Kurze Fahrt

Es kommt selten vor, dass ich einen Fahrgast wieder vor die Autotür setze. Laut Taxi-Ordnung darf ich das eh nur, wenn eine Gefährdung für mich oder den Fahrgast besteht. Das ist natürlich Auslegungssache. Falls zum Beispiel jemand mit offener Tuberkulose einsteigt, darf ich ihn abweisen, weil er mich damit gefährdet. Wenn es jemand ist, der faschistische oder antisemitische Sprüche macht, darf ich ihn ebenfalls rauswerfen, denn sonst wäre seine Gesundheit gefährdet.

Nicht in diese Kategorien gehörte das schon reichlich angetrunkene Paar, 30 bis 40 Jahre alt, Typ Cindy aus Marzahn, nur assiger. Sie hatten mich in Schmargendorf herangewinkt. Ich stand noch mitten auf der Kreuzung, als sie ins Taxi stiegen. Noch bevor ich sie begrüßen konnte, befahl der Mann von hinten „Losfahren!“

In diesem Moment war schon klar, dass es nicht so einfach werden würde. Um die Situation zu retten sagte ich „Ihnen auch einen schönen Abend. Wo möchten Sie denn hin?“

„Quatsch nicht, fahr einfach geradeaus, man!“ raunzte er aggressiv von hinten.
„Vielleicht geht es ja auch etwas freundlicher. Ich habe Ihnen nichts getan. Und bevor ich losfahre, muss ich erstmal wissen, wohin.“
Nun mischte sich die Frau ein und schrie mich von hinten an: „Du scheiß Penner, fahr endlich los, schwule Sau. Sonst gibt’s was auf die Fresse!“

Damit war das Maß überschritten. In ruhigem Ton sagte ich ihnen, dass sie aussteigen sollen. Gleichzeitig rief ich die Funkzentrale an (leider haben wir im Auto keinen Sprachfunk). Als sie sofort antwortete, gab ich den Standort durch und bat darum, Kollegen vorbeizuschicken.
Der Mann war plötzlich ganz zahm, warf mir einen Zehner („stimmt so“) auf den Beifahrersitz und sagte, sie wollten nur zum Elsterplatz. „Kurzstrecke“.

„Es geht doch auch freundlich“, meinte ich und fuhr los. Die Zentrale blieb weiter am Telefon und hörte mit. Etwa 200 Meter weiter zerrte die Frau plötzlich von hinten an meinem T-Shirt, sagte, ich sollte einen bestimmten Radiosender einstellen. Als ich antwortete, dass ich den nicht kenne und wir sowieso nur eine Minute fahren würden, zog sie noch weiter und schrie wieder rum. Dann griff sie von hinten an mein Ohr und zog daran. Daraufhin machte ich eine Vollbremsung, beide flogen nach vorne, weil sie nicht angeschnallt waren. Selber schuld.

„Raus!“ schrie ich nach hinten. Ich stieg aus, öffnete die Hintertür, die man wegen der Kindersicherung nicht von innen aufmachen kann und schrie nochmal: „Raus!“
Ich war dermaßen aufgeladen, dass ich sofort zugeschlagen hätte, wenn mich jemand von den beiden angegriffen hätte. Stattdessen aber stiegen sie wütend aus, brüllten noch rum, kamen mir aber nicht zu nahe. Ich warf die Tür zu und fuhr weg. Die Zentrale fragte, ob jetzt alles ok sei. „Ja, sie sind weg“, sagte ich.

Abgesehen davon, dass mich sowas natürlich total nervt, gab es einen Umstand, der es weniger schlimm machte. Direkt an dem Ort, wo ich die beiden rausgeschmissen habe, hatte ich am Abend vorher einen sehr lieben und hübschen jungen Mann kennengelernt, der mit mir eine halbe Stunde durch die Stadt fuhr. Zum Schluss gab er mir noch seine Telefonnummer.
Es ist also nicht alles schlecht in Schmargendorf  :-)




Verpeilter Fahrgast

Früher Abend, gerade hatte ich mit dem Taxi drei junge Neuberliner vom Hauptbahnhof abgeholt („Endlich, endlich weg aus Mannheim!“) und am Winterfeldplatz ausgeladen, als mich ein recht edel gekleideter Mann mit Hut heran winkte. Er wollte gerne zum Flinsberger Platz, jemanden abholen und danach zum Hermannplatz. Ob 35 Euro reichen würden? Nach kurzem Überlegen sagte ich ihm, dass es vielleicht knapp werden würde, aber es sollte zu schaffen sein.

War es aber nicht. Denn in Schmargendorf angekommen machten wir erstmal einen Stopp in der Auguste-Viktoria-Straße. Dummerweise genau gegenüber der israelischen Botschaft, weshalb auch gleich zwei Polizisten ankamen, um uns wegzuschicken. 100 Meter weiter blieben wir wieder stehen und er schaute aus dem Fenster. Diese Situation kenne ich ja, man wartet auf den anderen. Aber in diesem Fall tat sich nichts. Er versuchte auch nicht, ihn anzurufen. Nach drei, vier Minuten wollte mein Fahrgast dann in die Salzbrunner Straße. Dort gab er mir 30 Euro als Pfand und suchte an einem der Häuser die Klingelschilder ab. Dann rauchte er erstmal eine, um danach mit mir in die Warmbrunner Straße zu fahren.
So ging es noch eine Weile weiter. Erneut Auguste-Viktoria-Straße, dann auf die andere Seite des Hohenzollerndamms in die Landecker Straße, dann wieder Warmbrunner. Mir war’s egal, den Großteil des Geldes hatte ich ja.

Während all der Fahrten schaute er immer die Fassaden hoch, als wenn er dort etwas suchen würde. Ich machte mir unterdessen Gedanken, was wohl dahinter steckt. Eine klare Adresse hatte er ja nicht, von der er jemanden abholen wollte. Kannte er bloß die Fassade und die ungefähre Gegend?
Irgendwann gab er auf und woillte zurück fahren. Kaum auf dem Hohenzollerndamm sollte ich aber nochmal links in die Cunostraße, aber nach 100 Metern wieder wenden.
Da wir zwischendurch immer wieder stehengeblieben sind und dann das Taxameter weiter lief, hatten wir schon über 20 Euro auf der Uhr.

Endlich gings es wieder los, Richtung Neukölln. „Das werden wir jetzt mit 35 Euro aber nicht mehr schaffen“, sagte ich ihm. Er antwortete mit „Kein Problem.“ Na dann.
Als wir gerade am Ende der Yorckstraße direkt auf den Mehringdamm zufuhren, sollte ich anhalten. Das Taxameter stand bei 34,90 EUR. Er gab mir noch einen Fünfer und verließ ohne einen Gruß das Taxi. Nachdem er bereits die Tür geschlossen hatte, sagte ich noch „Tschüss“. Obwohl er das natürlich nicht mehr hören konnte, drehte er wieder um, öffnete nochmal die Tür und verabschiedete sich. „Sorry, ich bin heute ein bisschen verpeilt.“
Ja, den Eindruck hatte ich auch.




Traurige Fahrten

Als Taxifahrer erwischt man seine Fahrgäste in allen möglichen Stimmungen. Wenn jemand schlechte Laune hat, sollte man das schnell erfassen können und nicht als Erstes einen dummen Spruch machen. Andererseits kann es ganz gut sein, auf irgendein anderes Thema abzulenken. Passagiere mit sehr guter Laune sind dagegen schnell ansteckend, das färbt meistens auch auf mich ab.

Schwierig ist es jedoch, wenn der Fahrgast traurig ist oder sogar verzweifelt. Natürlich fahren wir auch mal Menschen, die in einer Lebenskrise stecken, aber anders als manche Kollegen kann ich das nicht an mir abperlen lassen. Mehrmals hatte ich schon extreme Fälle, wie den Mann, den ich an der Charité gerade von seiner eben gestorbenen Tochter abgeholt habe. Oder die Frau, die ich zum sterbenden Vater nach Hause fuhr.

Als Taxifahrer ist man öfters mal Ansprechpartner in psychologischen Dingen. Die räumlich Nähe, die gleichzeitige Anonymität, nachts die ruhige Stimmung, all dies begünstigt es, dass sich manche im Taxi ein bisschen öffnen.
Natürlich muss man aufpassen, sich nicht zu sehr darauf einzulassen und die Probleme nicht zu sehr an sich heran zu lassen. Es nützt niemandem, wenn beide weinend im Auto sitzen. Trotzdem versuche ich in solchen Momenten, Mitgefühl zu zeigen und nicht als ignoranter Eisblock rüber zu kommen. Oft ist es ja schon eine Hilfe, wenn man zuhört und ein paar Worte dazu sagt.

Meist geht es in solchen Situationen auch gar nicht um objektive Katastrophen, sondern um Beziehungsprobleme, die einen natürlich trotzdem umwerfen können. Die eine oder andere Sache kann ich dann dazu sagen, ganz unerfahren bin ich ja nicht. Und sei es nur, dass ich einfach versuche Mut zu machen.
Klar, das ganze 08/15-Blabla ist zwar nicht falsch, aber total ausgelutscht: „Das Leben geht weiter, ist eine Achterbahn, man darf nicht aufgeben, man hat gute und schlechte Tage“ usw.
Letztendlich ist aber das Ziel, dass mein Fahrgast das Taxi mit ein wenig mehr Hoffnung und Kraft verlässt. Manchmal habe ich es auch geschafft.




Chinesische Ansichten

Es kommt öfter vor, dass ich im Taxi nach bestimmten Ereignissen die Meinungen meiner Fahrgäste dazu höre. Besonders an den Wahlabenden werden deren Ergebnisse oft unterschiedlich bewertet. Und nicht selten unterscheiden sie sich von meiner eigenen Meinung, das ist ja normal.

Diesmal aber ging es nicht um ein spezielles Ereignis, es hatte sich einfach so in den Gesprächen ergeben. Meine sehr junge Fahrgästin stieg mir in Zehlendorf ins Auto und auf der langen Fahrt nach Hohenschönhausen erzählte sie mir von ihrer Heimat Hongkong. Als der einst souveräne Staat 1997 wieder an China fiel, befürchteten viele Bewohner Hongkongs, das das bis dahin kapitalistische Land als neue Sonderverwaltungszone Chinas politisch gleichgeschaltet wird. Tatsächlich versucht die Zentralregierung in Peking die Verhältnisse dort immer weiter anzugleichen, die Geheimpolizei bespitzelt die Bevölkerung, behindert Parteien und unabhängige Initiativen. Meine Kundin erzählte, dass ihre Mutter als Dozentin an der Universität seit zwanzig Jahren drangsaliert wird, immer wieder wird sie zu Gesprächen mit Behördenmitarbeitern vorgeladen und dort zu ihren politischen Ansichten verhört. Der Bruder meiner Fahrgästin, der schwul ist, sieht in Hongkong keine Zukunft. Zwar ist Homosexualität dort nicht verboten, aber der gesellschaftliche Druck ist enorm. Das hat er bei der Jobsuche erfahren, bei der er von den potenziellen Chefs auf seine Sexualität angesprochen wurde – obwohl er sich ihnen gegenüber gar nicht geoutet hat. Woher sie es wussten, sagten sie nicht. Und einen Job erhielt er trotz Qualifikation auch nicht.

Meine Kundin würde gerne Journalistik studieren und arbeitet für ein Jahr in Deutschland. Aber sie hat Angst, dass sie ihren Beruf in Hongkong später gar nicht ausüben kann, weil sie keine Lust auf Hofberichterstattung hat. Und eine kritische Presse gibt es auch in Hongkong immer weniger. „Es ist eigentlich hoffnungslos“, beendete sie ihre Erzählung.

