Ach, die Jugend

Mit diesem Spaziergang in Berlin endet die Serie mit den Texten von Diether Huhn. 250 Spaziergänge hat er publiziert, bis er im September 1999 im Alter von 64 Jahren starb. Sie alle wurden in den vergangenen fünf Jahren an dieser Stelle nochmal veröffentlicht.

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Ach, die Jugend. Dieses “Ach” heißt: Manchmal sehnt man sich nach ihr zurück, manchmal freut man sich, dass man sie hinter sich hat. 1968 war ich Richter am Landgericht. Zur 500-Jahr-Feier des Kammergerichts schrieb ich in der Deutschen Richterzeitung in gehobenem Tone über “oppositionelle Richter”. Ich hatte für mich die Geschichten von ein paar Leuten entdeckt, von denen die meisten Kollegen nichts wussten. Oft arbeitete ich in der Amerika Gedenkbibliothek am Halleschen Tor. Wenn ich Pause machte, ging ich auf den Dreifaltigkeitsfriedhof am Mehringdamm. Die Friedhöfe am Halleschen Tor und auch die anderen der dort aneinander gefügten Friedhöfe gehören zu den schönsten Friedhöfen in Berlin; vielleicht überhaupt zu Berlins dichtesten Örtlichkeiten. Ich bin bis heute oft hier. Ich kann das Geschichtsgefühl nicht entfühlen, das das Gelände, umtost und verkehrsumbraust, bis heute versendet. Kann man durch geheimen Zauber die Vergangenheit, oder mindestens Teile davon nicht doch zurückholen? 50 Jahre ist der Stadtgerichtsrat Carl Twesten alt geworden; hier an der Mauer – schräg gegenüber von Mendelssohn Bartholdys ist er inmitten seiner Familie begraben. Das Relief in der Mitte zeigt seinen Vater, der Professor der Theologie war; Nachfolger Schleiermachers; Schleiermacher, der preußischste Theologe war Carl Twestens Pate. Heute, an diesem sonnigen Spätsommertag, bin ich um vieles älter als der Tote; ich stehe wieder hier; oder ich stehe noch hier, meine Lebensfreundin stützt mich, weil ich ein bisschen krankheitsschwach auf den Beinen bin.

Als ich aufhörte, Richter zu sein, hatte ich einen höheren richterlichen Rang erreicht, als ihn Carl Twesten, der nun auch jünger ist als ich, je erreicht hatte. Twesten war zu seiner Zeit einer der bekanntesten deutschen Politiker und Publizisten. Zwischen 1850 und 1870 war er vielleicht der bekannteste deutsche Politiker und Publizist. Das Vergessen hat ihn, den Vielbesprochenen, so vollkommen eingeholt wie uns, von denen von Anfang an niemand gesprochen hat. Weiter als bis hierher zu den Friedhöfen am Mehringdamm – bequem erreichbar mit der U6 – braucht eigentlich niemand zu gehen, der in Berlin ein Geschichtsbuch aufschlagen will, das nicht nach den Jahren zählt. Ich lerne hier immer mehr, kann immer mehr Gedichte auswendig hersagen und ergänze mir immer mehr abgeschlossene Leben zu vollständigen Geschichten. Gestern Abend habe ich meiner Lebensfreundin laut und mit mancher gerührten Pause die Rede vorgelesen, die Karl Dorn, ein glänzender Verteidiger aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, zu Gunsten von Carl Twesten in einem jener politischen Strafprozesse gehalten hat, mit denen der preußische Staat oppositionelle preußische Richter bedrohte: “Das politische Leben, die Abstimmungen und Meinungen der Abgeordneten des Volkes unterliegen nicht der Beurteilung irgend einer Behörde. Unerschrockenheit ist die erste Pflicht des Volksvertreters, die Meinung, die er für die richtige hält, gleichviel ob sie andere für die richtige halten, diese Meinung muss er verteidigen, solange er sie verteidigen kann. Blicken Sie dagegen um sich in unserem Vaterlande, wohin Sie sehen, überall politische Prozesse! Sie sind die Frucht des leidenschaftlichen Hasses, der angeregt und angestiftet wird durch böse Geschäfte. Schrecken und Trauer werden in die Familien getragen. Der unschuldige Bürger wird fortgerissen von seinem häuslichen Herd, monatelang in Fesseln geschlagen und einer traurigen Untersuchungshaft unterworfen, um dann endlich, endlich seine Freiheit wieder zu erlangen. Niemand fühlt sich mehr sicher in seinem Hause, der Bürger zittert vor dem Bürger und fürchtet Verrat. Es ist die traurige Zeit der politischen Verfolgungen.”

Die Geschichte der politischen Opposition ist stets auch eine Geschichte politischer Prozesse gewesen. Man könnte die Geschichte der Opposition in Deutschland in spiegelbildlicher Verkehrung schreiben, indem man von den Prozessen gegen deutsche Oppositionelle berichtete. Auf den Präskriptionslisten stehen die glänzendsten Namen, solche, die aufgerufen werden dürfen als deutsche, wenn in Not- und Schuldzeiten Deutschlands ein Hinweis auf seine besseren Möglichkeiten ratsam und notwendig ist: So der Name Theodor Mommsens, der Name – wie gesagt – Carl Twestens, des populärsten Mannes im Lande, wie Lassalle sagte, des Vorsitzenden der Fortschrittspartei, später der National-Liberalen Partei, die, bei Opposition in den meisten außenpolitischen Fragen, die eigentliche Regierungspartei Bismarcks war: der “politische Arm” des Liberalismus; der Partei der Deutschen Bank; Werner von Siemens, Rathenau, Virchow, Forckenbeck, Unruh, Lasker, Delbrück gehörten ihr an.
Über die Zossener Brücke, unter Siemens’ Hochbahn hindurch, am Patentamt vorüber, einem mächtigen architektonischen Gruß des endenden 19. Jahrhunderts ans 20. (von Hermann Solfs und Franz Wichards), entlang an Erich Mendelsohns Haus der IG Metall von 1929/30, spazieren wir bis zu der Wohnanlage Ritterstraße Nord (von Ganz und Rolfes), die eine Wende, heißt es, in der Berliner Baupolitik der Nachkriegszeit markiert. Daneben liegt der erste Hochbau der Weimarer Republik, ironischerweise das Gebäude der ehemaligen Reichsschuldenverwaltung, gebaut von German Bestelmeyer, 1919-1924, von “monumentaler Schlichtheit”: dem Vornamen des Architekten entsprechend. Gegenüber breitet sich seit den 1880er Jahren der Waldeck-Park aus mit einem Marmorstandbild von 1889: Waldeck, wie er leibte und lebte: der oppositionellste aller oppositionellen Richter, Obertribunalsrat, 1870 gestorben, jeder zweite Berliner folgte – aber das wird eine journalistische Übertreibung sein – der Leiche von der Link- in die Liesenstraße. Und auch jenes Imperfekt ist falsch, unüblich, im 16. Jahrhundert zurückgeblieben.




Hasenheide

Mit der Hasenheide beginnt oder endet Neukölln gegen Kreuzberg. Aber eigentlich beginnt oder endet hier nichts. Die Stadtgegend zwischen den Tempelhofer Höhen und der großen West-Ost-Magistrale Gneisenaustraße/Hasenheide ist einheitlich. Ihre Einheitlichkeit ist berlintypisch; ein Signum dieser Weltstadt, deren Weltläufigkeit so schwer erfahrbar ist, ist das Grün, das Grün der Bäume am Straßenrand, der kleinen und größeren Parks und der Friedhöfe; und die kiezige Lebhaftigkeit dazwischen. Wer vom Kreuzberg herüber nach einem weiten Blick über die Stadt durch die Bergmannstraße bis zum Südstern gegangen ist, wo Kreuzberg und Neukölln eins werden, der hatte zur Rechten eben eines der schönsten Friedhofsgelände der Stadt und er hat den ehemaligen Standortfriedhof an der Lilienthalstraße vor sich, neben dem er parallel zur Autostraße Hasenheide den westlichen Eingang in den Volkspark Hasenheide findet. Friedhof an Friedhof; der lebhaft-ruhige, die Gegensätzlichkeit der Stadt aufhebende und aufbewahrende Stadtpark ist umgeben von Friedhöfen: im Süden noch der merkwürdige, fast beunruhigende Garnisonfriedhof am Columbiadamm, ein Platz martialischer Hintergründigkeiten, daneben der alte mohammedanische Friedhof, der heute wie ein Hochsicherheitstrakt geschützt wird. Und am östlichen Ende des Volksparks wäre es über die Welserstraße (zum Beispiel), die Thomashöhe hinab, nicht weit zu dem großen Neuköllner Gräberfeld, das sich die Hermannstraße entlang streckt. Berlin hat viele Friedhöfe. Viele davon sind schön. Als ob besonders viel gestorben würde in Berlin, oder besonders schön. In Berlin wird so viel gestorben wie überall; aber es gab Zeiten, in denen hier schlimmer gestorben wurde als in anderen Weltstädten. Wer so alt ist wie ich, hat es noch selbst erlebt. Menschen als Kollateralschäden. Aber an die denkt der Spaziergänger nicht, der nun in den Park der Lebendigen hinein wandert. Der Weg führt im Rücken der Häuser entlang, die die Fassaden der Verkehrsstraße Hasenheide bilden. Ihre Höfe öffnen sich hierher, einige neuerdings mit freundlichen Balkonkonstruktionen. Dort sitzen die Bewohner und schauen auf die sanften Wiesen herab, die sich zur Rixdorfer Höhe hinauf ziehen.

Der Volkspark Hasenheide, das ist schon was, ein echtes städtisches Stück. “Draußen ist es laut wie in Ankara oder in Teheran”, sagt Medhi, der selbst aus Teheran stammt. Das Gelände gibt es als Nutzfläche seit Ende des 17. Jahrhunderts; der Kurfürst wollte sicher sein, dass er frische Hasen auf den Tisch kriegt und befahl deshalb seinen Forstmännern ein Hasengehege. Gegen 1840 machte der große grüne Lenné einen Landschaftspark daraus; später diente er als Schießplatz für die Soldaten der Garnison, die hier lernten, ihre Klassengenossen aus anderen Ländern zu Tode zu bringen (oder muss man das anders sagen? Aber worum geht es schließlich, wenn Soldaten schießen lernen?). Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war das Gelände ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner, mit vielen Bier- und Kaffeegärten; Volkspark – wie wir heute sagen – ist es erst seit 1936/39, als schon wieder eine deutsche Zeit begann, in der das Schießen auf Nachbarn zu den Heldentaten zählte.

An diesem Vormittag sind die meisten Besucher des Parks Kita-Kinder mit ihren Erzieherinnen. Ich sitze mit meiner Lebensfreundin und Medhi auf einer Bank am unteren, südlichen Weg. Wir freuen uns an den Kleinen, die die Welt bestaunen und sich aneignen. Die meisten Erzieherinnen wirken ernsthaft und mütterlich. Auf der Wiese, die aufwärts führt zu dem Denkmal von Turnvater Jahn, liegen in der Mittwochs-Mittagssonne zwei fast nackte Männer.
“Wenn es Frauen sind, heißt es lesbisch”, erklärt die hochgewachsene Erzieherin, “wenn es Männer machen, heißt es schwul … Aber die hier”, fügt sie nach einer kleinen Pause hinzu, “sonnen sich jetzt nur.”

Friedrich Ludwig Jahn, der Turnvater, im altdeutschen Rock, aus fester Bronze, blickt von seinem in halber Höhe hinter einem Platz und einer Treppenanlage liegenden Denkmal zu uns herab. Jahn, der das Geräteturnen zwar nicht alleine erfunden, aber in Deutschland zu einer politischen Bewegung gemacht hat, war Lehrer am Grauen Kloster und 33 Jahre alt, als er hier, in der Hasenheide, 1811 den ersten Turnplatz, mit Riesengeräten, eröffnete. Die sogenannten Befreiungskriege, nach denen halb Kreuzberg bis heute verehrend heißt, erfassten Jahn und das Turnen; und als aus diesen Kriegen statt Befreiung für das Volk, das in ihnen geblutet hatte, Restauration und Unterdrückung hervor ging, war Turnen plötzlich eine staatsfeindliche Betätigung; Jahn mit Berufsverbot belegt, verhaftet, erst Spandau, Festung Küstrin, Berliner Stadtvogtei: Hochverrat. Zu Ende war die unrechtmäßige Verfolgung erst 1825, endgültige Rehabilitierung erst 1840; 1848/49 Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, Tod 1852 in Freyberg an der Unstrut; Weltgeltung folgt, Denkmäler wie dieses hier in der Hasenheide; Turnvereine in aller Welt hatten zehn Jahre lang bis 1872 dafür gesammelt; viele steinerne Erinnerungszeichen sind in der Balustradenmauer noch da, die metallenen nach WK 2 meist gestohlen und als Altmetall verwertet.
Während ich den ABM-Leuten zusehe, die das Denkmal gärtnerisch auf Zack bringen, und die Sonne im hohen Mittag steht, fällt mir die Nachtschatten-Geschichte ein, deren geistesgeschichtliche Komik darin besteht, dass der Untersuchungsführer im Verfahren gegen Jahn 1820 in der endlich errichteten einigermaßen unabhängigen Untersuchungs-Kommission E.T.A. Hoffmann war, der Gespenster-Hoffmann, der Teufels-Hoffmann, der große Schriftsteller, im Zivilberuf einer der höchsten Richter Preußens. Hoffmann und Jahn: der kleine, schmächtige, dämonenverfolgte Intellektuelle und der deutschtümelnde Kraftmensch: einen skurrileren Typengegensatz kann man sich gar nicht denken, als ihn hier die Wirklichkeit schafft. Fast 100 Druckseiten ist die juristische Arbeit lang, in der Hoffmann die Vorwürfe gegen Jahn untersucht; nicht Literatur, reine Jurisprudenz, aber von der besten Art. Ein Freund der Turnerei ist Hoffmann natürlich nicht. Sie wollten lieber das Leben lassen als das Turnen, hatte Hoffmann Turner sagen hören. Man kann sich vorstellen, wie ein solcher Satz sich in seinem Votum anhört: “Knabenunfug”. Aber: Hochverrat? Nicht die Rede davon! Jahn in Freiheit setzen!
Eine Zeit der Berufsverbote, der unrechtmäßigen Polizeiaktionen und der bösartigen Staatsverfolgung haben wir auch erlebt, denke ich. Ich will nichts vergleichen, aber mich der Leute doch erinnern, denen die Rechtsprinzipien nicht so schnell wohlfeil wurden, was immer sie sonst dachten. “Auf die Erinnerung, dass doch eine Tat begangen sein müsse, wenn es einen Täter geben solle, meinte Knarrpanti, dass, sei erst der Verbrecher ausgemittelt, sich das begangene Verbrechen von selbst finde.” Knarrpanti nannte der Kammergerichtsrat H. im “Meister Floh” den Polizeiminiser von Kamptz. “Das Denken, meinte K., sei an und vor sich eine gefährliche Operation und würde bei gefährlichen Menschen eben desto gefährlicher.”
Über der Hasenheide liegt die Sonne eines friedlichen Mittags. Die ABM-Leute zupfen Gras aus dem kleinen Versammlungsplatz, auf dem ich sonst mit meiner Lebensfreundin allein bin. Ein Adieu an Jahn! Ein Hoch auf den Kammergerichtsrat! Wir sind zurück aus der Geschichte.

 




Ein hoher Turm und kleinere

Nicht weit von dem Büro, in dem ich jetzt diesen Text schreibe, liegt unter den vielen historischen Orten, die dort in der Nähe der Reste des Anhalter Bahnhofs von der Gegenwart zugedeckt sind, ein besonders nachhaltiger: in der oberen Schöneberger Straße, eine Hinterhofstätte. Dort nahmen – wie es heißt – 1847 Werner Siemens und Johann Georg Halske Wohnung und begannen mit zehn Arbeitern den Betrieb der “Telegraphen Bau Anstalt”. Ein Vetter von Siemens, ein Rechtsanwalt, gab das Geld (6000 Taler). Siemens selbst trat zunächst als Firmenchef nicht hervor, denn er war als preußischer Artillerieoffizier ohne hohen militärischen Rang Leiter der Technik der Preußischen Staatstelegraphen und blieb es auch noch ein bisschen. Der erste große Auftrag für Siemens und Halske war ein Staatsauftrag, noch 1847: die Telegraphenverbindung Berlin-Frankfurt/Main. Siemens, der ein Linker war – wenn man den Begriff zeitgemäß auffasst -, dachte an die Nationalversammlung, die in der Pauls-Kirche tagte und deren Debatten und Beschlüsse Signale gaben an das – nur mit Vorsicht kann man sagen: – demokratische Deutschland. Die Telegraphenleitung war rechtzeitig fertig, um am 28. März 1849 auf schnellstem Nachrichtenwege nach Berlin zu melden: Die Nationalversammlung hat die Gründung eines Deutschen Reiches beschlossen, der Preußenkönig soll deutscher Kaiser werden. Siemens triumphierte technisch, politisch – wie man weiß – nicht.
Die Firmengeschichte der Siemens-Werke umfasst ein wesentlicheres Stück deutscher Geschichte als viele Daten, die die Schulgeschichtsbücher weitergeben: russische Tochtergesellschaft 1855 durch Carl Siemens, englische 1858 durch Wilhelm, später Sir William Siemens, 1890 Kommanditgesellschaft, 1897 Aktiengesellschaft, 1903 Fusion der Starkstromabteilung mit den Nürnberger Schukertwerken zur Siemens und Schukert AG, 1919 Osram GmbH (mit AEG und Auer), 1879 erste brauchbare elektrische Lokomotive, 1880 erster elektrischer Aufzug, 1881 erste elektrische Straßenbahn, usw … usw.: Technik und Wirtschaft, Wirtschaft und Politik.
1899 kommt Siemens nach Spandau; die Nonnenwiesen des ehemaligen Benediktinerinnen-Klosters sind billig zu haben: Siemensstadt entsteht: Industrieanlagen und Wohnungen für die Arbeiter “Heimat” heißt ausdrücklich ein Teil der Siedlung: die Heimat des Siemens-Mannes und seiner Familie ist Siemens; Arbeit und Leben; Treue gegen Treue, hier wohnen ordentliche Leute, man kann das bis heute hören; ich hörte es gestern in der Apotheke am U-Bahnhof. 1905 entsteht das Werner-Werk, an der Straße, die seit 1947 nach diesem Werk heißt. Mit der schnellen U7 sind wir in elf Minuten vom Kurfürstendamm gekommen, 23 Minuten hätten wir vom Bahnhof Möckernbrücke gebraucht, der dem in die Geschichte verschwundenen Hinterhof ganz nahe liegt, in dem alles begann.

Man sollte sich nicht vornehmen, alles was Siemens ist (und vor allem: alles was Siemens war) in Spandau, an einem Sommervormittag zu erfassen und geistig zu umfassen. Schon die Architekturgeschichte, die hier ein einziger Architekt geschrieben hat, beschreibt einen zu weiten Bogen. Dieser Architekt ist Hans Hertlein, Leiter der Siemens-Bauabteilung, fast mit Peter Behrens zu vergleichen, dem Architekten der AEG, dem großen Berliner Konkurrenzunternehmen von Siemens, der in den Lehrbüchern ganze Kapitel füllt. Also spazieren wir die Ohmstraße südwärts, eine von den neuen Straßen, die das Werner-Werk mit der Nonnendammallee und dem Siemensdamm verbinden und die – vom Queliweg abgesehen – nach großen Physikern und Erfindern benannt sind; nach dem vielleicht größten Physiker des 19. Jahrhunderts, nach Heinrich Hertz, hieß 28 Jahre lang die Grammestraße, bis Hertz, der Jude, 1938 aus dem deutschen Gedächtnis gestrichen wurde. Nichts damit gegen Zénobe Theophile Gramme, den Belgier, der den Gleichstrom-Dynamo mit Ringanker erfand. Rechts hinten, im Osten, sehen wir das Bauwerk, dessentwegen wir heute hier sind: den Siemensturm; fertig 1918, fast 120 Meter hoch, zwölf Höfe sollte er ursprünglich übertürmen, jetzt ist nur noch ein Rest da, Kriegszerstörungen, neue Vorstellungen, pflegeleichtere Bauten. Der Turm – zur Zeit eine hochragende Baustelle – umschließt den Schornstein des integrierten Heizkraftwerkes und einen Wasserbehälter. Aber vor allem ist er eben: ein Turm, etwas Unindustrieelles, ein Ausrufezeichen, er überträgt die Traditionen der kommunalen Zentren, der Rathäuser, auf die Industriewerke: Wir haben das Sagen. Ebenso 1922 Borsig, 1925 Ullstein, damals Europas größte Druckerei. Ob solche Ausrufe wirklich Siemenstradition sind, frage ich mich, während wir den Wernerwerkdamm südwärts gehen, um den Lenther Steig zu erreichen.

In Lenthe bei Hannover war Werner von Siemens 1816 geboren; um seine Wiege standen nicht die Musen und keine Fee sagte voraus, was aus ihm werden würde. Auf der alten Lateinschule in Lübeck, wo Jagusch, der Fotograf, und ich das Abitur gemacht haben, hat er ebenso wenig reüssiert wie Thomas Mann. Der Lenther Steig endet da, wo ein anderer Siemensturm steht, freilich ein etwas kleinerer, auch von Hans Hertlein gebaut, die evangelische Kirche; ebenso wie ein Stück weiter unten die katholische, finanziert von Siemens. Das Diesseits und das Jenseits von Siemens für die Siemensleute. Das schöne Stück Diesseits, das nun kommt, heißt Wilhelm-von-SiemensPark, von halbrunden Plätzen zweigen in alle Himmelsrichtungen Wege ab, mehr Wald als Park, denkt man erst. Die Straßen, die südlich folgen, heißen meist nach Siemensdirektoren. So auch die Dihlmannstraße, über die wir zum Rohrdamm zurückwandern. Hier verliefen die Druckrohre der Berliner Wasserwerke, die Trinkwasser aus dem Tegeler See zum Wasserwerk Jungfernheide brachten. An gartenreichen Wohnquartieren kommen wir vorüber, hinten sehen wir den Siemensturm, oder sollen wir ihn jetzt Hans-Hertlein-Turm nennen oder ihm irgendeinen lokalen Namen verleihen?
“Nehmt auf mich weiter keine Rücksicht”, schrieb Werner von Siemens bei seinem Rückzug aus dem Unternehmen an seine Söhne, “setzt Euch nur fest in den Sattel und brecht, was nicht biegen will – denn ohne festes Kommando geht es mal nicht in einem Geschäftsbetrieb wie dem unsrigen!” Das Unternehmen ist jedenfalls noch da, in der Rangliste der großen Industrieunternehmen ziemlich oben. Und auch die Deutsche Bank ist noch da – aber was heißt hier “noch”? -, bei deren Gründung Siemens dabei und deren erster Direktor ein Siemens war. Da gibt es wohl Zusammenhänge. Aber das ist eine andere Geschichte. An der Spandauer Siemensstadt lässt sie sich nicht festmachen.




