Sandsäcken aus Hubschraubern verhindert werden.

    Nach der nächsten Nacht neben dem Auto war mir klar, dass das mit meiner Hand nicht besser, sondern schlimmer wird. Trotzdem wollte ich noch nicht weg. Bei meinem traditionellen Aral-Kaffee hörte ich im Radio widersprüchliche Informationen: Der Pegelstand der Elbe soll um 28 cm gesunken sein, der sogenannte Scheitelpunkt der Flut sei vorüber. Andererseits erzählten sich Kunden, dass mehrere Chemiebetriebe in der Stadt ihre Produktion eingestellt haben. Das war aber nur ein Gerücht.
    Bis zum späten Nachmittag stand ich wieder auf »meinem« Platz, noch immer wurden Sandsäcke gefüllt und abtransportiert, noch immer beteiligten sich hunderte Menschen daran. Manche sagten, dass sie eigentlich zur Arbeit müssten, aber die Hilfe ist ihnen wichtiger. Die Jugendlichen dagegen brauchen nicht zur Schule: Der Landkreis hatte am Sonntag bekannt gegeben, dass die Ferien um eine Woche verlängert werden.
    Dann wieder neue Nachrichten: Zwei weitere Deiche sind gebrochen. Aber auch die, dass das Wasser langsam zurückgeht. Das könnte jedoch mit dem Deichbruch in Pratau zu tun haben. Durch den Bruch dort und bei Seegrehna waren mittlerweile 600 Quadratkilometer Land vollgelaufen, dieses auslaufende Wasser ließ den Flusspegel sinken.
    Am Ende der Elbbrücke, kurz vor Pratau, hatte sich ein THW-Lastwagen zu weit ins Überschwemmungsgebiet gewagt, die unterspülte Straße ist aufgebrochen und der LKW umgekippt. Mehr erfuhren wir noch nicht, aber wenigstens von Verletzten wurde nichts berichtet.

    Im Laufe des Tages wich die Spannung, das Schlimmste schien vorbei zu sein, oder: es konnte nicht verhindert werden. Ich entschloss mich zur Rückkehr am Abend.
    Dreckig und verschwitzt machte ich mich nochmal auf den Weg: Ich wollte unbedingt noch Dirk besuchen, den ich am Sonntag auf dem Platz kennengelernt hatte. Der junge Mann war mit seinen Eltern und Großeltern am Freitag aus Eutzsch, einem Dorf südlich von Wittenberg evakuiert worden. Die ganze Familie war nun in einer Turnhalle nahe der Feuerwehr untergebracht. Er selber hielt es dort nicht aus, die verzweifelte Stimmung, die Hoffnungslosigkeit, vor allem als nach dem Deichbruch klar war, dass sich die Elbe ihr Haus genommen hat.
    Auf dem Weg zur Halle ging ich noch auf den Schlossturm. Aus ca. 60 Metern Höhe schaute ich in Richtung des Flusses. Aber ich sah nur Wasser, dazwischen Baumkronen und Hausdächer. Das andere Ufer der Elbe war nicht mehr zu sehen, sie war nun etliche Kilometer breit.

    In der Sporthalle fand ich Dirk nicht, stattdessen Dutzende von Schlafstellen, kleine Inseln von Matratzen, von den anderen nur durch einen schmalen Gang getrennt. Intimsphäre gibt es hier nicht. Nur wenige Menschen saßen auf den Matratzen, die Hitze hatte die anderen rausgetrieben, manche machten vielleicht Besorgungen, versuchten Dokumente aufzutreiben oder Bekannte zu finden. Diese Turnhalle ist ein Ort, an dem die Tragik des Geschehens sehr deutlich wurde. Mitten im Raum saß eine sehr alte Frau mit ihrer Tochter, wie sich herausstellte sind sie aus dem gleichen Dorf wie der Mann, den ich besuchen wollte. Die alte Frau war apathisch, sie hatte sich in ihr Schicksal ergeben, ohne sich noch dagegen zu wehren. Man sah, dass sie aufgegeben hatte. Die Jüngere unterhielt sich mit mir, leise, wie in einer Kirche. Sie weinte in ihren Worten, nicht mit Tränen, auch sie konnte nicht begreifen, was passiert war. Sie erzählte mir, dass ihr Sohn Markus versucht, ins Dorf zurückzukehren um irgendwas zu retten. Die Menschen klammern sich an irrationale Hoffnungen, sie wollen sich nicht in ihr Schicksal fügen.
    Was konnte ich noch machen? Ich kam mir schäbig vor, weil ich zurückfahren kann in meine trockene Wohnung in Berlin. Doch hier konnte ich nichts mehr tun, die Dämme sind gebrochen, und das Aufräumen wird Monate und Jahre dauern. Eine Seelsorgerin setzte sich zu uns, aber sie hatte das Gefühl zu stören und ging wieder. Die jüngere Frau wünschte mir viel Glück; ausgerechnet sie, die in dieser Situation war. Ich gab ihr mein letztes Geld das ich noch dabei hatte, eine Geste der Hilflosigkeit.

    Aber die Hilflosigkeit, die war in diesen Tagen das vorherrschende Gefühl. Trotz der Tatkraft und der vielen Solidarität. In solchen Zeiten wechselt die Verzweiflung mit Mut, Menschen brechen zusammen und bäumen sich dann doch wieder auf. Die Stunden hier bei den Opfern der Flut haben mir bewusst gemacht, dass Sicherheit und Unversehrtheit keine Selbstverständlichkeit sind. Ich habe leere Augen gesehen, die eine tiefe Ratlosigkeit ausdrückten und habe Menschen getroffen, die sich um andere gekümmert haben. Wie die Frau, die am Rande des Feuerwehrplatzes einen Mann getröstet hat, der weinend zusammengebrochen war. Eine andere Frau hat ihre Wut gegen den eigenen Mann vor Hunderten von Leuten rausgebrüllt, weil der keine Lust zum Schippen hatte. Eltern haben versucht, ihren kleinen Kindern zu erklären, was eigentlich passiert ist und warum der Fluss plötzlich so gefährlich ist. Es waren drei Tage voll Erfahrungen, Eindrücke und Gefühle. Und zurück blieb eine Erinnerung wie aus einer anderen Welt. Dann begann wieder der Alltag und manche Dinge wurden seitdem viel unwichtiger.

    Fotos: Wittenberg.de


    Artikel als PDF

    Von: Aro Kuhrt

    (14. August 2012)

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    KOMMENTARE:

    1. Bernd K. am 17. August 2012 um 14:16 Uhr

      Meinen höchsten Respekt für deinen Einsatz!
      Ich war damals bei einem Kurzurlaub am Rennsteig zu Fuß und mit Rad unterwegs, wo es nicht sehr viel geregnet hatte und hörte etwas ungläubig aus dem Radio eines Kiosks im Nirgendwo von der Katastrophe.
      (Aber ich habe deinen Bericht schon vor ein paar Monaten mal gelesen, hast du nur das Datum zum Jahrestag geändert?)

    2. Aro Kuhrt am 17. August 2012 um 16:53 Uhr

      Stimmt, gut aufgepasst. Ich hatte ihn 2005 geschrieben und eingestellt, man sieht das auch an der niedrigen Artikelnummer. Nach sieben Jahren wurde auch endlich mal Korrektur gelesen :-) und er hat noch massig Fotos dazu bekommen. Die hat mir 2003 der damalige Bürgermeister zugeschickt, als Dankeschön. Das hat mich richtig gefreut.






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