Überwachungsstaat – was ist das überhaupt?

Unter einem Überwachungsstaat versteht man einen Staat, der ganz legal alles Handeln, die Aufenthaltsorte und Freunde seiner Bürger überwacht, um Straftaten zu verhindern oder um sie schneller aufzuklären. Trotzdem ist der Begriff negativ geprägt. Woran liegt das?
Der Grafiker Manniac erklärt in einem Comic-Video, warum die stetig zunehmende Überwachung in fast allen Teilen der Gesellschaft nicht gut, sondern schlecht ist. Und das nicht erst sein Prism, Tempora usw.
Anschauen wird dringend empfohlen!




Das Wasser des Lebens

Am Vorabend, als ich im Kammermusiksaal saß, das Ensemble Modern hörte und mich zu Musik von Anton Weber fragte: was ist nun die Moderne, woraus besteht sie, von wann dauert sie, ist sie nun zu Ende und wir sind in der Postmoderne angekommen, in diesem Augenblick, als die hübsche Sängerin sang: Ihr großen Städte / Steinern aufgebaut / In der Ebene, freute ich mich auf den Vormittag, der nach diesem Abend folgen und an dem ich nach Friedrichshagen fahren würde.
Das war dann der erste Frühlingstag des Jahres, die Bistroiers stellten die ersten Stühle nach draußen und die Berliner hielten ihre Nasen in die laue Luft. Vor den Blumenständen auf der Bölschestraße sahen die Blumen aus, wie hier gewachsen. Erst sah ich eine, dann mehrere Frauen, die nach etwas Besonderem aussahen: ich konnte mir vorstellen, wie ihre schönen Friedrichshagener Zimmer geschmückt wären. In der Rahnsdorfer Straße (oder ist es noch die Aßmann-, in die ich gleich hinter der Christopherus-Kirche – “spätgotisch”, 1901-03, von Jürgen Kröger erbaut – eingebogen bin?) gibt es einen Kunst- und daneben einen Jalousienladen, der unter anderem ein Faltmuster anbietet, das nach Karajan heißt, in der Mitte dick, nach oben und unten dünn; ich sah ein studienrätlich gekleidetes Paar hinein gehen, erblickte das Bücherregal vor geistigen Auge, zu dessen Sonnenschutz sie jetzt eine Jalousie bestellen würde: Bobrowski, der Friedrichshagener Nachbar von vorgestern, auf den Brettern, sicher auch Günter de Bruyn, Christa Wolf, Grass, Walser, die alten In-Leute; vorgestern ist aus der “Billigen Wissenschaftlichen Reihe” der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft die Insel Jubiläums-Ausgabe von Goethe angekommen; ja, die Studienrätlichen – es hätte auch Wolfgang Thierse selbst sein können mit Ehefrau, den Kanon im Bewusstsein und schnell auf den politischen Lippen dessen, was “man” lesen muss; Staatsminister Naumann (SPD) liest jeden Morgen vor der Arbeit fünf Gedichte; ich sage: das sind vier zu viel, ein Gedicht jeden Tag, das ist vielleicht ein Programm.

“An solchen Bemerkungen”, sagt meine Lebensfreundin, “erkennt man gegen den Wind: du bist auch so ein älterer Sozialdemokrat”, bildungsbeflissen, wir wissen kulturell, was sich gehört, Wissen ist Macht!
“Das wollen wir jetzt mal nicht lächerlich machen!” sagt sie, während wir vor Nummer 23, Rahnsdorfer Straße stehen bleiben. Hier also, in diesem ungeputzten Haus, soll Otto Wels gewohnt haben; vielleicht stimmt es nicht; das Haus sieht nicht nach Parteivorsitzendem aus. Gelernt hatte Otto Wels Tapezierer; ich weiß nicht, ob er Tapeziermeister war. Mein Großvater, fast so alt wie der Reichstags-Abgeordnete, war auch Handwerksmeister; Handwerksmeister war für ihn das Höchste; gesagt hat er’s nicht, aber wir gingen alle davon aus (und ich eigentlich noch bis heute). Hierher könnte man also die Schulklassen führen: hier hat der letzte SPD-Vorsitzende der ersten deutschen Republik gewohnt, der am 23. März 1933 in der Krolloper, dem abgebrannten Reichstag gegenüber, Adolf Hitler widersprach, als einziger, die Bürger, Theodor Heuss z.B., der spätere Bundespräsident, stimmten für Hitler; die meisten kommunistischen Abgeordneten waren verhaftet, nur die SPD sagte nein … So könnte man sprechen, aber das Heldenlied passt nicht; die SPD hatte schwer versagt, Otto Wels, der Vorsitzende, hatte die Zeichen der Zeit ganz falsch gedeutet, was ist Mut wert, wenn er zu spät kommt? Eine lange Geschichte; die rechte SPD hat die Republik von Weimar auf eine andere Weise verteidigt, die sie zerstört hat; diese ordentlichen Handwerksmeister waren einfach zu ordentlich, nicht revolutionär genug, zu viel Goethe, zu viel Friedrichshagen… Ich gehe die Flakenseestraße schräg hinunter.