Kleinstadt – Großstadt

Marzahn – oder für heute genauer: Ahrensfelde Süd – liegt uns ganz nahe. Seine Entstehung reicht von der Eröffnung der S-Bahn-Strecke Friedrichsfelde Ost/Ahrensfelde am 30. Dezember 1982 bis – sagen wir – Ronald Reagans: “Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!” am 12. Juni 1987. Zwischen 1983 und 1987 ist dieses letzte der Marzahner Neubau-Wohngebiete entstanden, für ungefähr 30.000 Menschen, über die alte Stadtgrenze Berlins hinweg reichend; der Einigungsvertrag vom 31.8.1990 regelt die Eingliederung von Ahrensfelde Süd nach Berlin. Hier also sind wir draußen; in Wirklichkeit mit den modernen S-Bahn-Zügen der Linie 7 nur dreißig Minuten vom Alexanderplatz.
Mich bringt die S7 überhaupt ins Schwärmen. Eine intensivere Stadtfahrt gibt es doch nicht, als sie diese Bahn in den fünf Viertelstunden verschafft, die sie von Ahrensfelde nach Potsdam braucht. Von der Havemannstraße nach Sanssouci: Berlin im Extrakt, Berlin im Querschnitt. Der Kopf geht hin und her; viel zu sehen, viel zu bedenken; eine Orts- und Zeitenreise. An einem Vormittag hat man sie hin und zurück getan; wenn man zu Hause geblieben wäre, müsste man Bibliotheken lesen. Bestimmt! Für und von Ahrensfelde hätte man im übrigen nicht nur die S-Bahn, die allerdings – ich sagte es – unübertrefflich ist. Fünf Minuten vom S-Bahnhof entfernt ist die Endhaltestelle von drei Straßenbahnstrecken: in einer halben Stunde an den Friedrichshain, in drei Viertelstunden zum Rosa-Luxemburg-Platz, zum Bahnhof Frankfurter Allee, wo man die Ringbahn erreicht: dreimal werde ich mit ihr an einem Tag um Berlin herumfahren, wenn der Ring wieder geschlossen ist.
Jetzt sind wir in Marzahn, überqueren vom S-Bahnhof die Märkische Allee, über die Fußgängerbrücke, die mit einer erwartungsvollen Konstruktion an der Havemannstraße beginnt. Unser heutiges Ziel liegt noch ein bisschen südlicher.

Hundert Jahre war Marzahn ein Ort inmitten der Rieselfelder der beeindruckenden Berliner Kanalisation. 1920, als Berlin rechtlich erst das heutige Berlin wurde, hatte es 750 Einwohner, 1945 waren es 3600, heute hat es mit 140 Straßen und Plätzen ungefähr 164.000 Einwohner. Marzahn ist also für sich eine veritable Großstadt. Man sagt ja auch von Potsdam, Trier und Schwerin nicht, dass es Orte irgendwo draußen sind.
Der städtebauliche Grundriss ist einfach. Im Westen wird die Stadt begrenzt durch die S-Bahntrasse, die – wie gesagt – bis hier heraus seit Ende 1986 besteht, die Autostraße, die sie begleitet, heißt Märkische Allee. Gegen Osten ist das Gebiet der Großstadt Marzahn begrenzt durch die Wuhle und durch den Blumberger Damm, der ebenfalls zur Stadtgründung angelegt ist und ursprünglich auch den Straßenteil umfasste, der heute Kemberger Straße heißt. Die West-Ost-Gliederung übernehmen von der Ahrensfelder Chaussee an, die das Areal im Norden begrenzt, die Wuhletalstraße, die Mehrower Allee, die Raoul-Wallenberg-Straße und schließlich die Landsberger Allee im Süden. Auch die Havemannstraße, in der wir gerade in der Mitte der Ladenzeile in dem Rundbau-Café beim Eis sitzen, kann man zu den Marzahner West-Ost-Magistralen rechnen. Diese Straßen gibt es seit 1983. Erst seit 1983.

“Heißt die Straße nach Robert Havemann?” fragt meine Lebensfreundin. Ja. “Aber doch nicht seit 1983?” Nein, erst erhielt sie und behielt für neun Jahre den Namen den Spanienkämpfers Erich Glückauf, seit sieben Jahren heißt sie nun nach Havemann, den mancher vielleicht noch besser in Erinnerung hat als den früheren Bergmann Glückauf.
“Stimmt es, dass Havemann mit Honecker in Brandenburg in ein und derselben Zelle gesessen hat?”
Das weiß ich nicht; aber in demselben Zuchthaus, als Widerstandskämpfer gegen die Nazis. “Und dann hat der eine den anderen trotzdem verfolgt!” Wer kann auch denken, hat Ruth Klüger geschrieben, dass man gerade in KZs und Nazizuchthäusern gelernt hätte, ein besserer Mensch zu sein.

Wir wandern jetzt den bebauten Teil der Märkischen Allee, der von der Autostraße gleichen Namens durch eine wilde Grünanlage getrennt ist, bis zum Ende, wo sie in einer Kehre in die Flämingstraße übergeht. Von hier blickt man über die Wiesen der Neuen Wuhle und über ein dickes silbriges Leitungsrohr hinüber zur Wuhletalstraße. Erreichen kann man diese Straße auf diesem Wege nicht. Das Wohngebiet Ahrensfelde Süd, in dem wir hier sind, diese letzte der Marzahner Teilsiedlungen, ist von den anderen so getrennt, dass die Marzahner Stadteinheitlichkeit hier künstlich wirkt. Ahrensfelde Süd ist eine Klein- oder Mittelstadt, rund 30.000 Einwohner wie Bad Schwartau oder Werdohl. Das sind Städte, die wir kennen; unsere Leute wohnen dort und einen Teil unseres Lebens haben wir dort verbracht. Niemand würde zu Bad Schwartau oder Werdohl sagen: was sind denn das für Siedlungen? Wo sind wir denn hier draußen? Das soll eine Metropole sein?
Warum soll Ahrensfelde Süd denn eine Metropole sein? Es ist eine übersichtliche Kleinstadt, von denen Berlin viele umfasst. Berlin ist eine Kleinstadt-Großstadt. Hier sind wir unter den anderen 29.998 Menschen, aber mitten in Berlin.

Unterdessen haben wir die Straßenecke Flämingstraße / Wittenberger Straße erreicht, die fast einen kleinen Platz bildet. An der Wittenberger Straße Schule und Kita, sonst gradlinige Häuser der 80er Jahre, aber genau davor, hinter einer leicht hügeligen Wiese ein merkwürdiges, etwas konvex geschwungenes, von vorne dick aussehendes, aber in Wirklichkeit ganz schmales Haus, dessen Vorderfront aus lauter Balkonen besteht. Mit ihren vielfältigen Bepflanzungen und Beschirmungen sehen sie an einem Sommertag wie heute freundlich und lustig aus. Ein “skulpturales Objekt” schreibt das Architekturbuch, naja: da muss man eine Vorliebe für die Architektensprache haben. Aber es ist ein sehenswertes Haus, das die Gegend verändert und ihr eine Freundlichkeit verleiht, die sie vorher vielleicht nur durch die Menschen hatte, die hier wohnen. Niedrigenergiehaus; Assmann, Salomon und Scheidt heißen die Architekten.
Die Straße führt nun in elegantem Bogen um den kleinen Clara-Zetkin-Park herum, an die Straßenbahntrasse heran, zu der eine weiße Ladenzeile entstanden ist. Eis-Henning hat dort ein Eiscafé und Pizza Max eine Pizzabäckerei. Wie auch in Halensee, wo ich wohne, und wo ich – die Viertelstunde nicht gerechnet, die wir zum S-Bahnhof zurück brauchen durch die Havemannstraße – mit der S7 in einer knappen Stunde wieder sein werde. Über Berlin wundere ich mich immer wieder.

 




Linkstraße

Ich lebe seit 1961 in Berlin, 38 Jahre. Die meisten davon war die Linkstraße nur ein Name. Sie gehörte eher in die Biografien der Berühmten, derer ich mich erinnerte, als in die Wirklichkeit, die ich bewohnte. Als die 60er Jahre vor allem in West-Berlin mit Erhebungen endeten, die allerdings mancher Beobachter der restaurativen Anfangsjahre Bonns erwartet hatte, war ich als Richter längst etabliert und nicht bereit, mir allzu viel zu erlauben. Ich fühlte mich nicht geschmäht, als ein heutiger SPD-Bundesminister, der damals noch nicht einmal bei den Grünen angekommen war, die es noch gar nicht gab, mir, dem Sozialdemokraten, das bekannte “außen rot, innen weiß” entgegen hielt, der Fortschrittliche. Aber ich wollte mich doch auch hervortun vor dem Zeitgeist: “Oppositionelle Richter” hieß 1968 mein Beitrag zur Jubiläumsnummer der Deutschen Richterzeitung für das Jahrhunderte alte Kammergericht. Seitdem kenne ich die Linkstraße genau, sie steht mir nahe. In der Linkstraße wohnte der oppositionellste der oppositionellen Richter: Leo Benedikt Waldeck, Obertribunalsrat; von hier aus der Linkstraße fuhr 1870 seine Leiche – halb Berlin war auf den Beinen – zum Friedhof in der Liesenstraße. Ich stand da, bildete ich mir ein, wo der Held gewohnt hatte. Das war im Nichts. Die Linkstraße war 1968 eine Straße im Nichts, ein einziges Haus, kaum eine Erinnerung an Gewesenes, eine Notation auf einem Brachfeld. Für mich war es fast ein symbolischer Ort. Wer kennt noch die Helden von damals? Was ist, wird Gewesenes, das Gewesene Nichts, nach der Kultur kommt die Steppe. Ich erwartete Jahrzehnte lang nicht, dass sich das hier ändern würde. Hinten stand die Mauer. An die Mauer war ich gewöhnt. Oh, Brüder und Schwestern!

Nun heute! Die Linkstraße heute! Ich schreibe diesen Text nicht weit von dort. Ich kann die toscanagelben Mercedes-Häuser sehen, die Renzo Piano in seinem gläsernen Atelier entworfen hat, das bei Genua über dem ligurischen Meer am Felsen hängt. Als ob ein Raumschiff von ferne sich niedergelassen hätte auf der Brache, die für immer nichts schien und nun fast alles ist. Ein Stück aus einem Traum, denke ich; ich gehe oft hin, manchmal einen über den anderen Tag, um mich zu wundern und für unmöglich zu halten, was ich doch selbst erlebt habe, Stück für Stück.
Freilich war die Linkstraße früher, als sie schon einmal bebaut war, länger als heute, sie reichte nach Mitte hinein, von der Potsdamer Straße zur Potsdamer Straße. Ihren Namen hat sie seit 1845 nach dem Mann, der den Botanischen Garten in Berlin zur Weltgeltung brachte: 14.000 Pflanzenarten bereits 1843; Heinrich Friedrich Link aus Hildesheim, den auch niemand mehr kennt.

Auf der einen Seite das bewegte Areal, das heute “Potsdamer Platz” heißt, vom internationalen Musical-Theater bis zum Spitzenhotel und populären Lokal alles, Einkaufsstätten, die geöffneter sind als sonst irgendwo in Berlin, gegenwärtigste Gegenwart, die Handgreiflichkeit des Lebendigen. Auf der anderen Seite aber auch – selbst wenn alle Menschen sonst vergessen sind, deren vergangene Berühmtheit linkstraßig verlief – jedenfalls ein Name, der herüberklingt: wer kennte die Brüder Grimm nicht; jedenfalls die “Kinder- und Hausmärchen” sind noch ein Titel. In Nummer 7 der Linkstraße haben sie gewohnt; hier ist 1859 Wilhelm Grimm gestorben, bis zu seinem letzten Atemzug saß Jakob, der Bruder, auf einem kleinen Stühlchen neben ihm; hier starb Jakob Grimm 1863; das berühmte “Deutsche Wörterbuch” war nicht fertig; jetzt ist es fertig; jeder, der es in die Hand nimmt, bewundert die, die es begonnen haben.
Das ist die Linkstraße: die Gegenwärtigkeit des Umsatzes, der schnellen Waren- und Gefühlsbewegung einerseits und mit einer kurzen Erinnerung andererseits: die Stille der Texte, die Bedachtsamkeit der Sätze, die Herzensbewegungen, als ob sie aus der Kindheit kämen. Grimms waren hierher gezogen, weil sie draußen sein wollten, in Ruhe vor der Großstadt. Bald war aber die Anhaltische Eisenbahn gekommen. Da war es ihnen zu unbequem umzuziehen, zu viele Bücher, Papiere, Archive, Sammlungen. Bis sie hinauf getragen wurden auf den Matthäi-Kirchhof, von dem sie nun herunter sehen auf uns, die sichs in den weichen Cinemaxx-Sitzen bequem machen für die Märchen von heute.

 




Zwischen Waidmannslust und Lübars

Es ist ein Sommertag wie man sie nicht vergessen möchte. Der Himmel tut alles, damit es uns gut geht. Die Stadt ist vergoldet. Wer mit der S1 von Friedrichstraße kommt, hat schon viel von ihr gesehen, ehe er nach 22 Minuten in Waidmannslust aussteigt.

Wo ist die Zeit, die vergangen ist? Die Frage hält sich über die ganze Fahrt, nachdem sie auf dem glit­zernd-neuen Bahnhof Friedrichstraße aufkam. Sie wird mitgenommen über die Grenze zwischen Wedding und Pankow, die eine Weltengrenze war, bis hierher in diesen idyllisch benannten Teil Reinickendorfs, der von Hermsdorf durch das Tegeler Fließ getrennt und mit ihm durch schöne Spazierwege verbunden ist. Seit etwas mehr als 100 Jahren gibt es den Haltepunkt Waidmannslust der Nordbahn; ein Forstmann namens Bondick bezahlte ihn mit eigenem Geld, und bald entstand zu dem Gasthaus, mit dem Waidmannslust begann, eine kleine Landhauskolonie, ein Kurhaus, seit 1892 eine Schule. Das ist Heimatkunde; man weiß es oder man weiß es nicht; das sind nicht die Daten, die das beunruhigende Bedürfnis erwecken, nach der Zeit zu suchen, die vergangen ist, weil wir uns nicht damit abfinden wollen, dass sie verloren ist. Der neue Bahn­hof Friedrichstraße – wie gesagt -, der heute nichts mehr weiß von seiner Jahrzehnte langen Vergangenheit als Grenzbahnhof, ist solch ein Ort, an dem Zeit begraben liegt – nicht, dass wir sie wieder haben wollten, aber es ist doch die Zeit unseres eigenen Lebens gewesen. 22 S-Bahn-Minuten reichen für die Antwort auf solche Fragen nicht. Vielleicht sind sie überhaupt nicht für Antworten gemacht.

Das Schönste unter der Sonne ist: unter der Sonne zu sein. Zur rechten Zeit, eben jetzt, fällt mir dieser im Sommer-Sonnenschein beruhigende Satz ein. Ich bin den Zabel-Krüger-Damm gerade bis zur Schluchseestraße gegangen und dort in die Straßen­schleife eingebogen, die die Wohnsiedlung an den Rollbergen mit den Schwarzwaldnamen umschließt. Ich bin lange nicht hier gewesen. Den Beginn dieser Siedlung, die man – klein wie sie ist – doch schnell in Beziehung setzt zu dem Märkischen Viertel, das ein Stück südlich, etwas später auch begann. Auch hier im Rollbergviertel haben namhafte Architekten gebaut, die man als Freunde von Freunden kannte, von denen man Meinungen hörte, die man nun an Taten zu messen hatte: Heinrich Moldenschardt, Jan und Rolf Rave u.a. Dieses Wohnviertel, das jetzt mit seinen Innenwegen zwischen Akazien und Birken ruhig da liegt, entstand 1966 bis 1972.

Die Erinnerung an das eigene Leben ist unzuverläs­sig. Die Gefühle stellen Nähe und Ferne zu manchem Ereignis anders dar als die nach gleichmäßigen Jahren zählende Lehrbuchgeschichte. Im Mai 1966 beriet die Ost-Berliner Stadtverordnetenversammlung über eine “Grundkonzeption über den Aufbau des Stadtzentrums der Hauptstadt der DDR, Berlin, bis 1970: Bebauung zwischen Marx-Engels-Platz und Alex mit dem Fern­sehturm”. Am 2. Juni 1967 besuchte der Schah von Persien West-Berlin; ein Polizist erschoss den demon­strierenden Studenten Benno Ohnesorg; Heinrich Albertz, der Regierende Bürgermeister, trat zurück. Auf der 25. IFA im August begann das Farbfernsehen. Im April 1970 war im Märkischen Viertel die 10.000. Wohnung fertig. Im Mai 1971 stürzte Honecker Walter Ulbricht. Während dessen also entstand die Rollbergsiedlung. Diese Zeit zitieren diese drei unter­schiedlichen Fraktionen von Wohnblocks, 4 bis 18 Stockwerke hoch.

Das Hauptbauwerk ist an der Ecke Titiseestraße / Zabel-Krüger-Damm, im Nordosten des Viertels, das “Hochhaus-Gebirge” von Hans Scharoun, dem Be­rühmten; an vielen Stellen der Stadt hat er zu verschie­denen Zeiten architektonische Zeichen gesetzt und hätte noch mehr gesetzt, wenn die SPD ihn 1947 nicht durch einen Mann von Albert Speer ersetzt hätte. So ist es gewesen, manchmal möchte man es kaum glauben; heute ist das wohl nur noch eine Anekdote. Hier an der Titiseestraße imitierte sich Scharoun selber: In Stuttgart-Fasanenhof hatte er zu Beginn der 60er Jahre einen ähnlichen, mit beweglich wirkenden Kreissegmenten gegliederten Haustyp kreiert: “Salute”, Gruß nach vorn. Das lichte Grau des Hauses hinter den weißen Balkon­bändern, überragt von einem getreppten, rosafarbenen Türmchen, wirkt sanft und leuchtend, bergig und erhoben, aber in der Waidmannsluster Umwelt auch fremd, zurückgezogen und ein bisschen hochmütig: als ob ein solches Haus überall stehen könnte, ohne Rücksicht auf die Umgebung, bereit, jederzeit für sich selber zu sprechen. Wenn man Lust auf Bewertungen hätte, könnte man sagen: ein ansehnliches Haus, aber ein geschichtsloser Baustil oder ein vergesslicher. Anfang der 60er Jahre vielleicht für die BRD genau das Richtige. Kurze Zeit später – das fast gleichzeitige Märkische Viertel, das wir südlich des Packereigrabens liegen sehen, bietet die Beispiele – nannten viele diesen Stil rücksichtslos, ohne noch auf die Details zu achten, die vielleicht Lebendigkeit in den Beton hätten bringen können. Die Geschichte ist aus. Städte sind Funktionen, keine Individualitäten: Dieser Gedanke war nicht durchsetzungsfähig; er scheiterte an den Menschen, die von der Zeit leben und an die Jugend denken, wenn sie alt werden, wenigstens manchmal und ein bisschen.

Mit dem 222er braucht man von hier 12 Minuten bis nach Alt-Lübars. Der Gegensatz kann auf den ersten Blick nicht strenger sein. Ein richtiges Dorf, mit Kirche (von strengem preußischem Barock) und echten Bauernhäusern von damals. Gemütlich sitzen wir in der “Dorfschmiede” vor Riesen-Rouladen und hätten noch manche Alternative gehabt. Die Örtlichkeit ist immer noch sehr westberlinisch. Jahrzehntelang konnte wir unsere Besucher hierher führen wie ans Ende der Welt. Jetzt liegt Pankow mit Blankenfelde nahe. Das Dorf wirkt immer deutlicher wie ein Museum oder eine Dorf-Ausstellung; aber während wir über Wiesen und Felder blicken, können wir uns noch immer darüber wundem, wie unterschiedliche Stadtlandschaften uns die Metropole in Minutenschnelle schaffen kann. Auf der Bank vor der Kirche, die vielleicht für eine Hoch­zeit geschmückt wird, sitzen wir lange im Schatten der Bäume und sehen ländlicher Reiterei zu, die die gut gestellten Stadtkinder auf dem Reiterhof betreiben. Der Himmel tut alles, damit es uns gut geht.

 




Gegliederte Landschaften

Ich lerne. Ich bereite vor. Ich übe mich.
(…) Eine besonnte, eine äußerst gegliederte, eine geschliffene Landschaft schwebt mir vor, eine Insel glückseliger Menschheit.
(…) Paradies setzt ein.
– Lasst uns die Schlagwetter-Atmosphäre verbreiten! – Lernt! Vorbereitet! Übt Euch.
Wäre das ein Anfang? Das Gedicht, aus dem ich diese Verse zitiere, ist von Johannes R. Becher. Als er es schrieb, war er 23 Jahre alt, als es in der exemplarischen Anthologie “Die Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts” erschien, war er Kulturminister der DDR. Aber das sagt uns eigentlich gar nichts. Es ist nur eine Gedanken-Assoziation. Sie stellt sich bei mir ein, als ich von der S-Bahn-Station Frankfurter Allee die baustellenverstellte Möllendorffstraße aufwärts schlendere, auf die Deutschmeisterstraße zu; ich möchte dort ein Haus besichtigen, von dem es in den Büchern heißt, es zeige nach Ende der schöpferischen Phase des Expressionismus Formen-Rudimente dieses Stils. Aber niemand, entnehme ich den Büchern, weiß so recht, was Expressionismus ist, vielmehr: was er war. Und Lyrik und Architektur unter einem Stilbegriff zu verbinden, das ist wohl ohnehin eine ziemlich theoretische Übung. Aber: “geschliffene Landschaft”, “Schlagwetter-Atmosphäre” und “Paradies setzt ein” das sind doch Worte! Wenn man sie einmal gehört hat, behält man sie eine Weile.

Unterdessen habe ich die Deutschmeisterstraße, die ihren ostmissionarischen Namen unangefochten seit 1912 trägt, erreicht. In einem eleganten Bogen folgt sie – leicht nach Nordwesten ansteigend – der geschwungenen orange-grün verputzten, geschlossenen Südfassade, bis sie mit der Straße An der Parkaue, die – ebenfalls leicht steigend – nach Norden verläuft, einen kleinen stillen Platz bildet. In diesen Platz ragt von Nordwesten her ein dreieckig geschnittenes Grundstück vor, das der, einen offenen, nach Norden gelegenen Hof umschließende, zweischenklige Bau einnimmt, der mich bis hierher verführt hat, an den Expressionismus zu denken.

Das mit konkaven und konvexen Formen in Klinkersteinen und mit grünen Putzflächen den Platz gestaltende Gebäude der AOK ist aus dem Jahre 1927. Es steht für mein Stadtgefühl am Beginn eines Stadt-Dreiecks, das zwischen S-Bahn-Trasse und Möllendorffstraße aufwärts durch die Zeiten verläuft und bis zum Ende der Paul-Junius-Straße eine Zeitenfolge knapp zusammenfasst, die man nicht überall – wollen wir sagen: – so unverdünnt vor Augen hat. Es ist von hier aus, von diesem End-Zwanziger-Ensemble durch Parkaue und Am Stadtpark, am Haus der Kinder und Carrousel Theater vorbei, ein paar Stufen aufwärts, durch den Stadtpark vielleicht ein Viertelstündchen (oder etwas länger, weil man im Park vielleicht auf einer Bank eine Zeit lang sitzt und sich wieder einmal wundert, dass man diese Ruhe gratis bekommt mitten im bewegten Berlin) bis zu dem Gebäude-Ensemble an der Scheffelstraße, zwischen Paul-Junius- und Eberhardstraße, das mit seiner zwischen Klinkerbändern hochragenden weißen Eckbebauung auf den ersten Blick erstaunt und das flüchtige Stichwort Expressionismus wieder belebt. Bauherr: Berliner Baugenossenschaft, Architekt Hans Kraffert, Scheffelstraße Nr. 16, finanziert aus öffentlichen Mitteln der Hauszinssteuer; ein Beispiel; gebaut auch 1927. Die endenden 20er Jahre: der Ploetz charakterisiert sie als “Konsolidierung”, die senzahl ist hoch, die wirtschaftliche Konzentration “verschärft” sich, der Stinnes-Konzern bricht zusammen (mit fast 3000 Einzelfirmen), Ebert stirbt, Hindenburg wird Reichspräsident, die Reichskanzler heißen Luther, Marx, die SPD toleriert oder toleriert nicht, seit Juli 1928 regiert sie wieder ein bisschen, in Preußen regiert sie sowieso. Der Luisenstädtische Kanal wird zugeschüttet: eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, wie 1848 bis 1852 seine Errichtung eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme war. Karstadt beginnt sein großes Kaufhaus am Hermannplatz zu bauen, Europas größte Druckerei in Tempelhof wird fertig, in Berlin erscheinen 147 Zeitungen und fast 2.500 Zeitschriften; der Funkturm wird vollendet und das Großkraftwerk Rummelsburg, die Elektrifizierung Berlins ist mühsam, weniger als die Hälfte der Berliner Haushalte haben Strom. Berlin ist nach Eröffnung des dritten Beckens des Westhafens der zweitgrößte Binnenhafen Deutschlands: 43.000 Schiffe jährlich. Joseph Goebbels kommt als NSDAP-Gauleiter nach Berlin, von Mai 1927 bis März 1928 ist die Nazipartei verboten; am Nollendorfplatz spielt die Piscator-Bühne Ernst Tollers “Hoppla, wir leben”.

