NVA-Bunker Garzau

Organisations- und Rechenzentrum der Nationalen Volksarmee

Der Besuch von Bunkeranlagen ist fast immer eine kleine Reise in eine verborgene Welt. Die offiziell als “Schutzbauwerke” bezeichneten Anlagen haben meist eine beklemmende Ausstrahlung; egal, ob sie im Weltkrieg für den Schutz von Zivilisten gebaut wurden, zu DDR-Zeiten der Stasi oder dem Militär dienten oder ob sie in West-Berlin vor atomarer Bedrohung schützen sollten.
Der Bunker in Garzau, östlich von Berlin nahe Hennickendorf, ist da keine Ausnahme. Er beherbergte einst das Organisations- und Rechenzentrum (ORZ) der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR. Nicht weit von Strausberg gelegen, wo das Kommando der DDR-Streitkräfte saß, hatte es in der Logistik der Armee eine zentrale Aufgabe. In der 1976 in Betrieb genommen Anlage wurden die täglichen Meldungen der Einheiten und Stäbe über Stärken, Bestände, Truppenbewegungen und Vorkommnisse zusammengetragen, aufbereitet und elektronisch an das Verteidigungsministerium weitergeleitet.
Bei dem Bunker handelt es sich um eines der größten Schutzbauwerke der NVA aus dem Kalten Krieg. Von außen ist jedoch nicht viel zu erkennen. Wie oft bei militärischen Anlagen wurde Wert auf Tarnung gelegt und so sieht man nicht mehr als ein Bürogebäude mit einem dahinter liegenden Hügel. Wer aber an einer der wöchentlichen Führungen teilnimmt, erlebt eine Überraschung: Im Gebäude führt eine Treppe nach unten und hinter dicken Türen öffnet sich dem Besucher ein 200 m langer Gang. Er führt in das Innere des vermeindlichen Hügels, der tatsächlich den aufgeschütteten Bunker verbirgt. Am Ende muss man durch eine Schleuse, mehrere Tonnen schwere Stahltüren aus sowjetischer Produktion geben den Weg in das eigentliche Rechenzentrum frei.
Hier sind wesentliche Teile der ursprünglichen Ausstattung noch erhalten. Auf zwei Etagen wird man zuerst in den Computerraum geführt: Er liegt im Inneren der Anlage, sein Boden steht auf etwa 50 cm hohen, starken Federn, die bei einer nahen Atombombenexplosion die Bewegungsenergie auffangen sollten, um eine Beschädigung der Rechner zu verhindern.

Danach werden die beeindruckenden Versorgungsanlagen vorgestellt. Um eine unabhängige Stromversorgung zu gewährleisten, wurden z.B. vier Schiffsmotoren installiert. Eine imponierende Luftfilteranlage sollte selbst bei einem Angriff mit Giftgas oder bei radioaktiv verseuchter Luft das Überleben im der Anlage sichern. Das Wasser bezieht der Bunker bis heute aus einem eigenen Brunnen. Etwa 17 Meter unter der Erdoberfläche soll sogar ein Überleben möglich gewesen sein, wenn wenige hundert Meter weiter eine Atombombe von der Größe der Hiroshima-Bombe explodiert wäre. Glücklicherweise musse die Anlage nicht beweisen, dass das auch stimmt.

Hätte während eines Angriffs eine verseuchte Person in den Bunker eingelassen werden müssen, so gab es dafür eine spezielle Routine: Derjenige musste über mehrere Stationen verteilen Dekonterminierungsmaßnahmen über sich ergehen lassen, bevor er ins Innere des Bauwerk gelangen konnte.
Beeindruckend ist auch der Dispatcherraum, der zentrale Kontrollraum des Bunkers. Von hier aus konnte die gesamte Anlage wie Zugänge, Strom-, Wasser- und Luftversorgung gesteuert werden. Fast alle Schaltpulte und Kontrolltafeln sind noch erhalten und scheinbar in Betrieb.

Nach der Auflösung der DDR wurde das Rechenzentrum noch bis 1993 von der Bundeswehr genutzt. Es ist in einem sehr guten Zustand.

Bunker Garzau
Gladowshöher Straße 3
15345 Garzau
0173 – 619 27 12
info@bunker-garzau.de
www.bunker-garzau.de




Paris-Moskau

Es ist schon ein merkwürdiges Bild, das dieses Restaurant am östlichen Ende der Straße Alt-Moabit bietet: Ein kleines Gebäude im Fachwerkstil, sogar ein Balkon wie in den Alpen. Im Inneren ein Stahlkonstruktion samt gusseiserner Säule im unteren Schankraum, dazu ein Gründerzeit-Buffet.
Direkt dahinter der bombastische Neubaukomplex des Innenministerium, gegenüber der riesige Hauptbahnhof. Völlig deplatziert steht es hier und hat doch manche Zeiten überlebt.

Gebaut wurde das Haus 1898, vor nun 120 Jahren. Schon damals beherbergte es eine Gaststätte mit dem wenig einfallsreichen Namen “Kindl-Stube”. Anders als viele glauben gehörte es nie zu einer Bahnanlage oder dem einst nebenan bestehenden Ausstellungspark ULAP.
Zwanzig Jahre später, am Ende des 1. Weltkriegs, übernahm eine Familie Tees das Lokal. Am Ende des 2. Weltkriegs ging das Gebäude, das fast als einziges der Umgebung den erbitterten Kampf um den Reichstag unbeschädigt überstanden hatte, an “Mutter Busch”. Nun hieß es 30 Jahre Schultheiss-Klause”. Unten wurden Bier und Bouletten angeboten, oben gab es drei Zimmer als Fernfahrerbordell.

Mitte der 1970er Jahre kam mit dem “Josef” erstmals ein Restaurant in das Haus. Zu dieser Zeit lag es recht abseits, nahe der Genze zu Ost-Berlin. Nur die Autos, die zwischen Tiergarten/Wedding und Kreuzberg/Schöneberg fuhren, kamen vorbei. Und manchmal ein Tourist, der zuvor den Reichstag besucht hatte.

1987 übernahm der jetzige Inhaber das Restaurant und nannte es Paris-Moskau, nach der Eisenbahnstrecke, die gleich daneben auf dem Stadtbahnviadukt fuhr. Bis heute trägt es es diesen Namen.
Das Restaurant bot schon damals etwas gehobene Küche an, doch mit dem Mauerfall und der immer schneller werdenden Taktung der Stadt stiegen auch Qualität und Preise im Paris-Moskau.
Mit der Fertigstellung des Bundesinnenministeriums im Rücken des Hauses zog eine neue Klientel ein. Aber neben den Abteilungsleitern trifft man im Paris-Moskau oft auch Prominente, bis hin zur Kanzlerin. Sie hat es ja auch nicht weit von Ihrem Arbeitsplatz aus.

Im Gegensatz zu den vielen umliegenden Neubaublöcken beweist das Paris-Moskau, dass diese Gegend auch eine Geschichte hat.




Das Kloster der Dominikaner in Moabit

Mitten in der Berliner Innenstadt, versteckt in einer Seitenstraße, in einem Wohnviertel in Moabit, steht seit dem 19. Jahrhundert ein Kloster. Das katholische Dominikanerkloster St. Paulus ist selbst vielen Bewohnern des Stadtteils kaum bekannt, denn die Mönche, die hier Pater oder Brüder genannt werden, sind im Straßenbild nicht als solche zu erkennen.

Die Geschichte der Dominikaner in Moabit geht bereits auf das Jahr 1868 zurück. Damals richtete der Pater Ceslaus in einem Kesselschmiede in der Turmstraße das erste Kloster ein. Zuvor hatte der “Frauenverein St. Hedwig zur Verpflegung katholischer Waisen” das Gebäude gekauft und die nebenstehenden Wohnhäuser gleich mit. Dort, in der Turmstraße 44, wurde ein Waisenhaus eingerichtet.
Ein Jahr nach der Gründung des Klosters regte sich antikatholischer Widerstand in der Bevölkerung. Am 16. August 1869 versuchte eine gewalttätige Menge, das Kloster zu stürmen. Bei der Verteidigung durch die Polizei kamen zwei Menschen ums Leben, über 30 wurden verletzt, die Krawalle wurden als “Moabiter Klostersturm” bekannt. Die feindliche Stimmung nahm auch in den folgenden Jahren nicht ab. 1875 mussten die Mönche das Kloster letztlich schließen und verkaufen, für mehrere Jahre setzten sie ihre missionarische Tätigkeit verdeckt fort. Erst 1889, als der sogenannte “Kulturkampf” vorüber war, durfte das Kloster wieder eröffnet werden.

Das Unbill für St. Paulus ging jedoch weiter: Nachdem 1892 die Grundsteinlegung für das heute noch bestehende Kloster in der Oldenburger Straße stattfand, wurden kurz vor der Eröffnung 1893 in der Kirche die beiden Glocken gestohlen. Und auch sonst hatte man mit seinen Schäfchen so seine Probleme, wie in einer Bitte an den Bischof Kopp deutlich wird: “Zahlreiche Kinder sterben ohne die heilige Taufe dahin oder wachsen als Heiden auf, um die endlose Schar der Sozialdemokraten und Gottesleugner zu vermehren.”
1905 bis 1907 wurde der Ostflügel und das Gemeindehaus des Klosters an der Oldenburger Straße errichtet, im Folgejahr brannte der Dachstuhl der Kirche durch Brandstiftung ab.

Einen moralischen Tiefpunkt erreichte das Dominikanerkloster am 1. Mai 1933. Unter der Führung von drei Patres marschierte die gesamte Pfarrjugend zum Lustgarten, zur Kundgebung von Hitler und Hindenburg. Zu diesem Zeitpunkt war St. Paulus die größte katholische Gemeinde Berlins. Zehn Jahre später waren viele der Jungs tot, gefallen als Landser oder von den Fliegerbomben in der Heimat zerfetzt. Trotzdem wehte im Januar 1943 zum Pontifikalamt an den Türmen von St. Paulus neben den weißgelben Kirchenbannern auch die Hakenkreuzfahne. Nur wenige Monate danach waren große Teile des Klosters zerstört, allein am 24. Januar 1944 fielen 85 Stabbrandbomben und eine Phosphorbombe auf den Komplex, die Mönche konnten kaum noch etwas retten. Viele der dem Kloster angegliederten Einrichtungen wurden zerstört oder beschädigt. Wo noch ein Dach vorhanden war, wurden Ausgebombte einquartiert, das zerstörte Polizeirevier aus der Emdener Straße zog in die Räume des Waisenhauses.

Trotz des politisch äußerst fragwürdigen Standpunkts der Dominikaner, gab es unter ihnen auch einzelne, die den Nazis von Anfang an – und bis zum Ende – in herzlicher Ablehnung gegenüberstanden. Genannt sei vor allem Pater Odilo Braun, der immer wieder öffentlich gegen die Rassegesetze der Nazis und die Verfolgung Andersdenkender auftrat. Er organisierte einen antifaschistischen “Ausschuss für Ordensangelegenheiten” und baute eine innerkirchliche Kommunikation auf, die unabhängig von den Nazi-Anhängern funktionierte. Natürlich waren Brauns Aktivitäten den Faschisten ein Dorn im Auge, so dass die Gestapo am 27. Oktober 1944 das Kloster besetzte und durchsuchte, Olido Braun und seine Sekretärin wurden verhaftet. Er überlebte jedoch die Verhöre und wurde Anfang 1945 aus der Gestapohaft entlassen. Am 27. April stürmte die Rote Armee das Kloster und versuchen es auszurauben. Doch die Mönche und Gemeindemitglieder konnten die Soldaten herausdrängen.