Das tollste Gebäude von Friedrichshagen, ein Gebäude-Ensemble, ist natürlich am Müggelseedamm das Wasserwerk. 1888 (“Drei-Kaiser-Jahr”) bis 1893 gebaut, 1902 bis 1906 auf Grundwasser-Versorgung umgestellt … aussehend wie aus dem Mittelalter-Baukasten, “märkische Gotik”, aber innerlich Top-Technik, modern in der Form der Prä-Moderne die sich jetzt, in den Zeiten der Post-Moderne, wieder als altertümlich gibt: was anderes scheinen wollen, als man ist. Ein Teil des Wasserwerks ist jetzt Wasserwerk-Museum, vorgebend, dass alles vorbei sei, der Alltag verkleidet in ein “Damals war’s”: in der Museumshalle langweilen sich die Kinder, für die die Eltern gerade keine andere Alternative wussten. Kinder gehören nicht in Museen, sage ich Euch: Kinder müssen nicht die Vergangenheit lernen, die sogenannte Geschichte, sondern die Gegenwart, ach, wir können sie nicht lehren, weil wir sie selbst schlecht begreifen. Bölsches sind wir nicht, wollen wir nicht sein.

Ich, ein alter Mann nun, habe von Wilhelm Bölsche noch eine Einigermaßen-Vorstellung: was das Volk sonst überhaupt nicht verstanden hätte, das erläuterte Bölsche ihm; seit 1887 – gerade zu Beginn der Wasserwerk-Zeit – in Berlin: “Das Liebesleben in der Natur” 1898, “Vom Bazillus zum Affenmenschen” 1899, solche Wissens- und Bildungs-Beiträge schrieb er, volkstümlich, in der Veranda über’m Müggelsee, Müggelseedamm 254. 1901: “Hinter der Weltstadt”, Friedrichshagen, die kulturbedrohende Weltstadt am Horizont, wir hier am glitzernden Wasser, als ob es der Lago Maggiore wäre. Dort warte ich jetzt auf die Tram Nr. 60, diese Köpenicker Schaubahn, Wasserwerk Müggelseedamm bis S-Bahnhof Adlershof; eine tollere Querschnittsbahn gibt’s ja gar nicht. Aus welchen Vergangenheiten besteht die Gegenwart? Bölsche, Wels, Richard Schultze, der Wasserwerks-Baumeister, Henry Gill, der das Alltagswasser für Berlin beschaffte: das Wasser des Lebens – wie tief ist der Brunnen der Vergangenheit, aus dem wir’s beziehen?
Ich will nicht philosophisch werden, aber eines kann man sagen: In Friedrichshagen kann man an einem glitzernden Sonnabend und in Wirklichkeit an jedem Tag in einem schwachen Stündchen lernen – ohne dass man eigentlich ein Lerngefühl hat -, dass man unter den möglichen Vergangenheiten die passende aussuchen muss, wenn man die Gegenwart bestehen will.
Falls bloß nicht auf die Wahrheit herein!

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Büroträume




Taxifahrer wissen alles!

Wir Taxifahrer sind super angesehen. Anders als in jedem anderen Beruf gehen viele Menschen davon aus, dass wir allwissend sind.
Kennen Sie die Zusammensetzung der Nationalitäten der Damen im Massenpuff Artemis? Den Preis für ein Schnitzel im Restaurant Mutter Hoppe? Oder was die Berliner vom Flughafenchef Mehdorn halten?
Nicht? Dann können Sie kein guter Taxifahrer sein. Denn nach Ansicht vieler Fahrgäste gehört das zum Grundwissen der Kutscher in der Stadt. Dass wir die größeren Straße und Plätze kennen, die wichtigsten Hotels und Restaurants und natürlich die Theater und Opernhäuser, die Sportstätten, Krankenhäuser und – ganz wichtig! – die Zahnkliniken – geschenkt.
Aber vielen Fahrgästen reicht das nicht. Ich sollte schon darüber Auskunft geben, was aktuell im Renaissance-Theater aufgeführt wird und mit welchen Schauspielern. Man verlangte von mir zu wissen, wo in Kreuzberg in diesem Moment Live-Jazz gespielt wird, aber bitte kein Freejazz und zu verraucht darf es auch nicht sein.

Als allwissender Taxifahrer muss man erklären können, in welchem Club heute welche Musik läuft, was für ein Publikum anwesend ist und auch, wie voll es dort gerade ist.
Sehr schön auch immer die Frage, wo “noch was los” sein. Würde ich tagsüber fahren, könnte ich dann immer den Zoo empfehlen, vor allem den Affenkäfig. Da ist echt immer was los.
“Wie wird das Wetter?” Okee, Touristen haben sicher kein Radio dabei, ich aber schon, weshalb ich wenigstens darüber meist Auskunft geben kann.

Richtig blöd aber ist die Frage, was “die Berliner” von irgendwas oder irgendwem halten, gerne von Merkel, Wowereit, Flughafen. Was soll man darauf antworten? “Wir” haben übrigens auch keine gemeinsame Meinung über jeden einzelnen Fußballspieler, sogar nicht mal über das Wetter! Es gibt kein Thema, bei dem alle Bewohner dieser Stadt der gleichen Meinung sind. Und ich glaube auch nicht, dass dies in Hamburg, Köln oder Ulm anders ist.
Manchmal fragt ein Fahrgast auch, wo er Haschisch kaufen kann und wie die Qualität dort ist. Die erste Frage kann ich ja noch beantworten, aber die zweite sicher nicht. Und wenn ich einen Privatdealer hätte, würde ich dessen Personalien sicher auch nicht rausgeben.