Von dem Kraffert-Bau, Scheffel-/Junius-Straße – das ist der Clou dieses Stadtspaziergangs und das ist das Typische dieses Stadtdreiecks – sind es nun nur ein paar weitere Minuten, bis die selbe Paul-Junius-Straße, an der wir mitten in der Weimarer Republik waren, zwischen den hohen weißen, fast möchte man sagen: glänzenden, Vielstöckern verläuft, mit denen sich das vielbesprochene, geschmähte, aber doch eher zu rühmende Stadtquartier “Am Fennpfuhl” mit seinen bewegten Innenhöfen bis hier herunter erstreckt, 1972 ff – in der Tradition (ja, ja!) von Gropiusstadt und Märkischem Viertel, nur viel zentraler, mittelpunktiger: das neue Berlin. In den Büchern steht, was der Spaziergänger hier in einer halben Stunde zusammen hat, auf weit auseinander liegenden Blättern. Die Wirklichkeit ist nicht chronologisch. Die Paul-Junius-Straße führt gerade an die Stelle, wo die große Nord-Süd-Magistrale ihren Namen wechselt: Möllendorffstraße in Weißenseer Weg; wenn die dicke Baustelle hier ihr Ergebnis gehabt hat, sind es wenige Tramstationen bis zur S-Bahn-Station Frankfurter Allee oder zur Landsberger Allee, wo man die S-Bahn erreicht, mit der man schnell überall ist. Berlin bietet jedenfalls dichte, schnelle Landschaften, gegliederte auch, meinetwegen geschliffene, paradiesische vielleicht seltener.

 




Zurückhaltende Erholung

Berlin ist keine Stadt der Schlösser. Die Berliner Schlösser gibt es sozusagen trotzdem. Auch das weithin bekannte, touristisch erstklassige Schloss Charlottenburg ist daher eigentlich kein Spaziergangsziel für den, der die Eigenarten Berlins erkennen, Berlin lernen will. Berlin habe überhaupt keine Physiognomie, keine unterscheidende Eigenart, meinte Maximilian Harden 1901, Germaine de Stael hatte es fast 100 Jahre früher ganz ähnlich auch so gesagt. Aber es ist falsch. Es ist gerade deshalb falsch, weil die Eigenarten Berlins besonders eigenartig sind. Ja selbst ein Schloss – aber ich glaube wirklich nur das Charlottenburger – kann unter solchen Gesichtspunkten berlineigenartig genannt werden. Als Museum ist es gleichgültig. Die meisten Schlösser in den meisten Städten mit Schlössern sind Museen, eigene Welten, wie Krankenhäuser, Hochschulen. Das ist das Charlottenburger Schloss auch. Deshalb braucht man nicht hinzugehen oder eben nur dann, wenn man an Träumen von gestern mehr interessiert ist als an der Stadt von heute und ihren Stadt-Teilen.
Die Erbauerin des Schlosses Charlottenburg ist Margarete Kühn.
“Wer?”, fragt erstaunt meine Schwester aus Bad Schwartau, die mich begleitet, weil ich schwach auf den Füßen bin, “ich denke Sophie Charlotte aus Hannover, die mit Leibniz befreundet war und nach der Charlottenburg Charlottenburg heißt?” Meinetwegen, das kann man auch sagen. 100 Jahre, von 1695 an, ist an diesem Schloss gebaut, 1943 ist es fast gänzlich zerstört worden. “Sieht aus wie die preußischen Gefängnisse, in denen wir gelitten haben”, soll einer im ZK der SED gesagt haben, und daraufhin sind Bauakademie und Stadtschloss abgerissen worden: weg mit den monarchistischen Resten. Das war 1950; Deutschland schon getrennt, der Osten reißt ab, der Westen erhält: so sicher war das anfangs gar nicht. Wie man das Stadtschloss hätte restaurieren, hätte man das Schloss Charlottenburg abreißen können. Aber jetzt ging es plötzlich um Gegensätze, und es gab eben Margarete Kühn, die einzige Wissenschaftlerin, die sich um das Charlottenburger Schloss kümmerte. Das Schloss Charlottenburg ist kein Hohenzollernschloss, überhaupt kein Königsschloss, sondern ein Ernst-Reuter-Schloss, es stammt aus dem “Völker der Welt, schaut auf diese Stadt”. Es ist ein Westberliner Schloss, jetzt ist Westberlin vorbei, jetzt beginnt auch das Schloss wieder zu verfallen (sagt Börsch-Supan, der beste Kenner des Gebäudes).
Als es zum ersten Mal fertig war, umfasste die Front des Schlosses 44 Meter, jetzt ist es über ein halber Kilometer. Während die Kurfürstin Sophie Charlotte, deren geistreichen Kopf die Enthusiasten loben, hier baute, ließ der Kurfürst seine Regimenter gegen die Türken und Franzosen an einem europäischen Zwei-Fronten-Krieg teilnehmen, um schließlich König zu werden. Er liebte die Pracht, die Verschwendung und richtete die Staatsfinanzen zu Grunde. Die Lustyacht, mit der er über die Spree kreuzte und vielleicht auch nach Charlottenburg fuhr, hieß Liburnica. Beliebt waren vor allem Leute, die die Eitelkeit des Monarchen dekorierten. Eosander, der – mit unklarer Herkunft, wie es heißt – aus Schweden kam und sich deshalb auch “Gothe” nannte, verdrängte den großen Schlüter, aber er setzte dem Schloss die teure Kuppel auf, inszenierte die Krönung des Kurfürsten zum “König in Preußen” in Königsberg; später heiratete er die Tochter des berühmten Merian in Frankfurt und richtete binnen kurzem den soliden Verlag zu Grunde, um Generalleutnant in Sachsen zu werden und mit einer “Kriegsschule” als Militärtheoretiker hervorzutreten. Nichts von solidem Preußentum also, sondern Talmi und Theater. Friedrich Wilhelm II., der Sohn der gerühmten Sophie Charlotte, hasste Charlottenburg und ließ den Park verwildern.

Ich komme gegenüber dem Klausenerplatz, wo der 210er und der 145er halten, neben dem Langhansbau – wie gesagt: am Arm meiner Schwester – herein in den Garten. Es ist Sonntag Mittag. Viel Volk. Die Menschen spazieren langsamer und schneller, sitzen unter Oleander und Hibiskus auf den gegeneinander gestellten grünen Bänken, beschäftigen ihre Kinder oder sprechen über die Welt. “Nachdem sie soviel Geld für die Bomben auf den Kosovo hatten, hätten sie nach dem Erdbeben ruhig den Türken etwas mehr überweisen können”, sagt der junge Mann in meinem Rücken zu seiner schönen Freundin; ich kann nicht hören, dass sie ihm etwas antwortet; wahrscheinlich nickt sie oder sagt leise “hm”. Die Stimmung ist friedlich, ruhig, gesetzt. Der Schlossgarten wirkt sehr demokratisch. Am besten ist er geeignet, schreibt der museumspädagogische Dienst, zur “zurückhaltenden Erholung”. In diesem Lande könnte man den Eindruck haben, ist alles so, wie es sein soll. “Königsweg” ist hier durchaus kein passender Name mehr. Wahrscheinlich heißt der “Königsweg im westlichen Boskett” auch nur bei den Museumsleuten so. Für die anderen ist es einfach der Weg, der Achteck, Viereck und Rondell, kleine Heckenplätze, miteinander verbindet und zu der Sumpfzypresse führt, die hier seit Ende des 18. Jahrhunderts steht. Die Sprayzeichen auf dem Sockel der Minerva inmitten der Rondells sind unoriginell und müssten also mit der Gesamterscheinung analysiert werden, ehe man sie einfach Schmierereien nennt. Meine Schwester, der es in meiner schweigenden und beobachtenden Gegenwart vielleicht langweilig wird, beginnt in einem Taschenbuch zu lesen, es ist das italienische Tagebuch von Fanny Mendelssohn; die Minerva-Statue, die wir betrachten, steht hier fast genauso lange, wie Fanny und Felix Mendelssohn tot sind. Hier kommen jetzt nur wenige Menschen vorüber; die Stadt ist nur durch die Notsignale von Notfahrzeugen zu hören. In der Stadt ist immer jemand in Not. Das ist ihre Normalität. Als das Schloss begann, gab es hier nur das kleine Dorf Lietzow. Am Anfang des 18. Jahrhunderts fing um das Schloss die Siedlung Charlottenburg an. 1871, am Ende des deutsch-französischen Krieges, hatte sie wenig mehr als 19.000 Einwohner, 1914, am Beginn des 1. Weltkrieges, waren es 320.000. Charlottenburg ist bei weitem diejenige deutsche Stadt mit dem dramatischsten Bevölkerungswachstum; Spitzenwert 1870 bis 1910: fast 1100 Prozent Bevölkerungszunahme. Dahinter steht Berlin weit zurück. Aber Charlottenburg ist Berlin, rechtlich seit 1920.
Die Sommerresidenz mit dem Sommergarten, in dem die vergessenen Königinnen und Könige im Mausoleum, einem Gebäude aus dem Disneyland der Geschichte, ruhen, ist zwischen der Trasse der S4 und der Spree längst ein Stadtteil, unter dem sich, was man so Geschichte nennt, zum Vergessen zusammengezogen hat. Leibniz, sagt man, der den menschlichen Verstand bedachte, war ein Freund von Sophie Charlotte, der Kurfürstin und späteren Königin aus Hannover (aber wie ist es mit der Metropolität von Hannover bestellt?), oft hier zu Gast, an der Spree zwischen Berlin und Potsdam. “Das Zukünftige”, sagte er, “und Vernunftüberlegungen machen selten soviel Eindruck wie das Gegenwärtige und die Sinne. Man singt dies, man lobt das. Man spricht es aus, man hört es. Man schreibt dies, man liest das, und kümmert sich nicht mehr um das Gelesene.”

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Zwei Stunden mit Schröder

Richtig auf den Beinen kann ich mich nicht halten. Aber bis auf die Stufen der Volksbühne würde ich es vielleicht schaffen. Das ist ein Geschichtsort erstklassiger Art, unübertreffbar viel­leicht überhaupt. Dort kann man Stadtspaziergänge im Kopf unternehmen, bei denen man schon durch kleine Gedankenarrangements schlauer werden kann. Aber ich würde die Anstrengung, die es für mich ist, nur auf mich nehmen, wenn ich einen Begleiter hätte, der mir zuhörte und um den es sich lohnte.

Dieser Freund von zwei Nachmittagsstunden am Sonntag ist der Bundeskanzler Gerhard Schröder. In einem früheren Leben kannten wir uns. Es gab eine kleine Situation relativer politischer Nähe, als unser gemeinsames Thema die Reform der Juristenaus­bildung war. Ich war Kammergerichtsrat; er war wohl Referendar. Das konservative Niedersachsen war immerhin politisch entschlossen genug, für die neuen Ideen, denen sich die alte Universität Göttingen verschloss, in Hannover eine neue Jura-Fakultät aufzumachen. Da war ich Professor für Rechts­didaktik. Oder wäre es beinahe gewesen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. In der Biographie von Bundeskanzler Schröder ist sie noch tiefer versunken als in meiner.

“Also Schröder”, würde ich sagen, “erstmal das Gebäude, auf dessen Stufen wir hier sitzen. Es stand in einem Wiesen- und Scheunengelände, das nach einem Amtsvorgänger von Dir hieß: “Bülowplatz” (da hätte Schröder widersprechen müssen, denn davor soll er sich hüten, dass er am Ende noch in einem Traditions­zusammenhang mit Bismarck auftaucht). Das hatten so ein paar versprengte Menschenfreunde, der energisch­ste hieß Bruno Wille, immerhin hingekriegt: ein Schauspielhaus von einem Spitzenarchitekten, von Oskar Kaufmann, für die Arbeiterklasse. Obwohl Wille mehr Goethe sagte und Giordano Bruno und Ernst Haeckel als Sozialismus.

Die Gegend war deshalb immer noch wüst. Viele Juden. Solche, die die feinen Berliner Juden, die sich trotz allem sicher glaubten in Deutschland, nur mühsam als die Ihren akzeptierten. Ehe die Verblende­ten kommen, geht es immer um Oben und Unten und die, die unten sind, haben nichts dagegen, dass es noch Untere gibt. “Für solche allgemeinen Einsichten hätte ich nicht hierher kommen müssen”, sagt Schröder, “das weiß ich von allein, aus meinem eigenen Leben”. Vor dem Lebensweg dieses Schröder muss jeder, der ein Gefühl für Lebensehrgeiz hat, Hochachtung haben.

Dann kam das KPD-Haus; mitten hinein in die soziale Wüste die Zentrale der KPD. Weit ab an der Lindenstraße lag die Zentrale der SPD: die Organisati­on des Bruder-Klassenkampfes begann. Diese Formel verwirft, wer hier auf den Stufen nicht zum ersten Mal sitzt. Schröder, sage ich also, das ist keine Erklärung für das Ende der Weimarer Republik. Es geht früher los. Lies die Reden von August Bebel gegen Eduard Bernstein, und was Theodor Barts, ein Liberaler, dazu gesagt hat: Die größte Arbeiterbewegung der Welt, die SPD, hat eigentlich von Anfang an in einem Zwiespalt zwischen ihren Worten und ihren Taten und Absichten gelebt. Und vor allem hat sie Klassenkampf, Arbeiter­klasse und Internationalismus gesagt, aber im ent­scheidenden Moment war das Klassengefühl zu den französischen Arbeitern gar nicht so groß. Da lagen auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Anfang an daneben. Hier sind die Massen dann 1914 in klingendem Spiel vorbeigezogen mit Blumen in den Gewehrläufen. Der Krieg ist ein Abenteuer. Das siehst Du heute nicht bei Castros hier hinter uns in der Volksbühne, aber deutlich im Fernsehen, alle diese wilden Typen, in Helmen und Waffen, weg aus den Fabrikhallen, von den Fließbändern, weg von der Alten und den Gören, die nach Brot schreien.

“Was hätten wir denn von der Welt gesehen”, hat der Bierbrauer in Franken gesagt, der mal mein Nachbar war, “wenn es den Krieg nicht gegeben hätte”. Krieg ist was für Männer. Er macht ihnen Spaß. Über den Platz, auf den wir hier blicken, und der jetzt nach Rosa Luxemburg heißt, läuft ein Rad, das nicht vorwärts kommen kann. Gegenüber liegt ein Gebäude, dessen Ruhm inwendig ist und sich erst langsam wieder entwickelt. Das Babylon, ein Kino, eine Wagner-Höhle, eine Höhle der Verzauberung. Mein Freund Meyer-Rogge, einer der besten Renovierungsarchitekten, stellt es gerade wieder her.

Warum, fragt Schröder, immer in der Hoffnung, dass wir uns die Emotionen im Kopf verschaffen können, die sonst aus unserer Seele so heftig in die Wirklichkeit drängen, dass plötzlich doch ein friedli­cher Sozialarbeiter Bomben auf kosovarische Indu­strieanlagen werfen lässt, die die Gegend vergiften.

Schröder hat aufmerksam zugehört. “Mach’s gut, Alter”, sagt er. Ich bleibe noch ein bisschen in Meyer­Rogges Innenräumen. Der Architekt, den er hier renoviert, hieß Poelzig. Hans Poelzig, sagte mein Vater, das war doch der, der immer versuchte, ein bisschen wie Cäsar auszusehen.

 




Schloss Britz

Am Kurfürstendamm, in dem freundlichen Behandlungszimmer des fürsorglichen Arztes lagern heute morgen in den Therapiestühlen nur ältere Herren. Während die Infusionen langsam in die Venen tropfen, blättern sie unkonzentriert in Zeitschriften und blicken mürrisch in die Gegend, weil sie an die Geschäfte denken, die sie versäumen. Alle paar Minuten klingelt in anderem melodischen Ton ein anderes Handy. Schließlich sagt einer, dem es zu bunt wird: “Erst wollte ich mich verbrennen lassen. Aber jetzt nehme ich mir einen großen Sarg, mit Ladestation.” Wir leben in einer Kultur des Klingelns und der Erreichbarkeit. Mir nützt es jetzt nichts, auf diesem kleinen Klingelwege jemanden zu erreichen oder erreicht zu werden. Es gibt Vorgänge im Leben, die können nicht beschleunigt werden. Der Stadtspaziergänger muss schließlich gehen.
Mein heutiges Ziel wäre das Schloss Britz gewesen. An sich sind Schlösser nicht meine bevorzugten BerlinSpaziergangsziele. Berlin ist keine Stadt der Schlösser. Schlösser sind Highlights. Die Eigenarten Berlins sind keine Highlights. Das ist einer der wesentlichsten Unterschiede zwischen Berlin und anderen Metropolen der Welt. Wer wissen will, wie Berlin ist, der darf es nicht vor allem da suchen, wo es “schön” ist. Schloss Britz war also die Idee von Jagusch, dem Fotografen. Fotografisch ist es was. Nein, es ist auch sonst ein Stadtort, bei dem man sich etwas denken kann.

Am U-Bahnhof Hermannstraße wäre ich von der U8 in den Bus 144 gewechselt. Von der Station Britzer Damm / Tempelhofer Weg wäre der Spazierweg bequem gewesen. Das Schloss ist eigentlich ein Gutshaus, vom Beginn des 18. Jahrhunderts. Mehrfach innen und außen baulich verändert, ist es heute schön renoviert. Man kann es als ein Beispiel bezeichnen. Als ein Beispiel für manche solcher Landschlösser um Berlin herum, die sich Mühe gaben, nicht zu übertreiben, die nicht protzten. Von dem Humboldt-Schloss in Tegel wollen wir gar nicht erst reden, wo Leute saßen, die dachten. Zu den bekannteren Eigentümern von Britz gehören zwei preußische Staatsminister. Der bedeutendere von ihnen hieß Hertzberg. Das war der Mann, der für Friedrich den Großen den siebenjährigen Krieg mit Frieden beendete. Ihm müsste man ein viel größeres Stück von dem Ruhm abgeben, den sein königlicher Herr dafür erlangt hat, dass er Preußen ziemlich verwüstet hatte. Hertzberg war der Mann, der den schönen Park um Britz errichten ließ, von dem die Lindenallee noch da ist. Er hat aus Schloss Britz eine bedeutende Landwirtschaft gemacht.
Das wäre die Geschichte, die sich über Schloss Britz erzählen ließe, diese und jene andere Einzelheiten natürlich auch noch wie um alle Orte, an denen Schlösser stehen. Dafür haben wir Theodor Fontane. Aber der Stadtwanderer, der nun diesen Stadtspaziergang schließlich bis zur U-Bahnstation Parchimer Allee zu Ende geht, der erfährt, dass eins der berühmtesten Beispiele des Wohnungsbaus aus der Weimarer Republik, die Hufeisensiedlung von Martin Wagner und Bruno Taut gerade hier, auf dem Landwirtschaftsgelände von Britz, liegt. 1924 hatte die Stadt Berlin die Ländereien gekauft, um anständige Wohnungen zu schaffen für die, die bisher nur die Lasten der Kriege und der Schlösser getragen haben. Martin Wagner ist in den Vereinigten Staaten als Professor gestorben. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat ihn im Bonner Deutschland niemand mehr haben wollen, auch in Berlin konnte man ihn nicht gebrauchen, man wusste es selber besser. Dieser Spaziergang könnte mit einem Schuss Bitterkeit enden. Aber ich konnte ihn gar nicht unternehmen. Hoffentlich komme ich bald wieder auf die Beine.

 




Zum Sozialismus nach Reinickendorf?

Wollen wir den Sozialismus loben? Aber schlecht machen wollen wir ihn doch auch nicht. Werden wir ihn überhaupt wiedererkennen? Wo – wenn es den wirklichen Sozialismus wirklich gegeben hat – soll es ihn denn gegeben haben, wenn nicht im Wedding und dann allmählich auch in Reinickendorf? Vom Wedding gibt es einen schönen Geschichtsweg nach Reinickendorf. Er führt durch die Afrikanische Straße. Was wissen wir, wenn wir da sind?

Was ist berühmt? Später ist es auch vergessen: August Bebel gegen Eduard Bernstein in einer “berühmten” Debatte: Die SPD, sagte der Parteivorsitzende, ist für immer gegen Militarismus und Kolonialismus (als ob Bernstein dafür gewesen wäre). Für den Kolonialminister Dernburg war das ein “Vergehen an Deutschland”, und wie zum Hohn warf der Kaiser über die Wohngebiete der Arbeiter ein Netz von Straßen, die seine kolonialen Ziele benannten, zwischen den Rehbergen und der Müllerstraße.
Hagenbeck wollte “lebende Negerstämme” in den Rehbergen ausstellen. “Meinst du, die Weddinger Arbeiter hätten sich die nicht angesehen?” sagt meine Lebensfreundin. Heute sind die Afrikanische Straße und ihre afrikanischen Nachbarstraßen auf dem Wege nach Reinickendorf sehr schöne Straßen. Das ist dem Wohnungsbau der 20er Jahre zu verdanken.

Gegen Militarismus und Kolonialismus – das Programm war bald out. Der deutsche Kolonialismus hatte sich im ersten Weltkrieg von selbst erledigt. Den Widerstand gegen den Militarismus hatte die Mehrheits-SPD selbst rechtzeitig genug aufgegeben, damit das Völkermorden mit Blumen in den Gewehrläufen hatte beginnen können.
Die schöne Stadtsiedlung oben an der Afrikanischen Straße, an der Grenze vom Wedding zu Reinickendorf heißt heute nach Friedrich Ebert. Nichts über Friedrich Ebert in diesem Zusammenhang. Obwohl.
Eine ganz ernsthafte Idee ist das natürlich nicht, man könnte in einer Stadt umhergehen und die Wirklichkeit einer politischen Idee suchen. Aber es ist oft das nicht ganz Ernsthafte, was uns auf die Ideen führt, von denen wir später etwas haben.