Heute sieht der Alltag der Dominikanermönche friedlicher aus. Sie arbeiten als Seelsorger in den Gefängnissen der Stadt, als Dozenten an mehreren Hochschulen oder als Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen. Das Collegium Dominicanum veranstaltet regelmäßige Veranstaltungen, in denen weltliche wie religiöse Themen behandelt werden. Es gibt sogar eine eigene Gruppe von Amnesty International im Kloster. Die Patres bieten Gesprächsrunden zu spirituellen Fragen und wenden sich immer auch nach außen, St. Paulus ist ein recht offenes Kloster. Den immerhin 5.000 Gemeindemitgliedern wird nicht nur konventionelle Kirchenarbeit geboten, sondern auch Freizeitangebote: Kinder finden hier ihren Garten, die Jugendlichen eine Pfadfindergruppe, Erwachsene mehrere Gruppen für Sport und andere Aktivitäten.

So hat sich das Dominikanerkloster St. Paulus doch noch in seiner einst feindlich gesinnten Umgebung durchgesetzt. Und einen erneuten Moabiter Kirchensturm hat es nun sicher nicht mehr zu fürchten.




Hallesches Tor

Das Hallesche Tor ist für die meisten heute nur ein Umsteigebahnhof zwischen zwei U-Bahnlinien. Dabei war dieser Ort zwei Jahrhunderte lang einer der wichtigsten Berlins.
September 1743: Ein 14-jähriger Junge kommt nach langem Fußmarsch aus Dessau endlich in Berlin an. Nein, er kommt an die Stadtmauer, die Berlin umschließt. Es ist bereits die zweite Stadtmauer, eine etwa vier Meter hohe Pallisade, innerhalb der sich nicht nur die Stadt Berlin befindet, sondern in der östlichen Hälfte auch noch Ländereien. Die Mauer wurde erst wenige Jahre vorher fertiggestellt, 1735, vorher gab es die Bastionen.
17 Tore hat diese Stadtmauer. Benannt sind sie fast alle nach dem Ort, den man erreicht, wenn man durch dieses Tor Berlin verlässt und immer dem Weg folgt. Noch heute sind die Namen von einigen dieser Tore allgemein bekannt, z.B. Schlesisches Tor, Kottbusser Tor und Hallesches Tor. Andere Tor-Namen leben als Plätze weiter, wie der Potsdamer oder der Rosenthaler Platz.
Der 14-Jährige kam aus Dessau in Sachsen-Anhalt, über die Straße, die von Berlin nach Halle führt. Also erreichte er die Stadt am Halleschen Tor, jedoch durfte er sie hier nicht betreten. Denn er war Jude und deshalb war nur ein einziges Tor für ihn passierbar: Das Rosenthaler Tor auf der anderen Seite Berlins. So musste Moses Mendelssohn – so hieß der Junge – einen weiten Weg gehen, um endlich ein Tor zu finden, bei dem er eine Chance zum Eintritt hatte. Zwar hat es auch dort nur mit einer List geklappt, aber das ist eine andere Geschichte.

Das Hallesche Tor war schon zu dieser Zeit ein verkehrsreicher Ort. Einige Jahre zuvor war an seiner Innenseite ein Platz angelegt wurden, das sogenannte Rondell, nach dem Vorbild des Piazza del Popolo in Rom. Seine Gegenstücke waren das Achteck (Leipziger Platz) und das Quadrat (Pariser Platz). Auf das Rondell führten innerhalb Berlins drei Straßen zu, die Wilhelm-, Friedrich- und Lindenstraße, alle Straßennamen existieren noch heute. 23 Häuser standen anfangs auf dem Platz, dazwischen war ein Markt. 1815 erhielt der Platz den Namen Belle Alliance, 1843 dazu noch eine 19 Meter hohe “Friedenssäule” mit einer bronzenen Viktoria des Bildhauers Christian Daniel Rauch. Im Jahre 1947 wurde der Platz in Mehringplatz umbenannt.
Das Hallesche Tor entwickelte sich aber auch außerhalb, zumal einige Meter weiter der Landwehrgraben vorbeiführte, der später zum Kanal ausgebaut wurde, einer der wichtigen Verkehrsadern dieser Zeit. Dahinter befand sich seit 1815 der Platz am Halleschen Tor (seit 1884 Blücherplatz).
Als die Stadtmauer um 1867 abgerissen wurde, war das Hallesche Tor schon zu beiden Seiten eng bebaut. Bereits seit 1850 gab es eine Klappbrücke über den Kanal, doch diese war mittlerweile völlig unzureichend. An ihrer Stelle entstand 1876 eine neue Überquerung des Landwehrkanals, mit 33 Metern die breiteste Brücke der Stadt. An ihrer Südseite wuchs die Tempelhofer Vorstand als bürgerliches Wohnviertel heran. Auf dem Bauwerk wurde eine Figurengruppe aus Marmor errichtet, die die Fischerei, die Schifffahrt, den Handel und den Gewerbefleiß symbolisieren. Im Krieg wurden zwei dieser Figuren zerstört. Die beiden anderen überlebten, weil sie zwischenzeitlich einen anderen Standort bekommen hatten, um dem Hochbahnbau Platz zu machen. Heute stehen sie wieder auf der Brücke. Vor allem der Hochbahnhof mit seinen markanten Treppenaufgängen geben dem Ort heute ein besonderes Bild. Der südliche Aufgang befindet sich sogar über dem Wasser des Kanals.
Ende des 19. Jahrhunderts explodierte der Verkehr, allein neun Pferdebahnlinien und eine Pferdeomnibuslinie kreuzten die beiden Plätze. 1896 war das Hallesche Tor nach dem Potsdamer Platz der verkehrsreichste Ort Berlins. Am 19. November 1905 begann hier auch der Linienverkehr mit motorisierten Omnibussen. Einen optischen Einschnitt erlebte das Hallesche Tor aber schon drei Jahre vorher, als die Hochbahnstrecke vom Stralauer Tor zum Potsdamer Platz gebaut wurde. Die Bahn wurde hier auf Stelzen teilweise über dem Landwehrkanal errichtet, um Platz zu sparen. Immerhin führten neun Straßen auf die beiden Plätze nördlich und südlich des ehemaligen Tores.
Am Vormittag des 3. Februars 1945 kam für den Belle-Alliance-Platz, das Hallesche Tor und den Blücherplatz das Aus: Das amerikanische Flächenbombardement ließ kaum ein Gebäude übrig. Zwar wurden die Häuser im Belle-Alliance-Platz nochmal provisorisch hergerichtet, aber das war nur für ein paar Jahre. In den 60er und 70er Jahren verwandelte die Gegend ihr Gesicht grundlegend, vier der hier ankommenden Straßen biegen seitdem vor dem Halleschen Tor in eine andere Richtung ab. Das ehemalige Rondell wurde wieder rund bebaut, diesmal aber eingebettet in eine große Fußgängerzone. Wilhelm- und Lindenstraße wurden vor dem Platz zum Landwehrkanal umgebogen, die Friedrichstraße endet seitdem am Mehringplatz.
Groß waren auch die Veränderungen am Blücherplatz: Die Belle-Alliance-Straße, 1947 zu Mehringdamm umbenannt, erhielt ebenfalls einen Knick und verläuft seitdem westlich des letzten noch bestehenden Wohnblocks. Die einstige Blücherstraße endet nun nicht mehr auf dem gleichnamigen Platz, sondern wurde quer über den alten Jerusalems-Friedhof gelegt und geht nun in die Obentrautstraße über. Vom Ufer her kann man den Platz nicht mehr befahren, dort gibt es nur noch eine Stichstraße, die zur Amerika Gedenkbibliothek führt. Und auch die Brücke ist dem Individualverkehr verwehrt. Hier befindet sich die Endhaltestelle einer Buslinie.
Das Hallesche Tor ist zwar immer noch ein Knotenpunkt, allerdings nur als Umsteigebahnhof der U-Bahn. Dass die einmal einer der verkehrsreichsten Orte Berlins war, ist nicht mehr vorstellbar.




Erst Kroll-Oper, dann Skulpturen

Gegenüber des Reichstags, heute befindet sich dort das Tipi, stand einst die Kroll-Oper, von der jedoch nichts mehr zu sehen ist. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. hatte den Unternehmer Joseph Kroll mit dem Bau eines Veranstaltungskomplexes beauftragt. Nach nur zehn Monaten Bauzeit wurde 1844 die schlossartige Anlage eröffnet, die aus einem mehrgeschossigen Mittelteil und zahlreichen Flügeln und Wintergärten bestand. Bis zu 5.000 Menschen fanden hier gleichzeitig Platz. Es gab drei große Säle, darunter der besonders prunkvoll ausgestattete „Königssaal“ sowie 14 größere Gesellschaftsräume. Die eben erst eingeführte Gasbeleuchtung erleuchtete die Räume, was damals einer Sensation gleichkam.

In den Folgejahren fanden in der Kroll-Oper hunderte Veranstaltungen sehr unterschiedlicher Art statt. Es gab natürlich Opernaufführungen, aber auch Maskenbälle, Theater, Zirkus. Nachdem die offenbar nicht ganz sachgemäß betriebene Gasbeleuchtung 1851 das gesamte Gebäude in Brand gesteckt und bis auf die Grundmauer niedergebrannt hatte, wurde es schon ein Jahr später neu aufgebaut.
Man setzte nun auf anspruchsvollere Opern, trotzdem kam das Haus nicht aus seinen roten Zahlen und wurde mehrfach verkauft. 1896 wurde es an die „Königlichen Schauspiele“ vergeben und damit in staatliches, preußisches Eigentum.
Kaiser Wilhelm II. wollte an Stelle der Kroll-Oper ein prunkvolleres und größeres Opernhaus errichten lassen. Tatsächlich begannen 1913 erste Abrissarbeiten, die aber mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs gestoppt wurden. Während des Kriegs diente das Gebäude als Lagerhaus.

Ab 1918 gab es neue Pläne, u.a. für ein Volksopernhaus. Sie scheiterten, so wie auch wenig später die Vergrößerung durch den „Verein der Berliner Volksbühne“. Wieder nahm der Staat die Oper in Besitz, ab 1924 diente es als Filiale der Staatsoper Unter den Linden.
Die Geschäfte liefen wie immer schlecht und in Zeit der Wirtschaftskrise erst recht. 1931 fand in der Kroll-Oper die letzte Vorstellung statt und stand in der Folge zwei Jahre lang leer.

Nach der Machtübergabe an die Nazis erwachte die Kroll-Oper wieder zum Leben. Am 19. Februar 1933 gab es dort den antifaschistischen Kongress „Das freie Wort“, an dem 900 liberale, sozialdemokratische und kommunistische Politiker und Bürger teilnahmen. Darunter Ernst Reuter, Carl von Ossietzky, Theodor Lessing und Alfred Döblin. Am Abend stürmte die Polizei das Gebäude, beendete die Veranstaltung und nahm zahlreiche Teilnehmer fest.

