Der Rost der Erinnerung

Die Stadtgegend, die man schnell erreicht, wenn man vom Stadtbahn-Bahnhof Tiergarten die Straße Siegmunds Hof nordwärts geht und über den Wullenwebersteg die geschwungene Spree überquert, ist eine ruhige, gesetzte Gegend. Sie besteht aus Häusern, die die Kriegsbomben stehen gelassen haben und solchen aus einer Zeit, in der man sich um das Schminken des Stadtgesichts keine Mühe gab, sondern zufrieden war, wenn die Wunden verbunden waren.
Die Straßennamen schildern in vielen Fällen nicht die Erinnerungen der Stadt, sondern die historischpolitischen Vorlieben jeweiliger Maßgeblicher. “Synagogenstraße” oder “Straße der Verfolgung” heißt die Levetzowstraße jedenfalls nicht oder die Jagowstraße. So könnten sie heißen; denn die aus der gegenständlichen Wirklichkeit verschwundene Synagoge an dieser Straßenecke war eines der Sammellager, von dem aus Deutsche andere Deutsche zur Ermordung abtransportierten.

An dieser Stelle stehe ich jetzt. An dem Mäuerchen gegenüber der Aral-Tankstelle hängen vier verwelkte Kränze: der rechte mit grün-goldener Schleife von den Bündnisgrünen; die beiden mittleren vom Präsidenten des Abgeordnetenhauses und vom Regierenden Bürgermeister; der linke von der Kleist-Schule, die der leeren Stelle benachbart ist.
Die Synagoge, die hier nicht mehr steht, war gebaut 1912 bis 1914 vom Gemeindearchitekten Johann Hoeninger; gerade vor dem ersten Weltkrieg, dem gegenüber sich die meisten jüdischen Berliner als angepasste Deutsche erwiesen. Die Synagoge war ein mächtiger Bau, fast fünfzig mal fünfzig Meter, die dorischen Säulen überragten die Geschosse bis zum hohen Mansardendach, zur Jagowstraße schlossen sich Gemeinde- und Wohnhaus an; dreischiffiger Innenraum, umlaufende Empore, zweitausendeinhundert Sitzplätze, monumentale Orgel. Nun ist hier ein Kinderspielplatz; er ist an diesem Februar-Freitag gut bespielt; man hat guten Blick auf die Balkone der ocker-braunen Wohnanlage in der Agricolastraße. Von dort konnte man also gut beobachten, wie die Synagoge 1938 brannte, wie 1941 bis 1945 die Juden hier zusammengetrieben wurden, wie das Gotteshaus 1945 zerstört und 1955 abgerissen wurde. Aber natürlich konnte man das von anderer Stelle ebensogut sehen. Es gibt allerdings Aussagen von damaligen Schülerinnen der Kleist-Schule, die gar nichts gesehen haben; andere sagen, die Levetzowstraße sei überhaupt abgesperrt gewesen, man kam angeblich gar nicht an die Synagoge ran. Andere kamen zwar rein, aber konnten nicht helfen. Direkt an dem Kinderspielplatz, so dass die hütenden Mütter sie gut lesen können, steht eine große Tafel aus Cortenstahl, die die Vernichtungstransporte aufzählt; davor ein Güterwagen mit marmornen Kunstsymbolen für die hineingepressten und hineingetriebenen Menschen. Ein umstrittenes Denkmal, steht in dem Handbuch; ein eindrucksvolles Denkmal, denke ich; ein eindrucksvolleres, denke ich dann, wäre die Ruine selbst, wenn man stehen gelassen hätte von der Synagoge, was Nationalsozialismus und Krieg übriggelassen hatten und wenn die Christen mit dem jüdischen Gotteshaus getan hätten, was sie am Breitscheidplatz mit einem zerstörten christlichen Gotteshaus getan haben. Aber die demokratisch gewordenen Christen, die Deutschen haben sich überhaupt wenig Mühe gegeben, die Stätten der Opfer wenigstens als Denkmäler ihrer selbst zu erhalten. Unten, in den Boden eingelassen, ist hier an der Levetzowstraße ein Berliner Synagogenverzeichnis eisern zu lesen; vom Baumeister der Levetzow-Synagoge, kann man daraus auch entnehmen, ist eine andere Synagoge ziemlich vollständig erhalten: es ist die Synagoge in der Rykestraße; ein paar Jahre älter als die Levetzow-Synagoge, von der Straße zurückgesetzt, sich von der allgemeinen deutschen Aufmerksamkeit zurückziehend in einer “Wer-weiß-wer-weiß”-Gesinnung, zu der man hier in der Levetzowstraße kurz vor dem ersten Weltkrieg, vor dem selbst der antisemitische Kaiser “nur noch Deutsche” kannte, keinen Anlass mehr zu haben glaubte.

Zu Füßen der schräg aufragenden rostigen Stahlstele, durch die der Himmel die Daten und Zahlen des Massenmordes anzeigt, liegen die zerbrochenen roten Plastikschälchen, in denen die Lichter der Erinnerung zum letzten Gedenk-Anlass brannten. Kinder spielen die eiserne Rampe hinauf, über die sich die Opfer in der Vorstellung derer bewegen, die den bewegungslosen gefesselten Marmor zu lesen verstehen. Draußen brennen die Synagogen, auch das sind Gotteshäuser, hatte der für solche Sätze sein Leben einsetzende Dompropst Lichtenberg gesagt; ich weiß nicht, ob das in der Erlöserkirche am Ende oder am Anfang der Levetzowstraße auch ein Gottesmann gesagt hat. Ich will es in unser aller Interesse einfach annehmen.
Die Erinnerung und das Gedenken, ohne die das Land nicht besteht, brauchen Gegenständliches; keine Ästhetisierung des Grauens (wie zum Beispiel Stelenfelder, von denen der Bundeskanzler wünschen kann, dass sie schön seien). Die Güterwagen verrosten. Allerdings; die Erinnerung vergeht. Eine Zeitlang treten noch die Erinnerungsrepräsentanten auf; der einzige Kranz von denen dort, der zählt, ist vielleicht der der Kleist-Schule. Die Schule hält die Nachbarschaft aufrecht, die der Wirklichkeit gegenüber allerdings nicht geholfen hat. Nach einer gewissen Zeit ist alles Ploetz.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Sweineglübte

Ich werde in diesem Artikel niemanden outen, keine Geheimnisse verraten. Auch wenn es da ein paar Dinge gibt, für die mich die Schundpresse sicher gut bezahlen würde. Die im Taxi zur Beweissicherung eingebaute Kamera würde sich sehr schnell amortisieren.
Natürlich bin ich der Meinung, dass auch Prominente ein Recht auf Privatsphäre haben. Andererseits könnte man sicher darüber diskutieren, dass Taxis auch öffentliche Orte sind und man sich nicht wundern muss, wenn ein bestimmtes Verhalten dort dann auch öffentlicht bekannt wird. Aber so soll es nicht sein.

Parteifreunde

Oft sind es Politiker, die nach einem langen Tag mit anschließendem Kneipenbesuch im Taxi redselig werden. Ein Mensch aus dem Bundestag erzählte mir mal, “die Juden bestimmen die Politik, sie halten die Fäden in der Hand!” Leider waren wir schon am Ziel angelangt, so dass ich ihn nicht mehr rausschmeißen konnte.
Ein anderer, bis vor wenigen Jahren Funktionär der SPD, fing im Auto an, über die Türken und Araber zu schimpfen. Natürlich hätte er ja nichts gegen Ausländer, aber wenn er jeden Tag durch Neukölln fährt, könne ihm regelmäßig schlecht werden, bei dieser “Saubande”. Leider dürfe man ja nicht, wie es nötig wäre. Mir fehlte in diesem Moment die Lust, nachzufragen, was genau seiner Meinung nach notwendig wäre. Aber ich bin sicher, dass mir die Antwort nicht gefallen hätte.

