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		<title>Kurze Fahrt</title>
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		<pubDate>Wed, 22 May 2013 02:01:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Aro Kuhrt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Taxi]]></category>
		<category><![CDATA[Rassisten]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich stand schon eine Weile an der Taxihalte Leibniz/Kudamm, war bis zur zweiten Position aufgerückt, als drei Männer auf den Wagen vor mir zugingen und die Tür öffneten. Alle Drei im Geschäftsleute-Outfit, gut gelaunt, wahrscheinlich kamen sie gerade vom Essen und wollten ins Hotel oder einen Nachtclub. Aber anstatt einzusteigen, warfen sie die Tür des [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p> 	Ich stand schon eine Weile an der Taxihalte Leibniz/Kudamm, war bis zur zweiten Position aufgerückt, als drei Männer auf den Wagen vor mir zugingen und die Tür öffneten. Alle Drei im Geschäftsleute-Outfit, gut gelaunt, wahrscheinlich kamen sie gerade vom Essen und wollten ins Hotel oder einen Nachtclub. Aber anstatt einzusteigen, warfen sie die Tür des Taxis zu und kamen zu mir. Einer öffnete und fragte, ob ich sie ins Hotel de Rome fahren würde.<br />
&#0187;Natürlich.&#0171;<br />
Mit meinen Kunden fuhr ich also vom Halteplatz runter und musste bei Rot an der Ampel warten.<br />
&#0187;Warum wollten Sie denn nicht mit dem Kollegen fahren?&#0171; Mich interessierte das wirklich, immerhin ist es eine Tour von rund 15 Euro.<br />
&#0187;Nein, mit einem Neger wollen wir nun wirklich nicht mitfahren. Wir sind ja hier schließlich nicht im Dschungel.&#0171;<br />
Einen Moment lang dachte ich, ich höre nicht richtig. In diesem Moment schaltete die Ampel auf Grün. Aber statt Richtung Mitte zu fahren, machte ich einen großen Bogen nach links und stoppte am gegenüberliegenden Straßenrand. Noch bevor ich etwas sagen konnte, ging das Gezeter los: &#0187;Wieso halten Sie hier? Was soll das? Fahren Sie uns zum Hotel!&#0171;<br />
In diesem Moment war ich richtig voller Hass auf diese Rassisten, und das haben sie auch gemerkt. Ich sagte leise &#0187;Raus, sofort.&#0171;<br />
Während hinten die Tür zum Aussteigen geöffnet wurde, protestierte der Mann neben mir: &#0187;Was soll das, wieso werfen Sie uns raus?&#0171;<br />
Ich war nicht mehr in der Lage, ruhig zu bleiben, und nun schrie ich ihn an: &#0187;Raus hier, sofort! Scheiß Rassist!&#0171;<br />
Nun endlich hatte er es begriffen, stieg aus und schmiss die die Tür zu. Mit den anderen beiden Typen ging er zurück zum Taxistand. Die Kollegen hatten das Theater beobachtet und sich bestimmt gewundert, wieso ich die Leute wieder rausschmeiße. Jedenfalls nahm niemand der anderen Fahrer die drei Männer mit, die sich stattdessen ein Taxi von der Straße winken mussten. Sicher haben die Kollegen nicht wegen ihrer antirassistischen Grundeinstellung so reagiert, so weit geht das Bewusstsein und die Solidarität nur bei den wenigsten. Sie kannten ja den Grund des Rausschmisses nicht und wollten einfach keinen Ärger im Wagen. Mir war es recht, und ich war nur froh, die 15-20 Minuten bis zum Hotel nicht mit diesen drei Leuten gemeinsam im Auto verbringen zu müssen &#8211; Beförderungspflicht hin oder her.<br />
Eines aber habe ich dadurch leider verpasst. Nämlich in die Gesichter dieser Typen sehen zu können, als sie sahen, dass der Nacht-Doorman vom Hotel de Rome ebenfalls ein Schwarzer ist.</p>
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		<title>Von Kaulsdorf nach Wuhletal</title>
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		<pubDate>Sun, 19 May 2013 00:00:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Diether Huhn</dc:creator>
				<category><![CDATA[Spaziergänge]]></category>
		<category><![CDATA[Hellersdorf]]></category>
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		<description><![CDATA[Das Wort Mittelalter haben diejenigen erfunden, die sich gerne einbilden möchten, die Menschheit sei unterdessen erwachsen geworden. Sie sagen gerne &#0187;im Mittelalter&#0171; im Sinne von: &#0187;damals war&#8217;s&#0171;. Im Mittelalter gab es auf dem Gebiet des erwachsenen Berlin fünfundfünfzig Kirchdörfer, vierunddreißig davon &#0187;bewahren noch Teile der mittelalterlichen Substanz&#0171;. Las ich. In der Liste steht auch Kaulsdorf. [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p> 	Das Wort Mittelalter haben diejenigen erfunden, die sich gerne einbilden möchten, die Menschheit sei unterdessen erwachsen geworden. Sie sagen gerne &#0187;im Mittelalter&#0171; im Sinne von: &#0187;damals war&#8217;s&#0171;. Im Mittelalter gab es auf dem Gebiet des erwachsenen Berlin fünfundfünfzig Kirchdörfer, vierunddreißig davon &#0187;bewahren noch Teile der mittelalterlichen Substanz&#0171;. Las ich. In der Liste steht auch Kaulsdorf. Wer von Westkreuz im Westen hierher kommt, weit hinter Ostkreuz im Osten, hat mit der S5 in einer Dreiviertelstunde ganz Berlin durch, wie ein groß gedrucktes Buch.</p>
<p>Mich umblickend auf dem S-Bahnhof Kaulsdorf, an diesem vorfrühlingshaften Januar-Mittwoch, nach dem Lokal am Bahnhof, dessen Freundlichkeit Manfred Jagusch, der Fotograf, so gelobt hat, überkommt mich nichts Mittelalterliches, überhaupt nichts Substantielles; &#0187;wo ist der Ort?&#0171; frage ich mich.<br />
Auf der Nordseite der Markt ist vor allem ein Halteplatz für Busse; man sieht, daß es für viele von hier aus immer noch weitergeht. Sogar eine Buchhandlung ist da. Buchhandlungen geben nach meinen Vorurteilen allen Orten etwas unmittelalterlich Aufgeklärtes. Auf der anderen Platzseite, ziemlich neu, der Brückenkopf der Landesbank: Finanzierungsberatung, Finanzierung; weil hier viel Platz ist, auf dem man bauen kann? Und braucht trotzdem &#8211; wie gesagt &#8211; mit der schnellen Bahn mitten nach Berlin nur Zeit, die nach Minuten rechnet? An dem mittelgroßen Mittelhaus leuchtet fast über die ganze Hälfte rot-bunte Leuchtschrift: Wohnungen, Wohnungen, bei Frau Sommer, Frau Sommer.<br />