Als neun Tage später gegenüber der Reichstag niederbrannte, zog das Parlament in die Kroll-Oper ein. Eine Woche später erhielten die NSDAP und die mit ihr verbundene Deutschnationale Volkspartei die Mehrheit bei der Reichstagswahl. Ende 1933 bestand der Reichstag nur noch aus Nationalsozialisten, ein Parlament wurde in der Diktatur nicht mehr gebraucht.

Ab und zu nutzten die Nazis aber die Kroll-Oper noch, meist für medienwirksame Auftritte. So wurde dort am 18. April 1934 die erste Fernsehübertragung in Deutschland durch den Fernsehsender Paul Nipkow der Öffentlichkeit vorgestellt.
Am 1. September 1939 verkündete Adolf Hitler hier den Überfall auf Polen und damit den Beginn des 2. Weltkriegs. Bei der Kriegserklärung Deutschlands an die USA am 11. Dezember 1941 erklärte Hitler in der Kroll-Oper den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt für geisteskrank.

Wenige Monate später bezog die Staatsoper das Gebäude, weil ihr eigenes Opernhaus bei einem Luftangriff schwer beschädigt worden war. Dieses Schicksal traf im November 1943 dann auch die Kroll-Oper. Teile des Hauptgebäudes waren zerstört.

Ab dem Frühsommer 1945 wurden Teile des Komplexes notdürftig wiederhergerichtet und zeitweise gastronomisch genutzt. 1957 jedoch ist der Rest der Kroll-Oper abgerissen worden. Heute erinnert dort nur eine Gedenktafel an sie.

An diesem Ort der Gewalt haben im Winter 1961/1962 junge Künstler aus Europa, Israel, Japan, Österreich und Frankreich Zeichen setzen wollen gegen Krieg und den Mauerbau, der damals erst wenige Monate her war. Die Bildhauer schufen rund 20 Plastiken, die in den Jahrzehnten in die Natur eingewachsen sind. Leider sind nicht mehr alle vorhanden.

Die Aktion der jungen Künstler fand große Unterstützung: Westdeutsche Steinbrüche spendeten die Blöcke und organisierten den Transport nach West-Berlin, die US-Army stellte sie mit einem Kranwagen auf dem Platz auf und der Senat übernahm die Aufenthaltskosten der ausländischen Künstler.

Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus kam 2011 noch ein Werk dazu: Ben Wagins Stahlskulptur „Todes Mauer Bruch“ schließt damit die Wunde, die die anderen Plastiken symbolisieren.




Das Gestapo-Bordell “Salon Kitty”

Prostitution gab es schon immer und alle Versuche, sie zu unterbinden, sind bisher gescheitert. Auch während der NS-Zeit war Prostitution in Deutschland verboten. Dies war aber reine Theorie, denn Bordelle wurden nicht nur geduldet, sondern teilweise sogar gefördert. So gab es über 500 Wehrmachtsbordelle in den besetzten Gebieten. Dort waren es vor allem einheimische Frauen, die größtenteils unter Zwang arbeiteten. Sogar in zehn KZs gab es sogenannte Lagerbordelle, die männlichen Häftlingen als Anreiz zur Mehrarbeit dienten.

In Berlin nutzen die Nazis aber auch ein Wohnungsbordell zu besonderen Zwecken. Der Salon Kitty, betrieben von Kitty Schmidt, wurde bereits um 1930 gegründet. Bald wurde die 3. Etage in der Giesebrechtstr. 11, nahe des Kurfürstendamms, zum beliebten Etablissement für gut betuchte Männer. Vor allem Unternehmer, Diplomaten, Politiker und andere Prominente fanden sich hier ein, der VIP-Puff war sehr diskret, auch nach außen hin. Angeblich wussten sogar manche Hausbewohner lange nichts von seiner Existenz.

1939 wollte die Inhaberin und Antifaschistin Kitty Schmidt vor den Nazis fliehen, wurde aber an der holländischen Grenze von der Gestapo festgenommen. Ihr wurde angedroht, sie in ein Konzentrationslager zu bringen, wenn sie nicht mit dem “Sicherheitsdienst” zusammenarbeiten würde. Sie willigte ein.
Nun baute die Gestapo in alle Zimmer des Bordells Mikrofone ein, im Keller wurde eine Abhörzentrale installiert. 20 polizeibekannte Prostituierte wurden angestellt, “Frauen und Mädchen, die intelligent, mehrsprachig, nationalistisch gesinnt und ferner mannstoll sind”. Sie alle erhielten eine Spionageschulung und sollten künftig ihre Kunden dazu bringen, unter dem Eindruck von Sex und Alkohol ihre Meinung zum NS-Regime zu sagen. Auch Nazi-Funktionäre wurden abgehört, Diplomaten sollten Geheimnisse abgeluchst werden, darunter war sogar der italienische Außenminister. Da es sich allerdings schnell herumgesprochen hatte, dass dort die Gestapo spannerte, waren die Abhörerfolge nicht sehr groß.

Nachdem das Haus 1942 von einer Fliegerbombe getroffen worden war, wurde der Salon Kitty in das Erdgeschoss verlegt, kurz danach endeten die Abhöraktionen. Das Bordell selber aber wurde nach dem Tod von Kitty Schmidt 1954 von ihrer Tochter unter dem Namen Pension Florian weiter betrieben, danach führte es noch ihr Enkel einige Jahre. Erst in den 1990er Jahren wurde der Betrieb eingestellt.
Bereits 1976 gab es einen reißerischen Kinofilm über den Salon Kitty, der in Deutschland aufgrund der massiv dargestellten Nazi-Ästhetik nur stark gekürzt gezeigt wurde.

Foto: Fridolin freudenfett (Peter Kuley) CC BY-SA 3.0




Der Kemperplatz

Wer heute an der Ausfahrt „Kemperplatz“ des Tiergartentunnels steht, findet nur eine große Kreuzung. Einen Platz sucht man dort vergeblich. Aber es gab ihn. Und offiziell existiert er noch heute.

Der Kemperplatz erhielt seinen Namen 1858 durch das hier befindliche Wirtshaus „Kempers Hof“ von Johann Wilhelm Kemper. Der Gasthof nahe des Potsdamer Tores wurde von der „besseren Gesellschaft“ besucht, darunter Philosophen und Redakteure.

Vom Kemperplatz führte die Siegesallee, im Volksmund „Puppenallee“ genannt, zum Königsplatz vor dem heutigen Reichstagsgebäude. Auf dem Foto sieht man im Hintergrund die Siegessäule, die zu dieser Zeit noch auf dem Königsplatz stand.

Ursprünglich war der Kemperplatz kreisrund, gekreuzt von drei Straßen: Der Victoria-/Siegesallee, der Tiergarten-/Lennéstraße sowie der Bellevuestraße/Bellevue-Allee. 1877 wurde in der Mitte des Platzes der spätklassizistische Wrangelbrunnen errichtet. Er wurde jedoch 1902 wieder abgebaut und steht heute in der Grimmstraße in Kreuzberg. Statt seiner entstand der Rolandbrunnen mit einer monumentalen Anlage. Dieser wurde aber im 2. Weltkrieg stark beschädigt und 1950 abgerissen.

Nach dem Mauerbau wurde Richtung Norden die Entlastungsstraße gebaut, die am Kemperplatz ihren Anfang nahm. Schon damals hatte der Ort längst keinen Platzcharakter mehr. Seit der Eröffnung des Tiergartentunnels 2006 ergießt sich eine breite Ein- und Ausfahrt auf den einstigen Platz. Heute führt nur noch ein etwa 20 Meter langes Straßenstück zwischen Tiergarten- und Lennéstraße des Namen Kemperplatz. Er dient noch als Adresse des nordwestlichen Eingangs des Sony-Centers.




Der unbekannte Schneckenberg

Bei Theodor Fontane wird er erwähnt, aber sonst ist er praktisch unbekannt: Der Schneckenberg im Tiergarten. Sicher – für einen Bayern ist die wenige Meter messende Erhebung nichts als ein Hügel, er würde sie vermutlich nicht mal bemerken. Aber Fontane schilderte den Schneckenberg, dessen Reste sich noch heute zugewachsen nahe der Ecke Ebert- und Lennéstraße finden, in seinem Text „Cécilie“:

„Aber Häuser und Menschen in der Lennéstraße. Da hätt ich mir freilich einen anderen Stadtteil und vor allem ein anderes Vis-à-vis suchen müssen. Alles ist so still und verkehrslos hier, als ob es eine Privatstraße wäre mit einem Schlagbaum rechts und links. Sei’s drum; man muß die Feste nehmen, wie sie fallen, und die Straßen auch. Im übrigen wird sich schon was finden, das der Betrachtung aus der Vogelperspektive wert wäre. Das an der Ecke da, das muß der Schneckenberg sein (Erinnerung aus meinen Collège-Tagen her)“.

Fontane ist für seine genauen Betrachtungen bekannt und auch mir ist es unerklärlich, wieso kaum jemand diesen „Berg“ kennt. Ich selber habe ihn schon vor vielen Jahre entdeckt: Mitte der 1980er Jahre lag er direkt an der Mauer, versteckt im Dickicht. Im Durchmesser vielleicht 20 Meter, etwa acht Meter hoch, führte ein kaum noch zu erkennender Weg an die Spitze. Dieser Weg gab dem Hügel vermutlich den Namen.
Er muss einmal freigestanden haben, als er noch nahe der Stadtmauer stand. Vielleicht diente er als Aussichtsplattform? Das würde den gewundenen Weg nach oben erklären. Leider ist darüber nichts Genaues bekannt.

In den 1990er Jahren war der Schneckenberg dann Treffpunkt von jungen Männern, die im Schutz der Büsche schnellen Sex suchten. Nach der Fertigstellung des Tiergartentunnels begann die Neugestaltung des östlichen Teils des Parks. Auch rund um den Schneckenberg wurde breite Wege in die Büsche geschlagen, der einstige Hügel wurde verkleinert und ist jetzt vielleicht noch drei, vier Meter hoch. Und er ist wieder in den Büschen verschwunden, aber wenn man genau hinschaut, kann man ihn noch entdecken.




Schreckensort in der Burgstraße

Die meisten Berliner und Touristen wissen, wo sich einst die Zentrale der Gestapo befand. Während der Mauerzeit lag auf der Prinz-Albrecht-Straße an der Grenze zwischen Kreuzberg und Mitte der Todesstreifen. Der Krieg hatte das alte Hotel zerstört, das der Nazi-Geheimpolizei als Hauptquartier diente. In den Kellern wurden zahlreiche Menschen gefoltert und ermordet. Die Straße heißt mittlerweile Niederkirchnerstraße und auf dem Gelände befindet sich die Topografie des Terrors. Aber dieser Ort beherbergte nur die Reichszentrale der Gestapo. Die „Staatspolizei-Leitstelle Berlin“ war im großen Polizeipräsidium an der Alexanderstraße untergebracht – und in der Burgstraße. Die Burgstraße in Mitte ist heute ein von Touristen überlaufener Ort, der eigentlich gar nichts zu bieten hat. Man durchquert sie lediglich auf 100 Metern Strecke, wenn man vom Hackeschen Markt kommt und auf die Museumsinsel möchte.

