Sie und Du

Das mit dem Duzen ist so eine Sache. Unter den Taxikollegen ist das “Du” normal, jedoch nicht zwischen Funkzentrale und Taxifahrer. Anders sieht es natürlich im Umgang mit den Fahrgästen aus, da ist das “Sie” Pflicht. Allerdings gibt es viele Kunden, die mich als Taxifahrer duzen. Meist sind das junge Fahrgäste, Studenten oder so. Sie sehen das locker und duzen, auch wenn man wie ich nicht mehr zum Jungvolk gehört.

Die andere Duz-Spezies sind Betrunkene beiderlei Geschlechts. Das ist dann eher unangenehm, zumal sie einem oft auch körperlich näherkommen, an den Arm fassen, mit dem Mund fast bis ins Ohr kriechen. In diesem Fall ist es nötig, deutlich und bestimmt Abstand einzufordern, ich bestehe dann auch auf dem “Sie”, um Distanz zu schaffen. Natürlich muss man die Balance halten zwischen Abweisung und Freundlichkeit. Auch wenn er einem auf die Pelle rückt ist es trotzdem noch ein Fahrgast, der Anspruch auf eine korrekte Beförderung hat. Auf mehr aber auch nicht.

Als Drittes gibt’s den Kumpel-Typen, immer männlich, mittelalt und obwohl sicher nicht vermögend, gibt er immer Trinkgeld. Er ist arbeitslos, Arbeiter, Kleinkrimineller oder erfolgloser Zuhälter. Und er lässt einen spüren, dass er die Arbeit als Taxifahrer anerkennt. Ganz anders als mancher Schnösel, der einem nur arrogant begegnet.

Am unangenehmsten sind mir jedoch die Duzer, bei denen man gleich merkt, dass es aufgesetzt ist. Sie haben grundsätzlich eine Frau dabei (nicht die Ehefrau), der sie imponieren wollen. Sie duzen Taxifahrer, um zu demonstrieren, wie gut sie mit allen können, wie offen sie doch sind. Sie spielen “Mann von Welt”, dabei schreit alles an ihnen “Ich bin ein Spießer” und allein würden sie nie auf die Idee kommen, einen fremden Menschen zu duzen. Diese Männer sieze ich grundsätzlich, schon aus Gemeinheit, um ihr falsches Gehabe bloßzustellen. Das ist zwar nicht nett, aber wenigstens ehrlich.

Genauso unangenehm finde ich auch das anbiedernde Geduze in der Werbung, speziell bei der BVG (“Weil wir dich lieben”) und der Berliner Polizei (“Da für dich”). Was wohl passiert, wenn man die Beamten ebenfalls duzt? Vermutlich gibt es dann gleich einen Anraunzer.




Üble Manipulation

Es ist sehr anstrengend, wenn man Fahrgäste im Taxi hat, die alles besser wissen, ohne es wirklich zu tun. Und die mich dann anblöken, dass ich keine Ahnung hätte, weil doch der von ihnen vorgeschlagene Weg viel besser wäre. Und die sich dann am Ende der Fahrt von ihrer Frau anhören dürfen: “Siehst du, der Taxifahrer hatte recht, es ist viel billiger als sonst.”
Aber die Antwort dieses Menschen war dann unschlagbar: “Von wegen. Wahrscheinlich ist der Taxameter manipuliert.”

Sicher, ich habe daran rumgefummelt, damit meine Fahrgäste weniger zahlen müssen, als regulär. Auf sowas muss man erst mal kommen.




Merkwürdige am Hauptbahnhof

Der Berliner Hauptbahnhof ist nicht nur riesig, sondern dort findet man auch ständig Menschen die – freundlich ausgedrückt – etwas merkwürdig sind. Im vergangenen Sommer sah ich dort einen sehr alten Mann, nur mit String-Tanga und offenem Pelzmantel bekleidet. Regelmäßig führt eine alte Frau ihre vier bis sechs Hunde im und am Bahnhof spazieren. Jugendliche aus dem nahen Hostel, die auf Klassenfahrt in Berlin sind, benehmen sich oft daneben und bekommen dann Ärger mit dem Wachschutz. Vor einigen Jahren probte in der Südhalle ein Gospelchor, offenbar waren das ebenfalls Touristen.

Nicht, dass ich irgendwas dagegen hätte, jeder soll nach der eigenen Façon glücklich werden, nicht wahr Friedrich? Manchmal aber wundere ich mich schon etwas mehr. So z.B. bei Sperrung des Tiergartentunnels über die zahlreichen Autofahrer, die offenbar nicht in der Lage sind, die Zeichen zu erkennen. In diesem Fall sind diese Zeichen
1. Schilder, die das Einfahren in den Tunnel am Europaplatz verbieten,
2. große gelbe Blinklichter über der Straße, die auf eben jene Schilder hinweisen sowie
3. eine große, rot-weiß-gestreifte Schranke mit roten Blinklichtern, die quer über die Fahrbahn geschwenkt ist und verhindert, dass Autos in den Tunnel fahren.

Trotz all dieser unübersehbaren Zeichen gibt es bei jeder Ampelphase ein paar Autofahrer, die trotzdem versuchen, in den Tunnel zu kommen. Da die Schranke erst nach ca. 10 Metern die Durchfahrt versperrt, stehen dann plötzlich 2, 4 oder mehr Fahrzeuge wie die Kuh vorm Berg. Der einzige Weg raus ist dann, rückwärts wieder auf die Kreuzung zu fahren, in den rollenden Verkehr hinein. Das ging dort schon mehr als einmal schief.

Gestern allerdings so richtig: Manche Autofahrer meinen nämlich, sie müssten vom Europaplatz kommend links extra schnell in den Tunnel rasen. Blöd, wenn dies gleich mehrere tun und der erste plötzlich eine Vollbremsung machen muss, um nicht gegen die Schranke zu brettern. So hatten letzte Nacht die Fahrer vor vier oder fünf Autos erstmal genügend Zeit, sich über die Verkehrsregeln Gedanken zu machen. Denn sie mussten auf die Polizei warten, nachdem sie alle ineinander gefahren waren.

Gewundert habe ich mich auch über meine Fahrgäste, die es ebenfalls letzte Nacht geschafft haben, mich innerhalb von vielleicht fünf Minuten auf die Palme zu bringen.

Es war schon vorher klar, dass es eine kurze Fahrt wird. Im Funkauftrag, der mich zur Kreuzung Tor-/Chausseestraße schickte, stand als Ziel bereits „Hauptbahnhof“. Zwar verstehe ich nicht, wieso man sich dafür extra ein Taxi bestellt, wenn man an einem Ort wohnt, an dem jede Minute ein bis fünf leere Taxis vorbeifahren. Ich verstehe auch nicht, wieso ich 15 Minuten dort warten muss, bis die Leute dann endlich runterkommen, ohne sich für die Verspätung zu entschuldigen. Stattdessen maulten sie rum, dass ich 5 Minuten zuvor das Taxameter angestellt habe. Eigentlich startet man es schon beim Eintreffen am Abholort.

„Zum Hauptbahnhof“ zickte eine der beiden Frauen mich an. Über die Invalidenstraße waren wir schnell dort. Kurz vor dem Bahnhof fuhr ich rund 200 Meter weit in die Zufahrt über das Friedrich-List-Ufer am Europaplatz zum Eingang. Dort angekommen fragte mich der Mann, was sie dort sollen. „Sie wollten zum Hauptbahnhof, hier ist der Eingang“, antwortete ich.
„Wir wollten aber zum Steigenberger!“, zischte eine seiner Begleiterinnen.
„Das kann ich ja nicht wissen, wenn Sie mir das nicht sagen.“
„Jetzt werden Sie nicht auch noch pampig! Außerdem heißt es ja wohl ‚Steigenberger am Hauptbahnhof‘. Hauptbahnhof!“
„Nein, es heißt ‚Steigenberger am Kanzleramt‘. Kanzleramt – nicht Hauptbahnhof!“ Ich hatte jetzt genug. Ich stehe ja dazu, wenn ich einen Fehler mache, aber mir solchen Mist anzuhören, dazu hatte ich für die paar Euro keine Lust.
„Wollen Sie jetzt hier aussteigen und durch den Bahnhof durchlaufen oder soll ich außen rum fahren?“

Natürlich hatten die Herrschaften keine Lust zum Laufen, also ging‘s zurück zum Europaplatz, dann einmal um den ganzen Bahnhof rum. Dort angekommen wollten sie ernsthaft 2 Euro weniger zahlen, weil ich ja einen Umweg gefahren sei. Ich reagierte kühl, nahm mein Handy und sagte: „Dann werde ich mal die Polizei rufen. Das Taxameter läuft dann allerdings weiter.“
Der Mann warf mir einen Zehner hin, die Frauen zischten wieder herum, irgendwas von „Unverschämtheit“, dann verschwanden sie im Hotel.

Mal schauen, was mich morgen am Hauptbahnhof erwartet.




In den hohen Norden

Es gibt rund 10.000 Straßen in Berlin und wohl niemand kennt sie alle. Ich schätze, dass ich etwa ein Viertel bis ein Drittel davon ohne Stadtplan oder Navi finde würde. Das ist sicher kein schlechter Schnitt, wenn ich manche meiner Taxikollegen so höre.

Schön ist es immer, wenn sich meine Taxi-Fahrgäste wundern, dass ich ausgerechnet ihre kleine Straße im Außenbezirk kenne. So war es auch gestern Nacht, als mein Kunde in den Kasinoweg nach Frohnau wollte. Eine schöne Fahrt von Charlottenburg aus, zumal er darauf bestand, den Umweg über die Autobahn zu fahren. Da ich aber vor langer Zeit schon mal einen Kunden dorthin hatte, habe ich mir den Namen gemerkt, zumal er schon sehr merkwürdig ist. Ein Kasino gibt es dort nämlich nicht.

Eine Stunde später fand ich mich am Hauptbahnhof wieder. Ein altes Ehepaar versuchte mir klarzumachen, dass sie mir ihren Straßennamen gar nicht erst nennen brauchen – ich würde die Straße eh nicht kennen. Sie läge in Frohnau und da würden sich die meisten Taxifahrer sowieso nicht auskennen. Es ist auch wirklich schwierig, denn es gibt so gut wie keine Straße, die einfach nur ordentlich geradeaus führen und normale Kreuzungen mit anständigen Querstraßen hätten. Stattdessen vor allem ein wildes Straßenknäuel und dazu gehört auch der Kasinoweg, zu dem meine Fahrgäste wollten. Die winzige Straße hat etwa 15 Häuser und es ist schon ein Zufall, dass ich aus verschiedenen Richtungen Kunden praktisch zum gleich Ort hatte. Das Ehepaar wunderte sich auch und sie lobten meine Kenntnisse ausdauernd. Was sich allerdings nicht im Trinkgeld niederschlug.