Also, ich muss wirklich ein schlechter Taxifahrer sein. Aber dafür weiß ich, wo der Stieffring ist, der Pilz in Frohnau und die Faust von Köpenick. Aber DANACH fragt mich nie jemand…




Drei Schulen, drei Kirchen, ein Naja

Die Stadtgegend, die sich nördlich der Frankfurter Allee bis zur Friedrichshainer Bezirksgrenze erstreckt, wird seit Ende des [vor]vorigen Jahrhunderts von der Rigaer Straße durchquert und von ihr zugleich zusammengehalten, kann man sagen, auf den Bersarinplatz konzentriert und von diesem in die Petersburger Straße hingeführt, die als eine Gratstraße auch denjenigen Teil des Kiezes hinaufzieht, der sich in den nach Süd-Westen abfallenden Straßen entwickelt.
Die Gegend hat überhaupt etwas Bergiges oder wenigstens etwas Ansteigendes. Rein geographisch könnte man natürlich auch sagen: etwas Abfallendes, Absinkendes; aber das ist eben nicht der Eindruck; stadtästhetisch (oder soll man sagen: stadtgefühlig?) fühlt man sich erhoben, angehoben, aufgehoben im doppelten Wortsinn.
Metropolen, denke ich, dürfen nicht flach liegen. Es muss ein Hinauf und Hinab geben. Ich frage mich, wo ich dieses Gefühl her habe; vielleicht: Paris, Rom, irgendeine andere Hauptstadt; aber Berlin ist nicht ableitbar. Hier jedenfalls – sagen wir mal: von Samariter- bis Eckert- und Hausburgstraße – ist es besonders typisch. (Um nicht falsch verstanden zu werden: Auch um den Alice-Salomon-Platz, die Marzahner Promenade, den Anna-Siemsen-Weg ist Berlin besonders typisch, auch wenn es dort ganz anders aussieht als hier. Es gibt viele Wege in die Seele der Berliner. Warum hat sie trotzdem eine so wiedererkennbare Struktur?) Vielleicht liegt das an den Kirchen.

In meinem heutigen Spaziergangsgebiet liegen drei buchberühmte Kirchen, die Samariter-Kirche (1892 bis 1894 gebaut), die Pfingst-Kirche (1906 bis 1908) und die Galiläa-Kirche (1909 bis 1910), die beiden ersten lasse ich heute links und rechts liegen; sie sind mir geläufig, ich habe Vorstellungen über sie, der Pfarrer der Samariterkirche hat sogar schon mit mir gestritten, vielleicht, weil er mich für röter hielt, als ich bin.
Die Kirchen sind ziegelrote Lehrstücke der Architekturgeschichte: das war die Zeit, in der die Baumeister Historiker waren und zugleich Pädagogen, die den Leuten zeigen wollten, wie frühere Architekten gebaut hatten: Historismus, Prunk mit der Vergangenheit, Deutschland wollte Weltmacht werden, da machten alle mit, der König von Preußen in seiner schimmernden Wehr war der oberste Chef dieser Kirchen, der Bischof. Ob die Architekten also für Gott bauten und seine Kinder oder doch für ein ganz anderes Interesse … nein, das braucht man sich heute nicht mehr zu fragen. Die Erbauer der Galiläa-Kirche hießen Paulus und Dincklage; ganz hervorragende Architekten, mehrere Groß-Kirchen in Berlin sind von ihnen, auch ein schöner U-Bahnhof: Alleskönner im besten Sinne (und gewiss auch mit einem spielerischen Gemüt, man sieht es in der Rigaer Straße 9-10 den roten Ziegeln an, dem Spitzbogenportal, dem verkupferten Spitzhelm, dem Treppentürmchen mit Kegeldach, den aus dem Gemeindehaus dreiseitig hervortretenden Erker, dem sterngewölbten Chorpolygon und der gebrochenen Kassettendecke, durch die das Oberlicht Gottes hereinströmt).

