Die Panke

Dass die Spree und Havel Berliner Flüsse sind, weiß jeder. Daneben gibt es aber noch drei weitere, die Dahme, die Wuhle sowie die Panke. Wer jedoch die Panke im Wedding sieht, den kommen Zweifel, dieses Rinnsal wirklich als Fluss zu bezeichnen. Doch das war mal anders: Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Mühle, deren Gebäude noch heute an der Badstraße steht, zweimal vom Hochwasser zerstört. 1888 brachte sie sogar ein Hinterhaus in der Schulzendorfer Straße zum Einsturz. Das letzte Panke-Hochwasser verzeichnete man im Jahr 1980, allerdings mit wenig bekannten Schäden.

Dort wo heute die Wiesenbrücke über die Panke führt, stand übrigens einst das Dörfchen Weddinge. Gegenüber der Mühle befanden sich im 18. Jahrhundert Biergärten, daneben eine Heilquelle, deren Brunnen noch heute im Keller eines Hauses der Badstraße zu sehen ist. Diese Quelle gab der Gegend auch den Namen Gesundbrunnen. Zu dieser Zeit hatten sich rund um die Panke ein Erholungsgebiet entwickelt, noch heute sieht man nördlich der Badstraße den heute stillgelegten Pankearm, der einst als Badeanstalt diente.

Doch man ging nicht sehr liebevoll mit dem Brunnen und der Panke um. Zum einen waren da 30 Gerbereibetriebe, die sich 1850 flussaufwärts an der Panke angesiedelt hatten und ihre übelriechenden Abwässer in den Fluss leiteten. Dieser wurde immer mehr zu einem Moderloch und verbreitete einen derartigen Gestank, dass sich die Anwohner in empörten Eingaben beschwerten. “Wo die Panke mit Gestanke durch den Wedding rinnt, da halten sich die Nasen zu, Mann und Frau und Kind”, so ein Reim über die “Stinkepanke”.

Die Panke führte damals also noch richtig viel Wasser, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war sie noch schiffbar. Wie heute kam sie aus Bernau, schlängelt sich im Norden Berlins durch Pankow und dann durch den Wedding. An der Chausseestraße führte der Fluss ursprünglich zum Schwarzen Weg (dieser Teil ist seit einigen Jahren wieder freigelegt), dann offen durch das Gelände der Charité und ergießt sich neben der Weidendammer Brücke in die Spree. Nach dem Mauerbau sperrte Ost-Berlin den letzten Teil der Panke, das Wasser wurde fortan in den Nordhafen umgeleitet.

Dass die Panke mal ein wichtiger Fluss war, erkennt man auch an der Benennung der Bezirke Pankow (in Berlin) und Pankeborn (in Bernau) sowie der barnimer Gemeinde Panketal. Auch in Lieder und der Literatur wurden ihr mehrere Gedenksteine gesetzt, u.a. von Kurt Tucholsky und Fredy Sieg.




Buch, Geschenk

Vom Kurfürstendamm nach Buch, mit der S4 von Halensee um halb Berlin herum: diese 60 Minuten sollte jeder Berliner gelegentlich und jeder Neuberliner ziemlich zu Anfang seiner Berlin-Lehrzeit drangeben: der Erkenntniswert ist groß. Erkenntnis ist vielleicht nicht das Wort. Städte werden nicht erkannt. Andererseits kommt die wirkliche Stadtkenntnis auch nicht nur aus der Empfindung.
Jedenfalls: diese S4-Fahrt gibt einen aufschlussreichen Berlin-Querschnitt. Sie führt durch zehn Bezirke oder in dichter Sichtbarkeit daran vorbei; sie überquert vom Kurfürstendamm zur Hauptstraße, Tempelhofer Damm und Hermannstraße, Karl-Marx-Straße, Sonnenallee, Frankfurter und Landsberger Allee, Greifswalder Straße, Prenzlauer Allee mehrere der großen Magistralen, die aus Berlin heraus und auf Berlin zuführen. Mehrfacher großer Passagierwechsel, bis es schließlich hinter Pankow über Blankenburg, Karow so landschaftlich entlang geht, dass der Berlin-Neuling – nun schließlich in Buch – einen viel dörflicheren Eindruck erwartet, als er ihn vorfindet.
Das Ensemble um den S-Bahnhof Buch ist zwar nicht gerade elegant, eher budenhaft, aber in der Sonne liegt darüber unter den dicht heranwachsenden alten Eichen etwas zurückgezogen Gepflegtes; viele Leute sehen medizinisch aus, Professionelle oder Patienten der beiden großen Klinika, die den Namen Buchs bis in die wissenschaftlichen Zeitschriften bringen.

Wir sind aber heute nur wegen der Kirche gekommen, gehen also die Wiltbergstraße – den Park zunächst zur Linken lassend – bis Alt-Buch. Da haben wir das Ensemble bald vor Augen: linker Hand die seit 1943 turmlose Barockkirche, 1731 bis 36 erbaut, in mittlerem Verfallszustand, zur Rechten das Pfarrhaus, das vor den anschließenden Plattenhochbauten wie ein entfernter Ableger von Goethes Gartenhaus wirkt. “Dass der Soldatenkönig so was in Preußen zugelassen hat!”, wundert sich Jagusch, der Fotograf, später; aber der glanzlose Finsterling, dem die Soldaten – das rechne man ihm hoch an – allerdings zu schade waren, um sie in Kriegen umbringen zu lassen, hat den Barock auch gar nicht zugelassen.

Dies ist keine königliche, sondern eine private Kirche. Der Privatmann, der sie bezahlte, hieß von Viereck; der Soldatenkönig maulte, der Viereck, der sein Minister war, solle etwas weniger faul sein. Aber hier in Buch war er ja überhaupt nicht faul. Die Kirche bringt ein Stück sächsischen, Dresdner Glanzes ins dürre preußische Gloria. Der Baumeister, Friedrich Wilhelm Diterichs, hat später ganz ähnlich auch die aus der Wirklichkeit leider verschwundene Böhmische Kirche gebaut, deren Grundriss immerhin man seit kurzem auf dem Straßenpflaster der Berliner Mauerstraße ablesen kann. Fontane schreibt viele Seiten über Geschichten aus der Bucher Kirchengeschichte; zwei alte Damen haben gestern auf dem Kirchhof die Liebesgeschichte, die zu diesem Anekdotenarrangement gehört, Manne Jagusch, dem Fotografen, wiedererzählt. Vergessen haben sie dabei, dass der in dieser Geschichte figurierende Preußenkönig ein Dunkelmann war, der die Zeit nicht begriff, nicht die, die kam und auch die nicht, die neben ihm zuende ging. Julie von Voss hieß die Frau, die als Opfer dieser sogenannten Liebesgeschichte nun schon über zwei Jahrhunderte unter der Kirche auf die Auferstehung wartet, die ihr bisher immer nur in diesen kleinen Geschichten zuteil wird.
Neben der Kirche liegt der weite gepflasterte Gutshof. In den Stallungen und Speichern unterhält die Akademie der Künste Ateliers. Was man sonst nicht mehr gebrauchen kann, ist immer noch gut für “Kunst”; Kunst als Nutzungssurrogat. Die Akademie macht hier einen etwas abgeschobenen Eindruck oder sagen wir: sie wirkt sehr selbstgenügsam. Wenn die Ausstellungen gehängt und in den Karriereverzeichnissen registriert sind, ist es egal, ob jemand hingeht. Wir sitzen lange auf der schönen Rundbank um die kleine Hoflinde, ehe wir gegenüber im “Castello” – ach, was wäre mit der deutschen Lokalkultur, wenn wir die nicht hätten! – bei Italienern zu Mittag essen. Zum Nachtisch fürs Gemüt sitzen wir auf einer grünen Bank auf der Parkseite der Kirche. Es riecht feucht und süß nach Rosen und Regen. Aber nun ist die Sonne herausgekommen. Die turmlose Kirche machte von hier aus einen Schlosseindruck, wenn sie sich nicht durch das Kruzifix identifizierte. Meine Lebensfreundin sucht ein vierblättriges Kleeblatt. “Man findet sie nicht, wenn man sie sucht, man muss ihnen allerdings auch Gelegenheit geben, gefunden zu werden.”

Ein Bussard fliegt niedrig vorüber. Die Krähen schimpfen und vertreiben ihn aus der Rotbuche. “Krähen sind sehr sozial. Nicht nur für ihre Familie, sondern für ihre ganze Art. Deshalb überleben sie so gut.”
“Du meinst also: sie sind Rassisten oder wenigstens Nationalisten, und deshalb überleben sie!”
“Tieren kann man mit menschlichen Begriffen gar nicht beikommen.”
“Sozial – das wäre also kein menschlicher Begriff?”
“Nicht so richtig, wenn ich die Kerle so sehe …”

Der größere, nördlichere Teil des Parkes ist wilder und ruhiger. Das voller Blütenstaub stehende Wasser kann man der Panke zuschreiben, die man als Berliner Fluss ja überhaupt nicht vergessen darf.
Auf hohem Bahnsteig die S4 für die Rückfahrt erwartend, empfinde ich diesen Vor- und Nachmittag in Buch als ein Geschenk; nicht wie irgendwas Schönes, was man überall kriegen kann, sondern dessen Grundlagen “irgendwie” gerade darin liegen, dass Berlin den Grund dafür legt. (Obwohl – um auf die Liebesgeschichte zurückzukommen – Liebe natürlich überall ein Geschenk ist, überörtlich, manchmal überirdisch … wenn es Liebe ist.)