Aber manchmal spielt das Leben eben verrückt und vermutlich werden mir nun wieder einige vorwerfen, ich würde übertreiben. Tatsächlich sollte ich in dieser Nacht aber ein drittes Mal in die Gegend kommen, diesmal aus dem Prenzlauer Berg und das Ziel in der Welfenallee lag nur rund 200 Meter Luftlinie vom Kasinoweg entfernt.

Die drei Fahrten in den Norden machten in dieser Schicht mehr als die Hälfte meiner Einnahmen aus, zumal der letzte Fahrgast morgens um 2.30 Uhr die 35 EUR mit einem 50er zahlte und dem Spruch: „Geben Sie mal 5 zurück.“ Dabei hat er während der ganzen Fahrt kein Wort gesprochen, außer dass er lieber Jazzradio hören würde statt Rock.

Auch wenn man sich am späten Abend oder nachts nicht mehr in Frohnau, Waidmannslust oder am Märkischen Viertel an die Taxihalte stellt, sondern erstmal eine recht weite Strecke in die Innenstadt fährt, lohnen sich Touren nach Frohnau doch sehr. Gleich dreimal in einer Schicht, das hebt die Stimmung dann schon. Und dann auch noch immer in die gleiche Gegend, das ist vielleicht ein Zeichen des Himmels.

 




“Rufen Sie uns bitte ein Taxi”

Ich fahre ein Taxi, das ich echt klasse finde, denn es ist genau wie ich: Es ist nicht mehr das Neueste, hat schon über 270.000 Kilometer hinter sich, einige kleine Beulen, meist nicht ganz sauber. Zudem ist es kein schicker Mercedes, sondern ein eher pragmatischer Opel.

Es gibt Fahrgäste, die bestellen bei der Funkgesellschaft ausdrücklich einen Mercedes und wenn ich an der Taxihalte stehe, steigen manche auch lieber hinter mir in den C-Klasse-Sternling ein, als bei mir. OK, das ist ihr gutes Recht. In Berlin haben die Fahrgäste die freie Taxiwahl, sie sind nicht gezwungen, das erste Taxi in der Reihe zu nehmen.

Was aber gar nicht geht ist, was ich jetzt erlebt habe: Ich stand als Einziger an der Taxihalte vor dem Hotel Radisson in Mitte. Kurz zuvor hatte ich das Auto an einer Tankstelle gewaschen. Ein Pärchen in teuren Klamotten steuerte auf mein Taxi zu, blieb dann aber zwei Meter davor stehen. Sie unterhielten sich offensichtlich über das Fahrzeug. Dann klopfte der Mann an die Scheibe und stellte die etwas dumme Frage, ob ich denn das einzige Taxi hier wäre.
Ich blieb aber freundlich und antwortete: “Wenn kein anderes hinter mir steht, dann anscheinend ja.”
“Hm.” Er war sich unsicher, ich mir jetzt auch. Hatte ich etwa vergessen, das Taxischild anzuschalten? Aber nein, es leuchtete.
Dann sagte er: “Rufen Sie uns bitte ein Taxi”.
“Warum sollte ich das tun? Sie stehen schon vor einem, ich fahre Sie gerne.”
“Nein, ich meinte ein richtiges Taxi. Nicht so ein…” Er sprach nicht weiter, aber ich sah schon an seinem Gesichtsausdruck, dass er sich zu fein war, in einen ordinären Opel einzusteigen.
Da ich nicht antwortete, wiederholte er seine Bitte. Ich antwortete nur “Rufen Sie doch selber an”, und schloss das Fenster.

Man mag mir vorwerfen, eingeschnappt gewesen zu sein. Aber wenn ihm mein Wagen nicht schick genug war, musste er sich schon selber um eine Alternative kümmern. Zumal ich sowieso keinen Funk habe und per Telefon anrufen müsste. Das konnte er dann auch selber tun.
Ich würde das machen, wenn es jemand gewesen wäre, der wirklich ein anderes Taxi braucht, weil er z.B. einen Elektrorollstuhl fährt. Aber jemanden damit zu beauftragen, mit dem man sich gleichzeitig weigert mitzufahren, das mache ich nicht mit.

Mittlerweile warteten zwei andere Fahrgäste, als hinter mir ein Mercedes-Taxi an die Halte fuhr. Einer der anderen stieg dort ein, der zweite dann bei mir und bescherte mir eine schöne Fahrt nach Zehlendorf.
Nur das feine Pärchen stand noch vor dem Hotel und wartete. Selber schuld.




Pink Taxi

Vor über 20 Jahren gab es in Berlin eine Taxi-Funkgesellschaft, die umgangssprachlich “Krawattenfunk” genannt wurde, weil die Fahrer dort Anzug und Krawatte tragen mussten. Das Ergebnis war, dass die Firma Anfang der 1990er Jahre mit nur noch 200 angeschlossenen Taxis billig verkauft wurde. Auch in Hamburg soll es eine ähnliche, aber erfolgreichere Taxi-Vermittlung geben, deren Zielgruppe Leute sind, die sich zu fein sind, um mit normalen Taxis zu fahren.
Normalerweise können sich die Fahrgäste in Berlin die Taxis nicht aussuchen, wenn sie über eine der Funkgesellschaften bestellen. Nur für Frauen und Kinder werden auf Wunsch extra Fahrerinnen vermittelt, ansonsten müssen die Fahrgäste nehmen, was kommt.

Davon hatten viele Frauen in der Hauptstadt von Ägypten die Nase voll. Immer wieder gab es in Kairo sexuelle Anzüglichkeiten und Übergriffe von männlichen Taxifahrern. Dies hat Reem Fawzy auf eine Idee gebracht, die nun seit dem Sommer 2015 praktiziert wird: Sie bietet sogenannte “Pink Taxis” an: Diese werden von Fahrerinnen gesteuert und nur Frauen werden als Fahrgäste akzeptiert. So wird denen ein Schutz vor übergriffigen Fahrern geboten. Aber das war nicht der einzige Grund zur Gründung der Firma. Kairos Taxifahrer gelten als eher ungebildet und grobschlächtig, was sicher auch viele potenzielle Passagiere abschreckt.

Deshalb bekommen die Fahrerinnen von Pink Taxi nicht nur eine mehrmonatige Ausbildung, sondern sie müssen auch einige Kriterien erfüllen. So wird von ihnen verlangt, gut Englisch zu sprechen sowie einen Universitätsabschluss zu haben. Ein weiteres Kriterium ist dagegen eher diskriminierend: Reem Fawzy akzeptiert als Fahrerinnen nur Frauen bis 45 Jahre.

Anfangs bekam sie von den Konkurrenten sehr viel Gegenwind, diese machten sich über sie lustig: “Könnt ihr überhaupt Reifen wechseln?” wurden die Frauen gefragt. Doch im Laufe der vergangenen zwei Jahre wurden sie immer weiter akzeptiert. Unter anderem werden ihre Dienste gern von Touristinnen angenommen, die vorher oft von männlichen Fahrern belästigt wurden. Die pinken Taxis stehen deshalb jetzt besonders oft am Flughafen von Kairo.

Doch unter Frauenrechtlerinnen sind diese Taxis nicht unumstritten. Sie kritisieren, dass damit nur die Symtome bekämpft werden, der Sexismus aber weiter besteht. Mittlerweile gibt es jedoch auch männliche Unternehmer, die von ihren Fahrern explizit einen korrekten Umgang mit weiblichen Fahrgästen verlangen. Solche Änderungen brauchen eben manchmal lange.




Retter in der Not

Man sagt ja, dass Taxifahrer automatisch auch Psychologen sind. Tatsächlich gibt es immer wieder Fahrgäste, die einem Dinge erzählen, die oft nicht mal die eigenen Familienangehörigen oder Freunde erfahren. Sicher, gerade in Berlin ist die Hemmschwelle geringer, weil man bei 8.000 Taxis nicht davon ausgehen muss, dass man sich mal wiedersieht.
Es kommt natürlich auf den Taxifahrer an. Wenn der Fahrgast nach seinem Seufzer “Was war das heute für ein schlimmer Tag” von vorn nur zu hören bekommt: “Tja, Pech gehabt”, dann wird sich kein Gespräch entwickeln. Manche Kollegen und ich freuen sich aber, wenn man sich mit den Fahrgästen auch unterhält. Ich dränge ihnen kein Gespräch auf, doch man merkt normalerweise innerhalb von Sekunden, ob er Lust darauf hat oder nicht.
Viele Fahrgäste haben mir schon ihr Herz ausgeschüttet, was manchmal auch unangenehm sein kann. Trotzdem höre ich erstmal zu und gebe wenn möglich meinen Senf dazu. Das können Alltagssorgen sein, Beziehungsprobleme, aber auch richtige Katastrophen. Ein paarmal fuhr ich in den Nächten Leute, die gerade einen geliebten Menschen verloren hatten. Der Vater des kleinen Mädchens, das eine Stunde zuvor im Krankenhaus gestorben war, die Frau, dessen Vater gerade dem Krebs erlegen ist, die Rentnerin, die bis zum Schluss noch am Krankenbett ihres Mannes saß.
In solchen Fällen kann man nicht viel sagen, aber zuhören. Über das Leid zu reden ist der erste Schritt, um darüber hinweg zu kommen. Da ist es schon gut, nicht einfach nur desinteressiert das Radio lauter zu stellen, wie manche Kollegen das machen.

Ein paarmal hatte ich Mütter im Taxi, die über die Entwicklung ihrer pubertierenden Kinder geklagt haben. Einer hatte sich mit einem Erwachsenen eingelassen, ein anderer kiffte und schwänzte die Schule. Ich antworte in solchen Momenten, dass sich das Verhältnis zwischen Eltern und Nicht-mehr-Kindern natürlich ändern müsse, weil Jugendliche ihren eigenen Weg suchen und von den Eltern Vertrauen und Unterstützung bekommen sollten. Sicher habe ich als Nichtvater gut reden, bin ja nicht selber in der Verantwortung, aber ein bisschen kenne ich mich da schon aus. Und ich habe diese Zeit bei mir nie vergessen.

Natürlich sind die meisten Taxifahrer keine Psychologen und die Meinungen sind nicht wissenschaftlich fundiert. Es gab schon Situationen, in denen ich darauf extra hingewiesen habe, wenn sich jemand zu sehr auf meine Meinung verlassen hatte. Da ging es um den Umgang mit Selbstmordabsichten. Für solche Moment habe ich aber immer eine Telefonnummer und eine Webadresse im Auto, die ich notfalls weitergeben kann. Auch die Nummer eines Frauenhauses gehört dazu. Den Weg zum Psychologen, zur Opferberatung oder ins Frauenhaus scheuen viele Menschen. Deshalb habe ich mich in einem Fall sogar angeboten, die Dame in ein Frauenhaus zu fahren (obwohl ich als Mann die Adressen eigentlich nicht wissen darf). Ich wurde dort zwar abgewiesen, aber die Frau wurde herzlich aufgenommen, und nur darum geht es ja.