Als Paulus und Dincklage mit ihrer Kirche in der Rigaer Straße fertig waren, war weiter vorne, Nummer 81/82, Ludwig Hoffmann schon lange fertig. Die Heinrich-Hertz-Schule dort (früher hieß sie nach dem Widerstandskämpfer Herbert Baum, nein, nein: die Heinrich-Hertz-Schule hieß schon immer nach Heinrich-Hertz, aber sie hat nicht immer in diesem Gebäude hier gewohnt, aus dem die Herbert-Baum-Schule in die Nichtexistenz ausgezogen ist, und noch früher hießen die Schulen an diesem Platze wahrscheinlich noch anders und davor ganz anders: Schulnamen gehören wie viele Straßennamen den Jeweiligen; ich würde sagen: Ludwig-Hoffmann-Schule, aber das brächte nichts, denn alleine nachher, in diesem ein-und-demselben Kiez, werde ich noch zwei andere Schulen besichtigen, die Ludwig Hoffmann gebaut hat, diese hier 1901 bis 1902) ist ein erstklassiges Beispiel… wofür? Dafür, was in Berlin offiziell los war zu Beginn des Jahrhunderts, dessen Ende wir demnächst hoffentlich in Frieden erleben werden, auch der Anfang sah allerdings friedlich aus; hätte man aus Bauten wie aus diesem Schulschloss entnehmen können, dass die feurigen Dämpfe unter der Stadt schon kochten? Ludwig Hoffmann war der Berliner Stadtbaurat, im Stadtgesicht Berlins hat er Runen hinterlassen, die bis heute sichtbar sind… nein, Runen, das ist wirklich nicht das richtige Wort; was Germanisches hatte Hoffmann nicht, für Schulbauten liebte er die Renaissance besonders, den Barock, die vergangenen Stile, die er den Berlinern gerne vormachte, damit sie wüssten, was gewesen war: das bekannteste Beispiel ist das Märkische Museum: ein Stück aus dem Lehrbuch: die Stadt als Volksschullehrer. Der Vorgänger Hoffmanns (er hieß Blankenstein und war wohl der größte Schulbaumeister Berlins) hatte für Schulen einen märkischen Einheitsstil entwickelt, Hoffmann dagegen wollte jeder Schule ihr eigenes Gesicht geben: sowohl historischlehrhaft, wie individuell-ästhetisch – ein architekturpolitisches Programm, über das sich reden lässt, aber war es nicht in seiner tiefsten Wirklichkeit das Weltstadtprogramm, das Weltmachtprogramm, zu dem sich Deutschland mit seiner Protzhauptstadt Berlin am Jahrhundertbeginn aufblies, als ob es nicht hätte wissen können, dass das das Untergangsprogramm war? “Nu übertreib mal nich!”, sagt meine Lebensfreundin, während wir uns auf den Weg machen in die Hausburgstraße: Nummer 20: die nächste Hoffmann-Schule, in ihrer angespitzen Fassade ebenfalls unverkennbar, und schließlich im plötzlichen Februarschauer – an den berühmten Wohnhäusern des Hoffmann-Freundes Messel in der Weisbachstraße vorüber (weiter unten in der Proskauer könnten wir noch andere sehen: die knappe Gegend hier ist in all ihrer Gegenwärtigkeit wirklich ein Freiluftmuseum … nicht nur der Architektur!) – in die Eckertstraße. Meine Lebensfreundin interessiert sich – als ich ihr erzähle, dass der Mann Pflüge konstruiert hat, Pflugscharen nicht Schwerter – mehr für Heinrich Ferdinand Eckert (1819-1875), als für Ludwig Hoffmann, für dessen Schulbau in der Eckertstraße 16 sie sich nach meinem Plan interessieren soll. “Schön”, sagt sie ziemlich gleichgültig, als wir die steinernen Schmuckbänder der Fassade betrachten und das ziemlich schmucklose rote Ziegelhaus, das sich in den Hof erstreckt. “Die Häuser der Schulen baut der Staat, da kann man meist nichts machen, aber was man den Kindern drinnen erzählt…”, so ungefähr, denke ich, sollte meine Lebensfreundin jetzt zu mir reden, denn in einem früheren Leben war sie Lehrerin; neulich habe ich eine ihrer früheren Schülerinnen getroffen:
“Wie geht’s denn Liesel?” hat sie gefragt; ein Wort und das andere, eine kleine Pause der Erinnerung; dann: “Ziemlich gute Leistung … damals … von denen.”
Genau! Die Pädagogik der Schulgebäude und die Pädagogik der Schullehrer … die wollen gut unterschieden sein. Wohl dem, der Unterschiede findet!
“Naja … ” wird meine Lebensfreundin sagen, wenn sie das hier liest.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Am Wald und am Wasser, am Rande

Ab Pichelsberg habe ich das Gefühl, es geht hinaus. Ich denke an die Vergangenheit, also die Jugend. In meiner Jugend fuhr ich gelegentlich mit der S-Bahn nach Spandau. Jetzt fährt die S-Bahn wieder nach Spandau. Unterdessen bin ich alt. Ist Berlin auch gealtert wie ich? Heute ist es das erste Mal, dass ich mit der wieder eröffneten S-Bahn bis Spandau fahre. “Mit der S-Bahn bis Olympiastadion”, sagte mein Vater, Punkt, Punkt, Punkt: Mehr sagte er meistens nicht, aber ich hatte das Gefühl, der Satz lautete weiter: “…das war Berlin. Das war die Großstadt, die Welt. Wir hatten das Gefühl, wir waren, wo die Welt war.” Ach, das war 1936, Olympische Spiele, hier sind meine Eltern ausgestiegen, um Jesse Owens siegen zu sehen; sie müssen sich nachträglich nicht sagen lassen, sie seien gekommen, um Adolf Hitler mit deutschem Gruß zu grüßen…
Vorbei; die S-Bahn ist schon in Stresow; dann in Spandau, im neuen Bahnhof, der so groß ist, dass Spandau sich für die Unkundigen, die zehn Jahre zu spät kommen, auch als Berlin selbst ausgeben könnte.

Nun noch eine Viertelstunde mit dem 231er bis Wichernstraße. Die kleine Fachwerkskapelle, die hier nach ihm heißt, kam 1932 vom Rohrdamm, wo sie geistliche Interimsfunktionen wahrgenommen hatte; seit das Johannesstift hinten im Wald liegt, gibt es diese Straße; Wichern ist der Gründer des Johannsstiftes; er wird seiner sozialen Taten wegen viel gelobt; ideologisch war er aber ein tiefgehendes Schiff, wenn man sagen darf: “Innere Mission unter den deutschen Protestanten, Felddiakonie” und Aufsicht über das staatliche Gefängniswesen: Wie er das in einem Gedankengebäude vereinigen konnte, das macht heute in den Texten des Gottesmannes beklommener, als man über die Sache wohl sein muss: Zum Beispiel, wenn man – auch nur flüchtig – das Gefängnis betrachtet, das die Waldsiedlung, die seit Jahrhundertbeginn hier beginnt, heute zur Niederneuendorfer Allee abschließt, dass zwischen grünen Drahtgitterzäunen nur ein schmaler Durchgang bleibt: Justizvollzugsanstalt Hakenfelde, man verbirgt das lange Wort am besten unter der Abkürzung JVA; ehe man bescheid weiß, kann man das Pultdach-Ensemble auch für ein Jugenddorf halten oder sogar selbst für eine Waldkolonie.

