“Ich hasse Kleingeld”

Früher Abend, ich stehe an erster Stelle der Taxihalte am Bahnhof Zoo. Genau genommen stehe ich sogar als Einziger dort, nämlich auf der rechten Seite, direkt am Bahnhof. Ich verstehe bis heute nicht, wieso sich die Kollegen fast alle auf der linken Straßenseite hinstellen, an den Bushaltestellen. Zwar steigen dort tagsüber tatsächlich mehr Fahrgäste ein, aber schneller kommt man auf der rechten Seite weg. Das ist aber mein Geheimnis, also bitte nicht weitersagen!

Jedenfalls stand ich gestern Abend gegen 20 Uhr dort, als ein höchstens 20-jähriger Kerl auf mich zukam und an die Scheibe klopfte. „Kannst Du auch auf 500 rausgeben?“, fragte er mich ernsthaft. Ich antwortete: „Wenn wir nach Rostock fahren, dann ja. Das kostet etwa 460 Euro“.
Er schaute mich etwas verdattert an, stieg aber ein und fragte: „Das war jetzt ein Witz, oder?“
„Nö, das kostet wirklich 460 Euro.“
Ich genoss seine Unsicherheit, aber ohne Häme. Dass man im Taxi nicht mit einem 500er zahlen kann, sollte ihm klar sein.
Nun zog er sein Geld aus der Tasche und hatte mindestens drei 500-EUR-Scheine in der Hand sowie einen 200er. Den zeigte er mir, aber ich schüttelte nur den Kopf.

„Egal, dann muss meine Freundin das zahlen“, sagte er und nannte die Pariser Straße als Ziel. Das ist nicht wirklich weit, aber ich gehöre nicht zu den Taxifahrern, die ihre Fahrgäste unfreundlich behandeln, wenn diese nur eine kurze Tour haben.
Dann erklärte er mir, er würde 500er sammeln. Deshalb sei er auch froh, dass ich die nicht wechseln kann. „Ich hasse Kleingeld, weißte“.

Auf dem Weg rief er seine Freundin an und sprach extrem unhöflich mit ihr. Sie soll doch gefälligst mit 15 Euro runterkommen, ob sie zu blöd ist, das zu kapieren. So ging das die ganze kurze Fahrt über, es war mir unangenehm, da mitzuhören.

Am Ziel angekommen ließ er sein Handy auf dem Sitz liegen und holte das Geld, das seine Freundin ihm an die Tür gebracht hatte. Das Taxameter zeigte 6,70 Euro. Er reichte mir drei 5er und verabschiedete sich. Ich dachte, er hätte sich verzählt und wollte mir 10 Euro geben. Aber als ich ihn drauf aufmerksam machen wollte, wiederholte er seinen Spruch von vorher: „Ich hasse Kleingeld“. Tja, wer spendable reiche Eltern hat, kann sich solche Trinkgelder leisten…




Mit Seehofer im Taxi

Manchmal hat man im Taxi schon ein beklemmendes Gefühl. Ich meine nicht, weil man Angst vor einem Überfall hat oder sowas. Viel schlimmer: Es könnte sein, das einem Horst Seehofer ins Taxi steigt. OK, schlimmer wäre vermutlich noch das Pärchen Gauland und Weidel, aber wir wollen es ja nicht übertreiben.

Mein Auftrag mit der neutralen Adresse Alt-Moabit 140 und einem weiblichen Privatnamen wunderte mich erstmal nicht. Ich habe schon öfter Fahrgäste vom Bundesinnenministerium abgeholt, das ist nicht ungewöhnlich.
Allerdings musste ich erstmal eine Weile an der Einfahrt warten, weshalb mir irgendwann der Mensch von der Bundespolizei ans Fenster klopfte, auf wen ich denn warten würde. Ich sagte den Namen und er reagierte sofort zustimmend: “Ach so, dann ist es ok”.
Zwar wunderte mich, dass er in einem solch großen Haus ausgerechnet meinen Fahrgast kennt, aber vielleicht ist er ja ein Gedächtnisgenie.

Nach rund 10 Minuten Wartezeit stieg dann tatsächlich eine relativ junge Frau ein. Auf der linken Seite, von mir erst unbemerkt, kam dann Horst Seehofer ins Auto, sagte aber nichts. Ich sah ihn nur im Rückspiegel. Noch bevor sie mir das Fahrziel nennen konnte, fing sie an zu lachen: “Nein, das ist er nicht!” Sofort lachten beide und dabei hörte ich, dass “Herr Seehofer” in Wirklichkeit eine Frau war, die ihn aber wirklich sehr ähnlich sieht, jedenfalls auf dem ersten Blick und im Rückspiegel.
Die beiden klärten mich auf, dass ich nicht der erste Taxifahrer wäre, der dachte, er hätte den Innenminister im Auto.

Sie fragte mich, ob das so schlimm wäre, wenn es wirklich Seehofer gewesen wäre. Ohne nachzudenken sagte ich “Es muss nicht sein.”In gleichen Moment fiel mir ein, dass die Antwort eventuell nicht so schlau war, aber ihre Reaktion war Lachen und ein “Das kann ich mir denken!”

Wie sich während der Fahrt herausstellte, arbeiten beide offenbar in höheren Positionen im Ministerium und sind alles andere als Seehofer-Fans. Im Gegenteil. Zuerst unterhielten sie sich untereinander über irgendeinen neuen Fauxpas, den er sich geleistet hat. Es war schnell klar, dass sie nicht seine Fans waren. Offenbar geht er auch mit seinen Untergebenen nicht besonders feinfühlig um.
Da sie mich irgendwann ins Gespräch mit einbezogen, durfte ich dann auch meine Meinung sagen. Sie waren überrascht, weil sie dachten, alle deutschen Taxifahrer würden die Politik von Seehofer gutheißen.

Ich bestritt, dass er überhaupt eine klare Politik betreibe, aber das was er macht ist natürlich schon katastrophal genug. Sie sagten, manche im Ministrium würden ihn “Donald Seehofer” nennen, weil er gerne so wie Trump wäre.
Eine erzählte, dass es unter den Angestellten mittlerweile Seehofer-Witze geben würde, die man aber nur unter der Hand weitererzählen dürfe. Bloß nicht per E-Mail, denn das ganze Ministerium-Intranet wird überwacht.
Die andere glaubte nicht, dass dort auch nach Witzen gesucht würde, aber die Jüngere sagte dass sie das weiß, nicht nur annehme. Jede einzelne Nachricht würde gescannt und gelesen. Und wer Witze über Seehofer verbreite, würde mit Sicherheit Ärger bekommen. “Wie damals beim Staatsratsvorsitzenden.” Wieder lachten beide.

Im Laufe der Fahrt erzählten sie noch, dann innerhalb des Innenministeriums die meisten nicht glauben, dass Seehofer noch allzu lange Minister bleiben würde. Und dass er auch merkt, dass ein Großteil der Bediensteten ihm gegenüber negativ eingestellt sind. Daneben gibt es aber noch die Karrieristen und Rechten. So wie sie das sagte, meinte sie wohl eher Rechtsradikalen. “Es gibt bei uns schon ein paar, die würden sich auch über einen Innenminister Gauland freuen”, sagte sie. Aber das ist eine kleine Minderheit.

Insgesamt war es eine interessante Fahrt, weil ich mal einen kleinen Einblick bekommen habe, wie es in der Burg aussieht. Und dass Horst Seehofer nicht mal innerhalb seines eigenen Ministeriums von den Angestellten respektiert wird.




Möchtegern-Rocker

Bei großen Messen reisen oft Tausende von Geschäftsleuten nach Berlin und einen Teil von ihnen hole ich am Abend mit dem Taxi ab. Auf dem Weg vom Messegelände ins Hotel oder in ein Restaurant bekomme ich die Gespräche mit, die sie dann untereinander führen, nach einem anstrengenden Arbeitstag. Meistens unterhalten sich die Leute über geschäftliche Dinge, manchmal auch über Personalien. Na ja, Personalien ist vielleicht das falsche Wort, es geht eher darum, über Kollegen, Geschäftspartner oder Konkurrenten herzuziehen. Das Geschlecht ist dabei völlig unerheblich, Männer und Frauen können genauso eklig sein.

Fast nur aus Männer besteht noch eine andere Gruppe. Diese wächst vor allem über sich hinaus, wenn Frauen dabei sind: Die Möchtegern-Rocker. Nicht, dass sie irgendwie einem Bandido oder Hells Angel ähneln würden, sie finden es schon wild, die Krawatte abzulegen.

Es sind vor allem die Geschichten, die sie erzählen, von verwegenen Taten, vom Rebellentum unter der bürgerlichen Fassade. Im letzten Jahr hatte ich mal einen Fahrgast im Taxi, der damit rumgeprollt hat, wie er angeblich während der G20-Krawalle in Hamburg mit den Autonomen mitgegangen ist und dort die Sau rausgelassen hat. Auf die Frage seiner Kollegin, ob er denn auch Steine geschmissen hätte, antwortete er, dass er sich daran nicht mehr erinnern könne. Er wäre ja „so breit“ gewesen, dass ihm einige Stunden im Gedächtnis fehlen würden. Hach, was für ein Indianer der Großstadt…

Der gute Mann heute kam von der InnoTrans, einer großen Eisenbahnmesse. Ich hatte in dieser Schicht mehrmals Geschäftsleute von dort, aus Neuseeland, Südkorea und der Schweiz. Er aber war aus Bayern, das war nicht zu überhören. Zusammen mit seinen zwei männlichen Kollegen gockelte er von der einzigen Frau, dass es nur noch peinlich war.