Es kann bei Taxifahrten zu einer gefühlsmäßigen Nähe kommen, die es möglich macht, ein gewisses Vertrauen zu bekommen und dann vielleicht zu helfen. Wer ansonsten immer nur mit den gleichen Menschen zu tun hat, von denen er keine Hilfe erwartet, öffnet sich manchmal Fremden in solch einer Situation. Die schönste Reaktion die ich mal nach einem Gespräch mit einem Fahrgast hatte, war: “Sie waren wirklich mein Retter in der Not”.

Berliner Krisendienst: www.berliner-krisendienst.de (nach Bezirken sortiert)
Frauenhauskoordinierung: 08000 116 016




Zufälle

Manche meinen ja, es gäbe keine Zufälle, alles wäre stattdessen Vorsehung von der obersten Etage. Da ich aber ein schlechter Gläubiger bin, sind es wohl doch Zufälle, die gerade passieren.

Da war vor ein paar Stunden der mittelalte Mann, der an den Bushaltestellen am Bahnhof Zoo herum schlich und in die Mülleimer schaute. Er suchte nach weggeworfenen Pfandflaschen, damit er sich damit sein mageres Hartz-4-Gehalt etwas aufbessern kann. Ich stand mit dem Taxi am Halteplatz und wartete, dass vorne bei den Kollegen endlich Fahrgäste einstiegen, damit ich vorrücken kann. Als ich den Mann sah, reichte ich ihm meine Halbliterflasche raus, die ich gerade ausgetrunken hatte. Normalerweise sammele ich die ja zuhause und ein armer Freund holt die Flaschen ab, wenn das Fach voll ist. Diesmal aber war eben dieser Mann dran.

Er nahm die Flasche, bedankte sich – und stutzte. Dann fragte er ganz schüchtern, ob ich manchmal in der Bahnhofsmission arbeiten würde, um sofort selber die Antwort zu geben: „Ja klar, Du warst schon ein paarmal bei uns, bei der Essensausgabe! Cool, danke!“

Zwar hatte er recht, aber das ist alles schon ein paar Jahre her, das letzte Mal war’s 2013 oder 2014. „Ich vergesse kein Gesicht“, sagte er. Und wollte wissen, ob ich denn bald wieder da wäre. Ich sagte ihm, dass ich mit einem Freund abends heißen Tee an Obdachlose in den Parks und unter Brücken verteile, aber er ließ nicht locker. „Komm mal bald wieder, würde mich freuen!“ Dann zog er weiter seiner Wege.
Ich machte mir Gedanken, weshalb er mich nach so langer Zeit noch wiedererkannt hat, aber er war so erfreut, das hat mir selber auch gutgetan.

Dann kam ich nach Feierabend nach Hause, las meine E-Mails und in den wenigen Blogs, die ich abonniert habe. Da stand ein Artikel, erst wenige Minuten alt, von meinem lieben Taxi- und Weblog-Kollegen Sash. Er beschreibt eine ähnliche Situation, als er an einem Bahnhof ebenfalls einem Flaschensammler begegnete und mit ihm ins Gespräch kam. Es war vermutlich am anderen Ende der Stadt, weil Sash vor allem an Bahnhöfen in Ost-Berlin steht.

Dabei stellte sich heraus, dass der Mann auch zwei Weblogs liest, das von Sash (Gestern Nacht im Taxi) und Berlin Street. Deshalb: Einen schönen Gruß von mir an ihn! Und an Sash. Und erzähle mir bitte niemand, es gäbe keine Zufälle!




Kriminelle Raser

Es gibt bestimmte Zeiten, da ist die Idiotendichte in der Öffentlichkeit offenbar besonders groß. In diesem Fall definiere ich Idiot als denjenigen, der mit seinem hochmotorigen PKW nachts mit 80 km/h oder mehr durch die Innenstadtstraßen brettert und eine Lebensgefahr für andere Verkehrsteilnehmer darstellt. Dass so etwas auch tödlich enden kann, hat man in den vergangenen Jahren mehrmals gesehen, z.B. in der Tauentzienstraße oder in der Karl-Marx-Allee, wo ein Taxi-Kollege durch die Wucht des Aufpralls sogar aus dem Auto geschleudert wurde. Es vergeht keine Nachtschicht, in der ich nicht mindestens einmal solche hochgezüchteten Wagen an mir vorbeirasen sehe.

Wenn man mit normaler Geschwindigkeit fährt, wird man dann schnell zum Hindernis. Kann der von hinten Heranrasende nicht seitlich vorbei, beginnt meist eine aggressive Bedrohung. Das Fernlicht wird eingeschaltet und der Wagen fährt extrem dicht auf.
Nun weiß ich, dass ich in meinem Taxi relativ sicher bin, falls mir in einer solchen Situation tatsächlich mal jemand hinten reinfährt. Ich drücke sicher nicht aufs Gaspedal, sondern fahre normal weiter. Doch manche Autofahrer/innen lassen sich eher einschüchtern und reagieren evtl. panisch. Das ist von den kriminellen Fahrern auch beabsichtigt.

So einer war das auch in dieser Nacht. Schon in der Koloniestraße im Wedding sah ich die beiden Scheinwerfer im Rückspiegel, und wie sie viel zu schnell näher kamen. Das Auto fuhr bis ca. 2 Meter an mein Taxi heran, dann Hupe, Fernlicht, Lichthupe, was so ein Idiot eben zu bieten hat. An der Kreuzung zur Badstraße wollte er mich überholen, was aber nicht geklappt hat, weil an der Seite ein anderer Wagen im Weg stand. Dann die enge Exerzierstraße, ausnahmsweise hielt ich mich jetzt an die vorgeschriebene Tempo-30-Regel, was den Typen hinter mir sicher nicht gefiel. Sein Lichtergewitter ging weiter. Etwa auf der Hälfte der Straße steht in der Mitte eine Fußgängerinsel. Diese Stelle nutzte er nun, um auf die Gegenfahrbahn zu schwenken. Er gab richtig Gas und schoss auf der andern Straßenhälfte an mir vorbei, ebenso an dem Auto, das noch vor mir fuhr. Dann heulte sein Motor auf und er beschleunigte auf schätzungsweise 80 bis 100 km/h und verschwand in der Schulstraße. Im gleichen Moment aber setzte der Beifahrer meines Vorderwagens sein Blaulicht auf das Dach und gab ebenfalls Gas.

Anscheinend hatte er das Drängeln auch vorher schon bemerkt und Kollegen angefordert. Als ich nämlich nach einer Minute am Nauener Platz ankam, stand bereits ein Polizeiwagen quer auf der Schulstraße, davor der Raser und der Zivilwagen.
Sie blockierten die Straße, so dass ich nur langsam vorbeifahren konnte. Die Zivilen zerrten gerade den Fahrer und einen anderen Mann aus dem Auto. Offensichtlich hatten die keine Lust, auszusteigen.

Leider ist solch ein Eingreifen durch die Polizei die Ausnahme. Schon mehrmals habe ich gesehen, wie sie solche Fahrer anscheinend nicht mal bemerken. Vermutlich haben sie keine Lust auf Stress, keine Ahnung. Ich fand‘s jedenfalls gut, dass es diesmal anders ausgegangen ist. Auch wenn ich nicht die Meinung meines Fahrgastes unterstütze, der sie gleich „alle abknallen“ wollte.




Kurze Fahrt

Es kommt selten vor, dass ich einen Fahrgast wieder vor die Autotür setze. Laut Taxi-Ordnung darf ich das eh nur, wenn eine Gefährdung für mich oder den Fahrgast besteht. Das ist natürlich Auslegungssache. Falls zum Beispiel jemand mit offener Tuberkulose einsteigt, darf ich ihn abweisen, weil er mich damit gefährdet. Wenn es jemand ist, der faschistische oder antisemitische Sprüche macht, darf ich ihn ebenfalls rauswerfen, denn sonst wäre seine Gesundheit gefährdet.

Nicht in diese Kategorien gehörte das schon reichlich angetrunkene Paar, 30 bis 40 Jahre alt, Typ Cindy aus Marzahn, nur assiger. Sie hatten mich in Schmargendorf herangewinkt. Ich stand noch mitten auf der Kreuzung, als sie ins Taxi stiegen. Noch bevor ich sie begrüßen konnte, befahl der Mann von hinten “Losfahren!”

In diesem Moment war schon klar, dass es nicht so einfach werden würde. Um die Situation zu retten sagte ich “Ihnen auch einen schönen Abend. Wo möchten Sie denn hin?”

“Quatsch nicht, fahr einfach geradeaus, man!” raunzte er aggressiv von hinten.
„Vielleicht geht es ja auch etwas freundlicher. Ich habe Ihnen nichts getan. Und bevor ich losfahre, muss ich erstmal wissen, wohin.“
Nun mischte sich die Frau ein und schrie mich von hinten an: „Du scheiß Penner, fahr endlich los, schwule Sau. Sonst gibt’s was auf die Fresse!“

Damit war das Maß überschritten. In ruhigem Ton sagte ich ihnen, dass sie aussteigen sollen. Gleichzeitig rief ich die Funkzentrale an (leider haben wir im Auto keinen Sprachfunk). Als sie sofort antwortete, gab ich den Standort durch und bat darum, Kollegen vorbeizuschicken.
Der Mann war plötzlich ganz zahm, warf mir einen Zehner („stimmt so“) auf den Beifahrersitz und sagte, sie wollten nur zum Elsterplatz. „Kurzstrecke“.

„Es geht doch auch freundlich“, meinte ich und fuhr los. Die Zentrale blieb weiter am Telefon und hörte mit. Etwa 200 Meter weiter zerrte die Frau plötzlich von hinten an meinem T-Shirt, sagte, ich sollte einen bestimmten Radiosender einstellen. Als ich antwortete, dass ich den nicht kenne und wir sowieso nur eine Minute fahren würden, zog sie noch weiter und schrie wieder rum. Dann griff sie von hinten an mein Ohr und zog daran. Daraufhin machte ich eine Vollbremsung, beide flogen nach vorne, weil sie nicht angeschnallt waren. Selber schuld.

„Raus!“ schrie ich nach hinten. Ich stieg aus, öffnete die Hintertür, die man wegen der Kindersicherung nicht von innen aufmachen kann und schrie nochmal: „Raus!“
Ich war dermaßen aufgeladen, dass ich sofort zugeschlagen hätte, wenn mich jemand von den beiden angegriffen hätte. Stattdessen aber stiegen sie wütend aus, brüllten noch rum, kamen mir aber nicht zu nahe. Ich warf die Tür zu und fuhr weg. Die Zentrale fragte, ob jetzt alles ok sei. „Ja, sie sind weg“, sagte ich.