Gleiche Partei, sehr hoher Funktionär, erst vor ein paar Tagen: Auf dem Weg von einer Veranstaltung zu ihm nach Hause reden wir ein bisschen. Ich frage ihn, ob er ernsthaft glaubt, dass die SPD bei der Wahl im Herbst eine Chance hat. “Eine Chance, völlig abzustürzen? Auf jeden Fall!”, antwortete er zynisch. “Mit diesem Kandidaten und auch mit dem Vorsitzenden kann es nur in eine Richtung gehen, nach unten. Frau Merkel, die macht es richtig. Erst hat sie sich die CDU untertan gemacht und nun kommen auch noch wir dran.”
“Und warum haben Sie nicht verhindert, dass das so kommt? Es ist doch bekannt, wie Steinbrück und Gabriel sind, deren Verhalten ist doch eigentlich keine Überraschung.”
“Da haben Sie recht. Aber Politik, und vor allem Parteipolitik, das hat mit Logik nicht immer was zu tun. Und diese Machtspiele sind wahnsinnig ermüdend.”

Überhaupt Politiker: Drei CSU-Leute, lästern gegen einen anderen. Als der erste ausgestiegen ist, beginnen die beiden gegen ihn herzuziehen, was er doch für ein Weichei wäre. Nachdem wir den zweiten abgesetzt hatten, fing der Letzte an, mir zu erzählen, wie unfähig der wäre. Ich habe das abgeblockt und mir nur gedacht: Parteifreunde sind doch was Schönes…

Gigolo

Die Tanzveranstaltung war zu Ende, draußen stand ein mittelalter Mann im schicken Anzug, umringt von wesentlich älteren Damen. Offenbar schrieb er Autogramme. Dann noch einige Küsschen und er ging schnellen Schrittes zu meinem Taxi.
Auf der Fahrt nach Hause fragte ich ihn, was er denn für eine Berühmtheit sei, dass er Autogramme verteilte. Sein Name sagte mir nichts, auch sein Gesicht kannte ich nicht. Kein Wunder, denn er kommt aus dem Bereich der Volksmusik, was nun wirklich nicht mein Fall ist. Das sagte ich ihm auch und er antwortete, dass er privat auch was anderes hört. Er ist vor allem nicht so auf die Küsschen erpicht, aber in dieser Branche ist alles nur Kulisse, der Schein muss gewahrt bleiben.
“Sie sind schwul?”, fragte ich ihn ganz direkt.
“Ja, aber das wissen nur wenige. Mir wäre es ja egal, früher habe ich sogar offen schwul gelebt. Aber das geht jetzt nicht mehr.”
“Glauben Sie wirklich, die Leute würden Sie dann nicht mehr hören, wenn sie es wüssten?” Ich fand das absurd.
“Das glaube ich nicht nur, ich bin mir sicher. Ich spiele denen eine heile Welt vor und darin haben Schwule oder Lesben keinen Platz. Was glauben Sie, wie manche von denen über Wowereit lästern, nur weil er schwul ist. Selbst noch zehn Jahre nach seinem Coming Out.”
“Also müssen Sie Privat und Geschäft total trennen?”
“Ich würde gerne mit meinem Freund zusammenleben, aber wenn das jemand mitkriegt, wäre es gar nicht gut. Und heutzutage ist immer irgendwo eine Handykamera zur Stelle.”
Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn bedauern soll. Letztendlich ist es aber sein Leben und wenn er das Risiko so hoch einschätzt, muss er auch damit leben.

Lady in Blond

Die prominente Schauspielerin erkannte ich nur, weil der Name bei der Bestellung auf dem Display stand. Sie war schon mehr als angetrunken, setzte sich auf den Beifahrersitz und wollte, dass ich losfuhr. Meine Frage nach dem Fahrziel beantwortete sie nur mit “geradeaus.”
So etwas mache ich nicht, auch nicht bei ihr. Ohne Ziel wird nicht gefahren. Außerdem weigerte sie sich anfangs, sich anzuschnallen. “Ich werde mich über sie beschweren. Sie wissen wohl nicht, wer ich bin!” Stimmt das weiß ich nicht, log ich, nur um sie zu ärgern. Wütend schnallte sie sich an, gab das Fahrtziel an und los ging’s. Die Fahrt verlief dann recht ruhig, bis sie plötzlich anfing, dass ihr Freund ein Arsch wäre, dass sie ihn hassen würde und er es sowieso nicht brächte. “Er macht auf jung und kriegt schon lange kaum noch einen hoch!” So genau wollte ich es nicht unbedingt wissen. Dann legte sie ihre Hand auf meinen Oberschenkel und fragte: “Und Du?”
“Nehmen Sie Ihre Hand da weg!”
“Mein Gott, sind Sie zickig. Seien Sie doch froh, wenn Ihnen mal jemand etwas näher kommt. Sie sind auch nicht gerade ein Adonis.” So deutlich, wie es sich hier liest, sprach sie allerdings nicht mehr.
Ich musste grinsen, denn hätte sie sich jetzt im Spiegel gesehen, wäre es ihr sicher peinlich.  Wenigstens packte sie ihre Hand wieder an den richtigen Platz. Und dann schmollte sie. Plötzlich lallte sie wieder los: “Aber nicht, dass Sie was weitererzählen! Sie wissen schon: Sweineglübte!”
Diese Vorlage ließ ich mir natürlich nicht entgehen. “Ich habe kein Schweinegelübte abgelegt. Und eine Schweigepflicht habe ich auch nicht, falls Sie das meinen. Ich bin nämlich weder Priester noch Arzt.”
“Aber ein Arsch, das sind Sie!” Sprach es, zahlte und wankte in ihr Wohnhaus.




Podcast 112: Haarig

Gedanken über Denker, Haare und dem Philosophie-Chartstürmer Nietzsche. Neuste Infos von der, die, das Geschlechtersprache High-Heel-Stiefeln. Und die Erkenntnis: Neue Wörter braucht das Land!

https://berlinstreet.de/radio/112.mp3
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Freude schöner Götterfunken

Ode an die Freude – Chor ohne Grenzen im Leipziger Hauptbahnhof

 

 




Ich jedenfalls werde Sie nicht vergessen

Von meiner Wohnung am oberen Kurfürstendamm brauche ich mit S4 und U7 – Umsteigen in Neukölln – bis zum U-Bahnhof Blaschkoallee fünfundzwanzig Minuten. Wie schnell man sich in Berlin von einer Stadtempfindung in die andere versetzen kann! Das wundert mich jedesmal wieder. Auf der Fahrt lese ich in dem Weltblatt, dem unser kleines Lokalblatt gehört, das Mittwochsfeuilleton. Iris Murdoch ist gestorben, die englische Schriftstellerin und Philosophin; Alzheimer; schon seit langem wusste sie nicht mehr, was sie geleistet hat; nur das freundliche Lächeln war ihr geblieben, dessentwegen sich vor fast fünfundzwanzig Jahren ihr Mann in sie verliebt hatte. Die Nachricht ergreift mich. Schließlich ist es egal, was wir geleistet haben. Es vergeht. Wie wir selbst. Über uns alle breitet sich das Vergessen, das die Voraussetzung ist für’s neue Erinnern. Blaschkoallee. Ich muss aussteigen, hinauf in die Gegenwart des Fritz-Reuter-Viertels, der Hufeisensiedlung. Der Ausgang des U-Bahnhofs zur Stavenhagener Straße führt aus der Unterwelt der Schnelligkeit in eine Oberwelt sicherer Ruhe. Vor Augen hat man, im überraschenden Gegensatz zur östlichen Seite, an der westlichen Seite der Fritz-Reuter-Allee unmittelbar die “Rote Front”. Wer die Bruno-Taut-Fassaden an der Fritz-Reuter-Allee bisher nur aus Büchern kennt, der sagt sich wirklichkeitserstaunt: … was, was sagt er sich? Kommt er an einem sonnigen Februartag gegen Mittag und die Sonne scheint ihm entgegen, sagt er sich: Das berühmte Rot ist fast schwarz. Rot und Schwarz, Staat und Kirche, Soldaten und Priester, links und rechts. Die Taut-Front legt dicke Assoziationen nahe. Die “Rote Front” demonstriert, provoziert. Vielmehr: Imperfekt! Provozierte vielleicht 1930, als diese Häuser fertig waren, entworfen von Bruno Taut, verantwortet von Martin Wagner, dem Stadtbaurat von Berlin, der im Begriff war, aus der SPD auszutreten, weil sie nicht energisch genug war im Verfolgen des Sozialismus.
Die Siedlung heißt “Hufeisen-Siedlung”, weil Bruno Taut zwischen Fritz-Reuter-Allee und Lowise-Reuter-Ring, um den kleinen Teich eine Häuserreihe im Rund angelegt hat: vor allem aus der Luft sieht das Langhaus mit den blauen Loggien, die den Himmel herunterholen, aus wie ein Hufeisen. Das Hufeisen ist ein Zeichen des Glücks.