Spandau ist die Stadt der Stadtteile, der Kieze; Spandau hat seine originelle Altstadt. Ich habe meine Jugend in Lübeck verbracht. In Spandau, in Rathausnähe, fühle ich mich immer heimisch und immer ein bisschen nach Weihnachtsmarkt. Aber unter dem Oberbegriff Spandau bestehen auch einige ganz eigene Quartiere, die ebenso gut eigene Privat-Gemeinden sein könnten. In den Büchern berühmt ist zum Beispiel die Gartenstadt Staaken; Schmitthenner hieß der Architekt: fast der Prototyp eines deutschen Architekten in der ersten Jahrhunderthälfte, Nazi und Nichtnazi, Täter und Opfer: alles in einem, einer dieser ideologischen Kunstreiter, deren Kurzbiographien sie viel zweifelhafter erscheinen lassen, als man sie vielleicht heute auffassen darf. Darüber könnte man Bücher schreiben. Lieber nicht. Die Waldsiedlung Hakenfelde hier kann man genauso gut als Beispiel nehmen: Ein Kloster und eine Siedlung drum herum. … Nein, so kann man das natürlich nicht beschreiben. Die Bewohner der Waldsiedlung werden gewiss niemals den Eindruck gehabt haben, das Ledigenheim, heute Senioren-Residenz, im Fichtenweg mit angeschlossenem empor ragenden Gotteshaus sei ein Kloster und die Häuser und Häuschen drumherum die Kolonistenstellen im Heidenland. Aber immerhin hat es in den 20er Jahren, nach dem großen Weltenmorden, eine Kirchenbaubewegung – aber Bewegung sollte man wohl nicht sagen – gegeben, die ans Klösterliche anknüpfen wollte. In diesen Zusammenhang gehört auch St. Elisabeth am Fichtenweg, 1928 gebaut. Das Gartentor vor der Kirche ist geschlossen, man kommt dem Gotteshaus nicht mal bis zu den Anschlägen nahe. Und bedauert es nicht sehr.
Die Siedlungshäuschen haben damit nichts zu tun.Womit haben sie zu tun? Welcher städtischen Ideologie gehören sie an? Ach, das sind längst keine interessanten Fragen mehr. Unterdessen werden die Straßen für die Autos vielleicht als unbequem schmal empfunden von diesem und jenem, während der eine oder andere vielleicht gerade die Enge und Straßenwinkligkeit der Anlage als ihren angenehmsten Vorteil empfindet.

Ehe ich den Weg an der JVA durch den Wald gefunden habe, dachte ich schon in dem starren Drahtgitter entlang zurücklaufen und die Siedlung tatsächlich an der selben Stelle verlassen zu müssen, an der ich sie betreten hatte: ein geschlossenes Nachbarschafts-Ensemble. Aber nun bin ich doch ganz schnell am Bertrichter Weg, einer Kleingarten-Anlage, Wochenend-Siedlung, heißt es, die mit gotischen Lettern am Straßenschild altertümelt. Die Attraktion der Gegend sind jedoch die 90er-Jahre-Neubauten am Aalemannufer. “Wasserstadt” heißt der Ausdruck, aber dem Fremden fällt zuerst der Zaun auf, der die Neubauten von dem Ufer trennt, nach dem sie zusammenfassend benannt sind. Ich denke mir, dass hier schön wohnen ist. Aber unter welchen Kategorien? Wie die Waldsiedlung ist auch die Wasserstadt eine eigene Kommunität: Stadt (oder Dorf?) am Rand der Stadt … Indessen: So randig ist es gar nicht; siebzehn Minuten mit dem 331er bis Spandau Mitte. Sechs Leute steigen am Aalemannufer ein, bei der 3. Haltestelle ist der Bus schon fast voll, bald drängen sich die Leute.
“Ach, Uschi, ich wollte erst letzte Woche bei Dir anrufen, aber dadurch, dass es so schlechtes Wetter war, hab ich doch nich angerufen.”
“Obwohl gerade deswegen, weil man nich rauskommt, man gerne telefoniert.”
“Genau! Dacht ich auch, bin aber irgendwie nicht dazu gekommen; je weniger man zu tun hat, desto weniger schafft man!”
“Nächstes Mal denn … Tschühüss!” Das eingeschobene H, die Stimmhebung im Verabschiedungs-Gruß, das zeigt die gute Stimmung: Tschü-hüs. Rathaus Spandau, U- und S-Bahn, steige ich auch aus: Wie gesagt, eine Viertelstunde nur von der Jahrhundertend-Siedlung, am Wald und bei den Aalen, an die man nicht ran kommt und die es wohl gar nicht mehr gibt: Die Namen bedeuten gar nicht, was sie bedeuten.
Auf dem Bahnsteig viele Polizisten; mit ihren Panzerkäppis sähen sie entschlossen aus, wenn sie nicht so lässig hin- und her schlenderten und so freundlich alle Fragen beantworteten. Hertha spielt im Olympiastadion.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Solidarität mit einem Helden

Lehrter Straße in Moabit: Solidarität mit Edward Snowden, der die Totalüberwachung der Bevölkerung durch die Geheimdienste der USA, Großbritanniens, Deutschlands und anderer Länder bekannt gemacht hat. Und der damit eine lange Haftstrafe oder Exil auf sich genommen hat.




Rassenhatz gegen Flüchtlinge

Sie tun liberal und bürgerlich, doch im Innern sind sie nichts anderes als Rassisten. Was unter anderem im feinen Westend geschieht, ist einfach widerlich: In der Soorstraße wird derzeit ein Bürogebäude umgebaut, um darin Flüchtlinge aus Syrien unterzubringen. Hunderte von Bürgern aus der Nachbarschaft protestieren dagegen, reden von steigender Kriminalität und dass man dann seine Kinder nicht mehr allein rauslassen könne.
Die Menschen, die dort unterkommen sollen, haben ihre Heimat verlassen, weil dort Krieg herrscht. Sie hatten Angst um ihr Leben, sind froh dem Tod entronnen zu sein und müssen hier nun erleben, dass sie von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung abgelehnt werden. Es sind die alten Feindbilder, die da bemüht werden, eigentlich fehlt nur noch die Hakennase. Den Menschen wird unterstellt, sie wären kriminell, nur weil sie aus einem anderen Land kommen.