Auf die Südseite gelangt man durch einen langen Tunnel; er führt direkt vor ein Budenensemble, das so aussieht, als ob es hier alles gibt, was man an der Grenze zwischen zwei Kulturen benötigt; es begegnen sich die, die kommen, mit denen, die gehen. Aber die Chancen für die Budiker werden geringer; weiter unten am Mädewalder Weg in Neu- und Renovierbauten gibt es Schlecker und derartige verfestigte Geschäfte. Die meisten Wilhelmstraßen und -plätze in Berlin heißen nach Königkaisern, die meisten sogar nach einem bestimmten, hier in Kaulsdorf dagegen ist tatsächlich nur der Männername gemeint und eben alle Wilhelms, die sich verdient gemacht haben, in welcher Profession auch immer, und Augusts, durch deren Straße ich gleich spazieren werde, Adolfs, Hermanns, nach denen die Planitzstraße bis in die 30er Jahre hieß; da hieß der Wilhelmsmühlenweg noch Friedrich- und der Mädewalder noch Wilhelmstraße, ehe die regierenden Deutschnationalisten ihm den Namen des litauischen Ortes gaben, den die Litauer ganz anders nennen.</p>
<p>Ich vermeide die Planitzstraße, weil ich mit dem nationalen Schriftsteller nichts zu tun haben möchte, nach dem sie heißt: &#0187;Der Dragoner von Gravelotte&#0171;, und &#8211; wie gesagt &#8211; biege in die Auguststraße ein.<br />
Wo die überraschend große und selbstgenügsam aussehende Schule steht, zweigt die Waplitzer Straße ab, die ein Weg ist, der einen polnischen Ort benennt, wie die Brodauerstraße, im Kreis Allenstein, Woiwodschaft Olsztyn; Straßennamen vom Ende der 30er Jahre, kurz vor Weltkriegsbeginn, als die Deutschen dachten, sie könnten sich im Osten nehmen, was anderen gehörte. Da steht das Ehrenmal für die Sowjetsoldaten an der Brodauerstraße wohl an der richtigen Stelle; der Stern, den es hochhält, das war ein Stern der Befreiung, geschichtlich betrachtet: bestimmt, wenn es auch manche anders empfunden haben 1945, in der Schlacht um Berlin, in der die Deutschen ihr Unglück und ihre Schuld verteidigten. Ist das unterdessen ein Datum, das auch zum Mittelalter gehört? Die toten russischen Soldaten, die hier mal begraben waren, ruhen jetzt im Treptower Bombast; ewiger Ruhm, ewiger Ruhm, ewiger Ruhm &#8230; auch hier steht es dreimal in der langsam vom Stein gefressenen Schrift; das Denkmal ist baufällig, die Steine streben auseinander, das Vergessen breitet sich aus.</p>
<p>Die Brodauer Straße fällt nach Westen leicht ab, bevor sie an der sich erneuernden Kita in die ihre Arme ausbreitende Dorfstraße übergeht.<br />
Man kommt von oben auf die Jesuskirche zu und, wenn man sie erreicht hat, kann man überrascht sein. Denn plötzlich erinnert man sich an solche Buchsätze, die die fünfundfünfzig Mittelalterdörfer und ihre vierunddreißig erhaltenen Rückstände aufführen. Ein Dorf, um die Kirche, beidseits der Anger, der sich in angenehmster Unregelmäßigkeit anhebt und zu den Guts- und Angerhäusern abfällt; vorbei am roten Haus blickt man ins Wuhletal. Die Gedenktafel aus weißem KPM-Porzellan ist an der dunklen Kirchhofswand fast zu leuchtend und sagt in ihrer offiziellen Blauschrift auch nur die Quintessenz von dem, was es hier zu wissen gibt über Heinrich Grüber, später Propst von Berlin.<br />
Der Pastor hatte auch als ein Nationalist angefangen, sogar in der Nazipartei soll er Mitglied gewesen sein. Manche sagen: Diejenigen, die etwas bewirkten gegen die Diktatur, das mussten Politiker sein, wer wirklich Menschen retten wollte und nicht nur sein eigenes gutes Gewissen, der musste taktieren, Tricks verwenden, der musste sich beispielsweise als ein Nazifreund loben lassen, um nicht ein Naziopfer zu werden. Ein solcher praktisch wirksamer Mann war der Pfarrer Grüber, der hier in der Kaulsdorfer Kirche von 1933 bis 1945 Pfarrer war und in Mitte ein Büro hatte, das Juden und anderen Verfolgten half, der Verfolgung zu entkommen. Das ist die Gegenwart, nun auch schon Vergangenheit, die auf der &#0187;mittelalterlichen Substanz&#0171; auflagert, die die Jesuskirche umschließt.<br />
Gegenüber die Gutshöfe sind jetzt Investitionsplätze für Eigentumswohnungen, aus deren Fenstern man nehme ich an &#8211; vielfach weiten Blick über das breite Tal der schmalen Wuhle hat, die durch die Wiesen fließt über der schwarzen Erde, die westlich zu Marzahn und östlich zu Hellersorf gehört. Die Dorfstraße endet am Friedhof, der dicht heranreicht an den Bahnhof Wuhletal, auf dem die S- und die U-Bahn nebeneinander halten wie nirgendwo sonst in Berlin. Hinter dem rötlich schimmernden Hügel, der die Gegend vom westlichen Berlin trennt und ihr eine fast ländliche Abgeschlossenheit verleiht, geht die Januarsonne unter, als ob es schon Mai wäre; von unten her, kann ich mir einbilden, beleuchtet sie die wenigen Wolken, die am Westhimmel niedrig stehen, so daß sie in rosa und violett leuchten, &#0187;das darf doch nicht wahr sein!&#0171;, flüstert die Frau, die eben vom Bahnhof heruntergekommen ist, den Weg über den Friedhof nimmt und sich umwendend neben mir verweilt, weil sie mich in Himmelsbewunderung dastehen sieht; dann sagt sie: &#0187;Toll!&#0171; und dann, ein bisschen leiser, damit sie den Eindruck nicht stört und das Licht nicht verschreckt: &#0187;Schön.&#0171; Es ist schön hier.</p>
<p><h2>Aus: <a href="/1476">Spaziergänge in Berlin</a> (1990er Jahre)</h2>
</p>
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		<title>Überholungsbedürftig</title>
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		<pubDate>Wed, 15 May 2013 02:35:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Aro Kuhrt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Taxi]]></category>
		<category><![CDATA[Kollegen]]></category>

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		<description><![CDATA[Kurz nachdem ich an der Taxihalte Nollendorfplatz angelegt hatte, stellte sich ein weiteres und kurz darauf noch ein Taxi hinter mich. Der recht junge Fahrer des letztes Wagens kam zu mir und sagte, ich soll ihn bei der nächsten Gelegenheit vorlassen. &#0187;Wieso?&#0171; &#0187;Das weißt du ganz genau!&#0171; &#0187;Dann würde ich wohl nicht fragen.&#0171; &#0187;Du hast [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p> 	Kurz nachdem ich an der Taxihalte Nollendorfplatz angelegt hatte, stellte sich ein weiteres und kurz darauf noch ein Taxi hinter mich. Der recht junge Fahrer des letztes Wagens kam zu mir und sagte, ich soll ihn bei der nächsten Gelegenheit vorlassen.<br />