Eine junge Mutter zeigt ihrem Zweijährigen inmitten des Hufeisens, auf dem Abhang zum gefrorenen Teich, wie man rodelt. Sie ist so jung, dass sich ihr die Pädagogik schnell zum eigenen Vergnügen verwandelt: “Pass auf!” ruft sie, “Mama kommt angesaust!”
“Tüttüt! Tüttüt!” ruft der Kleine und klatscht in die Hände.
Eine Pelzmütze kommt vorüber, drunter ein mürrisches Gesicht, dahinter zwei superkleine Zwerghündchen im gestrickten Leibchen, die sich kaum trauen die Pfoten auf den eisigen Schnee zu setzen.
“Wie geht’s denn den Kleinen!” ruft die junge Frau den kleinen Abhang herauf, und das Gesicht des Mürrischen erhellt sich. Meines auch. “Gut! Gut!” versichert der Entmürrischte und scheint anzufügen: Wem sollte es nicht gut gehen, der an einem solchen Wintersonnentag, in solcher Stadtgegend von einer lebendigen jungen Frau nach seinem Befinden mit einer Jubelstimme gefragt wird, die von dem eigenen Wohlbefinden sofort ein solidarisches Stück abgibt!

Wenn einer fragte, als wüsste er die verneinende Antwort schon: “Was hat denn der Sozialismus schon geleistet?”, dann könnte man ihn hierher führen. Der Stadtbaurat Martin Wagner war auch als Deutschland vertriebener US-amerikanischer Harvard-Professor noch Sozialist. Vieles war ihm misslungen, manche Vorstellungen waren falsch, aber die Irrtümer waren alle hochherzig, und die Leistungen, die man mit Augen sehen kann, halten stand. Gut! Gut! Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich zu dem Hausanger, der Hüsung heißt, aus dem Hufeisen heraustrete. “Kein Hüsung” heißt ein schwer lesbares Versepos von Fritz Reuter, der in seiner Jugend ein Radikaler gewesen war. Bei Studienrat Hofe am Katharineum in Lübeck mühten wir uns mit dem plattdeutschen Text. Kein Hüsung heißt: Kein Recht zum Hausen, zum Wohnen. Ob es hier viele Leser von Fritz Reuter gibt? Das wäre eine ganz andere Erinnerungsebene: vergebliche Demokratieversuche in der Mitte des 19. Jahrhunderts, gegen Ende ins Idyllische des Endreimgesanges verzogen. Man muss sich nicht daran erinnern. Die Gegend hat eigentlich nichts Mecklenburgisches, Plattdeutsches.
Die Farbigkeit der Reihenhäuser der Onkel-Bräsig-Straße, die mit starkem Leucht-Blau beginnt, ist geschmackvoll und deutlich, allgemein verständlich und sehr gut gelaunt. In Nummer 108 hat Hanno Günther gewohnt, ein mutiger Bäckergeselle, der “Freie Worte” gegen die Nazis gesprochen hat und den die Berliner Justiz dafür enthauptete; eine “Berliner Gedenktafel” aus KPM-Porzellan; wie weit reicht die Erinnerung und das Vorbild? Ein Nachbar von damals bestreitet überhaupt, dass Günther hier gewohnt hat.
Nach einem anderen Reuter-Stück heißt die Dörchläuchtingstraße. Vor den Tautfarben der Häuser und den Gottesfarben des Himmels haben die Birken zu beiden Straßenseiten fast etwas Rührendes. Sie verleihen der Straße einen Hauch von Sanftmut. In Nummer 48 hat Erich Mühsam gewohnt, Apotheker aus Lübeck, anarcho-sozialistischer Schriftsteller, ein sanfter, gutmütiger Mann, heißt es, schon vor der Republik von Weimar verfolgt; von den Nazis (aber was heißt Nazis: es waren deutsche Nachbarn, Mitbürger) in Oranienburg ermordet, man weiß nicht, ob am 10. oder am 11. Juli 1934; Zensl, die Ehefrau, flüchtete in die Sowjetunion, die sie infolge von Erichs Fehlbelehrungen für sozialistisch und frei hielt, Stalin warf sie in Gulags, sie kam davon: Glück gehabt.
Bruno Taut, der Architekt, floh frühzeitig. Martin Wagner, der Stadtbaurat, war, als die Akademie der Künste sich mit Hitler gleichschaltete, einer der wenigen Akademiker, die wirklich Mut zeigten und demokratische Konsequenz. Heinrich Mann, der in dem Vorgang auch eine anständige Rolle spielte, schrieb ihm: “Ich hatte nur eine einfache, kaum erwähnenswerte Handlung begangen … Sie dagegen behaupteten aus ganz freien Stücken ihre Überzeugung. Ihr Beispiel ist selten. Es wird nachwirken, wir wollen es hoffen. Ich jedenfalls werde es nicht vergessen.”

Es ist vergessen. Ich biege in die Onkel-Herse-Straße ein, um das Haus anzuschauen, in dem der staatliche Massenmörder Eichmann gewohnt hat. Nummer 34 (schreibt Günter de Bruyn, der ein Stück weiter unten seine Jugend verbracht und in “Zwischenbilanz” einen nüchternen Text darüber hinterlassen hat, wie es hier war in den 30er/40er Jahren). “Jeder Mensch ist anders”, steht im Mitteilungskasten der Siedlergemeinschaft Fritz Reuter, Ecke Malchiner Straße, durch die ich jetzt zur Parchimer Allee und zur U-Bahn-Station gelange; in zwanzig Minuten bin ich von dort in Kreuzberg, in meinem Büro, vor dem AppleMacintosh, an dem eine Abbildung der Melancolia 1 lehnt, 1514, von Dürer; sie hält ihre Erinnerungswerkzeuge in der Hand, sie blickt untätig ins Nichts, durch’s Stundenglas rinnt der Sand.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Cell phone in Fonzell

Das mit der Sprache ist schon komisch. Zwar gibt es Regeln, darunter aber auch sehr viele Ausnahmen und “Kann-Bestimmungen” – vor allem nach der letzten Rechtschreibreform. Ein bisschen ist es wie die Floskel bei der Partnersuche: “Alles kann, nichts muss.” Dazu bietet die deutsche Sprache viele sogenannte Fälle, die so schöne Realitäten schaffen wie “vollendete Vorgegenwart” und echt lustige Wörter wie Plusquamperfekt.
Besonders schön finde ich die Sprache, wenn ausländische Begriffe integriert werden und dabei Kapriolen schlagen. Immer wieder nett ist der berühmte “Back Shop” (Zurückladen oder Rückengeschäft). Noch immer glauben ja manche, “Handy” wäre ein englischer Begriff, dabei kennt man dieses Wort hauptsächlich im Deutschen. Englischsprachige Menschen sagen Mobile phone, Cellular oder Cell phone. Würde man Cell phone rein phonetisch ins Deutsche zurückübersetzen, käme man schnell auf Telefonzelle.

Diese Telefonzellen sind eh ein interessantes Thema, zumal es nicht mehr viele davon gibt. Vor allem nicht von den alten Häuschen, deren Türen bei rund einem Quadratmeter Grundfläche auch noch nach innen geöffnet wurden. Junge Leute denken heute ja, da konnte man sich früher reinstellen, wenn man bei Regen mit dem Handy telefonieren wollte – sozusagen Cell phone in Fonzell.
Ganz falsch! Diese Zellen dienten vielerlei Zwecken. Sicher – man konnte darin auch telefonieren, vorausgesetzt, der Hörer war nicht abgerissen und der Münzschlitz nicht verklebt. Manchmal musste man lange warten, bis man endlich dran war. Denn viele Jahre über wurden für ein Ortsgespräch nur einmal 10 oder 20 Pfennige verlangt, da nahmen sich viele ausreichend Zeit für ihre Gespräche. Manch einer wartete darin bei Regenwetter genau so lange, bis der Bus kam.

Andere nutzten das Häuschen aber auch als Klo, was umso rätselhafter war, weil sie außerhalb im Gebüsch ihr Geschäft wenigstens nicht so gut sichtbar unter einer Lampe verrichtet hätten. Andererseits gab es in den Zellen durch die Telefonbücher massenhaft Papier.
Die Gerüche in einer Telefonzelle waren oft schrecklich. Ob von Exkrementen oder Erbrochenem (wer geht eigentlich zum Kotzen in eine Telefonzelle?), ob von Zigarettenqualm oder im Sommer vom körperlichen Ausdüstungen, oft konnte man nur bei aufgehaltener Tür telefonieren.