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Straßenbahn, Friedhof

Berlin ist Weltstadt geworden geradeso durch das, was es hat, wie durch das, was es nicht hat. Es dauert aber eine Zeitlang, vielleicht ein halbes Stündchen, bis ich so weit bin, meine Seele nach den Metropolengefühlen zu fragen, die ihr mein heutiger Pankow-Spaziergang vermittelt. Mein Arzt hatte mich mit einer schlechten Nachricht überrascht, das Rütteln und Schütteln der U2 ging mir auf den Magen; in der Tram 52, die ich ab Vinetastraße nahm, atmete ein anderer alter Mann hinter mir kurz und schwer, als ob es ihm auch schlecht ginge.
Pankow sah in meinen Augen trüber aus als sonst. Die Schatten der Seele verdüsterten es. Wo man glücklich ist und gesund, da ist es schön. Vor mir sehe ich aber jetzt, und kann es erst kaum glauben, eine junge Frau, frisch und blond, im Band 2 meiner Spazierbücher lesen. Sie lächelt. Da lächele ich natürlich auch. Pankow ist schön.

Das Straßenbahndepot sehe ich gleich, als ich an der Haltestelle Nordend ausgestiegen bin. Es zieht sich weit an der Schillerstraße entlang und kurz ein Stückchen die Blankenfelder Straße hinauf. Dort wird es von einem Haus begrenzt, dessen gelbe Ziegel eine historische Farbe angenommen haben. Es ist das frühere Verwaltungsgebäude des Straßenbahn-Bahnhofs. Gegenüber liegt eine kleiner Park mit Bänken, auf denen an einem Sonnentag wie diesem derjenige gut verweilen kann, der sich nun angesichts der Gegend fragen will, was dieses Nordende der Stadt von ihr erzählt.
Der Betriebsbahnhof der Straßenbahn hier in der Blankenfelder Straße ist der einzige von ursprünglich acht Straßenbahn-Bahnhöfen, mit denen die zwischen 1895 und 1902 elektrifizierte Berliner Straßenbahn ihren modernen Weltstadt-Betrieb aufnahm. Das war ein Werk vom Siemens. Das muss man sich vorsichtig vorstellen, damit man nicht denkt, so wie es ist, so musste es werden und es hätte gar nicht anders gehen können: 1848, als die europäische Jahrhundert-Revolution verspätet in Berlin angekommen war und niedermilitärt wurde, weil die Soldaten nicht wissen wollten, zu welchem Volk sie selbst eigentlich gehörten, hatte Borsig schon mehr als 1000 Arbeiter und damit die größte Fabrik in Berlin; aber Siemens – ein Ex-Artillerieoffizier – hatte in der Schöneberger Straße mit dem Mechanikermeister Halske gerade erst achtzehn.
Dreißig Jahre später war Siemens und Halske bereits ein Weltunternehmen, als die Firma – am 16. Mai 1881 – zwischen dem Bahnhof Groß-Lichterfelde der Anhaltischen Eisenbahn und der Haupt-Kadetten-Anstalt eine elektrische Straßenbahn eröffnete; erster Zug morgens 6.10, letzter abends 10.10, Fahrzeit zehn Minuten; keinerlei andere staatliche Zuschüsse natürlich als das Staunen der Offiziellen.
Damit war die Geschichte der Pferdebahnen zu Ende. 1871 – nach dem deutsch-französischen Krieg – waren die “Große Berliner Pferde-Eisenbahn-Actiengesellschaft” und die “Allgemeine Berliner Omnibus AG (ABOAG)” erst gegründet worden und nun, anderthalb Jahrzehnte darauf, bereits unmodern. So schnell ging das in Berlin, das mit Riesenschritten Weltstadt wurde, nachdem es drei europäische Kriege geschlagen hatte. Freunde hat es sich damit nicht gemacht.
Erst hatte das Straßenbahndepot – gebaut 1901 und 1902, für 190 Wagen! – in der Blankenfelder Straße noch Zinnen und Türmchen. Das ganze Land stellte sich zu dieser Zeit alt-ritterlich dar. Die deutsche Moderne erschien in historischer Verkleidung, als ob sich nichts geändert hätte. Die südliche, knickgiebelige Halle der Anlage zur Schillerstraße hin ist von später: In den 20er Jahren, als auch der nächste Krieg rum war, hat Jean Krämer sie so gebaut, als ob sie schon immer hier gewesen wäre. Bei dieser Gelegenheit sind Zinnen und Ziergiebel vom Jahrhundertanfang weggeschlagen worden.
Nachher werde ich durch die Schillerstraße ostwärts wandern, gleich hinter Krämers östlichem Hallengiebel einbiegen bei dem Schild “Privatstraße. Durchgang nur für Mieter”. Wer sich von diesem Schild abhalten lässt, dem entgeht was, denn der Krämer-Halle gerade gegenüber zieht sich eine Reihe landschaftlich schön plazierter Wohnblocks zwischen Wiesen und Baumensembles hin bis zur Waldemarstraße, eine Wohnanlage, von der man von außen fast nichts ahnt. Wohnungen für die Angestellten, dicht am Arbeitsplatz, die Straßenbahn sollte nicht nur ein Verkehrsmittel sein und ein Arbeitsplatz, sondern auch ein Lebensinhalt. Mit der “Elektrischen” war Berlin an der Spitze der Moderne.
Gut, das kann man sagen, aber es sagt nicht viel. Die Superlative sind zu unindividuell. Was sagt es zum Beispiel, wenn man sich klarmacht, dass Berlin diejenige Weltstadt war – vielleicht ist – mit den meisten Friedhöfen? Das sagt zunächst, dass es in Berlin nicht wie in vergleichbaren Metropolen einen großen Zentralfriedhof oder jedenfalls nur einige wenige, große Friedhofs-Felder gab und gibt.
Ein kleines Stück hinter dem Straßenbahndepot biege ich von der Blankenfelder Straße ab in die grüne Eichenallee zur Kapelle des Himmelfahrts- und Friedenskirch-Kirchhofs: 180.000 Quadratmeter umfasst dieser Friedhof, unzugänglich für die Kirchgemeinde in Mauerzeiten; benachbart der Friedhof der GethsemaneGemeinde, 85.000 Quadratmeter, Lindenallee mit Queralleen aus Kastanien und Ahorn, dann – dem Straßenbahn-Hof am nächsten, der Friedhof der Zionsgemeinde, 105.000 Quadratmeter, Lindenallee, Ahornquerallee, Rondell mit Christusfigur.
“Der Kirchhof Berlin-Nordend”, heißt es auf rostigem Schild, “mit den Bereichen Gethsemane, Frieden-Himmelfahrt und Zion wird beim jeweiligen Sonnenuntergang geschlossen”. So spät ist es noch nicht (obwohl ich doch vorhin – wie gesagt – das Gefühl hatte, dass mein eigner Untergang nicht mehr fern ist).
Eine Rasenmähmaschine surrt. “Werte Friedhofsbesucher! Bitte lassen Sie die Baumstämme in den Wasserbecken, damit die durstigen Vögel nicht darin ertrinken.” Die Vögel singen ihre vielfältigen Lieder: so groß aus diesen kleinen Körpern, dass ihnen keine Melancholie widerstehen kann.
Neben der Kapelle, die hier schon drei Jahre länger steht als das Straßenbahn-Depot, umschließen Haine die Grabsteine für Weltkriegsopfer. “Als Opfer des Weltkriegs starb am 31.10.1917 mein heißgeliebtes Männchen und herzensgutes Väterchen … Schlaf wohl, lieb Herz, bis wir uns wiedersehn.”
Die meisten, deren Namen hier erinnernd aufgerufen werden, sind aber umgekommen, ich sage: ermordet worden als Jugendliche, die die Eltern nicht hätten gehen lassen dürfen. Die Kriege sind nicht vorbei. Es hat noch nicht aufgehört, dass Alte Junge sterben lassen. Am Jahrhundertbeginn stand einer, der hier gewesen wäre, an einem Vorpunkt der Moderne, anderthalb Jahrzehnte drauf tief unten beim Ewig-Tödlichen. Dicht nebeneinander die Orte des einen und des anderen. Erst kriegt man gar nicht mit, dass beides Mahnmale sind. Oder wären, wenn die Stadt auf Lernen aus wäre.
Von Nordend bis zur neuen Mitte, Potsdamer Platz, 40 Minuten. Da denke ich längst was ganz anderes.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Der Halbpart des Vergessens

Der Name Vinetas wird – weil er die Endstation der U2 benennt – oft gehört in Berlin. Ruhleben – Vinetastraße: eine sehr mythologische Reisebezeichnung, von der Friedhofsstadt zur Stadt unter den Wassern, vom Ende zum Untergang, in einem nachdenklichen Hinunter-und-hinauf: Die U2 ist eine Attraktion; man fährt in Sichtbarkeiten und in Träumen. Ich bin ein bisschen benommen, als ich aus der Station Vinetastraße unter der Straße heraufkomme.
Wo man wohnt, bedeutet die Stadt jeweils ihre Gegenwart, solange man nicht selbst ganz aus Vergangenheit ist, und kann mit Gestrigkeiten verglichen werden. Für den puren Besucher (der nur aus dem benachbarten Bezirk zu sein braucht und nicht erst aus Bad Schwartau) besteht sie dagegen oftmals nur aus den abstrakten Vorstellungen von einer allgemeinen Vergangenheit, in der die Lokalitäten nur die Glitzerpunkte eines zufälligen Lichtscheins abgeben.