“Meinst du, dass hier ein Mann aus Lomé Vereinsmitglied ist?” fragt mich meine Lebensfreundin, als wir durch die Kolonie Togo wieder auf die Müllerstraße zu und gerade gegenüber auf der anderen Seite in den Domfriedhof wandern. Da sind wir schnell woanders; für die Faszination der Vorstellung bleibt keine Zeit, dass jemand, dessen Großeltern in kurzem Lendenschurz für Hagenbeck in den Rehbergen tanzen sollten, heute Vorsitzender des Weddinger Kleingartenvereins Togo sein könnte. Könnte er?

Zwischen Reinickendorf und Wedding liegt eine große Friedhofslandschaft. Sie beginnt gleich da, wo zwischen Cambridger und Gotthardstraße Reinickendorf beginnt. Hier am Domkirchhof an der Liverpooler Straße sind wir noch im Wedding. Wenn man die Geschichte auf einem Stadtspaziergang sucht, kann man sie nicht ebenso suchen wie in einem Buch. Das reizvolle an der Spaziergangsgeschichte ist ja gerade, dass sie nicht nach den Jahreszahlen geht. Berlins erster Oberbürgermeister, Leopold von Gerlach, ist hier beerdigt. Seine Amtszeit von 1809 bis 1813, knappe vier Jahre, wird als Notzeit beschrieben; Selbstmorde aus materieller Not waren in Berlin an der Tagesordnung, die Sterberate höher als die Zahl der Neugeborenen; aber es war auch die Zeit, in der die Universität Berlin gegründet worden ist, und manche nennen sie auch eine Zeit des Neuanfanges und des Neuaufbruchs.
Gerlach wohnte mitten im alten Berlin, im Sprengel der Domgemeinde, deswegen wohnt er nun als Toter hier draußen zwischen Wedding und Reinickendorf. Der ganze Magistrat und alle Stadtverordneten folgten seinem Sarge, die Teilnahme der Bevölkerung war groß. “Wie lange sind die denn gelaufen?” fragt meine Lebensfreundin skeptisch. Durch die ganze Chaussee- und durch die ganze Müllerstraße, auf diesem Wege ließ sich viel zusammenzählen, und als man da war, waren alle Tränen schon getrocknet.

An den Sozialismus hat in diesem Trauerzuge niemand gedacht. Erst recht die beiden berühmtesten Söhne des Bürgermeisters nicht, die dann später hier auch ihre letzte Ruhe fanden. Als Freunde des preußischen Königs haben sie bis zur bürgerlich-revolutionären Mitte des Jahrhunderts eine Rolle gespielt oder zu spielen versucht, mit der man sie im Tölpelspiel der Vergangenheit auftreten lassen könnte, wenn aus der ganzen Jahrhundertinszenierung ein Stück geworden wäre, das man am Ende mit Recht “vom Dunkel zum Licht” nennen könnte oder so ähnlich. “Aber können wir das nicht?”, fragt meine Lebensfreundin, als wir schließlich gegenüber der weißen Stadt in Reinickendorf in der Genfer Straße auf einer Bank sitzen und auf die Siedlung blicken von Bruno Ahrends, Wilhelm Bühning, Otto Rudolf Salvisberg, 1929 bis 1931 unter der städtebaulichen Regie des großen sozialdemokratischen Stadtbaurates Martin Wagner gebaut, der in der Fremde, als US-Amerikaner gestorben ist, weil das Bonner Deutschland ihn nicht mehr haben wollte.

Wir hatten den Domkirchhof auf einem Nebenweg nach Osten verlassen, um zwischen Wedding und Reinickendorf die Bristolstraße zu erreichen. Die Wohnsiedlung dort am Schillerpark kommt in vielen Architekturbüchern vor. Sie ist ein Musterstück der Baukultur der ersten deutschen Republik. Der Architekt hieß Bruno Taut. Er hatte seine Tätigkeit als SPD-Baustadtrat von Magdeburg gerade beendet, als er in den endenden 20er Jahren diese und mehrere andere beispielhafte Wohnsiedlungen in Berlin baute.
“Das ist gebaut aus Sozialismus”, sagte Wassili Lunatscharski, der Sowjetvolkskommissar, über Taut. Aber Taut bestand darauf, dass es “Sozialismus im unpolitischen Sinne war, fern von jeder Herrschaftsform”, und Manne Jagusch, der Fotograf, der auch mal Sozialist war, sagt überhaupt über die Häuser in der Bristolstraße: “Langweilig, ziemlich uninteressant.”
Die Reinickendorfer Straßen, um die die weiße Stadt liegt, heißen nach Orten in der freien Schweiz. Und als ich das sage, klingt es meiner Lebensfreundin zu pathetisch, denn sie sagt: “Emmental – das klingt für mich in erster Linie nach Käse”. Ist damit jetzt unser Geschichtsweg nach Reinickendorf beendet: langweilig und Käse? Und den wirklichen Sozialismus hätte es wirklich gar nicht gegeben?
“Es kommt doch nicht auf den Sozialismus an”, sagt meine Lebensfreundin leise.
“Sondern?”
“Wie es unseren Urgroßeltern, unseren Großeltern, unseren Eltern gegangen ist und wie es uns geht und unseren Kindern gehen wird”. Wo die Bürgermeister nur im Tode, aber die Arbeiterklasse zu Lebzeiten wohnt, vielleicht kommen wir wenigstens da demnächst dazu, dass ein Mann aus Afrika der Kleingartenvorsitzende einer Kolonie ist, die nach der afrikanischen Heimat seiner Großeltern heißt.
Die Wege nach Reinickendorf sind lehrreich.




Westend, oben und unten

Die U2 ist eines der interessantesten Verkehrsmittel Berlins. Aufs erste ist es ist nur eine U-Bahn-, manchmal eine Hochbahnstrecke. Das Interessante ist nicht die Bahn selbst (obwohl sie sich für Berlin-Anfänger auch alleine lohnt für ein Hin und Her mitten über und unter der Hauptstadt hindurch in 45 Minuten), sondern die Gegenden, in die sie uns bringt. Wer an der Station Theodor-Heuss-Platz aussteigt und an der Station Neu-Westend wieder einsteigt, der hat für den Stadtspaziergang, den er nun vielleicht unternimmt, nur 2 U-Bahn-Minuten verbraucht. Für den Spaziergang braucht er anderthalb Stunden, von denen er aber einen guten Teil auf einer Bank am Branitzer Platz verbringen wird, im Schatten der hohen Kastanien, wenn es ein Sommertag ist wie gestern, als ich unterm Strohhut hier saß und die Westender Gedanken zu ordnen versuchte, die nicht alle unter der Decke der sommerlichen Gegenwart zu halten waren. Ein Wohnzimmerplatz – wie etwa der Boxhagener Platz in Friedrichshain, ein Kiezplatz, auf den sich das Leben fortsetzt aus dem umliegenden Quartier – ist der Branitzer Platz ganz und gar nicht. Die Villen, die ihn weiträumig umstehen, sieht man durch die Bäume nur durchschimmern, edel und zurückgezogen umsäumen sie den Platz, der nur dazu da ist, ihnen Landschaft zu verschaffen. Branitz (bei Cottbus) – der Name ist ein Pseudonym für Landschaft. 1844 hat dort für den grünen Fürsten Pückler-Muskau der Architekt Gottfried Semper den englischen Landschaftspark errichtet, von dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch diejenigen schwärmten, denen für die Wirklichkeit die Prominenz fehlte.

Das ältere Ehepaar, das in der Platzmitte seine Liegen aufgestellt hat, um – das sieht man ihrem Hautbraun an – nicht zum ersten Mal den Versuch zu machen, ihrer Erscheinung eine Jugend zurückzuführen, die man auf diese Weise am wenigsten gewinnen kann, ist kein Villenbesitzerehepaar. Längst sind um den Branitzer Platz nicht alle Villen mehr Villen. Eine Studentin auf dem Nachhauseweg lagert ein Weilchen im Schatten. Der Platz ist ruhig; die weißen und rosafarbenen Rosen duften ein bisschen. Nördlich, um die Nussbaumallee, liegt eine andere Welt, zurückgezogen auch und nicht auf den ersten Blick erkennbar. Die alten Raucher, auf die Jagusch, der Fotograf, im Garten von Kastanienallee 37/38 zugeht, um eine Fotografiergenehmigung zu bekommen, sind leicht Verwirrte. Der weiße Zivi ist nicht zuständig:
“Fotografiern Sie nur. Ich hab Sie nicht gesehen.”
“Aber ich möchte doch nicht als Unerlaubter hier rumgehen.”
Die Zuständigen sind nicht da. Der weiße Pfleger im Nachbarhaus weiß auch nicht, wo Frau Thiele ist (Name vom Autor geändert). Das ist alles “Nussbaumgelände”. In der Nussbaumallee liegt die große, durch manchen Professoren-Namen berühmte Psychiatrische und Neurologische Klinik der FU. Als ich Richter war und als es das demütigende Rechtsinstitut der Entmündigung noch gab – solange ist es noch gar nicht fort aus der praktischen Rechtswelt und vielleicht überhaupt nur der Name – hatte ich auch manchmal mit Nussbaumleuten zu tun. Manchmal hätte ich deutlicher widersprechen sollen. Oder einfach das Grundgesetz vorzeigen. In den schönsten Gegenden wohnen Gespenster.

Westend gehört in die Lehrbücher. Dass solche Villenviertel “Kolonien” hießen wie die Kleingartenanlagen, das ist ein Thema für die Stadtsoziologie, die sich mal damit beschäftigen könnte, wie mit Wörtern Stadtbaupolitik gemacht wird. Das Lehrbuch, in das das Westend aber zunächst hineingehört, ist eines der Volkswirtschaftslehre. Schon 1824 hatte ein Kaufmann die Idee, hier Häuser für Reiche von der Stange anzubieten. Das wurde noch nichts. Aber als die deutschen, preußischen Heere erst die Dänen, dann die Österreicher besiegten und die preußische Hauptstadt Berlin mit dem Blut und den Tränen derer, die nichts davon hatten, sich zu einer europäischen Stadt zu mausern begann, da ging es – es war nun 1866 – auch hier richtig ab. Sechs Unternehmer – der Architekt Martin Gropius darunter – gründeten ein Baugesellschaft, legten die Straßen an, die auch heute noch nach den Bäumen heißen, die darinnen wachsen: 400 Landhäuser, für die die es bezahlen konnten: “für die wohlhabenden Stände”, heißt es in der Programmschrift. Unter den sechsen ist einer – das ist ein richtiges tief gehendes Schiff, wie man so sagt, er fährt in tiefen ökonomischen Wassern. Der Mann hieß Quistorf, der Name sagt nun nichts mehr. Aber es war einer von denen, die nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 im “Gründerfieber” eine Aktiengesellschaft nach der anderen gründeten. Bis 1873 der große Krach kam. Da war es auch mit Westend erstmal aus, die meisten Villen nicht fertig oder nicht verkaufbar: “Krachruinen”, sagten die Berliner.

Dieser Börsenkrach von 1873 – das ist also ein Thema, über das man im sanften Säuseln der Branitzer Kastanien ein bisschen nachdenken könnte. Was waren die Gründe für einen wirtschaftlichen Zusammenbruch nach einem “weltpolitischen Sieg”? Berlin war gerade Hauptstadt eines Weltreiches geworden, wie es sich einbildete, und schon machte es Konkurs? Auch wenn man nun nicht auf der Parkbank verweilte, sondern in die Bibliotheken ginge, würde es einem schwer fallen, ökonomisch ganz schlau zu werden. Ein bekannter Autor von damals sagt – gemischt mit einem kräftigen Schuss Antisemitismus – : Die “Volkswirte” waren schuld und eine Staatspolitik, die “einfach die Allmacht des Capitals und die Ohnmacht des Staates predigte”, der Liberalismus. Und die “Kriegsentschädigung” war schuld, die Frankreich in sagenhafter Höhe an Deutschland zahlte, “ein wahres Danaergeschenk”: weil es nämlich zu Bankgeschäften führte, schließlich nur zu Bankgeschäften. Die großen Fabriken Borsig, Wöhlert, Egells entließen bis zu 3/4 ihrer Arbeiter; erst Soldaten für die deutsche Weltmacht, jetzt ihre Arbeitslosen. Das war 1873, und – wie gesagt – unser edles Westend ein ganz prominentes Opfer; so prominent, dass es sogar in der Biografie eines der siegreichen Hauptbankiers, Carl Fürstenberg, vorkommt, obwohl den Bankiers doch sonst daran gelegen war, die Lage zu verharmlosen: Es sei niemals mehr so recht was geworden aus Westend, heißt es dort. Trotzdem: Am Ende der 1870er Jahre stabilisierte sich die Lage wieder. Die Krachvillen wurden zu Ende gebaut, verkauft, 1905 war die Anlage fertig, seit Ende des Jahrhunderts mit dem schönen Platz, auf dem ich jetzt geträumt habe.

Und nun zurück zum Haus Kastanienallee 37/38, wo Jagusch steht und fotografiert. Ein Beispiel für alles. 1872 gebaut gerade für diesen beispielhaften Quistorp, für ihn selbst, mit Zierrat aus allen Stilepochen. 1905 umgebaut und erweitert für einen anderen Fabrikanten. Und – nun kommt es – 1925/1926 überarbeitet von einem Spitzenmann der Moderne: – das wissen gar nicht so viele Leute – von Erich Mendelsohn. Aber Mendelsohn wollte das selbst nicht wahrhaben; er verschwieg das Werk, dem man heute gar nichts mehr ansieht, nichts scheint daran besonders, Rotes Kreuz, wie das Rote Kreuz eben ist.




Zweimal 50 Jahre

Das Wort Hochadel hört sich nach oben an. Tatsächlich war gegen Ende des [vor]vorigen Jahrhunderts der deutsche Hochadel aber schon ziemlich down. Wenn es auch manche noch nicht wussten. Nun gaben andere den Ton an. Die Industriebosse, die Grundstückshändler, die Börsianer und vor allem die Banker. Bis in die 1860-er Jahre war Berlin eine bescheidene Stadt gewesen. James Hobrecht, der mit seinem Entwicklungsplan von 1862 bis heute den Grundriss Berlins bestimmt, hatte sogar von einem “wünschenswerten sozialen Durcheinander” der Schichten geträumt: In der Beletage die Reichen, im Souterrain und auf dem Hinterhof die Ärmeren, deren Kinder mit den abgelegten Kleidern aus dem Vorderhaus versorgt werden konnten. Mit solchen Träumen – nein: Träume waren es nicht, sondern nachträgliche Phantasien, wenn nicht überhaupt Rechtfertigungs-Ideologien – war es nach dem dänisch-österreichisch-deutschen Krieg bald vorbei. Der Name für das Programm, den neuen Reichtum zu zeigen, hieß von Grunewald, Wannsee, Westend: Villenkolonie. Jetzt ist es für die Kommerzienräte und die Ihren nobel, draußen zu wohnen und für sich. Die Villa wird das Schloss des Handelsherren.

Die “Heimstätten AG”, die von 1895 aus Wiesen und Feldern die Kolonie Karlshorst und die – wie es heißt – eine vom Hochadel getragene Baugesellschaft war, ist also der Versuch, dem Herrschaftsschema von gestern einen städtischen Anschluss an die elegante Lebensform vom damaligen Heute zu verschaffen. Der schönste Vorort Berlin im Berliner Osten – heißt es von Karlshorst bald. Wenn man “geschichtlich” guckt, kann man es sich heute noch vorstellen, dass das stimmte. Die ersten Häuser entstanden in der Lehndorffstraße, die damals nach Kaiser Wilhelm II. hieß und nicht nach dem Grafen Lehndorff, der einer dieser hochadligen Mitgründer von Karlshorst war. Es folgte das Prinzen- (oder Seen-)viertel, das Heimatviertel, das Sagenviertel.
Das rheinische Viertel, durch das ich jetzt am immer drückenderen Freitag Mittag langsam spaziere, gehört schon zur letzten Entwicklungs-Epoche von Karlshorst. Die Andernacher-, die Königswinterstraße, über die ich nun die Rheinstein- und die Zwieseler Straße erreiche, sind erst 1910 aus den Straßen Nummer 9 und 11 diese schönen Straßen geworden, die zu Beginn des Jahrhunderts das Villenprogramm zu Gunsten eleganter, manchmal sogar im Verfall noch edler Mietshäuser aufgegeben hatten.

1910 – da war schon nicht mehr viel Zeit. “Also meine Herren”, rief einer dieser Hochadligen am 19.01.1910 im deutschen Reichstag, “die preußische Geschichte führte dahin, dass der preußische Adel in die Offizierskorps eingetreten ist … Als ich Offizier war, da war es mr ganz egal, was von mir in der Zeitung stand, ich habe nur gefragt: was sagt mein Kommandeur … Der König von Preußen und der Deutsche Kaiser muss jeden Moment imstande sein, zu einem Leutnant zu sagen: Nehmen sie zehn Mann und schließen Sie den Reichstag”. Da fehlten nur noch vier Jahre Weltmachts-Illusion und vier Jahre Mordkrieg, eh der Kaiser – und auch jetzt nur mühsam – begriff, dass er längst überhaupt nichts mehr zu kommandieren hatte.
Wenn ich jetzt sagte, denke ich schon seit einige müden Minuten, die Zwieseler Straße endet als Sackgasse, dann müsste ich aufpassen, dass ich das Wort nicht unmerklich als symbolisch auffasse. Das Haus hinter den Fahnenmasten, rechts Kanonen, hinten ein Panzer und roter sowjetischer Marmor, nannte sich früher “Museum der bedingungslosen Kapitulation”. Nachdem die zweiten fünfzig Jahre von Karlshorst vorüber und die Sowjetsoldaten abgezogen waren, fand man diesen Namen und die Präsentation dahinter falsch. Die Geschichte musste renoviert werden. Wie die Häuser: Als ob die Geschichte nicht einfach um deswillen Geschichte ist, weil sie war. Manches stellte sich – hieß es – in dieser Gegend nun als falsch heraus. Die Rheinsteinstraße hatte von 1976 bis 1992 nach einem deutschen Soldaten geheißen, der sich einer sowjetischen Partisanen-Einheit angeschlossen hatte und deshalb umgebracht worden war. Die Rheinpfalzstraße – im sonst ganz verschwiegenen Burenviertel: ursprünglich Dewetstraße nach einem nationalistischen Burengeneral – hieß ein paar Jahre nach einem DDR-Unteroffizier, von dem jetzt gesagt wird, glaubwürdige Unterlagen über den Vorfall, der seinerzeit mit dem Straßennamen geehrt werden sollte, lägen gar nicht vor. Vieles an der Geschichte ist nicht glaubwürdig. Und manches ist kaum zu glauben.

Das Haus am Ende der Zwieseler Straße ist ein Berliner, ja ein deutscher, europäischer oder sollen wir sogar sagen: welthistorischer Platz ersten Ranges. Am 7. Mai 1945 unterzeichnete General Alfred Jodel in Reims für die US-Amerikaner die Urkunde über die bedingungslose Kapitulation der deutschen Truppen und zwei Tage später hier in Karlshorst der Generalfeldmarschall Keitel – ein Kriegsverbrecher, überhaupt: ein Verbrecher – den selben Text vor dem sowjetischen Oberkommandierenden. Der Marschall kam herein, in den Sitzungssaal, der hier bis heute zu besichtigen ist und in dem nun ein Endlosband den Vorgang stumm zeigt, hob in einer lächerlichen Geste den Marschallsstab und unterschrieb: unterschrieb, unterschrieb, unterschrieb. Er unterschreibt immer noch, kaum jemand guckt zu.

Die zweite große internationale Mord-Veranstaltung des 20. Jahrhunderts war zu Ende, nach Westen – bleiben wir bei diesem Berliner Beispiel: die Frankfurter Allee hinunter – erstreckten sich die Kollateralschäden. “Den Satz musst du streichen!”, sagte meine Lebensfreundin, während wir auf dem Mäuerchen vor dem geschichtlichen Haus sitzen, der ist doch schwer missverständlich”. Gestrichen. Es ist zu heiß und zu schwül für Geschichte.
Nun beginnen die zweiten 50 Jahre von Karlshorst. 1895 bis 1945: erste Periode; 1945 bis vor ein paar Jahren: zweite Periode, und nun hat langsam mit rechtlicher Bedächtigkeit schon die dritte Periode begonnen. Die Zeiten verschränken sich. Überall noch Rückstände der Sowjetmacht, Verfallenheiten. Die Drahttore stehen offen. “Betreten verboten. Zuwiderhandlungen werden strafrechtlich verfolgt. Bundesverwaltungsamt”, später der selbe Text vom “Bundesvermögensamt”. Allmählich wird diese einmalige Verschränkung der Zeiten in Karlshorst einer neuen Einheitlichkeit weichen. Die Geschichte hält sich nicht. Der welthistorische Ort in der Zwieseler Straße wirkt schon wie abgestellt, zur Seite gerückt, gerade noch dagewesen.

 




Kein Jenseits

Ich bin mir auch nicht so sicher. Aber ich glaube wohl auch nicht, dass es ein Jenseits gibt. Ich steige die Treppe vom Hochbahnhof der Untergrundbahn in der Eberswalder Straße herunter. Hinter dem Senefelderplatz hebt die U-Bahn uns aus dem Untergrund der Stadt empor zwischen die Fassaden der Schönhauser Allee. Wenn ich auf mich selbst achte, merke ich jedes Mal, wie sich das Stadtgefühl in mir schlagartig verändert. Meist fühle ich mich beruhigter, sicherer, heimischer – obwohl ich hier nie gewohnt, nur in der Nachwendezeit ein paar Monate gearbeitet und die Gegend durchwandert habe. Seitdem kenne ich den Friedhof zwischen Pappelallee und Lychener Straße. An er Innenseite des Eingangstores steht dort seit 1873: “Schafft hier das Leben, gut und schön/ Kein Jenseits ist, kein Aufersteh’n”.
Das Schönste an der Pappelallee sind der Name und die Erinnerungen. Die meisten Bäume sind Eschen. Pappeln haben in dieser Straße niemals gestanden. Einige Häuser sind renoviert, andere verfallen noch wie seit Jahren; einige Hinterhöfe sind belebt, andere Denkmäler eines Großstadtelends, das es hier gab, seit es die Straße gibt. Eine typische Berliner Straße; sie war es durch alle ihre jetzt 173 Jahre.

Wer den Weg wandert, den ich heute gehen will, an diesem warmen Sonnentag, der über alles eine Südlichkeit legt, die in Berlin gar nicht so selten ist wie vielleicht mancher Fremde denkt (aber vielleicht ist es Östlichkeit): Pappelallee, Gneiststraße, ein kleines Stück Schönhauser Allee, Milastraße und die Cantianstraße zurück zur U-Bahn-Station, der braucht – die Stunde nicht mitgerechnetm die er im Bistro Pappelallee Ecke Raumerstraße verbracht hat – anderthalb Stunden und zum Alex mit der U2 noch sechs Minuten und hätte von der Berliner Gegenwart Wirkliches gesehen und – wenn er Bescheid weiß oder es wissen will – auch ein vieldeutiges Geschichtsstück.
Der schönste Gegenwartsort ist der Friedhof. Er nennt sich jetzt einen Friedhofspark. Für “Park” ist er eigentlich zu klein. Aber für mich ist er einer der schönsten Plätze in Berlin. Für manchen, der jetzt hingeht, dauert es vielleicht einige Zeit, bis er das nachvollziehen kann. Zwischen Mietshäusern des steinernen Berlin, deren Innenhöfe den lichten Vorteil vom Friedhof seit 150 Jahren haben und die auch heute noch Stücke von diesen schwarz-grauen Brandmauern zeigen: diesen krampfhaft verschlossenen Mündern vieler Lebensgeschichten, liegt diese mühsame Rasenfläche.
An manchen Stellen sind die Bäunme zu dicht für ordentlichen Rasen. Viele Bänke rundum, die meisten jetzt in der Feitagnachmittagssonne unbesetzt; aber viele junge Leute, die lagern, bunthaarige Kinder-Jugendliche in verletzlichem Bewusstsein, ordentliche Studenten und Studentinnen, die die Decken, auf denen sie gelegen und in den Lehrbüchern geblättert haben, hernach sorgfältig falten und einrollen.