Ganz anders der etwa gleichaltrige Mann, den ich einige Stunden später mitten in der Nacht vom Wedding nach Charlottenburg brachte. Er studiert an der TU irgendwas mit Ingenieur und klagte, dass er seit 18 Stunden ununterbrochen lernt und in sechs Stunden eine Klausur schreiben müsste. 12 bis 16 Stunden lernen wären normal, sagte er mir, aber er mache das ja für eine gute Sache. Nach dem Studium will er zurück nach China, das ihm eine große Karriere biete.

Deutschland habe ja eigentlich einen guten Ruf, was technische Entwicklungen angeht, aber warum die Deutschen den neuen Flughafen nicht fertig kriegen, kann er sich nicht erklären. In China hätten sie das innerhalb von zwei Jahren organisiert.
Ich erzählte ihm von der jungen Studentin und er wurde sehr böse. Es gäbe eben viele Menschen, die die Leistungen des Staates nicht anerkennen oder dekadent als selbstverständlich betrachten würden. Noch vor einer Generation war China ein Agrarland, jetzt hat es eine der größten Industrien der Welt und bietet seinen Bürgern alle Möglichkeiten. Wenn ein Flughafen oder eine Großsiedlung gebaut würde, müssten zwar manchmal Dörfer verschwinden, aber die Bewohner würden großzügig entschädigt, trotzdem gäbe es immer wieder welche, die sich weigern würden. Er bezeichnete sie als Ewiggestrige, einen Begriff, den er in Deutschland gelernt hat.
Ich erklärte ihm, dass damit nach dem Faschismus diejenigen bezeichnet wurden und bis heute werden, die sich nach dem alten Nazi-Reich zurücksehnen. Für ihn war das kein Unterschied, er bezeichnete die Chinesen als reaktionär, die sich nicht dem Gemeinwohl unterordnen wollen, wenn es ihnen Nachteile bringe.

Als Beweis führte er an, dass seine Eltern, beides ehemalige Bauern und jetzt Handwerker, das Geld für seinen Aufenthalt in Deutschland nicht hätten aufbringen können. Sie haben in ihrer Kleinstadt herumgefragt und viele Menschen hätten Geld gegeben, damit er in Berlin studieren kann. Und das, obwohl sie selber keinen Nutzen davon haben. Das war eine schöne Geschichte, und manche Dinge sehe ich ähnlich, die er erzählte. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Demokratie im „Westen“ oft versagt und vieles hier nicht funktioniere, auch dass das Leben hier sehr oberflächlich ist. Eine Einheitspartei, die er als besonders wichtig bezeichnete, würde ich jedoch nicht wollen.

Es war ein interessantes Gespräch und schade, dass es am Fahrtende abgebrochen wurde. Es sind diese Art von Erlebnissen und Gesprächen, die für mich das Taxifahrer interessant machen.




Verschätzt

Natürlich gibt es lukrativere Taxitouren als für 5,50 Euro Das ist aber kein Grund, eine solche Tour abzulehnen. Vor allem nicht, wenn man extra zum Kunden bestellt wurde. Dann kann man sich gerne innerlich ärgern, die Fahrgäste zu ihrem Ziel bringen und dann weiterfahren.
Der Kollege jedoch, der den Auftrag in der Zehlendorfer Seitenstraße bekommen hatte, reagierte anders: Er pflaumte die Kundin an, dass er fast eine Stunde am Halteplatz gestanden hätte und nun nicht die paar hundert Meter fahren wollte.

Die Dame empfing mich also etwas skeptisch, weil sie befürchtete, ich könnte ähnlich drauf sein. Das war ich aber nicht. Als wir nach wenigen Minuten Fahrzeit bei ihr zuhause in Kleinmachnow ankamen, bat sie mich zu warten. Sie hatte sich eben entschlossen, nochmal zurück zu fahren, musste nur noch ihr Geld holen.

Während wir wieder nach Zehlendorf fuhren, erhielt sie einen Anruf, eine kurzfristige Einladung zu einem Freund. Also kehrten wir erneut um, damit sie von zuhause eine Flasche Wein holen konnte. Mit Frau und Wein ging es wieder zurück nach Berlin, diesmal nach Lichterfelde.
Auf der Fahrt erzählte sie mir von dem Kollegen vor mir, aber sie sagte auch, dass ich das genaue Gegenteil sei.

In Lichterfelde suchten wir noch nach der richtigen Adresse, denn sie wusste den Straßennamen nicht. Nach ein paar Minuten standen wir vor dem Eingang zu einer Gartenkolonie, unserem Ziel. Die 34,90 Euro auf dem Taxameter rundete sie großzügig auf 40 auf. So wünsche ich mir mehr Fahrten, die mit einer vermeindlichen Kurzstrecke beginnen.




Kurzstrecke

Ich verstehe gar nicht, wieso so viele Taxi-Kollegen nölen, wenn ihre Fahrgäste eine Kurzstrecke verlangen. Zum einen ist das ein ganz normaler Tarif, außerdem sind sie sowieso leer unterwegs. Vom Taxistand aus gilt dieser Tarif ja nicht. Trotzdem ist er offenbar sehr unbeliebt.

Schon mehrmals hatte ich Fahrgäste, die sich dafür entschuldigt haben, dass sie „nur“ eine Kurzstrecke fahren wollen. Manchmal entgegne ich ihnen dann, das wäre kein Problem, wir fahren einfach weiter und dann wieder ein Stück zurück. Solche Ansagen darf man natürlich nicht bei jedem machen, manche verstehen den Witz nicht.

Und dann gibt’s natürlich jene, die eine Kurzstrecke sehr großzügig auslegen. Sie wollen vom Anfang bis zum Ende des Kudamms als Kurzstrecke fahren und verstehen gar nicht, dass die 3,5 Kilometer lange Strecke nun mal mehr sind als die 2 km, für die dieser Tarif gilt. Man kann dann schon auf die Behauptung warten, dass andere Taxifahrer das auch machen würden. Und dass es immer reichen würde. Ich antworte dann: „Dann nehmen Sie einen von den anderen Kollegen.“

Oder man fährt eine Strecke, bei der nicht sicher ist, dass sie noch innerhalb des Limits liegt. Falls nicht, springt das Taxameter danach auf den normalen Tarif, die Fahrgäste zahlen also auch nicht mehr, als wären sie von Anfang an zum Normaltarif gefahren.
Oft beginnt dann aber die Diskussion, ob man die letzten paar hundert Meter nicht ohne Taxameter fahren könnte. Natürlich tu ich das nicht, denn nur weil der günstige Tarif abgelaufen ist, fahre ich nicht noch zusätzlich umsonst. Schließlich muss ich von den Einnahmen leben. Das wollen manche Kunden nicht einsehen und beginnen dann noch mit Meckern: Ich hätte ja vorher bremsen können oder wenigstens bescheid sagen müssen und überhaupt. Nein, es ist nicht mehr Aufgabe, die gefahrenen Meter zu zählen. Wenn es passt, dann ist gut und wenn nicht, dann kostet es eben ein paar Groschen mehr.

Meinem lieben Kollegen Sash ist es sogar passiert, dass ein Kunde nach Fahrtende noch auf Kurzstrecke umsteigen wollte  – obwohl die gefahrene Strecke sogar länger als zwei Kilometer war.

Keine Ahnung, warum sich manche Fahrgäste ausgerechnet bei diesem Thema so merkwürdig benehmen. Ich habe mir in den Jahren auch abgewöhnt, mit ihnen darüber zu diskutieren, es bringt einfach nichts. Vermutlich versuchen manche einfach nur, einen Euro zu sparen. Aber auf meine Kosten.




Sie hätten darauf bestehen müssen!

Es nervt, wenn manche Taxi-Fahrgäste meinen, alles besser wissen zu müssen. Dabei habe ich nichts gegen Kritik an meiner gewählten Fahrstrecke, aber sie muss schon begründet sein. In manchen Gegenden kenne ich mich auch nicht so gut aus, dann bin ich froh, wenn mir ein Fahrgast eine bessere Strecke vorschlägt.
Leider gehörte der männliche Part des offensichtlich bayerischen Pärchens nicht zu den konstruktiven Helfern, sondern zu den Besserwissern – ohne es wirklich besser zu wissen.
Vom KaDeWe wollten sie zum Hamburger Bahnhof, eigentlich eine leichte Strecke. Wäre da nicht der Wasserrohrbruch in der Invalidenstraße vom Wochenende. Und die Starrsinnigkeit meiner Fahrgäste.
Während wir über den Spreeweg fuhren, erzählte ich ihnen von der Sperrung der Invalidenstraße und dass wir stattdessen eine etwas längere Strecke fahren würden, durch die Lüneburger Straße.
„Nein, das tun wir nicht“, sagte mein Fahrgast. „Wir fahren die normale Strecke, ohne Umwege.“
„Ich sagte Ihnen doch gerade, dass die Straße gesperrt ist, da kommen wir nicht durch.“
„Das werden wir ja sehen. Notfalls fahren wir eine andere Straße, aber keinen Umweg. Diese Ausreden kenne ich schon, die habt Ihr ständig drauf, um Eure Fahrgäste zu betrügen!“
Ich dachte, ich höre nicht richtig. Am MotelOne fuhr ich rechts ran und nannte den Fahrpreis. Auf solche Beleidigungen hatte ich keine Lust und auch nicht auf eine verbale Auseinandersetzung. Natürlich gefiel das dem Kerl nicht, er wollte nicht zahlen und auch nicht aussteigen.
„Gut, dann rufe ich die Polizei und Sie bekommen eine Anzeige wegen Nötigung und Erschleichung von Dienstleistungen.“

Nun mischte sich zum ersten Mal die Frau ein, die vom Verhalten ihres Mannes sehr genervt war: „Fahren Sie doch einfach weiter und hören Sie nicht auf ihn, er hat heute einen schlechten Tag.“
„Dafür kann ich aber nichts,“ antwortete ich, „dann soll er es gefälligst nicht an mir auslassen.“
„Da haben Sie allerdings recht“, antwortete sie.

Die Fronten waren geklärt und da ich mittlerweile an der ursprünglich geplanten Straße vorbei war, musste ich mich nun in den Stau einreihen. Die 600 Meter kosteten uns etwa 20 Minuten, gegenüber sonst zwei bis drei.
Nachdem wir uns dort durchgequält hatten und auch durch die schmalen Wege am Hauptbahnhof, fing der Mann wieder mit seiner Nörgelei an. Seine Frau erinnerte ihn daran, dass ER es war, der unbedingt diese Strecke fahren wollte und dass ich als Taxifahrer ihnen einen besseren Weg vorgeschlagen habe.

Seine Antwort verschlug mir echt die Sprache: „Dann hätte er eben darauf bestehen sollen!“
Es gibt Leute, die glauben immer Recht zu haben. Und wenn nicht, dann sind eben die anderen daran schuld.




Keine Freiheit

Im Laufe meiner Taxi-Karriere habe ich ja schon so manch besondere Fahrgäste gehabt. Einige haben sich echt seltsam benommen, ein Mann hatte gerade seine kleine Tochter verloren, eine alte Frau erzählte mir von ihrer tiefen Einsamkeit, eine andere machte sich große Sorgen, weil ihr 15-jähriger Sohn mit einem Mann zusammen war. Paare haben sich in meinem Taxi zerstritten, ich habe Lebenskrisen mitgekriegt, Ratlosigkeit, aber auch großes Glück. Das ganze Repertoire, das das Leben so zu bieten hat.