Das erste Licht wirft Elsa Brändström. Zuerst gehe ich durch ihre breite Straße, bis sie sich an der Max-Lingner- vor vorragenden Vorgärten zusammenzieht. Ehe ich nach Norden abbiege durch die Siedlung der neueren, schnell alternden Häuser, die den Namen von Arnold Zweig hochhalten mit einer platzweiten Vorderund der eigentlicheren Hinter-Straße, suche ich mir zusammen, was ich über Elsa Brändström weiß: die schwedische Diplomatentochter, die sich um deutsche Kriegsgefangene in Sibirien kümmerte: der “Engel von Sibirien”; gerade an ihrem 48. Geburtstag, 1936, benannte Berlin, als Hitler es der Welt vorzeigte, diese Straße nach ihr. Weil sie geholfen oder weil sie Deutschen geholfen hatte?
In DDR-Zeiten, heißt es, hat man die Straße in Lindenpromenade zurücknennen wollen. Das Licht, das die Geschichte auf die Vergangenheit wirft, flackert. “Aufbau der Republik” heißt das Bild, mit dem in den beginnenden 50er Jahren Max Lingner das Reichsluftfahrtministerium in der Wilhelmstraße ins Haus der Ministerien umfunktioniert hat. Ich versuche mir, hier in der Max-Lingner-Straße, dieses bekannteste Max-Lingner-Bild vorzustellen, aber ich kann nur den Eindruck von Buntheit reproduzieren, vielleicht war es Kind- und Vertraulichkeit, über der jetzt die Planen des Bundesfinanzministeriums hängen. Die DDR hat ihre Unschuld spätestens beim Einmarsch der NVA in die CSSR verloren, aber vielleicht schon längst früher, vielleicht schon 1950 bei den Prozessen gegen die Zeugen Jehovas, die Hilde Benjamin aus dem Obersten Gericht drakonisch führte.

Ich stehe jetzt in der Binzstraße. Das Haus Nummer 50 erstaunt durch die unrenovierte Schwärze, mit der es zwischen seinen hell erneuerten Nachbarhäusern sozusagen übriggeblieben ist und herüberragt in diese Berliner Republik, die die friedliche Unschuld ihrer Bonner Vorgängerin mit Bombenflügen gerade bricht. Wer hat die Gedenktafel fortgenommen, die an Nr. 50 seit 1986 angebracht war? Die schlichte Ersatztafel sagt: Hier hat Georg Benjamin gewohnt, Schularzt im Wedding, Stadtverordneter der KPD, 1942 ermordet in Mauthausen.
Die Benjamins aus dem Berliner Westen waren reiche Leute; der Vater war Teilhaber des Lepkeschen Auktionshauses in der Kochstraße, Aktionär, Aufsichtsrat anderer Firmen, Anteilseigner an der legendären Scala; später hat er wohl nur noch Aktiengeschäfte gemacht; aber sich darüber ausgeschwiegen. Deshalb schweigt – wie über ein Geheimnis – auch sein berühmter Sohn Walter darüber, der Schriftsteller, Kritiker, Essayist, den seine Freunde von der kritischen Theorie (kann man sagen) zweimal verrieten, bevor und nachdem er sich, von Emigration und Verfolgung erschöpft, auf halbem Wege nach Amerika am 26. September 1940 in dem Pyrenäenort Port Bou das Leben genommen hatte; seit 1993 gibt es dort eine Gedenkstätte mit einem Kunstwerk, das sich einen Titel nach einem berühmten Benjamin-Titel gibt: Passagen; Wege hindurch.

Der andere Sohn des reichen Juden studierte Medizin und widmete sich – wie übrigens viele jüdische Ärzte – sozialen Aufgaben in den Berliner Armenquartieren. Auch das bestrafte das deutsche Vaterland mit dem Tode. Walter Benjamin, der auch über Berlin viel geschrieben hat, hat über seinen Bruder völlig geschwiegen (übrigens auch über seine Schwester, mit der er eine Zeitlang zusammengelebt hatte und die den Deutschen entkam). Von der Geschichte ist die Hälfte fort, ehe sie erzählt wird. Georg Benjamin, der Arzt, war mit der Juristin Hilde Lange verheiratet. Rechtsanwältin, Staatsanwältin, Richterin, Professorin, die “rote” Hilde, nach Max Fechner, der sich erinnerte – wer erinnert sich noch an ihn? Justizministerin der DDR. Eine Unrechtsrichterin wird man sagen können, ebenso wie: eine verdiente Frau. Wenn wir im Augenblick unseres Todes, unser “ganzes Leben” schnell an uns vorüberlaufen sehen, ist es doch bloß die Hälfte.
Das bucklichte Männlein” heißt der Text von Walter Benjamin, in dem das steht; er beschließt sein schönes Buch “Berliner Kindheit um 1900”. Als ich versuche, die Kinderverse über das bucklichte Männlein zusammenzukriegen, bin ich über Obernburger Weg und Laudaer Straße bis in den Retzbacher Weg vorgewandert, der den grasgrünen, aschenroten Sportplatz begrenzt und an dem die Häuser tatsächlich liegen wie gelandete Luftschiffe.
Angeblich haben die Bauten an Prenzlauer Promenade und Retzbacher Weg den Volksmundnamen “Zeppelinhäuser”. Die weltberühmten Zeiss-Werke in Jena hatten das Problem, für ihre weltberühmten Himmelsanimationen, die Zeiss-Planetarien, Himmelsabbildungen in Beton: Kuppeln zu bauen; das Patent bekamen Zeiss-Ingenieure zusammen mit der Betonfirma Dyckerhoff und Widmann; deren Tochterfirma Dywidag baute Ende der 20er Jahre hier um den Kissingenplatz; wollte den ganzen Sportplatz umbauen; dazu ist es mit den Tonnenschalen-Dächern nicht gekommen, die Zeppeline sind am Retzbacher Weg liegen geblieben; 70 Jahre liegen sie also jetzt da.
Freundliche junge Frauen kommen aus dem Hof und grüßen mit freundlichen Namensausrufen den hinter seinem Hundchen die Blöcke umschlurfenden Alten, von dem ich mir vorstellen könnte, dass er seit 1930 hier wohnt, seine eigene Geschichte der deutschen Geschichte entgegenhaltend, aber vielleicht auch streichend, verdrängend, was der Anteil des bucklicht Männleins ist.

Die Gegend um den Kissingenplatz ist in vielfacher Hinsicht ein Höhepunkt. Die Wohnsiedlung an Kissingen-, Stubnitz-, Granitz-, Karlstadter Straße und Miltenberger Weg, die die GSW gerade so geschmackvoll renoviert, dass sie teilweise wie neu wirkt, diese Siedlung – wie gesagt – die teils noch so bedürftig aussieht, ist ein Höhepunkt des Wohnungsbaus der Weimarer Republik. Mebes und Emmerich (und ein bisschen Jacobus Goettel) die Architekten, Richter und Schädel die Baufirma, der Beamten-Wohnungs-Verein Neukölln und die Baugenossenschaft Steglitz die Bauherren, 1925 bis 1930. Das waren die besten Jahre der Republik von Weimar; aber 1925 wurde Hindenburg, der Kriegsherr, zum Republikpräsidenten gewählt, weil die Republikaner sich nicht einigen konnten, und manche Bürger sowieso die Achseln zuckten; 1929 starb Stresemann, an den sich ein Vielleicht noch immer knüpfte und Hermann Müller, der letzte SPD-Kanzler vor Willy Brandt, trat zurück.
Und der jetzige SPD-Kanzler? … Neinnein, so schnell geht die Geschichte nicht. Oder doch? Die Hälfte ist immer schon fort: “Will ich in mein Stüblein gehn,/ Will mein Müslein essen:/ Steht ein bucklicht Männlein da,/ Hat’s schon halber ‘gessen.”: der graue Vogt – von dem Walter Benjamin wusste, dass er von jedwedem Ding, das an uns kommt, den Halbpart des Vergessens eintreibt. Das Kinderlied bittet, fürs Vergessene zu beten. Wir müssten uns stattdessen wirklich erinnern.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Das Chaos der Erinnerung

Vom Holocaust-Mahnmal – wenn sie es jemals hinkriegen – bis zum Ehrenmal im Schönholzer Park braucht man nur 16 Minuten.
Naja, ganz stimmt das nicht, denn in diesen 16 Minuten ist man mit der S1 von unter Unter den Linden erst bis oben auf den hoch gelegenen Bahnsteig von Schönholz gekommen und blickt sich um: Auf der einen Seite Stadt, auf der anderen Landschaft. Die nördliche Landschaft gehört zu Pankow und ist eigentlich keine Landschaft, sondern auch eine Erinnerung.
Früher – glücklicher Weise haben wir schon verlernt, die Tage und Jahre genau zu zählen – war das der “Todesstreifen” in West-Terminologie, der “antifaschistische Schutzwall” in Ost-Sprache; jetzt verbreiten die wilden Birken und Weiden etwas Träumerisches über die Gegend, die Blättererwartung zaubert aus den noch kahlen Ästen einen rötlichen Schimmer. Wir gehen über den Asphaltweg, der aus der Geschichte übrig geblieben ist, nordwärts.
“Ob die, die hier seinerzeit entlang patrouillierten, um Nachbarn von Nachbarn zu trennen, hier jetzt manchmal spazieren gehen?” frage ich mich. Was dächten sie dann?