Nicht nur, dass er mich ungefragt duzte, worauf ich die ganze Zeit mit konsequentem „Sie“ reagierte. Er erzählte ausgiebig, dass er ja schon seit zwei Tagen in Berlin war, die „Szene gecheckt“ hätte und einige alte Kumpels getroffen hat. Gemeinsam haben sie dann „die Gegend unsicher gemacht“. Solange, bis sie sich gestern mit dem Türsteher am Berghain angelegt hätten. Aber den hätte er schon „klargemacht, verstehste?“. Und dann wäre er dort ein paar Stunden „gut abgegangen“, bla bla. Dann machte mein Fahrgast aber den Fehler, mich ins Gespräch mit einzubeziehen:
„Im Berghain kenne ich fast jeden, der da arbeitet. Ist ja der angesagteste Club Europas, stimmts Herr Taxifahrer? Bist Du auch manchmal dort?“

Ich sagte, dass mich der Club nicht interessiert. „Außerdem dachte ich, das dort montags bis mittwochs nur die Kantine geöffnet hat.“
„Nein, es geht hier nicht ums Essen. Dann war es eben vorgestern.“
Die Frau warf ein, dass vorgestern aber Montag war, es also auch nicht geöffnet gewesen sei.
„Dann war es eben woanders, jedenfalls in Prenzlberg.“
„Im Prenzlauer Berg gibt es keine Clubs mehr, die sind dort schon lange vertrieben. Und die Berghain-Kantine heißt nur so, es ist keine Gaststätte.“

Es machte mir einen riesen Spaß, die Großmäuligkeit zu entlarven, obwohl er mir auch ein bisschen Leid tat. Aber wirklich nur ein bisschen. Auch das legte sich, weil er einfach nicht aufgab. Er erzählte nun, dass er öfters am Wochenende nach Berlin einfliege, um hier mit seinen Kumpels abzuhängen. Das wären alles harte Typen, die schon manche Erfahrung mit der Polizei gemacht hätten. Wenn sie zusammen „durch den Kiez“ ziehen, dann würden die Leute aber auf die andere Straßenseite wechseln.
Die Frau sagte dazu, dass sie sowas blöd fände, andere Menschen einzuschüchtern, was ihn sofort zum Zurückrudern veranlasste: „Nein, nein, ich bin ja dabei der Vernünftige und passe auf, dass nichts passiert. Die Jungs hören ja auf mich. Wir gehen dann meistens in irgendwelche Konzerte und treffen uns da mit unseren Leuten. Das geht dann ganz schön ab da. Da sind auch meistens die Autonomen mit dabei.“

Nicht nur ich war von diesem „harten Kerl“ begeistert, auch die anderen himmelten ihn spöttisch an: „Im Office bist Du doch immer der Brave, wusste gar nicht, dass Du so wild sein kannst.“
„Ihr wisst so einiges nicht von mir“, prollte er nochmal rum, aber man merkte ihm an, dass er unsicher wurde. Dummerweise fing er dann nochmal an, vom SO36 zu sprechen, das ja seine Lieblingslocation wäre. Allerdings sprach er das „so 36“ aus, statt S.O.36. Niemand nennt es „so 36“. Ich musste nochmal gemein sein und fragte: „Das in Charlottenburg?“
„Ja klar, man, Du weißt wenigstens Bescheid.“ (Für Auswärtige: Das SO36 ist im Herzen Kreuzbergs, etwa 8 Kilometer von Charlottenburg entfernt.)
Glücklicherweise waren wir am Ziel angekommen und nachdem sie ausgestiegen waren, grinste noch eine ganze Weile in mich hinein.




Wette verloren

Man soll sich seiner Sache nie zu sicher sein. Es kommt selten vor, dass ich mich mal auf eine Wette einlasse, zumindest wenn es um reale Euro geht. Aber diesmal konnte ich einfach nicht anders, es lockte das leicht verdiente Geld.

Begonnen hatte es am Hotel Bristol, dem ehemaligen Kempinski in der Fasanenstraße. Die Fahrt ging nach Zehlendorf, eine schöne Strecke. Schnell war ich mit dem Fahrgast im Gespräch, einem Historiker mit Schwerpunkt Berlin. Genau der richtige Gesprächspartner für mich.
Irgendwie kamen wir dann auf das Roseneck und die Clayallee zu sprechen. Dabei bemerkte er, dass die Clayallee unmittelbar am Roseneck beginnt. Ich habe ihm widersprochen und gesagt, dass die Straße dort noch ein Stückchen Hohenzollerndamm heißt und erst nach ca. 150 Metern zur Clayallee wird. Das wollte er nicht gelten lassen, er bestand darauf, dass die Straße direkt am Roseneck ihren Namen ändert.

Nun hat es wenig Sinn, wenn man sich gegenseitig die eigene Meinung klarzumachen versucht. Zum Spaß sagte ich: “Wir können ja wetten.” Das war wirklich nicht ernst gemeint, aber er fand die Idee sofort super. Begeistert schlug er vor: “Wenn Sie recht haben, verdoppele ich am Ende der Fahrt den Fahrpreis. Wenn nicht, brauche ich nichts zu bezahlen.” Da ich mir sicher war, nahm ich die Wette an.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon kurz vor’m Roseneck. Wir mussten bei Rot halten und versuchten beide, das Straßenschild auf der anderen Seite der Kreuzung zu erkennen. Das war aber nicht möglich.
Dann fuhren wir los und auf dem Straßenschild stand: Hohenzollerndamm. Wie ich es in Erinnerung hatte, ändert die Straße ihren Namen erst an der Kurve, Höhe Bernadottestraße. Mein Fahrgast war verdattert, aber nicht aufgrund der verlorenen Wette, sondern wegen seines Irrtums: “Ich fahre hier seit Jahrzehnten fast täglich lang. Unglaublich, dass ich mich so geirrt habe.”

Am Ende der Fahrt stand das Taxameter auf 22,30 Euro. Er sagte “machen Sie 25”, reichte mir einen 50-Euro-Schein und stieg aus. Dann klopfte er nochmal ans Fenster: “Die nächste Wette mit Ihnen gewinne aber ich!”
Ich antwortete “Das werden wir ja noch sehen.” Und ich hoffe, es kommt wirklich dazu.




Kreative Stadtführung

Es kommt öfter vor, dass man als Taxifahrer gebeten wird, einige Sehenswürdigkeiten abzufahren, damit Touristen einen Eindruck von der Stadt bekommen. Manchmal übernimmt einer der Fahrgäste die Moderation, was aber böse in die Hose gehen kann, wenn er sein Wissen nur von Fotos und vom Hörensagen hat, und den Rest dazu dichtet. Dies war auch mein Eindruck, als ich ein paar Briten durch Mitte und Tiergarten fuhr.

Ich stand am frühen Abend am Lustgarten. Die vier Damen und Herren wollten noch schnell was von Berlin sehen, deshalb fuhr ich sie erstmal über die Museumsinsel. Am Wohnhaus von Angela Merkel ging es los: Der laute Engländer neben mir erklärte den anderen, dass Merkel zu DDR-Zeiten stellvertretende Familienministerin gewesen sei und damals dieses alte Haus bekommen habe. Die Vorbesitzer wurden deshalb angeblich verhaftet und aus der DDR ausgewiesen, damit das Haus frei würde. So, so, ich ahnte schon, wie es weitergeht. Und tatsächlich erfuhr ich, dass es damals Unter den Linden täglich eine Panzerparade gegeben hat, um die stete Wachbereitschaft der Armee zu demonstrieren. Daher also die Schlaglöcher.

Leider ging der Blödsinn genauso weiter. Beim Reichstag sagte der Brite, dass das Gebäude früher auf der Rückseite zugemauert war, weil die DDR-Grenztruppen immer in die Fenster geschossen hätten. Denn angeblich war der Reichstag bis 1989 Sitz des Bundeskanzlers, wenn er nach Berlin kam. Vorher – bis 1945 – war hier nach seinen Angaben die NS-Regierungszentrale.

Bis zu diesem Zeitpunkt überlegte ich noch, ob ich ihn korrigieren sollte, aber das verwarf ich gleich wieder. Es wäre einfach zu viel gewesen und ich wollte ihn auch nicht bloßstellen. Und was soll’s auch, dann tagt der Bundestag heute eben in der ehemaligen Reichskanzlei.

Genauso ging es weiter, als wir am Haus der Kulturen der Welt vorbei fuhren. Darin ist heute angeblich der Sitz der Bundeskanzlerin. Kurz danach sahen wir das angebliche “Schloss Charlottenburg”, in dem der Bundespräsident wohnt, um dann zur Siegessäule zu kommen, die von Hitler persönlich entworfen wurde! An diesem Punkt wollte ich eigentlich bemerken, dass Nazi-Deutschland den Krieg doch verloren hat und was denn die Siegessäule für einen Sinn hätte. Aber mir war es mittlerweile auch egal.