&#0187;Wieso?&#0171;<br />
&#0187;Das weißt du ganz genau!&#0171;<br />
&#0187;Dann würde ich wohl nicht fragen.&#0171;<br />
&#0187;Du hast dich eben vorgedrängelt, das ist nicht korrekt.&#0171;</p>
<p>Nun gehöre ich wirklich nicht zu den Typen, die die Unaufmerksamkeit eines Kollegen ausnutzen, um sich an der Halte weiter nach vorn zu schummeln. Ich musste also erst mal einen Moment nachdenken, war mir aber keiner Schuld bewusst. Wo könnte ich an ihm vorbei gefahren sein?<br />
&#0187;Du hast mich auf dem Hohenzollerndamm überholt.&#0171;<br />
Stimmt, ich war am HZD, kam gerade von der Argentinischen Allee. Zwischen Roseneck und Elsterplatz habe ich einen freien Kollegen überholt, der mit etwa 30 km/h vor sich hin schlich.</p>
<p>&#0187;Das ist fast eine Viertelstunde her&#0171;, antwortete ich, &#0187;in Schmargendorf. Und jetzt regst du dich am Nolli darüber auf? Außerdem sind dort 50 Stundenkilometer erlaubt, da musst du nach Mitternacht nicht im Schritttempo fahren.&#0171;<br />
Der Kollege sah das nicht ein, obwohl ich ihn noch darauf hin wies, dass wir an der Autobahnauffahrt noch zusammen an einer roten Kreuzung standen und er dann wieder so langsam weitergefahren ist.<br />
&#0187;Das ist egal. Du musst hinter mir fahren, überholen ist <strong>verboten!</strong>&#0171; Das letzte Wort sprach er in einer Inbrunst aus, dass es eine Freude war. Bestimmt ist es sein Lieblingswort.<br />
Bis zu diesem Zeitpunkt war ich ja noch auf eine Verständigung mit dem Kollegen aus, nun aber konnte ich ihn nicht mehr ernst nehmen. Es kam mir vor, als wäre er auf einem Kreuzzug gegen das Böse &#8211; und hat sich auf dem Weg dummerweise verlaufen.<br />
Dann holte er zum großen Schlag aus: &#0187;Das gibt eine Meldung beim Labo<sup><a href="http://www.berlinstreet.de/6978#footnote_0_6978" id="identifier_0_6978" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Beh&ouml;rde, die u.a. die Genehmigungen zur Personenbef&ouml;rderung vergibt">1</a></sup>!&#0171;<br />
Diesmal lachte ich ihn richtig aus. &#0187;Na, dann mal los, die kennen dich dort bestimmt schon gut.&#0171;<br />
&#0187;Das ist nicht zum Spaßen, es ist eine ernste Sache. Verstoß gegen die Taxi-Ordnung Berlin, das wird dich deinen P-Schein kosten!&#0171;</p>
<p>Es war nur lächerlich, wie er sich aufplusterte. Ich lachte wieder und antwortete: &#0187;Schätzchen, wenn du mir das in der Taxi-Ordnung zeigst, dann lasse ich dich sofort vor!&#0171;<br />
Ohne eine Antwort lief er zurück zu seinem Wagen. Und obwohl ich es nicht sehen konnte, bin ich mir sicher, dass er die TaxO sofort von vorn bis hinten nach dem entsprechenden Paragrafen durchsucht hat. Dann allerdings erfolglos, denn es gibt keine offizielle Bestimmung, die das Überholen eines leeren Taxis verbietet. Unabhängig davon hält man sich natürlich trotzdem daran, sofern der Kollege in angemessener Geschwindigkeit fährt. Doch diese Rücksichtnahme hat Grenzen, wenn man mitten in der Nacht von dem Kollegen unnötigerweise zum Schleichen gezwungen wird.</p>
<p>Am Nolli jedenfalls habe ich vergeblich darauf gewartet, dass der Kollege mit der Taxi-Ordnung in der Hand nach vorn kommt, um seinen Platz einzufordern.</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_6978" class="footnote">Behörde, die u.a. die Genehmigungen zur Personenbeförderung vergibt</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Bilder</title>
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		<pubDate>Sat, 11 May 2013 22:01:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Diether Huhn</dc:creator>
				<category><![CDATA[Spaziergänge]]></category>
		<category><![CDATA[Tiergarten]]></category>

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		<description><![CDATA[Wann sagt man von Bildern, dass es Lieblingsbilder sind? Als es mir zu einer gewissen Zeit meines Lebens nicht gut ging, ging ich oft sonntags nach Dahlem in die Gemäldegalerie West und sah mir Joshua Grigby an. Von Joshua Grigby wusste ich nichts, außer dass er, ein Engländer, im 18. Jahrhundert gelebt hatte und dass [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p> 	Wann sagt man von Bildern, dass es Lieblingsbilder sind? Als es mir zu einer gewissen Zeit meines Lebens nicht gut ging, ging ich oft sonntags nach Dahlem in die Gemäldegalerie West und sah mir Joshua Grigby an. Von Joshua Grigby wusste ich nichts, außer dass er, ein Engländer, im 18. Jahrhundert gelebt hatte und dass er ein Gegner der Sklaverei war. Er hatte sprechende braune Augen und einen sowohl zärtlichen wie energischen Mund. Das ist selten. Auf Joshua Grigby kann man sich verlassen. Eine Zeitlang konnte ich mir vorstellen, dass Lady Sunderlin, eine sonst zurückhaltende und nur infolge der Einmaligkeit ihrer Liebe leidenschaftliche Frau, mit dem zugleich hingebungsvollen wie beherzten Blick ihrer ebenfalls braunen Augen, dem Rechtsanwalt Grigby entgegensieht, der ein bisschen auf sich warten lässt.<br />
Diese beiden Dahlemer Lieblingsbilder &#8211; Grigby gemalt vom großen Thomas Gainsborough, die Lady von Joshua Reynolds &#8211; hängen jetzt, als ob man bei mir nachgefragt hätte, nebeneinander im eindrucksvollen Raum 20 der Neuen Gemäldegalerie an der Sigismundstraße. Ich kann nun hinten, hinter der Säule, sitzen, auf den eleganten Holzbänken im Erker, im Rücken meines Jugendpaares, und wenn ich entweder hinaussehe auf die Sigismundstraße oder träumerisch in den Raum hinein, kann ich eine Vergangenheit meines eigenen Lebens in Gegenwart verwandeln, an die ich mich sonst nicht mehr erinnere.</p>
<p>An diesem Januardienstag, gegen vier Uhr nachmittags, dachte ich plötzlich an Lady Sunderlin. Vom Tempelhofer Ufer bis zur Neuen Gemäldegalerie ist es nicht weit. Erst gehe ich ein Stück am Landwehrkanal entlang. Ein schöneres Stück Landwehrkanal gibt es nicht, als das, über das die U1 die Seiten wechselt, gerade an der Stelle, an der auch die Eisenbahnbrücke übers Wasser führte zum Anhalter Bahnhof, den die Weltgeschichte mit sich genommen hat, als sie hier vorüberging in ihrem weiten Mantel. Rechts liegt James Hobrechts Pumpwerk mit der schönen Esse, jetzt &#0187;Lapidarium&#0171;, Haus der Steine, dicht an der Grenze von Kreuzberg zu Tiergarten.<br />