Am Horizont sehen wir Hans-Heinrich Müllers zweitürmiges Umspannwerk, hinten an der Kopenhagener Straße, über die wir nachher zum S-Bahnhof Wilhelmsruh laufen werden: Eine Kathedrale der Technik, aus der die Technik ausgezogen ist, kaum eine Erinnerung hiinterlassend. Von rückwärts hören wir die pädagogischen Kommandos aus der Jugend-Verkehrsschule:
“Fahr weiter! Fahr weiter! Warum bleibst du denn stehen? Das Kommando heißt nur: Achtung! Aufpassen! Doch nicht: stehen bleiben!”
“Aufpassen! Aber nicht stehen bleiben!” murmle ich bedeutungssüchtig.
“Fang bloß nicht mit Hintergründigkeiten an!” sagt meine Lebensfreundin, die den Sentimentalitäten abhold ist und die Dinge gerne so betrachtet, wie sie sind (aber wie sind “die Dinge”, in welchem Verhältnis mischt sich ihre Gegenwart mit ihrer Vergangenheit?). Die Straße, die wir jetzt erreichen, heißt Frühlingstraße; die Sonne kommt hervor; da dachten wir wirklich an den Frühling; ein paar Minuten lang bis zur Klemke-Straße. Fritz Klemke war ein Arbeiter aus Reinickendorf, gar nicht weit von hier, auf der anderen Seite der S-Bahn, deren Trasse seine Straße unterquert: Kolonie Felseneck am Büchsenweg. Bei der Reichstagswahl im September 1930 wählten 400 Bewohner SPD, 200 KPD, 100 NSDAP, nur 50 sogenannte “Bürgerliche”; die Gegend, heißt es, war hart umkämpft: Prügeleien, blutige Köpfe.

Mitte Januar 1932 überfiel SA die Kolonie, am Ende war Fritz Klemke, Kommunist seit vier Tagen (erzählt man), tot, “eine rohe bestialische Tat”, sagte der Staatsanwalt beim Prozess im Dezember 1932, das Gericht konnte trotzdem nur einen Fahrrad-Diebstahl erkennen und stellte das Verfahren ein, Täter angeblich nicht zu ermitteln; als Nebenkläger gegen die SA war Rechtsanwalt Hans Litten aufgetreten, ein junger Mann, noch keine 30 Jahre, er hatte schon Hitler in die Enge getrieben, das zahlte der ihm heim, sobald er Reichskanzler war, fünf Jahre schleppte er den Aufrechten durch die KZs, ermordet am 4. oder 5. Januar 1938 in Dachau, hinten auf dem Pankower Friedhof III an der Leonhard-Frank-Straße ist eine Grabstätte, ein Denkmal, ein Erinnerungs-Stein (lese ich, gefunden habe ich ihn bisher nicht).
Als ich Richter war, in einem anderen Leben, und der Justiz demokratisch Gutes zutraute, sagte mir einer seiner Söhne, alt wie ich, Ministerial-Beamter im niedersächsischen Justiz-Ministerium: Wie kannst du der deutschen Justiz Gutes zutrauen? Wie konnte ich! An den Illusionen halten wir uns aufrecht, nicht an den Wahrheiten.
Damit haben wir das nördliche Stück der Schönholzer Heide erreicht, das die Germanenstraße von dem übrigen trennt.
Die Straße weitet sich zu einem Rondell, die Fahnenmasten wirken spillerig, als ob sie frören, eine breite Allee führt zwischen den vierreihigen wetter-grellgrünen Buchen (sind es Buchen? Meine Lebensfreundin war mal Biologie-Lehrerin, ich hätte sie gleich fragen sollen) auf das Ehrenmal zu. Es beginnt hinter mächtigen Pylonen aus rötlichem Granit; die Bronze-Reliefs sind in Lauchhammer gegossen, 1949, der Bildhauer war Ivan Gawrilowitsch Perschudtschew, da lag die Schlacht um Berlin erst vier Jahre zurück; über 13.000 Sowjet-Soldaten liegen hier begraben in ewiger Ruhe, wie angeschrieben ist.

Wir gehen an der Mauer entlang, die Namensschild an Namensschild reiht, alles junge Leute, Anfang der Zwanzig. Krieg ist: junge Leute sterben auf Befehl von alten und älteren. Ist Krieg außerdem auch was Schönes? Eine schöne, kräftige Frau hält die Hand des heroisch Hinsinkenden, der in diesem Augenblick ein Held wird, das deutsche Trauerlied widerlegend, in dem der Kamerad dem Kameraden bekanntlich die Hand nicht reichen konnte, dieweil er…
Das ist ein Friedhof, ein Denkmal, ein Ehrenmal, ästhetische Maßstäbe sind also unangebracht. Im Hintergrund ragt ein Obelisk empor, fast 34 Meter, aus finnischem Marmor, darunter ein feuchter Raum, vor dem metallenen Kranz Blumen und Gebinde von den Berliner Freunden der Völker Russlands, rote Nelken auch vor ein paar Grabplatten draußen. Drei Herren vom Grünflächenamt (denke ich, weil draußen ihr grüner Wagen steht) besichtigen den Zustand der Anlage, dann sind wir allein.
“Manche von den Stalin-Worten (die metallen, deutsch, russisch, angeschlagen sind) kann man unterschreiben”, sagt morgen Jagusch, der Fotograf. Können wir auch, zumindest das gegen den Rassismus.
“Heldengesänge”, sagt meine Lebensfreundin, die jede Kriegs-Verherrlichung ablehnt. Pazifist bin ich auch. Man muss das Böse rechtzeitig verweisen, es fängt klein an.

“Aber wenn man das vergessen hat, muss man trotzdem kämpfen”, sagt meine Lebensfreundin. Mehr sagen wir nicht als diese Bruchstücke aus einem Gespräch, das wir schon oft geführt haben, von einem Einerseits ins andere Andererseits.
Einen anderen Ausgang als den Eingang gibt es nicht, wir laufen um das Denkmal herum, die Mauer sieht von außen ganz unfeierlich aus, die Erde ist nass und schwarz; die Straße, die wir erreichen heißt immer noch nach den Germanen und die gegenüber liegende nach der Walhalla: Ein merkwürdiger Kommentar.
In der Kehre des Heegermühler Weges sieht der Obelisk gegens Sonnenlicht fast wie ein Schornstein aus. Die Gegend ist vorstädtisch, lässt aber erkennen, dass die Stadt, vor der sie liegt, sehr groß ist. Wir wissen schon, dass wir vom Bahnhof Wilhelmsruh nur 20 Minuten bis in die Mitte der Metropole brauchen, wo man immer noch nicht weiß, wie man gedenken soll und ob überhaupt.
Es ist mit den Denkmälern wie mit dem Gedächtnis selbst, das ein unvollkommener Spiegel ist, manchmal auch ein ganz verblasster; die eine Wahrnehmung hält er fest, die andere nicht, wir wissen nicht, nach welchem System und ob es überhaupt ein System gibt oder alles Zufall ist, beinahe Chaos.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Nicht Flitter und Schminke

In der Wollankstraße sieht man alltäglich, was Wiedervereinigung ist. Oder was die Mauer-Trennung war. Man muss sich nur an einem beliebigen Alltag, zum Beispiel an diesem Nieselregen-Donnerstag im Februar, vorstellen, dass unter der S-Bahn die Wollankstraße von beiden Seiten plötzlich zuende ist. Dass wir uns das haben gefallen lassen, sage ich mir jedesmal wieder, wenn ich hier entlangkomme. Vielleicht ist das ein ganz persönliches Gefühl. Vielleicht lässt es sich verallgemeinern. Vielleicht ist es aber auch ein längst überlebtes Gefühl. Ein alter Mann, denke ich, denkt in Geschichte, weil er eben alt ist und sich mehr mit dem beschäftigt, was hinter ihm liegt, als mit dem, was kommt. Und wenn er in Geschichte denkt – was sich ja als Formel ziemlich großartig anhört -, dann ist er in Wirklichkeit oft nur damit beschäftigt, sein persönliches “Damals wars” zu rekapitulieren.
Nachdem ich an den Häusern des wieder schön goldig geschriebenen “Vaterländischen Bauvereins” in der Weddinger Wollankstraße (Nr.75 bis 80) vorbei und mit der Pankower Wollankstraße in die kurze Schönholzer und die breite Grabbeallee gelangt bin, stehe ich gleich hinter der Panke vor der Wohnanlage des “Beamten-Wohnungs-Vereins”, derentwegen ich heute gekommen bin.