Vor den Kriegszerstörungen war es eine belebte Straße, hier befand sich die Berliner Börse und auf der anderen Straßenseite hatte der Zirkus Busch ein festes Haus. Die Burgstraße blickt bereits auf eine 350-jährige Geschichte zurück, die ihren Namen von der 1451 errichteten Burg am gegenüberliegenden Spreeufer hatte, aus der später das Stadtschloss wurde.

Während der Nazizeit nutzte die Gestapo nutzte die Häuser 26 bis 29, vom Hackeschen Markt aus gesehen die Gebäude auf der linken Seite. Die ersten zwei Häuser von der Bahn aus wurden im Krieg stark beschädigt und vor 30 Jahren abgerissen, die beiden anderen stehen noch.

In der Burgstraße 28 befand sich das sog. Judenreferat der Gestapo. Es organisierte die Deportation von rund 55.000 Berliner Jüdinnen und Juden in den Holocaust. In dem Haus befand sich auch ein sogenanntes Schutzgefängnis, in den Kellern und den Gebäuden des zweiten Hofes wurden Häftlinge gefoltert und ermordet.

Ein Hausmeister berichtete später, dass die Keller der Gebäude miteinander verbunden waren. In einem von ihnen sind noch zwei Tresorräume mit 40 cm dicken Stahltüren zu finden. Nach dem Ende der Naziherrschaft berichtete der Zimmermannslehrling Rolf Joseph, dass er genau dort gefoltert worden war, um Namen preiszugeben. Er wurde dort an Händen und Füßen gefesselt, über eine Holzkiste geschnallt und mit einem Ochsenziemer ausgepeitscht.
In den 1970er Jahre lebte in der Burgstr. 22 noch ein ungarischer Jude, der ebenfalls in einem dieser Keller mit Metallringen an die Wand gefesselt worden war und misshandelt wurde.

Anders als andere Orte gilt die Burgstraße heute noch als schwarzes Loch in der Holocaustforschung. Das liegt vermutlich auch daran, dass im März 1945 im großen Stil die Akten vernichtet wurden. Die Folterer wussten, dass sie nach dem Zusammenbruch ihres Reiches für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden könnten.

Diese Leitstelle war ein sehr zentraler Ort in der Organisierung des Holocaust. Direkt um die Ecke, in der Rosenstraße, wurden während der „Großaktion Juden“ (später als Fabrikaktion bezeichnet) die verhafteten jüdischen Ehepartner von nichtjüdischen Männern und Frauen untergebracht. Nur 200 Meter entfernt vom „Judenreferat“ entwickelte sich in den Tagen nach dem 27. Februar 1943 der breiteste Widerstand während der Nazizeit. Hunderte Frauen protestierten lautstark vor dem Gebäude Rosenstr. 2-4 und in den umliegenden Straßen, immer wieder bedroht von Polizei und Gestapo. Zeitweise wurden sogar Maschinengewehre gegen die Demonstrantinnen aufgebaut. Diese forderten die Freilassung ihrer etwa 2.000 jüdischen Angehörigen, die von dort aus deportiert werden sollten. Und tatsächlich war dieser Protest nach etwa einer Woche erfolgreich.

Nicht weiter entfernt von der Burgstraße befanden sich in der Großen Hamburger Straße das Erste Jüdisches Altersheim und eine jüdische Knabenvolksschule, die von den Nazis als Sammellager missbraucht worden sind. Rund 22.000 Menschen wurden von hier aus in den Holocaust geschickt.

Zwischen Burgstraße und Sammellager die Speditionsfirma von Erich Scheffler ihren Sitz, in der Großen Präsidentenstraße 9 am Hackeschen Markt. Für Scheffler war die Gestapo der beste Kunde. Mit seinen LKWs, Kabinenmöbelwagen und Pferdefuhrwerken transportierte die Spedition anfangs das zurückgelassene Eigentum von deportierten Juden zur weiteren Verwertung. Bald aber wurden mit seinen Fahrzeugen auch Juden aus ihren Wohnungen abgeholt, in die Sammellager überführt und von dort zur Deportation zu den Bahnhöfen gebracht. Es war in Berlin die Spedition, die am meisten von den Deportationen profitiert hatte. Und doch gab es noch eine andere Seite: Laut verschiedenen glaubwürdigen Quellen versteckte die Familie Scheffler zwischen 1943 und 1945 untergetauchte Juden in den Geschäftsräumen der Spedition und in ihrem Privathaus in Marzahn.

Insgesamt galt die Gegend um die Burgstraße der jüdischen Bevölkerung als Schreckensort, ausgerechnet nahe der Wohnviertel der armen und traditionellen „Ostjuden“. 1943 richteten einige Bombentreffer großen Schaden in den Räumen des Judenreferats an. Doch seine grausame Arbeit wurde in den verbliebenen Teilen der Gebäude und an anderen Orten weitergeführt.




Jungfernheide

Der Volkspark im Norden Charlottenburgs ist nach dem Tiergarten der zweitgrößte Park Berlins und der letzte Rest eines ehemaligen Wald- und Heidegebiets, das einst von Moabit bis nach Tegel reichte. In Moabit erinnert der Name Waldstraße noch immer daran. Und selbst der S-Bahnhof Jungfernheide ist mittlerweile etwa einen Kilometer vom eigentlichen Park entfernt.
Ihren Namen hat die Jungfernheide vom Spandauer Nonnenkloster, das im 13. Jahrhundert gegründet wurde. Bis etwa 1800 diente sie als königliches Jagdrevier, danach wurde sie als Schieß- und Exerzierplatz genutzt. Die Stadt Charlottenburg kaufte 1904 einen Teil des Gebietes und wollte es zu einem Park umbauen, was sich aber immer weiter verzögerte. Nachdem Charlottenburg 1920 nach Berlin eingemeindet wurde, wurde schrittweise bis 1926 der Jungfernheidepark nach Plänen des Charlottenburger Gartendirektors Erwin Barth angelegt. Barth legte Wert darauf, das ein Großteil des Baumbestands erhalten blieb, so wurde der Park also in den Wald hineingebaut. Nur im mittleren Teil schlug man eine große Schneise, hier entstanden u.a. große Spiel- und Liegewiesen, Spielplätze und ein künstlicher See mit einer 3 Hektar großen Insel, die über zwei Brücken erreichbar ist. Am östlichen Ende markiert der 28 Meter hohe Wasserturm einen Höhepunkt der Jungfernheide.
Heute erreicht man den Park sehr gut von U-Bhf. Halemweg auf der U7. Man taucht sofort in den Wald ein und als erstes fallen einem die Schilder auf, die vor dem Verlassen der Wege warnen. Der alte Baumbestand ist zu einer Gefahr für die Spaziergänger geworden.

Wir wählen einen Rundgang in Uhrzeigerrichtung. Auf einem Hauptweg erreichen wir einen kleinen Platz, von dem man den “Kulturbiergarten” betreten kann. Kultur gibt es manchmal, Bier immer. Etwas abgeschieden kann man hier seinen Spaziergang unterbrechen, aber wir haben ja gerade erst angefangen. Das dazugehörige Freilufttheater ist geschlossen, aber hier hängt ein aktuelles Programm aus. 2000 Besucher fasst es. Ob auch mal so viele kommen?
Auf dem Weg weiter Richtung Westen liegen ein Bauspielplatz sowie eine Hundeauslauf-Anlage. Beide sind fest verschlossen und anscheinend nicht mehr in Betrieb. Oder nur innerhalb der Woche? Jedenfalls scheinen beide Anlagen sehr überholungsbedürftig zu sein.

Dann sehen wir schon das Wasser des Jungfernheidesees. Am östlichen Ufer ein Strand, bei dem warmen Wetter liegen ein paar Einzelne, Pärchen und Familien am Wasser, aber nur wenige baden auch. Bald erreicht man die Brücke, die zur Insel führt. Sie muss nur ca. zehn Meter Wasser überwinden, es sind hier alles keine großen Distanzen. Am Wasser entlang kommt man an zwei kleineren Häuschen vorbei, Pavillons, die den Spaziergängern zur Pause errichtet wurde.

Auch am westlichen Ende des Sees baden Leute, mehr als gegenüber. Jedoch ist dies hier ein offizielles Freibad, abgezäunt, sauber und es bietet einige Annehmlichkeiten wie Imbiss und Lokal, Toiletten und Umkleidekabinen. Der Nichtschwimmerbereich ist deutlich mit einer rot-weißen Kette abgezäunt, es sind vor allem Familien mit Kindern hier. Das kleine Strandbad, ein Familienbetrieb, ist auch bei heißem Wetter nicht überfüllt.
Hinter dem Bad geht es nördlich des Sees wieder zurück. Nur wenige Meter in einen Weg, durch eine kleine Gittertür – und man steht auf einem großen Sportgelände, mit mehreren Fußballplätzen, Vereinshaus, Gaststätte und mobilem Imbiss. Heute am Sonntag ist hier eine Menge los. Man kann sich mit einem Getränk in den Schatten setzen und den Sportlern beim Rennen zusehen.
Oder man setzt seinen Weg weiter fort, am See entlang erreicht man wieder die erste Badestelle. Hier beginnt auch die große Liegewiese, die mehrere hundert Meter weiter durch den Wasserturm abgeschlossen wird. Es ist hier tatsächlich eine Wiese, kein kurz geschnittener Rasen, die man sich allerdings mit zahreichen Maulwürfen teilen muss. Der Wasserturm ist ein expressionistischer Klinkerbau von 1927. Mittlerweile gibt es in seinem Sockelbereich sogar wieder eine Gaststätte.

Im östlichen Teil des Parks hat man nochmal die Möglichkeit, durch Waldgebiet zu wandern. Hier gibt es auch Wildschweine, die in einem Gehege leben. Sie machen sich durch ihren strengen Geruch bemerkbar.
Noch vor einigen Jahrzehnten reichte die Jungfernheide weiter Richtung Osten. Doch mit dem Bau der Stadtautobahn (Kurt-Schumacher-Damm) und des Flughafenzubringers gingen größere Teile verloren. Unter anderem der Platz, an dem sich 1856 der damalige Berliner Polizeipräsident Ludwig von Hinckeldey mit Hans-Wilhelm vom Rochow-Plessow ein Duell lieferte – und erschossen wurde. An dieser Stelle war daraufhin ein Kreuz errichtet worden, das aber mit dem Bau der Stadtautobahn versetzt werden musste und nun am Parkeingang an der Ecke Kurt-Schumacher-/Heckerdamm steht.

Wir gehen nun zurück zum Ausgangspunkt. Die vier Kilometer Rundweg sind schön zu laufen, wenn auch manchmal etwas frustrierend. Denn am Ende heißt es wieder: Das Verlassen der Wege ist verboten. Wegen Baum-Einsturzgefahr.