Die gelben Zellen waren aber aufgrund ihrer Enge gerade auch bei pubertierenden Jugendlichen recht beliebt. Wenn man mit der oder dem Angebeteten zu zweit irgendwo anrufen wollte, kam man sich zwangsläufig körperlich näher. Gut war’s, wenn noch ein Dritter dabei war, dann war Körperkontakt unvermeidlich. Man überlegte sich dann schon einige Argumente Ausreden, wieso man unbedingt gemeinsam in eine Zelle musste.

Schließlich dienten viele Exemplare auch zur nicht-persönlichen Kommunikation – wenn auch nicht immer im Sinne der Angerufenen. Ich erinnere mich an bestimmte öffentliche Telefonhäuschen, in denen zahlreiche Nummern an die Wand geschrieben waren, zusammen mit eindeutig sexuellen Angeboten (“Heiße Braut sucht geilen Hengst”). Allerdings waren die dabei stehenden Nummern in Wirklichkeit die von Lehrern oder anderen unbeliebten Leuten.
Glaubwürdiger waren da noch die Sprüche, in denen nur mit Orts- und Zeitangabe nach schwulen Sexpartnern gesucht wurde. Genau diese wurden aber am Schnellsten auch wieder entfernt.
Es gab sogar eine Kommunikation per Telefonbuch: Als ich etwa zehn Jahre alt war, haben wir uns mit unserer “Bande”auf einer bestimmten Seite mit Filzstiften ausgetauscht. Man konnte sich da z.B. verabreden, und wenn alles erledigt war, wurde die Seite rausgerissen. Vor-Handy-Zeiten…

Heute gibt es diese alten Telefonzellen kaum noch. Wenn überhaupt, sind die meisten Münztelefone nur überdacht und haben vielleicht kleine Seitenscheiben. Ungestört ist man darin aber nicht, nicht vor dem Straßenlärm und auch nicht vor ungewollten Zuhörern. Aber die meisten haben ja heute eh ihr eigenes Cell phone.




Abschiebung verhindert

Heute konnte die Abschiebung eines 27-jährigen pakistanischen Flüchtlings am Flughafen Tegel verhindert werden. Etwa 50 Unterstützer hatten sich vor dem Schalter von Air Berlin versammelt, von wo aus der Mann deportiert werden sollte. Mit Transparenten und Sprechchören machten sie auf die deutsche Abschiebepraxis aufmerksam, nach der Asylsuchende oft auch dann in ihr Herkunftsland abgeschoben werden, wenn ihr Leben dort akut bedroht ist. “Abschiebung ist Mord” stand auf einem der Transparente, und leider ist diese Parole nicht übertrieben, denn schon oft wurden diejenigen, die unfreiwillig zurückgeschickt wurden, in ihrer Heimat verhaftet, gefoltert und ermordet.
Heute jedoch konnte die Aschiebung nicht so lautlos durchgezogen werden. Die herbeigerufene Polizei ging sofort mit äußerster Gewalt gegen die Demonstranten vor, prügelte auf sie ein und verletzte mehrere mit Pfefferspray. Sechs Menschen wurden festgenommen, obwohl von ihnen keine Bedrohung ausging und das Bundesverfassungsgericht bereits vor zwei Jahren Proteste auf Flughäfen für legal erklärt hatte.
Aufgrund dieses rabiaten Vorgehens weigerte sich einer der regulären Passagiere,  ein Kanadier, sich auf seinen Platz zu setzen, solange sich ein Abzuschiebender an Bord befindet. Daraufhin wurde die geplante Abschiebung für diesen Tag verhindert und der Flüchtling wieder aus dem Flugzeug geholt.

Selbst wenn in den kommenden Tagen ein erneuter Abschiebeversuch stattfindet, ist es wichtig, dass das alles nicht schweigend vonstatten geht. Für die betroffenen Menschen ist ihre Abschiebung eine Katastrophe, was jedoch die zuständigen Behörden überhaupt nicht interessiert. Für kalte Bürokraten sind diese Menschen nur eine Akte, egal was mit ihnen in der Heimat passiert. Fluggesellschaften wie Air Berlin machen mit den Behördern gemeinsame Sache, daher ist es auch richtig, öffentlich auf diese Praxis hinzuweisen und dagegen zu protestieren.




Abi-Ball

Jetzt war wieder die Zeit der Abi-Bälle. In Hotels, in Konzertsälen oder auch in Läden wie der Moabiter Universal Hall, wo sonst Boxkämpfe stattfinden. Dort stand ich, um eine sehr aufgetakelte, sehr betrunkene Lady nach Hause ins Westend zu fahren. Sie trug ein goldfarbenes Satinkleid, das nicht weit unterhalb des Bauchnabels endete und selbst wenn sie noch in der Lage gewesen wäre, hätte sie damit nachts lieber nicht auf der Straße rumlaufen sollen. Tat sie auch nicht, sondern sie setzte sich zu mir ins Taxi, flüsterte mir lallend ihren Straßennamen ins Ohr und machte es sich dann auf dem kompletten Rücksitz bequem. Am Ziel angekommen stieg sie aus und wankte zur Haustür.
Ich ging ihr hinterher und sagte, dass sie wohl noch was vergessen hätte. “Scheiß Typen, man. Ich hab kein Geld, ey.” Das war mir egal, ihre Fahrt hatte sie zu bezahlen, trotz ihres Schmollmunds und treudoofen Dackelblicks.
Da ich sie nicht ins Haus ließ, ohne dass sie bezahlte, war sie ratlos, klingelte dann aber Sturm. Nach ein, zwei Minuten die genervte Stimme von oben, was denn los sei. “Mama, bring mal Geld runter, für Taxi!” Mama tat’s, Taxifahrer war zufrieden, und Tochter kotzte während des Bezahlens ins Gebüsch. Wenigstens hat sie solange gewartet.

Abi-Bälle sind komisch, jedenfalls ihre Besucher. Sie sind alle um die 18, 19 Jahre alt, brezeln sich jedoch auf, als hätte sie schon die doppelte Zeit hinter sich. Schmale Jungs in Anzügen, die nicht wirklich passen. Mädels in Abendkleidern, in diesem Jahr mit auffallend vielen Turmfrisuren. Sie spielen eine Erwachsenengesellschaft, wie man es sonst eher von Sechsjährigen kennt. Ich finde es unnötig, affig und peinlich. Vielleicht ist es für mich auch nur so befremdlich, weil die Klamotten in so einem Kontrast zu den jungen Gesichtern stehen. Es unterstreicht das Gekünstelte, das offensichtliche Noch-nicht-erwachsen-sein.
Am Liebsten würde ich ihnen sagen, dass sie sich ihre Jugendlichkeit noch bewahren sollen, die verschwindet irgendwann von ganz allein. Und dann beginnen sie plötzlich sich wieder jünger zu stylen. Aber vielleicht wollen sie ja gar keine Jugendlichen mehr sein.