Auf dem Weg zur Budapester Straße überquerten wir noch angeblich die Spree (Landwehrkanal), wo ich etwas langsamer fahren sollte. Ich lernte, dass hier genau in der Mitte die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin verlief und deshalb die Grenzboote beider Seiten nebeneinander im Wasser lagen.

Da konnte man ja nur froh sein, dass die Mauer nicht auch noch mitten im Wasser stand…




Hitze macht dumm im Kopf

Heute war wieder so eine Nacht. Eine Taxischicht, die man sich einfach nicht wünscht und die nur nervt. Keine Ahnung, vielleicht ist die Hitze mit Schuld daran.

Die City West voll, wegen der Leichtathletik-Europameisterschaft ist der nördliche Breitscheidplatz für Autos gesperrt. Und natürlich bekam ich als Erstes einen Funkauftrag zum Hotel Palace: Hinweis: Über Kurfürstenstraße anfahren. Nur stand dort leider eine Polizeisperre und die eingesetzte Beamtin war besonders schlau. Denn obwohl ich gar nicht bis zum Platz durchfahren wollte, ließ sie mich nicht durch, mit der Begründung, der Platz wäre gesperrt. Meinen Einwand, das Hotel wäre vor dem Platz und ich würde dann auch wieder umkehren, wenn ich meinen Fahrgast hätte, interessierte sie nicht. Da könnte ja jeder kommen und sowas behaupten. Ich zeigte ihr den Auftrag im Display, was sie mit der Bemerkung konterte, das könne mir ja auch jeder zuschicken. Da während Diskussion die Durchfahrt auch für „berechtigte Fahrzeuge“ versperrt war, kam nun einer ihrer Kollegen und wollte mich wegschicken. Ich bestand darauf, zum Hotel durchfahren zu können. Er: „Na dann fahren Sie doch!“ Seine Kollegin ging wortlos aus dem Weg, plötzlich ging es also.
Vor dem Hotel angekommen wartete natürlich niemand. Der Doorman wusste von nichts. Ich rief die Zentrale an und nach einer Minute sagte sie, der Fahrgast wäre wohl schon weg. Super. Zum Glück habe ich vorher nicht schon eine Stunde am Taxistand gestanden, um dann eine Fehlfahrt zu haben.

Das kam erst am frühen Abend. Genau 69 Minuten Warten an der Taxihalte Savignyplatz, die um diese Zeit eigentlich ganz gut läuft. Dann ein Funkauftrag, ein superteures Hotel am Steinplatz. Von dort geht es oft in die City Ost, ich freute mich schon auf eine hoffentlich ertragreiche Tour. Es wurde gerade Grün, ich raste die 200 Meter bis zur Uhlandstraße, dann links abbiegen. Keine zwei Minuten nach dem Losfahren kam ich am Hotel an. Reingehen, melden, fragende Gesichter an der Rezeption. Sie hätten kein Taxi bestellt, vielleicht die Bar nebenan? Auch die wussten von nichts. Mehr als eine Stunde umsonst rumgestanden, meine Laune war auf dem Niveau des Straßenbelags. Dazu die unerträgliche Hitze, die vor allem negative Gefühle noch verstärkt.

Aber ich schluckte es runter, Frust gehört beim Job dazu, man muss damit umgehen. Ich fuhr nun den Kudamm hoch und runter und hatte auch bald eine Fahrt nach Steglitz. Am Ziel angekommen fiel der Dame auf, dass sie kein Geld dabeihatte. Und auch keine EC- oder Kreditkarte. Und auch zuhause sei kein Geld, versicherte sie mir gleich mehrmals. Ansonsten schien sie die Tatsache aber nicht zu stören, dass sie die Taxifahrt nicht zahlen konnte. Stattdessen fragte Sie frech: „Und, was wollen Sie nun machen?“ Sie sah es überhaupt nicht als Problem an.

Ich war nun richtig sauer und sagte, dass ich die Polizei rufe, dann würde es eine Anzeige wegen Betrugs geben. Das würde dann sehr viel teurer als eine Taxifahrt. Plötzlich brüllte sie mich auf Russisch an, wahrscheinlich Beleidigungen, die ich glücklicherweise nicht verstand. Dann stieg sie einfach aus, ging auf die Haustür zu, schloss sie auf und drängte sich rein.

Ich rannte hinterher und konnte gerade so verhindern, dass sie die Tür schloss. Nun schrie ich sie an, dass das eine Sauerei ist und dass sie eine Kriminelle wäre. Sie ließ sich nicht beeindrucken, ging nach oben. Ich hinterher, um der Polizei später sagen zu können, wohin sie verschwunden sei. Doch sie klingelte an einer Tür im zweiten Stock. Dort sprach sie mit einer Nachbarin und bekam von ihr einen 20-Euro-Schein. Den reichte sie mir, nicht ohne mich wieder auf Russisch zu beschimpfen. Ich sah sie verächtlich an und tappelte zurück zum Taxi.

Zwei, drei Stunden später verschlug es mich noch zum Olympiastadion. Hier finden derzeit die Hauptveranstaltungen der Leichtathletik-EM statt. Es war fast alles vorbei, nur noch vereinzelt kamen Leute raus. Da sonst kein Taxi da war, wartete ich einige Minuten am Olympischen Platz. Tatsächlich steuerten schon bald drei Leute auf mich zu, ein mittelalter Mann und zwei recht junge Frauen. Schon während er mir das Fahrtziel „Crowne Plaza Hotel“ nannte, merkte ich, dass er einen aggressiven Ton hatte. Ich fragte, welches Crowne Plaza er meinte, denn es gibt zwei davon. Er wiederholte genervt und betont langsam: „Crowne Plaza Hotel“. Meine Frage, ob das in der Nürnberger Straße oder in der Halleschen Straße beantwortete er, indem er den Namen ein drittes Mal aufsagte.

„Wenn Sie mir nicht sagen, in welches der beiden Crowne Plaza Hotels Sie wollen, kann ich Sie nicht fahren!“ Langsam war ich sehr genervt von dem Typen. Ich war froh, dass er nicht direkt neben mir saß. Stattdessen mischte sich nun eine der beiden Frauen ein und sagte in ruhigem Ton, dass es in der Nähe vom Kudamm sei. Ich bedankte mich und fuhr in die Nürnberger Straße. Der Typ fing von hinten nochmal an zu stänkern, als ich in die Kantstraße fuhr. Aber ich ignorierte ihn, so wie das auch die beiden Frauen taten. An Ziel meckerte er nochmal über den angeblichen Umweg, ich konterte nur mit „ja, ja“. „Ja ja heißt leck mich am Arsch“, blökte er, wenig fantasievoll. Ich ließ das unbeantwortet, grinste aber etwas. Die Frau neben mir grinste zurück.

Glücklicherweise ist eine solche Häufung von nervenfressenden Erlebnissen die Ausnahme. Am Ende meiner Schicht ging es dann nochmal für 50 Euro vom Wedding nach Kleinmachnow und Wannsee. Auf der leeren Rückfahrt nahm ich den Umweg über die Havelchaussee, die nachts nur von Taxis befahren werden darf. Man ist also ungestört, wenn man dann einen Stopp am kleinen Strand einlegt und für ein paar Minuten ins Wasser geht. Das habe ich getan und es war alles wieder gut :-)




Voll und aggressiv

Ausnahmsweise stand ich mal an der Taxihalte Alt-Mariendorf. Als ich mich um Mitternacht anstellte, waren zwei Kollegen vor mir, die im Abstand von 5 Minuten Einsteiger hatten. Im Haus neben uns war gerade eine Party, es war recht laut. Es waren noch weitere Fahrgäste zu erwarten, deshalb blieb ich stehen.

Der erste stand dann auch gleich an der Beifahrertür und fummelte am Schloss herum. Mit einem Schlüssel! Und sturzbetrunken. Mal abgesehen davon, dass es dort gar kein Schlüsselloch gibt, war es auch nicht sein Auto, sondern das Taxi von mir.

Ich stieg aus und lief um den Wagen herum, auch um zu verhindern, dass er da noch irgendwas zerkratzt. Beulen und Kratzer hat das Taxi zwar schon mehr als genug, es müssen jedoch nicht noch mehr dazu kommen.
Also stellte ich mich eben ihn und fragte, was das werden soll. Er schaute mich an, als hätte ich ihm einen unsittlichen Antrag gemacht und brabbelte dann was von „Taxi fahren“. Ich sagte ihm, dass man dazu normalerweise keinen eigenen Schlüssel benötigt, außer man ist der Taxifahrer. Daraufhin versuchte er mir ohne jede Vorwarnung mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Damit war die Situation vom Absurden ins Gefährliche umgeschlagen. Da er nicht sehr schnell war, konnte ich ihm den Arm abwehren und auf den Rücken drehen, dann drückte ich ihn gegen den Wagen und schrie ihn an, was das solle. Er begann nach mir zu treten, was ich aber auch abwehren konnte.