Dazu gehört auch der hagere Mann, der mir heute am Hauptbahnhof ins Auto stieg. Ich schätzte ihn auf 60 Jahre, sehr kurze graue Haare und Bartstoppeln, eingefallenes Gesicht, tiefe und dunkle Augenhöhlen, seine mit Furchen durchzogene Haut war sehr blass. Er hatte zerschlissene Kleidung an, manche würden ihn als heruntergekommen bezeichnen. Aber ein Stadtstreicher war er nicht.
Wir fuhren nach Wilmersdorf, dort wollte er gerne seine Kinder sehen, die schon lange keine Kinder mehr sind, wie er sagte. 15 Jahre lang hatte er keinen Kontakt.
„Die werden sich bestimmt freuen“, meinte ich.
„Wohl kaum. Ich will nur von außen reinschauen, sie möchten mich ja nicht sehen.“

Er erzählte, dass er erst am Morgen aus dem Gefängnis in Hamburg entlassen worden war. All die Jahre hatte er gesessen, weil er einem anderen das Leben genommen hatte. Es tat ihm schon in dem Moment leid, als der gerade starb, aber er konnte es nicht mehr rückgängig machen.
Er sagte, der andere hätte sein Leben verloren, er selber aber auch. Seine Frau, seine Kinder, sein Job, seine Wohnung, sein gewohnter Alltag, die schönen Stunden im Restaurant, im Urlaub – alles war nun Vergangenheit, eine zerstörte Existenz.

Dies alles erzählte er ohne zu jammern. Schon sehr lange hat er sich damit abgefunden, weil er es ja doch nicht ändern konnte. Nun wollte er wenigstens einen Blick auf diejenigen werfen, die ihn mal geliebt haben, sagte er. Aber sie haben auch gerichtlich erwirkt, dass er sich ihnen nicht nähern darf. „Dabei will ich doch wissen, wie sie jetzt aussehen.“
Er tat mir leid. Ich kenne ja nicht die Hintergründe der Tat, vielleicht hat er ja ein Familienmitglied getötet und deshalb wollen sie nun keinen Kontakt mehr. Es gibt Situationen, an denen kann niemand etwas ändern, die sind für alle Seiten nur traurig und ohne Ausweg. Jeder muss seinen Weg finden, damit umzugehen.

Als ich ihn fragte, was er danach machen würde, musste er passen. In Berlin bleiben will er nicht, weil er dann immer wieder in Versuchung geraten würde, zu seinen Kindern zu fahren. Am nächsten Morgen würde er wieder nach Hamburg zurück fahren. Dort hat er jedoch keine Wohnung und nur wenige Kontakte. „Vielleicht  springe ich auch von der Brücke, was weiß ich denn.“
Wie soll man auf sowas reagieren? Immerhin hat er in Hamburg Kontakt zu Sozialarbeitern, die ihn in der neuen Freiheit unterstützen. Aber die sind für ihn auch eine große Hilfe, das habe ich während des Gesprächs gemerkt.

Am Ziel angekommen zahlte er. Er entschuldigte sich, dass er kaum Trinkgeld geben könne, aber er müsste auf jeden Euro achten. „Kein Problem“, antwortete ich.
Er stieg aus, ging ein paar Schritte, blieb stehen und schaute nach den Straßenschildern. Es schien, als ob er zum ersten Mal dort wäre, dabei hatte er Jahre lang hier gelebt. Dann setzte er sich auf die Bank einer Bushaltestelle.

Während meiner Rückfahrt in die Innenstadt dachte ich noch lange über ihn nach. Auch wenn er jemanden umgebracht hat, so hat er doch das Recht, sein Leben weiter zu leben. Die Strafe aber geht für ihn weiter, auch wenn er nicht mehr im Knast sitzt.




Beten am Taxistand

Ich bin ja nicht gottesgläubig, jedenfalls nicht, was so die Mainstream-Religionen betrifft. Weder glaube ich daran, dass irgendwo über den Wolken ein weißbärtiger alter Mann sitzt, noch dass Gott Shiva seine sechs Millionen Untergötter befehligt oder ein gerechter Allah alle Ungläubigen verbrennen lassen will. Vielleicht gibt es einen Gott, schätze aber, dass dies einfach nur ein anderes Wort für die Natur ist.

Aber egal, jeder kann glauben, was er will, solange er anderen damit nicht das Leben behindert. So wie es in der angeblich laizistischen Bundesrepublik noch immer einen umfassenden Einfluss der Kirche auf den Staat und die Gesellschaft gibt. Kirchensteuer, jährliche staatliche Milliarden-Finanzierung der Kirche durch uns, kirchliche Feiertage oder kürzlich das Tanzverbot am Karfreitag. Was hat das bitte mit der Trennung von Kirche und Staat zu tun? Die Pfaffen haben in Deutschland noch immer viel zu viel Einfluss.
Aber darum soll es gar nicht gehen. Wenn jemand seinen Glauben hat, ist das seine private Entscheidung, die andere akzeptieren sollten. Muslime haben ihren wöchentlichen Feiertag am Freitag, samstags sind die Juden dran und am Sonntag die Christen. Wer will, der feiert sogar in der Kirche des fliegenden Spaghettimonsters.

Die Frage ist, inwieweit Gläubige verschiedener Richtungen ihre Rituale zelebrieren können, ohne dabei anderen in die Quere zu kommen. Wenn in Bayern Prozessionen durch die Dörfer ziehen und der Bauer deshalb nicht mehr mit dem Trecker zum Feld durchkommt, verflucht er die Gottesanbeter sicher auch. Gleichzeitig dürfen sie ihn nicht zwingen, mitzulaufen und mitzubeten.

Seit einigen Jahren wird hier in Deutschland vermehrt wieder Hass gegen Religionen geschürt. In den vergangenen Jahrhunderten waren es meist die Juden, gegen die der gemeine Christ zu Felde zog, was schließlich im Massenmord mündete. Heute sind es die Moslems, die als Feind, als die Gefahr hingestellt werden. Dahinter steckt der gleiche Rassismus wie früher, nur das Ziel des Hasses hat sich geändert.

In letzter Zeit beobachte ich öfters, wie muslimische Taxikollegen neben ihren Fahrzeugen kleine Teppiche ausrollen und sich zum Beten hinknien. Mir ist das egal, auch wenn ich damit nichts anfangen kann. Vor einigen Tagen kam dies auch an einem Taxistand am Savignyplatz vor. Kaum hat der Kollege mit seiner Beterei begonnen, fuhr das Taxi vor ihm weg, kurz darauf auch das andere, so dass er eigentlich an der Spitze stehen würde. Da er keine Anstalten machte, mit dem Beten aufzuhören und nach vorn zu ziehen, fuhr ich an ihm vorbei und stellte mich an den Anfang. Normalerweise überholt man natürlich keine Kollegen, wenn sie z.B. mal schnell auf die Toilette gehen oder die Scheiben waschen. Wenn jemand aber bewusst in Kauf nimmt, dass die folgenden Kollegen nicht mehr vorziehen können, braucht sich nicht aufzuregen, wenn er überholt wird. Genau das aber tat der Kollege, nachdem er ausgebetet hatte. Er kam zu mir und beschimpfte mich fürchterlich und sehr lautstark auf, dass ich ihn überholt habe. „Du hast doch gesehen, dass ich gebetet habe!“
„Ja, und es interessiert mich nicht. Wenn Du das während der Zeit am Taxistand machst und mich damit aufhältst, fahre ich eben an dir vorbei.“
Es geht nicht ums Prinzip, aber wenn am Anfang des Taxistands kein Wagen steht, kann es passieren, dass sich Fahrgäste dann ein fahrendes Taxi winken, anstatt nach hinten zu laufen. Aber das verstand oder akzeptierte er nicht. Er warf mir Rassismus vor, aber damit war die Diskussion für mich beendet.

Gestern Nacht eine ähnliche Situaton am Hauptbahnhof. Wieder betet jemand neben seinem Auto am Nachrückstand. Also fuhren einige Wagen von hinten an ihm vorbei und stellten sich vor ihn hin, zwei weitere konnten sogar zum regulären Taxistand vorrücken. Der muslimische Kollege hatte nichts dagegen, dass er überholt wurde, aber als er ausgebetet hatte, wollte er sich einreihen. Da gingen jedoch mehrere Kollegen dazwischen, die ihn teils übelst mit Beleidigungen überschütteten. Er solle doch „nach Kanackistan zurückgehen“ und ähnliches.
Dabei hatte er ihnen nichts getan, hatte lediglich mehrere Autos vorbeigelassen. Ob es klug ist, dass man sich in eine ständig nach vorn rückende Taxireihe stellt, wenn man beten will, kann bezweifelt werden. Den Kollegen aber deswegen zu beschimpfen und zu beleidigen, ist inakzeptabel.

Manche Kollegen meinen, sie als „Christen“ seien etwas besseres als die Moslems. Genauso sehen das ja auch die Faschos von Pegida oder der AFD. Als wenn es hier demnächst zum großen Showdown der Religionen kommen würde und die Unterlegenden dann mit dem Tode rechnen müssten. Dabei sind sich die Bibel und der Koran sehr ähnlich, vor allem wenn es um die Bekämpfung Andersgläubiger geht.
Wieso also der Hass? Tut Euch doch zusammen, dann könnt Ihr gemeinsam z.B. Frauen unterdrücken, Homosexuelle niedermetzeln, „Ehebrecher“ abschlachten oder Rothaarige verbrennen!

Übrigens: Rassistische Kommentare werden hier nicht veröffentlicht und die Kommentatoren künftig geblockt.




Verfahrene Situation

Es kann schon mal vorkommen, dass Fahrgäste etwas desorientiert sind. Ich hatte schon Leute im Auto, die haben ihr eigenes Haus nicht erkannt, als wir nachts davor standen. Andere glauben den kürzesten Weg ganz genau zu wissen und bescheren mir dadurch einen gut bezahlten Umweg. Und manchmal passiert so etwas wie letzte Nacht.
Die Dame stieg mir am Hauptbahnhof ins Auto: „Lange Straße, bitte“.
„Die am Ostbahnhof?“
„Ja genau“.
Klare Sache, immer der Bahn nach. Am Ziel angekommen sah die Sache aber anders aus: „Nein, hier sind wir falsch“.
„Das ist die Lange Straße am Ostbahnhof.“
„Aber hier ist es falsch.“
Dann kam sie auf die Idee, mir den Zettel mit der Adresse zu zeigen: Langenscheidtstraße. In Schöneberg. Zwar auch an einer Bahn, aber ganz woanders, ohne Bahnhof, und die Gleise verlaufen hier nicht oberhalb der Straße, sondern unten in einem Trog. Aber sonst stimmt alles :-)

Als wir endlich an der Langenscheidtstraße ankamen, erkannte sie den Ort auch wieder. Allerdings war das noch gar nicht das Ziel, sie wollte hier nur jemanden abholen und dann weiterfahren. Bloß dieser jemand war nicht da. Meine Fahrgästin rief ihn nun mit dem Handy an und es stellte sich heraus, dass derjenige am Hauptbahnhof auf sie wartete.
Man kann nicht behaupten, dass es der Situation an Komik gemangelt hätte, aber lachen durfte ich trotzdem nicht.