Am östlichen Ende ein grün und offen umgitterter Kinderspielplatz mit Wasser, also mit “Eierpampe”, Juchzen und Jauchzen. Dazwischen Grabsteine. Der Friedhof ist aufgehoben. Er erinnert nur noch an die 9 bis 10.000 Beerdigungen und Urnen-Beisetzungen, die hier seit 1847 stattgefunden haben. Ein Erinnerungs-Rückstand aus der Freidenker-Bewegung, deren – teils bürgerliche, teils sozialistische – Denkweisen viel gegenwärtiger sind, als die Erinnerungen an ihre Namen und Protagonisten.
Vor der ehemaligen Feierhalle an der Südseite des Friedhofs stehen zwei Grabsteine; man kann sie “berühmt” nennen: Für Agnes Wabnitz, Gründerin des Vereins der Mantelnäherinnen; zu ihrem Begräbnis war August Bebel hier und Zehntausende. Mehr Kränze – wie die preußische Polizei penibel registrierte – als bei der Beerdigung des Kaisers. Wer war Agnes Wabnitz? Man könnte es erzählen, aber wer will es wissen?
Am 25. Mai 1988, als die DDR noch nicht wissen wollte, wie wenig Zukunft ihr blieb, erschien Hans-Jochen Vogel, der damalige SPD-Vorsitzende, hier auf dem verfallenden Friedhof mit einem Kranz für Wilhelm Hasenclever, den Lohgerber, Vorsitzenden des Lassallschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, aus dem die SPD hervorging. Die Grabsteine stehen da wie angelehnt, unleserlich und sozusagen unsichtbar gemacht von der Sprayfarbigkeit, die viele Steine, Mauern und Wände unserer Stadt mit solcher Schnelligkeit und Regelmäßigkeit bedeckt, dass wir sie deuten müssen, ehe wir sie einfach Vandalismus nennen. Das schönste Denkmal ist für Heinrich Roller. Das war der Mann, der den Gründungs-Parteitag der SPD, Eisenach 1869, protokolliert hat, Erfinder einer “Weltkurzschrift”, später Reichstags-Stenograf. Auf seinem Grab steht eine Halbgöttin. Es könnte auch seine 3/4-große Ehefrau sein, eine schöne Frau, aber eben aus Stein oder aus Eisen (das weiß ich jetzt nicht), jedenfalls ganz unbeweglich, kein Wort kommt aus ihrem Mund, aus ihrer im Schreiben erstarrten Hand: Diese Geschichte ist vorbei.

Es geht mir nicht gut. Ich bin erschöpft. Der Weg strengt mich an. Die Gedanken, die er mir mitteilt, belasten mich. Jetzt sitze ich dem Stein für Ernst Däumig gegenüber. Das war einer von denen, dessen Leben die Unklarheiten und Verwirrungen der größten Arbeitsbewegung der Welt am Beginn und am Ende von WK I darstellt, einer von denen vielleicht, die Recht gehabt haben, und die deshalb vergessen sind, anders als die, die Unrecht hatten und weiter Fehler machen durften, wie Ebert, Scheidemann, Braun, nach denen heute die Straßen heißen, weil sie schließlich Opfer ihrer eigenen Fehler wurden.
Aber auf solche Wertungen kommt es nicht mehr an, auch diese Geschichte ist vorbei, die Gegenwart ist Mittag, Ruhe, am Baum lehnen, in den Himmel blicken, rauchen, die Kinder, der Mittagsschlaf unter dem Ahorn, in dem die Tauben schnäbeln. Dieser Friedhof, der jetzt der Freireligiösen Gemeinde, also immer noch, vielmehr: wieder Freidenkern gehört, ist – denke ich – ein Friedhofsvorbild: Tote und Lebende beieinander. So müssten auch “lebende” Friedhöfe sein. Vielleicht gibt es kein Jenseits. Aber mit dem Diesseits kommen wir auch nicht gut klar. Wir müssen uns viel mehr Mühe geben, ob wir an Drüben glauben oder nicht.




Das Herz bleibt ein Kind

1.230 Flaschen Tivolibier, 120 Flaschen Sodawasser, 30 Flaschen Bordeaux, 3 Filets, 2 Schock Eier, 1 Butterfass, 1 Zuckerhut, 1 Baumkuchen, 6 Flaschen Scharlachberger und 1 Dutzend Flaschen Champagner. Diese “durch Zahl oder Gewicht beeindruckenden Quantitäten” kamen an Bord und dazu noch über 100 Kleinigkeiten, z.B. Muskatnuss und Salbeiblätter für Aal und Schleie.
Das war in Köpenick am 7. Juli 1874, als Theodor Fontane an Bord der “Sphinx” ging, um 2 Tage über den Müggelsee und die wendische Spree zu segeln. Wer das Schreibestück, das er danach in der deutschen Literatur abgegeben hat, im letzten Band der “Wanderungen” liest, der kann schnell eine Menge über die Wirkungen von 125 Jahren Berliner Geschichte lernen, wenn er den Weg nach Köpenick, von dem Fontane lakonisch sagt “zu Wasser”, ebenfalls zu Wasser zurücklegt. Ab zum Beispiel – wie wir an diesem Mittwoch – vom Hafen am S-Bahnhof Treptower Park (dahinter gehört bereits ein berlinisches Ausrufezeichen: Hafen am S-Bahnhof!) zu Rübezahl; Abfahrtszeit an dieser maritimen städtischen Spitzenstelle, die in ihrer Hafen- und Nichthafenhaftigkeit ohnehin ein berlinisches Muss ist – 15 h. Die “Sachsen” sieht schon eine Viertelstunde vor der Zeit so aus, als wolle sie jeden Augenblick ablegen.

“Hoffentlich ham Sies passend!”, fragt der Bootsmann streng, denn wir haben unsere Karten nicht am Kartenhäuschen gekauft und müssen ihn nun bitten, unsere dreimal dreizehnfünfzig für “einfach” entgegen zu nehmen. Wir werden akzeptiert und dürfen aufhören, uns unregelmäßig zu fühlen.
Jagusch findet die Spree ein bisschen obszön. Das Gefühl habe ich überhaupt nicht. Vor der Oberbaumbrücke finde ich sie bräsig, die Stadt hinnehmend, wie eine Mutter ihre Kinder, wenn sie sie nicht ganz versteht. Hinter der Oberbaum-, jedenfalls hinter der Elsenbrücke kommt ein neuer Anfang des Flusses, weiße Neubauten gegenüber, auf deren Balkons Leute stehen wie du und ich, die jedes Mal aus tiefer Brust aufstöhnen können, wenn sie an Sommertagen die weiße Stern- und Kreisflotte liegen und fahren sehen. Seit einiger Zeit ist sogar das blau-gelbe schwedische Wasserflugzeug hier stationiert, das wir im Sommer so oft über dem Berliner Himmel sehen, voller Freude, dass man uns begucken will, bloß weil wir da sind. Aber dann hinter der Insel der Jugend – oder liegt das bloß an den Empfindungen, die das Wort “Jugend” bei denen auslöst, deren Jugend vorbei ist? – kommt es mir vor, als sei die Spree traurig. Es liegt so viel Gewesenes am Rand.
Dass die Geschichte – aber ist sie es wirklich? – ein solch undifferenzierter Plattmacher ist … selbst wenn es so sein müsste, glaubt man doch – wenn man sich nicht ganz streng zusammennimmt, was man auf Bootsfahrten eben naturgemäß nicht tut -, dass es auch anders hätte sein können. Die schönen weißen Neubauten, die an mehreren Stellen dicht am Wasser liegen und die uns sagen, dass die Spree jetzt bewohnt und nicht mehr bewirtschaftet wird, helfen gegen die Vergangenheitsgedanken nichts, wenn sie mal eine melancholische Richtung eingeschlagen haben, jedenfalls nicht in der kurzen Zeit, die Gefühle auf einer solche Stern- und Kreis-Fahrt nur zur Entwicklung haben. Vor Stubenrauch- und Treskowbrücke müssen wir zu Aktivitäten übergehen: “auf Grund der geringen Höhe der Brücken” reicht es nicht, dass wir uns tief bücken, wir müssen das Oberdeck überhaupt räumen.
“Das war doch früher nicht so”, sagt die junge Frau zum befehlenden Bootsmann.
“Solang ett dies Schiff hier gibt und die Spree und Berlin , könn Sie hier oben nich sitzen, sobald diese Brücken kommen!”
“Aber ich saß oben…”
“Auf’m andern Schiff vielleicht. Auf so’m kleinen Kahn. Auf der Sachsen nich!”

Die gewesene Industrielandschaft links stammt meist von der AEG, von der es heute kaum noch den Namen gibt. Mit eigenem Bootshaus für den eigenen Ruderverein. Daran fahren wir jetzt vorbei. Das Haus ist von Peter Behrens, der für die AEG alles entworfen hat, was es zu entwerfen gab, von der Turbinenhalle bis zur Büroklammer. Der erste große Designer.
Nun biegen wir schon bei Spindlersfeld um die Ecke. Aus Treptow nach Köpenick, das uns – sobald wir um die Ecke an der Gutenbergstraße mit der ganz kleinteiligen Hausgartenanlage herum sind – seine schönste Altstadt-Silhouette zeigt. Da ist man wieder leicht in Gefahr, eine alte Stadt mit ihrer Altstadt zu identifizieren. Es gibt eine Neigung, das Alte, das älter ist als unsere Großeltern (deren Geburtsdaten wir schon gar nicht mehr kennen und manchmal nicht mal den Mädchennamen unserer Großmütter) für etwas Gemütliches zu halten, bis auch die Enkelinnen glauben, im Gestern und Vorgestern liege ein Schatz verborgen und nicht die Zerstörungen, die Kriege, die Völkermorde, der Genozid und der Holocaust.
“Guck da!” ruft in diesem Augenblick L. und zeigt hinüber zur Schlossinsel, denn dort – wo nun gar nichts ist – sehen wir unter den Schatten spendenden Zweigen einer Ulme die “Sphinx” liegen und auf Fontane warten, der für jeden einsteigt, der das Buch aufschlägt. Über dem Spreetunnel – links der Kleine Müggelpark, rechts die kleine spitze Nase der Kämmereiheide – mündet die Müggelspree in den Großen Müggelsee: Eine ziemlich schmale Stelle, die den Blick selbst in der Erwartung lange auf Friedrichshagen, also auf der Stadt, festhält; die Öffnung ist so plötzlich, dass der Große Müggelsee noch größer scheint als er ist, ein Binnenmeer, das Müggelmeer in lauter Landschaft. Wenn man weiter führe, hätte man dasselbe Erlebnis noch mal, wenn es zwischen Kelchsecke und Müggelhort – wo der Kleine Durchfluss von der Bänke zum Kleinen Müggelsee tatsächlich ein Strom heißt: Kelchstrom – wieder in die enge Müggelspree hinein geht: nach Rahnsdorf, Hessenwinkel, erst in der Mitte des Dämeritzsees ist Berlin zu Ende.

Die Pleasure-Station Rübezahl sehen wir vor uns liegen, sobald wir nur auf dem Müggelsee sind. Wir sehen sogar die Rückfahrgäste schon anstehen und ungeduldig auf unser Ankommen warten, während wir die Fahrt nun gerne noch etwas verlängert hätten, weil uns das Ende aprupt erscheint. Wir hätten “hin und zurück” nehmen können, dann hätten wir alle Gedankenketten vielleicht noch einmal in umgekehrter Folge durchlaufen können; die berliner-deutsche Geschichte wäre uns dann vielleicht als ein Born kleiner Geschichten und überhaupt als eine Erzählung erschienen, die man nicht zu verstecken und mit Schlussstrichen zu versehen versucht ist. Aber nun stehen wir schon bei Rübezahl am Ufer und die “Sachsen” hat schon wieder abgelegt. Jetzt sieht das Schiff aus wie die “Nellie”, auf der Marlow seine Geschichten erzählte, oder wie die “Otago”, Joseph Conrads erstes Schiff als Kapitän, mit der er auf der Fahrt von Singapur nach Bangkok die Schattenlinie überfuhr. Das Herz bleibt ein Kind. Sagt Fontane. Aber die Jugend kommt auch und ist dann auch zu Ende.

 




Ein Sonntagnachmittag am Boxhagener Platz

Der Boxhagener Platz heißt jetzt fast ein Jahrhundert nach dem Vorwerk, auf das die Boxhagener Straße zulief, und das jetzt ununterscheidbar Berlin ist und nichts mehr weiß von den Buchs, die dort ihren Hagen hatten. Die Stadtgegend ist mit dem Jahrhundert entstanden und erhielt überwiegend Namen nach Orten im Osten, wo viele herkamen, die hier ihre kümmerlichen Wohnungen fanden: Aber es war in Berlin. Die Großstadt war die Hoffnung. Auf dem Lande konnte man nichts werden. Von der Großstadt erzählte man sich Märchen. Die dunkle Großstadt bot die hellsten Verheißungen. In der Stadt war schon nicht mehr viel Platz. In den 1880er Jahren war eine Wirtschaftskrise ausgebrochen, die Spekulation, die Sucht nach dem schnellen Geld, die Einbildungen und Erwartungen, die die neue Weltmachtstellung des Bismarckreiches erweckte, hatten sich heißgelaufen: Nun verlangten die Banken zu viel Zinsen, als dass – “lustig” wollen wir das ja wirklich nicht nennen – weiter gebaut werden konnte, wie in den Jahrzehnten zuvor. Erst gegen 1900 gingen die Zinsen wieder runter und sofort stieg auch die Neubautätigkeit wieder. Im Süden und im Norden entstanden in Gegenden, die man damals Vorstädte nannte, beispielsweise der Boddin- und der Arnimplatz, und hier im Osten eben die Gegend, in der wir uns eben jetzt platzieren, an diesem sonnigen Sonntagnachmittag, in dem Café, das sich an der Ecke Gabriel-Max-/Krossener Straße eine Cocktailbar nennt.
“Gefüllte Weinblätter” sagt Mehdi, weil ich mir welche bestelle, “gibt es von Spanien bis nach China und überall schmecken sie so anders, dass man an dem Geschmack erkennen kann, wo man ist.” Ich versuche, mir den Geschmack der Weinblätter am Boxhagener Platz zu merken.

Der Platz ist rundum dicht bebaut. Man kann nicht von einem Ende zum anderen hinübersehen. Die westliche Hälfte ist Kinderspielplatz, die östliche mit vielen Bänken um die weite Wiese Altenplatz. Von der Bank, auf der wir an der Nordseite sitzen, blicken wir gerade auf die alte Linde, die mächtig an der Südseite steht und früher ersichtlich noch mächtiger war. Bestimmt ist es unterdessen der älteste Baum des Platzes. “Die anderen haben 1945/1946 alle daran glauben müssen”, vermutete Jagusch, der Fotograf. “Erinnere dich doch: Wie kalt diese Winter waren.” Frau T. beim Bezirksamt weiß das Alter der Linde auch nicht genau. Jagusch hat sie gefragt. Über hundert Jahre, vermutet auch sie. Ich soll mehr über die Geschichte schreiben, hat Frau T. außerdem zu Jagusch gesagt. Wirklich? Aber tatsächlich ist das beinahe die Frage, deretwegen ich heute den Boxhagener Platz langsam umwandere und lange an seinen Rändern in Bistros und auf Bänken sitze. Was weiß die schwarze Spinne, die hier eingedübelt ist? (Wenn Sie vielleicht die Erzählung “Die schwarze Spinne” von Jeremias Gotthelf kennen: Die schwarze Spinne, die nicht getötet, sondern allenfalls zurückgehalten werden kann unter den Häusern der Gegenwart: Das ist, denke ich, die Vergangenheit und wenn man etwas Falsches tut, dann fliegt der Dübel heraus, die Spinne kriecht hervor und, selbst wenn wir unschuldig sind, so werden wir doch die Opfer der Kollateralschäden). Ich bin hier schon mehrfach herumgewandert, habe auch schon darüber geschrieben (im ersten Band “Vom Wedding nach Gethesamane” meiner Berliner Spaziergänge unter dem Titel “Teils – teils” kann man’s nachlesen). Von hier gingen zum Beispiel 1915 die sogenannten Butterkrawalle aus; Arbeiterfrauen protestierten gegen den Hunger, den ihnen die Regierung bereitete, die gleichzeitig ihre Männer tötete, die ihrerseits die Männer französischer Frauen töteten. Sozialdemokratische Frauen sind sogar von hier bis in die Vorstandssitzung der SPD in der Lindenstraße gezogen und haben Ebert und Scheidemann Lumpensäcke genannt, weil auch die Führer der Mehrheitssozialisten schließlich vom Krieg bezaubert waren, in dem nur die einfachen Parteimitglieder starben.

Das ist natürlich eine ruhmvolle Geschichte des Boxhagener Platzes; wollen wir ihn deswegen “Platz der mutigen Frauen”, “Platz des Protestes”, “Platz gegen den Hunger und gegen den Krieg” nennen? Da könnten wir ihn auch gleich Platz dessen nennen, was schließlich doch nichts nützt.
“Denn bin ich aus’m Krieg nach Hause und denn gleich auf Tournee gefahren für fünf Jahre”, sagt in diesem Augenblick der Grauhaarige auf der Nachbarbank zu den beiden alten Frauen, denen man ansieht, dass es ihnen weniger um die Geschichte als um die Begleitung geht. Was war das für eine Tournee, auf die der Alte gegangen ist? “Als Bauarbeiter”, vermutet Liesel; 1945/46 als Bauarbeiter auf Tournee, nee, da passen das Wort nicht und nicht die Umstände. Artist, Rummelbudiker, Stehgeiger, Schwarzmarkt, Schmuggel? Vielleicht heißt es einfach: ich bin da hingegangen, wo ich dachte, hier kann ich ein paar Tage bleiben und was zu essen kriegen gegen Arbeit und Dienste.
Etwas Großstädtischeres als den Boxhagener Platz an einem Sonntag-Nachmittag kann es nicht geben. Da kann man ruhig ein bisschen einnicken und nur aus einem schmalen Augenschlitz hervorblinzeln – wie es meine junge Enkelin tut, die gerade 10 Tage alt ist – und man weiß: Ich bin in einer ganz großen Stadt. Gleichzeitig ist die Stimmung aber sehr privat; sobald man sich auf eine Bank gesetzt hat, ist man bekannt und kennt die Nachbarn. Die Wohnzimmer sind alle nach draußen verlegt und jeder, der kommt, wird aufgenommen. Solche Plätze gibt es in den meisten großen Städten. In Berlin gibt es – weil James Ludolf Hobrecht sie in seinem Stadtplan von 1862 schon eingeplant hatte, bevor es überhaupt Häuser gab – besonders viele. Das ist der Grund, weswegen jeder, der Berlin lernen will, hierher empfohlen wird. Es sind alte und junge Leute hier, viele bunte darunter, auch solche, die man beinahe schick nennen muss: die Platinblonde zum Beispiel, die sich gerade jetzt am Rande des Betonbeckens niederlässt, durch das die Kinder tollen, weil alle paar Minuten die Wassersprüher ihre Fontänen hochgehen lassen.

“Mir is ett zu blöde hier!”
“Wat is dir nich zu blöde? Zu Hause rumhängen? Int Fernsehen gucken, wie die Idioten mit ihren Autos rumrasen?”
Damit meint die schnippische Schwarze mit den langen Ohrringen den großen Preis von Österreich in der Formel 1, der in diesem Augenblick zu Ende geht, denn die Freundin nimmt die Stöpsel aus den Ohren und sagt lässig: “Irvine hat gewonnen; war det der mit dem roten Karren oder mit dem silbernen?” Aber der Typ nimmt das Friedensangebot nicht an, sondern mault und findet weiterhin alles blöd.
Der Stadtwanderer, der nun vom Boxhagener Platz auf seinem Rückweg zur Frankfurter Allee und zur UBahn, nach einem kleinen Stück Gärtnerstraße in der Boxhagener Straße noch den Friedhof besuchte, der sich zwischen der Kreutziger- und der Mainzer Straße entlangzieht und der keinen anderen Ausgang hat als den Eingang, der hätte zusätzlich zu dem lebhaften Platz ein ganz stilles Stück Berlin, das für die Stadt ebenfalls ein ganz typisches Exempel ist. Wir sitzen ganz hinten auf der Bank bei der “Ruhestätte Puddel”, riechen den Wacholder, hören die Tauben gurren und die Pappeln pappeln. Was für ein Gegensatz! Nein, nein, es ist kein Gegensatz: es ist Berlin, in Minuten kann man die Stadtstimmungen wechseln und trotzdem fühlt man sich immer in einem Zusammenhang von demselben.




Eine Straße in Marzahn

Cecilie – das ist erst mal ein schöner Frauenname. Die heilige Cäcilie, die Himmelslilie (coeli lilia), spielt seit dem 15. Jahrhundert wunderbar auf einer Handorgel, zum Beispiel in der Gemäldegalerie in Tiergarten auf einem Bild von Rubens. Aber an sie sollen wir hier in der Cecilienstraße gar nicht denken, sondern an die letzte deutsche Kronprinzessin, eine Herzogstochter aus Schwerin; 1884 geboren, in den 50er Jahren gestorben, 1905, also 21 Jahre alt, heiratete sie den ältesten Sohn von Wilhelm II., der jedenfalls ein böses Stück des ersten Weltkriegs mit auf dem Gewissen hat; 1918 floh er sang-, klang- und verantwortungslos nach Holland. Der Kronprinz, also der Mann von unserer Cecilie, war – abgesehen davon, dass er als sogenannter Heerführer auch den Tod von ein paar Zehntausenden zu verantworten hat – ein wenig bedeutender Mann. Er scheint keine besonderen Interessen zu haben, halb Engländer, halb Sportsmann, sagte der Hofmarschall von Zedlitz-Trützschler, der die Ehefrau Cecilie (die er wie die Heilige immer mit einem ä schreibt) “sehr liebenswert, klug und feingebildet” nennt. Die Hochzeit dieses Adelspaares war 1905, sie verlief “glänzend und gut”; Biesdorf wollte das “Werder des Ostens” werden, da war ein Straßenname, der an ein Klatschereignis anknüpfte, ein Aufmerksamkeitshascher: also hieß die 1901 angelegte Straße Nr. 14 seit 1906 eben Cecilienstraße. Ein bisschen komisch ist es schon, dass sie immer noch so heißt. Vielmehr sie heißt wieder so. Aber sollte sie heute noch nach Albert Norden heißen? Oder nach Max Beer, der angeblich von 1949 bis 1954 den Straßennamen hergab. Seit 1992 glaubt die Stadt Berlin wieder, dass sie eine Kronprinzessinenstraße braucht. Der Cecilienhof in Potsdam heißt auch nach ihr; dort ist das Ende des Deutschen Reiches unterschrieben worden. Was sollen die normalen Menschen mit den Namen, die die Obrigkeiten ihnen vorsetzen? Einfach hinnehmen, nicht darüber nachdenken?
Die Cecilienstraße ist jedenfalls eine Marzahner Zentralstraße. Ich habe sie am Freitag – angereist mit der U5 bis Kaulsdorf Nord – vom Anfang bis Ende durchwandert. Nicht das ganze Stück zu Fuß. Für Teilstücke habe ich den 191er benutzt. Machen Sie diesen Stadtgang doch auch, liebe Leserin, lieber Leser; wenn Sie nicht ohnehin Marzahnerin, Marzahner sind, lernen Sie viel über Berlin, was Sie auch an anderen Stellen der Stadt gut gebrauchen können.