Mittlerweile war ein ebenfalls betrunkenes Pärchen aus dem Haus gekommen und mischte sich ein. Ich sollte gefälligst den „armen Mann“ in Ruhe lassen. Zum Glück kam mir ein weiter hinten stehender Kollege zur Hilfe. Er hielt mir die beiden vom Leib, während ich meinen Patienten langsam zu Boden brachte. Das war nicht weiter schwierig, da die Schwerkraft der seiner Beine weit überlegen war.

Nun kamen aus dem Haus noch zwei Männer dazu, und ich befürchtete, die Situation könnte eskalieren, weil sie sich gleich ebenfalls mit dem Besoffenen solidarisierten. Sie stellten sich drohend neben mich. Ich rief meinem Kollegen zu, er solle bitte die Polizei rufen. Gleichzeitig versuchte ich, den beiden die Situation zu erklären. Da aber der am Boden sitzende Mann offenbar ein Kumpel von ihnen war, ließen sie sich nicht auf ein Gespräch ein. Stattdessen begann einer, mich gegen das Auto zu drücken. Ich riss meine Arme hoch und schrie ihn an, er solle mich nicht anfassen. Das schreckte ihn erstmal ab, aber er blieb weiter aggressiv.

Innerhalb nur einer Minute kam ein ziviler Polizeiwagen an, direkt danach noch ein Streifenwagen. Sie trennten uns voneinander und ließen sich von mir die Situation erklären. Den Betrunkenen zogen sie dann vom Wagen weg und befragten noch alle anderen Beteiligten.

Schließlich wollten sie noch wissen, ob ich eine Anzeige machen möchte, aber das schien mir zu übertrieben. Stattdessen wollte ich nur noch wegfahren. Wer weiß, was da noch für Leute aus dem Haus kommen würden. Ich hatte bereits den Motor gestartet und wollte gerade vom Halteplatz herunterfahren, als einer der Polizisten an meine Scheibe klopfte. Ob ich mir vorstellen könnte, den Betrunkenen nach Hause zu fahren.
„Das fragen Sie mich jetzt nicht im Ernst, oder?“. Ich war wirklich perplex. Er wies mich auf meine Beförderungspflicht hin, aber ich konterte, dass die nicht gilt, wenn ich oder der Fahrgast gefährdet sein könnten. Und dass ich das war, war ja wohl offensichtlich.
Er hatte wohl keine Lust, ihn mitzunehmen. Ich aber auch nicht. Und auch der Kollege hinter mir stieg in sein Auto und fuhr langsam los.

Keine Ahnung, wie der Kerl nach Hause gekommen ist. Aber wenn man sich so volllaufen lässt, dass man aggressiv wird, braucht man sich auch nicht wundern, wenn einen niemand mitnehmen will.




Tausende Taxifahrer gedopt

Ein neuer Skandal erschüttert Berlin: Am Wochenende ging Taxifahrer Gerhard M. (43) an die Öffentlichkeit und gestand, dass er seit über 15 Jahren fast immer gedopt Taxi gefahren ist. Unter Tränen gab er zu, dass Aufputschmittel, Koffein, Vitamine u.ä. auch bei seinen Kollegen “völlig normal” seien, die Fahrer machen sich darüber gar keine Gedanken mehr, sie lachen sogar über die wenigen Taxifahrer, die keinen Kaffee trinken.

Blutkontrollen gibt es im Taxigewerbe fast nie, so dass sich das Aufputschen durch irgendwelche Mittelchen mittlerweile zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt hat. Ein schlechtes Gewissen hat kaum jemand, wie eine Umfrage an den Taxiständen Alexanderplatz und Europa-Center ergab. Zwar wurden manche Kollegen rot und stammelten, dass sie “selbstverständlich” keine entsprechenden Mittel nehmen, als man sie aber auf die Thermoskanne neben dem Sitz ansprach, wurden sie aggressiv und bedrohten uns mit Schlägen und einer Strafanzeige wegen Verleumdung.
Noch ist nicht absehbar, welche Konsequenzen dieser Skandal haben wird. Wenn es wirklich so ist, dass sich schätzungsweise 90 Prozent aller Berliner Taxifahrer mit Kaffee, Cappuccino, Cola und anderen Aufputschmitteln dopen, müssen harte Maßnahmen ergriffen werden, damit das Taxigewerbe wieder glaubwürdig wird. Möglicherweise müssen sogar die Einnahmen der vergangenen fünf Jahre wieder an die Fahrgäste zurückgegeben werden.
Das Ordnungsamt hat jedenfalls angekündigt, das Taxigewerbe künftig sehr genau zu beobachten. Vor allem nachts, wenn manche Fahrer mit ihren Fahrgästen mit teilweilse über 50 km/h durch die Straßen rasen, soll es Dopingkontrollen geben. Im Interesse der Fahrgäste und vor allem der ehrlichen Taxifahrer.




Sie und Du

Das mit dem Duzen ist so eine Sache. Unter den Taxikollegen ist das “Du” normal, jedoch nicht zwischen Funkzentrale und Taxifahrer. Anders sieht es natürlich im Umgang mit den Fahrgästen aus, da ist das “Sie” Pflicht. Allerdings gibt es viele Kunden, die mich als Taxifahrer duzen. Meist sind das junge Fahrgäste, Studenten oder so. Sie sehen das locker und duzen, auch wenn man wie ich nicht mehr zum Jungvolk gehört.

Die andere Duz-Spezies sind Betrunkene beiderlei Geschlechts. Das ist dann eher unangenehm, zumal sie einem oft auch körperlich näherkommen, an den Arm fassen, mit dem Mund fast bis ins Ohr kriechen. In diesem Fall ist es nötig, deutlich und bestimmt Abstand einzufordern, ich bestehe dann auch auf dem “Sie”, um Distanz zu schaffen. Natürlich muss man die Balance halten zwischen Abweisung und Freundlichkeit. Auch wenn er einem auf die Pelle rückt ist es trotzdem noch ein Fahrgast, der Anspruch auf eine korrekte Beförderung hat. Auf mehr aber auch nicht.

Als Drittes gibt’s den Kumpel-Typen, immer männlich, mittelalt und obwohl sicher nicht vermögend, gibt er immer Trinkgeld. Er ist arbeitslos, Arbeiter, Kleinkrimineller oder erfolgloser Zuhälter. Und er lässt einen spüren, dass er die Arbeit als Taxifahrer anerkennt. Ganz anders als mancher Schnösel, der einem nur arrogant begegnet.

Am unangenehmsten sind mir jedoch die Duzer, bei denen man gleich merkt, dass es aufgesetzt ist. Sie haben grundsätzlich eine Frau dabei (nicht die Ehefrau), der sie imponieren wollen. Sie duzen Taxifahrer, um zu demonstrieren, wie gut sie mit allen können, wie offen sie doch sind. Sie spielen “Mann von Welt”, dabei schreit alles an ihnen “Ich bin ein Spießer” und allein würden sie nie auf die Idee kommen, einen fremden Menschen zu duzen. Diese Männer sieze ich grundsätzlich, schon aus Gemeinheit, um ihr falsches Gehabe bloßzustellen. Das ist zwar nicht nett, aber wenigstens ehrlich.

Genauso unangenehm finde ich auch das anbiedernde Geduze in der Werbung, speziell bei der BVG (“Weil wir dich lieben”) und der Berliner Polizei (“Da für dich”). Was wohl passiert, wenn man die Beamten ebenfalls duzt? Vermutlich gibt es dann gleich einen Anraunzer.




Üble Manipulation

Es ist sehr anstrengend, wenn man Fahrgäste im Taxi hat, die alles besser wissen, ohne es wirklich zu tun. Und die mich dann anblöken, dass ich keine Ahnung hätte, weil doch der von ihnen vorgeschlagene Weg viel besser wäre. Und die sich dann am Ende der Fahrt von ihrer Frau anhören dürfen: “Siehst du, der Taxifahrer hatte recht, es ist viel billiger als sonst.”
Aber die Antwort dieses Menschen war dann unschlagbar: “Von wegen. Wahrscheinlich ist der Taxameter manipuliert.”

Sicher, ich habe daran rumgefummelt, damit meine Fahrgäste weniger zahlen müssen, als regulär. Auf sowas muss man erst mal kommen.




Merkwürdige am Hauptbahnhof

Der Berliner Hauptbahnhof ist nicht nur riesig, sondern dort findet man auch ständig Menschen die – freundlich ausgedrückt – etwas merkwürdig sind. Im vergangenen Sommer sah ich dort einen sehr alten Mann, nur mit String-Tanga und offenem Pelzmantel bekleidet. Regelmäßig führt eine alte Frau ihre vier bis sechs Hunde im und am Bahnhof spazieren. Jugendliche aus dem nahen Hostel, die auf Klassenfahrt in Berlin sind, benehmen sich oft daneben und bekommen dann Ärger mit dem Wachschutz. Vor einigen Jahren probte in der Südhalle ein Gospelchor, offenbar waren das ebenfalls Touristen.