Foto: Kvikk CC-BY-SA 4.0




Die Panke

Dass die Spree und Havel Berliner Flüsse sind, weiß jeder. Daneben gibt es aber noch drei weitere, die Dahme, die Wuhle sowie die Panke. Wer jedoch die Panke im Wedding sieht, den kommen Zweifel, dieses Rinnsal wirklich als Fluss zu bezeichnen. Doch das war mal anders: Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Mühle, deren Gebäude noch heute an der Badstraße steht, zweimal vom Hochwasser zerstört. 1888 brachte sie sogar ein Hinterhaus in der Schulzendorfer Straße zum Einsturz. Das letzte Panke-Hochwasser verzeichnete man im Jahr 1980, allerdings mit wenig bekannten Schäden.

Dort wo heute die Wiesenbrücke über die Panke führt, stand übrigens einst das Dörfchen Weddinge. Gegenüber der Mühle befanden sich im 18. Jahrhundert Biergärten, daneben eine Heilquelle, deren Brunnen noch heute im Keller eines Hauses der Badstraße zu sehen ist. Diese Quelle gab der Gegend auch den Namen Gesundbrunnen. Zu dieser Zeit hatten sich rund um die Panke ein Erholungsgebiet entwickelt, noch heute sieht man nördlich der Badstraße den heute stillgelegten Pankearm, der einst als Badeanstalt diente.

Doch man ging nicht sehr liebevoll mit dem Brunnen und der Panke um. Zum einen waren da 30 Gerbereibetriebe, die sich 1850 flussaufwärts an der Panke angesiedelt hatten und ihre übelriechenden Abwässer in den Fluss leiteten. Dieser wurde immer mehr zu einem Moderloch und verbreitete einen derartigen Gestank, dass sich die Anwohner in empörten Eingaben beschwerten. “Wo die Panke mit Gestanke durch den Wedding rinnt, da halten sich die Nasen zu, Mann und Frau und Kind”, so ein Reim über die “Stinkepanke”.

Die Panke führte damals also noch richtig viel Wasser, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war sie noch schiffbar. Wie heute kam sie aus Bernau, schlängelt sich im Norden Berlins durch Pankow und dann durch den Wedding. An der Chausseestraße führte der Fluss ursprünglich zum Schwarzen Weg (dieser Teil ist seit einigen Jahren wieder freigelegt), dann offen durch das Gelände der Charité und ergießt sich neben der Weidendammer Brücke in die Spree. Nach dem Mauerbau sperrte Ost-Berlin den letzten Teil der Panke, das Wasser wurde fortan in den Nordhafen umgeleitet.

Dass die Panke mal ein wichtiger Fluss war, erkennt man auch an der Benennung der Bezirke Pankow (in Berlin) und Pankeborn (in Bernau) sowie der barnimer Gemeinde Panketal. Auch in Lieder und der Literatur wurden ihr mehrere Gedenksteine gesetzt, u.a. von Kurt Tucholsky und Fredy Sieg.




Der Landwehrkanal

Mit dem Spottlied “Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal” wurde die ermordete Rosa Luxemburg nach ihrem Tode noch posthum verhöhnt. Leider ist dies das einzige Lied, in dem das größte Bauwerk Berlins vorkommt.
Als der Kanal am 2. September 2000 sein 150-jähriges Jubiläum hatte, kam niemand auf die Idee, dies zu würdigen. Aber das steht in alter Tradition: Schon seine Einweihung war der Presse 1850 nur wenige Zeilen wert. Die Berliner nahmen ihn im Prinzip nicht wahr, zumal er damals noch außerhalb der Stadtmauern lag…
Ausschlaggebend für den Bau des Kanals waren die unzureichenden Kapazitäten der Spree-Schleuse am Mühlendamm (heute im Bezirk Mitte). Die Schiffe mussten schließlich wochenlang warten, bis sie die Schleuse passieren konnten, die damals schon mitten in der Stadt lag. Sie war zu eng, die Schleusenkammern zu kurz, der Ansturm zu groß.

Es ist nicht bekannt, wann der sogenannte Landwehrgraben angelegt wurde, der direkt nördlich der Stadtmauer zwischen dem Schlesischen und Halleschen Tor verlief. Wenn die Spree Hochwasser führte, diente der Graben zu ihrer Entlastung. Ab 1705 gab es auch Holztransporte über den Landwehrgraben. Doch erst über hundert Jahre später wurde die Situation an der Schleuse so untragbar, dass die Idee zum Bau einer Ausweichmöglichkeit aufkam. Schiffen, die die Stadt nicht anlaufen sondern nur durchqueren wollten, sollten so um die Mauern herum geführt werden und die Spree in Berlin entlasten.
1818 stellte der Ober-Mühleninspektor Schwahn einen Plan zum Bau des Umgehungskanals auf. Er sollte elf Meter breit und selbst bei niedrigstem Oberwasserspiegel noch mindestens 1,30 m tief sein. Nachdem bereits alle Vorbereitungen getroffen waren, ließ der König den Bau jedoch 1820 aus Kostengründen stoppen.

Erst 1840 erhielt Peter Joseph Lenné den Auftrag zur Bebauung des Köpenicker Feldes. Sein Konzept enthielt als Hauptpunkt die Anlegung eines schiffbaren Wasserweges, der an der Spree an der jetzigen Schillingbrücke begann. Von hier aus wurde der Luisenstädtische Kanal über den heutigen Engeldamm, Oranienplatz, Erkelenzdamm zum späteren Urbanhafen geführt. Parallel dazu trieb Lenné die Entwicklung der alten Idee einer Spree-Umfahrung voran.

Die Bürokratie mahlt oft langsam, in diesem Fall besonders. Als 1845 der Bau des Landwehrkanals begann, war an manchen Stellen noch nicht mal seine genaue Trassenführung entschieden. Die endgültige Linienführung beschrieb der Bauleiter des Kanals, Ingenieur Helfft:
“Der ungefähr 1 3/8 Meilen [10,4 km] lange Landwehrkanal tritt oberhalb des Schlesischen Thores, nicht weit von der ehemaligen Mündung des Landwehrgrabens, aus der Spree, durchschneidet alsdann die Chaussée nach Treptow, entfernt sich, die sogenannten Berliner Wiesen durchschneidend und bei seiner Wendung beinahe einen rechten Winkel bildend, von der Stadt, kommt derselben bei Durchschneidung des Rixdorfer Dammes wieder näher, erreicht die Stadtmauer am Halleschen Thore, durchschneidet ferner die Militairstraße [Wilhelmstraße], die Berlin-Anhalter Eisenbahn, die Schöneberger Straße, die Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn und die Potsdamer Straße, läuft die Grabenstraße entlang, wendet sich dann nach dem ehemaligen Fasanen-Gehege nach Charlottenburg und mündet endlich oberhalb Lietzow, bei dem neuen königlichen Salzmagazine, in die Spree aus.”

An der Stelle des heutigen Urban-Krankenhauses stieß der Luisenstädtische Kanal in den Landwehrkanal, hier wurde der Urbanhafen angelegt, der die gesamte Fläche des heutigen großen Parkplatzes, einen Teil des Krankenhaus-Neubaus sowie gegenüber einen Teil des Böcklerparks einnahm. Der Luisenstädtische Kanals durchbrach zwischen dem Kottbusser und dem Halleschen Tor die Stadtmauer, worauf heute noch der Name Wassertorplatz hinweist. Mitten in die Bauarbeiten platzte die Revolution von 1848, die auch die 5.000 Arbeiter am Luisenstädtischen Kanal erfasste. Elf von ihnen starben im Oktober 1848 am Engelbecken.

Durch die Schleusentore am Anfang und Ende des Landwehrkanals konnte eine konstanter Wassertiefe gehalten werden, unabhängig vom tatsächlichen Wasserstand der Spree. So wurde gewährleistet, dass die Tiefe nie unter 1,50 m sank. Die Breite betrug an der Wasseroberfläche etwa 20 Meter. Allerdings maß die Sohle nur zehn Meter, die Ufer stiegen damals schräg an, so dass die Schiffe nicht direkt am Rand halten konnten.
Dass der Platz nicht reichte, wurde nach dem Abriss der Stadtmauer und der schnellen Ausbreitung der Stadt deutlich. Zahlreiche zum Entladen angelegte Schiffe blockierten den Kanal. Bei den Begegnungen und Überholmanövern in der schmalen freibleibenden Rinne wurde die Uferbefestigung an zahlreichen Stellen beschädigt, wodurch Sand durchbrach und den Kanal dort unpassierbar machte. 1880 erließ die Stadt daher die Order, dass der gesamte Kanal periodisch stets nur in eine Richtung befahren werden durfte.

Um die Situation zu entspannen sollte nur etwa 300 Meter südlich ein weiterer Umgehungskanal gebaut werden. Allerdings fiel die Entscheidung aus finanziellen Gründen dann zugunsten eines Ausbaus des Landwehrkanals. Natürlich dauerte die Realisierung wieder viele Jahre, erst 1941 (!) war die Erweiterung des Landwehrkanals abgeschlossen. Das Profil war statt trapez- nun kastenförmig, wodurch eine nutzbare Breite von 22 Metern entstand, die Anlegung von Steilufern und Ladestraßen gaben den Schiffen die Möglichkeit, zur Entladung anzulegen, ohne den Durchgangsverkehr zu behindern. Auch der Wasserstand wurde verändert, der nun mindestens 1,75 Meter und in der Kanalmitte 2 m betrug.

In der Folgezeit erhielt der Landwehrkanals aufgrund des Krieges eine besondere Bedeutung, vor allem zur Schuttabfuhr. Doch die zunehmende Motorisierung auf der Straße sowie schließlich die Teilung der Stadt machten ihn seit den 60-er Jahren fast überflüssig. Heute wird er fast nur noch von Ausflugsdampfern genutzt.

Ein noch schlimmeres Schicksal erlitt der Luisenstädtische Kanal, nach der Bebauung des Köpenicker Feldes wurde er kaum noch befahren. Im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wurde der Kanal 1926/27 zugeschüttet und stattdessen ein breiter Grünzug angelegt, der ab 1961 teilweise als Grenzstreifen diente. An einer Stelle aber hat er noch ein deutliches Zeichen hinterlassen: Die Waldemarstraße überquert den ehemaligen Kanal noch immer über eine (während der Mauerzeit zugemauerte) Brücke!




Die Quelle Fürstenbrunn

Fürstenbrunn hört sich an, wie ein Dorf bei Salzburg (das gibt es dort tatsächlich), dies ist aber nicht gemeint. Vielen Autofahrern ist der Fürstenbrunner Weg ein Begriff, der am Klinikum Westend vorbei Richtung Siemensstadt führt. Nördlich des Krankenhauses, wo die Straße heute zum Rohrdamm wird, lag Mitte des 18. Jahrhunderts eine winzige Siedlung. Dort kehrten die Jäger ein, die in der damals noch nahen Jungfernheide vom Tiere meucheln kamen. Es gab da eine Quelle, deren Wasser besonders schmackhaft war. Alle anderen Quellen im Berliner Raum waren stark eisenhaltig. Anders diese Quelle, in deren Wasser es kaum Eisen gibt.