Grabbeallee 14 bis 26. Gebaut 1908 bis 1909. So alt also, sage ich mir, wie meine Mutter, die in Bad Schwartau bei Lübeck lebt, und – wenn sie sich hierher bewegen könnte, wenigstens so, wie ich es noch kann – dann könnte sie sich an diesem Beispiel vielleicht wie an sich selbst klar machen, was neunzig Jahre sind: diese 90 Jahre, das 20. Jahrhundert, in dem die wüstesten Zerstörungen zu überstehen waren, die die Menschen bisher sich selbst und der Erde zugefügt haben.
Damit kommt in mir gegen diese Häuser aus Rathenower Handstrich-Ziegeln fast ein zärtliches Gefühl auf. Ich freue mich, dass sie renoviert, von den Spuren des Verfalls fast befreit sind; die Wiederherstellungs-Arbeiten gehen gerade zu Ende. Wenn der Flieder blüht, kann man auf dem Erschließungsweg, der die Paul-Francke-Straße am Zingergraben fortsetzt, auf und ab gehen und hinübersehen auf Köberlesteig und Majakowskiring, in dem alles Staatstragende nur ein paar Erinnerungen und Erinnerungstafeln hinterlassen hat. Diese Paul-Francke-Straße ist – wie jeder sieht – jetzt eine Straße, um gemütlich und mit weitem Gefühl zur schmuckvoll gemauerten Haustür zu gehen, hinter der man eine gut geschnittene Wohnung hat. Aber anfangs war sie eine Idee. Der Beamten-Wohnungs-Verein war am Anfang dieses Jahrhunderts der größte gemeinnützige Wohnungs-Verein in Berlin, anfangs wirklich nur für Beamte, denn “wer ein behagliches Heim besitzt, ist gefeit gegen destruktive Tendenzen”, sagte ein kaiserlicher Minister.

Paul Francke hieß der stellvertretende Vorsitzende. Warum ist die Straße nach dem Stellvertreter benannt, war der Vorsitzende selbst eine straßennamensunwürdige Pfeife, frage ich mich, aber nicht so interessiert, dass mich auch die Antwort interessiert hätte. Auf diese Verwaltungsmänner kommt es nicht an. Paul Mebes war der Mann, dem hier die Erinnerung gelten muss, der Architekt, der Baumeister, überhaupt einer der bedeutendsten Baumeister Berlins; er vollendete Schinkel, hat Werner Hegemann, der Kritiker des “Steinernen Berlin” gesagt. Nicht übertrieben. Zwei Jahre zuvor, 1906, war Mebes, vierunddreißig Jahre alt, zum “bautechnischen Vorstandsmitglied” dieses Wohnungs-Bauvereins gewählt worden. Sein Vorgänger, Erich Köhn, war kein ausgebildeter Hochbau-Architekt gewesen. Die Zeit, gegen die Mebes nun anzubauen begann, hatte massig gebaut in Berlin; es war die Kriegsgewinnler-Zeit, die Bodenspekulations-Zeit, die Ausbeutung-Zeit nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, Deutschland griff nach der Weltmacht und beutete die aus, die es dann tatsächlich greifen ließ.

In dieser Zeit des Massenbaus, die unserer Stadt bis heute tiefe Züge in die Miene schreibt, planten die Unternehmer die Häuser und die Wohnungen, die Architekten hatten kaum für was anderes Zuständigkeit als für Fassade und Fassaden-Schmuck. Da war Paul Mebes ein ganz anderer Mann. Man sieht es. U.a. hier in der Grabbeallee. Das war seine fünfte Wohnanlage für den Beamten-Wohnungs-Verein. Es folgten noch viele weitere, auch schlechtere, kaum bessere. Es war nicht nur der Kreis Niederbarnim, dessen Plakette vorne an der Francke-Straße jetzt mitrenoviert ist, der den Baumeister lobte.
Die Erschließungsstraße, eine Privatstraße anfangs, und die Innenhöfe, angepasst die ganze Anlage an die landschaftlichen Gegebenheiten, sonnige Wohnungen mit Straßensicht, Bäume, Kinderspielplätze – das war die architektonische Idee, ordentliche Baugesinnung, kein Protz und Prunk. Kein Flitter, keine Schminke, sagt Mebes in seinem Buch “Um 1800”, in dem er sich zugleich etwas betuliche Gedanken darüber macht, wann eine Frau am schönsten aussieht; ein Haus wie eine Frau, sparsam geschmückt, nicht mit Glitzer behängt: Naja, man muss einen Architekten nicht nach seinen Vergleichen bewerten. Sondern nach seinen Häusern. Und diesbezüglich – wie gesagt – schließe ich mich dem Kreis Niederbarnim an. Die Ein- und Inwohner hoffentlich auch, nachdem der Renovierungsärger nun vorüber ist.
Die Häuser von Mebes erleben jetzt ihre fünfte Staatsform. Indem ich durch den Majakowskiring, tief unterm Regenschirm, abwandere, versuche ich mir vorzustellen, welche Zeitgefühle die Häuser hätten, wenn sie wirklich Frauen wären.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Hopfen, Malz, Verwandlung

Hopfen und Malz, also Bier. Das Bier gehört zu Berlin wie … wie … jedenfalls wie die Boulette. Ich finde: Bier hat etwas Großstädtisches. Bier hat auch was Beispielhaftes. Zum Beispiel kann man eine Geschichte des Bieres auch als eine Geschichte der Wirtschaft schreiben. Durch lange dunkle Jahrhunderte war Bier ein Erzeugnis der Genehmigungen, des Regelements und des Zunftzwanges: die einen durften brauen, die anderen nicht.
In Deutschland wurde auch das Bier frei durch die Gewerbeordnung von 1883. Die Bötzow-Brauerei, das Gebäude von 1884, am Beginn der Prenzlauer Allee ist also ein Zeugnis, ein wirtschaftsgeschichtliches Beweisstück. Prenzlauer Allee Nr. 242 bis 247, gleich hinter der Saarbrücker Straße, hinter dem vergessenen Gedenkstein für Karl Liebknecht, steht das gelbe Backsteingebäude. Früher standen hier Windmühlen. Die gelbe Brauerei, rotziegelig verziert, breitet ihre Flügel aus, als wollte sie die Stadt empfangen wie früher die Windmühlen die Winde.
Statt dessen ist das Gebäude umzäunt. “Security” bewacht, der Wachmann lässt einen nicht vor, und erweckt so den Eindruck, dass das Gebäude ein Geheimnis berge, während doch das aktuelle Geheimnis nur darin liegt, dass das hier schon lange angekündigte “Bötzow-Center” auf den annoncierten 20.000 Quadratmeter nicht schon längst seine Shops geöffnet hat. “Centerplan Management” ist nicht zu erreichen. Das 100-jährige Brauereigebäude gewinnt auf diese Weise etwas Dornröschenhaftes. Dornröschen aus der Prenzlauer Allee.

“Tarzan vom Prenzlauer Berg” hat Adolf Endler in ähnlicher Märchenhaftigkeit sein Tagebuch aus den letzten DDR-Jahren genannt. Er beschreibt darin Hauswarte aus der Prenzlauer Allee, die den Vorderhäusern gegen die Hinterhäuser und den staatlichen Bewachungsfirmen gegen die Individualität dienten. An solche Vergangenheiten – auch wenn sie “jüngste” sind – denkt man wohl besser nicht.
Wenn man – wie ich an diesem frostigen Dezembernachmittag – die Prenzlauer Allee hinauf, entlang und zur S-Bahn-Station wieder leicht hinunter läuft, könnte man sagen, dass das eigentliche Prenzlauer Berg rechts nach Osten hinunter und links nach Westen hinauf neben der Allee liegt, sagen wir mal: rechts, wo Quangels wohnten, in die Fallada die Weddinger Hampels verwandelt hat, die Hitler widerstanden, weil Widerstand nötig war, um anständig zu bleiben, und links hinten, wo Thierse wohnt, der auch als Bundestagspräsident nicht in die Villa ziehen will, die der Steuerzahler bezahlt, sondern hier bliebt, wo das Leben ist. Heute will ich mich von der Allee aber nicht ablenken lassen.