Das geiche gestern in Hellersdorf: 800 bis 1.000 Anwohner protestieren bei einer Info-Veranstaltung gegen ein geplantes Flüchtlingsheim in der Carola-Neher-Straße am Stadtpark Cottbusser Platz. Eine Gruppe Neonazis, darunter auch der NPD-Landesvorsitzende, skandiert Parolen, die Bürger applaudieren. Vertreter des Senats und des Bezirks werden niedergebrüllt, nur ganz wenige Menschen solidarisieren sich mit den Flüchtlingen. Vereinzelt gibt es sogar Handgreiflichkeiten, die Polizei muss einschreiten.
Im Fernsehen ereifern sich einige Bürger, sie könnten nicht mehr sicher leben, wenn die Asylsuchenden erstmal hier wären. Die anwesenden Politiker der Linken und Grünen werden als “Volksverräter” beschimpft. Es herrscht eine Pogromstimmung wie 1992 in Rostock-Lichtenhagen. Der rassistische Hass ist bestimmend auf dieser Veranstaltung. Da nutzt es auch nichts, als Bezirksvertreter beschwichtigen, dass es rund um die bereits bestehenden Flüchtlingsheime keine erhöhte Kriminalität gibt. Rassismus lässt sich mit Argumenten offenbar nicht bekämpfen.

Mein Vorschlag: Die schlimmsten Hetzer in ein Flugzeug setzen und nach Damaskus ausweisen.




Podcast 113: Lübars und Marzahn

Was hat Lübars mit Marzahn zu tun? Und Kohlhasenbrück?
Tobi und Aro machen sich auf die Spurensuche nach der Herkunft der Berliner Ortsteilnamen.

https://berlinstreet.de/radio/113.mp3
[ Download und Info ]




Winterabend in Hellersdorf

“Das darf doch nicht wahr sein: noch so spät so’n Winter!”, sagt spät am Abend im Eiffel, meinem Stammlokal am oberen Kudamm, die freundliche Bedienerin; aber bis dahin ist es noch eine lange Zeit.
Morgens früh war es der winterlichste Wintertag, den dieses Jahr bisher lieferte. Ich hatte die Absicht, nach Hellersdorf zu fahren, sobald ich Zeit dazu hätte. Aber von 9 Uhr an bin ich unabkömmlich; die Sitzung der Berufungskommission hatte schon zu spät begonnen. “Ein bisschen Schnee”, sagte der Kollege, der pünktlich war, “und der Zeitplan der Metropole kommt durcheinander.”
In einem früheren Leben war ich an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege, die ihren Sitz jetzt in Friedrichsfelde hat, wo früher die Berliner Stasi ihr Unwesen organisierte, Rektor, Prorektor, Dekan und betrieb Hochschulpolitik.
Der Kollege, der damals Rektor der Fachhochschule für Sozialarbeit war, ist heute ganz was anderes; der Prorektor dagegen ist – hörte ich – immer noch (oder wieder) derselbe; die Hochschule allerdings liegt nicht mehr in Schöneberg in einem alten, engen Gebäude, über das sie Klagen führte, sondern in Hellersdorf, in einem ganz neuen, weiträumigen Gebäude, über das sie auch Klagen führt.

“Hellersdorf ist Sibirien”, soll ein Professor der Hochschule gesagt haben, die am liebsten ihren Standort in Mitte bekommen hätte. Die Wiedervereinigung Berlins hat manchen an Plätze gebracht, von denen er früher nicht mal wusste, dass es sie gibt. Aber Berlin war es trotzdem schon.
Berlin ist immer vollständiger gewesen, als manche, hüben wie drüben, es wahrgenommen haben. Die Stadt – das sind ja nicht die Gebäude und die Straßen, sondern die Menschen… Nein, das ist auch nur ein Proverb. Aus Menschen allein kann man keine Stadt machen. Stadt ist: Menschen in Gegend, und die Gegend muss so-und-so sein, damit wir sie eben nicht eine “Gegend” nennen, sondern Stadt. Wie denn? Gehört Geschichte dazu? Stadt fängt erst an, wenn ein Stück Geschichte da ist, das man vergessen kann.
Ehe ich loskomme von Friedrichsfelde ist es fast dunkel, und als ich aus der U5 am Bahnhof Hellersdorf aussteige, ist es ganz dunkel. Der Schnee fällt dicht. Er behütet nichts, denn er ist nicht sanft und leise, sondern heftig und nass.
Hellersdorf hat schöne Straßennamen. Aus dem Bahnhof komme ich zuerst auf die Nelly-Sachs-Straße. Die Dichterin hat in Charlottenburg gewohnt, solange man sie in Deutschland wohnen ließ. Ob sie je hier war, wo jetzt ihre Straße an der Bahn entlang führt? Das glaube ich nicht. So lange ist es ja nicht her, dass das hier Feld war, Wiese, Brache, Pappelwäldchen. Auch jetzt sind die Häuser hinten noch nicht fertig, deren Bewohner unter dem Namen der in Schweden gestorbenen Nobelpreisträgerin ihre Liebesbriefe bekommen werden.
Auch Peter Weiss beendete – aus seinem unwirtlichen deutschen Vater- und Mutterland vertrieben sein Leben in Schweden. Ich gehe durch seine Straße, die sich eine Gasse nennt, aber eigentlich nichts Gassenhaftes hat, um die Hochschule herum, der über den Platz ihrer aus ihrer Vater- und Mutterstadt ausgebürgerten Namensgeberin der Schnee entgegenweht. Die Mensa ist erleuchtet, aber geschlossen. Das Studentenwerk macht bloß bis 15 Uhr auf. Viele Fenster der Hochschule sind jetzt – gegen 18 Uhr – dunkel. Zu unserer Zeit waren Hochschulen lebhafte Abendveranstaltungen. Das hat sich überall geändert. Das Fernsehen fordert uns alle.