Inkonsequent, unbeweglich, schwer. Subjektiv

Anfahrt mit der U5. Die U5 ist eine Ostberliner U-Bahn wie die U7 eine Westberliner. Die Linien sind in der unbegreiflichen Zeit der Teilung der Stadt entstanden. Wenn ich mit der U5 fahre, habe ich das Gefühl, in einer anderen Stadt zu sein. Am Frankfurter Tor tauche ich ab, am Tierpark komme ich wieder hervor. Hans-Loch-Viertel, sagte man früher zu dieser Stadtgegend. Hans Loch ist jetzt aus der Erinnerung gestrichen. Er gehört zu dem Teil der Geschichte, der nicht mehr gilt.
Ein flaches, leuchtreklamiges Einkaufshaus verändert die Gegend; wahrscheinlich kann man sagen: verbessert sie, macht sie bequemer, jedenfalls wärmer an Tagen wie diesem Februarmontag, an dem der kalte Wind schneidend um die Ecken fährt. Das Wort “Wärmenetz” kommt mir in diesem Zusammenhang fast innerlich vor. Wärmenetzerweiterung betreibt die Bewag im Erieseering. “Bewag Wärme, reine Wärme”, heißt der Werbeslogan, als gäbe es auch Wärme, die unrein ist, Wärme vielleicht, die anderen gestohlen ist, die nun an unserer statt frieren?
Damit überquere ich die Sewanstraße, früher nach Hans Loch genannt, dem Liberaldemokraten, noch früher nach der Vieh-Trift, jetzt eben nach einem See in Armenien: eine lebhafte Autostraße, hinter deren Fluchtlinie die Plattenbauten aus DDR-Zeiten Unter- und Nebenstraßen bilden. Viele der Hochbauten sind renoviert; Blau ist die vorherrschende Erneuerungsfarbe: die metaphysische Farbe, die oft noch etwas anderes bedeutet als Bunt, zum Beispiel Himmel, allgemeines Darüberhinaus, manche halten sie für kühl und wenig herzlich. Das Grau der Splanemann-Siedlung, die nun an der Südostseite der oberen Sewanstraße beginnt, ist zur Zeit überhaupt keine Farbe. Die Splanemann-Siedlung braucht einen neuen Anstrich. Ich bin dafür, dass sie tautsche Farben erhält; vielleicht die Fassaden sanftes Grün, die Fenster umrandet mit vorsichtigen Strichen aus schmalem Rot und Gelb. Die Ursprungsfarbe war Rotbraun, die Fenster weiß abgesetzt. Einen offiziellen Namen hat diese ums Halbrund der Splanemannstraße geordnete Siedlung nicht; nach dem Antifaschisten Splanemann, der in der Nähe gewohnt hatte, bis seine Mitbürger ihn ermordeten, nannte man sie inoffiziell in DDR-Zeiten; aber die Siedlung ist viel älter; Kriegerheimstraße hieß der Rundweg ursprünglich, 1925 geplant von den Architekten Primke und Goettel vor allem für Kriegsbeschädigte; 1926 bis 1930 in veränderter Form gebaut von Martin Wagner, dem berühmten SPD-Stadtbaurat von Berlin. Nicht der städtebauliche Plan jedoch, nicht die Anordnung der ein- bis dreistöckigen Häuser um den kleingärtnerisch genutzten Innenhof, nicht das Stadtrandarrangement an den Kleingartenkolonien, die sich vom Betriebsbahnhof Rummelsburg heraufziehen: nicht dies ist es, was diese Siedlung in die Bücher und in den allerdings ziemlich scheinbaren Denkmalsschutz bringt. Sondern die Materialien und die Baumethode: “Patent Bron”, eine holländische Erfindung: die erste Plattenbausiedlung in Deutschland. Man sieht die Platten ganz deutlich wie sie die Häuser grob gliedern und ihnen eine Mächtigkeit verleihen, der ihre Eigenheimlichkeit nicht gewachsen ist. Die Aktion war ein Fehlschlag. Martin Wagner hatte sich eingebildet, das industrielle Bauen beschleunige und verbillige den Bauprozess; aber damit war’s nichts. Vorfertigung und Montage inkonsequent, Serien zu klein, Platten zu schwer, der Baukran zu unbeweglich. Seitdem, wird behauptet, hat sich der Plattenbau niemals in Deutschland nachhaltig gelohnt, auch in der DDR nicht, auch nicht unter der Bedingung der Verstaatlichung der Bauindustrie, Martin Wagner hatte von einer genossenschaftlichen Bauindustrie geträumt. Indem ich an diesem in den Abend übergehenden grauen Februarnachmittag durch die Splanemannstraße gehe, kann ich also das Gefühl haben, mich an einem gesellschaftlichen Geburtsort zu befinden; mitten in diesem Verfall war ein Anfang. Bestritten von Anfang an, “Widerstand leisten!” hatte die “Bauwelt” schon 1930 gerufen. Das liegt alles ein Dreivierteljahrhundert zurück. War nun der Stadtbaurat geschichtlich erfolgreich oder dieser “Widerstand”? Wer sich aus der Splanemannstraße umsieht in die nördlichen und südlichen Himmelsrichtungen sieht Plattenbauten, die anfangen, wieder frisch auszusehen, mächtiggewachsene Splanemann-Kinder, könnte man sagen, im großen Stadtbau-Bogen um diese Elternsiedlung herumgelegt, aus der man sie sich herausgewachsen denken kann. Anfangs soll es Auseinandersetzungen zwischen den Splanemann-Bewohnern und der Hans-Loch-Bevölkerung gegeben haben. Wirklich?

Mit niedrigen Garagenbaracken endet die Splanemann-Siedlung am Bahndamm. Wenn man durch die Unterführung hindurch ist, auf dem pfützigen schwarzen Weg durch das Datschen-Areal, ist die Stimmung augenblicklich verändert. Die Ruhe der “Kolonie Hochspannung” fasst die Plattensiedlungen hinten und drüben von weitem zusammen und gibt dem Stadtgebiet rasch eine unvermutete Geschlossenheit. Die Hochspannungsleitung verläuft mächtig über die Gärten dahin und auch noch an der Ilsestraße entlang, nach deren östlicher Seite sich um zwei weite Innenhöfe eine dreistöckige Wohnanlage erstreckt, die wenn sie erst den Schmutz der Zeiten los ist – auch selbstbewusster wirken wird als jetzt. Ich gehe den Trampelpfad über den windigen Hof, erreiche die Marksburgstraße, die sich mit der Lisztstraße und der Sangeallee zu einem kleinen Platz zusammenschließt, hinter dem Karlshorst alsbald den geschlossenen Charakter intimer Bürgerlichkeit annimmt. Diese Stadtgegend, durch die ich nun auf der Hentigstraße passiere, die nach einem königlichen Minister heißt, ergänzt sich sozusagen täglich; hier versammeln sich ganz andere Traditionen als oben, woher ich komme; und die S3, mit der ich von Karlshorst bis zum Savignyplatz nach Hause fahre, scheint mir ein ganz anders gestimmtes Verkehrsmittel als die viel jüngere U5 von vorhin. Aber das geht anderen anders. Die Objektivität der Stadt ist ein Kaleidoskop von Subjektivismen.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




“Sternberg – das klingt doch sehr jüdisch”