Von Bötzow zur S-Bahn dauert es nur eine halbe Stunde. Die Zeit ist gut angelegt. Man kriegt mit, dass diese breite, von der Tram zerteilte Straße geografisch und sozial eine Art Gratweg ist; sie hat es nicht leicht zwischen Aus- und Einfallsverkehr, zwischen Autobewegung und Leben die Balance und sich selbst zusammenzuhalten.
Viele Fassaden sind noch grau, das erste leuchtende Haus ist das fachwerkhafte Sparkassenhaus Ecke Immanuelkirchstraße. Und natürlich die Kirche selbst: eine Kirche mit einer Brauerei zu vergleichen, das ist wahrscheinlich unzulässig; aber von diesen Gründerzeit-Kirchen geht etwas Leerstehendes aus, etwas Gewesenes, Industrie- und Weltanschauungsdenkmäler, sowohl die pflanzlichen wie die ideologischen Rauschmittel werden heute auf viel weniger repräsentative Weise hergestellt. Wir saufen aber immer noch und berauschen uns mit dem, was nicht von dieser Welt ist.
Die Deutsche Bank gegenüber bietet ihren Geldautomaten auch für Beträge unter 50 DM an, muss nur durch zehn teilbar sein. Multikulturelle Imbisse, einer sogar mit Sri-Lanka-Küche, und auch die Computer- und Internet-Läden haben hier das freundlich Tante-Emma-Hafte, das also auch die weltbeherrschenden Geräte aus den kalifornischen Garagen nicht beseitigt haben und gerade sie nicht. Das Großplanetarium wirkt hier besonders seltsam. Ich habe in der Nähe eines Planetariums wichtige Jugendjahre verlebt, in der Mitte der 40er Jahre war das, in Jena, und auch damals schon – ich kann das Gefühl noch reproduzieren – kam es mir seltsam vor, mich in ein enges Haus zu setzen, um den Himmel zu sehen.
Wenn man auf diesem Weg hinter dem überraschend prächtigen Küchen- und Bräunungstudio in dem schlösschenhaft aufgetürmten Treppenhaus zu dem S-Bahnsteig hinuntergestiegen ist, hat man schon eine Menge vom Großbezirk Prenzlauer Berg/Pankow/Weißensee gesehen, zu dessen anderem charakteristischen Stadtquartier, nach Pankow Mitte, man von hier aus mit der S4, S8, S10 nur sieben Minuten braucht.

Diese kurze S-Bahn-Fahrt ist eine eigene Attraktion, die man aber als solche auch ganz überfühlen kann, wenn man anderes zu tun hat; beispielsweise wie die schöne, große Frau mit den schwarzen Augen, die den Finger schon im Buch hat, damit sie schnell aufschlagen und weiterlesen kann über “Dschingis Khan”.
Sie lenkt mich ab, ich kann die Augen nicht von ihr wenden, statt – was ich eigentlich wollte – den nordostgerichteten Bogen innerlich nachzuvollziehen, den die Bahn an der Stelle beginnt, wo sie bald in anderer Richtung abbiegen und den S-Bahn-Ring um Berlin schließen wird. Sobald es so weit ist, fahre ich dreimal ohne auszusteigen um die Stadt.
Die Schöne steigt auch in Pankow aus und bleibt auf dem Bahnsteig noch zwei, drei Minuten stehen, um das Kapitel zu Ende zu lesen, in dem Dschingis Khan … was tut er, ehe die Schöne die Augen hebt, das Buch zuklappt und so schnell die Treppe abwärts springt, dass ich ihr nicht folgen kann. Aber ich sehe sie noch hinten in der Florastraße, in die auch ich einbiege, um die Mühlenstraße zu erreichen.

Wer die Mühlenstraße nordwärts geht, der kann sich erst gar nicht vorstellen, dass hinten die bauliche Überraschung kommt, die diese Straße unter Nummer 11 bereithält: die alte Malzfabrik von Schultheiss, 1885 ff gebaut von Rohmer und Teichen: tolle, skurrile, im schneeigen Dezembernebel fast surreale Gebäude; 7500 Tonnen Malz jährlich, einstmals größte Malzfabrik Berlins. Die Gerste spitzt und ringelt, gärt und wird gedarrt; in Quellstöcken, auf Malztennen, in Weich anlagen und Keimkästen, Braupfannen und Läuterbottichen geschieht die enzymatische Stoffumwandlung: die Wörter sind mir so fremd wie die Gebäude, die mit ihren behelmten Schloten und hohen Abzugsrohren nun einen ganz anderen Wandlungsprozess beschreiben als den enzymatischen, der aus Gerste und Wasser Bier macht: hier ist das Jahrhundert vergärt und ausgedarrt, und die fröhlichen Mädchen von heute wissen und fragen nicht: was war das? Es ist gewesen.
Während ich mich im Abend, der nun schnell herniedersinkt, verzaubert fühle. Gehe durch die Budenstadt an der Kirche, mit Tram 50 bis Vinetastraße, der Name der untergegangenen Stadt ist passend zum Abstieg in die U-Bahn. Eberswalder Straße steigt eine junge Frau ein mit dreifach aufgestylten Hut, wie eine kleine Pagode, und sieht trotzdem nicht albern aus, sondern frisch und lustig; sie blickt um sich, ob ihr jemand – den Hut quittierend – entgegenlächelt, dem sie zurücklächeln kann. Das bin diesmal ich. Und damit verlasse ich für diesmal Prenzlauer Berg/Pankow/ Weißensee und sause unter Mitte entlang, Mitte/Tiergarten/Wedding, durch Wandlung (und – wie gesagt Fahrung) verwandelt.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Stille Straße gerettet

Heute Abend hat der Finanzausschuss der Bezirksverordnetenversammlung Pankow beschlossen, dass der besetzte Seniorentreff in der Stillen Straße weiterhin bestehen bleiben kann. Es wird ein Erbbaurechtsvertrag angestrebt, die Volkssolidarität soll die Trägerschaft übernehmen.
Am 29. Juni hatten zahlreiche Rentner das Haus besetzt, das am folgenden Tag aus finanziellen Gründen geschlossen werden sollte. Der Bezirk wollte die Kosten nicht mehr tragen. 112 Tage wohnten sie Tag und Nacht in dem Gebäude, teilweise attackiert vom Bezirksamt, aber mit einer riesigen Unterstützung durch Bürger, Prominente und Institutionen. Mit dem heutigen Beschluss ist das Haus gerettet. Die Rentner haben gezeigt, dass es sich lohnt, sich nicht alles gefallen zu lassen und für seine Sache zu kämpfen. Gratulation!




Licht- und Schattenspiele

Heute fuhr ich halbwegs um Berlin herum, mit der S4 von Halensee, wo ich wohne, nach Pankow. Am Treptower Park steigen mit ihren überpackten Fahrrädern fünf Männer ein; Penner; sie strömen den typischen süßlichen Geruch aus aus Schweiß und Bier, der in manchen S-Bahnwagen hängt wie die Aura um die Heiligen.
“Bald sinn wir raus aus die Stadt!” Sie freuen sich, dass sie weggehn; ich freue mich, dass ich bleibe. Am Bahnhof Pankow verabschiede ich mich von den reisenden Pennern, die rechts nach Bernau fahren, während ich links herum in die Florastraße einbiege. Ganz unerwartet treffe ich da eine Studentin, ehemalige, längst tief im Berufsleben, charmante Frau, aber unzufrieden. Das Studium hatte Hoffnungen erweckt, die das Leben nicht hielt. Wir sagen den Studenten überhaupt nicht die Wahrheit. Wir führen sie im Dienste unseres Dienstherren in die Irre, die Wahrheit sollen sie erst kennen lernen, wenn es zu spät ist. Ich mache mir Vorwürfe. Das Leben, das uns allen erst die Illusionen und schließlich die Hoffnungen raubt, ist ja nichts Abstraktes. Sondern Arrangement, dem man auch die Namen von Menschen geben könnte. Lieber nicht!

Ich gehe schnell die Florastraße entlang, die mit ihrer überraschenden Geschlossenheit fast tröstlich auf mich wirkt. Die sanfte Biegung, die sie gegenüber der Dusekestraße beschreibt, die – selbst im Bogen – in sie einmündet, hat etwas Beruhigendes, Gefestigtes. Das ist doch ein albernes Gefühl, denke ich, in die Florapromenade einbiegend, diese Straße mächtiger Stadtbürgerlichkeit, berlin-zeittypisch in Verfall und Erneuerung. Dass die DDR ein so starkes Selbstbewusstsein hatte, muss man vielleicht sogar bewundern, schon um der Souveränität willen, mit der sie übersah, dass die Balkone abfielen.
Gegenüber dem Panke-Museum denke ich das, wo eine Institution domiziliert, die offenbar historisches Interesse hat und sich deshalb mit gotischen Buchstaben schreibt, als sei die echte Vergangenheit das Mittelalter. Wenn Zeiten uns noch angehen, ist es schwer, harmlose Museen um sie herumzuordnen und sie unter “Geschichte” abzulegen. Die Geschichte scheint uns meist länger, als sie ist. Die Geschichte ist kurz.

Arthur Miller lebt noch, ist jünger als meine Mutter, ein Held meiner verschwiegenen Wünsche: Intellektueller, Schriftsteller, mindestens ein Theaterstück, in dem die Epoche sich wiedererkannte. Und außerdem hat er Marilyn gekriegt, mit Marilyn Monroe, die den Präsidenten umarmte, legal im Bett gelegen, so dass es ein mythischer Ort geworden ist. Bestimmt! Warum kommt Arthur Miller jetzt in die Florastraße nach Pankow? Besser noch in die Lychener Straße nach Prenzlauer Berg, wohin ich nachher noch gehe.
Ziemlich am Anfang von Millers Geschichts-Lehrbuch “Zeitkurven” steht die rührende Geschichte seines Vaters. Mit einem Schild um den Hals schickte man den 6-Jährigen in Polen los, alleine, nach Amerika, seine Eltern zu finden, die nicht mal Zeit hatten, ihn vom Schiff abzuholen. Dann machte er als Konfektionär so viel Geld, dass der Krimper Bill Fox, fast ein Freund, 1915 von ihm 50.000 Dollar leihen wollte, um einen Wahnsinnsplan zu verwirklichen: Filmstudios in Hollywood. Miller gab sie ihm nicht. Der Plan war zu abenteuerlich.