Abgesehen davon, dass mich sowas natürlich total nervt, gab es einen Umstand, der es weniger schlimm machte. Direkt an dem Ort, wo ich die beiden rausgeschmissen habe, hatte ich am Abend vorher einen sehr lieben und hübschen jungen Mann kennengelernt, der mit mir eine halbe Stunde durch die Stadt fuhr. Zum Schluss gab er mir noch seine Telefonnummer.
Es ist also nicht alles schlecht in Schmargendorf  :-)




Verpeilter Fahrgast

Früher Abend, gerade hatte ich mit dem Taxi drei junge Neuberliner vom Hauptbahnhof abgeholt (“Endlich, endlich weg aus Mannheim!”) und am Winterfeldplatz ausgeladen, als mich ein recht edel gekleideter Mann mit Hut heran winkte. Er wollte gerne zum Flinsberger Platz, jemanden abholen und danach zum Hermannplatz. Ob 35 Euro reichen würden? Nach kurzem Überlegen sagte ich ihm, dass es vielleicht knapp werden würde, aber es sollte zu schaffen sein.

War es aber nicht. Denn in Schmargendorf angekommen machten wir erstmal einen Stopp in der Auguste-Viktoria-Straße. Dummerweise genau gegenüber der israelischen Botschaft, weshalb auch gleich zwei Polizisten ankamen, um uns wegzuschicken. 100 Meter weiter blieben wir wieder stehen und er schaute aus dem Fenster. Diese Situation kenne ich ja, man wartet auf den anderen. Aber in diesem Fall tat sich nichts. Er versuchte auch nicht, ihn anzurufen. Nach drei, vier Minuten wollte mein Fahrgast dann in die Salzbrunner Straße. Dort gab er mir 30 Euro als Pfand und suchte an einem der Häuser die Klingelschilder ab. Dann rauchte er erstmal eine, um danach mit mir in die Warmbrunner Straße zu fahren.
So ging es noch eine Weile weiter. Erneut Auguste-Viktoria-Straße, dann auf die andere Seite des Hohenzollerndamms in die Landecker Straße, dann wieder Warmbrunner. Mir war’s egal, den Großteil des Geldes hatte ich ja.

Während all der Fahrten schaute er immer die Fassaden hoch, als wenn er dort etwas suchen würde. Ich machte mir unterdessen Gedanken, was wohl dahinter steckt. Eine klare Adresse hatte er ja nicht, von der er jemanden abholen wollte. Kannte er bloß die Fassade und die ungefähre Gegend?
Irgendwann gab er auf und woillte zurück fahren. Kaum auf dem Hohenzollerndamm sollte ich aber nochmal links in die Cunostraße, aber nach 100 Metern wieder wenden.
Da wir zwischendurch immer wieder stehengeblieben sind und dann das Taxameter weiter lief, hatten wir schon über 20 Euro auf der Uhr.

Endlich gings es wieder los, Richtung Neukölln. “Das werden wir jetzt mit 35 Euro aber nicht mehr schaffen”, sagte ich ihm. Er antwortete mit “Kein Problem.” Na dann.
Als wir gerade am Ende der Yorckstraße direkt auf den Mehringdamm zufuhren, sollte ich anhalten. Das Taxameter stand bei 34,90 EUR. Er gab mir noch einen Fünfer und verließ ohne einen Gruß das Taxi. Nachdem er bereits die Tür geschlossen hatte, sagte ich noch “Tschüss”. Obwohl er das natürlich nicht mehr hören konnte, drehte er wieder um, öffnete nochmal die Tür und verabschiedete sich. “Sorry, ich bin heute ein bisschen verpeilt.”
Ja, den Eindruck hatte ich auch.




Chinesische Ansichten

Es kommt öfter vor, dass ich im Taxi nach bestimmten Ereignissen die Meinungen meiner Fahrgäste dazu höre. Besonders an den Wahlabenden werden deren Ergebnisse oft unterschiedlich bewertet. Und nicht selten unterscheiden sie sich von meiner eigenen Meinung, das ist ja normal.

Diesmal aber ging es nicht um ein spezielles Ereignis, es hatte sich einfach so in den Gesprächen ergeben. Meine sehr junge Fahrgästin stieg mir in Zehlendorf ins Auto und auf der langen Fahrt nach Hohenschönhausen erzählte sie mir von ihrer Heimat Hongkong. Als der einst souveräne Staat 1997 wieder an China fiel, befürchteten viele Bewohner Hongkongs, das das bis dahin kapitalistische Land als neue Sonderverwaltungszone Chinas politisch gleichgeschaltet wird. Tatsächlich versucht die Zentralregierung in Peking die Verhältnisse dort immer weiter anzugleichen, die Geheimpolizei bespitzelt die Bevölkerung, behindert Parteien und unabhängige Initiativen. Meine Kundin erzählte, dass ihre Mutter als Dozentin an der Universität seit zwanzig Jahren drangsaliert wird, immer wieder wird sie zu Gesprächen mit Behördenmitarbeitern vorgeladen und dort zu ihren politischen Ansichten verhört. Der Bruder meiner Fahrgästin, der schwul ist, sieht in Hongkong keine Zukunft. Zwar ist Homosexualität dort nicht verboten, aber der gesellschaftliche Druck ist enorm. Das hat er bei der Jobsuche erfahren, bei der er von den potenziellen Chefs auf seine Sexualität angesprochen wurde – obwohl er sich ihnen gegenüber gar nicht geoutet hat. Woher sie es wussten, sagten sie nicht. Und einen Job erhielt er trotz Qualifikation auch nicht.

Meine Kundin würde gerne Journalistik studieren und arbeitet für ein Jahr in Deutschland. Aber sie hat Angst, dass sie ihren Beruf in Hongkong später gar nicht ausüben kann, weil sie keine Lust auf Hofberichterstattung hat. Und eine kritische Presse gibt es auch in Hongkong immer weniger. „Es ist eigentlich hoffnungslos“, beendete sie ihre Erzählung.

Ganz anders der etwa gleichaltrige Mann, den ich einige Stunden später mitten in der Nacht vom Wedding nach Charlottenburg brachte. Er studiert an der TU irgendwas mit Ingenieur und klagte, dass er seit 18 Stunden ununterbrochen lernt und in sechs Stunden eine Klausur schreiben müsste. 12 bis 16 Stunden lernen wären normal, sagte er mir, aber er mache das ja für eine gute Sache. Nach dem Studium will er zurück nach China, das ihm eine große Karriere biete.

Deutschland habe ja eigentlich einen guten Ruf, was technische Entwicklungen angeht, aber warum die Deutschen den neuen Flughafen nicht fertig kriegen, kann er sich nicht erklären. In China hätten sie das innerhalb von zwei Jahren organisiert.
Ich erzählte ihm von der jungen Studentin und er wurde sehr böse. Es gäbe eben viele Menschen, die die Leistungen des Staates nicht anerkennen oder dekadent als selbstverständlich betrachten würden. Noch vor einer Generation war China ein Agrarland, jetzt hat es eine der größten Industrien der Welt und bietet seinen Bürgern alle Möglichkeiten. Wenn ein Flughafen oder eine Großsiedlung gebaut würde, müssten zwar manchmal Dörfer verschwinden, aber die Bewohner würden großzügig entschädigt, trotzdem gäbe es immer wieder welche, die sich weigern würden. Er bezeichnete sie als Ewiggestrige, einen Begriff, den er in Deutschland gelernt hat.
Ich erklärte ihm, dass damit nach dem Faschismus diejenigen bezeichnet wurden und bis heute werden, die sich nach dem alten Nazi-Reich zurücksehnen. Für ihn war das kein Unterschied, er bezeichnete die Chinesen als reaktionär, die sich nicht dem Gemeinwohl unterordnen wollen, wenn es ihnen Nachteile bringe.

Als Beweis führte er an, dass seine Eltern, beides ehemalige Bauern und jetzt Handwerker, das Geld für seinen Aufenthalt in Deutschland nicht hätten aufbringen können. Sie haben in ihrer Kleinstadt herumgefragt und viele Menschen hätten Geld gegeben, damit er in Berlin studieren kann. Und das, obwohl sie selber keinen Nutzen davon haben. Das war eine schöne Geschichte, und manche Dinge sehe ich ähnlich, die er erzählte. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Demokratie im „Westen“ oft versagt und vieles hier nicht funktioniere, auch dass das Leben hier sehr oberflächlich ist. Eine Einheitspartei, die er als besonders wichtig bezeichnete, würde ich jedoch nicht wollen.

Es war ein interessantes Gespräch und schade, dass es am Fahrtende abgebrochen wurde. Es sind diese Art von Erlebnissen und Gesprächen, die für mich das Taxifahrer interessant machen.




Verschätzt

Natürlich gibt es lukrativere Taxitouren als für 5,50 Euro Das ist aber kein Grund, eine solche Tour abzulehnen. Vor allem nicht, wenn man extra zum Kunden bestellt wurde. Dann kann man sich gerne innerlich ärgern, die Fahrgäste zu ihrem Ziel bringen und dann weiterfahren.
Der Kollege jedoch, der den Auftrag in der Zehlendorfer Seitenstraße bekommen hatte, reagierte anders: Er pflaumte die Kundin an, dass er fast eine Stunde am Halteplatz gestanden hätte und nun nicht die paar hundert Meter fahren wollte.

Die Dame empfing mich also etwas skeptisch, weil sie befürchtete, ich könnte ähnlich drauf sein. Das war ich aber nicht. Als wir nach wenigen Minuten Fahrzeit bei ihr zuhause in Kleinmachnow ankamen, bat sie mich zu warten. Sie hatte sich eben entschlossen, nochmal zurück zu fahren, musste nur noch ihr Geld holen.

Während wir wieder nach Zehlendorf fuhren, erhielt sie einen Anruf, eine kurzfristige Einladung zu einem Freund. Also kehrten wir erneut um, damit sie von zuhause eine Flasche Wein holen konnte. Mit Frau und Wein ging es wieder zurück nach Berlin, diesmal nach Lichterfelde.
Auf der Fahrt erzählte sie mir von dem Kollegen vor mir, aber sie sagte auch, dass ich das genaue Gegenteil sei.

In Lichterfelde suchten wir noch nach der richtigen Adresse, denn sie wusste den Straßennamen nicht. Nach ein paar Minuten standen wir vor dem Eingang zu einer Gartenkolonie, unserem Ziel. Die 34,90 Euro auf dem Taxameter rundete sie großzügig auf 40 auf. So wünsche ich mir mehr Fahrten, die mit einer vermeindlichen Kurzstrecke beginnen.




Kurzstrecke

Ich verstehe gar nicht, wieso so viele Taxi-Kollegen nölen, wenn ihre Fahrgäste eine Kurzstrecke verlangen. Zum einen ist das ein ganz normaler Tarif, außerdem sind sie sowieso leer unterwegs. Vom Taxistand aus gilt dieser Tarif ja nicht. Trotzdem ist er offenbar sehr unbeliebt.

Schon mehrmals hatte ich Fahrgäste, die sich dafür entschuldigt haben, dass sie „nur“ eine Kurzstrecke fahren wollen. Manchmal entgegne ich ihnen dann, das wäre kein Problem, wir fahren einfach weiter und dann wieder ein Stück zurück. Solche Ansagen darf man natürlich nicht bei jedem machen, manche verstehen den Witz nicht.