Nicht, dass ich irgendwas dagegen hätte, jeder soll nach der eigenen Façon glücklich werden, nicht wahr Friedrich? Manchmal aber wundere ich mich schon etwas mehr. So z.B. bei Sperrung des Tiergartentunnels über die zahlreichen Autofahrer, die offenbar nicht in der Lage sind, die Zeichen zu erkennen. In diesem Fall sind diese Zeichen
1. Schilder, die das Einfahren in den Tunnel am Europaplatz verbieten,
2. große gelbe Blinklichter über der Straße, die auf eben jene Schilder hinweisen sowie
3. eine große, rot-weiß-gestreifte Schranke mit roten Blinklichtern, die quer über die Fahrbahn geschwenkt ist und verhindert, dass Autos in den Tunnel fahren.

Trotz all dieser unübersehbaren Zeichen gibt es bei jeder Ampelphase ein paar Autofahrer, die trotzdem versuchen, in den Tunnel zu kommen. Da die Schranke erst nach ca. 10 Metern die Durchfahrt versperrt, stehen dann plötzlich 2, 4 oder mehr Fahrzeuge wie die Kuh vorm Berg. Der einzige Weg raus ist dann, rückwärts wieder auf die Kreuzung zu fahren, in den rollenden Verkehr hinein. Das ging dort schon mehr als einmal schief.

Gestern allerdings so richtig: Manche Autofahrer meinen nämlich, sie müssten vom Europaplatz kommend links extra schnell in den Tunnel rasen. Blöd, wenn dies gleich mehrere tun und der erste plötzlich eine Vollbremsung machen muss, um nicht gegen die Schranke zu brettern. So hatten letzte Nacht die Fahrer vor vier oder fünf Autos erstmal genügend Zeit, sich über die Verkehrsregeln Gedanken zu machen. Denn sie mussten auf die Polizei warten, nachdem sie alle ineinander gefahren waren.

Gewundert habe ich mich auch über meine Fahrgäste, die es ebenfalls letzte Nacht geschafft haben, mich innerhalb von vielleicht fünf Minuten auf die Palme zu bringen.

Es war schon vorher klar, dass es eine kurze Fahrt wird. Im Funkauftrag, der mich zur Kreuzung Tor-/Chausseestraße schickte, stand als Ziel bereits „Hauptbahnhof“. Zwar verstehe ich nicht, wieso man sich dafür extra ein Taxi bestellt, wenn man an einem Ort wohnt, an dem jede Minute ein bis fünf leere Taxis vorbeifahren. Ich verstehe auch nicht, wieso ich 15 Minuten dort warten muss, bis die Leute dann endlich runterkommen, ohne sich für die Verspätung zu entschuldigen. Stattdessen maulten sie rum, dass ich 5 Minuten zuvor das Taxameter angestellt habe. Eigentlich startet man es schon beim Eintreffen am Abholort.

„Zum Hauptbahnhof“ zickte eine der beiden Frauen mich an. Über die Invalidenstraße waren wir schnell dort. Kurz vor dem Bahnhof fuhr ich rund 200 Meter weit in die Zufahrt über das Friedrich-List-Ufer am Europaplatz zum Eingang. Dort angekommen fragte mich der Mann, was sie dort sollen. „Sie wollten zum Hauptbahnhof, hier ist der Eingang“, antwortete ich.
„Wir wollten aber zum Steigenberger!“, zischte eine seiner Begleiterinnen.
„Das kann ich ja nicht wissen, wenn Sie mir das nicht sagen.“
„Jetzt werden Sie nicht auch noch pampig! Außerdem heißt es ja wohl ‚Steigenberger am Hauptbahnhof‘. Hauptbahnhof!“
„Nein, es heißt ‚Steigenberger am Kanzleramt‘. Kanzleramt – nicht Hauptbahnhof!“ Ich hatte jetzt genug. Ich stehe ja dazu, wenn ich einen Fehler mache, aber mir solchen Mist anzuhören, dazu hatte ich für die paar Euro keine Lust.
„Wollen Sie jetzt hier aussteigen und durch den Bahnhof durchlaufen oder soll ich außen rum fahren?“

Natürlich hatten die Herrschaften keine Lust zum Laufen, also ging‘s zurück zum Europaplatz, dann einmal um den ganzen Bahnhof rum. Dort angekommen wollten sie ernsthaft 2 Euro weniger zahlen, weil ich ja einen Umweg gefahren sei. Ich reagierte kühl, nahm mein Handy und sagte: „Dann werde ich mal die Polizei rufen. Das Taxameter läuft dann allerdings weiter.“
Der Mann warf mir einen Zehner hin, die Frauen zischten wieder herum, irgendwas von „Unverschämtheit“, dann verschwanden sie im Hotel.

Mal schauen, was mich morgen am Hauptbahnhof erwartet.




In den hohen Norden

Es gibt rund 10.000 Straßen in Berlin und wohl niemand kennt sie alle. Ich schätze, dass ich etwa ein Viertel bis ein Drittel davon ohne Stadtplan oder Navi finde würde. Das ist sicher kein schlechter Schnitt, wenn ich manche meiner Taxikollegen so höre.

Schön ist es immer, wenn sich meine Taxi-Fahrgäste wundern, dass ich ausgerechnet ihre kleine Straße im Außenbezirk kenne. So war es auch gestern Nacht, als mein Kunde in den Kasinoweg nach Frohnau wollte. Eine schöne Fahrt von Charlottenburg aus, zumal er darauf bestand, den Umweg über die Autobahn zu fahren. Da ich aber vor langer Zeit schon mal einen Kunden dorthin hatte, habe ich mir den Namen gemerkt, zumal er schon sehr merkwürdig ist. Ein Kasino gibt es dort nämlich nicht.

Eine Stunde später fand ich mich am Hauptbahnhof wieder. Ein altes Ehepaar versuchte mir klarzumachen, dass sie mir ihren Straßennamen gar nicht erst nennen brauchen – ich würde die Straße eh nicht kennen. Sie läge in Frohnau und da würden sich die meisten Taxifahrer sowieso nicht auskennen. Es ist auch wirklich schwierig, denn es gibt so gut wie keine Straße, die einfach nur ordentlich geradeaus führen und normale Kreuzungen mit anständigen Querstraßen hätten. Stattdessen vor allem ein wildes Straßenknäuel und dazu gehört auch der Kasinoweg, zu dem meine Fahrgäste wollten. Die winzige Straße hat etwa 15 Häuser und es ist schon ein Zufall, dass ich aus verschiedenen Richtungen Kunden praktisch zum gleichen Ort hatte. Das Ehepaar wunderte sich auch und sie lobten meine Kenntnisse ausdauernd. Was sich aber leider nicht im Trinkgeld niederschlug.

Aber manchmal spielt das Leben eben verrückt und vermutlich werden mir nun wieder einige vorwerfen, ich würde übertreiben. Tatsächlich sollte ich in dieser Nacht aber ein drittes Mal in die Gegend kommen, diesmal aus dem Prenzlauer Berg und das Ziel in der Welfenallee lag nur rund 200 Meter Luftlinie vom Kasinoweg entfernt.

Die drei Fahrten in den Norden machten in dieser Schicht mehr als die Hälfte meiner Einnahmen aus, zumal der letzte Fahrgast morgens um 2.30 Uhr die 35 EUR mit einem 50er zahlte und dem Spruch: „Geben Sie mal 5 zurück.“ Dabei hat er während der ganzen Fahrt kein Wort gesprochen, außer dass er lieber Jazzradio hören würde statt Rock.

Auch wenn man sich am späten Abend oder nachts nicht mehr in Frohnau, Waidmannslust oder am Märkischen Viertel an die Taxihalte stellt, sondern erstmal eine recht weite Strecke in die Innenstadt fährt, lohnen sich Touren nach Frohnau doch sehr. Gleich dreimal in einer Schicht, das hebt die Stimmung dann schon. Und dann auch noch immer in die gleiche Gegend, das ist vielleicht ein Zeichen des Himmels.

 




“Rufen Sie uns bitte ein Taxi”

Ich fahre ein Taxi, das ich echt klasse finde, denn es ist genau wie ich: Es ist nicht mehr das Neueste, hat schon über 270.000 Kilometer hinter sich, einige kleine Beulen, meist nicht ganz sauber. Zudem ist es kein schicker Mercedes, sondern ein eher pragmatischer Opel.

Es gibt Fahrgäste, die bestellen bei der Funkgesellschaft ausdrücklich einen Mercedes und wenn ich an der Taxihalte stehe, steigen manche auch lieber hinter mir in den C-Klasse-Sternling ein, als bei mir. OK, das ist ihr gutes Recht. In Berlin haben die Fahrgäste die freie Taxiwahl, sie sind nicht gezwungen, das erste Taxi in der Reihe zu nehmen.

Was aber gar nicht geht ist, was ich jetzt erlebt habe: Ich stand als Einziger an der Taxihalte vor dem Hotel Radisson in Mitte. Kurz zuvor hatte ich das Auto an einer Tankstelle gewaschen. Ein Pärchen in teuren Klamotten steuerte auf mein Taxi zu, blieb dann aber zwei Meter davor stehen. Sie unterhielten sich offensichtlich über das Fahrzeug. Dann klopfte der Mann an die Scheibe und stellte die etwas dumme Frage, ob ich denn das einzige Taxi hier wäre.
Ich blieb aber freundlich und antwortete: “Wenn kein anderes hinter mir steht, dann anscheinend ja.”
“Hm.” Er war sich unsicher, ich mir jetzt auch. Hatte ich etwa vergessen, das Taxischild anzuschalten? Aber nein, es leuchtete.
Dann sagte er: “Rufen Sie uns bitte ein Taxi”.
“Warum sollte ich das tun? Sie stehen schon vor einem, ich fahre Sie gerne.”
“Nein, ich meinte ein richtiges Taxi. Nicht so ein…” Er sprach nicht weiter, aber ich sah schon an seinem Gesichtsausdruck, dass er sich zu fein war, in einen ordinären Opel einzusteigen.
Da ich nicht antwortete, wiederholte er seine Bitte. Ich antwortete nur “Rufen Sie doch selber an”, und schloss das Fenster.