So lange, so kurz ist also die Geschichte der Filme und der Kinos. Drüben in der Breiten Straße, im halb abgerissenen Tivoli, “Felsenschlößchen” damals, haben die Brüder Skladanowski die ersten Filme gezeigt. Das ist der Geburtsort des Films. Am Tag, an dem ich diesen Text schreibe, macht am halbfertigen Potsdamer Platz das größte Kino Deutschlands auf, das sich nun gar nicht mehr Kino nennt. CinemaxX, mit großem X am Ende, 19 Säle, der größte für 600 Zuschauer, die Leinwand 10 mal 22; 199 Abspielräume hat die Firma, der deutsche Branchenführer, die Ufa, sogar 421. 148 kleinere Kinosäle haben aber auch zugemacht in den letzten sechs Monaten.
Auch die Fortuna-Lichtspiele, das ehemalige “Flora”, in der Florastraße, dessentwegen ich heute hier entlang gehe, ist weg; eine Baustelle, Kino seit 1910. Da hatte sich Fox also noch nicht aufgemacht nach Hollywood. Auch der Polier weiß nicht, was es werden wird, Kino ist es schon lange nicht mehr. Wenig mehr als 100 Plätze, aber an der Wand eine erhöhte Loge mit zwölf Sitzen: das war was, dort mit seiner Liebsten, den Arm um sie gelegt, am Abend bevor es hinausging, August 1914 gegen den Erzfeind. Lieb Vaterland magst ruhig sein.
Noch näher, empfinde ich, rückt die Geschichte des Mythos an uns heran in der Stargarder Straße. S-Bahn Wollankstraße zur Bomholmer-, zur Schönhauser keine halbe Stunde: tiefes Prenzlauer Berg; die Stargarder an der Gethsemane-Kirche vorbei über die Pappelallee, hinten – hier empfindet man: unten – der Fernseh-Turm, bis zur Lychener. An der einen Ecke Berliner Bürgerstuben, deutsche Küche, Pool Billard, an der anderen das Noxz. Wenn man es weiß, kann man noch erkennen, daß das mal ein Kino war. Mit dem deutlichsten Kinonamen, den man sich vorstellen konnte: Kinematographen-Theater. Seit 1909. Auf den äußersten Sitzen links vorne nur “bedingt gute” Sicht.

Großer Buffetbereich. Bier und Illusionen. Ein Ladenkino. Mehr als zwanzig davon gab es in Prenzlauer Berg.
Was für Filme sahen da die Leute, die in den Häusern wohnten, von denen die meisten noch da sind?
Meine Großeltem hätten darunter sein können. Asta Nielsen in “Der fremde Vogel”, “Das Totenhaus”. Henny Porten in “Maskierte Liebe” oder “Adressatin verstorben”. Die Schlüsseljahre des Kinos waren das, sagt der Freund meiner Tochter, niemand weiß besser über Kinos Bescheid als er.
Je näher es auf 1914, auf den Weltkrieg ging, umso häufiger ritt auch Friedrich der Große siegreich über die deutschen Leinwände. Nichts – wie gesagt – von Hollywood. Diese größte Kunstproduktionsstätte der Welt und aller Zeiten, diesen mythischen Ort, der einen so großen Teil unserer Seelen verwaltet (ob wir es wahrnehmen oder nicht), den gab es noch nicht. Die Filme kamen aus kleinen Studios in Berlin-Mitte. Oskar Messler hieß einer der Produktionspioniere, jetzt ist der Name nichts gegen Fox und Mayer. Als Arthur Miller Marilyn Monroe, den Fox-Star Nr. 1, in den Fox-Studios abholte, war das Büro des Direktors so groß wie ein Tennisplatz. Der Olymp. Das war der Olymp. Die Götter wohnten dort. Henny Porten dagegen kehrte zu uns zurück. In Ratzeburg bei Lübeck war sie mit einem Augenarzt verheiratet. Ich habe sie am See entlanggehen sehen. Als sie 1960 in Berlin starb, war sie erst siebzig. Damals war ich Referendar beim Oberverwaltungsgericht. Die Geschichte ist kurz. Die Mythen sind groß. Die Träume sind süß…

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Schulweg

Der Bahnhof Wollankstraße ist keine Schule der Erinnerung. Die Erinnerung an die Mauer ist ein Schatten an der Mauer. Die Gegenwart der Vergangenheit ist kurz. Florastraße, Blumenstraße, das passt zum Sommertag und zu dem Einheitsgefühl, das meine Seele beherrscht in diesem Pankower Augenblick.
Der Gärtner Görsch hatte Spargelfelder. Nach ihm heißt die Straße, in die ich jetzt einbiege. Stilbruch heißt im verfallenen Haus das Eckcafé; ein Café ist es eigentlich nicht. Zwei blonde Schülerinnen verkaufen Kaffee und belegte Brötchen. Ich sitze draußen im Anblick der Ossietzky-Schule. Man sieht ihr nicht an, dass sie nach Ossietzky heißt. 1909/10 gebaut in Holländischer Renaissance, Pseudo-Renaissance, sagte man. Jetzt ist es egal. Die Schule ist eben alt. Schön alt, kalt alt, je nach persönlicher Einrichtung in der Moderne, in der das Modernste ja das Postmoderne ist: geistig also etwas Vormodernes.

“Heiratsde nu doch”, fragt der eine Bauarbeiter am Nebentisch den anderen, “hasde deine Olle ooch schon Schwangerschaftstest machen lassen? … Un?”
Gegenüber kommen die Schülerinnen an, einige mit Autos, sie umarmen und küssen ihre Freundinnen und Freunde, die auf der kleinen Wiese vor der Schule im Gras sitzen.
“Hey!”
“Hey!”
Wird in den Schulen Liebe geübt? Natürlich, in jeder Schule wird die Liebe geübt, weil es die Jugend ist. Die Jugend und der Sommer. Was gibt es Schöneres als Jugend und Sommer?
Kaum war die Schule fertig, rief der Kaiser die Kinder auf, sich totschießen zu lassen und die anderen totzuschießen, deren Schulen genauso aussahen. Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein, bis alles in Scherben fällt, auferstanden aus Ruinen, Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Der Staat sitzt auf dem Curriculum. Ein paar Schüler haben an dieser Schule nein gesagt. Wir wissen es noch, aber wir haben’s vergessen.

An der Haltestelle Rathaus Pankow, gegenüber der Lücke, die das werdende Kaufhaus-Center gerissen hat, warte ich auf den 155er. Die Erneuerung Berlins ist vor allem eine Verwandlung. Wir müssen genau hingucken, dass wir unsere Stadt auch wieder erkennen, wenn sie wieder mal fertig ist.
“Bisde nu schwanger?” fragt die eine Gutgeschminkte im Bus hinter mir die andere. “In welchem Monat?”
“Sechste oder siehmte Woche.”
“Das heißt, das Abitur machsde noch! … Ich bin mit Alex auseinander. Wegen der fetten blonden Schlampe.”
Der Bus fährt mich nach Weißensee. Stadt, Vorstadt, wieder Stadt. 15 Stationen. 15 Stationen Zeitgeist, die beiden Blonden steigen auch am Rathaus Weißensee aus. Alles, was sie über Sexualität wissen, wissen sie aus der neuen BRD. In der DDR waren sie Kinder. Das ist vorbei.
“Wien Mann wirklich aussieht, kannsde erst sehen, wenn er aufm Motorrad sitzt.” Die Kollegin versteht das nicht. Sie ist noch nicht so weit. “Weil de dann sein Gesicht nich sehn kannst. Die Gesichter täuschen meist.”

Das Rathaus Weißensee stammt aus der Zeit, in der Berlin moderner und größer aussehen wollte, als es war. Während ich durch die Trabacher Straße gehe, denke ich: Woran könnte man erkennen, dass hier mal DDR war?
Weit habe ich es nicht mehr durch die Bernkasteler Straße, am Tram-Depot der BVG gerade vorbei, da stehe ich schon vor dem Schulgebäude, das ich hier suche. Auch diese Schule ist aus der Zeit knapp vor dem ersten Weltkrieg, und die Wohnbauten, die sich die Trierer Straße hinunter, in der Caseler Straße zu einem städtischen Hof verbreiternd, zur Berliner Straße erstrecken, sind während des ersten Weltkrieges entstanden. Der Architekt hieß James Bühring, Stadtbaurat von Weißensee, später von Leipzig. Er war geistig vielleicht schon ein bisschen weiter als Fenten, Franzen, Klante, die in Pankow bauten. Aber das sind Unterscheidungen aus den Architekturbüchern. Sie gehen die Wirklichkeit nichts mehr an.
Es sind keine fünf Minuten von hier bis zur angenehmen Tram Nr. 3 und dann noch 20 Minuten, bis ich an der Hufelandstraße aussteigen und auf der Wieseninsel, die die Straßenbahn inmitten der Greifswalder Straße lässt, die Front von Nummer 25 betrachten kann; eine dritte Schule heute, auch aus der Zeit knapp vor dem ersten Weltkrieg; eine Säulenfassade unter einem Walmdach, das ein ins Großstädtische vergrößertes Goethe-Gartenhaus ist.