Also fuhren wir nun wieder zum Hauptbahnhof, den wir eine knappe Stunde vorher verlassen hatten und sammelten den anderen ein. Sie waren sich jedoch nicht einig, wohin es gehen sollte. Mir war’s recht, das Taxameter lief still vor sich hin und bis mein Tagfahrer das Auto haben wollte, sollte es noch einige Stunden dauern.

Meine Fahrgäste waren in einem Club verabredet, wussten aber den Namen nicht mehr und konnten auch niemanden per Handy erreichen. Es war irgendein Club, der Amerika heißen sollte, oder Kanada oder so. Ich dachte, ich kenne die Clubs in der Stadt, aber mir fiel keiner ein, dessen Name dazu passen würde. Schließlich bekamen sie doch jemanden ans Telefon, der weiterhelfen konnte. „Der Club heißt Cuba libre und ist in Tempelhof. Oder Charlottenburg.“
Das half mir nicht wirklich weiter. Weder kenne ich diesen Club, und auch die Ortsangabe könnte man höchstens auf einem Globus als genau bezeichnen.
Sie überlegten schon, wieder in die Langenscheidtstraße zurückzufahren. Dann aber hatte ich die rettende Idee: „Ist es vielleicht der Club Havanna in Schöneberg?“
„Hm.“
Ich schlug vor, jetzt dort hinzufahren und falls es der falsche Club wäre, ist die Langenscheidtstraße nur 5 Minuten entfernt.
Darauf ließen sie sich ein und wie sich herausstellte, war es genau die richtige Entscheidung.
Allerdings weiß ich nicht, ob sie nach Bezahlung der Taxikosten noch Geld für einen Cuba libre im Havanna hatten.




Man kann nicht ständig Glück haben

Leider hat es sich noch nicht bei allen Touristen herumgesprochen, dass der Winter nun vorbei ist. Die Umsätze mancher Tage sind noch wie im Januar: grottig schlecht. Da kommt ein Schichtbeginn wie gestern genau richtig. Noch auf dem Weg zum Halteplatz erhielt ich einen Auftrag in Mitte, Chausseestraße. Vorbestellung für fünf Personen. Am Hotel angekommen standen schon zwei weitere Taxis dort, Großraum, denn insgesamt waren es etwas über 20 Fahräste. Es sollte nach Haselhorst gehen, eine schöne Tour. Zur vorbestellten Zeit schalteten wir alle die Taxameter an und warteten. Zwar waren schon einige Fahrgäste draußen, aber bis sie vollzählig waren und sich auf die Wagen verteilte hatten, dauert es noch ein Weilchen.
Dann ging es los, über Wedding, am Flughafen Tegel vorbei. 500 Meter vor dem Ziel sollte ich plötzlich stoppen. Am Telefon hatten meine Fahrgäste erfahren, dass an ihrem Zielpunkt kein Platz mehr ist, sie sollten stattdessen in die Leibnizstraße ausweichen. Aber gerne! Nun ging es also nach Charlottenburg. Dort angekommen stand das Taxameter inkl. der anfänglichen Wartezeit sowie dem Aufschlag wegen der fünften Person auf 44 Euro. „Schreiben Sie die Quittung über 50 Euro“.

Einige Minuten später stand ich am Savignyplatz, aber sofort stieg mir ein neuer Fahrgast ins Auto: „Flughafen Schönefeld, bitte“. Er war von meinen Fahrkünsten begeistert, wie er sagte, obwohl ich nichts Außergewöhnliches geleistet hatte. Trotzdem war es ihm das wert, den Fahrpreis von 41 Euro auf 50 aufzurunden.

Auf dem Rückweg in bewohntes Gebiet erhielt ich per Funk einen Auftrag in Treptow, am Rathaus in der Neuen Krugallee. Die Dame wollte über einen Zwischenstopp in Johannisthal nach Oberschöneweide. Dort angekommen hörte ich wieder den Spruch von meinen Fahrkünsten. Langsam glaubte ich schon selber daran. Auch sie rundete großzügig auf, von 16 auf 20 Euro.

101 Euro Umsatz plus 19 Euro Trinkgeld in zwei Stunden. Ich rechnete mir schon aus, dass ich als Krösus nach Hause fahren könnte, wenn es so weitergehen würde. Ging es aber leider nicht, ich hätte stattdessen Feierabend machen sollen. Denn in den folgenden sechs Stunden kamen gerade mal etwas über 50 Euro Umsatz dazu.
Na ja, man kann eben nicht ständig Glück haben.




Missglückte Rückreise

Zwei Tage lang streikten die Flughafenarbeiter in Tegel und Schönefeld. Das bedeutet, das viel durcheinander ist. Wer sonst per Flugzeug nach Berlin kommt, muss mit dem Zug fahren oder irgendwie anders einen Weg finden. Die Züge waren voll diese Tage. Übervoll, da die Bahn nicht so flexibel ist, um mehrere zehntausend Passagiere in zusätzlichen Zügen zu befördern.

Manchmal, wenn die Geschäfte schlecht laufen, stehen sich am Hauptbahnhof um die 200 Taxis die Reifen eckig, beide Taxistände sowie die gesamte Nachrücke sind dann voll. Vorgestern und gestern Nacht waren es mindestens 100 mehr, die Schlange zog sich um den ganzen Bahnhof und dann die Spree entlang, mehrere hundert Meter weit. Diesmal allerdings nicht wegen schlechter Geschäfte, sondern weil die Streikopfer es gewohnt sind, nicht mit der S-Bahn, sondern mit dem Taxi weiterzufahren. Auch wer als 300. Taxi ankam, war nach einer Viertelstunde mit Fahrgästen wieder unterwegs.

Die Taxikollegen waren happy, manche Fahrgäste jedoch nicht. Zwar war der Streik vorher angekündigt, wenn auch ursprünglich nur für einen Tag statt für zwei, trotzdem konnten manche nicht umbuchen. Flüge die von weiter weg nach Berlin kamen, mussten auf einen anderen Flughafen umgeleitet werden. Sie führten stattdessen nach Leipzig, Dresden oder Hamburg. Dort strandeten auch meine drei Fahrgäste, die ich Montagnacht um 3 Uhr noch am Hauptbahnhof aufgegabelt habe. Mit Koffern wie von einer Großfamilie standen sie verloren auf dem Europaplatz und kamen winkend auf mich zu, als ich gerade auf dem Weg nach Hause war. Bis ich alle Gepäckstücke verstaut hatte, dauerte es einige Minuten. Das Taxi hat eigentlich genug Stauraum, es gilt sogar als Großraumwagen, aber diesmal kam es an den Rand seiner Kapazität. Der letzte Koffer passte nicht mehr rein, er musste schließlich mit auf den Rücksitz.

Während der Fahrt nach Schöneberg erzählten meine Fahrgäste, dass sie gerade aus Bangkok kamen. Sie waren seit 24 Stunden unterwegs und sollten eigentlich schon Stunden vorher in Berlin landen. Da das wegen des Streiks nicht ging, wurde die Maschine nach Hamburg umgeleitet. Dort fuhr aber kein Zug mehr nach Berlin, deshalb mietete die Airline kurzfristig einige Busse, die die Flugpassagiere dann nochmal drei Stunden lang bis zu unserem Hauptbahnhof brachte. Entsprechend gerädert kamen sie hier an.

Nachdem Fahrgäste und Gepäck gut verstaut waren, ging die Fahrt recht schnell durch nachtleere Straßen. Die 18,90 Euro wurden wenig großzügig auf Zwanzig aufgerundet, dann alles ausgepackt und der Feierabend konnte beginnen.

Am nächsten Nachmittag nach dem Aufwachen hatte ich eine SMS von meinem Tagfahrer-Kollegen auf dem Handy: „Schwarze Tasche im Auto gefunden, irgendwas medizinisches.“ Bei meinem Schichtbeginn sah ich dann, dass es sich um ein Infusionsspritzbesteck handelte, vermutlich für den Eigentümer wichtig. Es konnte eigentlich nur von den letzten Fahrgästen stammen. Also fuhr ich auf gut Glück zu der Adresse am Kleistpark, die hatte ich glücklicherweise noch im Kopf. Am Haus las ich 12 Namen auf den Klingelschildern, ich wollte einfach irgendwo klingeln und nach den Thailandurlaubern fragen. Stattdessen öffnete sich aber die Tür und einer meiner Fahrgäste stand vor mir. Als er mich sah, begriff er gleich, dass er großes Glück hatte. Er erzählte kurz, dass er sich täglich spritzen musste und irgendein Messgerät notwendig wäre usw. Auf jeden Fall wäre das alles in der Tasche und er war froh, dass ich ihm das gebracht habe.

Leider vergaß er in seiner Freude, mir für die Fahrt nach Schöneberg ein paar Euro zu zahlen. Aber was macht man nicht alles, um seine Fahrgäste zufriedenzustellen. Außerdem gab es dafür bestimmt wieder einen Punkt auf meinem Karma-Konto. Wer weiß, wozu es gut ist.




Der alte Kreuzberger

Ein Vorteil des Taxifahrens ist, dass man viele unterschiedliche Menschen trifft, darunter manchmal sehr interessante. So war es auch in der vergangenen Woche. Der beleibte Mann war schon älteren Datums, 70 Jahre alt. Er stieg mir vor einem Charlottenburger Theater ins Auto und wollte zum Oranienplatz. Wir kamen schnell ins Gespräch. Immerhin habe ich die ersten 30 Jahre meines Lebens auch in Kreuzberg verbracht, auch danach immer wieder mal für einige Wochen oder Monate. Und der Oranienplatz gehörte lange Zeit dazu. Mehrere besetzte Häuser, in denen ich Anfang der 1980er Jahre gewohnt habe, standen in unmittelbarer Umgebung.

Der alte Kreuzberger erzählte, dass er bereits seit 60 Jahren im gleichen Haus lebt. 1890 hatte sein Großvater gleich nebenan das alte Café an der Ecke zur Naunynstraße übernommen und es „Kuchen Kaiser“ genannt. Nicht, weil er selbst etwa Kaiser hieß, aber mit seinem Namen Fluss hätte er dort höchstens ein Fischgeschäft eröffnen können. Ende der 1950er Jahre musste das Café schließen, statt Kuchen wurden dort fortan Küchen verkauft. Seit 1998 ist in den Räumen ein Restaurant, das den Namen übernommen hat.

Der Mann erzählt vom ehemaligen Kaufhaus C&A an der Ecke zur östlichen Oranienstraße, das derzeit zu einem 4-Sterne-Hotel ausgebaut wird. Wir sprachen über die Hausbesetzerbewegung und was sie bewegt hat. Über die Architektur, darüber dass der nahe Moritzplatz vom Kreisverkehr zur Kreuzung umgebaut werden soll und auch, dass der Oranienplatz die gleiche Struktur hat wie der Savignyplatz (weil er auch vom selben Stadtplaner entworfen wurde). Der Oranienplatz war mal Teil eines Kanals und auch durch den Savignyplatz sollte einst einer gebaut werden.

Er erzählte vom Pfarrer der St. Thomas-Kirche, vom Rauchhaus, zu einigem konnte ich eigene Erinnerungen zusteuern. Natürlich sprachen wir auch über die Gentrifizierung und den Widerstand dagegen, über einstige Autobahnpläne in Kreuzberg, über einiges, was letztlich nicht realisiert wurde.