Man mag mir vorwerfen, eingeschnappt gewesen zu sein. Aber wenn ihm mein Wagen nicht schick genug war, musste er sich schon selber um eine Alternative kümmern. Zumal ich sowieso keinen Funk habe und per Telefon anrufen müsste. Das konnte er dann auch selber tun.
Ich würde das machen, wenn es jemand gewesen wäre, der wirklich ein anderes Taxi braucht, weil er z.B. einen Elektrorollstuhl fährt. Aber jemanden damit zu beauftragen, mit dem man sich gleichzeitig weigert mitzufahren, das mache ich nicht mit.

Mittlerweile warteten zwei andere Fahrgäste, als hinter mir ein Mercedes-Taxi an die Halte fuhr. Einer der anderen stieg dort ein, der zweite dann bei mir und bescherte mir eine schöne Fahrt nach Zehlendorf.
Nur das feine Pärchen stand noch vor dem Hotel und wartete. Selber schuld.




Pink Taxi

Vor über 20 Jahren gab es in Berlin eine Taxi-Funkgesellschaft, die umgangssprachlich “Krawattenfunk” genannt wurde, weil die Fahrer dort Anzug und Krawatte tragen mussten. Das Ergebnis war, dass die Firma Anfang der 1990er Jahre mit nur noch 200 angeschlossenen Taxis billig verkauft wurde. Auch in Hamburg soll es eine ähnliche, aber erfolgreichere Taxi-Vermittlung geben, deren Zielgruppe Leute sind, die sich zu fein sind, um mit normalen Taxis zu fahren.
Normalerweise können sich die Fahrgäste in Berlin die Taxis nicht aussuchen, wenn sie über eine der Funkgesellschaften bestellen. Nur für Frauen und Kinder werden auf Wunsch extra Fahrerinnen vermittelt, ansonsten müssen die Fahrgäste nehmen, was kommt.

Davon hatten viele Frauen in der Hauptstadt von Ägypten die Nase voll. Immer wieder gab es in Kairo sexuelle Anzüglichkeiten und Übergriffe von männlichen Taxifahrern. Dies hat Reem Fawzy auf eine Idee gebracht, die nun seit dem Sommer 2015 praktiziert wird: Sie bietet sogenannte “Pink Taxis” an: Diese werden von Fahrerinnen gesteuert und nur Frauen werden als Fahrgäste akzeptiert. So wird denen ein Schutz vor übergriffigen Fahrern geboten. Aber das war nicht der einzige Grund zur Gründung der Firma. Kairos Taxifahrer gelten als eher ungebildet und grobschlächtig, was sicher auch viele potenzielle Passagiere abschreckt.

Deshalb bekommen die Fahrerinnen von Pink Taxi nicht nur eine mehrmonatige Ausbildung, sondern sie müssen auch einige Kriterien erfüllen. So wird von ihnen verlangt, gut Englisch zu sprechen sowie einen Universitätsabschluss zu haben. Ein weiteres Kriterium ist dagegen eher diskriminierend: Reem Fawzy akzeptiert als Fahrerinnen nur Frauen bis 45 Jahre.

Anfangs bekam sie von den Konkurrenten sehr viel Gegenwind, diese machten sich über sie lustig: “Könnt ihr überhaupt Reifen wechseln?” wurden die Frauen gefragt. Doch im Laufe der vergangenen zwei Jahre wurden sie immer weiter akzeptiert. Unter anderem werden ihre Dienste gern von Touristinnen angenommen, die vorher oft von männlichen Fahrern belästigt wurden. Die pinken Taxis stehen deshalb jetzt besonders oft am Flughafen von Kairo.

Doch unter Frauenrechtlerinnen sind diese Taxis nicht unumstritten. Sie kritisieren, dass damit nur die Symtome bekämpft werden, der Sexismus aber weiter besteht. Mittlerweile gibt es jedoch auch männliche Unternehmer, die von ihren Fahrern explizit einen korrekten Umgang mit weiblichen Fahrgästen verlangen. Solche Änderungen brauchen eben manchmal lange.




Retter in der Not

Man sagt ja, dass Taxifahrer automatisch auch Psychologen sind. Tatsächlich gibt es immer wieder Fahrgäste, die einem Dinge erzählen, die oft nicht mal die eigenen Familienangehörigen oder Freunde erfahren. Sicher, gerade in Berlin ist die Hemmschwelle geringer, weil man bei 8.000 Taxis nicht davon ausgehen muss, dass man sich mal wiedersieht.
Es kommt natürlich auf den Taxifahrer an. Wenn der Fahrgast nach seinem Seufzer “Was war das heute für ein schlimmer Tag” von vorn nur zu hören bekommt: “Tja, Pech gehabt”, dann wird sich kein Gespräch entwickeln. Manche Kollegen und ich freuen sich aber, wenn man sich mit den Fahrgästen auch unterhält. Ich dränge ihnen kein Gespräch auf, doch man merkt normalerweise innerhalb von Sekunden, ob er Lust darauf hat oder nicht.
Viele Fahrgäste haben mir schon ihr Herz ausgeschüttet, was manchmal auch unangenehm sein kann. Trotzdem höre ich erstmal zu und gebe wenn möglich meinen Senf dazu. Das können Alltagssorgen sein, Beziehungsprobleme, aber auch richtige Katastrophen. Ein paarmal fuhr ich in den Nächten Leute, die gerade einen geliebten Menschen verloren hatten. Der Vater des kleinen Mädchens, das eine Stunde zuvor im Krankenhaus gestorben war, die Frau, dessen Vater gerade dem Krebs erlegen ist, die Rentnerin, die bis zum Schluss noch am Krankenbett ihres Mannes saß.
In solchen Fällen kann man nicht viel sagen, aber zuhören. Über das Leid zu reden ist der erste Schritt, um darüber hinweg zu kommen. Da ist es schon gut, nicht einfach nur desinteressiert das Radio lauter zu stellen, wie manche Kollegen das machen.

Ein paarmal hatte ich Mütter im Taxi, die über die Entwicklung ihrer pubertierenden Kinder geklagt haben. Einer hatte sich mit einem Erwachsenen eingelassen, ein anderer kiffte und schwänzte die Schule. Ich antworte in solchen Momenten, dass sich das Verhältnis zwischen Eltern und Nicht-mehr-Kindern natürlich ändern müsse, weil Jugendliche ihren eigenen Weg suchen und von den Eltern Vertrauen und Unterstützung bekommen sollten. Sicher habe ich als Nichtvater gut reden, bin ja nicht selber in der Verantwortung, aber ein bisschen kenne ich mich da schon aus. Und ich habe diese Zeit bei mir nie vergessen.

Natürlich sind die meisten Taxifahrer keine Psychologen und die Meinungen sind nicht wissenschaftlich fundiert. Es gab schon Situationen, in denen ich darauf extra hingewiesen habe, wenn sich jemand zu sehr auf meine Meinung verlassen hatte. Da ging es um den Umgang mit Selbstmordabsichten. Für solche Moment habe ich aber immer eine Telefonnummer und eine Webadresse im Auto, die ich notfalls weitergeben kann. Auch die Nummer eines Frauenhauses gehört dazu. Den Weg zum Psychologen, zur Opferberatung oder ins Frauenhaus scheuen viele Menschen. Deshalb habe ich mich in einem Fall sogar angeboten, die Dame in ein Frauenhaus zu fahren (obwohl ich als Mann die Adressen eigentlich nicht wissen darf). Ich wurde dort zwar abgewiesen, aber die Frau wurde herzlich aufgenommen, und nur darum geht es ja.

Es kann bei Taxifahrten zu einer gefühlsmäßigen Nähe kommen, die es möglich macht, ein gewisses Vertrauen zu bekommen und dann vielleicht zu helfen. Wer ansonsten immer nur mit den gleichen Menschen zu tun hat, von denen er keine Hilfe erwartet, öffnet sich manchmal Fremden in solch einer Situation. Die schönste Reaktion die ich mal nach einem Gespräch mit einem Fahrgast hatte, war: “Sie waren wirklich mein Retter in der Not”.

Berliner Krisendienst: www.berliner-krisendienst.de (nach Bezirken sortiert)
Frauenhauskoordinierung: 08000 116 016




Zufälle

Manche meinen ja, es gäbe keine Zufälle, alles wäre stattdessen Vorsehung von der obersten Etage. Da ich aber ein schlechter Gläubiger bin, sind es wohl doch Zufälle, die gerade passieren.