Und dann gibt’s natürlich jene, die eine Kurzstrecke sehr großzügig auslegen. Sie wollen vom Anfang bis zum Ende des Kudamms als Kurzstrecke fahren und verstehen gar nicht, dass die 3,5 Kilometer lange Strecke nun mal mehr sind als die 2 km, für die dieser Tarif gilt. Man kann dann schon auf die Behauptung warten, dass andere Taxifahrer das auch machen würden. Und dass es immer reichen würde. Ich antworte dann: „Dann nehmen Sie einen von den anderen Kollegen.“

Oder man fährt eine Strecke, bei der nicht sicher ist, dass sie noch innerhalb des Limits liegt. Falls nicht, springt das Taxameter danach auf den normalen Tarif, die Fahrgäste zahlen also auch nicht mehr, als wären sie von Anfang an zum Normaltarif gefahren.
Oft beginnt dann aber die Diskussion, ob man die letzten paar hundert Meter nicht ohne Taxameter fahren könnte. Natürlich tu ich das nicht, denn nur weil der günstige Tarif abgelaufen ist, fahre ich nicht noch zusätzlich umsonst. Schließlich muss ich von den Einnahmen leben. Das wollen manche Kunden nicht einsehen und beginnen dann noch mit Meckern: Ich hätte ja vorher bremsen können oder wenigstens bescheid sagen müssen und überhaupt. Nein, es ist nicht mehr Aufgabe, die gefahrenen Meter zu zählen. Wenn es passt, dann ist gut und wenn nicht, dann kostet es eben ein paar Groschen mehr.

Meinem lieben Kollegen Sash ist es sogar passiert, dass ein Kunde nach Fahrtende noch auf Kurzstrecke umsteigen wollte  – obwohl die gefahrene Strecke sogar länger als zwei Kilometer war.

Keine Ahnung, warum sich manche Fahrgäste ausgerechnet bei diesem Thema so merkwürdig benehmen. Ich habe mir in den Jahren auch abgewöhnt, mit ihnen darüber zu diskutieren, es bringt einfach nichts. Vermutlich versuchen manche einfach nur, einen Euro zu sparen. Aber auf meine Kosten.




Sie hätten darauf bestehen müssen!

Es nervt, wenn manche Taxi-Fahrgäste meinen, alles besser wissen zu müssen. Dabei habe ich nichts gegen Kritik an meiner gewählten Fahrstrecke, aber sie muss schon begründet sein. In manchen Gegenden kenne ich mich auch nicht so gut aus, dann bin ich froh, wenn mir ein Fahrgast eine bessere Strecke vorschlägt.
Leider gehörte der männliche Part des offensichtlich bayerischen Pärchens nicht zu den konstruktiven Helfern, sondern zu den Besserwissern – ohne es wirklich besser zu wissen.
Vom KaDeWe wollten sie zum Hamburger Bahnhof, eigentlich eine leichte Strecke. Wäre da nicht der Wasserrohrbruch in der Invalidenstraße vom Wochenende. Und die Starrsinnigkeit meiner Fahrgäste.
Während wir über den Spreeweg fuhren, erzählte ich ihnen von der Sperrung der Invalidenstraße und dass wir stattdessen eine etwas längere Strecke fahren würden, durch die Lüneburger Straße.
„Nein, das tun wir nicht“, sagte mein Fahrgast. „Wir fahren die normale Strecke, ohne Umwege.“
„Ich sagte Ihnen doch gerade, dass die Straße gesperrt ist, da kommen wir nicht durch.“
„Das werden wir ja sehen. Notfalls fahren wir eine andere Straße, aber keinen Umweg. Diese Ausreden kenne ich schon, die habt Ihr ständig drauf, um Eure Fahrgäste zu betrügen!“
Ich dachte, ich höre nicht richtig. Am MotelOne fuhr ich rechts ran und nannte den Fahrpreis. Auf solche Beleidigungen hatte ich keine Lust und auch nicht auf eine verbale Auseinandersetzung. Natürlich gefiel das dem Kerl nicht, er wollte nicht zahlen und auch nicht aussteigen.
„Gut, dann rufe ich die Polizei und Sie bekommen eine Anzeige wegen Nötigung und Erschleichung von Dienstleistungen.“

Nun mischte sich zum ersten Mal die Frau ein, die vom Verhalten ihres Mannes sehr genervt war: „Fahren Sie doch einfach weiter und hören Sie nicht auf ihn, er hat heute einen schlechten Tag.“
„Dafür kann ich aber nichts,“ antwortete ich, „dann soll er es gefälligst nicht an mir auslassen.“
„Da haben Sie allerdings recht“, antwortete sie.

Die Fronten waren geklärt und da ich mittlerweile an der ursprünglich geplanten Straße vorbei war, musste ich mich nun in den Stau einreihen. Die 600 Meter kosteten uns etwa 20 Minuten, gegenüber sonst zwei bis drei.
Nachdem wir uns dort durchgequält hatten und auch durch die schmalen Wege am Hauptbahnhof, fing der Mann wieder mit seiner Nörgelei an. Seine Frau erinnerte ihn daran, dass ER es war, der unbedingt diese Strecke fahren wollte und dass ich als Taxifahrer ihnen einen besseren Weg vorgeschlagen habe.

Seine Antwort verschlug mir echt die Sprache: „Dann hätte er eben darauf bestehen sollen!“
Es gibt Leute, die glauben immer Recht zu haben. Und wenn nicht, dann sind eben die anderen daran schuld.




Keine Freiheit

Im Laufe meiner Taxi-Karriere habe ich ja schon so manch besondere Fahrgäste gehabt. Einige haben sich echt seltsam benommen, ein Mann hatte gerade seine kleine Tochter verloren, eine alte Frau erzählte mir von ihrer tiefen Einsamkeit, eine andere machte sich große Sorgen, weil ihr 15-jähriger Sohn mit einem Mann zusammen war. Paare haben sich in meinem Taxi zerstritten, ich habe Lebenskrisen mitgekriegt, Ratlosigkeit, aber auch großes Glück. Das ganze Repertoire, das das Leben so zu bieten hat.

Dazu gehört auch der hagere Mann, der mir heute am Hauptbahnhof ins Auto stieg. Ich schätzte ihn auf 60 Jahre, sehr kurze graue Haare und Bartstoppeln, eingefallenes Gesicht, tiefe und dunkle Augenhöhlen, seine mit Furchen durchzogene Haut war sehr blass. Er hatte zerschlissene Kleidung an, manche würden ihn als heruntergekommen bezeichnen. Aber ein Stadtstreicher war er nicht.
Wir fuhren nach Wilmersdorf, dort wollte er gerne seine Kinder sehen, die schon lange keine Kinder mehr sind, wie er sagte. 15 Jahre lang hatte er keinen Kontakt.
“Die werden sich bestimmt freuen”, meinte ich.
“Wohl kaum. Ich will nur von außen reinschauen, sie möchten mich ja nicht sehen.”

Er erzählte, dass er erst am Morgen aus dem Gefängnis in Hamburg entlassen worden war. All die Jahre hatte er gesessen, weil er einem anderen das Leben genommen hatte. Es tat ihm schon in dem Moment leid, als der gerade starb, aber er konnte es nicht mehr rückgängig machen.
Er sagte, der andere hätte sein Leben verloren, er selber aber auch. Seine Frau, seine Kinder, sein Job, seine Wohnung, sein gewohnter Alltag, die schönen Stunden im Restaurant, im Urlaub – alles war nun Vergangenheit, eine zerstörte Existenz.

Dies alles erzählte er ohne zu jammern. Schon sehr lange hat er sich damit abgefunden, weil er es ja doch nicht ändern konnte. Nun wollte er wenigstens einen Blick auf diejenigen werfen, die ihn mal geliebt haben, sagte er. Aber sie haben auch gerichtlich erwirkt, dass er sich ihnen nicht nähern darf. “Dabei will ich doch wissen, wie sie jetzt aussehen.”
Er tat mir leid. Ich kenne ja nicht die Hintergründe der Tat, vielleicht hat er ja ein Familienmitglied getötet und deshalb wollen sie nun keinen Kontakt mehr. Es gibt Situationen, an denen kann niemand etwas ändern, die sind für alle Seiten nur traurig und ohne Ausweg. Jeder muss seinen Weg finden, damit umzugehen.

Als ich ihn fragte, was er danach machen würde, musste er passen. In Berlin bleiben will er nicht, weil er dann immer wieder in Versuchung geraten würde, zu seinen Kindern zu fahren. Am nächsten Morgen würde er wieder nach Hamburg zurück fahren. Dort hat er jedoch keine Wohnung und nur wenige Kontakte. “Vielleicht  springe ich auch von der Brücke, was weiß ich denn.”
Wie soll man auf sowas reagieren? Immerhin hat er in Hamburg Kontakt zu Sozialarbeitern, die ihn in der neuen Freiheit unterstützen. Aber die sind für ihn auch eine große Hilfe, das habe ich während des Gesprächs gemerkt.

Am Ziel angekommen zahlte er. Er entschuldigte sich, dass er kaum Trinkgeld geben könne, aber er müsste auf jeden Euro achten. “Kein Problem”, antwortete ich.
Er stieg aus, ging ein paar Schritte, blieb stehen und schaute nach den Straßenschildern. Es schien, als ob er zum ersten Mal dort wäre, dabei hatte er Jahre lang hier gelebt. Dann setzte er sich auf die Bank einer Bushaltestelle.

Während meiner Rückfahrt in die Innenstadt dachte ich noch lange über ihn nach. Auch wenn er jemanden umgebracht hat, so hat er doch das Recht, sein Leben weiter zu leben. Die Strafe aber geht für ihn weiter, auch wenn er nicht mehr im Knast sitzt.




Beten am Taxistand

Ich bin ja nicht gottesgläubig, jedenfalls nicht, was so die Mainstream-Religionen betrifft. Weder glaube ich daran, dass irgendwo über den Wolken ein weißbärtiger alter Mann sitzt, noch dass Gott Shiva seine sechs Millionen Untergötter befehligt oder ein gerechter Allah alle Ungläubigen verbrennen lassen will. Vielleicht gibt es einen Gott, schätze aber, dass dies einfach nur ein anderes Wort für die Natur ist.

Aber egal, jeder kann glauben, was er will, solange er anderen damit nicht das Leben behindert. So wie es in der angeblich laizistischen Bundesrepublik noch immer einen umfassenden Einfluss der Kirche auf den Staat und die Gesellschaft gibt. Kirchensteuer, jährliche staatliche Milliarden-Finanzierung der Kirche durch uns, kirchliche Feiertage oder kürzlich das Tanzverbot am Karfreitag. Was hat das bitte mit der Trennung von Kirche und Staat zu tun? Die Pfaffen haben in Deutschland noch immer viel zu viel Einfluss.
Aber darum soll es gar nicht gehen. Wenn jemand seinen Glauben hat, ist das seine private Entscheidung, die andere akzeptieren sollten. Muslime haben ihren wöchentlichen Feiertag am Freitag, samstags sind die Juden dran und am Sonntag die Christen. Wer will, der feiert sogar in der Kirche des fliegenden Spaghettimonsters.

