Netzeitung vor dem Aus
In dieser Woche entscheidet sich das Schicksal der Netzeitung und es ist recht unwahrscheinlich, dass es sie in dieser Form dann noch lange gibt. Das im November 2000 gegründete Online-Magazin hatte seitdem schon mehrere Eigentümer. Der erste Wechsel erfolgte noch in der Aufbauphase, das skandinavische Internet-Portal Spray Network wurde von Lycos Europe übernommen. 2002 folgte der Wechsel zur Fachverlagsgruppe BertelsmannSpringer, im Juni 2005 übernahm das norwegische Verlagshaus Orkla Media die Netzeitung. Zwei Jahre später landete das Projekt schließlich bei der BV Deutsche Zeitungsholding als Neu-Eigentümer Berliner Verlags, der u.a. die »Berliner Zeitung«, den »Berliner Kurier« und das Stadtmagazin »tip« herausbringt. Vielleicht war dies der falsche Schritt, denn diese »Zeitungsholding« zieht derzeit im Berliner Verlag die Schrauben an. Vor allem die Redakteure der Berliner Zeitung merken das, hier wird immer mehr eingespart wahrscheinlich wird die Mitarbeiterzahl hier von 130 auf 90 reduziert. Hintergrund ist, dass hinter der BV Deutsche Zeitungsholding der Medienkonzern Mecom von David Montgomery gehört, einem Mann, bei dem das Attribut »Heuschrecke« sicher zutrifft. Er ist dafür gefürchtet, in ganz Europa Medienfirmen aufzukaufen und sie finanziell auszuquetschen. Sie werden mit Gewalt so lange »saniert«, bis kaum noch jemand übrig ist und die Zeitungen oder Online-Magazine zweistellige Gewinne abwerfen. Dabei bleibt jedoch die journalistische Qualität der betreffenden Projekte auf der Strecke. Genau dies befürchten auch die Mitarbeiter der Berliner Zeitung, die seit 2007 Widerstand gegen die befürchtete Kaputtsanierung leisten, sowie dagegen, dass ihr ein neuer Chefredakteur vorgesetzt wurde, der gleichzeitig als Geschäftsführer die Interessen des Eigentümers vertritt. Die Zeitung bzw. der Verlag soll künftig 18 bis 20 Prozent Gewinn abwerfen, was in der Medienbranche völlig utopisch ist.
Bei der Netzeitung ist Widerstand wohl zu spät: Schon am kommenden Donnerstag wird entschieden, ob es das Projekt weiterhin geben wird oder nicht. Nach dem Umzug der Redaktion ins Verlagshaus an der Karl-Liebknecht-Straße am Alexanderplatz war bereits geplant, einen gemeinsamen Newsroom mit der Berliner Zeitung einzurichtet, dieser Plan wurde bereits vor einigen Tagen verworfen. Ob zusammengekürzt oder ganz eingespart: Die Netzeitung wird künftig wohl nicht mehr als relevantes Online-Magazin existieren können.
[Update, 20.7.2008]
Es geht weiter: Medienmagazin
Von: Aro Kuhrt
(6. Juli 2008)
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