Das leckere Wasser lockte aber nicht nur die Jäger an. Auch der Kurfürst Friedrich III. und seine Sophie Charlotte, nach der später Charlottenburg benannt wurde, sollen die Quelle oft besucht haben. Angeblich wurde sogar eine eigene Leitung zur Lietzenburg / Schloss Charlottenburg gelegt, was aber nicht bewiesen ist.

Auch später genoss der Adel dieses Wasser. Mitte des 19. Jahrhunderts war Friedrich Wilhelm IV. oft in dem 1818 erbauten Schützenhaus, später sogar die deutschen Kaiser.
Etwa um 1860 erhielt das bisherige Gasthaus den Namen Fürstenbrunn. Schon damals wusste man sich mit guter Kundschaft zu schmücken. Dazu kam die gesundheitliche Kontrolle des Wassers. Das gute Ergebnis des Chemischen Laboratorium von Dr. Fresenius ließ sich Alfred Rohde, der Wirt des Gasthauses, sogar auf eine Postkarte drucken.

Seit 1888 wird der Fürstenbrunn professionell ausgebeutet. Im 20. Jahrhundert entstand eine Abfüllanlage, die durch lange unterirdische Rohre mit der Quelle verbunden ist. Heute kann man das Fürstenbrunn-Wasser auch beim Discounter kaufen. Selbst, wenn man kein Jäger oder Adliger ist.

 




Der Meistersaal in Kreuzberg

Unauffällig gliedert sich das 100 Jahre alte Gebäude mit der durch Säulen verzierten Fassade in die Häuserfront der Köthener Straße, nicht weit entfernt vom Potsdamer Platz. Und doch ist dieser Ort voll mit Geschichte, Musikgeschichte vor allem. Als ich das Gebäude zum ersten Mal wahrnahm, war ich noch ein kleiner Junge. Es stand allein und halb zerstört in der Straße, auf der anderen Straßenseite war die Mauer. Durch einen Gebietsaustausch zwischen Ost- und West-Berlin wurde sie im Jahr 1972 abgerissen, das dahinterliegende Gelände zwischen Stresemannstraße und Landwehrkanal wurde vom Bezirk Mitte (Ost) dem Bezirk Tiergarten (West) zugeschlagen. Das Haus Köthener Str. 38 stand aber noch auf der Kreuzberger Seite.

Begonnen hat seine Geschichte vor etwas mehr als hundert Jahren. Die Innung des Bauhandwerks errichtete es 1913 als Verbandshaus. Es diente als Bürohaus, sein Herzstück jedoch war der 265 Quadratmeter große Saal. Hier fanden Veranstaltungen statt, hier wurden den Handwerksgesellen nach bestandener Prüfung die Meisterbriefe überreicht.

Anfang der 1920er Jahre zogen mehrere künstlerische Einrichtungen in das Gebäude ein, Verlage, eine Galerie. Im Meistersaal fanden Lesungen statt, Theater- und Musikaufführungen. Während der Nazizeit wurde es verstärkt für Konzerte genutzt, die Reichsmusikkammer übernahm die Kontrolle über den Saal. Ein Luftangriff im November 1943 zerstörte den gesamten hinteren Teil des Gebäudes, abgesehen von den kaputten Scheiben blieb der Meistersaal jedoch intakt. Die oberen Stockwerke waren jedoch ebenfalls ausgebombt und blieben die folgenden 30 Jahre zugemauert und ungenutzt.

Auch nach dem Krieg diente der Saal vor allem zur Aufführung von Konzerten und Theaterstücken. Zwischen 1948 und 1961 wurde der Meistersaal als Ballhaus City bzw. Ballhaus Sisi genutzt. Doch mit dem Mauerbau brach das Publikum weg, statt mitten in der Stadt befand sich das Gebäude plötzlich ganz am Rande.

Noch im Jahr 1961 griff die Schallplattenfirma Ariola zu und baute den Meistersaal zu einem Aufnahmestudio um. Opern- und Operettensänger (René Kollo, Rudolf Schock, Ivan Rebroff), aber auch Schlagerstars wie Zarah Leander oder Peter Alexander nahmen hier Schallplatten auf.

15 Jahre später begann eine komplette Renovierung des Gebäudes. Der Meisel Musikverlag aus Wilmersdorf hatte 1976 den gesamten Komplex gekauft und auch die oberen Stockwerke wieder hergerichtet. Überall entstanden Tonstudios, die kurz zuvor gegründete Marke Hansa war eben auf dem Weg, für ihre qualitativ hochwertigen Aufnahmen international bekannt zu werden. Das auch deshalb, weil die Studios immer auf dem neusten technischen Stand gehalten wurden. Schon früh arbeitete man hier z.B. mit Computern.

Viele bekannte Künstler wie David Bowie, Depeche Mode, U2, Richard Clayderman oder Jon Bon Jovi reisten an, um im Meistersaal ihre Schallplatten einzuspielen. Und auch ein Großteil der westdeutschen Musikszene nutzte die Hansa-Studios, Rock, Pop, Schlager, Liedermacher, viele große Namen waren vertreten, wie Lindenberg, Jürgens, Nena, Tote Hosen, Rosenberg, Maffay und, und, und…

David Bowie hatte drei seiner wichtigsten Alben größtenteils im Meistersaal produziert. Und wie so einige andere schummelte er ein bisschen. Zu seinem Song “Heroes” wurde er angeblich durch die Mauer auf der gegenüber liegende Straßenseite inspiriert. Tatsächlich aber war diese bereits vier Jahre zuvor abgerissen worden. Aber egal, die Geschichte ist trotzdem schön.

Ab dem Frühjahr 1989 entstand auf dem Brachgelände an der Köthener Straße der sogenannte Polenmarkt, das Tempodrom baute seine Zelte auf und mit dem Mauerfall kamen die vielen Autos. Der einst ruhige Meistersaal war nun nicht mehr als Aufnahmestudio zu gebrauchen. Stattdessen sollte er wieder zu einem Veranstaltungsort umgebaut werden.

1994 war dieser Umbau fast beendet, als alte Fotografien des Saals auftauchten. Daraufhin begann der Umbau erneut. Doch dem Saal war nicht viel Glück beschieden. Mehrmals wechselten die Eigentümer und auch die Konzepte. Derzeit wird der Meistersaal als Veranstaltungsort für verschiedene Events genutzt. Und auch hin und wieder für Musikaufnahmen.




Seebad Mariendorf

Berlin hat viele einstige Vergnügungsorte, von denen heute nichts mehr zu sehen ist. Kaum jemand kennt noch den Lunapark am Halensee, das Haus Vaterland am Potsdamer Platz oder die West-Eisbahn am Bahnhof Zoo. Ein solch verschwundener Ort ist auch das Seebad Mariendorf.

Heute sieht die Häuserzeile in der Ullsteinstraße aus wie Tausende andere in Berlin. Nachkriegsbauten aus den 1950er Jahren, ein paar Neubauten, dazwischen gehen Wege in den Block hinein. Sie führen allerdings nicht in Höfe, sondern in einen kleinen Park, der sich um eine Seniorenresidenz windet. Dahinter im Blockinneren liegen zwei Fußballplätze, sie sind zu allen Seiten von Häusern umgeben, weder vom Mariendorfer Damm, noch von der Rathausstraße aus sind sie zu sehen.

Genau hier befand sich seit dem 19. Jahrhundert das Seebad Mariendorf. Adolf Lewissohn hatte das feuchte Wiesengelände einst von seinem Vater geerbt. Am Grenzweg (heute Ullsteinstraße) ließ er Anfang der 1870er Jahre ein mehrstöckiges Gebäude mit einem Restaurant errichten, aber das eigentliche Geschäft machte er mit den Teichen auf der Wiese. Er ließ sie tiefer ausbaggern und wenn sie im Winter zufroren, begann die Eisernte. Das Eis wurde in die kühlen Keller des Gebäudes gebracht und dort Monate lang gelagert. Damals gab es noch keine Kühlschränke und so waren Gastwirte zur Kühlung des Bieres auf Stangeneis angewiesen. Dies lieferte ihnen nun Adolf Lewissohn, dessen Auslieferungskutschen bald selbst im damals noch weit entfernten Berlin zu sehen waren. Bis zu 500 Touren am Tag soll er geliefert haben.

Parallel dazu baute Lewissohn ein Teil des Geländes zu einer öffentlichen Badeanstalt aus, die er 1876 eröffnete. Dass im gleichen Jahr der Ingenieur Carl von Linde den ersten funktionstüchtigen elektrischen Eisschrank erfand und damit das Ende vom Stangeneis einläutete, ahnte Lewissohn zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Doch in den folgenden Jahren ging die Eisproduktion immer mehr zurück und an ihrer Stelle wuchs das Schwimmbad. Adolf Lewissohn ließ ein 130 Meter langes Sportbecken anlegen, in dem Wettkämpfe stattfanden. Aus einem 60 Meter tiefen Brunnen wurde ständig neues Wasser gepumpt, so dass die Werbung von der größten und schönsten Badeanstalt Groß-Berlins mit ständigem Zu- und Abfluss sprach.

Das Bad wuchs jedes Jahr, es entstanden feste Betonbecken, und im Jahr 1912 fanden im Seebad Mariendorf sogar Ausscheidungskämpfe für die Olympischen Spiele in Stockholm statt. Mit dem Ersten Weltkrieg war dann erstmal Schluss mit Baden, das Restaurantgebäude wurde zum Lazarett umfunktioniert.

In den 1920er Jahren hatte das Seebad dann seine beste Zeit. Bis zu 4.000 Gäste am und im Wasser, 7.000 konnten im Restaurantgebäude gleichzeitig bewirtet werden. Der Rand des Geländes wurde als Park angelegt, dort waren noch einige der alten Teiche vorhanden. Es gab einen hölzernen Sprungturm und zur Markgrafenstraße hin am südlichen Ende des Bades eine große Sandfläche als Strand.

1934 musste Helene Lewissohn, Witwe des einige Jahre zuvor verstorbenen Adolf, das Bad verkaufen. Im Rahmen der „Arisierungen“ durch die Nazis erhielt sie dafür nach Bezahlung aller Rechnung gerade mal 151,25 Reichsmark. Nur ein kleiner Teil des Grundstücks blieb in ihrem Besitz, bis auch dieser 1939 zwangsversteigert wurde. Wie schon im Ersten Weltkrieg wurde das Restaurantgebäude wieder zu einem Hilfskrankenhaus.

Trotz des Krieges ging der Badebetrieb weiter, erst 1947 wurde es geschlossen. Nur im Sommer 1950 öffnete das Seebad Mariendorf nochmal für einige Monate, danach aber wurden die Becken zugeschüttet. Das Technische Hilfswerk nutzte das einstige Bad als Übungsgelände, bis es ab 1954 teilweise bebaut wurde. Auch das Restaurant wurde abgerissen.

Helene Lewissohn, die nach dem Krieg versucht hatte, das Bad und das Restaurantgebäude zurück zu erhalten, hatte damit keinen Erfolg. Sie starb verarmt 1957 in der nahen Prühßstraße. Vom einstigen Seebad ist heute nur noch einer der Teiche sowie ein kleiner Torbogen übrig.