Die Frage ist, inwieweit Gläubige verschiedener Richtungen ihre Rituale zelebrieren können, ohne dabei anderen in die Quere zu kommen. Wenn in Bayern Prozessionen durch die Dörfer ziehen und der Bauer deshalb nicht mehr mit dem Trecker zum Feld durchkommt, verflucht er die Gottesanbeter sicher auch. Gleichzeitig dürfen sie ihn nicht zwingen, mitzulaufen und mitzubeten.

Seit einigen Jahren wird hier in Deutschland vermehrt wieder Hass gegen Religionen geschürt. In den vergangenen Jahrhunderten waren es meist die Juden, gegen die der gemeine Christ zu Felde zog, was schließlich im Massenmord mündete. Heute sind es die Moslems, die als Feind, als die Gefahr hingestellt werden. Dahinter steckt der gleiche Rassismus wie früher, nur das Ziel des Hasses hat sich geändert.

In letzter Zeit beobachte ich öfters, wie muslimische Taxikollegen neben ihren Fahrzeugen kleine Teppiche ausrollen und sich zum Beten hinknien. Mir ist das egal, auch wenn ich damit nichts anfangen kann. Vor einigen Tagen kam dies auch an einem Taxistand am Savignyplatz vor. Kaum hat der Kollege mit seiner Beterei begonnen, fuhr das Taxi vor ihm weg, kurz darauf auch das andere, so dass er eigentlich an der Spitze stehen würde. Da er keine Anstalten machte, mit dem Beten aufzuhören und nach vorn zu ziehen, fuhr ich an ihm vorbei und stellte mich an den Anfang. Normalerweise überholt man natürlich keine Kollegen, wenn sie z.B. mal schnell auf die Toilette gehen oder die Scheiben waschen. Wenn jemand aber bewusst in Kauf nimmt, dass die folgenden Kollegen nicht mehr vorziehen können, braucht sich nicht aufzuregen, wenn er überholt wird. Genau das aber tat der Kollege, nachdem er ausgebetet hatte. Er kam zu mir und beschimpfte mich fürchterlich und sehr lautstark auf, dass ich ihn überholt habe. “Du hast doch gesehen, dass ich gebetet habe!”
“Ja, und es interessiert mich nicht. Wenn Du das während der Zeit am Taxistand machst und mich damit aufhältst, fahre ich eben an dir vorbei.”
Es geht nicht ums Prinzip, aber wenn am Anfang des Taxistands kein Wagen steht, kann es passieren, dass sich Fahrgäste dann ein fahrendes Taxi winken, anstatt nach hinten zu laufen. Aber das verstand oder akzeptierte er nicht. Er warf mir Rassismus vor, aber damit war die Diskussion für mich beendet.

Gestern Nacht eine ähnliche Situaton am Hauptbahnhof. Wieder betet jemand neben seinem Auto am Nachrückstand. Also fuhren einige Wagen von hinten an ihm vorbei und stellten sich vor ihn hin, zwei weitere konnten sogar zum regulären Taxistand vorrücken. Der muslimische Kollege hatte nichts dagegen, dass er überholt wurde, aber als er ausgebetet hatte, wollte er sich einreihen. Da gingen jedoch mehrere Kollegen dazwischen, die ihn teils übelst mit Beleidigungen überschütteten. Er solle doch “nach Kanackistan zurückgehen” und ähnliches.
Dabei hatte er ihnen nichts getan, hatte lediglich mehrere Autos vorbeigelassen. Ob es klug ist, dass man sich in eine ständig nach vorn rückende Taxireihe stellt, wenn man beten will, kann bezweifelt werden. Den Kollegen aber deswegen zu beschimpfen und zu beleidigen, ist inakzeptabel.

Manche Kollegen meinen, sie als “Christen” seien etwas besseres als die Moslems. Genauso sehen das ja auch die Faschos von Pegida oder der AFD. Als wenn es hier demnächst zum großen Showdown der Religionen kommen würde und die Unterlegenden dann mit dem Tode rechnen müssten. Dabei sind sich die Bibel und der Koran sehr ähnlich, vor allem wenn es um die Bekämpfung Andersgläubiger geht.
Wieso also der Hass? Tut Euch doch zusammen, dann könnt Ihr gemeinsam z.B. Frauen unterdrücken, Homosexuelle niedermetzeln, “Ehebrecher” abschlachten oder Rothaarige verbrennen!

Übrigens: Rassistische Kommentare werden hier nicht veröffentlicht und die Kommentatoren künftig geblockt.




Verfahrene Situation

Es kann schon mal vorkommen, dass Fahrgäste etwas desorientiert sind. Ich hatte schon Leute im Auto, die haben ihr eigenes Haus nicht erkannt, als wir nachts davor standen. Andere glauben den kürzesten Weg ganz genau zu wissen und bescheren mir dadurch einen gut bezahlten Umweg. Und manchmal passiert so etwas wie letzte Nacht.
Die Dame stieg mir am Hauptbahnhof ins Auto: “Lange Straße, bitte”.
“Die am Ostbahnhof?”
“Ja genau”.
Klare Sache, immer der Bahn nach. Am Ziel angekommen sah die Sache aber anders aus: “Nein, hier sind wir falsch”.
“Das ist die Lange Straße am Ostbahnhof.”
“Aber hier ist es falsch.”
Dann kam sie auf die Idee, mir den Zettel mit der Adresse zu zeigen: Langenscheidtstraße. In Schöneberg. Zwar auch an einer Bahn, aber ganz woanders, ohne Bahnhof, und die Gleise verlaufen hier nicht oberhalb der Straße, sondern unten in einem Trog. Aber sonst stimmt alles :-)

Als wir endlich an der Langenscheidtstraße ankamen, erkannte sie den Ort auch wieder. Allerdings war das noch gar nicht das Ziel, sie wollte hier nur jemanden abholen und dann weiterfahren. Bloß dieser jemand war nicht da. Meine Fahrgästin rief ihn nun mit dem Handy an und es stellte sich heraus, dass derjenige am Hauptbahnhof auf sie wartete.
Man kann nicht behaupten, dass es der Situation an Komik gemangelt hätte, aber lachen durfte ich trotzdem nicht.

Also fuhren wir nun wieder zum Hauptbahnhof, den wir eine knappe Stunde vorher verlassen hatten und sammelten den anderen ein. Sie waren sich jedoch nicht einig, wohin es gehen sollte. Mir war’s recht, das Taxameter lief still vor sich hin und bis mein Tagfahrer das Auto haben wollte, sollte es noch einige Stunden dauern.

Meine Fahrgäste waren in einem Club verabredet, wussten aber den Namen nicht mehr und konnten auch niemanden per Handy erreichen. Es war irgendein Club, der Amerika heißen sollte, oder Kanada oder so. Ich dachte, ich kenne die Clubs in der Stadt, aber mir fiel keiner ein, dessen Name dazu passen würde. Schließlich bekamen sie doch jemanden ans Telefon, der weiterhelfen konnte. “Der Club heißt Cuba libre und ist in Tempelhof. Oder Charlottenburg.”
Das half mir nicht wirklich weiter. Weder kenne ich diesen Club, und auch die Ortsangabe könnte man höchstens auf einem Globus als genau bezeichnen.
Sie überlegten schon, wieder in die Langenscheidtstraße zurückzufahren. Dann aber hatte ich die rettende Idee: “Ist es vielleicht der Club Havanna in Schöneberg?”
“Hm.”
Ich schlug vor, jetzt dort hinzufahren und falls es der falsche Club wäre, ist die Langenscheidtstraße nur 5 Minuten entfernt.
Darauf ließen sie sich ein und wie sich herausstellte, war es genau die richtige Entscheidung.
Allerdings weiß ich nicht, ob sie nach Bezahlung der Taxikosten noch Geld für einen Cuba libre im Havanna hatten.




Man kann nicht ständig Glück haben

Leider hat es sich noch nicht bei allen Touristen herumgesprochen, dass der Winter nun vorbei ist. Die Umsätze mancher Tage sind noch wie im Januar: grottig schlecht. Da kommt ein Schichtbeginn wie gestern genau richtig. Noch auf dem Weg zum Halteplatz erhielt ich einen Auftrag in Mitte, Chausseestraße. Vorbestellung für fünf Personen. Am Hotel angekommen standen schon zwei weitere Taxis dort, Großraum, denn insgesamt waren es etwas über 20 Fahräste. Es sollte nach Haselhorst gehen, eine schöne Tour. Zur vorbestellten Zeit schalteten wir alle die Taxameter an und warteten. Zwar waren schon einige Fahrgäste draußen, aber bis sie vollzählig waren und sich auf die Wagen verteilte hatten, dauert es noch ein Weilchen.
Dann ging es los, über Wedding, am Flughafen Tegel vorbei. 500 Meter vor dem Ziel sollte ich plötzlich stoppen. Am Telefon hatten meine Fahrgäste erfahren, dass an ihrem Zielpunkt kein Platz mehr ist, sie sollten stattdessen in die Leibnizstraße ausweichen. Aber gerne! Nun ging es also nach Charlottenburg. Dort angekommen stand das Taxameter inkl. der anfänglichen Wartezeit sowie dem Aufschlag wegen der fünften Person auf 44 Euro. “Schreiben Sie die Quittung über 50 Euro”.

Einige Minuten später stand ich am Savignyplatz, aber sofort stieg mir ein neuer Fahrgast ins Auto: “Flughafen Schönefeld, bitte”. Er war von meinen Fahrkünsten begeistert, wie er sagte, obwohl ich nichts Außergewöhnliches geleistet hatte. Trotzdem war es ihm das wert, den Fahrpreis von 41 Euro auf 50 aufzurunden.

Auf dem Rückweg in bewohntes Gebiet erhielt ich per Funk einen Auftrag in Treptow, am Rathaus in der Neuen Krugallee. Die Dame wollte über einen Zwischenstopp in Johannisthal nach Oberschöneweide. Dort angekommen hörte ich wieder den Spruch von meinen Fahrkünsten. Langsam glaubte ich schon selber daran. Auch sie rundete großzügig auf, von 16 auf 20 Euro.

101 Euro Umsatz plus 19 Euro Trinkgeld in zwei Stunden. Ich rechnete mir schon aus, dass ich als Krösus nach Hause fahren könnte, wenn es so weitergehen würde. Ging es aber leider nicht, ich hätte stattdessen Feierabend machen sollen. Denn in den folgenden sechs Stunden kamen gerade mal etwas über 50 Euro Umsatz dazu.
Na ja, man kann eben nicht ständig Glück haben.




Missglückte Rückreise

Zwei Tage lang streikten die Flughafenarbeiter in Tegel und Schönefeld. Das bedeutet, das viel durcheinander ist. Wer sonst per Flugzeug nach Berlin kommt, muss mit dem Zug fahren oder irgendwie anders einen Weg finden. Die Züge waren voll diese Tage. Übervoll, da die Bahn nicht so flexibel ist, um mehrere zehntausend Passagiere in zusätzlichen Zügen zu befördern.