Den ganzen Weg lang sieht man jetzt das debis-Haus in seinen warmen italienischen Farben. An diesem Dienstag hätten Sie mit mir gehen müssen! Die Sonne lag auf den Terrakotten der Fassade, und sogar das debis-Grün oben, obwohl nur aus Metall, leuchtete vor einem verblassenden blauen Himmel wie&#8230; wie&#8230; es war so schön, dass man dafür keinen Vergleich braucht, unvergleichlich.<br />
Mit dem 129er fuhr ich bis zur Potsdamer Brücke und stieg &#8211; ich könnte sagen: schritt &#8211; die breiten Stufen hinauf auf das Plateau der Neuen Nationalgalerie, durch deren gläsernen Oberbau man derzeit hindurchsehen kann; da sieht man nördlich die Philharmonie, deren Goldfassade nun mit dem debis-Haus rechts und den anderen Installationen zum Potsdamer Platz eine Konkurrenz bekommen hat, die ihr Gold nördlich aussehen lässt; das debis-Gold &#8211; oder sagen wir mit dem Namen des Architekten: das Piano-Gold &#8211; ist in der Abendsonne italienisch, südlich, wie die Erde der Toskana. Linker Hand liegt &#8211; wie aus der Bonbonniere das Wissenschaftszentrum; mein Freund Johann Geist, der Architekturhistoriker, den ich gegenüber aus dem Fenster sehen sehen könnte, sagt in Richtung auf den englischen Architekten: &#0187;Da hat Stirling einen Witz gemacht!&#0171; Ein wissenschaftlicher Kollege von mir sagt: &#0187;Das ganze Wissenschaftszentrum ist ein Witz&#0171;.<br />
Dahinter liegt das Bewag-Haus. &#0187;Da musst du hin, wenn du nicht bezahlt hast, und sie haben dir den Strom abgestellt&#0171;, sagt Paul Kein, unser Designer, &#0187;jedenfalls war es in Westberlin so.&#0171;</p>
<p>Unter meinen Füßen liegt jetzt Gaugin, die Ausstellung im Souterrain &#8211; Keller will ich nicht sagen, um Mies van der Rohes Entwurf nicht zu schmähen, dauert noch an; &#0187;und wenn man ihn einen Kinderschänder nennt?&#0171; sagt meine Lebensfreundin vorsichtig, nachdem wir ausgerechnet hatten, wie alt die Frauen waren, denen Gaugin Kinder machte.<br />
Von hier aus sind es zur Neuen Gemäldegalerie keine zweihundert Meter. Die Straße, die man überqueren muss, heißt nach einem Kind; Sigismund war ein Kaisersohn, Wilhelm I., deutscher Kaiser, König von Preußen, und die Queen Victoria, englische Königin, Kaiserin von Indien, waren seine Großeltern; er selbst ist keine zwei Jahre alt geworden. Die Gemäldegalerie, die nun an seiner Kindstraße liegt, hieß in einer früheren Epoche ihrer Geschichte nach seinem Vater: Kaiser-Friedrich-Museum; das haben wir alles hinter uns; der Gemäldegalerie wäre es egal, wenn die Straße, an der ihre Nebenfront liegt, die inhaltlich die Hauptfront ist, irgendeinen anderen Kindernamen führte; bloß keinen politischen Namen, den man später ausstreichen muss: die Matthäikirchstraße neben Stülers Kirche, um die sich früher die geschlossenen Fassaden schlossen, hieß bei den Nazis Standartenstraße, nach den Bataillonen der SA und SS.<br />
Gottseidank, das haben wir auch hinter uns, die Standarten sind wieder eingerückt ins zivile Leben, als ob es sie nie gegeben hätte. Die Kirche ist noch da, nachher, wenn ich vor dem Haupteingang der Galerie und des ganzen &#0187;Kulturforums&#0171; stehe, steht ihr Campanile schlank und einsam vor dem blauen Abendhimmel, den die schon untergegangene Sonne ein bisschen rötet.</p>
<p>Das Eindrucksvollste sind im Augenblick die Krähen. Früher saßen sie an der Grenze zwischen Tag und Nacht auf dem First von Hans Scharouns aluminiumgelber Staatsbibliothek, die von hier aus mit Renzo Pianos debis-Turm zu einer phantastischen Einheit verschmilzt. Sie genossen die warme Abluft, die von den Büchern und den Lesern heraufzog.<br />
Jetzt sind die schlauen Vögel übergesiedelt zur Gemäldegalerie, sie drängen sich um die Lunette über der Rotunde, mit der die Galerie am westlichen Ende der etwas bahnhofshaften Eingangshalle zugleich bescheiden und selbstbewusst beginnt. Was sie da unter sich sähen, das ganz in sich aufzunehmen, dafür fehlt den Krähen gewisser Sinn. Selbst wenn der Lavendel blüht, auf dem die Architekten zwischen Straße und blassgelber Terrakottenwand bestanden, selbst dann wirken die Außenfronten der Galerie, die ich jetzt ganz umrunde, auf mich nicht italienisch und &#8211; im Gegensatz zu den Buchbeschreibungen &#8211; erinnern sie mich auch nicht an Schinkel. Mich erinnern sie mehr an Speer und an die Standarten von vorhin. Aber innen, wenn man durch die Rotunde hindurch ist und der große Eingangssaal kommt, den die Krähen nicht würdigen wollen, erwärmt sich das Herz: die Repräsentation ist nicht nur zum Bewundern, worauf man beschränkt wäre, wenn sie außen läge, sondern zum Genießen, weil sie nun innen ist und man auf den Holzbänken sitzen kann, die an den weißen Wänden rundum laufen.</p>
<p>Unterdessen ist es zu spät geworden für Grigby und seine Lady; die Galerie schließt um 6. Der Abend hat begonnen. Ich verweile am Haupteingang und blicke hinüber in die Potsdamer Straße, die die beiden entstehenden Bürotürme an ihrem Ende, an denen die Lichter auf und ab laufen, mit dem Nachthimmel verbinden: &#0187;See you tomorrow!&#0171; Ich versuche mich an gestern zu erinnern, als hier nichts war, keine Gemälde galerie, kein debis, nicht sony, Hyatt, Cinemaxx, das Dunkel, die Mauer, die Vergangenheit, jetzt ist alles Zukunft.</p>
<p><h2>Aus: <a href="/1476">Spaziergänge in Berlin</a> (1990er Jahre)</h2>
</p>
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		<title>Podcast 111: Frische Ideen für das Bestattungswesen</title>
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		<pubDate>Thu, 09 May 2013 22:32:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Aro Kuhrt</dc:creator>
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				<content:encoded><![CDATA[<p> 	<span id="more-6809"></span></p>
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		<title>Moses &#8211; böser Jude und Mann</title>
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		<pubDate>Wed, 08 May 2013 02:23:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Aro Kuhrt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Weblog]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Grüne]]></category>