Haus der Einheit

Schon viele residierten hier: Jüdische Kaufleute, Nazis, Kommunisten, Kapitalisten. Es ist eine laute, stark befahrene Kreuzung, Torstraße und Prenzlauer Allee treffen hier aufeinander. Nur wenige hundert Meter nördlich des Alexanderplatzes ist das sogenannte “Prenzlauer Tor” ein ungemütlicher Ort. Wie zufällig platziert stehen einige alte Wohnhäuser, der Nikolai-Friedhof an der Ecke zieht immer wieder alte und neue Nazis zum Gedenken an Horst Wessel an. Gegenüber ein großes Gebäude, seine Fassade, markant geschwungen, mit einer „Bauchbinde“ in der ersten Etage. Es hat eine wechselvolle Geschichte und wechselnde Adressen.
Als der jüdische Kaufmann Hermann Golluber 1928/29 das Haus errichten ließ, hieß die Torstraße noch Lothringer Straße. Die Nummer 1 wurde ein Stahlskelettbau im Stil der Neuen Sachlichkeit. Am Rand des Scheunenviertels wurde ein Warenhaus gebaut, in dem auch der ärmere Teil der Berliner einkaufen konnte. Und es war ein Kreditwarenhaus, die Kunden konnten „auf Pump“ einkaufen.
Das Haus enthielt ein Dachterrassen-Restaurant und großzügige Räume auch für die Angestellten. 1929 war die Eröffnung als „Kaufhaus Jonaß“, doch schon vier Jahre später kam der erste Einschnitt. Im Dezember 1933 nutzten die Nazis einen Teil des Gebäudes als Ausstellungsfläche. Golluber und sein ebenfalls jüdischer Geschäftspartner Hugo Halle nahmen zwei Mitarbeiter in die Geschäftsleitung auf, um nicht enteignet zu werden. Doch Golluber und Halle wurden von den beiden aus der Firma gedrängt und flohen 1939 aus Deutschland.

Warenhäuser galten im NS-Staat als „jüdisch“, selbst wenn diese – was praktisch bei allen der Fall war – gar nicht mehr Juden gehörten. Die neuen Besitzer schlossen das Kaufhaus, bauten es um und vermieteten es an die Reichsführung der Hitler-Jugend. 1942 verkauften sie es an die NSDAP.
Direkt nach dem Krieg zog der „Zentralausschuss der SPD“ in das Gebäude ein. Mit der Zwangsvereinigung von KPD und SPD im April 1946 ging der Komplex an das Zentralkomitee der neugegründeten „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“. Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl als erster und einziger Präsident bzw. Ministerpräsident arbeiteten in diesem Haus. An sie erinnern noch heute zwei Tafeln am Eingang (noch zu seinen Lebzeiten wurde die Lothringer Straße 1951 in Wilhelm-Pieck-Straße umbenannt, das ehemalige Kaufhaus erhielt damit wieder eine neue Adresse). Das Gebäude hieß nun offiziell „Haus der Einheit“, was auf die Zusammenlegung der kommunistischen und der sozialdemokratischen Parteien hinwies. Während des Arbeiteraufstands am 17. Juni 1953 war es deshalb auch Ziel von Angriffen durch Demonstranten. Im Anschluss daran spielte es eine unrühmliche Rolle in der Verfolgung von Oppositionellen. Die Schauprozesse gegen Aufständische des 17. Juni wurden hier „vorbereitet“, die Todesurteile schon vorher festgelegt. Aber auch andere verheerende Maßnahmen wie Kollektivierung der Landwirtschaft und die Enteignung der Betriebe wurden zum großen Teil in diesem Gebäude beschlossen und organisiert.

Im Jahr 1956 zog das „Institut für Marxismus-Leninismus“ in den Bau ein. Auch das Parteiarchiv der SED, das historische Archiv der KPD sowie mehrerer Massenorganisationen nutzen das einstige Warenhaus.
Mit der Wende kam dann nicht nur das Aus für die DDR, sondern auch für das einstige Parteigebäude. Die Archive wurden ins Bundesarchiv verlagert, die SED-Nachfolgepartei musste das Haus abgeben. Seitdem steht es unter Denkmalschutz. Längst ist es den Erben von Hermann Golluber und Hugo Halle zurückgegeben worden, trotzdem stand es noch jahrelang leer. 2010 zog hier der edle Soho-Club ein. Club, Restaurant, Hotel, Schwimmbad.
Jüdisches Warenhaus in den 1920ern, Hitler-Jugend unter den Nazis, marxistische Lehranstalt in der DDR und nun Wohlfühlort von Reichen. Erneut hat das Gebäude sich der Zeit angepasst.

(Foto: Bundesarchiv)




Geschichtspark Moabit

Vor zehn Jahren, am 26. Oktober 2006, wurde gegenüber des neuen Hauptbahnhofs der Geschichtspark “Ehemaliges Zellengefängnis Moabit” eröffnet. Nach drei Jahren Bauzeit entstand aus der einstigen Lagerstätte des Tiefbauamts ein Gedenkort, der vor allem aus der einstigen Gefängnismauer besteht. Im Inneren sind alle Gebäude, also das einstige Gefängnis, verschwunden, abgerissen 1958, nachdem die Alliierten das Gefängnis noch zehn Jahre genutzt hatten.

Das Zellengefängnis Lehrter Straße war als eines der berüchtigsten Knäste Berlins bekannt. Doch seine schlimmste Zeit hatte es nicht in den ersten hundert Jahren (Bauzeit 1842-1849), sondern während der Zeit des Nationalsozialismus. Anfangs galt es nämlich noch als Mustergefängnis für Preußen: Nach einer von Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen eingeleiteten Gefängnisreform sollten die Gefangenen nicht länger in Gemeinschaftszellen, sondern isoliert in ca. 520 Einzelzellen untergebracht werden. Einer der bekanntesten Insassen war Wilhelm Voigt, der einstige “Hauptmann von Köpenick”. Nach der Machtübernahme der Faschisten wandelte sich das Gefängnis zum Symbol für politische Unterdrückung, Folter und Mord. Zahlreiche Systemgegner wurden dort inhaftiert, u.a. Wolfgang Borchert, Ernst Busch und Alfred Haushofer, der hier seine “Moabiter Sonetten” verfasste. Wenige Tage vor der Befreiung vom NS-System wurde er mit anderen Nazigegnern nachts vom Gefängnis zum nahen Ausstellungsgelände ULAP gebracht und dort erschossen.

Im Geschichtspark werden die Ausmaße des Baus durch Steinreihen gekennzeichnet, auch die Form und Größe der Höfe sind nachvollziehbar. Eine Zelle wird in ihrer ursprünglichen Größe durch Betonwände nachgebildet. Wer sie betritt startet ein akustisches Feature, mit einem Beitrag über Haushofer und die Haft in diesem Gefängnis.

Das Gelände ist nach außen abgeschlossen, zu drei Seiten steht die alte Gefängnismauer, teilweise saniert. Und obwohl der Hauptbahnhof mit der lauten Invalidenstraße dazwischen nur 200 Meter entfernt ist, ist es im Geschichtspark seltsam ruhig, jedenfalls gefühlt.
Merkwürdig auch, dass sich im stark bewachsenen Teil eine Kletterwand befindet, die irgendwie deplatziert wirkt.
Die meisten Menschen, die man im Gedenkort sieht, sind auch gar keine Besucher. Sie nutzen ihn nur zum durchqueren, wenn sie aus der Lehrter Straße zum Bahnhof wollen.
Informationstafeln zum Geschichtspark finden sich am Eingang in der Invalidenstraße. Sie klären auf Deutsch und Englisch über die Geschichte dieses Ortes auf.




Justizburg und Knast

Berlin hat elf Amtsgerichte, die zwar nach Bezirken benannt sind, aber deren Zuständigkeitsbereiche nicht mit denen identisch sind. So ist das Amtsgericht Charlottenburg zentrales Registergericht für das Land Berlin, in dem Handels-, Partnerschafts-, Vereins- und Genossenschaftsregister für die ganze Stadt geführt werden.
1897 bezog es das Gebäude am neu angelegten Amtsgerichtsplatz. Geplant von den Architekten Poetsch und Clasen im Stil des Märkischen Barock bestand es damals nur auf der zur Platz hin zeigenden Stirnseite sowie zwei Seitenflügeln an der Holtzendorff- und der Suarezstraße. Erst 1921, also mehr als zwanzig Jahre später, kam der Neubau hinzu, der im gleichem Stil errichtet wurde und nun den gesamten Block einnahm. Mit dem Neubau wurde die Kapazität des Gebäudes auf das Dreifache erhöht. Durch zwei Quergebäude im Inneren des Komplexes entstanden drei Höfe.
In den vielen Jahren seit seinem Bau hat sich das Gerichtsgebäude kaum verändert. Es erinnert in seiner Monumentalität bis heute an eine Trutzburg.

Schräg gegenüber findet sich in der Kantstraße 79 das alte Strafgericht Charlottenburg. Es entstand zeitgleich zum großen Amtsgericht. 1897 mit einer Fassade im Stil des Augsburger Barock errichtet beherbergte es die Strafabteilungen des Gerichts. In den Nachkriegsjahren diente es als Landesanstalt für Lebensmittel-, Arzneimittel- und gerichtliche Chemie, später als Dienstgebäude des Amtsgerichts. Hier war lange Jahre die Nachlassverwaltung untergebracht. Seit 2015 nutzt es die kanadische Designerfirma Bocci als Showroom für ihre Produkte.

Von der Straße aus nicht zu sehen entstand zusammen mit dem Gericht im Blockinneren auch ein Gefängnis. Mit rotem Klinker verblendet wurde es als Vollzugsanstalt für weibliche Jugendliche und Strafabteilung des Amtsgerichtes konzipiert. Ab 1939 war der Komplex ein reines Frauengefängnis.
Während der Zeit des Faschismus wurden hier rund 20 Menschen inhaftiert, die vermeindlich oder tatsächlich im Widerstand gegen die Naziherrschaft standen. Die Gestapo hatte sie als Widerstandsgruppe “Rote Kapelle” bezeichnet. Unter anderem wurden hier ab 1942 Mildred Harnack und Libertas Schulze-Boysen nach den Verhören in der Gestapozentrale eingesperrt. Schulze-Boysen hatte zusammen mit ihrem Ehemann Harro Film- und Bildmaterial über NS-Verbrechen gesammelt. Nach dem missglückten Attentat auf Hitler inhaftierten die Nazis im Zuge der “Sippenhaft” auch Verwandte der beeiligten Offiziere. Darunter die Pilotin Melitta Gräfin von Stauffenberg (Schwägerin des Attentäters Claus von Stauffenberg), Reinhild von Hardenberg und die Frauen der Familien von Bredow und von Hammerstein.

Zur gleichen Zeit, 1942 bis 1945, leitete die zwangsverpflichtete Oberin Anna Wieder das Frauengefängnis. Über sie wurde später berichtet, dass sie die Insassinnen menschlich behandelte. Die Verpflegung der Gefangenen war besser als in anderen Knästen, die Besuchszeiten länger und nicht überwacht. Doch auch sie konnte nicht verhindern, dass mindestens neun der in der Kantstraße inhaftierten Frauen durch die Nazis wegen “Hochverrats” im Gefängnis Plötzensee hingerichtet wurden.