Gegenüber der Hochschule auf beiden Seiten: Foren, Center. Das sind in ihrer aktuellen Verwendung zwei ganz moderne deutsche Wörter. Eigentlich ja keine deutschen. Aber eine Sprache, die Kraft hat, fängt sich aus anderen Sprachen die Wörter auf, die Glanz verbreiten. Marktplatz Center, Helle Zentrum.
Mehrere kleinere Örtlichkeiten hier herum heißen “Platz”, nach Alice Salomon, wie gesagt, nach Fritz Lang, nach Kurt Weill, nach Peter Weiss, sie versuchen deutsche Örtlichkeit solchen Menschen zu geben, die ein anderes Deutschland rausgeschmissen hatte; aber eigentliche Plätze sind es darum noch nicht; die eigentlichen Plätze, öffentlichen Orte der Gegend, liegen nicht draußen unterm freien Himmel, der sich jetzt so unwirtlich aufführt, sondern drinnen, im Zentrum, im Center, im Forum. “Stadt ist: Straßen und Plätze unter freiem Himmel” – das ist vorbei.
Ich bin froh, dass ich den schneeschweren Schirm zuklappen und abklopfen kann und eintreten aus dem Halbdunkel des Straßenabends in die gepflegte Helle und Ruhe des Helle- und des Marktplatz-Zentrums, Centers. Beide Einrichtungen sind gut sortiert, genügend Snack-Bars, Café-Grills, Imbissstände, Geschäfte aller Arten, für alles, was man braucht, in sanfter Farbigkeit, freundlich bewacht von Männern, die aussehen wie aus einem amerikanischen Vorabendfilm.
Hellersdorf, denke ich, ist vielleicht eines der modernsten Stadtstücke in ganz Berlin: dieses Stück von Hellersdorf, das sich um den Markt herumordnet, dessen Attraktion auch zu dieser Abendstunde noch die Eislaufbahn ist, auf der sich die Jugend vergnügt. Die DDR hat die Menschen hierher gebracht, aber die Stadt noch nicht. Die Stadt kommt jetzt in ihrer postmodernsten Modernität: als die Kommerz- und Fastfoodstadt unterm Kunsthimmel: als die Forum- und Center-Stadt: die Innenstadt, die Stadt, die aus einer Öffentlichkeit besteht, von der man nicht weiß, ob sie nicht eigentlich Privatheit ist, die der Inhaber auch schließen kann, zumachen; dann ist die Stadt aus, zu, nicht geöffnet.
Die Öffentlichkeit, die wir dann noch erleben, besteht aus einer Vereinzelung, von der wir allerdings wissen, dass ihr Inhalt der Vereinzelung des Nachbarn gleicht: Fernsehen, für alle dasselbe Programm, auch wenn man es über fünfunddreißig Kanäle empfängt.

Hellersdorf ist viel eher New York als Sibirien, das müssten sie doch in der FHS wissen. Einen besseren Platz kann es für eine Sozialarbeiterhochschule doch gar nicht geben, als eine Stadt, die erst Stadt wird, nachdem sie längst Menschen in Großstadtmenge hat; deren Zentrum nachwächst und die also mit den Straßennamen ihre städtische Postmoderne nach ideologischen Eltern benennen kann, die eigentlich noch ganz unmodern waren.
Ästhetik der Zustimmung. Das ist der Begriff, der mir einfällt, als ich auf dem Bahnsteig die Leute betrachte, die mit mir den Zug Richtung Alex erwarten. Es herrscht eine Stimmung der Wohlerzogenheit. Hellersdorf ist ein wohlerzogener und junger Bezirk.
Die U-Bahn kommt mit einem Ganz-Raum-Zug des modernsten Typs. Ich habe ein In-Gefühl. Die Leute sind gut angezogen. Sie benehmen sich freundlich.
Neben mir sinkt sich ein Paar in die Arme mit dem Ernst und der leisen Traurigkeit, die die Liebe begleitet, wenn sie ernst wird. Das Männerpaar auf der Bank gegenüber mit den glanz-geputzten Budapestem blickt verstohlen und – wie mir scheint – ein bisschen neidisch. Nein, sage ich mir nach einiger Zeit: nicht neidisch … eher mitfühlend.
Dieser Zug der U5 ist eine Center-Straße auf Reisen. Hellersdorf erstreckt sich bis zum Alex. Dreiunddreißig Minuten. Ich habe ganz vergesssen, dass es draußen Winter ist. Die Modernität kommt von der Peripherie, das Zentrum muss sich erst noch fügen. “Unser Abend wird auch schön”, sagt der ältere Mann zum jüngeren.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Liste der verbotenen Bücher