Da war vor ein paar Stunden der mittelalte Mann, der an den Bushaltestellen am Bahnhof Zoo herum schlich und in die Mülleimer schaute. Er suchte nach weggeworfenen Pfandflaschen, damit er sich damit sein mageres Hartz-4-Gehalt etwas aufbessern kann. Ich stand mit dem Taxi am Halteplatz und wartete, dass vorne bei den Kollegen endlich Fahrgäste einstiegen, damit ich vorrücken kann. Als ich den Mann sah, reichte ich ihm meine Halbliterflasche raus, die ich gerade ausgetrunken hatte. Normalerweise sammele ich die ja zuhause und ein armer Freund holt die Flaschen ab, wenn das Fach voll ist. Diesmal aber war eben dieser Mann dran.

Er nahm die Flasche, bedankte sich – und stutzte. Dann fragte er ganz schüchtern, ob ich manchmal in der Bahnhofsmission arbeiten würde, um sofort selber die Antwort zu geben: „Ja klar, Du warst schon ein paarmal bei uns, bei der Essensausgabe! Cool, danke!“

Zwar hatte er recht, aber das ist alles schon ein paar Jahre her, das letzte Mal war’s 2013 oder 2014. „Ich vergesse kein Gesicht“, sagte er. Und wollte wissen, ob ich denn bald wieder da wäre. Ich sagte ihm, dass ich mit einem Freund abends heißen Tee an Obdachlose in den Parks und unter Brücken verteile, aber er ließ nicht locker. „Komm mal bald wieder, würde mich freuen!“ Dann zog er weiter seiner Wege.
Ich machte mir Gedanken, weshalb er mich nach so langer Zeit noch wiedererkannt hat, aber er war so erfreut, das hat mir selber auch gutgetan.

Dann kam ich nach Feierabend nach Hause, las meine E-Mails und in den wenigen Blogs, die ich abonniert habe. Da stand ein Artikel, erst wenige Minuten alt, von meinem lieben Taxi- und Weblog-Kollegen Sash. Er beschreibt eine ähnliche Situation, als er an einem Bahnhof ebenfalls einem Flaschensammler begegnete und mit ihm ins Gespräch kam. Es war vermutlich am anderen Ende der Stadt, weil Sash vor allem an Bahnhöfen in Ost-Berlin steht.

Dabei stellte sich heraus, dass der Mann auch zwei Weblogs liest, das von Sash (Gestern Nacht im Taxi) und Berlin Street. Deshalb: Einen schönen Gruß von mir an ihn! Und an Sash. Und erzähle mir bitte niemand, es gäbe keine Zufälle!




Kriminelle Raser

Es gibt bestimmte Zeiten, da ist die Idiotendichte in der Öffentlichkeit offenbar besonders groß. In diesem Fall definiere ich Idiot als denjenigen, der mit seinem hochmotorigen PKW nachts mit 80 km/h oder mehr durch die Innenstadtstraßen brettert und eine Lebensgefahr für andere Verkehrsteilnehmer darstellt. Dass so etwas auch tödlich enden kann, hat man in den vergangenen Jahren mehrmals gesehen, z.B. in der Tauentzienstraße oder in der Karl-Marx-Allee, wo ein Taxi-Kollege durch die Wucht des Aufpralls sogar aus dem Auto geschleudert wurde. Es vergeht keine Nachtschicht, in der ich nicht mindestens einmal solche hochgezüchteten Wagen an mir vorbeirasen sehe.

Wenn man mit normaler Geschwindigkeit fährt, wird man dann schnell zum Hindernis. Kann der von hinten Heranrasende nicht seitlich vorbei, beginnt meist eine aggressive Bedrohung. Das Fernlicht wird eingeschaltet und der Wagen fährt extrem dicht auf.
Nun weiß ich, dass ich in meinem Taxi relativ sicher bin, falls mir in einer solchen Situation tatsächlich mal jemand hinten reinfährt. Ich drücke sicher nicht aufs Gaspedal, sondern fahre normal weiter. Doch manche Autofahrer/innen lassen sich eher einschüchtern und reagieren evtl. panisch. Das ist von den kriminellen Fahrern auch beabsichtigt.

So einer war das auch in dieser Nacht. Schon in der Koloniestraße im Wedding sah ich die beiden Scheinwerfer im Rückspiegel, und wie sie viel zu schnell näher kamen. Das Auto fuhr bis ca. 2 Meter an mein Taxi heran, dann Hupe, Fernlicht, Lichthupe, was so ein Idiot eben zu bieten hat. An der Kreuzung zur Badstraße wollte er mich überholen, was aber nicht geklappt hat, weil an der Seite ein anderer Wagen im Weg stand. Dann die enge Exerzierstraße, ausnahmsweise hielt ich mich jetzt an die vorgeschriebene Tempo-30-Regel, was dem Typen hinter mir sicher nicht gefiel. Sein Lichtergewitter ging weiter. Etwa auf der Hälfte der Straße steht in der Mitte eine Fußgängerinsel. Diese Stelle nutzte er nun, um auf die Gegenfahrbahn zu schwenken. Er gab richtig Gas und schoss auf der andern Straßenhälfte an mir vorbei, ebenso an dem Auto, das noch vor mir fuhr. Dann heulte sein Motor auf und er beschleunigte auf schätzungsweise 80 bis 100 km/h und verschwand in der Schulstraße. Im gleichen Moment aber setzte der Beifahrer meines Vorderwagens sein Blaulicht auf das Dach und gab ebenfalls Gas.

Anscheinend hatte er das Drängeln auch vorher schon bemerkt und Kollegen angefordert. Als ich nämlich nach einer Minute am Nauener Platz ankam, stand bereits ein Polizeiwagen quer auf der Schulstraße, davor der Raser und der Zivilwagen.
Sie blockierten die Straße, so dass ich nur langsam vorbeifahren konnte. Die Zivilen zerrten gerade den Fahrer und einen anderen Mann aus dem Auto. Offensichtlich hatten die keine Lust, auszusteigen.

Leider ist solch ein Eingreifen durch die Polizei die Ausnahme. Schon mehrmals habe ich gesehen, wie sie solche Fahrer anscheinend nicht mal bemerken. Vermutlich haben sie keine Lust auf Stress, keine Ahnung. Ich fand‘s jedenfalls gut, dass es diesmal anders ausgegangen ist. Auch wenn ich nicht die Meinung meines Fahrgastes unterstütze, der sie gleich „alle abknallen“ wollte.




Kurze Fahrt

Es kommt selten vor, dass ich einen Fahrgast wieder vor die Autotür setze. Laut Taxi-Ordnung darf ich das eh nur, wenn eine Gefährdung für mich oder den Fahrgast besteht. Das ist natürlich Auslegungssache. Falls zum Beispiel jemand mit offener Tuberkulose einsteigt, darf ich ihn abweisen, weil er mich damit gefährdet. Wenn es jemand ist, der faschistische oder antisemitische Sprüche macht, darf ich ihn ebenfalls rauswerfen, denn sonst wäre seine Gesundheit gefährdet.

Nicht in diese Kategorien gehörte das schon reichlich angetrunkene Paar, 30 bis 40 Jahre alt, Typ Cindy aus Marzahn, nur assiger. Sie hatten mich in Schmargendorf herangewinkt. Ich stand noch mitten auf der Kreuzung, als sie ins Taxi stiegen. Noch bevor ich sie begrüßen konnte, befahl der Mann von hinten “Losfahren!”

In diesem Moment war schon klar, dass es nicht so einfach werden würde. Um die Situation zu retten sagte ich “Ihnen auch einen schönen Abend. Wo möchten Sie denn hin?”

“Quatsch nicht, fahr einfach geradeaus, man!” raunzte er aggressiv von hinten.
„Vielleicht geht es ja auch etwas freundlicher. Ich habe Ihnen nichts getan. Und bevor ich losfahre, muss ich erstmal wissen, wohin.“
Nun mischte sich die Frau ein und schrie mich von hinten an: „Du scheiß Penner, fahr endlich los, schwule Sau. Sonst gibt’s was auf die Fresse!“

Damit war das Maß überschritten. In ruhigem Ton sagte ich ihnen, dass sie aussteigen sollen. Gleichzeitig rief ich die Funkzentrale an (leider haben wir im Auto keinen Sprachfunk). Als sie sofort antwortete, gab ich den Standort durch und bat darum, Kollegen vorbeizuschicken.
Der Mann war plötzlich ganz zahm, warf mir einen Zehner („stimmt so“) auf den Beifahrersitz und sagte, sie wollten nur zum Elsterplatz. „Kurzstrecke“.

„Es geht doch auch freundlich“, meinte ich und fuhr los. Die Zentrale blieb weiter am Telefon und hörte mit. Etwa 200 Meter weiter zerrte die Frau plötzlich von hinten an meinem T-Shirt, sagte, ich sollte einen bestimmten Radiosender einstellen. Als ich antwortete, dass ich den nicht kenne und wir sowieso nur eine Minute fahren würden, zog sie noch weiter und schrie wieder rum. Dann griff sie von hinten an mein Ohr und zog daran. Daraufhin machte ich eine Vollbremsung, beide flogen nach vorne, weil sie nicht angeschnallt waren. Selber schuld.