		<category><![CDATA[Kreuzberg]]></category>

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		<description><![CDATA[Moses Mendelssohn war ein Glücksfall für Berlin. 1743 kam er als 14-Jähriger aus Dessau zu Fuß an der Stadtmauer an, auf der Suche nach seinem Rabbi David Fränkel, der nach Berlin gezogen war. Doch am Halleschen Tor wollte man Moses nicht einlassen, Juden durften die Stadt nur durch das Rosenthaler Tor betreten. Und wer hier [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p> 	Moses Mendelssohn war ein Glücksfall für Berlin. 1743 kam er als 14-Jähriger aus Dessau zu Fuß an der Stadtmauer an, auf der Suche nach seinem Rabbi David Fränkel, der nach Berlin gezogen war. Doch am Halleschen Tor wollte man Moses nicht einlassen, Juden durften die Stadt nur durch das Rosenthaler Tor betreten. Und wer hier nicht wohnte, hatte solange im &#0187;Judenhaus&#0171; zu warten, bis jemand für ihn bürgte.<br />
Später wurde Mendelssohn einer der wichtigsten deutschen Philosophen, er beeinflusste den Preußischen König Friedrich II. in dessen Meinung, dass &#0187;jeder soll nach seiner Façon selig werden&#0171; sollte, auch wenn sich der Alte Fritz selber nicht daran hielt. Vor allem aber war Mendelssohn der wohl wichtigste Protagonist für die deutsch-jüdische Aufklärung.</p>
<p>Anscheinend tun sich die Berliner Regierenden noch immer schwer mit ihm. Anders ist nicht zu verstehen, dass bisher keine einzige Straße nach ihm benannt wurde.  Weder die Konservativen, noch die SPD oder die Kommunisten in Ost-Berlin hatten offenbar Interesse daran, an diesen so wichtigen Aufklärer zu erinnern. Und auch nicht die Grünen, die in Kreuzberg seit 1996 regieren und dort jetzt die Gelegenheit gehabt hätten. Sie dominieren die Bezirksverordneten-Versammlung (BVV), das Parlament von Friedrichshain-Kreuzberg, das zwar wenig zu sagen hat, aber wenigstens für die Straßenbenennungen zuständig ist.</p>
<p>Der neue Platz vor dem Jüdischen Museum in der Lindenstraße hätte nun nach Moses Mendelssohn benannt werden können, darum bat das Museum ausdrücklich und überreichte gleichzeitig 2.000 Unterschriften zur Unterstützung des Vorschlags. Aber die BVV lehnte ab. Ihre Begründung: Moses Mendelssohn hatte das falsche Geschlecht. Denn die Versammlung hatte beschlossen, dass bei Straßenbenennungen solange nur noch Frauennamen berücksichtigt werden sollten, bis ein Gleichgewicht hergestellt sei. Man kann darüber verschiedener Meinung sein, inwieweit das einer Diskriminierung von Frauen entgegenwirkt &#8211; Tatsache ist aber, dass die Grünen sich gerne locker über diesen Beschluss hinwegsetzten, als es um die eigene Klientel ging. Denn weder Rudi Dutschke noch Silvio Meyer waren Frauen. Dafür aber standen sie den Grünen nahe und wurden in Friedrichshain-Kreuzberg mit einem Straßennamen geehrt. Diese Doppelmoral ist unerträglich.<br />
Nun legten die Grünen eine Liste zur Abstimmung vor, von der zuerst mal der Name Moses Mendelssohn abgelehnt wurde. Nachdem es erste, sogar öffentliche Proteste gab, wurde beschlossen, den Ort künftig &#0187;Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz&#0171; zu nennen, damit auch ja ein Frauenname mit auf dem Schild steht. Wer aber kennt Fromet Mendelssohn, außer in ihrer Eigenschaft als Ehefrau von Moses sowie Großmutter von Fanny und Felix Mendelssohn-Bartholdy?</p>
<p>Moses Mendelssohn wurde schon zu Lebzeiten aufgrund seines Glaubens diskriminiert. 200 Jahre später wegen seiner &#0187;Rasse&#0171;. Und heute aufgrund seines Geschlechts. Und die ideologisch verbohrten Kreuzberger Parteiabgeordneten halten ihren Beschluss offenbar noch für fortschrittlich. Aber das ist man von ihrem  Spitzenkandidaten ja noch viel Schlimmeres gewohnt&#8230;</p>
<ul>
<li><a href="https://www.openpetition.de/petition/argumente/fuer-die-benennung-des-platzes-vor-der-akademie-des-juedischen-museums-berlin-nach-moses-mendelssohn?id=134561" target="_blank">Petition &#0187;Für die Benennung des Platzes vor der Akademie des Jüdischen Museums Berlin nach Moses Mendelssohn&#0171;</a></li>
</ul>
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		<title>Nur Zusehen reicht nicht</title>
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		<pubDate>Mon, 06 May 2013 02:48:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Aro Kuhrt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Weblog]]></category>
		<category><![CDATA[Deportationen]]></category>
		<category><![CDATA[Gedenken]]></category>
		<category><![CDATA[Juden]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Oktober finden in Moabit Aktionstage statt. Drei Wochen lang wird öffentlich an die Deportationen von Juden in die Konzentrationslager erinnert. Künstlerinnen und Künstler zeigen teilweise extra dafür produzierte Bilder und Installationen, Musik-, Theater- und Performancegruppen treten auf, Schriftsteller lesen aus ihren Werken, es gibt speziell zu dieser Kampagne entworfene Plakate und andere Veröffentlichungen. Während [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p> 	Im Oktober finden in Moabit Aktionstage statt. Drei Wochen lang wird öffentlich an die Deportationen von Juden in die Konzentrationslager erinnert. Künstlerinnen und Künstler zeigen teilweise extra dafür produzierte Bilder und Installationen, Musik-, Theater- und Performancegruppen treten auf, Schriftsteller lesen aus ihren Werken, es gibt speziell zu dieser Kampagne entworfene Plakate und andere Veröffentlichungen.<br />
Während dieser Tage wird daran erinnert, dass mehr als die Hälfte der Berliner Jüdinnen und Juden vom Güterbahnhof Moabit aus deportiert wurden. Vorher wurden die meisten von ihnen in einem langen Marsch von der Sammelstelle in der Synagoge Levetzowstraße bis zum Bahnhof in der Quitzowstraße getrieben. Zwei Kilometer weit, vor aller Augen, über die größten Straßen quer durch Moabit.</p>
<p>Die Initiative »Sie waren Nachbarn«, welche die Aktionstage organisiert, möchte während dieser Wochen den gesamten Weg durch den Stadtteil kenntlich machen. Alle sollen sehen, wo mehrere zehntausend Menschen ihren letzten Weg begannen. Ziel ist es, eine dauerhafte Kennzeichnung dieser Strecke zu erreichen, um sie im Bewusstsein zu halten.<br />