Die Fahrt war leider viel zu schnell zu Ende. Aber sie war emotional, lehrreich und interessant. Früher gab es ja im Kiez viele Bewohner, die dort seit Jahrzehnten lebten. Auch meine Mutter und Oma gehörten dazu, seit 50 Jahren auch die türkischen Immigranten. Mittlerweile sprechen die typischen Kreuzberger Englisch oder Spanisch, sogenannte Alteingesessene gibt es nicht mehr viel. Es macht deshalb Spaß, wenn man mal wieder einen trifft, der schon sein ganzes langes Leben in diesem Kiez wohnt und sich noch immer für die Entwicklung vor seiner Haustüre interessiert.




Ich, Taxi-Diktator

Es gibt Gegenden, da findet man keinen Taxi-Fahrgast. Dort wohnt niemand, da sind keine Restaurants oder Clubs, nicht mal Firmen. Die Heidestraße in Moabit ist solch ein Ort. Bisher standen hier Lagerhäuser, auf der anderen Seite war ein Containerbahnhof, aber das ist alles längst abgerissen. Hier entsteht in den nächsten Jahren der neue Stadtteil „Europa-City“, aber bis dahin fährt man hier einfach nur durch.
Außer, man hält an der Tankstelle. So wie ich, morgens um 2.30 Uhr. Als ich fertig war und gerade wieder auf die Straße rollen wollte, standen tatsächlich drei Leute an Rand und winkten mich: „Sie sind frei?“ Eine der unsinnigsten Fragen eigentlich, wenn das Taxischild beleuchtet ist, aber sei’s drum. Im Auto sagte der junge Mann neben mir, dass sie zur Gerichtstraße fahren wollten. Von hinten kam Widerspruch: „Nein, wir fahren nach Kreuzberg, man!“
Es entspann sich ein Streit zwischen der Wedding- und der Kreuzberg-Fraktion, wobei ich natürlich aus rein egoistischen Gründen den Kreuzbergern den Sieg wünschte, denn dorthin war der Weg länger. Aber soweit war es noch lange nicht.

Erstmal wurden Argumente ausgetauscht. In der Gerichtstraße wäre vielleicht gar nichts mehr los, im SO36 aber auf jeden Fall noch. Andererseits soll dort Hubert am Tresen stehen und dem wollte man ja nun wirklich nicht begegnen. Allerdings ist Kreuzberg näher an Neukölln, wo sie offenbar wohnten. Annemarie dagegen wartete schon seit Stunden im Wedding, dass sie endlich ankommen würden.

Die salomonische Lösung, eben diese Annemarie entscheiden zu lassen, schlug leider fehl – sie ging nicht an ihr Handy. Also ging die Diskussion wieder los. Ich mischte mich ein und sagte, dass ich nun das Taxameter anschalten werde, weil das ja alles von meiner Arbeitszeit abgehe. Das wollten sie nun alle drei nicht. Andererseits war auch keine Lösung in Sicht. Deshalb probierte ich etwas anderes:
„Mein Taxi, ich bestimme, wohin es geht!“ Tatsächlich protestierte niemand, so dass wir endlich losfahren konnten. Und zwar nach Kreuzberg. Offenbar hatte ich die Wirkung meiner Worte unterschätzt, denn nach ein paar Minuten fragte mich die Frau von hinten: „Das war aber aber schon ganz schön diktatorisch, oder?“
Ich stimmte ihr zu und verglich das mit einer Familie: „Wenn die Kinder zanken, müssen die Eltern eben mal dazwischen gehen und entscheiden. Mag sein, dass das diktatorisch ist, aber manchmal funktioniert Demokratie eben nicht.“
Dann klingelte bei ihr das Handy, am anderen Ende war Annemarie. Sie wollte nur bescheid sagen, dass sie nun nach Kreuzberg zum SO36 fährt und meine Fahrgäste sollen doch dort hinkommen.
Na prima, dann hab ich ja alles richtig gemacht :-)




Rauf und runter im Taxi

Es gibt so Tage. Ewig keine Fahrgäste, dann nur kurze Touren, ätzende Kunden und/oder Kollegen. Mittendrin überlegt man, wie man das möglichst schnell beenden kann. Einfach Feierabend machen oder tapfer durchhalten, weil es ja auch wieder in die andere Richtung gehen kann? Hundertmal erlebt diese Situation und meistens entscheide ich mich für die zweite Version, auch wenn das nicht immer erfolgreich war. Der Frust wird dann nur noch größer. Aber man muss das hinnehmen. Klar, man kann die Taktik ändern, auf der Suche nach Fahrgästen rumfahren, statt an der Halte zu warten. Aber dann sieht man nur die vielen anderen leeren Taxis vor einem und ärgert sich, dass man den Taxistand verlassen hat.

Dieser Abend war wirklich nicht gut gelaufen, aber sowas habe ich auch noch nie erlebt: Gleich drei Fehlfahrten hintereinander! Nach einer Dreiviertelstunde an der Taxihalte kommt endlich ein Auftrag, ein Hotel in der Lietzenburger Straße. Dort angekommen sagt der Fahrgast, dass sie aber nicht zu fünft sind, sondern sieben Fahrgäste, er hätte das falsch bestellt. Er will auch noch, dass ich ihm ein größeres Taxi rufe, entschuldigt sich nicht mal, dass er sich bei der Bestellung geirrt hat. Nein danke. Ich fahre wieder zurück.

Der nächste Auftrag nach einer halben Stunde, ein Restaurant in der Schlüterstraße. Als ich ankomme sehe ich noch ein anderes Taxi wegfahren. Der Wirt sagt, die Fahrgäste würden draußen warten. Das taten sie aber nicht mehr, sie haben sich einfach ein anderes Taxi gewunken. Vielen Dank!

Dann fuhr ich eine Weile in der City West herum. Kudamm hoch, Kantstraße runter. An der Ecke zur Uhlandstraße wieder ein Auftrag, ein Hotel in der Hardenbergstraße, eine Minute entfernt. Die Fahrgäste stehen schon draußen, wollen nach Prenzlauer Berg. Oder Friedrichshain. Oder Kreuzberg. Sie beginnen zu streiten, schreien sich an. Und verschwinden wieder im Hotel. Nach fünf Minuten Warten ziehe ich ab, seit zwei Stunden keine Kunden mehr. Meine Lustkurve hat den Nullpunkt weit unterschritten. Was ist bloß los heute, haben bei Vollmond wirklich alle eine Klatsche?

Nach drei Fehlfahrten kommt wieder ein Auftrag. Nun habe ich nun aber eine ordentliche Fahrt verdient, denke ich. Fünf Minuten später fahre ich von der Fasanenstraße zur Bleibtreu, fast 7 fette Euro. Bevor ich aber noch frustrierter werden kann, kommt ein Mann auf mich zu: „Kennen Sie die Nalepastraße?“ Aber ja! Es geht nach Schöneweide, eine 30-Euro-Tour, sehr schön. Kaum habe ich ihn dort abgeliefert und mir bei der Gelegenheit mal das alte DDR-Rundfunkgelände angeschaut, kommt das nächste Angebot: Köpenicker Chaussee, nur zwei Kilometer entfernt. Dort angekommen steht ein Pärchen mit viel Gepäck am Straßenrand. Während wir es einladen, erscheint ein weiteres Taxi. Der Kollege ruft: „Hey, das sind meine Fahrgäste!“ Es kommt manchmal vor, dass Kunden doppelt bestellen, mal aus Versehen, weil beide denken, er/sie sollte sich drum kümmern. Oder aber, wie in diesem Fall, weil der erste bestellte Wagen einfach nicht kommt. Diesmal war es genauso und wie sich herausstellte, hatte der Kollege den Auftrag schon 20 Minuten vorher erhalten, aber die Adresse nicht gefunden. Dass sein Auftrag storniert und an mich neu vergeben wurde, hat ihn nicht interessiert. Er brüllte mich an, dass ich ein Schwein sei und dass das Konsequenzen haben würde. Nun mischten sich meine Fahrgäste ein, dass sie nach der zweiten Bestellung nur vier Minuten gewartet hätten und auch gar keine Lust haben, mit einem so aggressiven Fahrer mitzufahren. Schließlich fuhr ich mit ihnen zum Flughafen Tegel, knapp 40 Euro. Ich war zufrieden, aber es kam noch besser.

In Tegel stelle ich mich nicht hin, man steht dort als 400. Wagen oder noch weiter hinten, ohne eine realistische Aussicht auf eine wirklich gute Fahrt. Also cruiste ich Richtung Charlottenburg und auf der Kantstraße kam der Auftrag zur Knesebeckstraße, fünf Personen. Die wollten nach Teltow, sagten sie, Zehlendorfer Damm. „Der ist aber in Kleinmachnow“, korrigierte ich. „Egal, wir wollen da in ein Hotel.“ Tatsächlich gibt es dort das „nh-Hotel Berlin-Potsdam“. Es ist zwar weder in Berlin, noch in Potsdam, aber eben auch nicht in Teltow. Aber schön weit weg, genau 38 Euro weit. Es war eine lustige Fahrt mit lauter und lauten Chinesen, mehrmals wurde meine Fahrweise gelobt, obwohl ich den Grund dafür nicht so ganz verstand.

Schließlich wollte ich danach wieder in die Innenstadt, da meldete sich der myTaxi-Alarm. Nur ein paar Straßen weiter, ein Restaurant an der Clayallee. Die junge Frau mit schlafendem Baby wollte „nur noch nach Hause“, nach Mitte. Ich freute mich über die wieder sehr weite und lukrative Fahrt und darüber, dass ich vorhin durchgehalten habe.

Es ist beim Taxifahren eben wie im richtigen Leben: Mal hoch und mal runter.




Ein Cowboy kennt keinen Schmerz

Ich fahre ein Taxi, in dem ich fünf Personen mitnehmen kann. Eigentlich würden sogar sechs Fahrgäste reinpassen, der zusätzliche Sitz ist vorhanden. Warum es aber nur für 5 Kunden zugelassen ist, weiß ich auch nicht. Bei der Tour jetzt war ich aber dankbar, dass es nur fünf Personen waren.
Natürlich kann man sich denken, wie Gäste drauf sind, die man mitten in der Nacht in einer Karaoke-Bar abholt: Entweder sturzbesoffen oder gnadenlos fröhlich. Meine fünf Damen, alle längst im Rentenalter, gehörten zur zweiten Gruppe. Anfangs dachte ich noch: „Zum Glück“. Aber fünf kotzende Seniorinnen wären vermutlich auch nicht schlimmer gewesen als das, was nun auf mich zukam.

Es ging ins Westend. „Bessere“ Gegend, die Leute hier sind vielleicht keine Millionäre, haben aber Geld.
Kaum im Auto, ging es los mit den Gesängen. Eine fing an, die anderen stimmten ein, aber alle sangen falsch und auch noch zeitlich versetzt. Glauben Sie mir: Bei fünf singenden Röhren ist das kaum auszuhalten! Und dann kam ihr Lieblingslied: „Ich will ’nen Cowboy als Mann.“ Und das ging Kilometer um Kilometer so weiter, nur unterbrochen von „Voyage, voyage“. Gut Französisch sprach keine von ihnen, entsprechend grausam klang das Lied.

Das Gegacker und Gekreische wurde immer lauter, dann kam wieder der Cowboy und plötzlich hieß es „Ich will ’nen Taxifahrer als Mann“. Die Dame neben mir legte eine Hand auf meinen Oberschenkel und wollte mir einen Kuss geben, schrecklich. Ich wehrte beides ab, aber die geballte Frauschaft hatte mich als Ziel ihres akustischen Angriffs ausgewählt. Von hinten kam zwischen den Sitzen eine Frauenhand, die mir an die Brust fassen wollte. Als ich laut und wirklich sauer „Jetzt hören Sie auf damit!“ rief und auf die Bremse ging, meinte die Frau neben mir „Ach, wenn es nur eine Frage des Geldes ist, das ist überhaupt kein Problem.“ Alles lachte. Aaargh…

Dann gings von hinten wieder los mit dem Cowboy und ich war heilfroh, dass wir kurz darauf in der Straße ankamen. Dort wohnen sie offenbar alle im gleichen Altenheim, denn nachdem sie bezahlt hatten und ausgestiegen waren, lief die Gruppe gemeinsam durch das große Tor, laut singend „Ich will ’nen Cowboy als Mann“.