„Raus!“ schrie ich nach hinten. Ich stieg aus, öffnete die Hintertür, die man wegen der Kindersicherung nicht von innen aufmachen kann und schrie nochmal: „Raus!“
Ich war dermaßen aufgeladen, dass ich sofort zugeschlagen hätte, wenn mich jemand von den beiden angegriffen hätte. Stattdessen aber stiegen sie wütend aus, brüllten noch rum, kamen mir aber nicht zu nahe. Ich warf die Tür zu und fuhr weg. Die Zentrale fragte, ob jetzt alles ok sei. „Ja, sie sind weg“, sagte ich.

Abgesehen davon, dass mich sowas natürlich total nervt, gab es einen Umstand, der es weniger schlimm machte. Direkt an dem Ort, wo ich die beiden rausgeschmissen habe, hatte ich am Abend vorher einen sehr lieben und hübschen jungen Mann kennengelernt, der mit mir eine halbe Stunde durch die Stadt fuhr. Zum Schluss gab er mir noch seine Telefonnummer.
Es ist also nicht alles schlecht in Schmargendorf  :-)




Verpeilter Fahrgast

Früher Abend, gerade hatte ich mit dem Taxi drei junge Neuberliner vom Hauptbahnhof abgeholt (“Endlich, endlich weg aus Mannheim!”) und am Winterfeldplatz ausgeladen, als mich ein recht edel gekleideter Mann mit Hut heran winkte. Er wollte gerne zum Flinsberger Platz, jemanden abholen und danach zum Hermannplatz. Ob 35 Euro reichen würden? Nach kurzem Überlegen sagte ich ihm, dass es vielleicht knapp werden würde, aber es sollte zu schaffen sein.

War es aber nicht. Denn in Schmargendorf angekommen machten wir erstmal einen Stopp in der Auguste-Viktoria-Straße. Dummerweise genau gegenüber der israelischen Botschaft, weshalb auch gleich zwei Polizisten ankamen, um uns wegzuschicken. 100 Meter weiter blieben wir wieder stehen und er schaute aus dem Fenster. Diese Situation kenne ich ja, man wartet auf den anderen. Aber in diesem Fall tat sich nichts. Er versuchte auch nicht, ihn anzurufen. Nach drei, vier Minuten wollte mein Fahrgast dann in die Salzbrunner Straße. Dort gab er mir 30 Euro als Pfand und suchte an einem der Häuser die Klingelschilder ab. Dann rauchte er erstmal eine, um danach mit mir in die Warmbrunner Straße zu fahren.
So ging es noch eine Weile weiter. Erneut Auguste-Viktoria-Straße, dann auf die andere Seite des Hohenzollerndamms in die Landecker Straße, dann wieder Warmbrunner. Mir war’s egal, den Großteil des Geldes hatte ich ja.

Während all der Fahrten schaute er immer die Fassaden hoch, als wenn er dort etwas suchen würde. Ich machte mir unterdessen Gedanken, was wohl dahinter steckt. Eine klare Adresse hatte er ja nicht, von der er jemanden abholen wollte. Kannte er bloß die Fassade und die ungefähre Gegend?
Irgendwann gab er auf und woillte zurück fahren. Kaum auf dem Hohenzollerndamm sollte ich aber nochmal links in die Cunostraße, aber nach 100 Metern wieder wenden.
Da wir zwischendurch immer wieder stehengeblieben sind und dann das Taxameter weiter lief, hatten wir schon über 20 Euro auf der Uhr.

Endlich gings es wieder los, Richtung Neukölln. “Das werden wir jetzt mit 35 Euro aber nicht mehr schaffen”, sagte ich ihm. Er antwortete mit “Kein Problem.” Na dann.
Als wir gerade am Ende der Yorckstraße direkt auf den Mehringdamm zufuhren, sollte ich anhalten. Das Taxameter stand bei 34,90 EUR. Er gab mir noch einen Fünfer und verließ ohne einen Gruß das Taxi. Nachdem er bereits die Tür geschlossen hatte, sagte ich noch “Tschüss”. Obwohl er das natürlich nicht mehr hören konnte, drehte er wieder um, öffnete nochmal die Tür und verabschiedete sich. “Sorry, ich bin heute ein bisschen verpeilt.”
Ja, den Eindruck hatte ich auch.




Chinesische Ansichten

Es kommt öfter vor, dass ich im Taxi nach bestimmten Ereignissen die Meinungen meiner Fahrgäste dazu höre. Besonders an den Wahlabenden werden deren Ergebnisse oft unterschiedlich bewertet. Und nicht selten unterscheiden sie sich von meiner eigenen Meinung, das ist ja normal.

Diesmal aber ging es nicht um ein spezielles Ereignis, es hatte sich einfach so in den Gesprächen ergeben. Meine sehr junge Fahrgästin stieg mir in Zehlendorf ins Auto und auf der langen Fahrt nach Hohenschönhausen erzählte sie mir von ihrer Heimat Hongkong. Als der einst souveräne Staat 1997 wieder an China fiel, befürchteten viele Bewohner Hongkongs, das das bis dahin kapitalistische Land als neue Sonderverwaltungszone Chinas politisch gleichgeschaltet wird. Tatsächlich versucht die Zentralregierung in Peking die Verhältnisse dort immer weiter anzugleichen, die Geheimpolizei bespitzelt die Bevölkerung, behindert Parteien und unabhängige Initiativen. Meine Kundin erzählte, dass ihre Mutter als Dozentin an der Universität seit zwanzig Jahren drangsaliert wird, immer wieder wird sie zu Gesprächen mit Behördenmitarbeitern vorgeladen und dort zu ihren politischen Ansichten verhört. Der Bruder meiner Fahrgästin, der schwul ist, sieht in Hongkong keine Zukunft. Zwar ist Homosexualität dort nicht verboten, aber der gesellschaftliche Druck ist enorm. Das hat er bei der Jobsuche erfahren, bei der er von den potenziellen Chefs auf seine Sexualität angesprochen wurde – obwohl er sich ihnen gegenüber gar nicht geoutet hat. Woher sie es wussten, sagten sie nicht. Und einen Job erhielt er trotz Qualifikation auch nicht.

Meine Kundin würde gerne Journalistik studieren und arbeitet für ein Jahr in Deutschland. Aber sie hat Angst, dass sie ihren Beruf in Hongkong später gar nicht ausüben kann, weil sie keine Lust auf Hofberichterstattung hat. Und eine kritische Presse gibt es auch in Hongkong immer weniger. „Es ist eigentlich hoffnungslos“, beendete sie ihre Erzählung.

Ganz anders der etwa gleichaltrige Mann, den ich einige Stunden später mitten in der Nacht vom Wedding nach Charlottenburg brachte. Er studiert an der TU irgendwas mit Ingenieur und klagte, dass er seit 18 Stunden ununterbrochen lernt und in sechs Stunden eine Klausur schreiben müsste. 12 bis 16 Stunden lernen wären normal, sagte er mir, aber er mache das ja für eine gute Sache. Nach dem Studium will er zurück nach China, das ihm eine große Karriere biete.

Deutschland habe ja eigentlich einen guten Ruf, was technische Entwicklungen angeht, aber warum die Deutschen den neuen Flughafen nicht fertig kriegen, kann er sich nicht erklären. In China hätten sie das innerhalb von zwei Jahren organisiert.
Ich erzählte ihm von der jungen Studentin und er wurde sehr böse. Es gäbe eben viele Menschen, die die Leistungen des Staates nicht anerkennen oder dekadent als selbstverständlich betrachten würden. Noch vor einer Generation war China ein Agrarland, jetzt hat es eine der größten Industrien der Welt und bietet seinen Bürgern alle Möglichkeiten. Wenn ein Flughafen oder eine Großsiedlung gebaut würde, müssten zwar manchmal Dörfer verschwinden, aber die Bewohner würden großzügig entschädigt, trotzdem gäbe es immer wieder welche, die sich weigern würden. Er bezeichnete sie als Ewiggestrige, einen Begriff, den er in Deutschland gelernt hat.
Ich erklärte ihm, dass damit nach dem Faschismus diejenigen bezeichnet wurden und bis heute werden, die sich nach dem alten Nazi-Reich zurücksehnen. Für ihn war das kein Unterschied, er bezeichnete die Chinesen als reaktionär, die sich nicht dem Gemeinwohl unterordnen wollen, wenn es ihnen Nachteile bringe.

Als Beweis führte er an, dass seine Eltern, beides ehemalige Bauern und jetzt Handwerker, das Geld für seinen Aufenthalt in Deutschland nicht hätten aufbringen können. Sie haben in ihrer Kleinstadt herumgefragt und viele Menschen hätten Geld gegeben, damit er in Berlin studieren kann. Und das, obwohl sie selber keinen Nutzen davon haben. Das war eine schöne Geschichte, und manche Dinge sehe ich ähnlich, die er erzählte. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Demokratie im „Westen“ oft versagt und vieles hier nicht funktioniere, auch dass das Leben hier sehr oberflächlich ist. Eine Einheitspartei, die er als besonders wichtig bezeichnete, würde ich jedoch nicht wollen.

Es war ein interessantes Gespräch und schade, dass es am Fahrtende abgebrochen wurde. Es sind diese Art von Erlebnissen und Gesprächen, die für mich das Taxifahrer interessant machen.