Ich sollte ihn drei Jahre zum Lehrer haben – und die ganze Zeit über hasste ich ihn! Das lag nicht an seinem Sportunterricht, das lag an Breitenstetter selbst.
Wie er an jenem ersten Tag als unser neuer Klassenlehrer mit dem Klassenbuch in der Hand durch die Bankreihen schritt! Ein stolzer Riese vor jämmerlichen Zwergen. Wie er dabei einen Namen nach dem anderen aufrief! Er wolle sich unsere Gesichter einprägen, erklärte er uns, wir sollten ihn dann später prüfen. Wenn er nämlich einmal zu einem Namen ein Gesicht gesehen habe, vergesse er nie wieder, welcher Name zu welchem Gesicht gehöre.
Das imponierte mir noch.
Dann aber rief er Julian auf – uns stutzte: “Sternberg? Ist das nicht jüdisch?”
Zu jener Zeit war es schon zwei Jahre her, seit die Juden von allen staatlichen Schulen verwiesen worden waren. Jule und ich hatten das nur am Rande mitbekommen und auf diese Weise auch erfahren, das “Juden” wohl doch keine Hunde waren, sondern Menschen, die von den meisten anderen nicht gemocht wurden. Tiefer berührt aber hatte uns das nicht; wir waren ja keine Juden. Und so sagte Jule denn auch voller Überzeugung zu Breitenstetter, dass er nicht jüdisch, sondern evangelisch sein. So stehe es ja auch im Klassenbuch.
“Ja, ja, das steht hier.” Breitenstetter runzelte seine hohe, klare Stirn. “Aber Sternberg – das klingt doch sehr jüdisch.”
Alle in der Klasse hielten den Atem an: Jule – einer von diesen Juden, mit denen keiner etwas zu tun haben wollte? Wenn das stimmte, war das ja jetzt wie im Kriminalfilm; der Hansi Schmidt, unser Klassenbester, ein dicklicher, blonder Junge, der viel Angst von den Lehrern hatte, sich ihnen aber trotzdem irgendwie zugehörig fühlte, meldete sich: “Wie haben Sie denn so schnell gemerkt, dass Julian ein Jude ist?”, fragte er voller Ehrfurcht.
Eine Frage, die Breitenstetter freute. Er befahl Jule, vor die Tafel zu treten, so dicht wie möglich, und dann zeichnete er mit der Kreide seine Kopfform nach. Als er damit fertig war, blickte er sich in der Klasse um, entdeckte mich und befahl mir, mich ebenfalls vor die Tafel zu stellen. Er zeichnete auch die Umrisse meines Kopfes nach und wies mit vielen wissenschaftlichen Argumenten nach, dass ich einen ausladenden Hinterkopf, Julian aber einen nur sehr schwach ausgeprägten Hinterkopf habe. “Der Paul ist ein typischer Arier. Er besitzt einen nordischen Langschädel, graublaue Augen und eine gerade Nase. Dem Sternberg hingegen sieht man sein Untermenschentum schon an der nur wenig ausgeprägten Kopfform an. Außerdem hat er sicher Plattfüße. Stünde nicht zu befürchten, dass seine Füße stinken, würde ich euch das vorführen.”
Fast alle lachten und Breitenstetter schickte Jule und mich auf unsere Plätze zurück. “Es gibt aber noch drei weitere Merkmale, an denen man den Juden erkennt”, fuhr er danach fort. “Erstens: die große, hängende Nase, zweitens: die spitzen Ohren, drittens: die wulstigen Lippen.”
Da kuckten auch alle anderen verblüfft: Julian hatte weder eine große, hängende Nase, noch spitze Ohren oder wulstige Lippen.
Breitenstetter sah uns unsere Ratlosigkeit an und lächtelte großzügig. “Das kann man jetzt noch nicht sehen, da der Jude Sternberg noch ein Kind ist. Später, wenn er größer geworden ist, erkennt man seine Jüdischkeit auf den ersten Blick.”
Das war zu viel, dem musste ich widersprechen. Und so meldete ich mich und sagte, das Julians Eltern aber auch keine eine große, hängende Nase, spitze Ohren oder wulstige Lippen hätten.
Grinsend stellter er sich vor mich hin, der groß gewachsene, breitschultrige Mann, sah voller Spott auf mich herab und fragte, ob ich etwa klüger als die Wissenschaft sein wolle. Den Unterscied zwischen der arischen und der semitischen Rasse hätten schließlich Professoren festgestellt. “Und da kommt nun so ein Dreikäsekoch wie du, der noch nicht mal über seine eigenen Schnürsenkel pinkeln kann, und will alles besser wissen?”
Er wollte, dass die anderen wieder lachen, und wurde prompt bedient. …
Breitenstetter wanderte weiter durch die Reihen und setzte seinen Vortrag fort. Dass Juden viel weniger Gehirnmasse hätten als “Arier”, erzählte er uns, dafür aber sehr geschickte Betrüger seien. “Sie verstehen es, uns zu blenden. Damit wir nicht bemerken, wie sie uns bestehlen.”
Er sagte das, blieb vor Jule stehen und fügte an, dass Julian seine Worte nicht persönlich nehmen solle. Schließlich könne er ja nichts dafür, ein Judenbalg zu sein – so wie ein Schwein oder Affe nichts dafür könne, ein Schwein oder Affe zu sein.
Wieder wurde gelacht, einige grunzten belustigt, andere psuteten die Backen auf, um Affengesichter zu schneiden. Jule liefen währenddessen die Tränen herunter und ich heute vor Wut mit.
Wie der Unterricht zu Ende ging, weiß ich nicht mehr. Doch erinnere ich mich noch sehr genau daran, dass Julian an diesem Tag zum ersten Mal gehänselt wurde. “Julian Juuude”, riefen die Kinder ihm nach Schulschluss nach, “Jüdchen, Jüdchen, ab ins Tütchen!” und “Jude Itzig Lebertran hat im Arsch ‘ne Rodelbahn.”
Ich wollte Julian verteidigen und rief zurück: “Selber Juden!” Ein Beweis dafür, dass ich immer noch nicht so recht verstanden hatte, worum es eigentlich ging; ich hielt die Bezeichnung “Jude” für ein Schimpfwort.
Julian war auch nicht klüger. Und so stellten wir uns an diesem Nachmittag auf einen Stuhl, um im Spiegel über der Küchenwasserleitung unsere Köpfe miteinander zu vergleichen. Ein Lehrer war doch ein Lehrer, der durfte doch keinen Blödsinn erzählen. Größere Unterschiede jedoch konnten wir trotz aller Mühen nicht feststellen. …

Klaus Kordon: “Julians Bruder”




Nicht Flitter und Schminke

In der Wollankstraße sieht man alltäglich, was Wiedervereinigung ist. Oder was die Mauer-Trennung war. Man muss sich nur an einem beliebigen Alltag, zum Beispiel an diesem Nieselregen-Donnerstag im Februar, vorstellen, dass unter der S-Bahn die Wollankstraße von beiden Seiten plötzlich zuende ist. Dass wir uns das haben gefallen lassen, sage ich mir jedesmal wieder, wenn ich hier entlangkomme. Vielleicht ist das ein ganz persönliches Gefühl. Vielleicht lässt es sich verallgemeinern. Vielleicht ist es aber auch ein längst überlebtes Gefühl. Ein alter Mann, denke ich, denkt in Geschichte, weil er eben alt ist und sich mehr mit dem beschäftigt, was hinter ihm liegt, als mit dem, was kommt. Und wenn er in Geschichte denkt – was sich ja als Formel ziemlich großartig anhört -, dann ist er in Wirklichkeit oft nur damit beschäftigt, sein persönliches “Damals wars” zu rekapitulieren.
Nachdem ich an den Häusern des wieder schön goldig geschriebenen “Vaterländischen Bauvereins” in der Weddinger Wollankstraße (Nr.75 bis 80) vorbei und mit der Pankower Wollankstraße in die kurze Schönholzer und die breite Grabbeallee gelangt bin, stehe ich gleich hinter der Panke vor der Wohnanlage des “Beamten-Wohnungs-Vereins”, derentwegen ich heute gekommen bin.

Grabbeallee 14 bis 26. Gebaut 1908 bis 1909. So alt also, sage ich mir, wie meine Mutter, die in Bad Schwartau bei Lübeck lebt, und – wenn sie sich hierher bewegen könnte, wenigstens so, wie ich es noch kann – dann könnte sie sich an diesem Beispiel vielleicht wie an sich selbst klar machen, was neunzig Jahre sind: diese 90 Jahre, das 20. Jahrhundert, in dem die wüstesten Zerstörungen zu überstehen waren, die die Menschen bisher sich selbst und der Erde zugefügt haben.
Damit kommt in mir gegen diese Häuser aus Rathenower Handstrich-Ziegeln fast ein zärtliches Gefühl auf. Ich freue mich, dass sie renoviert, von den Spuren des Verfalls fast befreit sind; die Wiederherstellungs-Arbeiten gehen gerade zu Ende. Wenn der Flieder blüht, kann man auf dem Erschließungsweg, der die Paul-Francke-Straße am Zingergraben fortsetzt, auf und ab gehen und hinübersehen auf Köberlesteig und Majakowskiring, in dem alles Staatstragende nur ein paar Erinnerungen und Erinnerungstafeln hinterlassen hat. Diese Paul-Francke-Straße ist – wie jeder sieht – jetzt eine Straße, um gemütlich und mit weitem Gefühl zur schmuckvoll gemauerten Haustür zu gehen, hinter der man eine gut geschnittene Wohnung hat. Aber anfangs war sie eine Idee. Der Beamten-Wohnungs-Verein war am Anfang dieses Jahrhunderts der größte gemeinnützige Wohnungs-Verein in Berlin, anfangs wirklich nur für Beamte, denn “wer ein behagliches Heim besitzt, ist gefeit gegen destruktive Tendenzen”, sagte ein kaiserlicher Minister.

Paul Francke hieß der stellvertretende Vorsitzende. Warum ist die Straße nach dem Stellvertreter benannt, war der Vorsitzende selbst eine straßennamensunwürdige Pfeife, frage ich mich, aber nicht so interessiert, dass mich auch die Antwort interessiert hätte. Auf diese Verwaltungsmänner kommt es nicht an. Paul Mebes war der Mann, dem hier die Erinnerung gelten muss, der Architekt, der Baumeister, überhaupt einer der bedeutendsten Baumeister Berlins; er vollendete Schinkel, hat Werner Hegemann, der Kritiker des “Steinernen Berlin” gesagt. Nicht übertrieben. Zwei Jahre zuvor, 1906, war Mebes, vierunddreißig Jahre alt, zum “bautechnischen Vorstandsmitglied” dieses Wohnungs-Bauvereins gewählt worden. Sein Vorgänger, Erich Köhn, war kein ausgebildeter Hochbau-Architekt gewesen. Die Zeit, gegen die Mebes nun anzubauen begann, hatte massig gebaut in Berlin; es war die Kriegsgewinnler-Zeit, die Bodenspekulations-Zeit, die Ausbeutung-Zeit nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, Deutschland griff nach der Weltmacht und beutete die aus, die es dann tatsächlich greifen ließ.