Schon kurz nach der Machtübergabe an die Nazis kam es in Deutschland zu einer widerlichen Aktion. Tausende Studenten organisierten auf dem Opernplatz in Berlin (heute Bebelplatz) eine Bücherverbrennung “wider den undeutschen Geist”. Am 10. Mai 1933 zogen sie vom Hegelplatz in einer Demonstration durch Mitte. Am Opernplatz wurden 25.000 Bücher von demokratischen, jüdischen und anderen verachteten Autoren aufgehäuft, die von den NS-Studenten angezündet werden sollten. Aufgrund des strömenden Regens funktionierte das nicht, so dass die Feuerwehr (!) mit Benzin nachhalf. Einer der verfemten Autoren, Erich Kästner, stand in der Menge und sah dabei zu, wie seine Werke in Flammen aufgingen.
Die Liste von den Nazis verbannten und verbrannten Bücher ist lang. Rund 5.800 Titel standen auf dem Index, der als “vertrauliche Dienstsache” jedoch nie veröffentlicht wurde. Erst jetzt kann die gesamte “Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums” im Internet eingesehen werden. Wolfgang Both setzte sich lange dafür ein, dass die Titel online publiziert werden können.
Ab sofort ist die Liste, nach Auoren und Titel sortiert, hier abrufbar:
www.berlin.de/rubrik/hauptstadt/verbannte_buecher/




Der Tunnel

Nachdem er vor sieben Jahren geöffnet wurde, machte bald ein Witz die Runde: “Wenn man in Berlin mal richtig allein sein möchte, fährt man einfach in den Tiergartentunnel.”
In den ersten Monaten wurde er tatsächlich kaum genutzt. Der Grund für die zaghafte Annahme der Strecke war, dass sie anfangs keinen Vorteil erkennen ließ. Vor allem die beiden südlichen Ausfahrten endeten nicht an den gewohnten Strecken, so dass sich viele erst mal orientieren mussten. Der Grund dafür, dass der Tunnel im Süden irgendwo am Ufer des Landwehrkanals endet, ist die Rückwärtsgewandtheit mancher Politiker – und er liegt in der Vergangenheit. Schon seit Mitte der 70er Jahre wurde durch massive Bürgerproteste verhindert, dass die Stadtautobahn von Steglitz kommend über Kreuzberg und Moabit in den Wedding weitergeführt wurde. Seitdem endet sie kurz vor dem Sachsendamm an der Friedrich-Gerlach-Brücke, die deshalb eigentlich überflüssig ist. Wäre die Autobahn weitergebaut worden, wäre sie genau gegenüber der Stelle an den Landwehrkanal gestoßen, wo heute der Tiergartentunnel endet. Und so dachten sich wohl einige Betonpolitiker, wenn erstmal der Tunnel fertig ist, ist es leichter, die Autobahn doch noch durchzusetzen, als Verlängerung nach Mitte. Das hat jedoch nicht geklappt, dafür musste aber eine neue Brücke über den Landwehrkanal gebaut werden, damit die Tunnelausfahrt überhaupt einen Sinn hat.

Heute ist der Tunnel voll, er ist eine gute Verbindung, z.B. vom Hauptbahnhof zum Potsdamer Platz oder weiter nach Kreuz- und Schöneberg, Neukölln oder Tempelhof. Und weil man da doch so schön fahren kann, missbrauchen ihn zahlreiche Taxi-Kollegen, um einen Umweg zu nehmen. Wenn sie aus der West-City kommen und Fahrgäste zum Hauptbahnhof bringen, ist der kürzeste Weg oben herum, Großer Stern, Bellevue, durch die Lüneburger Straße oder auch über Paul- und Invalidenstraße. Aber manche Kollegen fahren in betrügerischer Absicht, oder weil sie sich eben nicht wirklich auskennen, die Tiergartenstraße bis zum Kemperplatz durch und dann in den Tiergartentunnel. Der Fahrgast merkt ja hoffentlich nichts. Dabei ist es ein Umweg von fast einem Kilometer.

Im Tunnel selber ist es dann mittlerweile recht voll. Da wird dann bei der Einfahrt von manchen Schlaubergern gerne auch die gesperrte rechte Spur genutzt, in die sich dummerweise aber die Autos der zweiten Zufahrt einfädeln müssen. Die meisten Tunnelsperrungen wegen Unfällen gehen darauf zurück.
Nachts, wenn die Röhren leer sind, verwechseln viele den Tiergartentunnel mit einer Autobahn. Auch ich halte mich dann nicht an die vorgeschriebene, innerstädtische Standardgeschwindigkeit. Doch selbst bei angemessenen 70 Stundenkilometern rasen manche Kollegen an mir vorbei, mit vielleicht 90 km/h. Nur dass die Breite der Fahrspuren gar nicht auf diese Geschwindigkeiten ausgelegt ist.

Skurril ist es manchmal, wenn der Tunnel gesperrt ist. Das kommt fast täglich vor und überfordert anscheinend manchen Autofahrer. Selbst wenn die Schranke quer über die Straße geschwenkt wurde und darauf fünf große, rote Lampen blinken, heißt das für manche noch lange nicht, dass man nicht da langfahren soll. So kann man immer wieder Autos beobachten, die minutenlang vor der Sperre stehen – vermutlich, weil die Fahrer nicht in der Lage sind, die Zufahrt wieder zu verlassen und sich oben herum einen anderen Weg als den vom Navi befohlenen zu suchen.
Besonders bei schlechtem Wetter verirren sich gerne auch Mopeds und sogar Fußgänger in den Untergrund. Unvergessen ist aber die Nacht, als ich vor mir plötzlich einen Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht sah, im Schritttempo fahrend, schlichen sie in der Mitte der beiden Fahrspuren bis zur Tunnelausfahrt Kemperplatz. Dort angekommen sah ich den Grund für die merkwürdige Fahrweise: Ein Fuchs rannte quer über die Gegenfahrbahn und verschwand in den schützenden Büschen des Tiergartens.