Nachts am Savigny

Älteren Taxifahrern ist die Dicke Wirtin, das Schell und dpa am Savignyplatz noch ein Begriff. Und natürlich der Zwiebelfisch, das Gasthaus, in das man heute noch schaut, wenn man mit dem Taxi auf der Nachrücke steht. Dort herrscht noch eine Ahnung von der West-Berliner 70er-Jahre-Studentenzeit. Abends um 22 Uhr ist der Laden fast voll, selbst mitten in der Woche.

Aber auch die Lokale und Restaurants rund um den Platz brauchen sich über mangelnden Zuspruch nicht zu beklagen. Viele Geschäfte, Mode- und Designer-Möbel, sind schon ewig hier, Inventar des Platzes. Im Funk wird der Savignyplatz oft angesprochen, deshalb stellen sich viele Kollegen hier auf. Hinter den 10 offiziellen Standplätzen sieht man abends oft noch 5, 6 weitere Taxis warten. Hier werden vor allem die Gäste der umliegenden Restaurants bedient. Die hohe Frequentierung des Halteplatzes hinterlässt ihre Spuren, nur ruckelnd geht es über Querrillen im Asphalt weiter, die Tausende von Taxireifen in heißen Sommertagen geschaffen haben. „7 Taxen“ steht auf dem Schild am vorderen Halteplatz, doch mehr als sechs passen nicht drauf.
Gegenüber hat ein winziger Imbiss in einem ehemaligen Zeitungskiosk eröffnet, aber um diese Zeit ist er leider verrammelt. Die Wurst soll hier sehr gut sein und man bekommt sie mit Sekt serviert. Also nichts für Taxifahrer. Dafür leuchtet im Dach des Kiosks eine Bahnhofsuhr. Auch schön.

Der Savignyplatz hat nachts eine eigene Atmosphäre, wenn nicht mehr so viel Autos durch die Kantstraße fahren. Auch als Taxler kann man ein paar Minuten durch den kleinen Park spazieren, seinen Wagen immer im Blick. Gruppen und einzelne Passanten durchqueren den Park auf ihrem Weg von der S-Bahn in die Bar oder retour. Manche entschließen sich erst hier, doch lieber ein Taxi zu nehmen, als auf die Bahn zu warten.

Morgens um 1 Uhr ist der Zwiebelfisch noch immer belebt. Ein schmutziger junger Mann schleicht die an den Laternenmasten hängenden Mülleimer ab, steckt den Arm hinein und zieht ihn enttäuscht wieder heraus. Nichts Verwertbares dabei. Eine alte Frau, aufgedonnert im weißen Pelzmantel, hat am Arm ihren Gatten im hellen Anzug mit passendem Hut. So etwas sieht man hier nur noch selten. Sie bleiben am Taxistand stehen und diskutieren. Dann ziehen sie doch weiter, stellen sich an die Bushaltestelle.
Also weiter warten, bis die Zentrale ruft: „Wer steht Savigny?“.




Himmelsdamen gegen rechts

Der Taxi-Auftrag lautete: 5 Personen aus der Fasanenstraße abholen, die Fahrt geht in den Prenzlauer Berg. Fünf Leute, kein Problem, solange sie kein Gepäck dabei haben. Hatten sie auch nicht. Insgesamt waren drei Wagen bestellt.

Bei meiner Ankunft kam einer der Kollegen aus dem Restaurant: „Ha, ha, so viele Frauen in Burkas habe ich noch nie gesehen.“ Tatsächlich sieht man in Berlin ja wenige, die eine Burka oder ähnliches tragen. Da wird von interessierter Seite oft übertrieben und Panik gemacht.

Als die Ladys endlich rauskamen, musste ich aber erstmal lachen: Es waren eher keine Burkas, die sie trugen, sondern Habits, also Nonnentrachten. Ich hatte fünf gestandene katholische Nonnen zu fahren, alle schätzungsweise zwischen 70 und 80 Jahre alt. Das Alter war in diesem Fall schon ein Problem. Nicht nur weil alle ziemlich beleibt waren, was auf der Rückbank zu Platznot führte. Eine von ihnen musste aber auch noch auf den Not-Klappsitz, der sich im Kofferraum befindet. Eingestiegen ist dann die offensichtlich jüngste von ihnen. Sie wollte erst durch die Kofferraumklappe steigen, aber ich zeigte ihr den Weg durch die hintere Seitentür. Trotzdem muss man da schon ein bisschen beweglich sein. Was sie nicht war.

Als alle auf ihren Plätzen saßen, sammelte ich vier Krückstöcke ein, legte sie hinten ins Auto und los ging es. Die meisten von ihnen waren das erste Mal in Berlin und entsprechend aufgeregt. Sie kommentierten alles Mögliche, die breiten Straßen, die vielen Autos, die Lichtinstallation an der Siegessäule, die Lautstärke der Stadt (wobei die Damen kaum weniger laut waren). Es war wie ein Hühnertransport, aber lustig. Immer wieder musste ich Fragen beantworten. Zum Beispiel danach, wie oft mir schon ins Taxi gekotzt wurde (Antwort: „Noch nie“), ob ich keine Angst hätte, nachts allein im Auto zu fahren („Nein, gefährlich ist es ja höchstens, wenn ich nicht allein bin.“) und wirklich: Wie ich Gruppen wie diese seelisch verkraften würde („Dazu sage ich jetzt lieber nichts!“).

Interessant wurde es, als wir Moabit durchquerten. Plötzlich war überall Polizei und Blaulicht. Ich erzählte den Nonnen, dass es sich hier wohl um die wöchentliche Demo von Rechtsextremisten handele und es sein könnte, dass wir gleich ein paar Minuten warten müssten. Die Reaktion der Nonnen war bemerkenswert: „Wir sollten aussteigen und dagegen protestieren. Man darf doch solche Leute nicht in Ruhe demonstrieren lassen.“ Alle stimmten zu. Sie diskutierten wild durcheinander und ich malte mir bereits aus, neben fünf schimpfenden Nonnen zu stehen, die mit ihren Krückstöcken drohen. Leider wurden wir aber von der Polizei weggeschickt und mussten weiterfahren. Den Rest des Weges wollten sie von mir mehr über diese Demos wissen. Und auch, was ich dagegen machen würde. Es war eine tolle Fahrt.

Im Prenzlauer Berg angekommen dauerte das Aussteigen einige Minuten, von allem die Dame vom hintersten Rücksitz musste ich vorsichtig nach vorn ziehen und ihr beim Aussteigen helfen. Dann ging es ans Bezahlen. Die 26 Euro beglichen sie mit zwei 20ern und den Worten, die ein Taxifahrer gerne hört: „Stimmt so!“ Und: „Es war sehr nett, mit Ihnen zu fahren. Leider müssen wir morgen schon wieder weg, sonst würden wir Sie gleich wieder buchen.“ Na ja, vielleicht ja ein andermal. Oder im Himmel, wer weiß.

 




Gut aussehende Männer

Von Frauen hört man ja immer wieder, dass die schönsten Männer meistens schwul sind. Oder merkwürdig. In meiner letzten Nachtschicht hatte ich jedenfalls gleich dreimal das Vergnügen, wirklich sehr gut aussehende Männer zu fahren, alle Mitte Zwanzig und jeweils auf ihre Art irgendwie merkwürdig. Und wenigstens zwei von ihnen waren auch schwul.

Es begann gegen 23 Uhr, ich stand an der Taxihalte Moritzplatz in Kreuzberg. Das wasserstoffblonde Bulimieopfer schwebte ins Auto und wisperte: „Kennen Sie das SO 36?“
„Aber natürlich“, antwortete ich. Es war eine blöde Frage, es gibt in Kreuzberg sicher keinen Taxifahrer, der den Laden nicht kennt. Aber das wusste er vielleicht nicht. Und er glaubte es mir auch nicht.
„Da möchte ich hin. Und jammern Sie mir bitte nicht die Ohren voll, dass es eine zu kurze Strecke ist. Sie haben die Pflicht, mich da hinzufahren, hören Sie?“
„Ich habe nichts dagegen gesagt, wieso unterstellen Sie mir das?“
„Ach, jetzt werden Sie auch noch frech, oder was? Der Kunde ist König, haben Sie das schon mal gehört?“
„Ich bin kein Monarchist.“
„Sie sind mir ja ein ganz Schlauer. Wo fahren Sie überhaupt hin? Ich wollte zum SO 36!“

Tatsächlich war ich bereits losgefahren, hatte den Moritzplatz umkreist und war auf dem halben Weg zum Oranienplatz – also genau auf dem richtigen Weg.
„Das SO 36 ist geradeaus, Oranienstraße 190. Ich weiß schon, wo ich lang fahre.“
„Das stimmt nicht, wir müssen in die andere Richtung. Was machen Sie denn? Das zahle ich nicht, hören Sie!“
Ich hab mich davon nicht beeindrucken lassen und bin geradeaus weitergefahren. Kurz hinter der Adalbertstraße aber rief er: „Halt!“
Er ließ das Fenster runter und rief eine Frau heran, die er offenbar gut kannte. Was sie miteinander besprachen, verstand ich nicht, es war wohl polnisch. Die Dame stieg dann ebenfalls ein und wir fuhren weiter. Am Ziel angekommen war das SO 36 jedoch geschlossen: „Hier ist ja gar nicht los, sagen Sie mal.“
„Dafür kann ich doch nichts“.
„Das hätten Sie mir aber sagen müssen. Erst mich hier hinfahren und dann ist alles zu. So geht es ja wohl auch nicht.“

Jetzt reichte es mir. In ziemlich unfreundlichem Ton drehte ich mich nach hinten und machte ihm klar, dass ich nicht für seine Freizeitplanung verantwortlich sei. Er müsste sich schon selber darum kümmern, wohin er wollte.
Als er gerade tief Luft holte, um wieder zu einer verbalen Explosion auszuholen, reichte mir seine Begleiterin einen Zehner nach vorn, sagte „stimmt so“ und schob den Mann aus dem Auto. Ich war froh, ihn los zu sein.