In dieser Zeit des Massenbaus, die unserer Stadt bis heute tiefe Züge in die Miene schreibt, planten die Unternehmer die Häuser und die Wohnungen, die Architekten hatten kaum für was anderes Zuständigkeit als für Fassade und Fassaden-Schmuck. Da war Paul Mebes ein ganz anderer Mann. Man sieht es. U.a. hier in der Grabbeallee. Das war seine fünfte Wohnanlage für den Beamten-Wohnungs-Verein. Es folgten noch viele weitere, auch schlechtere, kaum bessere. Es war nicht nur der Kreis Niederbarnim, dessen Plakette vorne an der Francke-Straße jetzt mitrenoviert ist, der den Baumeister lobte.
Die Erschließungsstraße, eine Privatstraße anfangs, und die Innenhöfe, angepasst die ganze Anlage an die landschaftlichen Gegebenheiten, sonnige Wohnungen mit Straßensicht, Bäume, Kinderspielplätze – das war die architektonische Idee, ordentliche Baugesinnung, kein Protz und Prunk. Kein Flitter, keine Schminke, sagt Mebes in seinem Buch “Um 1800”, in dem er sich zugleich etwas betuliche Gedanken darüber macht, wann eine Frau am schönsten aussieht; ein Haus wie eine Frau, sparsam geschmückt, nicht mit Glitzer behängt: Naja, man muss einen Architekten nicht nach seinen Vergleichen bewerten. Sondern nach seinen Häusern. Und diesbezüglich – wie gesagt – schließe ich mich dem Kreis Niederbarnim an. Die Ein- und Inwohner hoffentlich auch, nachdem der Renovierungsärger nun vorüber ist.
Die Häuser von Mebes erleben jetzt ihre fünfte Staatsform. Indem ich durch den Majakowskiring, tief unterm Regenschirm, abwandere, versuche ich mir vorzustellen, welche Zeitgefühle die Häuser hätten, wenn sie wirklich Frauen wären.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Sie sind hier!

Morgens um sechs Uhr hämmert es an der Tür.
Sie brüllen “Aufmachen, sofort”.
Eben noch warst du mit deinem Traum am See.
Voll Panik springst du aus dem Bett.
Du weißt nicht genau, was gleich passiert, aber du weißt es doch.
Während du noch versuchst, einen klaren Gedanken zu fassen, öffnest du die Wohnungstür.
Da stehen sie: Maschinenhafte, wütende Gesichter, die dich allein durch den Blick bedrohen.
Sie brüllen dich mit deinem Namen an.
Er ist als Frage verpackt, aber er ist wie der Schlag mit einem Beil.
Und so ist sie auch gemeint.
Dein leises “Ja?” ignorieren sie.
Sie drücken dich in die Wohnung, fluten den Flur, von draußen hörst du Befehle.
Du überlegst, was du tun kannst.
Es ist nichts.
Du bist in ihrer Hand.
Du suchst deine Hose, aber sie stoßen dich auf den Boden.
Sie treten dich, ziehen dich wieder hoch, um dir besser ins Gesicht schlagen zu können.
Sie brüllen Fragen. Wo ist deine Frau? Dein Sohn? Wo ist Karl?
“Welcher Karl?”, fragst du.
“DIESER Karl”, schreien sie und eine Faust zertrümmert dein rechtes Auge.

Dann wachst du ein zweites Mal auf.
Du liegst in deinem Bett, niemand tritt an deine Tür.
Aber du weißt, dass es passieren kann. Jederzeit.
Dass es passiert ist.
Hier in deiner Wohnung, an deiner Tür.
Es ist schon lange her, Jahrzehnte.
Aber wenn es still ist und du dich konzentrierst, dann spürst du es.
Die Geister der Zusammengeschlagenen, der Abgeholten, der Deportierten, der Ermordeten.
Sie sind noch in deiner Wohnung.
Und du kriegst sie nicht raus, denn hier war ihre letzte Heimat.
Ignoriere sie nicht nicht mehr.
Denke an sie, wenn du in der Küche stehst.
Hier haben sie vor lange Zeit auch gestanden.
Und sie haben über die Zukunft gesprochen.
Über bessere Zeiten, über Hoffnung.
Du weißt, was sie nur ahnten.
Also respektiere sie!
Sie sind hier.




Hallo, Sie da!

Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sich bei jedem “Hallo” sofort umdrehen, erst recht nicht, wenn sich um mich herum noch hundert andere Leute tummeln. Diesmal aber war außer mir gar keiner da, trotzdem habe ich das Rufen nicht auf mich bezogen. Erst als ich hinter mir das Rennen eines Mannes hörte und er mir noch hinterher rief “bleiben Sie mal stehen!”, drehte ich mich um. Ich hätte es sein lassen sollen.
Nach nur zehn Metern Spurt blieb keuchend ein etwa 60 Jahre alter Mann hinter mir stehen, der erst ein paarmal tief Luft holte. “Haben sie mich denn nicht gehört?”
“Doch.”
“Wieso bleiben Sie dann nicht stehen?”
“Was wollen Sie von mir?”
Langsam konnte er wieder eingermaßen normal sprechen. Leider tat er es nicht, sondern schaltete direkt in den Empört-Modus:
“Sie haben da hinten Ihre Zeitung vergessen.”
“Nein, die hab ich nicht vergessen, sondern in den Papierkorb gesteckt.”
“Eben. Und das ist verboten.”
“Seit wann ist es verboten, Zeitungen in Papierkörbe zu werfen?” Ich verstand wirklich nicht, was er von mir wollte.
“Der Papierkorb gehört zum Krankenhaus. Sie sind aber nicht aus dem Krankenhaus gekommen, also dürfen Sie den auch nicht benutzen!”

Einen Moment überlegte ich, ob der Kerl mich verarschen wollte. Aber sein Blick war wirklich so entschlossen, dass ich mir ernsthaft Sorgen um seinen Blutdruck machte. Trotzdem konnte ich ihn nicht ernst nehmen.
“Man darf dort also nur Müll einwerfen, wenn man krank ist, ja? Das steht aber nicht dran.”
“Das hat damit nichts zu tun. Der Mülleimer steht auf dem Krankenhausgelände, was sie da gemacht haben, ist Hausfriedensbruch.”
“Ja, ja, alles klar.” Mir war es zu blöd und ich drehte mich um, um weiter meiner Wege zu gehen. Aber damit war er gar nicht einverstanden. Im Kasernenhofton brüllter er: “STEHENBLEIBEN!”
Nun war ich es, der langsam wütend wurde. Ich drehte mich um, ging einen Schritt auf ihn zu, ballte meine Fäuste und schnauzte ihn an: “Was willst du, hä? Mach, dass du verschwindest, du Spinner!”

In diesem Moment kam ein Polizeiwagen vorbei, die Beamten bemerkten die Auseinandersetzung und stoppten. “Gibt’s Probleme?”, fragten sie aus dem Auto heraus. Mein Blockwart rannte sofort zu ihnen und regte sich nun bei denen auf. Tatsächlich stiegen beide Beamten aus, einer ging mit ihm zum Papierkorb, während der andere mich fragte, was eigentlich los sei. Ich antwortete, dass der Mann wohl einen schlechten Tag hätte und ich jetzt gerne weitergehen würde. Aber der Polizist nahm mich mit zu dem Mülleimer, in dem das Tatwerkzeug – meine Zeitung – gut zu sehen war. Allerdings belehrte der Beamte nun den Mann, dass er bei bestem Willen keine Straftat erkennen könnte. Zudem steht der Papierkorb zwar gut einen Meter innerhalb der Einfahrt zum Krankenhaus, es ist aber ein Mülleimer der BSR und keiner der Klinik. Insofern ist er auch öffentlich nutzbar.