Die Cecilienstraße beginnt in Hellersdorf, an der Lily-Braun-Straße. Lily Braun übrigens, die Sozialistin mit adeliger Herkunft, lernte die Kronprinzessin kennen, als die noch ein Kind war, in Schwerin, “in engsten geistigen Verhältnissen”. Dieses Hellersdorfer Stück der Straße hieß jedenfalls vor 1992 nie nach der Prinzessin, weil es dieses Straßenstück erst seit 1986 gibt, mit dem kommunistischen Namen, der nicht mehr opportun ist. Die Straße verläuft von da nicht geradehin. Ihr jüngstes Teilstück weist schon in die leichte Nordrichtung, die die Straße, an Kummerower Ring und Ehm-Welk-Straße vorbei, über Wuhle und Bezirksgrenze nach Biesdorf Nord nimmt. Die Kleingärten ziehen sich dicht an den Erholungspark Marzahn heran mit dem Kienberg, der so eindrucksvoll daliegt, dass man ihm mehr als die 100 Meter zutraut, die er offiziell hoch ist: eine schöne landschaftliche Gegend: in der Jugend der Kinder aus der Fallada- und Ringelnatzstraße könnte sie eine ganz unstädtische Rolle spielen. Die Siedlung an diesen beiden Straßen ist neu; 1992 bis 1995 als erstes Neubauprojekt der Wohnungsbaugesellschaft Marzahn errichtet; die Architekten, die ihre Sache gut gemacht haben, heißen Dörken und Heise; die interessante Hofgestaltung ist vom Büro Extern. Die Häuser mit den Halbtonnendächern errichten eine Mehrstöckigkeit am Rande eines Ein- und Kleinhausgeländes, das sich auf der nördlichen Seite der Cecilienstraße über den Blumberger Damm hinaus bis ans Straßenende an der Allee der Kosmonauten erstreckt. Die Siedlung von Siegmar- bis Maratstraße hat eine eigene Geschichte, die bis in die Weimarer Republik zurückreicht, teilweise wird sie Stadtrandsiedlung genannt, Arbeitslosensiedlung ist ein Name, der geschichtlich vorkommt: er steht für ein ganz typisches Berliner Wohnarrangement: ein Dahlem kleiner Leute, des Häuser- und Gartenindividualismus; viel persönlicher Stolz wird hier wohnen über das endlich Geschaffte und Geschaffene; auf die hohen Tabakpflanzen vor der Terrasse, auf die dicht tragenden Walnussbäume und die sauberen Rosen. Es gibt nicht wenige solcher Gebiete in Berlin. Obwohl man dort immer Leute sieht, die an dem Ihren arbeiten und nicht fertig sind, sind sie doch in ihrer Struktur so fertig und geschlossen, dass man bestimmt nicht weiß, wie in Berlin gedacht wird, wenn man nicht weiß, wie die Leute hier (oder in Buckow oder in Spandau in solchen Quartieren) denken.

Gegenüber der “Tonnensiedlung” (“ZeppelinSiedlung”, “Lokomotiv-Schuppensiedlung” und – nach dem Ex-Bausenator – sogar “Nagel-Siedlung” sollen andere Namen sein) überquere ich die Cecilienstraße, um auf der Südseite das kleinste der kompakten Marzahner Wohngebiete zu erreichen, das sich von hier bis zum Buckower Ring erstreckt: über 2500 Wohnungen. Es ist ein geschlossenes, sozusagen in sich ruhendes Areal, dessen glänzend weiße Hochstöcker Höfe und Innenanlagen in fast zu intimer Stadtwirkung umschließen. Schön oder wenigstens interessant renoviert von der Berlin Brandenburgischen Wohnungsbaugenossenschaft stehen sie da, besonders wirkungsvoll zusammengefasst in der Wuhlestraße durch ein wegen seines guten QualitätsPreis-Verhältnisses preisgekröntes rotfassadiges Querhaus, das unter 45 Wohnungen eine Geschäftsstraße bildet, einige Ladenlokale sind noch frei; der ausgezeichnetste Ort ist das Eiscafé, in das wir jetzt auch einkehren. Fast alle Tische sind besetzt. Zwei junge taffe Frauen managen den Laden, Kaffee, Kuchen, kleiner Imbiss, gutes Eis, ordentlich serviert, vier Luftfilter surren an der Decke. Ihr Sohn hätte eine Eins im Rechnen kriegen können, erzählt uns die Serviererin, wenn er nicht so gleichgültig wäre, es ist ihm egal ob er ‘ne Eins hat oder nur ‘ne Zwei. “Ist doch auch egal!”
“Einerseits schon”, sagt die Mutter mit der leichten Armtätowierung und lässt den Rest des Satzes in der Schwebe.
Hinterm Blumberger Damm wird die Cecilienstraße rechts immer eigenheimiger; links ein grünfassadiger Bau.
“Sieht aus wie ‘ne Schule”, denn das Gebiet hat reichlich Schulen, scheint uns.
“Nee, dafür sieht’s zu triste aus.”
Es ist die ehemalige Hochschule der Volkspolizei, 1973 bis 1976 errichtet, auf 17 Hektar; seit 1991 für fast 9 Millionen zur Landespolizeischule rekonstruiert; jetzt ist die Polizei unsicher über die Rolle, die dieser Schule zukommen soll: manchmal denkt der Staat eben nicht in der richtigen Reihenfolge.
Die Straße überquert die das Gebiet konstituierende Oberfeldstraße, dann die Otto-Nagel-Straße, in der Otto Nagel tatsächlich gewohnt hat, und endet kurz hinter der Maratstraße als Autosackgasse vor schönen Bäumen in einer so privaten Stimmung, dass man fast vergessen kann, dass nach dem schmalen Fussweg die autolebhafte Allee der Kosmonauten kommt, die das alte Marzahn umarmt. Mit der Tram Nr. 8 brauchen wir von dort kaum mehr als 20 Minuten bis zur S4, mit der wir Berlin südlich umrunden. In weniger als einer Stunde sind wir am Kudamm. Die Cecilienstraße hat uns einen schönen Nachmittag bereitet aus dichtestem Berlin.

 




Ein glücklicher Tag

Die Geschichte der Gegend erzählt die Jaczostraße. Es ist das Jahr 1157. Albrecht der Bär, der christliche Deutsche, erobert Brandenburg von Jaczo oder Jaxa, dem wendischen Heiden. Der Slawenfürst flieht, stürzt sich von der Haveldüne ins Wasser, schwimmt hinüber, hängt Schild und Horn an einen Baum und bekehrt sich zu Jesus Christus. Friedrich Wilhelm, der romantische IV., stiftet in Schildhorn eine Säule, denn hier erfüllte sein Urahn, der Bär, “eine kulturelle Aufgabe von der allergrößten welthistorischen Bedeutung” und “pflanzte das Samenkorn für ein Land, aus dem dereinst der preußische Staat, dies heutige deutsche Reich, erwachsen sollte.”
“Geschichte des preußischen Staates” heißt das Buch, in dem das der königlich-preußische Hausarchivar Ernst Berner 1891 schrieb. Ein materialreiches, zum Teil schönes, solides Buch – und alles (jedenfalls sehr viel) falsch. Wie die Sage von Jaczo schon falsch ist; um Brandenburg musste der Bär nicht kämpfen, er bekam es ganz friedlich, und jener Jaczo, der gerade da, wo wir jetzt in der Hafenbaude bei Milchkaffee und kühlem Weine sitzen, hinüberschwamm zum Christentum, der hatte sich längst vorher zum Christentum bekehrt.

Die Geschichte, die diese Jaczostraße erzählt, ist also Ideologie. 1945 jedenfalls war es mit diesem “herrlichen deutschen Reich” aus. Es lag in Trümmern, in übertragenen und in wirklichen. “Gottesdienste in den Kirchen erlaubt”, hatte der sowjetische Stadtkommandant Nicolai Bersarin in seinem ersten Befehl schon am 28.4.1945 lakonisch geschrieben. Aber wo? Von den 342 Kirchen und Synagogen Berlins waren im Jahre 1945 309 ganz zerstört oder schwer beschädigt. Die Gnadenkirche in der Jaczostraße/Ecke Rodeliusweg ist der erste Kirchenneubau in Berlin nach dem 2. Weltkrieg, noch vor dem später gerühmten Notkirchenprogramm von Otto Bartning, nicht für vorübergehend, sondern in einer neuen Bescheidenheit für eine Endgültigkeit gedacht, die sich nun immerhin über ein halbes Jahrhundert bewährt. Der Architekt dieser Anfangskirche hieß Karl Theodor Brodführer.

Das war heute unser erstes Ziel, nachdem wir von der Heerstraße heraufgekommen sind. Der Kirche gegenüber zwei ordentliche Schulbauten aus dem Ende der 60er Jahre, vom Hochbauamt Spandau selbst gebaut, mit dunkelblauen Fensterpfeilern, gelbem Fenster- und roten Türrahmen einfach gegliedert: anständige Baugesinnung, nicht getan als ob, geprotzt schon gar nicht.
Je älter man wird, umso schneller ist man in Versuchung, seine Umwelt auf sich selbst zu beziehen. Als diese Schulen gebaut wurden, war ich im Amtsgericht Spandau beschäftigt. Dieses eckige, anspruchslose Gericht am Altstädter Ring, das dem mächtigen Rathaus gegenüber wie eine Baracke wirkt, empfinden manche heute als einen Schandfleck. Solche Kategorien besaßen wir am Ende der 60er Jahre nicht. Wir waren froh, dass wir die Räume hatten. Wenn ich damals nicht Kammergerichtsrat, sondern Architekt im Hochbauamt gewesen wäre: meine Schulen hätten nicht anders ausgesehen.
Den Weinmeisterhornweg spazieren wir zur Scharfen Lanke hinunter und dann diese Bootshaus- und Kleingartenstraße entlang, durch diese norddeutsche Segel- und Ruderstimmung, die für jeden, der die See und das Wasser liebt, jedes mal etwas ungemein Befreiendes und fast Erhebendes hat: unalltäglich ferienhaft, friedlich.
Die Marina-Lake-Werft ist 100 Jahre alt. Die alten Hallen wirken klassisch gegenüber der neuen, die nur zweckmäßig ist. Aber was heißt da “nur”? Überhaupt ist ja alles, was mit Yachten zu tun hat, niemals allein zweckmäßig. Mit diesen Schiffen fahren die Träume. Wir sitzen an einem Tischchen vor der einfachen Hafenbaude. Der Landschaftseindruck ist unvergleichlich.
Die Schnüre klirren an den Masten, die Wimpel flattern im Winde. Die Frauen am Nachbartisch haben Schuhe und Strümpfe ausgezogen und halten die Füße mit den geschminkten Nägeln in den Wind.
Das Rupenhorn zeigt sich gegenüber, wo die gemäßigten Feinen wohnen, zum Beispiel eine anständige Senatorin und Ärzte, die rechtzeitig in den 50ern angefangen haben, Internisten zu sein; da ist ihnen sogar dieser Platz hier zum Segeln nicht fein genug, sie brauchen die Südsee zur Erholung von der Neuköllner Praxis. “Wenn einem einer sagt: das ist hier mitten in der Stadt, dann glaubt man’s nicht, wenn man’s nicht schon wüsste”, sagt Mehdi. Der Sommerwind ist nicht zu warm, nicht zu kalt. Es ist ein Augenblick, für den man dankbar sein muss. Der Mann am Nachbartisch sagt zu dem Budiker: “Wenn Hunde an den Tisch gehen, so watt hass ich doch!” “Denn mussde ebent hassn.”

Dann steigen wir die Haveldüne hinauf, um am Höhenweg den Höhepunkt unseres heutigen Weges, den geographischen wie den emotionalen, zu erreichen. Hier liegt – Höhenweg Nr. 9 – eines der nach Lage und Gestalt schönsten Häuser Berlins. Der Superlativ ist jedenfalls nicht übertrieben, wenn man das Schöne für das Passende hält. Die Konventionalität, fast Bescheidenheit passt, die dieses Haus zur schmalen Straße hin zeigt, und vor allem passt die sich wie ein Fächer öffnende Baubewegung, mit der es sich zum Dünenhang und zum Wasser darstellt. Ein Landschaftshaus von derselben unaufdringlichen Eleganz, wie sie die Landschaft selbst ausstrahlt, an der man – stelle ich mir vor – in dem großen Wohnzimmer hinter den gebogenen Fensterscheiben oder auf der asymmetrisch vorgelagerten Terrasse teilnimmt, indem man vor ihr behaust ist. Hier muss das Glück wohnen. Ich wünsche es. Nicht Häuser machen freilich das Glück, sondern die Liebe. Nur die Liebe.
Das Haus ist von Hans Scharoun. Es ist so alt wie ich. Auf der anderen Wasserseite liegt der Grunewaldturm. Er ist so alt wie mein Vater wäre. Ich habe den Baedeker von 1914 zur Hand. Auf derselben Seite, auf der der Grunewaldturm beschrieben ist, ist das alte Olympiastadion von Otto March benannt: “Hier finden die Olympischen Spiele 1916 statt”, steht da. Da hätte mein Vater mitgemacht. Er hatte einen Auswahlwettbewerb Hochsprung schon gewonnen. Aber statt bei der Olympiade, lag er bei Verdun und gab sich Mühe, nicht erschossen zu werden und keine anderen zu erschießen. “Ich habe immer darauf geachtet, niemanden zu treffen!” hat er immer gesagt; ich glaube ihm das, wenn es vielleicht auch nur der hilflose Trost darüber war, dass das herrliche Deutsche Reich ihn zum Totschläger und Mörder gemacht hatte. Wieviel Glück haben da wir gehabt. Das denke ich mit plötzlicher Wehmut, während wir die zehn Minuten zurückwandern durch lauter Germanen- und eine Wendenstraße zur Haltestelle des X34ers, der uns in einer halben Stunde – tatsächlich: länger dauert es nicht! – bis zum Bahnhof Zoo bringt.

“Der Tag war so glücklich./ Es gab kein Ding in der Welt, das ich hätte haben wollen,/ Ich kannte niemanden, den ich beneiden musste,/ Was Böses geschah, habe ich vergessen./ Ich schämte mich nicht, zu denken, ich sei, wer ich bin./ Ich spürte keinerlei Schmerz im Leibe./ Aufgerichtet sah ich das blaue Meer und die Segel.” … auch wenn es nicht das blaue Meer war sondern nur die grünlich-schwarze Scharfe Lanke.

 




Zwei Rosen für Varnhagen

Dieser Spaziergang durch Mitte beginnt in Kreuzberg.
Der älteste Teil des Friedhofsareals am Mehringdamm ist der fast quadratische Friedhof der Dreifaltigkeitsgemeinde; er hat keinen eigenen Zugang, ist nur über die anderen Friedhöfe zu erreichen und hat deshalb etwas besonders Abgeschiedenens. In der Diagonale zu den Gräbern der Mendelssohn-Bartholdys liegen hier, dicht an der Südmauer zur Baruther Straße, neben dem umrankten Komposthaufen die Gräber von Rahel Levin und Karl August Varnhagen. Dieser Stätten wegen sind wir jetzt hier; denn wir wollen von diesem letzten Aufenthaltsort des berühmten Paares aus die Orte in Mitte besuchen, an denen sie gelebt und ihre Geschichte gemacht haben.
Die so friedlich nebeneinander liegenden Gräber sind ein späteres Arrangement. Varnhagen – gestorben am 10. Oktober 1858 in der Mauerstraße – war zwar katholisch getauft gewesen, aber er hatte den Wunsch, auf diesem protestantischen Friedhof beerdigt zu werden. Rahel war zu dieser Zeit schon ein Vierteljahrhundert tot, aber sie hatte sich gewünscht, 30 Jahre in kein Grab zu kommen, sondern in einer Totenhalle zu liegen. “So geschah es”, heißt es, erst im Juli 1867 ist sie hier neben ihrem Ehemann in die Erde gebracht worden. Die weißen Grabplatten sind efeuumrankt, verwittert, die Aufschrif ten allenfalls noch für den lesbar, der den Text von früher kennt. Niemand – scheint es – kümmert sich um die berühmten Gräber. Wir müssen eine Initiative gründen: Neue Grabplatten für die Varnhagens. Dafür werden wir gewiss auch Professor Blumenthal gewinnen, den ehemaligen US-Finanzminister, der jetzt Direktor des Jüdischen Museums ist und eben so schön über Rahel geschrieben hat.

In der kleinen Friedhofsgärtnerei am Mehringdamm habe ich drei rote Rosen gekauft. “Eine für Rahel, zwei für Varnhagen.” “Aber sie ist doch die viel berühmte re”, sagt L., meine Lebensfreundin, “und er ist nur die Witwe Rahels”. Eben nicht; dieses Bild kommt aus den Rahelbüchern. Varnhagen ist in seiner Vollständigkeit überhaupt noch eine unbekannte Größe der deutschen Geistesgeschichte … und so weiter; so rede ich, während wir – am Jüdischen Museum vorbei – durch Linden-, Markgrafen- und Charlottenstraße das neue Berlin erreichen, das Berlin-Mitte hier ist.

Zunächst sitzen wir an einem Straßentisch vor dem Café Adler am alten Checkpoint Charlie; links und rechts amerikanische Ehepaare, aus ländlichem US Gebiet, “from Vermont” und “from Michigan”, freundliche Menschen, die hier das Gefühl haben, an einem weltgeschichtlichen Platz zu verweilen. Der Wind bläst die Friedrichstraße herauf und weht Staub in den Milchkaffee. “Man denkt, man ist am Meer und die Leute kommen vom Strand heim.” Im “Haus am Checkpoint Charlie” verteidigt ein alter Mann eine Geschichte, die es nicht mehr gibt. Die Welt ist offen.
Gleich hinter diesem gewesenen Türchen in der Weltenmauer biegt in elegantem Bogen die Mauer straße nach Westen ab. Gegenüber dem “Friedrichs”, dem angenehmen Bistro unserer Freundin Ada Scholz, ist der Grundriss der Barockkirche der Böhmischen Brüder ins Straßenpflaster gemauert. So ähnlich wie diese Kirche – von Friedrich Wilhelm Diterich 1735 gebaut, der auch die Kirche in Buch entworfen hat, die noch da ist und an der man sich orientieren kann, wenn man eine Anschauung braucht – so ähnlich sah auch die Dreifaltigkeitskirche aus, von deren Friedhof wir kommen. 1943 ausgebrannt, 1945 zerstört. Es gibt einen Stich, der die breite Mauerstraße hinter der Leipziger zeigt, auf diese Kirche zulaufend, darauf auch das Haus, Mauerstraße 36, in dem Varnhagens sechs Zimmer mit Küche bewohnten, seit 1827.
“Kann ich Ihnen helfen?” fragt mich eine freundli che junge Frau. Ich stehe vor dem Ärztehaus, am Haus der Berufsgenossenschaft für die Chemische Industrie. Es gelingt mir nicht, mir vorzustellen, wie es hier 1830 ausgesehen haben mag. “Kommen Sie doch mit herauf”, sagte Varnhagen zu Grillparzer, aber wer kennt Grillparzer noch? “Rahel wird sich freuen”, Grillparzer war müde, er wollte nicht, aber als Rahel ihnen entgegen kam, wie eine Fee aussehend, um nicht zu sagen wie eine Hexe, fügte er sich in sein Schicksal. Sobald sie aber zu sprechen anfing, war er bezaubert, “die Müdigkeit verflog und machte einer Art Trunkenheit Platz”.
Vor allem kam Alexander von Humboldt. Er war gewiss der berühmteste Besucher dieses sogenannten zweiten Berliner Salons der Rahel in der Mauerstraße. Den Text des Kosmos, seines Meisterwerkes, gab er Varnhagen zum Überarbeiten. Die klassische Sprache dieser epochalen Naturgeschichte, heißt es heute, ist weitgehend Varnhagens Werk.

Wir gehen die Kronenstraße abwärts. Eine typische Berliner Übergangsstraße des [vorletzten] Jahrhundertendes. Die Südseite mit Neubauten und bestrenovierten Vorjahrhundertgebäuden bestellt, noch wenig bezogen, die Straße ungepflastert, noch nicht passierbar; solange wir im bayrisch gastlichen Leopolds, Kronen- Ecke Friedrichstraße, draußen an der Straße sitzen bei unseren Weißwürsten, kommt kein Mensch vorbei, mitten in der Metropole ein abgeschiedener Ort.
Vor allem hat er Tagebücher geschrieben, Aufzeich nungen niedergelegt. Varnhagen, vorne in der Mauerstraße, ist vielleicht der größte Zeitzeuge des seine Mitte erreichenden 19. Jahrhunderts. Die Bücher, die die Nichte Ludmilla Assing aus dem Nachlass veröf fentlichte, sind alsbald vom Preußischen Staat mit Verboten verfolgt, Ludmilla Assing ist mit Gerichts verfahren überzogen, zu Freiheitsstrafen verurteilt worden und musste aus Deutschland fliehen. Die Sätze aus Varnhagens Feder waren auch noch zu Zeiten des Bismarck-Reiches skandalös. Das Material ist längst nicht erschöpft, heißt es. Erst nachdem der eiserne Vorhang aufgezogen ist, hat man – in Krakau – den fast unversehrten Varnhagen-Nachlass wiedergefunden. Die Geschichte Varnhagens ist nicht zu Ende. Ich stelle mir vor, was aus ihm geworden wäre, wenn er tatsäch lich Preußens Botschafter in Washington geworden wäre. Da hätte er nicht nein sagen sollen … So reden wir, als ob die Geschichte ein Wunschkonzert wäre.
Dann gehen wir natürlich hinüber über den Gendarmenmarkt, zur Jägerstraße; in dem fein reno vierten Haus Nummer 54, in der Dachstube, unterhielt Rahel ihren ersten Salon, in dem Größen der verge henden und der kommenden Zeit verkehrten. Wir gehen die Jägerstraße, Richtung Außenministerium zuende, bewundern die immer fertiger werdende Sendezentrale von Sat1 – eine schönere Unterkunft hat kein TV-Sender in Europa und wo überhaupt in der Welt -; über den Hausvogteiplatz kommen wir in die Taubenstraße.
Die “Brasserie” dort ist ziemlich neu, da machen wir halt und analysieren die anderen Gäste: Sat1-Journalisten und mit den eckigen Köfferchen die Regierungsrä te, die in Berlin ihre endgültige Wohnung noch nicht gefunden haben.
Die Zeit von Rahels erstem Salon war eine Zeit des Endes, die französische Revolution rückte mit Napole on heran, mit der bürgerlichen Freiheit für die Juden übrigens, die nach den Befreiungskriegen wieder hin war: befreit von der Freiheit. Und jetzt, welche Zeit erlebt Berlin jetzt? Der Gendarmenmarkt und die umliegenden Straßen statten sich aus. Es ist für alle Berliner, die alten und die neuen, östlichen wie westli chen, eine ganz neue Zeit. Die Geschichte ist nur Dekor. Keine Angst! Aber aufpassen!