Eine Stunde später winkte mich ein hübscher junger Mann in engen Hosen auf der Hofjägerallee im Tiergarten, genau auf Höhe der sogenannten Tuntenwiese. Im Sommer sieht man hier manchmal hundert nackte Männer liegen, sicher aber nicht mitten in der Nacht bei unter zehn Grad. Daneben befindet sich das Gay Cruising Areal.
In schlechtem Deutsch gab er mir zu verstehen, dass er in die Bülowstraße wollte. Natürlich hatte ich während der Fahrt die Fenster geschlossen, dadurch roch ich jedoch den intensiven Gestank von Poppers. Das ist eine Chemikalie, die sich manche Männer unter die Nase reiben, wenn sie ihre Geilheit noch verstärken wollen. Bei mir hat es die Wirkung, dass mir davon schlecht wird. Aber egal, es ging ja nur um wenige Minuten Fahrt.
Hinterm Nollendorfplatz wollte ich die Hausnummer in der Bülowstraße wissen, aber was er sagte, verstand ich nicht. Deshalb hielt ich erstmal am Rand. „Hier“, sagte er dann. Ok.
Das Taxameter stand auf 7,10 Euro und er begann, seine Taschen zu durchsuchen. Hose, Hemd, Jacke, Hemd, Jacke innen, Hose. Dann stieg er aus. Zwar machte der Mann einen ziemlich verpeilten Eindruck, ich befürchtete aber nicht, dass er wegrennen wollte. Ich stieg nun ebenfalls aus und kam auf seine Seite. Systematisch durchsuchte er nochmal alle Kleidungsstücke. Aus seiner Jackentasche holte er ein Töpfchen mit Gleitcreme sowie eine kleine Flasche mit dem Poppers. Mehr nicht.
Die Hosentaschen zog er sogar nach außen. Als er sogar seinen Reißverschluss aufmachte, sagte ich, dass das sicher kein Geld drin wäre.
Er schaute mich ziemlich verzweifelt an.

„Sie haben also kein Geld, ja? Und was nun?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Wieso winken Sie sich dann ein Taxi?“
„Verloren“, sagte er, „zurück, suchen!“
Natürlich hatte ich keine Lust, ihn nun auch noch zurück in den Tiergarten zu fahren, damit er dort nach seinem Geld suchen könnte. Deswegen die Polizei zu rufen, erschien mir aber auch übertrieben, also verabschiedete ich ihn mit „Good bye“, stieg ins Taxi und trug den Betrag als Fehlfahrt ein. So brauche ich ihn wenigstens nicht abrechnen.

Etwa um 1 Uhr kam dann ein Funkauftrag, ein teures Hotel in der West-City. Der Mann kam mit einem Koffer und einer großen Tasche aus dem Hotel. Sowas ist ungewöhnlich, normalerweise checkt man um diese Zeit nicht aus. Aber während der Fahrt zum Flughafen Tegel erklärte er mir im breitesten US-Südstaaten-Englisch, dass er immer sehr früh am Flughafen sein wolle. Er hätte Angst, im Hotel nicht rechtzeitig geweckt zu werden und deshalb seinen Flug zu verpassen. Außerdem würde er dann immer wieder mal was vergessen, wenn er so hektisch sei. Dann doch lieber so.
Gerade als er das erzählte, klingelte mein Telefon: Die Funkzentrale fragte, ob ich den Herrn Right im Auto hätte. Ich möchte doch bitte zum Hotel zurückfahren, dort liegt noch seine Kreditkarte.
Als ich ihm das erzählte, mussten wir beide sehr lachen. Frühes Losfahren nützt offenbar auch nichts.

Schließlich kamen wir bei 26 Euro am Flughafen an, fünf Stunden vor seinem Abflug. Als ich die Kreditkartenabrechnung machte sagte er: „Ten Euro Tipp!“
Zehn Euro Trinkgeld, weil ich so „nice“ bin, sagte er. Dabei lächelte er so verführerisch, dass ich schon fragen wollte, ob ich nicht mitkommen dürfte.
Ich hab‘s dann aber doch nicht gemacht und fuhr stattdessen zum Feierabend nach Hause.




Asoziale

Es sind Leute, die ich am liebsten gar nicht im Taxi mitnehmen würde. Sie sind meist in Kleingruppen, laut und eklig. Ihre Anzüge, ihre Rolex, sind ihr zur Schau getragener Beweis, dass sie reich sind. Arrogantes Auftreten ist für sie normal. Sie schmeißen sich auf den Rücksitz und geben im Befehlston das Fahrziel bekannt. Sie fragen nicht, ob sie die Fenster öffnen dürfen, sondern tun es. Da diese bei mir im Taxi aber wegen der Klimaanlage blockiert sind, bellen sie nach vorn, damit ich sie öffne. Sie lästern sehr gerne über irgendwelche „Prolls“, die Frauen unter ihnen lachen dann kreischend. Dabei sind sie allesamt wesentlich prolliger, als wirkliche Proleten.

Andere Menschen sind ihnen egal, das beweisen sie in jedem Satz. Herrenmenschen, die sicher auch Sklaven halten würden, wenn das nicht verboten wäre.

Ihr heimliches Hauptquartier ist die Newton-Bar am Gendarmenmarkt. Hier sind sie gerngesehene Gäste, das Personal habe ich ähnlich arrogant erlebt wie diese Champagner saufenden Gäste. In Sommernächten stehen sie draußen, blockieren mit 100, 200 Leuten den Gehweg und die Straße, teilweise kommen die Autos nicht mehr durch. Die Polizei tut nichts dagegen. Wie würde sie wohl reagieren, wenn es nicht Reiche wären, sondern Obdachlose, Punks oder türkische Jugendliche? Sicher nicht so tolerant.

Es mag sein, dass ich gegen solche Schnösel Vorurteile habe. Aber diese wurden mir einfach schon viel zu oft bestätigt.

Letzte Nacht hatte ich nun wieder vier von denen im Taxi, sie stiegen mir ganz in der Nähe ins Auto. Die Newton-Bar war ihnen zu voll, sie wollten in eine andere, wussten aber nicht, in welche.

„Bring uns mal zu einer vernünftigen Bar, aber nicht so eine abgeranzte!“

„Wieso duzen Sie mich?“, fragte ich, obwohl mir der Grund wohl bewusst war. In seinen Augen war ich offenbar niemand, der man siezt.

„Mein Gott, Sie sind aber empfindlich.“

Ohne weiter zu diskutieren fuhr ich los. Ich erzählte auf dem Weg, dass es ja in Mode sei, schicke Bars hinter bemalten Fassaden zu betreiben. Das gefiel ihnen.

Schließlich ließ ich sie direkt bei der Kadterschmiede raus, der Autonomenkneipe in der Rigaer Straße. Hoffentlich hat es ihnen da gefallen. Aber Champagner und teure Cocktails bekamen sie dort sicher nicht.




Lotsenfahrt

Es kommt vor, dass Taxifahrer gebeten werden, Lotsenfahrten zu machen. Man bekommt die Zieladresse und fährt dann vor demjenigen her, der sich in der Stadt nicht auskennt. Meist sind das LKW-Fahrer, ich hatte aber auch schon einen Reisebus und sogar einen Rettungswagen.

Man muss dann immer aufpassen, dass man den Hinterherfahrenden nicht verliert, also nicht mehr bei Gelb über die Kreuzung fahren und ähnliches. In Zeiten vom Smartphone und Navigationssystem sind diese Fahrten leider selten geworden. Weil Berlin aber auch die Hauptstadt der Baustellen ist, verlassen sich manche Autofahrer nicht auf’s Navi, sondern fragen lieber den Profi.

Ich war gerade in Treptow tanken, als mich der Beifahrer eines Lieferwagens aus Sachsen ansprach. Er müsste zu einem bestimmten Hotel in Tiergarten, ob ich ihm den Weg erklären könnte. Ich konnte. Aber in Berlin führen die meisten Routen nicht nur geradeaus, was das Erklären, bzw. das Merken, schwierig macht. Nach zwei Minuten Erklärungsversuch sagte er, dass er sich das niemals merken könnte. Stattdessen bat er mich, ihm dorthin voraus zu fahren.

Das tat ich auch, nach einer Viertelstunde kamen wir am Hotel an. Einer der beiden zahlte die Tour. Ich zeigte ihm den Weg zum Parkhaus. Er meinte aber, dass sie hier ja nur einen Fahrgast abholen und dann zurück fahren würden.
„Einen Fahrgast?“, fragte ich, weil es kein Kleinbus war, sondern ein Lieferwagen.
„Ja!“, lachte er und zeigte auf die winzige Aufschrift auf der Tür: „Bestattungshaus Hoffmann“.




Frischling

Ich erinnere mich noch an meine erste Fahrt als Taxifahrer, das war vor 20 Jahren. Kottbusser Tor zum Lietzensee, zwei alte Damen. Als sie gehört hatten, dass ich ein Frischling bin, waren sie voll des Lobes für mich. Ich hatte für den ersten Fahrgast eine kleine Flasche Sekt dabei, die ich ihnen noch überreichte. Sie gaben mir ein gutes Trinkgeld und viele gute Wünsche.

Gestern nun war einer der seltenen Gelegenheiten, dass ich mal als Taxikunde unterwegs war. Ich finde es sehr interessant, „incognito“ unterwegs zu sein, mich also erstmal nicht als Taxifahrer zu outen. Man kriegt seine Kollegen ja sonst nur an der Halte oder in der Firma mit, nicht aber im Taxi.
Die Fahrt vom Neuköllner Gewerbegebiet nach Mariendorf war nicht besonders spektakulär oder schwierig, trotzdem wunderte es mich, dass der Kollege erstmal wendete und losfuhr. Dabei hatte ich ihm nicht nur die Zieladresse gesagt, sondern auch „über die Späthstraße“ – die aber war in der anderen Richtung. Gleichzeitig gab er die Adresse in sein Navi ein und wollte direkt in die Autobahnbaustelle Grenzallee fahren.

Ich stoppte ihn erstmal unfreundlich und sagte, dass ich bitte über die Späthstraße fahren möchte, das hatte ich ihm doch schon beim Abfahren gesagt. Und die derzeitige Route führt nun ganz woanders hin. Er reagierte ziemlich kleinlaut und während ich ihn auf die Autobahn lotste, um an der nächsten Ausfahrt wieder runter zu fahren, stammelte er, dass es sein erster Arbeitstag sei. Es stellte sich heraus, dass er erst seit drei Stunden Taxi fuhr, ich war sein vierter Fahrgast und er kommt aus einer ganz anderen Gegend.

Ich war nun besänftigt und gab ihm einige Tipps. Zum Beispiel, dass es wenig sinnvoll ist, erstmal in irgendeine Richtung loszufahren. Man sollte klar sagen, wenn man das Ziel oder die Strecke nicht kennt und erstmal nachschauen muss. Das zeugt von Souveränität, schließlich kennt sich niemand überall in der Stadt genauso gut aus. Wenn man offen dazu steht, haben die meisten Fahrgäste Verständnis dafür, das kenne ich aus eigener Erfahrung gut.

Am Ziel angekommen wollte ich mit EC-Karte zahlen. Ich hatte extra ein entsprechendes Taxi bestellt. Es stellte sich aber raus, dass er mit dem Gerät überhaupt nicht klar kam, sein Chef hatte ihm keine Einweisung gegeben. Auch ich kannte sein System nicht und wusste nicht, wie man es bedient. Ich hatte den Eindruck, dass es nicht mal vollständig konfiguriert war. Zum Glück hatte ich genügend Bargeld dabei.
Mein letzter Tipp war noch, dass er sich alles aufschreiben sollte, was er nicht wusste und dann sollte er es sich von seinem Chef erklären lassen. Im Taxi ist man schließlich allein auf sich gestellt und sollte die Technik kennen.

Zum Schluss machte ich ihm noch Mut und wünschte ihm für den Job alles Gute. So wie damals die beiden alten Damen mir gut zugeredet hatten. Und ein gutes Trinkgeld bekam er ebenfalls.




Verkehrsrowdys

Dass Polizisten per se keine guten Menschen sind, ist bekannt. Zu oft hat man von Prügelexzessen gehört, selbst gegen wehrlos am Boden liegende Menschen. Ungerechtfertigte Polizeigewalt ist noch immer an der Tagesordnung. Mir selbst wurde bei einer Razzia von Polizisten der Reisepass gestohlen, der später in der Drogenszene wieder auftauchte. Dass sich viele von denen mehr Rechte rausnehmen, als sie Normalbürgern zugestehen – zigmal erlebt.