Das wollte der Hysteriker natürlich nicht einsehen, aber ich hatte einfach keine Lust mehr auf sein Gelaber. “Ich gehe dann mal, ja? Viel Spaß noch.” Dabei musste ich etwas lachen, deshalb brüllte der Kerl wieder los: “Dein dämliches Grinsen wird dir noch vergehen! Ich kriege dich noch!”
Die Polizisten hielten ihn fest und versuchten ihn zu beruhigen. Ich aber hatte genug. Immerhin war ich erst seit einer Viertelstunde wach und wollte den Tag nicht gleich mit solch einem Stress beginnen. Als ich später auf dem Rückweg wieder an der Einfahrt vorbei kam, sah ich den Mann mit zwei anderen im Krankenhausgelände auf einer Bank sitzen und Bier trinken. Es war also nicht mal ein Angestellter der Klinik. Ich habe keine Ahnung, wieso er solch einen Aufstand veranstaltet hatte.




Iss nich

Das Wetter war so schön; es war zwar kalt, sagte Manfred Jagusch, der Fotograf, aber der Hirnmel über der Spree war blau, die alten Gebäude standen da wie eine Ritterburg, aus der die Ritter ausgezogen sind. Das war am Freitag; als ich am Montag die Nalepastraße entlang ging, hatte es am Sonntag Abend geschneit, gegen Mittag hatte der Schnee seine Weiße verloren, die Wege durch die Kolonie Wilhelmstrand eingeschwärzt und oberflächlich morastet.
Über die Nalepastraße kann ich – ein Wessi – nun auch schon verschiedene Geschichten schreiben; zweimal in DDR-Zeiten habe ich an dem gut bewachten Tor gestanden und bin nicht eingelassen worden, “aus grundsätzlichen Erwägungen” hieß es; später habe ich hier mit Übergangschefs gesprochen und Gespräche geführt, von denen ich heute nicht mehr weiß, in wessen Auftrag, noch weniger: zu wessen Nutzen.

Als ich gestern an der Haltestelle des 196ers stand, der nur phasenweise fährt, Auto an Auto über die schneenasse Rummelsburger Straße an mir vorüberbretterte und ich den feinnassen Straßendreck bis an die Wangen (Wangen!) zu spüren meinte, die stolzen Industrieruinen an der Straßenbaustelle betrachtend und gegenüber die wilden Birken, die in den novembrigen Januartag einen Hauch von Traumland brachten, konnte ich mir sagen: Hier, wo ich als unbeautoter Mensch jetzt ganz allein bin, bin ich auch noch nie gewesen.
“Kann ich die Nalepastraße hier durchgehn?” frage ich den IHS-Portier.
“Nee, schon seit 1957 nich mehr.”
“War aber dahinten zur Kolonie nicht ein Eingang?”
“Ja, wenn Sie berechtigt warn!”
“Aber nachdem die Vergangenheit nun vorbei ist “, versuche ich schüchtern einzuwenden, …
“Seitdem ist das Tor ganz zu, für Berechtigte und für Unberechtigte!”
Die Antwort erscheint ihm selbst schroff, deshalb fügt er an: “Pförtnerhaus iss nich besetzt. Kommt ja auch niemand. Früher…”

Früher, als hier der Rundfunk der DDR domizilierte, Haus A, B, C usw., Sendungen von fast tausendsiebenhundert Wochenstunden, ein Langwellen-, einunddreißig Mittelwellen-, neunundsechszig Ukw-, zehn Kurzwellensender … davon sieht man nicht mehr viel.
“Das Hörnchen würde ich gerne mal besichtigen.” Den Ausdruck kennt der Portier. Unsere freundliche Sekretärin, die früher hier gearbeitet hat, kennt ihn nicht. Noch früher stand hier eine Furnierfabrik.
Der Architekt des Rundfunkzentrums hieß Franz Ehrlich. Das Gebäude entstand 1951 bis 1955. Der Produktionsbereich steht abgerückt vom Hauptkomplex auf eigenen Fundamenten, zwischen beiden Gebäudeteilen eine geschwungene Verbindung: eben das Hörnchen; im Architekturbuch heißt es: “Da Aufnahmeräume nach den Gesetzen der geometrischen Akustik nicht rektangulär, sondem für Musikaufnahmen trapezförmig, für Hörspiele polygonal sein sollten, bot sich die Möglichkeit, sie zu einem Viertelkreis zu reihen und mit ihnen den Baukörper herabzustufen.”
Das sind Ausdrücke! Super! Geil! Heute will wohl niemand mehr Hörspiele hören, die polygonalen und trapezförmigen Räume sind überflüssig geworden, die Unterhaltung wird anderswoher geliefert, das Hörnchen ist baufällig, aus den Mauern wachsen die Gewächse, die rot-weißen Flatterbänder flattern. Ich gehe den Weg 1 zwischen gepflegten und weniger gepflegten Datschen – oder sagt man heute auch nicht mehr “Datschen”? – Bungalows? Der Weg endet auf der Nalepastraße, wo auch sie endet, dort verfällt das Pförtnerhäuschen, das dafür da war, dass der Eingang hier offen war für solche, die berechtigt waren. Alle Berechtigungen sind erloschen. Die Einrichtung ist platt gemacht. Wurde nicht mehr gebraucht. Manchmal versammelt sich hinten ein Chor und holt ein Stück aus der Vergangenheit, Hindemith, Das Unaufhörliche, hörte ich zum Beispiel von hier, Text vom Haut- und Geschlechtsarzt Benn aus der Belle-Alliance-Straße, damals, “Gefilde, Säume des Meers, / die alles trugen: Öl und Herden, / Siebenflöten, helles Gestein, / bis ihnen das Herz brach.”
Nee, am gebrochenen Herzen ist der Rundfunk der DDR nicht gestorben. Er ist verwandelt worden in einen anderen Erinnerungszustand. Es gibt die einen, die hier einen Teil ihres Lebens verbracht haben, vielleicht ihre Jugend, mit Liebe und Liebesversuch, und die anderen, die auf die Ereignisse verwiesen waren, zum Teil gute und erinnerungswürdige, zum Teil solche, die man dadurch ehrt, dass man sie schnell vergisst. Am Ende, meint Jagusch, war alles Anarchie, sogar Meuterei, aber sie haben gedacht: Das ist die Demokratie; man hat eben versucht, sich zu plazieren, manche haben einen Platz gekriegt und hüpfen weiter volkspädagogisch oder werblich, je nach Anforderung, über die runden Wellen, für andere ist nicht nur dieses Tor zu, sondern so ziemlich alle Tore.

Die Nalepastraße ist Straße und Nichtstraße, vom verschlossenen Tor, hinter dem es doch – manchmal und für manche – weit in die Welt ging, zieht sie sich symbolisch entlang, anfangs zur Hälfte schwarzer Erdweg, zur Hälfte schwerer Pflastersteig, rechts und links die Kleingärten, oben die Krähen, die sich hitchcockig sammeln auf den äußersten Hochspannungsmasten. Sie krähen mich an, sie segeln auf mich zu und sind viel größer, als sie sind. Am Weg Nummer 7 könnte ich nach rechts zur BVG-Fähre abbiegen, “aber ob die fährt?”, hatte der IHS-Mann gesagt, “gestern war noch Eis.”
Wie diese nach Nalepa, dem Färbereibesitzer und Teppichfabrikanten aus dem 19. Jahrhundert, haben auch andere Straßen hier heimatkundliche Bezeichnung: nach Tabbert zum Beispiel, andere martyrologische: Otto Krüger, Fritz Kirsch, einige Straßen – warum das? – heißen nach historischen Buchdruckern: Mentelin, Fust, und hinten die Straßen nach Technikheiligen: Watt, Edison, Siemens. Die Brücke, die behelfsmäßig über die Spree führt, heißt nach dem Teltower Landrat Stubenrauch, nach dem viel heißt in Berlin, als ob die Teilvereinigung von Berlin und dem Landkreis Teltow eine besondere Heldentat gewesen wäre.
Am Ende der Stubenrauchbrücke finde ich an der Schnellerstraße eine Haltestelle des 167ers, der mich durch klassischstes Treptow in klassischstes Neukölln fährt: U-Bahnhof Hermannplatz; sieben Minuten mit der U7 zur Möckernbrücke, klassischstes Kreuzberg, nicht weit von unserer Redaktion, wo ich nach einem passenden Schlusssatz zu diesem Text suche, der zusammenbinden wollte, was rechts dahinten liegt, in jener dunst’gen Weite, und hier … nee, nee, Lyrik iss nich.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)