Derzeit besteht die Initiative nur aus wenigen Personen. Um die Kampagne mit den Aktionstagen organisieren zu können, benötigen wir tatkräftige Unterstützung. Deshalb erfolgt unser Aufruf, sich an der Vorbereitung der Aktionstage zu beteiligen. Gesucht werden Menschen, die sich vorstellen können, sich praktisch zu engagieren. Notwendig ist nicht fundiertes Expertenwissen, sondern das Interesse, sich einige Monate lang dafür einzusetzen, dass das Leid und die heimtückische Ermordung von so vielen Menschen und die Grausamkeit der Täter nicht in Vergessenheit gerät.<br />
Wenn du gerne bei der Kampagne mitmachen möchtest, melde dich bei uns!</p>
<p>Kontakt: <a href="mailto:mail@sie-waren-nachbarn.de">mail@sie-waren-nachbarn.de</a><br />
<a href="http://www.sie-waren-nachbarn.de" target="_blank">www.sie-waren-nachbarn.de</a><br />
<a href="http://www.ihr-letzter-weg.de" target="_blank">www.ihr-letzter-weg.de</a></p>
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		<title>Abend über der Wilhelmstadt</title>
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		<pubDate>Sun, 05 May 2013 01:40:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Diether Huhn</dc:creator>
				<category><![CDATA[Spaziergänge]]></category>
		<category><![CDATA[Spandau]]></category>

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		<description><![CDATA[An die S-Bahn nach Spandau muss ich mich erst wieder gewöhnen. Zur U7 habe ich ein altes Verhältnis. Manchmal ist mir, als ob ich&#8217;s gar nicht gewesen wäre, der dort hinten, im Amtsgericht am Altstädter Ring, arbeitete, als es diese U-Bahn noch gar nicht gab; da fing sie gerade an, ins Leben zu treten; ich [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p> 	An die S-Bahn nach Spandau muss ich mich erst wieder gewöhnen. Zur U7 habe ich ein altes Verhältnis. Manchmal ist mir, als ob ich&#8217;s gar nicht gewesen wäre, der dort hinten, im Amtsgericht am Altstädter Ring, arbeitete, als es diese U-Bahn noch gar nicht gab; da fing sie gerade an, ins Leben zu treten; ich habe sozusagen ihr Wachsen verfolgt. Ich kam meist mit dem Auto, von der Heerstraße, meist durch die Pichelsdorfer, oft aber auch durch die Wilhelmstraße.<br />
Durch die Wilhelmstraße fuhr ich wegen der Geschichte. Die Gegenwart veränderte sich in den 60er Jahren so schnell, dass ich manchmal nach einem Haltepunkt suchte, um mir zu sagen: Bedenke, bedenke &#8230;</p>
<p>Von der Möckernbrücke in Kreuzberg, in deren Nähe unsere Redaktion ihren Sitz hat und wo ich also diesen Text jetzt schreibe, bis zum Rathaus Spandau braucht die U7 dreiunddreißig Minuten. Währenddessen lese ich das Weltblatt, dem unser kleines Lokalblatt gehört: die FAZ; die Zeitung ist für die volle U-Bahn fast zu groß; sie vermittelt mir hier ein Gefühl von Fremde: unter Westberlin hindurch, die Welt vor der Nase; im Kosovo ermorden die einen die anderen, der Außenminister legt die Stirn in Falten und sagt: die politischen Möglichkeiten sind noch nicht erschöpft; wenn man Bodentruppen einsetzt, weiß man nicht, welche Konsequenzen das für die Soldaten hat; darüber muss man sich klar sein &#8230; im Dunkeln unter der Erde entlang fahren und versuchen, sich über etwas klar zu sein &#8230; als ich mir dann klar bin, habe ich das Gefühl, dass das den Außenminister doch gar nicht interessiert. Nach Spandau zu wird die Bahn natürlich immer leerer; als die Fahrt zu Ende ist, habe ich zu den vier Peoples, die mit mir den Wagen verlassen, fast ein kleines persönliches Verhältnis. Ich folge der jungen Frau, die mir gegenüber gesessen und mit innigem Ausdruck in einem Taschenbuch gelesen hat, die Rolltreppe aufwärts, die oben gegenüber dem prächtigen neuen Bahnhof noch halbwegs vergittert ist, durch die Bahnhofshalle hindurch. Der Glashallenbahnhof verwandelt das untere U-Bahngefühl augenblicklich.</p>
<p>Es ist halb fünf. Der Autoverkehr ist dicht und laut. Spandau beginnt den Feierabend. In der Fleischerei putzen sie schon das Fett von der Buletten-Vitrine; an den Theken der Klosterstraße lehnen schon manche Biertrinker; die hohen Häuserfronten blicken von oben, wo sie schon im Abenddunkel des Januarmontags liegen, mit einer gewissen Hochmütigkeit herunter oder mit Verwunderung. Die Bertolt-Brecht-Schule in der Wilhelmstraße liegt in einem Gebäude, das zwar mit der Stadtbibliothek beginnt, das aber etwas Lagerhaftes hat, wie die Standorte der Legionen, die die Cäsaren in die Welt schickten. In einem erleuchteten Erdgeschossraum zur Straße schwingt eine Dozentin den Lehrfinger; ein Mann, der eng in der Schülerbank sitzt, lächelt heraus und, indem ich den Unbekannten mit einem Kopfnicken grüße, sieht mich auch die Dozentin und während unsere Blicke sich begegnen, bleibt ihr Lehrfinger links über ihr stehen, weil sie ihn, Auge in Auge, mit mir einen Augenblick vergessen hat. So schnell verbinden sich drinnen und draußen. Aber man muss Fenster haben. Und Licht.<br />
Über dem Fußballfeld, das sich der Schule anschließt, liegt ein Luxus von Licht. Gegenüber am Barfly, hinter dessen Fenstern an der Brüderstraße die Kerzen leuchten und wo sich vielleicht schon Augenblicke mit Augenblicken verschränken, schimmert das ankündigende Licht blau. Die östliche Seite der Wilhelmstraße ist häuslicher als die westliche, die schon Raum und Land lässt; die Straße hinten heißt &#0187;Krumme Gärten&#0171; nach einer Siedlung aus einer Vergangenheit, in der die Neuheit vielleicht die &#0187;Entdeckung&#0171; Amerikas war, wenn man das hier draußen erfuhr. Ich bin jetzt aber schon an der Melanchthon-Kirche vorüber, die ziemlich im Dunkeln steht. An der Ampel stauen sich die automobilen Heimfahrer, auch solche, die gleich nach rechts abbiegen werden, wo es hinter dem um die Bäume sorgfältig herumführenden Mauerzaun weiträumige Angebote gibt. Am Eingang das Wachpförtnerhäuschen von ehemals verkauft jetzt &#0187;Presse&#0171;, links das in sanftem Gelb beleuchtete Backsteinhaus heißt jetzt &#0187;Casa Natura&#0171;, bietet Massivholzmöbel an und sieht im Abenddunkel wie eine Verheißung aus. Das allerdings noch verstacheldrahtete Garagenhaus könnte man von der Querfront aus für ein Gotteshaus halten; Aldi und Kaiser&#8217;s liegen rechts hinten, hinter weiträumigen Parkplätzen und verschiedenen Anfahrtswegen, drüber schimmert die Glaskuppel gegen den Abendhimmel: Es ist belebt und ruhig zugleich, eine angenehme abendliche Konsumatmosphäre. Wo die Warenkarren unter rundem Glasdach auf Benutzung warten, bleibe ich stehen; genauer kann ich nicht werden; ich sage mir: Hier ist der Ort.</p>