 




Quarz, Asbest, Spruch

Wer hier draußen – aber über dieses “draußen” sind noch Betrachtungen anzustellen – am Mariendorfer Damm und an der Marienfelder Chaussee wohnt, der weiß ja sowieso, wie Berlin hier aussieht und welchen Charakter es macht. Für welche Erwartungen und Stadterkenntnisse empfehle ich den anderen den Weg hier heraus? Wer nicht in Hellersdorf war und in Marzahn, am Fennpfuhl und in der Gropiusstadt, der weiß nicht, wie Berlin ist. Habe ich neulich geschrieben. In diese Liste gehört auch Buckow. Nicht irgendwie und auch noch, sondern mit einer ganz speziellen Eigenart … Eigenart ist da schon ein Wort, das Kommentar braucht.

Als wir am Asbest-/Ecke Quarzweg beim Kroaten sitzen, sagt Mehdi, der mich heute begleitet: “Wie in Los Angeles.” Los Angeles, die Patenstadt Berlins, ist so eine Stadt: man ist schon mittendrin und hat gar nicht gemerkt, dass sie anfängt, sie fängt nicht an, hört nicht auf, überall ist Los Angeles auch nicht Losangeles. Neukölln ist die Hauptstadt von Berlin, habe ich hier mal drucken lassen. Damit habe ich Rixdorf gemeint, die dichte Häuseransiedlung aus dem [vor]vorigen Jahrhundert, die von der Sonnenallee über die KarlMarx-Straße sich zur Hermannstraße hinaufzieht und hinter ihren geschlossenen Fassaden Geschichte zusammenzuhalten scheint. Wenn wir – was ich eigentlich vorhatte – von dorther hierher nach Buckow gekommen wären, über Gropiusstadt und Alt-Buckow, dann hätten wir eine Stadterkundung über die Verschiedenheiten allein Neuköllns unternommen. Nicht mal Neukölln ist unter einem einzigen Neuköllner Eindruck zu erfassen. Ganzberlin erst recht nicht. Berlin ist längst nicht eine Stadt der geschlossenen Fassaden, des 19. Jahrhunderts, der Arbeiter- und der Villenviertel des späten Kapitalismus. Wer dagegen das Berlin der sozialen Marktwirtschaft – kann man das sagen? – sucht, wird vielleicht finden, dass es aus den Kleingärten hervorgewachsen ist: das Berlin des Eigentums für alle; wenn natürlich auch um dieses alle Anführungszeichen gehören.
Die Städtebauer rümpfen darüber die Nase, Kleinhäuschenquartiere, Kleingartenlandschaften, das verräterische Wort “Stadtlandschaft” entsteht hier, und wer sagt, Stadt ist Stadt und Landschaft ist Landschaft, der weiß hier am Quarzweg gar nicht, ob er überhaupt in einer Stadt ist oder am Rande von Straßen, über die die Menschen irgendwohin fahren. Und sowie der Abend niedergesunken ist, ist hier gar nichts. Nur noch Fernsehen.
In allen großen Städten wird aber in Deutschland der Traum vom “Eigentum im Grünen” geträumt. Wer den erfunden und so vielen von uns so tief eingesenkt hat, was das für einer gewesen ist, ist nicht entschlüsselt; auf jeden Fall einer, der in Gegensätzen dachte: Stadt hat manchmal einen geheimen Widerwillen gegen sich selbst. Die protzigen Grunewaldvillen sind auch nichts anderes als ein Ausdruck davon. Die großen Bankkonten machen den Grunewald, die Beamtenheimstättenwerke und die Wüstenrots Buckow … Nein, nein, ich will nicht geistreich sein, keine Bonmots, aber es bleibt dabei: das Areal zwischen Tauernallee, Quarzweg und Marienfelder Chaussee ist ein typisches Stück Berlin. Wer Berlin sehen will, wie es wirklich ist, und nicht nur wie es sich baedekert, der guckt auch hierher. Viel Zeit kostet ihn das nicht, weil Berlin – sein großstädtischstes Merkmal – so schnell ist.

Wie ich heute kann dieser Besucher an einer Berliner U-Bahn-Zentrallinie, der U1, am Hochschulbahnhof Dahlem-Dorf etwa (15 Minuten vom Wittenbergplatz), den Schnellbus X11 nehmen; der braucht zur Haltestelle Quarzweg in einer kleinen südberliner Querschnittsfahrt durch Dahlem, Lichterfelde, ein Stück Tempelhof, eine knappe halbe Stunde. Den Quarzweg aufwärts gehend denkt der Stadtgänger dann vielleicht: es sieht hier aus wie überall, es sind eben die Häuser der langsam zu allgemeinem Wohlstand kommenden Bundesrepublik, die hier rechts und links stehen, wie in Lüdenscheid und Werdohl auch, die keine Geschichte mehr ausdrücken, weil wir die Allgemeingeschichte hinter uns haben und uns nur noch für die eigene Geschichte, Gott sei Dank, nur noch für unser eigenes Leben interessieren, in dem – wie gesagt – das Fernsehen die Erlebnisschichten einteilt.
Bedeutet demgegenüber die Parksiedlung Spruch, die wir nun über den Asbestweg erreichen, etwas bemerkenswert Besonderes?

Ob man überhaupt “Siedlung” sagen soll, ist schnell zweifelhaft. Der Kalksteinweg ist eine ganz typische Gegend mit Eigengärten und kleinen Häusern, aber die parallele, mit ihm zu einem elliptischen Rondell verbundene “Parkstraße Spruch” ist überraschend anders. Keine Kleinhäuser, sondern viergeschossige, weiß verputzte Kuben, die mit variierenden Balkonen, Wintergärten, Anbauten und Rücksprüngen gegeneinander gestellt sind, um insgesamt neun Höfe, die von sich gegenseitig erweiternden und ergänzenden Hausgärten ausgefüllt sind, über die venezianische Holzbrücken führen. “Befahren der Höfe verboten.” Elegante Farben, ohne Anleihe bei Taut, sondern von einer eigenen Zurückhaltung mit einigen violetten Auffälligkeiten. Engel und Zillich heißen die Architekten, Oskar Putz der Farbgeber. Was sie hier gebaut haben, steht in den Büchern als ein Beispiel; “urbane Verdichtung und vorstädtisch lockere Bebauung”, nicht postmodern, sondern modern, Le Corbusier, der Ideenbereiter, auf den in Berlin auch das große Scheibenhaus am Olympiastadion zurückgeht, ist hier zitiert: eine Siedlung in der Nähe von Bordeaux, aus den 20er Jahren. Aber das müssen wir nicht wissen. Wir bleiben bei dem, was wir sehen.
Ich gehe langsam im vollen Sonnenlicht durch die noch recht baumlose Straße. Die Tiefgarageneinfahrten führen direkt von der Straße ab und herauf. Die Gegend wirkt sehr privat, man erkennt den hier nicht Hergehörigen gleich. Das “Kann ich Ihnen helfen?” klingt wie: “Dürfen Sie das?”, erzählt Jagusch, der Fotograf. Hausmeister sind überall. “Reiten verboten”, Hundeverbot, steht am Spielplatz, nur das Hundeverbot ist ins Türkische übersetzt (ich will ehrlich sein: ein Stückchen weiter werden auch den Türken Pferde zugetraut, aber ich sehe weder deutsche noch türkische Reiter). Am Spielplatz hat das Bezirksamt angeschrieben, was es – wahrscheinlich auf Weisung seines Rechtsamtes – überall an solchen Orten anschreibt: “Die Spielgeräte dürfen nur von Kindern bis 15 Jahre mit Zustimmung oder unter Aufsicht der Erziehungsberechtigten benutzt werden.” Das knallende Rot an den “Spielgeräten” passt nicht in das Farbkonzept von Oskar Putz, an dieses behördliche Knallrot hatte er nicht rechtzeitig gedacht.
Es ist eine Kleinstadt in der Metropole. Die Gäste vorne im Bistro der beiden Kroaten wohnen – bilde ich mir ein – nicht in der neuen Spruchsiedlung. Es ist Freitag nachmittag, die Arbeit ist getan, oder es sind überhaupt Rentner, die sich jetzt ein Essen bestellen, das Mittag und Abendbrot zusammenfasst. Es herrscht eine nachbarschaftliche Atmosphäre. Auf dem Quarzweg fahren die Autos ununterbrochen hin und her. Stadt ist: wie Inseln an großen Flüssen. Bis auf die, die schmale Aktentaschen tragen, aber davon sehen wir nur zwei, sehen die Deutschen hier amerikanisch aus. Los Angeles, hatte Mehdi gesagt, der sich jetzt eine russische Borschtschsuppe bestellt. Das hier könnte auch eine US-amerikanische suburb ein. Buckow ist international. Man braucht – wie gesagt – eine halbe Stunde, um es mit dem Kudamm zu vergleichen. Aber es geht gar nicht ums Vergleichen. Sondern für den, der die Stadt erkennen will, wie sie ist, ums Sehen und ums Zusammenfassen.

 




Dort entlang! Dein Alexander

Nach Tegel soll man am besten vom Oranienburger Tor an zu Fuß gehen.
Das ist der Vorschlag von Fontane; wer ihn heute befolgte, der gewönne einen tiefen Eindruck davon, wie sich in anderthalb Jahrhunderten Berlin verändert hat zu dem, was eigentlich Berlin ist und zu Fontanes oder gar der Brüder Humboldt Zeiten noch gar nicht Berlin war. Mit einer solchen Bemerkung hätten wir uns dann verraten; als solche, denen die Gegenwart das eigentlich Wirkliche und das Vergangene nur das Vorspiel der Gegenwart ist. So weit kommt es aber an diesem Sonntag nicht. Denn wir gehen natürlich nicht zu Fuß. Sondern nehmen die U-Bahn, die aus der mittigsten Mitte Berlins gerade mal 20 Minuten bis Alt-Tegel braucht.

Die vielen Alt-Straßen in Berlin sind oft überhaupt nicht alt. Und auch Alt-Tegel ist aktuellstes Berlin, obwohl sich die Straße gegen den See hin um die Kirche zu einem typischen Berliner Alt-Arrangement verdichtet. Lokale, Ristorantes, Bistros, Eisdielen, angenehme Bewirtungsorte für viele Geschmäcker, wenn auch alles mit einem leichten Döner- und Fast-Food-Duft überzogen, der andererseits jedermann schnell ein populäres Zugehörigkeitsgefühl vermittelt. Diese Stadtgegend ist was für Sonntag. Am Sonntag ist es hier bei schönem Wetter lebhafter als werktags, denn – wie gesagt – es geht zum See und zu den Schiffen. Am Greenwichufer sitzen wir auf einer Bank, beobachten die ankommenden, abfahrenden Pleasure-Boats, blicken nach Hasel- und Reiherwerder hinüber und “gucken Menschen”, wie L., meine Lebensfreundin, sagt, während wir das bunte Eis verdauen, mit dem wir im Eiscafé oben diesen Tegeler Sonntag-Nachmittag angefangen haben.
Diesen Platz, an dem wir unseren Sonntag ganz befriedigt verbringen könnten, hatte Fontane allerdings gar nicht gemeint mit seiner in den Sommerwind geschlagenen Wanderempfehlung. Ihm ging es um die Tegeler Adresse, die bis heutigen Tags in so vielfachen – wie man so sagt – geistigen Zusammenhängen vorkommt, dass man ihre Heutigkeit schon kaum noch zum Vergleich braucht: Schloss Tegel, Wohn- und Verwesungsort der Brüder Humboldt. Dort sind wir freilich schnell; über die hochgestellte, rotgeländerte Hafenbrücke in die Gabrielenstraße, die – nach Wilhelm von Humboldts Tochter Nr. 2 benannt – ein konzentriertes Villenviertel durchläuft, bis zur Adelheidstraße – nach Humboldts Tochter Nr. 3 benannt -, die von der schwesterlichen Strasse abzweigt und direkt vor den Schlosseingang führt.
Das Schloss, ein Schlösschen, aber in seiner viertürmigen Gestalt (seit 1822) von Schinkel: Klassik aus Renaissance, liegt hinter einem weiß lackierten Staketenzaun. Und wer nun wirklich dieses Ziels wegen gekommen sein sollte, der hätte morgen kommen sollen. Dieser Teil Tegels ist nichts für Sonntage, sondern nur für Montage: “Schloss Tegel / Privatbesitz / Kein Durchgang zum Tegeler See / Führungen nur Montag 10-12, 15-17 / Zutritt nur mit Eintrittskarte / Im Winter geschlossen / Hunde bitte an der Leine führen / Fotografieren zu gewerblichen Zwecken verboten.”

“Wir gehen einfach rein!”, sagt L., denn ich wollte eigentlich die Lindenallee entlang durch den Park zu der eigenartigen Begräbnisstätte der weltberühmten Brüder gehen, um im Angesicht der hohen Stele, auf der die Hoffnung steht, über die Rolle nachzudenken, die Wilhelm von Humboldt, der so viel in seinem Leben begonnen und so wenig wirklich vollendet, aber so vieles beeinflusst hat, und die Alexander von Humboldt, der alles, was er begann, nicht nur vollendete, sondern zu Endgültigkeit erhob, für jetzt und für mich spielen. Das Hotel unten am See preist seinen Humboldt-Saal; die dem Schloss benachbarte, jetzt ganz postmoderne alte Mühle heißt Büro- und Congress-Centrum Humboldt-Mühle; nach keinem anderen Menschen sind am Himmel und auf der Erde, vor allem in Amerika, so viele Orte und Örtlichkeiten benannt wie nach Alexander von Humboldt. Goethe, Schiller und daneben der “dritte Klassiker der deutschen Geistesgeschichte”: da ist Wilhelm von Humboldt, der ältere der Brüder, gemeint. Die letzten 15 Jahre seines Lebens hat er fast nur in diesem Schlösschen hier draußen gelebt. Goethes Haus am Frauenplan in Weimar, vielleicht noch sein Gartenhaus an der Ilm und dieses Schloss hier: deutsche Zentralorte, gewiss.

Aber warum? Es ist Sonntag, dieser Teil der deutschen Geschichte ist geschlossen, er gehört in seiner Gegenwärtigkeit einigen, nicht uns allen. Dass das Schloss da ist, sehen wir von unserem noch zur Öffentlichkeit gehörenden Platz vor dem Zaun. Was es enthält – wir wissen es – sind Restreliquien, nicht mal ein richtiges Museum: das wird von dem Verbotsschild in seiner symbolischen Bedeutung voll aufgewogen. Wir bleiben draußen. Die Wirklichkeit ist nicht die Wahrheit. Alexander von Humboldt, der Weltreisende, der Naturforscher, glaubte nicht an ein Jenseits. “Alexander glaubt”, sagte Wilhelm dort hinten in dem Zimmerchen, am 8. April 1835 bei sinkender Sonne, etwas ängstlich, denn es war seine Todesstunde: “Alexander glaubt, dass wir selbst nach dem Tode nicht mehr von der ewigen Weltordnung erfahren werden” … als wir auf dem weißen Gipfel des Cimborazo schon erfahren haben: vielleicht hätte Alexander das angefügt. Alexander sagte in seiner Todesstunde zu seiner Nichte Gabriele gar nichts. Hinterher ärgerten sich die Verwandten, dass er den größten Teil seines Vermögens, einschließlich der berühmten Bibliothek, die später in Amerika verbrannte, seinem ehemaligen Diener hinterlassen hatte. Es gibt ein Foto von Alexander von Humboldt, ja ja: ein Foto, aus dem Jahre 1847; darauf sieht man natürlich sein auch in hohem Alter noch einigermaßen dichtes weißes Haar; auf dem Foto sieht es ungepflegter aus als auf dem schönen Bild von Julius Schrader im Metropolitan Museum of Art in New York, das die ganze Woche geöffnet ist. Ich denke vor dem weißen Privatzaun der Erben an dieses weisse Haar, das früher wohl schwarz oder schwarzbraun war. Denn eine Strähne davon, nicht so schön schlohweiss, sondern etwas grauer und schütterer, stammt von meinem eigenen Vater.

Es war schon Krieg, er war selten daheim; aber dann spielte er – wenn ich morgens in das Ehebett zu meinen Eltern hatte kriechen dürfen – wieder das Spiel, das er im Vorkrieg erfunden hatte, weil es ihm erlaubte, mich zu beschäftigen und doch selbst ein bisschen weiter zu dösen. Es hieß: Die Fahrt nach Rio de Janeiro. Meistens überstand das aus seinen Knien gebildete Schiff die Gefahren des Ozeans nicht. Aber manchmal kamen wir doch an. Nun mussten wir durch die Urwälder des Amazonas, die Papageien riefen und sprachen in Sprachen von Indiostämmen, die längst untergegangen waren. Es wäre mir ganz unmöglich gewesen, den Weg zu finden, wenn nicht ab und zu, an einer Palme oder Araukarie, ein kleiner Zettel angeheftet gewesen wäre mit einem Richtungspfeil: “Für das Dietherchen. Hier musst du entlang! Dein Alexander.”

Wem in seiner Jugend solche Meldungen von Alexander von Humboldt zugegangen sind, was sollte dem – nun selbst an den Marken seiner Zeit – wohl in einem Schlösschen noch Wesentliches mitgeteilt werden können?
Falls Sie, liebe Leserin, lieber Leser, solche Erfahrungen aber nicht haben, kommen Sie nach Tegel doch lieber montags.

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Die Karriere des Glücks

Berlin ist vor allem eine schnelle Metropole. Man kann sich das Berlin der Berliner schnell ganz nahe machen. Dafür gibt es S- und U-Bahn. Und gewisse Straßenbahnstrecken. Vor allem Nummer 4 und Nummer 5. Vom Hackeschen Markt ist man mit beiden Linien in einer knappen Dreiviertelstunde in Hohenschönhausen, Zingster Straße, Endstation. Ist man nun draußen? Draußen in Bezug auf welches Drinnen? Vielmehr man ist, wo man am Hackeschen Markt auch ist: in Berlin. Das Intensive im Mittelpunkt und drum herum Zerfließendes: da missverstünde der Besucher die Stadt zugunsten einer Baedeker-Stadt, in der niemand wohnt. Der Bewohner erfährt die Stadt sowieso in Konkordanz zu seinem eigenen Leben und in der Differenz zu seinen Wünschen.

Um die Zingster Straße und die anderen norddeutsch benannten Straßen stehen hochgeschossige Wohnblocks. Die Stadt ist hier ganz jung. Die meisten Straßen kamen aus der namenlosen Landschaftlichkeit und erhielten ihre Namen vor gerade 15 Jahren. Die Blocks sehen schöner aus als jemals. Weiß, manche gelb, in zarten Farben, die Fenster dezent farblich abgesetzt, blau und rot, weiter unten zeigt ein Hausgiebel wirklich die Kopie eines Grafikbildes des ersten Farbmeisters der Moderne: das war Piet Mondrian. Man kann sich hier oben daran erinnern. Die Eigentümerin HoWoGe gibt sich Mühe. “Für eine schöne Ecke Berlins” schreibt sie auf ihre Schautafeln. Die Höfe sind und werden gerade neu angelegt, mit Mitteln des Landes Berlin, der Landschaftsarchitekt, der sich Mühe gibt, heißt Weidinger. Zum Hechtgraben heißt unsere Straße jetzt. Tatsächlich überquert sie irgendwo den Hechtgraben, das langsame Gewässer, das aus dem Kirchsee bei Falkenberg kommt und in den Malchower See fließt, zu dem wir unterwegs sind.
Ehe wir uns versehen, liegen die dichten Wohnblocks hinter uns und wir sind in einem weiten landschaftlichen Park. Er zieht sich um den Malchower See herum, reicht mit wenigen und deshalb überraschenden Gestaltungselementen zum Hohenschönhauser Weg hinüber, den geradenwegs durchwandernd, nur Wiesen und Landschaft um uns, wir selbst überrascht sind von dem Tempo, mit dem die Stadt ihre Stimmung verändert hat.
Am Ende dieses Weges sind wir in Malchow. Die Straße, auf die wir treffen, heißt Dorfstraße. Aber es ist eine belebte Autostraße; Berlin ist bis hierher so dicht, dass man im “Dorf” Malchow die Ampel braucht für die andere Straßenseite. Aber wenn man sich gewöhnt hat und also gar nicht mehr weiß, dass man eben noch zwischen den weißen Wohnblocks der Zingster Straße verweilte, gewinnt man hinter dem die Straße begrenzenden Grünstreifen, auf dem kleine Birken wachsen, doch einen Sinn für die unstädtischen Elemente dieses klassischen Teils von Hohenschönhausen. “Klassisch?”, naja … unmöglich ist das Adjektiv nicht. 1638, im 30jährigen Krieg, brannte die kaiserliche Armee das Dorf nieder; da war Paul Fuchs noch nicht geboren, der 40 Jahre später, als er Minister des brandenburgischen Kurfürsten geworden und – wie üblich – den öffentlichen Dienst auch ganz gut zum eigenen Vorteil hatte nutzen können, aus dem Dorf ein Freiherrengut machte. Der König kam aus Niederschönhausen herüber, auch an jenem 7. August 1704 war er gerade nach Malchow unterwegs, als der Minister Fuchs – 64 Jahre alt – starb. Staub wird Staub/ Und Ruhm und Namen der Zeiten Raub.

Das Gutshaus – es ist längst nicht dasselbe, das Fuchs bewohnte – nutzt jetzt die Humboldt- tät, landwirtschaftlich-gärtnerische Fakultät; die Akademiker sind freundlich, über ihre Projekte sprechen sie mit zurückhaltender Stimme. Die Berliner Gedenktafel an der Schlossfront liegt hinter dichtem Gewächs, aber es führt ein kleiner Plattenweg hin und man kann also den Text lesen, den die schöne Hohenschönhauser Bürgermeisterin im November 1996 hier enthüllt hat. Er feiert den Geheimrat Fuchs – er war beim Großen Kurfürsten eine Art Außenminister – vor allem als Initiator des Edikts von Potsdam, 8. November 1685, mit dem die brandenburgische Regierung den aus religiösen Gründen von ihrem König verfolgten Franzosen Religionsfreiheit versprach, um ihren Gewerbefleiß auszunutzen. Ein Ehrendatum in der Tat der brandenburgischen, deutschen Geschichte; man kann bis heute daraus lernen: Toleranz und Fremdenfreundlichkeit nützen; die Erfolgsgeschichte der Hugenotten in Berlin und Berlins mit den Hugenotten ist ein kräftiges Beispiel.