Manchmal, wenn die Geschäfte schlecht laufen, stehen sich am Hauptbahnhof um die 200 Taxis die Reifen eckig, beide Taxistände sowie die gesamte Nachrücke sind dann voll. Vorgestern und gestern Nacht waren es mindestens 100 mehr, die Schlange zog sich um den ganzen Bahnhof und dann die Spree entlang, mehrere hundert Meter weit. Diesmal allerdings nicht wegen schlechter Geschäfte, sondern weil die Streikopfer es gewohnt sind, nicht mit der S-Bahn, sondern mit dem Taxi weiterzufahren. Auch wer als 300. Taxi ankam, war nach einer Viertelstunde mit Fahrgästen wieder unterwegs.

Die Taxikollegen waren happy, manche Fahrgäste jedoch nicht. Zwar war der Streik vorher angekündigt, wenn auch ursprünglich nur für einen Tag statt für zwei, trotzdem konnten manche nicht umbuchen. Flüge die von weiter weg nach Berlin kamen, mussten auf einen anderen Flughafen umgeleitet werden. Sie führten stattdessen nach Leipzig, Dresden oder Hamburg. Dort strandeten auch meine drei Fahrgäste, die ich Montagnacht um 3 Uhr noch am Hauptbahnhof aufgegabelt habe. Mit Koffern wie von einer Großfamilie standen sie verloren auf dem Europaplatz und kamen winkend auf mich zu, als ich gerade auf dem Weg nach Hause war. Bis ich alle Gepäckstücke verstaut hatte, dauerte es einige Minuten. Das Taxi hat eigentlich genug Stauraum, es gilt sogar als Großraumwagen, aber diesmal kam es an den Rand seiner Kapazität. Der letzte Koffer passte nicht mehr rein, er musste schließlich mit auf den Rücksitz.

Während der Fahrt nach Schöneberg erzählten meine Fahrgäste, dass sie gerade aus Bangkok kamen. Sie waren seit 24 Stunden unterwegs und sollten eigentlich schon Stunden vorher in Berlin landen. Da das wegen des Streiks nicht ging, wurde die Maschine nach Hamburg umgeleitet. Dort fuhr aber kein Zug mehr nach Berlin, deshalb mietete die Airline kurzfristig einige Busse, die die Flugpassagiere dann nochmal drei Stunden lang bis zu unserem Hauptbahnhof brachte. Entsprechend gerädert kamen sie hier an.

Nachdem Fahrgäste und Gepäck gut verstaut waren, ging die Fahrt recht schnell durch nachtleere Straßen. Die 18,90 Euro wurden wenig großzügig auf Zwanzig aufgerundet, dann alles ausgepackt und der Feierabend konnte beginnen.

Am nächsten Nachmittag nach dem Aufwachen hatte ich eine SMS von meinem Tagfahrer-Kollegen auf dem Handy: „Schwarze Tasche im Auto gefunden, irgendwas medizinisches.“ Bei meinem Schichtbeginn sah ich dann, dass es sich um ein Infusionsspritzbesteck handelte, vermutlich für den Eigentümer wichtig. Es konnte eigentlich nur von den letzten Fahrgästen stammen. Also fuhr ich auf gut Glück zu der Adresse am Kleistpark, die hatte ich glücklicherweise noch im Kopf. Am Haus las ich 12 Namen auf den Klingelschildern, ich wollte einfach irgendwo klingeln und nach den Thailandurlaubern fragen. Stattdessen öffnete sich aber die Tür und einer meiner Fahrgäste stand vor mir. Als er mich sah, begriff er gleich, dass er großes Glück hatte. Er erzählte kurz, dass er sich täglich spritzen musste und irgendein Messgerät notwendig wäre usw. Auf jeden Fall wäre das alles in der Tasche und er war froh, dass ich ihm das gebracht habe.

Leider vergaß er in seiner Freude, mir für die Fahrt nach Schöneberg ein paar Euro zu zahlen. Aber was macht man nicht alles, um seine Fahrgäste zufriedenzustellen. Außerdem gab es dafür bestimmt wieder einen Punkt auf meinem Karma-Konto. Wer weiß, wozu es gut ist.




Der alte Kreuzberger

Ein Vorteil des Taxifahrens ist, dass man viele unterschiedliche Menschen trifft, darunter manchmal sehr interessante. So war es auch in der vergangenen Woche. Der beleibte Mann war schon älteren Datums, 70 Jahre alt. Er stieg mir vor einem Charlottenburger Theater ins Auto und wollte zum Oranienplatz. Wir kamen schnell ins Gespräch. Immerhin habe ich die ersten 30 Jahre meines Lebens auch in Kreuzberg verbracht, auch danach immer wieder mal für einige Wochen oder Monate. Und der Oranienplatz gehörte lange Zeit dazu. Mehrere besetzte Häuser, in denen ich Anfang der 1980er Jahre gewohnt habe, standen in unmittelbarer Umgebung.

Der alte Kreuzberger erzählte, dass er bereits seit 60 Jahren im gleichen Haus lebt. 1890 hatte sein Großvater gleich nebenan das alte Café an der Ecke zur Naunynstraße übernommen und es „Kuchen Kaiser“ genannt. Nicht, weil er selbst etwa Kaiser hieß, aber mit seinem Namen Fluss hätte er dort höchstens ein Fischgeschäft eröffnen können. Ende der 1950er Jahre musste das Café schließen, statt Kuchen wurden dort fortan Küchen verkauft. Seit 1998 ist in den Räumen ein Restaurant, das den Namen übernommen hat.

Der Mann erzählt vom ehemaligen Kaufhaus C&A an der Ecke zur östlichen Oranienstraße, das derzeit zu einem 4-Sterne-Hotel ausgebaut wird. Wir sprachen über die Hausbesetzerbewegung und was sie bewegt hat. Über die Architektur, darüber dass der nahe Moritzplatz vom Kreisverkehr zur Kreuzung umgebaut werden soll und auch, dass der Oranienplatz die gleiche Struktur hat wie der Savignyplatz (weil er auch vom selben Stadtplaner entworfen wurde). Der Oranienplatz war mal Teil eines Kanals und auch durch den Savignyplatz sollte einst einer gebaut werden.

Er erzählte vom Pfarrer der St. Thomas-Kirche, vom Rauchhaus, zu einigem konnte ich eigene Erinnerungen zusteuern. Natürlich sprachen wir auch über die Gentrifizierung und den Widerstand dagegen, über einstige Autobahnpläne in Kreuzberg, über einiges, was letztlich nicht realisiert wurde.

Die Fahrt war leider viel zu schnell zu Ende. Aber sie war emotional, lehrreich und interessant. Früher gab es ja im Kiez viele Bewohner, die dort seit Jahrzehnten lebten. Auch meine Mutter und Oma gehörten dazu, seit 50 Jahren auch die türkischen Immigranten. Mittlerweile sprechen die typischen Kreuzberger Englisch oder Spanisch, sogenannte Alteingesessene gibt es nicht mehr viel. Es macht deshalb Spaß, wenn man mal wieder einen trifft, der schon sein ganzes langes Leben in diesem Kiez wohnt und sich noch immer für die Entwicklung vor seiner Haustüre interessiert.




Ich, Taxi-Diktator

Es gibt Gegenden, da findet man keinen Taxi-Fahrgast. Dort wohnt niemand, da sind keine Restaurants oder Clubs, nicht mal Firmen. Die Heidestraße in Moabit ist solch ein Ort. Bisher standen hier Lagerhäuser, auf der anderen Seite war ein Containerbahnhof, aber das ist alles längst abgerissen. Hier entsteht in den nächsten Jahren der neue Stadtteil “Europa-City”, aber bis dahin fährt man hier einfach nur durch.
Außer, man hält an der Tankstelle. So wie ich, morgens um 2.30 Uhr. Als ich fertig war und gerade wieder auf die Straße rollen wollte, standen tatsächlich drei Leute an Rand und winkten mich: “Sie sind frei?” Eine der unsinnigsten Fragen eigentlich, wenn das Taxischild beleuchtet ist, aber sei’s drum. Im Auto sagte der junge Mann neben mir, dass sie zur Gerichtstraße fahren wollten. Von hinten kam Widerspruch: “Nein, wir fahren nach Kreuzberg, man!”
Es entspann sich ein Streit zwischen der Wedding- und der Kreuzberg-Fraktion, wobei ich natürlich aus rein egoistischen Gründen den Kreuzbergern den Sieg wünschte, denn dorthin war der Weg länger. Aber soweit war es noch lange nicht.

Erstmal wurden Argumente ausgetauscht. In der Gerichtstraße wäre vielleicht gar nichts mehr los, im SO36 aber auf jeden Fall noch. Andererseits soll dort Hubert am Tresen stehen und dem wollte man ja nun wirklich nicht begegnen. Allerdings ist Kreuzberg näher an Neukölln, wo sie offenbar wohnten. Annemarie dagegen wartete schon seit Stunden im Wedding, dass sie endlich ankommen würden.

Die salomonische Lösung, eben diese Annemarie entscheiden zu lassen, schlug leider fehl – sie ging nicht an ihr Handy. Also ging die Diskussion wieder los. Ich mischte mich ein und sagte, dass ich nun das Taxameter anschalten werde, weil das ja alles von meiner Arbeitszeit abgehe. Das wollten sie nun alle drei nicht. Andererseits war auch keine Lösung in Sicht. Deshalb probierte ich etwas anderes:
“Mein Taxi, ich bestimme, wohin es geht!” Tatsächlich protestierte niemand, so dass wir endlich losfahren konnten. Und zwar nach Kreuzberg. Offenbar hatte ich die Wirkung meiner Worte unterschätzt, denn nach ein paar Minuten fragte mich die Frau von hinten: “Das war aber aber schon ganz schön diktatorisch, oder?”
Ich stimmte ihr zu und verglich das mit einer Familie: “Wenn die Kinder zanken, müssen die Eltern eben mal dazwischen gehen und entscheiden. Mag sein, dass das diktatorisch ist, aber manchmal funktioniert Demokratie eben nicht.”
Dann klingelte bei ihr das Handy, am anderen Ende war Annemarie. Sie wollte nur bescheid sagen, dass sie nun nach Kreuzberg zum SO36 fährt und meine Fahrgäste sollen doch dort hinkommen.
Na prima, dann hab ich ja alles richtig gemacht :-)




Rauf und runter im Taxi

Es gibt so Tage. Ewig keine Fahrgäste, dann nur kurze Touren, ätzende Kunden und/oder Kollegen. Mittendrin überlegt man, wie man das möglichst schnell beenden kann. Einfach Feierabend machen oder tapfer durchhalten, weil es ja auch wieder in die andere Richtung gehen kann? Hundertmal erlebt diese Situation und meistens entscheide ich mich für die zweite Version, auch wenn das nicht immer erfolgreich war. Der Frust wird dann nur noch größer. Aber man muss das hinnehmen. Klar, man kann die Taktik ändern, auf der Suche nach Fahrgästen rumfahren, statt an der Halte zu warten. Aber dann sieht man nur die vielen anderen leeren Taxis vor einem und ärgert sich, dass man den Taxistand verlassen hat.