Nach der Befreiung vom Faschismus diente das Gefängnis noch lange als Jugendarrestanstalt. 1985 wurde es geschlossen und beherbergte bis zum Jahr 2010 das Archiv des Kammergerichts. Seitdem steht es leer und muss höchstens mal als Kulisse für Filme oder Musikvideos herhalten.
Das Gebäude steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Es sehr fraglich ist, wie eine künftige Nutzung aussehen kann. Die Zellen sind nur sechs Quadratmeter groß und ein Betrieb z.B. als Hostel ist kaum möglich. Aber eines wird es sicher nicht mehr: Ein Gefängnis.




Die Widersprüchlichkeit des Tiergartens

Unser großer Park in der Mitte Berlins strahlt in diesen Monaten wieder in vielen Grüntönen, überall liegen Besucher in knapper Kleidung in der Sonne, die schwulen Männer auf der Tuntenwiese haben sogar meist gar nichts an. Dazwischen spazieren Berliner und Touristen, am Neuen See trinkt die Bundeskanzlerin ihren Milchkaffee, Kinder toben auf dem Spielplatz auf der anderen Seite des Parks, Rentner, Verliebte und Einsame schlendern durch den Rosengarten. Und von vielen Orten aus hat man einen Blick auf die Siegessäule mit dem frisch vergoldeten Engel oben drauf. Eine Idylle.

Doch diese Idylle täuscht. Es ist auch kein Engel, der von der Säule herunter leuchtet, sondern die Siegesgöttin Viktoria, auch Nike genannt. Sie hat weniger mit Turnschuhen zu tun, als mit dem anderen Gesicht des Tiergartens. Dem hässlichen Gesicht. Dem von Militarismus, Krieg, Faschismus und Verfolgung.
Natürlich: In Berlin findet man überall Überbleibsel aus dunklen Jahren, schließlich war hier das Zentrum des Kaiserreichs, den Nazi-Staats und des Kalten Kriegs. Hier im Tiergarten aber konzentriert es sich, auch wenn es kaum jemand wahrnimmt. Es ist eben das typische Berliner “Is halt so”. Und die Steine sind ja nicht schuld am Elend der Geschichte. Also nimmt man es hin, so wie die Kinder 1945 die ausgebrannten Sowjetpanzer als Spielgeräte genutzt haben, so wie ich in jungen Jahren auf brachliegenden Grundstücken nach Knochen von Bombenopfern gebuddelt habe.

Dabei ist der Tiergarten wahrlich ein Geschichtspark. Man muss ihn nur zu lesen wissen. Zum Beispiel die Siegessäule. Man kennt sie als Aussichtsturm, als Mittelpunkt des Parks, als Symbol der Loveparade in dem 1990er Jahren. Dabei erinnert sie an viel Leid, an die Kriege gegen unsere Nachbarn Dänemark, Österreich und Frankreich im 19. Jahrhundert. Es waren die letzten Kriege, die Deutschland gewonnen hat. 1873 wurden sie mit der Siegessäule gefeiert, noch heute sind die vergoldeten Kanonen der besiegten Armeen an der Außenseite des Turms zu sehen. Am Sockel sind Reliefs angebracht, die die drei Einigungskriege und den siegreichen Einzug der Truppen in Berlin im Jahr 1871 zeigen. Über Allem steht Viktoria mit Eisernem Kreuz, Lorbeerkranz und Adlerhelm. Und trotz ihrer martialischen und kriegsverherrlichenden Position wird sie nur respektlos „Goldelse“ genannt.

Eingerahmt wird die Siegessäule von großen Denkmälern, die den Reichskanzler Otto von Bismarck, seinen Generalfeldmarschall Albrecht von Roon sowie den Chef des Generalstabes Helmuth von Moltke zeigen. Allesamt preußische Kriegstreiber, die hier für hunderttausendfachen Tod gefeiert werden.

Als es Preußen noch gab, der Kaiser sich aber eben nach Holland verdrückt hatte, wurde der Tiergarten zum Schauplatz zweier schrecklicher Verbrechen. Im Januar 1919 ermordeten rechtsextreme Freikorps-Offiziere Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die eine Republik gründen wollten, in der nicht Adel, Militär und Großkapitalisten das Sagen haben, sondern die Arbeiter und sogenannten “kleinen Leute”. Dafür wurden ihre Körper in den Landwehrkanal geworfen, heute erinnern im Tiergarten kleine Gedenktafeln an sie. Doch anders als Bismarck oder Moltke kann man diese hier leicht übersehen.

Bald war dann auch der Tiergarten selbst ein Schlachtfeld. Am Rande wurde der Großbunker bombardiert, ein Großteil der Tiere im nahen Zoo starben, so wie auch die meisten Bäume im Park. 1945 sah der Park aus wie eine Steppe, und im folgenden Hungerwinter wurden auch die restlichen Bäume abgeholzt. Nur einige wenige überlebten, vielleicht wurden sie respektiert, aufgrund ihres Alters, ihrer Größe und Schönheit. Vielleicht hat man in ihnen ein Symbol gesehen, dass das kalte und zerbombte Berlin wieder auferstehen könnte. Bis dahin aber zogen erstmal Trecker lange Furchen in den Boden, der Tiergarten diente mehrere Jahre als Feld zum Anbau von Kartoffeln.

Die Spuren des Faschismus’ und des Kriegs begegnen uns noch heute. In Form des (für Spaziergänger unsichtbaren) Stummels des Autobahntunnels, der aufgrund der größenwahnsinnigen Stadtplanung von Hitler und Albert Speer schon mal angelegt wurde und noch heute ungenutzt in der Erde liegt. Oder des nur halb wieder aufgebauten Rosengartens. Die Pergola weist bis heute Lücken auf, die auch nie wieder geschlossen werden.

Vor allem aber erinnern einige Mahnmale daran, was hier von Berlin aus geschehen ist. Das größte liegt am östlichen Rand des Tiergartens: Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas zeigt unübersehbar, wohin Rassismus und die Ausgrenzung von Teilen der Bevölkerung führen kann. Dafür stehen auch die Mahnmale für die ermordeten Sinti und Roma nahe des Reichstags und für die im NS-Staat verfolgten Homosexuellen. Nahe der Philharmonie erinnert ein Gedenkort an die Euthanasie-Morde, denen von 1939 bis 1949 psychisch kranke und behinderte Menschen zum Opfer fielen. Hier in der Tiergartenstraße befand sich während der Nazizeit das Gebäude, in dem diese Verbrechen geplant und organisiert wurde.
Neben dem Reichstag ein Mahnmal für die von den Nazis verfolgten Parlamentarier. An der Ebertstraße finden sich weiße Kreuze, sie stehen für Flüchtlinge, die bei der Flucht aus Ost-Berlin erschossen wurden oder in der Spree ertrunken sind.
Direkt an der Straße des 17. Juni bewachen zwei Panzer und der acht Meter hohe, bronzene Rotarmist seit November 1945 den Friedhof, auf dem 2.000 bis 2.500 getötete russische Soldaten begraben liegen. Sie gehörten zu den Befreiern Berlins, die ihr Leben riskierten, um das Naziregime zu zerschlagen. Und die dabei ihr Leben verloren.

All diese Mahnmale und Gedenkorte dokumentieren den Schrecken von Krieg und Diktatur. Heute stehen am Rande des Tiergartens der Sitz des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue, das Kanzleramt sowie das deutsche Parlament. Und auch dieses ist wieder ein eigenes Mahnmal, verschmäht erst vom Kaiser als „Schwatzbude“, Ort von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Nazis und Kommunisten in der Weimarer Republik, 1933 angezündet, nach 1945 als ungeliebter Riesenbau für eine lieblose Geschichtsausstellung genutzt. Und 1994 wieder auferstanden, mit glänzender Haut, zwei Wochen lang, und weil das nicht so bleiben konnte mit gläserner Kuppel seitdem. Auch ein Ort, der die deutsche Geschichte von über hundert Jahren dokumentiert.

Auch die Widersprüche der heutigen Zeit werden im und am Tiergarten sichtbar. Sein östlicher Rand wird bevölkert von Touristen, rund um das Brandenburger Tor, sie finden es einen interessanten Ort. Tausende von Erinnerungsfotos werden hier jeden Tag geschossen. Ein Kontrast zum westlichen Ende: Manche Rasenflächen versandet, die Wege vermüllt, Obdachlose haben sich in den Büschen an der Stadtbahn eingerichtet. Abseits der Wege bieten Prosituierte nachts schnelle Nummern zum günstigen Preis. Kostenlos treiben es die Gay-Cruiser miteinander, die sich westlich der Siegessäule treffen. Im Sommer manchmal zu Hunderten. Unten am Landwehrkanal liegen Hausboote, wieder eine eigene Welt.

Der Tiergarten ist ein Ort der Widersprüche und Gegensätze. Auf die Geschichte bezogen, aber auch in der heutigen Zeit.

(Foto: Constantin Schäfer unter CC BY-SA 3.0)




Die Königliche Pulverfabrik

Wer Krieg führt, muss schießen können. Preußen führt gerne Krieg und brauchte entsprechend viel Schießpulver. So wurde vor 300 Jahren auf Befehl des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. außerhalb der Berliner Stadtmauer, im heutigen Moabit die Königliche Pulvermühle angelegt. Sie war die größte Pulverfabrik des Deutschen Reichs. Das Grundstück befand sich anfangs auf dem Gelände des heutigen Hauptbahnhofs und breitete sich bis 1834 immer weiter aus, an der Spree entlang bis zur jetzigen Joachim-Karnatz-Allee.

Um bei einer Explosion größere Schäden zu vermeiden, wurden die Gebäude immer weit voneinander entfernt errichtet. Tatsächlich explodierte 1820 ein mit zehn Zentnern Pulver gefülltes Haus auf der Pulvermühle, wodurch zwei Arbeiter getötet wurden. Immer wieder kam es auch zu kleineren Unglücken, die sich jedoch aufgrund der Ausbreitung des Geländes nicht zu einer Katastrophe entwickelten.

Die Einlagerung des fertigen Pulvers erfolgte in Pulvertürmen, die in Berlin und über das ganze Land verteilt wurden. Niemand wusste so recht, ob die vorgesehenen Sicherheitsbestimmungen ausreichten, dennoch mussten die Bürger mit diesen gefährlichen Einrichtungen in ihrer direkten Nachbarschaft leben. Bei der Explosion eines solche Pulverturm 1720 nahe des heutigen Roten Rathauses kamen 72 Menschen ums Leben.

Ungewöhnlich für die damaligen Verhältnisse war die Arbeits- und Gesundheitsfürsorge in der Königlichen Pulvermühle. Arbeiter wohnten mietfrei oder erhielten Mietzuschüsse. Die ärztliche Behandlung für Werkmeister, Pulverarbeiter und deren Familien war kostenlos, ebenso die Versorgung mit Medikamenten.

Aufgrund der Gefährdung und weil die Grundstücke für das Militär gebraucht wurden, sind die zum Schluss 16 Moabiter Pulvermühlen von 1832 bis 1843 schrittweise nach Haselhorst verlegt worden. Das frei werdende Gelände wurde in der Folgezeit von der Eisenbahn genutzt.