Während meiner letzten Schicht gestern Nacht: In der Spur neben mir fährt ein Zivilwagen der Polizei, davor ein Taxi. Als das Taxi bremst, weil die Ampel auf Gelb schaltet, bedrängt ihn der Polizeifahrer mit der Lichthupe, dann zieht er auf die Nebenspur und steht vor mir.

Als es Grün wird und das andere Taxi losfährt, bleibt der Polizeiwagen noch einen Moment stehen und fährt dann sehr langsam weiter. In der Stromstraße sind 30 Stundenkilometer erlaubt, er fährt jedoch zwischen 10 und 20 km/h, bremst mich mitten auf der Strecke sogar zweimal aus. Weil mit das zu albern wurde, überholte ich ihn und scherte vor ihm wieder in seine Spur ein. Nicht um ihn zu ärgern, sondern weil das andere eine Abbiegespur war.

Der Fahrer gab nun seinerseits Gas, zog an mir vorbei und drängte direkt vor mir wieder in meine Spur, so dass ich eine Vollbremsung machen musste, um ihm nicht ins Auto zu fahren. Danach begann wieder das Spiel von vorher, langsam vor mir her fahren. Da ich solch ein Theater nicht mitmachen wollte, bog ich bei der nächsten Gelegenheit ab. Daraufhin beschleunigte er und fuhr weg.

Man braucht sich über die zu nehmende Aggressivität im Straßenverkehr nicht wundern, wenn staatlich bezahlte Verkehrshooligans ein solches Vorbild geben. Wäre es anders herum gelaufen, hätte ich mir mit Sicherheit eine Anzeige eingefangen. Wenn ich den Fahrer aber anzeigen würde, könnte ich mit dem üblichen Verfahren rechnen: Gegenanzeige und sein Kollege tritt als Zeuge auf.
Verständlich, dass viele Menschen ihren Frust gegen die Polizei auch an denen auslassen.




Iron Rocker im Taxi

Ich war Zweiter am Taxistand, Südseite des Hauptbahnhofs. Es war sehr heiß, deshalb stand ich wie der Kollege vor mir neben dem Wagen. Drei Piraten kamen aus dem Bahnhof genau auf uns zu. Zwar hatte keiner von ihnen ein Holzbein, nicht mal eine Augenklappe war zu sehen, aber ansonsten sahen sie wirklich sympathisch aus. Tätowiert, wirre Haare, schwarze T-Shirts mit undefinierbarem Aufdruck, etwas zerfletterte Westen, lässiger Gang.
Dies sah der Kollege vor mir anders, er stammelte was von „Vorbestellung“, zuckte mit den Schultern. Mir sollte es recht sein, so super lief die Schicht bisher nicht. Also kamen die Drei auf mich zu, der Wildeste von ihnen grüßte mit „Moin, moin“ und als ich mit „Ahoi“ antwortete, was das Eis schon gebrochen.

Leider sollte die Fahrt nur nach Mitte gehen, zu einem Hotel an der Leipziger Straße. Aber während der der Fahrt stellte sich heraus, dass sie dort nur kurz einchecken wollten und dann gleich weiter zur Waldbühne. „Kannste einen Moment auf uns warten und dann dahin fahren?“
Na und ob ich das konnte!
Die Truppe war herrlich. Sie kamen gerade aus Hamburg, einer war Maurermeister mit eigener Firma, einer Fischer, der andere Kapitän. Zwar nicht auf einem Piratenschiff, aber immerhin einem Fischkutter. Also nicht so abgehobene Leute, wie ich sie sonst oft im Auto habe und die meist steif wie ein Brett sind.

Es ging zum Konzert von Iron Maiden, und schnell fachsimpelten wir über Musik. Heavy Metal ist zwar nicht meine Priorität, aber allemal besser als z.B. Helene Fischer. Die Fahrten zum Hotel und zur Waldbühne waren klasse. Wir sprachen über meine vielen bisherigen Jobs, dann über ihre. Über Iron Maiden, A.C.D.C. und die Böhsen Onkelz. Über Taxifahrer, die Leute wie sie nicht mitnehmen wollen, über Philosophie und die Gesellschaft. An der Waldbühne angekommen, wollten sie meine Telefonnummer, um mich für die Rückfahrt anzurufen. Normalerweise gebe ich die nicht weiter, in diesem Fall aber sehr gerne. Allerdings sagte ich auch, dass ich bei Konzertende eventuell zu weit weg sein könnte.
Die 34 Euro bezahlten sie mit einem 50-EUR-Schein: „Stimmt so, war ne geile Fahrt!“ Stimmt.

Etwa drei Stunden später kam über Funk der Hinweis, dass das Konzert in der Waldbühne zu Ende sei und Taxi gebraucht würden. Vom Kudamm ist es nicht weit dort hin, nach 10 Minuten war ich da. Hunderte Konzertbesucher kamen mir schon entgegen, aber ich stellte mich erstmal mit ausgeschaltetem Taxischild an den Rand und wartete auf den Anruf. Mehrmals in der Minute fragten mich Leute, ob ich sie mitnehmen könnte, aber ich musste sie enttäuschen. Nach einer Viertelstunde dachte ich, dass meine Fahrgäste wohl doch nicht mehr anrufen und bevor ich gar keine Tour mehr bekäme, brachte ich zwei bayrische Metaller zu ihrem Hotel nach Schöneberg. Kaum hatte ich sie dort ausgeladen, riefen die Piraten an. „Ich brauche aber mindestens 20 Minuten“, sagte ich.
„Kein Problem, wir haben doch noch unser Bier dabei. Und solange brauchen wir sowieso, bis wir vorn sind.“ Na wenn das so ist.

Wir verabredeten uns an der letzten Absperrung. Wieder waren es Hunderte von Menschen, die mir auf der Passenheimer Straße entgegen kamen. Die Reihe der Autos zog sich vom Glockenturm bis zur Heerstraße, da ging nichts mehr. Alle anderen Fahrstreifen waren von Konzertbesuchern gefüllt, die ebenfalls zur Heerstraße gingen und gefühlt jeder Zweite versuchte mich zu bewegen, ihn mitzunehmen.
Natürlich hatte ich die Fackel wieder ausgeschaltet, aber das interessierte niemanden. Als ich an der Absperrung ankam und anhielt, stiegen sofort drei Leute ein. Aber nicht die, für die ich gekommen war. „Ach das ist aber jammerschade“, sagte einer von ihnen, als ich sie wieder rauswerfen musste.

Dann kamen „meine“ Fahrgäste. Ich kenne das ja selbst: Nach einem coolen Konzert ist man aufgedreht und gut gelaunt. So war es auch bei ihnen. Und ihre Stimmung wurde noch besser, als ich an der langen Reihe der Stau spielenden Autos einfach auf der Gegenfahrbahn vorbei fuhr. Es hätte sonst bestimmt eine halbe Stunde gedauert, das wollte ich uns nicht zumuten. Mich wunderte, dass sogar mehrere Taxis in der Reihe standen, anstatt meinen Weg zu wählen. Dann bog ich in die Jesse-Owens-Allee ein und am Olympiastadion vorbei, nach wenigen Minuten waren wir schon am Theodor-Heuss-Platz.

„Ich wusste es, du bist der beste Taxifahrer Berlins!“, lobte mich der Maurer. Der Rest der Rückfahrt war wieder unterhaltsam und kam mir vor, als wären wir nur ein paar Minuten unterwegs gewesen. In Mitte angekommen wollten sie noch gar nicht ins Hotel, sondern irgendwo was trinken. Am Hackeschen Markt zeigte ich ihnen die Bars und wo es zur Oranienburger ging. Am Ende standen rund 30 Euro auf der Uhr. Wieder zahlten sie mit einem Fünfziger und wieder kam das „Stimmt so!“
Insgesamt 36 Euro Trinkgeld für zwei tolle Fahrten – das wünschte ich mir öfter! Als aber drei Stunden später nochmal das Telefon klingelte, war ich bereits zu Fuß unterwegs nach Hause und musste meine Hamburger Piraten enttäuschen.
„Aber wir heben deine Telefonnummer auf, für’s nächste Mal.“
Ja, sehr gerne!




Falsch verbunden

Es kann vorkommen, dass ein Hotel mal überbucht ist. Die Gäste werden dann in der Regel vom Hotel in ein anderes vermittelt, den Transport dort hin übernehmen dann wir Taxifahrer. Aber manchmal wundert man sich schon über diejenigen, die das im Hotel organisieren.

Als ich meine Fahrgäste mitten im Prenzlauer Berg in einer großen Hotelkette abholte, waren sie schon reichlich sauer. Obwohl sie vor Wochen gebucht hatten, war ihr Zimmer an jemand anderes vergeben. An der Rezeption hat man sie lange warten lassen und dann ein Hotel genannt, in dem sie unterkommen würden. Einen Zettel mit Name und Adresse bekamen sie nicht.
Sie nannten mir also den Namen des Hotels, der auch nur einmal in Berlin vorkommt. Es war in der West-City, eine gute 20-Euro-Tour.

Während der Fahrt hatten wir ein angenehmes Gespräch, nach einer Viertelstunde aber fragten mich die Fahrgäste, ob wir denn wirklich noch im Prenzlauer Berg seien. „Nein, schon lange nicht mehr, das hier ist Schöneberg und das Hotel liegt in Charlottenburg“, antwortete ich.
Sie reagierten empört. Der Mann beschuldigte mich, zum falschen Hotel zu fahren. Sie hätten sich schließlich im Hotel versichern lassen, dass sie weiterhin im Prenzlauer Berg unterkommen würden. Jetzt war ich natürlich verunsichert, fuhr rechts ran und ließ mir das genau erklären. Die Aussage im Hotel war eindeutig: Das Alternativhotel liegt im Prenzlauer Berg. Also müsste der Fehler bei mir liegen.

Ich rief bei der Funkzentrale an, über die Freisprecheinrichtung konnten die Fahrgäste mithören. Die Zentrale bestätigte mir, dass das Hotel in Charlottenburg liegt, ein anderes mit ähnlichem Namen kennen sie auch nicht.
Ich ließ mir die Telefonnummer des ursprünglichen Hotels geben und rief dort an. Der Herr am Telefon sagte jedoch, dass er von einem überbuchten Zimmer nichts wisse, den Namen meiner Fahrgäste hätte er noch nie gehört. Meinen Einwand, sie hätten mich ja extra für diese Fahrgäste bestellt, leugnete er. Ich sagte ihm, dass das ja nachprüfbar sei, woraufhin er ohne ein weiteres Wort auflegte. Als ich sofort nochmal anrief, ging niemand ans Telefon.

Nun war klar, dass die Gäste aufgrund eines Fehlers des Hotels oder des Angestellten verarscht wurden. Offenbar wurde kein Hotel in der Nähe gefunden, so dass sie eben in eine völlig andere Gegend vermittelt und über diese Tatsache belogen wurden.

Meine Fahrgäste beratschlagten kurz und beschlossen dann, nun erstmal in das neue Hotel zu fahren und sich am nächsten Tag im ursprünglichen Haus zu beschweren. Sie ließen sich noch meine Telefonnummer geben, falls sie einen Zeugen brauchten.
Ich bin ziemlich verwundert darüber, dass Hotels ihre Gäste dermaßen behandeln. Meinen sie wirklich, in Zeiten von Online-Bewertungen bleibt solch ein Vorgehen geheim?