<p>Albert Speer wanderte &#8211; sagen wir mal: hier, gerade hier &#8211; über den Gartenweg, den er selbst im Gefängnishof angelegt hatte, um achthundert Erdbeerstauden, hundert Fliederbüsche, unter neunzig Kastanien, fünfzig Nussbäumen dreißig Runden zu insgesamt sieben Kilometern solange in Linksrichtung, dreißig Erbsen von der rechten in die linke Hand gleiten lassend, fast vierzigtausend Kilometer; fast um die Erde, und selbst, als man ihn pünktlich entließ in eine veränderte, das heißt in Bezug auf ihn: in eine einigermaßen wiederhergestellte Welt, bezeichnete er den Augenblick nach dem Ort, den er in seiner teils fiktiven, teils aber ja auch ganz wirklichen Weltumwanderung unterdessen erreicht hatte. Hier also stand das Gefängnis der Hauptkriegsverbrecher. Ein Gefängnis war es seit Wilhelms Zeiten. Die früheren Insassen kennen wir nicht so genau wie die sieben, die am 18. Juli 1947 hierher kamen und die Oberwelt repräsentierten der Teufelswelt, deren Hauptteufel wieder hinabgefahren waren und deren Helfer und Helfershelfer wieder Menschen geworden waren und es immer mehr wurden, während zuletzt hier noch einer eingeschlossen war und sich einschloss, fast hundert Jahre alt, sorgfältig bewacht und ärztlich betreut, so dass er schon geschickt gewesen sein muss, sich am Ende noch selbst umbringen zu können; da fingen schon die Legenden an. Ein Kyffhäuser sollte der Bau aus Rathenower Ziegeln hier nicht werden, dachte da irgendwer und dachten irgendwelche, kein Mahnmal, kein Erinnerungszeichen: Konsum statt Erinnerung. Das Denkmal an die Weltmordveranstaltung 1914 bis 1918, auf dem nicht ein einziger Täter benannt, aber die Opfer zu Helden gemacht werden, das hat niemand abgerissen: eine Lügenstele wie viele in unserem Lande; dass die jungen Männer wieder bereit sind, wenn Bodentruppen gebraucht werden. Die Täter finden sich wohl von selbst.</p>
<p>Jetzt ist es ganz dunkel. Als ich mit dem 235er durch die Adamstraße zurück und nach Hause fahre, berührt mich der Name Adam einen kurzen Augenblick mit Trost, weil Adam Mensch heißt und Anfang bedeutet, Beginn (wenn es hier auch nur der Vorname des alten Bürgermeisters Adam Betcke ist).</p>
<p><h2>Aus: <a href="/1476">Spaziergänge in Berlin</a> (1990er Jahre)</h2>
</p>
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		<title>Vaterland</title>
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		<pubDate>Wed, 01 May 2013 14:33:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Aro Kuhrt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Weblog]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>

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		<description><![CDATA[Mein Vaterland ist fit und fleißg und macht was her Und seine Wertarbeit, die ist bis heute legendär Wie lieb ich so‘n Land? Mit Herz oder Verstand? Blind oder mit Blick über den Rand? Mein Vaterland macht mit Maschinen viel gutes Geld Maschinen für das Töten für fast jeden Krieg der Welt Wie lieb ich [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p> 	Mein Vaterland ist fit und fleißg und macht was her<br />
Und seine Wertarbeit, die ist bis heute legendär<br />
Wie lieb ich so‘n Land?<br />
Mit Herz oder Verstand?<br />
Blind oder mit Blick über den Rand?</p>
<p>Mein Vaterland macht mit Maschinen viel gutes Geld<br />
Maschinen für das Töten für fast jeden Krieg der Welt<br />
Wie lieb ich so‘n Land?<br />
Mit Herz oder Verstand?<br />
Blind oder mit Blick über den Rand?</p>
<p>Der Tod besteht auf Qualität, die verkauft sich gut<br />
Das Geld verwandelt sich am Horizont in fremdes Blut<br />
Wie lieb ich so‘n Land?<br />
Mit Herz oder Verstand?<br />
Blind oder mit Blick über den Rand?</p>
<p>Wir bringen für Geld<br />
Den Tod über die Welt<br />
Wie lieb ich so‘n Land?<br />
Mit Herz oder Verstand?<br />
Blind oder mit Blick über den Rand?</p>
<p>Text und Musik: <a href="http://www.silly.de" target="_blank">Silly</a></p>
<p><iframe width="500" height="281" src="http://www.youtube.com/embed/2vS4Tc4GM5k?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
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		<title>Architekt und Lehrer</title>
		<link>http://www.berlinstreet.de/6460</link>
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		<pubDate>Sun, 28 Apr 2013 12:39:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Diether Huhn</dc:creator>
				<category><![CDATA[Spaziergänge]]></category>
		<category><![CDATA[Neukölln]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit der U7 brauche ich von unserer Redaktion an der Möckernbrücke bis in die Mitte der Gropiusstadt, bis zum U-Bahnhof Lipschitzallee, gerade mal zwanzig Minuten; wenn ich von Spandau gekommen wäre, hätte ich eine knappe Stunde gebraucht: unter dem ganzen Westberlin hindurch. Mit der Gropiusstadt hat Westberlin die Reihe der gesamtberliner Stadtrandsiedlungen, Plattenstädte, begonnen: Gropiusstadt [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p> 	Mit der U7 brauche ich von unserer Redaktion an der Möckernbrücke bis in die Mitte der Gropiusstadt, bis zum U-Bahnhof Lipschitzallee, gerade mal zwanzig Minuten; wenn ich von Spandau gekommen wäre, hätte ich eine knappe Stunde gebraucht: unter dem ganzen Westberlin hindurch. Mit der Gropiusstadt hat Westberlin die Reihe der gesamtberliner Stadtrandsiedlungen, Plattenstädte, begonnen: Gropiusstadt 1962 bis 1975; Märkisches Viertel 1963 bis 1974; Thermometersiedlung 1968 bis 1974; dann Fennpfuhl 1972 bis 1986, Marzahn 1980 bis in die 90er Jahre. In der Gropiusstadt heißen viele Straßen nach Sozialdemokraten, die Namen sind noch da; in Marzahn/Hohenschönhausen hießen viele nach Kommunisten, viele dieser Namen sind weg; die Geschichte wechselt ihre Helden. Joachim Lipschitz war zuletzt Senator für Inneres; als er starb, war von den Häusern hier noch keines da. Wer weiß, wieviele von denen, die an diesem regnerischen Nachmittag am Bahnhof Lipschitzallee aussteigen, wissen, wer Lipschitz war und wieviele es überhaupt wissen wollen. Zwischen den hochstöckigen Häusern liegen die flachen, in denen das Soziale und das Städtische unterkommt. Der kleine Platz, auf den die U-Bahn-Ausgänge führen, nennt sich ein Centrum. Im Eduscho am Centrum arbeiten freundliche Frauen. Im Café bin ich der einzige Mann. Die Nachbarinnen hinten sind in eifrigem Gespräch.<br />