Dieser Abend war wirklich nicht gut gelaufen, aber sowas habe ich auch noch nie erlebt: Gleich drei Fehlfahrten hintereinander! Nach einer Dreiviertelstunde an der Taxihalte kommt endlich ein Auftrag, ein Hotel in der Lietzenburger Straße. Dort angekommen sagt der Fahrgast, dass sie aber nicht zu fünft sind, sondern sieben Fahrgäste, er hätte das falsch bestellt. Er will auch noch, dass ich ihm ein größeres Taxi rufe, entschuldigt sich nicht mal, dass er sich bei der Bestellung geirrt hat. Nein danke. Ich fahre wieder zurück.

Der nächste Auftrag nach einer halben Stunde, ein Restaurant in der Schlüterstraße. Als ich ankomme sehe ich noch ein anderes Taxi wegfahren. Der Wirt sagt, die Fahrgäste würden draußen warten. Das taten sie aber nicht mehr, sie haben sich einfach ein anderes Taxi gewunken. Vielen Dank!

Dann fuhr ich eine Weile in der City West herum. Kudamm hoch, Kantstraße runter. An der Ecke zur Uhlandstraße wieder ein Auftrag, ein Hotel in der Hardenbergstraße, eine Minute entfernt. Die Fahrgäste stehen schon draußen, wollen nach Prenzlauer Berg. Oder Friedrichshain. Oder Kreuzberg. Sie beginnen zu streiten, schreien sich an. Und verschwinden wieder im Hotel. Nach fünf Minuten Warten ziehe ich ab, seit zwei Stunden keine Kunden mehr. Meine Lustkurve hat den Nullpunkt weit unterschritten. Was ist bloß los heute, haben bei Vollmond wirklich alle eine Klatsche?

Nach drei Fehlfahrten kommt wieder ein Auftrag. Nun habe ich nun aber eine ordentliche Fahrt verdient, denke ich. Fünf Minuten später fahre ich von der Fasanenstraße zur Bleibtreu, fast 7 fette Euro. Bevor ich aber noch frustrierter werden kann, kommt ein Mann auf mich zu: „Kennen Sie die Nalepastraße?“ Aber ja! Es geht nach Schöneweide, eine 30-Euro-Tour, sehr schön. Kaum habe ich ihn dort abgeliefert und mir bei der Gelegenheit mal das alte DDR-Rundfunkgelände angeschaut, kommt das nächste Angebot: Köpenicker Chaussee, nur zwei Kilometer entfernt. Dort angekommen steht ein Pärchen mit viel Gepäck am Straßenrand. Während wir es einladen, erscheint ein weiteres Taxi. Der Kollege ruft: „Hey, das sind meine Fahrgäste!“ Es kommt manchmal vor, dass Kunden doppelt bestellen, mal aus Versehen, weil beide denken, er/sie sollte sich drum kümmern. Oder aber, wie in diesem Fall, weil der erste bestellte Wagen einfach nicht kommt. Diesmal war es genauso und wie sich herausstellte, hatte der Kollege den Auftrag schon 20 Minuten vorher erhalten, aber die Adresse nicht gefunden. Dass sein Auftrag storniert und an mich neu vergeben wurde, hat ihn nicht interessiert. Er brüllte mich an, dass ich ein Schwein sei und dass das Konsequenzen haben würde. Nun mischten sich meine Fahrgäste ein, dass sie nach der zweiten Bestellung nur vier Minuten gewartet hätten und auch gar keine Lust haben, mit einem so aggressiven Fahrer mitzufahren. Schließlich fuhr ich mit ihnen zum Flughafen Tegel, knapp 40 Euro. Ich war zufrieden, aber es kam noch besser.

In Tegel stelle ich mich nicht hin, man steht dort als 400. Wagen oder noch weiter hinten, ohne eine realistische Aussicht auf eine wirklich gute Fahrt. Also cruiste ich Richtung Charlottenburg und auf der Kantstraße kam der Auftrag zur Knesebeckstraße, fünf Personen. Die wollten nach Teltow, sagten sie, Zehlendorfer Damm. „Der ist aber in Kleinmachnow“, korrigierte ich. „Egal, wir wollen da in ein Hotel.“ Tatsächlich gibt es dort das „nh-Hotel Berlin-Potsdam“. Es ist zwar weder in Berlin, noch in Potsdam, aber eben auch nicht in Teltow. Aber schön weit weg, genau 38 Euro weit. Es war eine lustige Fahrt mit lauter und lauten Chinesen, mehrmals wurde meine Fahrweise gelobt, obwohl ich den Grund dafür nicht so ganz verstand.

Schließlich wollte ich danach wieder in die Innenstadt, da meldete sich der myTaxi-Alarm. Nur ein paar Straßen weiter, ein Restaurant an der Clayallee. Die junge Frau mit schlafendem Baby wollte „nur noch nach Hause“, nach Mitte. Ich freute mich über die wieder sehr weite und lukrative Fahrt und darüber, dass ich vorhin durchgehalten habe.

Es ist beim Taxifahren eben wie im richtigen Leben: Mal hoch und mal runter.




Ein Cowboy kennt keinen Schmerz

Ich fahre ein Taxi, in dem ich fünf Personen mitnehmen kann. Eigentlich würden sogar sechs Fahrgäste reinpassen, der zusätzliche Sitz ist vorhanden. Warum es aber nur für 5 Kunden zugelassen ist, weiß ich auch nicht. Bei der Tour jetzt war ich aber dankbar, dass es nur fünf Personen waren.
Natürlich kann man sich denken, wie Gäste drauf sind, die man mitten in der Nacht in einer Karaoke-Bar abholt: Entweder sturzbesoffen oder gnadenlos fröhlich. Meine fünf Damen, alle längst im Rentenalter, gehörten zur zweiten Gruppe. Anfangs dachte ich noch: “Zum Glück”. Aber fünf kotzende Seniorinnen wären vermutlich auch nicht schlimmer gewesen als das, was nun auf mich zukam.

Es ging ins Westend. “Bessere” Gegend, die Leute hier sind vielleicht keine Millionäre, haben aber Geld.
Kaum im Auto, ging es los mit den Gesängen. Eine fing an, die anderen stimmten ein, aber alle sangen falsch und auch noch zeitlich versetzt. Glauben Sie mir: Bei fünf singenden Röhren ist das kaum auszuhalten! Und dann kam ihr Lieblingslied: “Ich will ‘nen Cowboy als Mann.” Und das ging Kilometer um Kilometer so weiter, nur unterbrochen von “Voyage, voyage”. Gut Französisch sprach keine von ihnen, entsprechend grausam klang das Lied.

Das Gegacker und Gekreische wurde immer lauter, dann kam wieder der Cowboy und plötzlich hieß es “Ich will ‘nen Taxifahrer als Mann”. Die Dame neben mir legte eine Hand auf meinen Oberschenkel und wollte mir einen Kuss geben, schrecklich. Ich wehrte beides ab, aber die geballte Frauschaft hatte mich als Ziel ihres akustischen Angriffs ausgewählt. Von hinten kam zwischen den Sitzen eine Frauenhand, die mir an die Brust fassen wollte. Als ich laut und wirklich sauer “Jetzt hören Sie auf damit!” rief und auf die Bremse ging, meinte die Frau neben mir “Ach, wenn es nur eine Frage des Geldes ist, das ist überhaupt kein Problem.” Alles lachte. Aaargh…

Dann gings von hinten wieder los mit dem Cowboy und ich war heilfroh, dass wir kurz darauf in der Straße ankamen. Dort wohnen sie offenbar alle im gleichen Altenheim, denn nachdem sie bezahlt hatten und ausgestiegen waren, lief die Gruppe gemeinsam durch das große Tor, laut singend “Ich will ‘nen Cowboy als Mann”.




Nachts am Savigny

Älteren Taxifahrern ist die Dicke Wirtin, das Schell und dpa am Savignyplatz noch ein Begriff. Und natürlich der Zwiebelfisch, das Gasthaus, in das man heute noch schaut, wenn man mit dem Taxi auf der Nachrücke steht. Dort herrscht noch eine Ahnung von der West-Berliner 70er-Jahre-Studentenzeit. Abends um 22 Uhr ist der Laden fast voll, selbst mitten in der Woche.

Aber auch die Lokale und Restaurants rund um den Platz brauchen sich über mangelnden Zuspruch nicht zu beklagen. Viele Geschäfte, Mode- und Designer-Möbel, sind schon ewig hier, Inventar des Platzes. Im Funk wird der Savignyplatz oft angesprochen, deshalb stellen sich viele Kollegen hier auf. Hinter den 10 offiziellen Standplätzen sieht man abends oft noch 5, 6 weitere Taxis warten. Hier werden vor allem die Gäste der umliegenden Restaurants bedient. Die hohe Frequentierung des Halteplatzes hinterlässt ihre Spuren, nur ruckelnd geht es über Querrillen im Asphalt weiter, die Tausende von Taxireifen in heißen Sommertagen geschaffen haben. „7 Taxen“ steht auf dem Schild am vorderen Halteplatz, doch mehr als sechs passen nicht drauf.
Gegenüber hat ein winziger Imbiss in einem ehemaligen Zeitungskiosk eröffnet, aber um diese Zeit ist er leider verrammelt. Die Wurst soll hier sehr gut sein und man bekommt sie mit Sekt serviert. Also nichts für Taxifahrer. Dafür leuchtet im Dach des Kiosks eine Bahnhofsuhr. Auch schön.

Der Savignyplatz hat nachts eine eigene Atmosphäre, wenn nicht mehr so viel Autos durch die Kantstraße fahren. Auch als Taxler kann man ein paar Minuten durch den kleinen Park spazieren, seinen Wagen immer im Blick. Gruppen und einzelne Passanten durchqueren den Park auf ihrem Weg von der S-Bahn in die Bar oder retour. Manche entschließen sich erst hier, doch lieber ein Taxi zu nehmen, als auf die Bahn zu warten.

Morgens um 1 Uhr ist der Zwiebelfisch noch immer belebt. Ein schmutziger junger Mann schleicht die an den Laternenmasten hängenden Mülleimer ab, steckt den Arm hinein und zieht ihn enttäuscht wieder heraus. Nichts Verwertbares dabei. Eine alte Frau, aufgedonnert im weißen Pelzmantel, hat am Arm ihren Gatten im hellen Anzug mit passendem Hut. So etwas sieht man hier nur noch selten. Sie bleiben am Taxistand stehen und diskutieren. Dann ziehen sie doch weiter, stellen sich an die Bushaltestelle.
Also weiter warten, bis die Zentrale ruft: „Wer steht Savigny?“.