Im Dorfgasthaus Malchow müssen wir lange auf das dann ganz vorzügliche Essen warten und haben Zeit, uns gegenseitig zu erzählen, was wir von dem Minister Fuchs gestern in den Büchern nachgeschlagen haben. Als ganz junger Mann war Fuchs Professor der Rechtswissenschaft in Duisburg, als das eine ganz kleine brandenburgische Universität war; später ist er der Gründer – das kann man wohl sagen – der Universität in Halle geworden. Das wurde in der beginnenden Aufklärung eine brandenburgische Spitzenuniversität; Fuchs, der Hugenottenfreund, brauchte ideologische Unterstützung gegen die protestantischen Dogmatiker, die von den französischen Flüchtlingen und ihrem reformierten Glauben nichts hielten. Christian Wolff, der allerdings ziemlich langweilige Aufklärer, Samuel Pufendorf, der große Völkerrechtler, Francke, der – sagen wir – theoretische und äußerst praktische Sozialpädagoge, vor allem Christian Thomasius: der erste Professor, der in seinen Vorlesungen deutsch redete, der mutige Gegner der Hexenprozesse und der Folter: das war der Hauptschützling von unserem Fuchs aus Malchow. Und damit – ist nicht übertrieben! – können wir dieses Stück Hohenschönhausen – vielleicht nicht gerade wie Tegel, denn die Humboldts waren doch noch einen kräftigen Schlag bedeutender – als einen Berliner Traditionsort der besseren Klasse identifizieren.
Die Pfarrerin von Malchow, die Jagusch die Geschichte der verschwundenen Kirche von Malchow erzählt, ist vor allem freundlich. Das gehört vermerkt, weil sie damit an jene Pfarrerin erinnert, die Fontane hier getroffen hat, als er an einem Wintertag hier heraus gewandert war, weil er über Fuchs gelesen hatte. Wenn wir jetzt ein Auto hätten und nicht zurücklaufen müssten zur Zingster Straße – aber wir hätten auch den 159er nach Hohenschönhausen und von dort die S75 nehmen können -, würden wir die Dorfstraße südwärts fahren und wären im Nu mitten in Weißensee, von wo Fontane seinerzeit nach Bus und Pferdeomnibus nur zu Fuss hatte weiterkommen können.
Abends zu Hause habe ich noch ein bisschen weitergelesen über Fuchs und über Thomasius. Hätte der, denke ich, eine deutsche Verfassung geschrieben, so stünde darin – wie in der US-Verfassung – das Recht der Menschen auf Glück. “Die Karriere des Glücks wurde von Thomasius in der deutschen Aufklärung angelaufen”, schrieb 1950 Ernst Bloch und fügte an: hätte der Mann heute gelebt, “er hätte realen Sozialismus des Gemeineigentums, hätte die Sowjetunion als gesuchte Antwort”. Es ist schwer, die Geschichte und die deutenden Versuche mit den Maßstäben von Irrtum und Wahrheit, also: überhaupt zu messen.

 




Leben und Liebe haben keine Zukunft

Einen schöneren Namen kann eine Straßenkreuzung nicht haben: Roseneck. Da braucht sie den Anmutungen, die das Wort versendet, nur ganz flüchtig zu entsprechen, um eine gesättigte Gegend zu ergeben. Der Hohenzollerndamm geht breit in die Clayallee über. Der kreuzende Straßenzug heißt nach Teplitz und nach einem kaiserlichen Minister. Nahe der Kreuzung liegt das Wiener Caféhaus, wo ich jetzt gerade einen Eisbecher Nussgenuss genieße, daneben ein Gemüse- und Fruchtgeschäft, bei dessen Preisen (sagt Mehdi) in Kreuzberg die Messer aufgingen, aber es ist ein sehr gut sortiertes und besuchtes Geschäft. Ich gehe auch gerne hin. Sogar ein Sushi-Laden ist da, und der berühmteste Friseur der Metropole, Udo Walz, hat hier eine Dependance; hier wohnen Leute, die auch sagen wollen: Udo hat gesagt … Udo ist Weltmeister. Es ist überhaupt eine Gegend der Meister, und von solchen, die es waren, weniger von solchen, die es werden wollen. Vielleicht übertreibe ich. Eigentlich kenne ich von den Bewohnern des Quartiers nur drei. Einen Senator, einen Professor, eine Geschäftsfrau. Die Geschäftsfrau nehme ich für typisch: Ohne Illusionen, aber nicht zynisch; wissend, aber nicht ohne Erwartungen; aufbauend, ohne unkritisch zu sein; sie kann zusammenzählen, ohne zu rechnen … man merkt schon: so könnte ich weiterreden, bis die Sache ganz persönlich wird und nichts mehr mit dem Roseneck zu tun hat. Worum es hier aber doch geht. Denn gerade hier, in der Egerstraße, ist für heute der Anfangsort der Geschichte, die unter, an, auf den Örtlichkeiten meines heutigen Stadtganges liegt. Es ist gar keine rosige Geschichte. Oder vielleicht doch. Sie hat ein Happy End. Oder doch nicht.

Egerstraße Nr. 1: Von 1921 bis 1923 war hier die Wohnung der Eltern von Vladimir Nabokov, dem Hundertjährigen, der als US-Amerikaner einer der Hauptschriftsteller unserer Epoche geworden ist. Justizminister des Zaren war sein Großvater; der Vater Minister der ersten demokratischen, sagen wir: halb- oder beinah-demokratischen, russischen Regierung von 1917, gegen die sich der bolschewistische Aufstand richtete, wirklich eher ein Staatsstreich als eine Revolution. Olga Knipper, Tschechows Witwe, die Schauspielerin, Alexej Tolstoi, der Schriftsteller, Stanislawskij, der Theatermann, der Ex-Außenminister Pawel Miljukow, Vorsitzender der alten russischen Partei der konstitutionellen Demokraten u.a., sie gingen ein und aus in der Egerstraße. Am 28. März 1923 fuhr Nabokov, der Exminister, in den Kammermusiksaal der Philharmonie nach Kreuzberg, um ein Opfer seines Mutes zu werden: Rechtsextremisten schossen auf jenen Miljukow, die anderen warfen sich zu Boden, Nabokov verteidigte den Freund und teilte den Tod mit ihm.

Ich muss durchatmen in einem Gefühl von plötzlicher Kälte gegenüber einer Geschichte, die fast so vergessen ist, als hätte es sie gar nicht gegeben. Ich gehe jetzt durch die Paulsborner Straße, die die Grunewaldhaftigkeit der Gegend noch so lange fortsetzt, bis sie von Autowerkstätten und -geschäften umstanden wird, deren Grunewaldhaftigkeit sich aus den Automarken ergibt. Der Nabokov-Weg, den ich also innerlich hier wandere, ergibt sich ja keineswegs aus Lolita und aus dem US-amerikanischen Weltruhm des Autors – und Schriftsteller-Ruhm wäre ja überhaupt gleichgültig, wenn es nicht um Texte ginge, in denen die Zeit aufgehoben wird. Ich versuche auf einen Vergleich, ein Bild zu kommen. Von manchen mächtigen Erdentieren sind nur kleine Abdrücke im Stein, von Bäumen, die sich im tropischen Winde wiegten, nur gestaltlose Stoffe übriggeblieben: Musealien, aber auch Energien, die aus der Verwandlung hervorgegangen sind. Das Bild ist zu naturwissenschaftlich, auch zu groß. Berlin war in den Jahren 1919 bis 1921 die Hochburg der russischen Emigration, Paris hat später niemals den Glanz des “russischen Berlin” erreicht (schreibt der Komponist Nicolas Nabokov, ein Vetter des Schriftstellers). Es gab in Berlin: russische Theater, russische Kirchen, Schulen, Bibliotheken, russische Valuta-Schieber, russische Buchläden, Verlagsanstalten, Zeitungen, russische Kunstgalerien, Delikatessengeschäfte, Konfiserien, Antiquitätenhandlungen, in denen es Tausende von Ikonen und echten wie zweifelhaften Schmuck zu kaufen gab. Die Berliner gingen, einigermaßen verwundert, keineswegs unfreundlich und recht hilfsbereit, über die östliche Invasion zur Tagesordnung über. 1923 lebten 360.000 russische Emigranten in Berlin, schätzen die Behörden. Je mehr ich darüber nachdenke, sagt Andrej Bely, womit ich die Berliner überraschen könnte, desto deutlicher begriff ich: alle Verrücktheiten werden übertroffen von dem nüchternen Alltagsberlin. Der scharfe Wind / bläst durch die Löcher / Berlins, der Riesenokarina.

Nachdem ich nun von der Paulsborner Straße in die Nestorstraße eingebogen bin, müsste ich, ohne mich umzusehen, erst bis zur Westfälischen Straße weitergehen, um in der Zeitfolge zu bleiben. In Nr. 29 wohnte Nobokov 1932 ein paar Monate in einem Mietzimmer, fünf Jahre dann in der Nestorstraße 22, der Agamemnonstraße seines Romans “Die Gabe”, den er für seinen besten russischen Roman hielt. In dem weißen Haus, dessen Loggien vielbeblumt sind, hat heute “Die kleine Weltlaterne” einen nicht über das 3. SFB-Programm hinausreichenden und bestimmt nicht weltliterarischen Ort. Auch die Bedürfnisanstalt, die unter Lebensbäumen Ecke Westfälische-/ Johann-Georg-Straße noch heute steht, kommt in dem Roman vor. Das Pissoir ist heute zugunsten einer Privatfirma, die für die Gelegenheit zur Bedürfnisbefriedigung Geld nimmt, geschlossen. Gegenüber liegt wie damals die Hochmeisterkirche, die etwas merkwürdig Deutschritterliches hat und zu seltsam unzusammenhängenden Erinnerungen auffordert, aber natürlich nicht an Nabokov. Am 18. Januar 1937 emigrierte Vladimir Nabokov von hier nach 15 Berliner Jahren; Frau und Sohn folgten bald. Der Sohn hat fast genau mein eigenes Alter, wie Nabokov das meines Vaters: das könnten also wir sein, unsere Familie. Nach Brüssel, nach Paris, Tschechoslowakei, schließlich USA, am Ende Schweiz, nie wieder Deutschland. Wenn die Geschichte aber ein Irrtum gewesen wäre: Hätte Lolita (oder eine ähnliche Identifikationsfigur) auch aus der Nestorstraße stammen können? Die Kraft zur Erinnerung fehlt, “Russen in Berlin”: das ist ein 20er-Jahre-Ereignis. Vergessen. Aber Nabokov, der eine, erhält sich: das ist der steinerne Abdruck. Nur in den USA konnte Nabokov der Jahrhundertmann werden, der er ist: von unserer Zeit ein kleines Stück erhaltend “an den furchtbaren Fallgruben der Ewigkeit, dem Unerkennbaren hinter dem Unbekannten, der Hilflosigkeit, der Übelkeit verbreitenden Durchdringungen von Zeit und Raum.”

Gestorben ist Nabokov aber in Europa, in Montreux. In der Nähe hatte er seiner alten Vermieterin aus der Nestorstraße, die den Berlinern, den Deutschen auch hat entgehen können, in einem luxuriösen Altersheim einen Platz gekauft. So zieht sich die Nestorstraße durch die Welt und Europa. Auch das Schloss seiner Väter bei Petersburg hat Nobokov am Ende wiederbekommen. Nein, nicht er, aber immerhin sein Sohn, der so alt ist wie ich; Geburtsort: Berlin, nahe Bayrischer Platz.
“Sein” heißt wissen (heißt es in Ada oder Das Verlangen), man “ist gewesen”. “Nicht sein” enthält die einzige neue Art von (Schein-)Zeit: Zukunft. Ich lehne sie ab. Leben, Liebe, Libri haben keine Zukunft.

 




Buch, Geschenk

Vom Kurfürstendamm nach Buch, mit der S4 von Halensee um halb Berlin herum: diese 60 Minuten sollte jeder Berliner gelegentlich und jeder Neuberliner ziemlich zu Anfang seiner Berlin-Lehrzeit drangeben: der Erkenntniswert ist groß. Erkenntnis ist vielleicht nicht das Wort. Städte werden nicht erkannt. Andererseits kommt die wirkliche Stadtkenntnis auch nicht nur aus der Empfindung.
Jedenfalls: diese S4-Fahrt gibt einen aufschlussreichen Berlin-Querschnitt. Sie führt durch zehn Bezirke oder in dichter Sichtbarkeit daran vorbei; sie überquert vom Kurfürstendamm zur Hauptstraße, Tempelhofer Damm und Hermannstraße, Karl-Marx-Straße, Sonnenallee, Frankfurter und Landsberger Allee, Greifswalder Straße, Prenzlauer Allee mehrere der großen Magistralen, die aus Berlin heraus und auf Berlin zuführen. Mehrfacher großer Passagierwechsel, bis es schließlich hinter Pankow über Blankenburg, Karow so landschaftlich entlang geht, dass der Berlin-Neuling – nun schließlich in Buch – einen viel dörflicheren Eindruck erwartet, als er ihn vorfindet.
Das Ensemble um den S-Bahnhof Buch ist zwar nicht gerade elegant, eher budenhaft, aber in der Sonne liegt darüber unter den dicht heranwachsenden alten Eichen etwas zurückgezogen Gepflegtes; viele Leute sehen medizinisch aus, Professionelle oder Patienten der beiden großen Klinika, die den Namen Buchs bis in die wissenschaftlichen Zeitschriften bringen.

Wir sind aber heute nur wegen der Kirche gekommen, gehen also die Wiltbergstraße – den Park zunächst zur Linken lassend – bis Alt-Buch. Da haben wir das Ensemble bald vor Augen: linker Hand die seit 1943 turmlose Barockkirche, 1731 bis 36 erbaut, in mittlerem Verfallszustand, zur Rechten das Pfarrhaus, das vor den anschließenden Plattenhochbauten wie ein entfernter Ableger von Goethes Gartenhaus wirkt. “Dass der Soldatenkönig so was in Preußen zugelassen hat!”, wundert sich Jagusch, der Fotograf, später; aber der glanzlose Finsterling, dem die Soldaten – das rechne man ihm hoch an – allerdings zu schade waren, um sie in Kriegen umbringen zu lassen, hat den Barock auch gar nicht zugelassen.

Dies ist keine königliche, sondern eine private Kirche. Der Privatmann, der sie bezahlte, hieß von Viereck; der Soldatenkönig maulte, der Viereck, der sein Minister war, solle etwas weniger faul sein. Aber hier in Buch war er ja überhaupt nicht faul. Die Kirche bringt ein Stück sächsischen, Dresdner Glanzes ins dürre preußische Gloria. Der Baumeister, Friedrich Wilhelm Diterichs, hat später ganz ähnlich auch die aus der Wirklichkeit leider verschwundene Böhmische Kirche gebaut, deren Grundriss immerhin man seit kurzem auf dem Straßenpflaster der Berliner Mauerstraße ablesen kann. Fontane schreibt viele Seiten über Geschichten aus der Bucher Kirchengeschichte; zwei alte Damen haben gestern auf dem Kirchhof die Liebesgeschichte, die zu diesem Anekdotenarrangement gehört, Manne Jagusch, dem Fotografen, wiedererzählt. Vergessen haben sie dabei, dass der in dieser Geschichte figurierende Preußenkönig ein Dunkelmann war, der die Zeit nicht begriff, nicht die, die kam und auch die nicht, die neben ihm zuende ging. Julie von Voss hieß die Frau, die als Opfer dieser sogenannten Liebesgeschichte nun schon über zwei Jahrhunderte unter der Kirche auf die Auferstehung wartet, die ihr bisher immer nur in diesen kleinen Geschichten zuteil wird.
Neben der Kirche liegt der weite gepflasterte Gutshof. In den Stallungen und Speichern unterhält die Akademie der Künste Ateliers. Was man sonst nicht mehr gebrauchen kann, ist immer noch gut für “Kunst”; Kunst als Nutzungssurrogat. Die Akademie macht hier einen etwas abgeschobenen Eindruck oder sagen wir: sie wirkt sehr selbstgenügsam. Wenn die Ausstellungen gehängt und in den Karriereverzeichnissen registriert sind, ist es egal, ob jemand hingeht. Wir sitzen lange auf der schönen Rundbank um die kleine Hoflinde, ehe wir gegenüber im “Castello” – ach, was wäre mit der deutschen Lokalkultur, wenn wir die nicht hätten! – bei Italienern zu Mittag essen. Zum Nachtisch fürs Gemüt sitzen wir auf einer grünen Bank auf der Parkseite der Kirche. Es riecht feucht und süß nach Rosen und Regen. Aber nun ist die Sonne herausgekommen. Die turmlose Kirche machte von hier aus einen Schlosseindruck, wenn sie sich nicht durch das Kruzifix identifizierte. Meine Lebensfreundin sucht ein vierblättriges Kleeblatt. “Man findet sie nicht, wenn man sie sucht, man muss ihnen allerdings auch Gelegenheit geben, gefunden zu werden.”

Ein Bussard fliegt niedrig vorüber. Die Krähen schimpfen und vertreiben ihn aus der Rotbuche. “Krähen sind sehr sozial. Nicht nur für ihre Familie, sondern für ihre ganze Art. Deshalb überleben sie so gut.”
“Du meinst also: sie sind Rassisten oder wenigstens Nationalisten, und deshalb überleben sie!”
“Tieren kann man mit menschlichen Begriffen gar nicht beikommen.”
“Sozial – das wäre also kein menschlicher Begriff?”
“Nicht so richtig, wenn ich die Kerle so sehe …”

Der größere, nördlichere Teil des Parkes ist wilder und ruhiger. Das voller Blütenstaub stehende Wasser kann man der Panke zuschreiben, die man als Berliner Fluss ja überhaupt nicht vergessen darf.
Auf hohem Bahnsteig die S4 für die Rückfahrt erwartend, empfinde ich diesen Vor- und Nachmittag in Buch als ein Geschenk; nicht wie irgendwas Schönes, was man überall kriegen kann, sondern dessen Grundlagen “irgendwie” gerade darin liegen, dass Berlin den Grund dafür legt. (Obwohl – um auf die Liebesgeschichte zurückzukommen – Liebe natürlich überall ein Geschenk ist, überörtlich, manchmal überirdisch … wenn es Liebe ist.)

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Die Mitte herausgeschnitten

Wer die Stadtgegend westlich und östlich der Lohmühleninseln, von Landwehrkanal und Flut-, früherem Freiarchengraben, am Schlesischen Busch kannte in den Zeiten ihres Mauer­schlafs, der wird sobald nicht aufhören, sich über ihre wiedervereinigte Verwandlung zu wundern und zu freuen. Fast 40 Jahre Geschichte sind hier so fort, als hätte es sie – da mag der Grenzturm so finster blicken wie er aus seiner Übriggebliebenheit kann – nie gegeben. Dass Geschichte vor allem Vergessen heißt, diese Geschichtslehre könnten wir derzeit freilich an vielen Plätzen in Berlin lernen. Aber solche Freiarchen- und Buschsätze gehören gar nicht in den gängigen Kanon des Bescheidwissens.
Das erste bedeutende Zeichen der verändernden Erneuerung setzte hier die Bewag mit ihrem mächti­gen Verwaltungsgebäude: ein architektonisches Spitzenstück (von Axel Liepe und Hartmut Steigelmann) mit so wenig Mängeln, dass man es ein Meisterwerk nennen könnte. Gegenüber führt die Eichenstraße von der hochherzigen Puschkinallee zur Spree und eröffnet – eine ziemlich alte Straße, älter als 100 Jahre – einen das Stadtgemüt aufrichtenden Weg zwischen Gewesenem, Werdenden und ganz neu Gewordenem. Mit der Maschinenfabrik von Carl Beermann stieg die Gegend aus dem Landschaftlichen ins Industrielle auf, die Industrie rückte von Westen her vor. Die Shedhallen, die Bruno Buch für diese Firma 1915, mitten im Weltkrieg, vielleicht zur Herstellung von Tötungswerkzeug, baute, sind noch da; 1925 baute Franz Ahrens sie für die “Allgemeine Berliner Omnibus AG”, die einstens berlinberühmte ABOAG zur Werkstatt um, und im Jahre darauf errichtete er die stützfrei überdachte große Omnibus­halle: heute “Arena”, eine Arena: “Auch hier ist ein Spielort des Theaters der Welt” steht vor dem entbusten Gebäude; dann noch ein viergeschossiges Wohnhaus und ein Werkstattgebäude von einem dritten Architek­ten: ein expressionistisches Architekturganzes, vor allem aber ein Industriedenkmal und überhaupt ein Berliner Geschichtsort: Stadt- und Ring-, Hoch- und Untergrundbahn, die Omnibusse erst mit Pferden, dann mit “Kraft” und die Straßenbahnen, die viele ältere Berliner deshalb nicht mit dem modisch­englischen Kurznamen Trams nennen wollen, machen einen wesentlichen und – bis die Autos kamen und der “Individualverkehr”- den wesentlichsten Teil der Beweglichkeit der Metropole Berlin aus.

So verführt den Nachdenklichen die Westseite der Eichenstraße ins Gewesene, wie ihn die Ostseite in die lebhafteste Nach-Mauer-Gegenwart versetzt. Ein schöner Weg führt am Ufer entlang. Der Blick auf die Spree zeigt Berlin in einer Weite und Offenheit als läge es am Meer. Die Twin-Towers werden umso höher je näher man ihnen kommt. Auf dem obersten Balkon des vordersten der gelben Wohnhäuser, die zwischen den Towers, wie hier die Türme heißen, zum Wasser vordrängen, gießt eine junge Frau ihre Gerani­en und sieht den Schiffen zu: ist draußen und drinnen zugleich, in einer Berlin-Befindlichkeit, die sich nun schon manchen modernen Platz gefunden hat. Dieses Areal von Häusern und Höfen, das sich zu den – durch die Firmenüberschrift nun leider verunstalteten – Treptowers hinzieht, ist von den Architekten Spangenberg und Fehse städtebaulich geplant. Ein kleiner Berlin-Ruhm gehört ihnen. An der weißen Mauer zum Treptowers-Innenhof wächst Wein und Efeu. Ein Gärtner arbeitet wie in einem Schlosshof.
Auf dem Wasser stehen drei flache durchlöcherte Riesen, von denen man immer nur zwei sieht, sie umarmen und begrüßen sich und machen den Ein­druck, dass sie sich freuen, hier bleiben zu dürfen.

Wir dagegen folgen unserem Plan einer Bezirks­durchquerung von Treptow und Köpenick, den bald vereinigten, von einem Hause des Massenverkehrs zu einem anderen. Vom friesenblauen S-Bahnhof Treptower Park brauchen wir dafür mit S4, S3 und Tram 62 eine knappe Dreiviertelstunde, ehe wir nach der schwer zu durchquerenden Altstadt Köpenicks an der Haltestelle Betriebshof Köpenick aussteigen. “Betriebshof” heißt der Funktionsname: Depot der Städtischen Straßenbahn Köpenick, 1903 bis 1906 vom Stadtbaumeister Hugo Kinzer gebaut, am Rande des Fischerkiezes, der drei Straßen weiter mit Judis-, Breiter – und Naumannsgasse zum Wasser, zum Frauentog und an die Insel des Schlosses heranragt. Auch das Straßenbahndepot ist ein Schloss. 12 Tore hat die große Halle unter zwei sechsteilig geschwun­genen Giebelfeldern, die mit Klinker-Mustern so geordnet und zurückhaltend geschmückt sind, als sollten sie Menschen Eindruck machen, die die Alhambra im Herzen tragen.
Da könnten wir nun anfangen, uns Gedanken darüber zu machen, aus welchem Gemisch von Maschi­nen- und Kunstgedanken die Straßenbahn anfangs hervorgerollt ist (nicht anders als das Wasser floss aus dem Wasserschloss in Friedrichshagen): technisch Moderne, ästhetisch Bilderbuch, das Neue tapfer versteckt hinter dem Nachgemachten, das Wirkliche hinter dem Vorgeblichen, das nun aber längst seine eigene Geschichte hat und sich nicht mehr darauf befragen lassen muss, was es einmal war. So ist auch dieses Straßenbahndepot nur einfach schön.

Es beginnt zu regnen. Wir müssen zurück. Bevor wir Köpenick verlassen, gestatten wir uns im Eiscafé Lampe im Forum einen exotischen Traum aus Hawaii. “Nimm das mal!” sagt meine Lebensfreundin, “damit du weißt, wie Mango schmeckt.” Dann probiert sie von der Ananas, die nach beiden Seiten den Teller überragt. “Die ham vergessen, die Mitte rauszuschneiden. Die Mitte gehört immer rausgeschnitten.”

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)