&#0187;Also ich fahr gerne mit U- und S-Bahn. Da wees man wenigsten, datt man in de Großstadt wohnt. Busse gibt&#8217;s doch überall.&#0171;<br />
&#0187;Bloß: Auf dem U-Bahnhof, wo keene Menschen mehr sinn, iss keene Sicherheit.&#0171;<br />
&#0187;Ach, watt, Sicherheit! Sicherheit in dem Sinn iss doch nirgendwo. Neulich ham sie ne Frau hier vor Edeka det Geld geklaut, und alle standen dabei und ham weggeguckt. Hat keener gesacht: Soll ich Ihnen helfen. Ick helf doch ooch nich. Dett iss die Sicherheit &#8230; dett wir alle weggucken! Dett iss ett!&#0171;<br />
&#0187;So gesehn ham Sie recht, muss ich zugeben. Aber deshalb fahr ich abends trotzdem nich mit der U-Bahn, wo kein Mensch aufm Bahnhof iss.&#0171;<br />
&#0187;Guck mal da drüben der &#8230; mit dem Ding. Wie heißen die Dinger, die wie ne Fernbedienung aussehn unn die man in die Tasche stecken kann?&#0171;<br />
&#0187;Handy gloob ich.&#0171;<br />
&#0187;Handy, ja. Obwohl dett unlogisch iss. In die Hand muss ich mein Telefon doch ooch nehm&#8230;&#0171;<br />
Und so weiter; taffe Frauen; die Schau ist bühnenreif. Die Kuchenauswahl ist groß; die Bedienung freundlich, das Ganze ist sehr berlinisch. &#0187;Neukölln ist die Hauptstadt von Berlin&#0171;, habe ich neulich geschrieben, das stimmt auch hier draußen. Berlin ist, wo die Berliner sind, oder bessser noch: die Berlinerinnen.</p>
<p>Von der Lipschitzallee in den Ulrich-von-Hassell-Weg; &#0187;Widerstandskämpfer&#0171;, ist alles, was das Straßenerklärungsschild über Ulrich von Hassell sagt; nein, das war kein Sozi; vielleicht nicht mal ein Demokrat; Diplomat, Botschafter. Die Straße endet als Sackgasse; für Fußgänger geht es weiter über einen schwarzen Weg, durch ein kleines Gehölz, das mitten zwischen den Hochstöckern ein kleines landschaftliches Gefühl verbreitet. Es ist gleich vier, es wird dunkel. Das große gerundete Haus am Wildmeisterweg liegt amphitheatralisch vor mir; im An-und-aus der Lichter entfaltet es einen Glitzerzirkus.<br />
&#0187;Sehn Se mal die drei Mülltüten dort&#0171;, sagt die Frau mit Hund, der meinen Schirm anbellt und darauf belehrt wird:<br />
&#0187;Hasde noch nie nen Schirm gesehn? Der iss gegen Regen, nich zum Verhaun &#8230; Sehn Sie mal die drei Mülltüten dort! Auf&#8217;n Kinderspielplatz! Solche geisteskranke Typen wohn hier!&#0171;<br />
&#0187;Es iss gar nich mal gesacht, ob die hier wohn!&#0171;, sagt die Nachbarin.&#0171;<br />
&#0187;Denn müssen die ja noch viel geisteskranker sein, wenn se erst noch hierher fahm, um ihrn Müll auf unsem Kinderspielplatz abzustelln!&#0171;</p>
<p>Das Amphitheater-Haus ist von Walter Gropius. Auch das Punkthochhaus daneben, an dem die vorgezogenen Erker hängen, als ob sie beweglich wären. Walter Gropius, nach dem das ganze Viertel heißt, gibt der architektonischen Moderne den Namen. Ein Berliner, 1883 bis 1969, gestorben als Amerikaner; &#0187;Bauhaus&#0171; nannte er die Schule, die unter seiner Direktion eine kurze lebhafte Geschichte von Weimar bis Dessau erlebt hat. 1960 hat Walter Gropius einen Städtebauplan für dieses Neuköllner Wiesengebiet entworfen, den die Stadt Berlin nicht verwirklicht hat. Es blieben für Gropius: Das Halb-Rundhaus, das Hochhaus, ein paar Neungeschosser und der Name. Was wissen die Leute hier von Walter Gropius? Ach, denke ich, das ist doch längst nicht die Frage. Was wusste Walter Gropius von den Leuten, für die er hier geplant und gebaut hat? Für wen ist die Moderne modern? Für die, die Bücher schreiben und der Zeit sagen, wie sie heißen soll? Oder für die, die froh sein müssen, wenn sie irgendwo eine Wohnung kriegen, die sie bezahlen können? In der sie ihre Kinder groß ziehen können und die auch fürs Alter was ist? Und die in der Nähe einen Platz bietet, an dem man mit seinen Compagneros das Leben betrachten kann, das man hier zuende lebt?</p>
<p>&#0187;Wat iss Windstärke vier an der See?&#0171;, sagt die lebenserprobte Frau bei Eduscho, &#0187;aber wat iss Windstärke vier hier? Die Hochhäuser machen Sturm aus dem kleinsten Wind. Macht ja nix, man muss sich bloß draufeinstelln. Wer hier wohnt, der muss was vom Wind verstehn!&#0171;<br />
Im Schutz des Parkhauses ist es ruhig, der Wind ist weiter oben. Den Walter-May-Weg nehme ich, weil nach ihm das europaberühmte Sozialpädagogische Institut der AWO heißt, in dessen Vorstand ich ein Leben lang bin. Löwenstein, Kerschensteiner, Gaudig, Straßennamensgeber hier, alles linke Pädagogen, Schul- und Bildungstheoretiker; ich will durch den Anna-Siemsen-Weg gehen; meine Mutter hat Anna Siemsen als Lehrerin gehabt; eine mutige Frau, Reichstagsabgeordnete USPD, SPD, bis 33. Der Anna-Siemsen-Weg wirkt privat, geordnet, geschützt. Hinten öffnet sich das grüne Tor zu einem Parkplatz, daneben eine gelbliche Halle: sieht aus wie irgendwas; es ist die Gropius-Passage, ein Einkaufszentrum vom besten und größten. Was ist der Unterschied zwischen den Gropius-Passagen, dem Europa-Center und den Potsdamer-Platz-Arkaden, den exklusiven Großstädtischkeiten? Die Großstadt ist genauso gut hier. Es gibt aus den Shops und Inns einen direkten Weg in die U-Bahn, nur ein ganz kleines Stück wirklichen Himmels hat man da über sich, und schon ist man wieder unten und drinnen.<br />
An der U-Bahnhof-Tür steht: Walter Gropius war ein &#0187;Architekt und Lehrer&#0171;; Lehrer &#8230; gefällt mir. Mein Vater war auch Lehrer. Er hat es jederzeit gut gemeint mit den Menschen. Das hoffe ich von Walter Gropius, auch; im Alter trug er oft eine gestreifte Fliege und sah melancholisch aus.</p>
<p><h2>Aus: <a href="/1476">Spaziergänge in Berlin</a> (1990er Jahre)</h2>
</p>
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