Was hat den Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, frage ich mich, veranlasst, gerade hierher eine solche Fassade zu stellen für eine Schule? Die Eltern der Schüler wählten fast alle sozialdemokratisch, 143.000 Stimmen SPD, Freisinn 18.000, Konservative 4000, alle anderen nicht mal 1000.
Die Schule heißt jetzt nach Kurt Schwitters, fast eine Ironie. Der asphaltierte Weg gleich rechts neben der Schulfassade führt schnell auf einen kleinen Platz; der Rücken schmerzt mich, ich setze mich auf einen Betonstein, Autohaus Königstor hinter mir: eine Ruine von jetzt, dahinter eine Industrieruine von gestern, die Pappeln pappeln, die Linden säuseln, der kleine Ahorn antwortet dem sachten Wind, es ist halb fünf Uhr nachmittags an diesem Sommertag, keine Schulkinder in dem Langschulhaus, das die graue Wirklichkeit darstellt hinter der täuschenden Fassade.
Hier ging mein Bruder zur Schule”, sagt eine vor übergehende Frau zur anderen. “Nächstes Jahr iss er ab nachm Westen.”

“Ich habe euch alle lieb, danke für die schöne Zeit” ist im Schulhof vorne angesprayt, hinten: “Hausmeister, Du wirst sterben.” Es donnert in der Ferne. Duplikate der Rosinenbomber in der Luft. Luftbrückengedenktag, an den meisten Leuten hier geht das vorbei. Eine sanfte Stimmung von Gewesenheit. Dieser Platz ist einer jener Geheimplätze, an denen sich Berlin verdichtet zu seiner ruhigen Wirklichkeit.
Ich gehe um den Block herum, der die Schule umschliesst, Am Friedrichshain, Bötzowstraße, Niederkirchnerstraße. Im “Babel” bestelle ich mir einen Milchkaffee und betrachte in erschöpfter Ruhe die Wand gegenüber in vielfarbigem Braun-Orange. Harald Schmidt, der hinten in dem kleinen Fernseher Geld macht, wirkt unwirklich; er gehört zu einer anderen Welt, in der die Unwirklichkeit die Wirklichkeit ist … aber das stimmt nicht. Unsere Welt besteht aus diesem und jenem. Wahrheit und Lüge: nur eine Benennungsfrage. Renaissance-Puttos, Mosaikbacksteine, Antiksäulen: das Wort Schule klingt anfangs vielversprechend, endet aber schnell mit einem schwäbischen Diminutiv.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Was hier Vergessen ist

Wo liegt der Mittelpunkt des neuen Bezirkes Pankow / Prenzlauer Berg / Weißensee? Die Frage nach dem Bezirks-Mittelpunkt ist am wenigsten eine geographische Frage. Von Grenzzufälligkeiten hängt sie nicht ab.
Da, wo an der stolzen Kastanie Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee sich berühren, ist nur ein zufälliger Ort, eine Straßenkreuzung. Mittelpunkte von Stadtregionen, denke ich mir, lassen sich überhaupt nicht nach Längen- und Breitengraden vermessen. Wir suchen Schwerpunkte der Identität, Wesen- und Wesentlichkeiten, die das Quartier, den Bezirk, die Stadtregion festhalten innerhalb dessen, was ist und was nicht vergessen werden kann: Seelengewichte der Stadt, welche ihr Masse geben gegen den Wind der Zeiten.

Es ist der 6. Mai. Ein regnerischer Tag. Ich habe sogar einen Schal um, damit der kühle Wind mir nicht in den Nacken pfeift. Die Sonne müht sich aber. Sie will hervor. Der Alte Jüdische Friedhof ist schon geschlossen, das von rückwärts vermauerte Backsteingitter ist erfolglos in der Bildung von Davidsternen; der Friedhof, steht draußen, sei eine “Mahnung”: das hilflose Wort quält mich; das Gedenktafel-Geklingel, das ein Nie-wieder beschwört, dessen Subjekt nicht gekannt werden will.
Nun sehe ich das Gelände in 134-jähriger Vergangenheit. Ein prächtiger Trauerzug rückt heran; mit vollerem Totenpomp ist nie ein deutscher Musiker zu Grabe geleitet worden. Der tote Meyerbeer kommt; er wird heim geleitet zu seiner schönen Mutter, deren schwarzbraune Jugendaugen noch immer leuchten von Carl Kretschmars Bild. Giacomo Meyerbeer, ein bedeutender italienischer Komponist, ein weltbekannter französischer Komponist, ein großer deutscher Komponist, mit (oder nächst) Mendelssohn der größte Komponist, den Berlin je hatte; der Trauerzug kommt von seinem Berliner Haus, Pariser Platz 6, an der Oper hatte er verweilt, der Opernchor hatte gesungen: Was Gott tut, das ist wohlgetan.
Ach, über diesen Gott müssen wir uns Gedanken machen. Ich bleibe einen Moment stehen, wo die Friedhofsmauer an die Brandmauern der Wörther Straße stößt, Kastanien ragen stolz herüber, dort in der Nähe ruhen die Beers, die berühmten, die schönen, die reichen; sie ruhten nicht die ganze Zeit in Ruhe. Und auch heute kommt mir die Ruhe bewacht vor.
Die Wörther Straße führt über den Kollwitzplatz wie durch einen Garten. Der Platz tut so, als könnte er kein Wässerchen trüben. Es ist noch nicht mal eine Woche her, da hat sich unter Steinen und brennenden Reifen hier manches getrübt. Wir wissen nicht warum. Wir wissen zu vergessen. Eine deutsche Kunst.
Mit der Tram Nr. 1 bin ich im Nu an der Drei-Bezirke-Kreuzung an der Ostseestraße, die im neuen Bezirk nur noch sein wird, was sie ist: ein für Fußgänger schwieriger Verkehrsknotenpunkt.

Ich passiere hinüber in die vertraute Gegend, die jetzt noch Pankow ist; vorbei an Messels anständigen Häusern durch die Talstraße, rechts bietet sich neu eine “Euro-Küche” an, flimmernde Sterne auf blauem Grund; in der Spiekermannstraße kommen unter einer bröckelnden Fassade die Werbeinschriften aus verschiedenen Zeiten am selben Geschäft zutage: Butter, ff-Wurstwaren, Schreibartikel, Eier. An der Kreuzung Prenzlauer Promenade / Langhansstraße wenig Promenadenhaftes, manche Ladengeschäfte leer, zu vermieten, keiner mietet; der brausende Verkehr lässt wohl wenig Begegnendes zu. Die Ampel funktioniert nicht; ein alter Fußgänger hat es so schwer, hinüber nach Weißensee zu kommen, dass ihm der Name “Treppenstudio” am fassadenprächtigen Eckhaus fast ironisch erscheint.
Noch ein paar Schritte und der Stadtcharakter ändert sich. So bauten sich um die letzte Jahrhundertwende die Tischler-, Glaser-, Schlosser-, Baumeister an die Hauptstädtischkeit heran von ihren Rändern, wo die Grundpreise erschwinglich waren. Ich denke an meinen Großvater, der auch ein solcher Handwerksmeister war, 1902 gebaut, auf Schulden, die schnell abgetragen waren. Später hätte er alles in Asche sinken sehen können. Er hat Glück gehabt. Wir auch.

Über die Goethestraße, die wahrhaftig nichts mit Goethe am Hut hat, komme ich in die Lehderstraße, die an der Grenze entlangläuft, die es demnächst nicht mehr geben wird. Die Straße ist ein industriegeschichtlicher Lehrpfad; links die langen, niedrigen, markthalligen Gewerbegebäude, denen die umfassende Innerlichkeit fehlt, so dass sich Verschiedenes heimisch macht. Verfall und mittelständische Auferstehung. Hinter dem Straßenzug Greifswalder Straße / Berliner Allee heißt die Straße Gürtelstraße: Ich gehe sie bis zu dem kleinen Fast-Platz, an dem zwischen Neubau und halbhoher Gelb-Mauer die Meyerbeerstraße abzweigt. “Deutsch und deutsch gehört zusammen” ist ungelenk angesprayt, viel gelenker darunter: “wie Tod und deutsches Heer”. Es ist eine unentschlossene Straße. Das Wirklichste ist ein Schuljunge im Bayern-Trikot, Nummer 5: Helmer, der den Fußball geschickt zurückkickt in den Schulhof.
Rechts biege ich nun in die Herbert-Baum-Straße ein. Die Straße steigt unter den Kastanien an und fällt wieder ein bisschen ab, so dass der Weg zum Großen Jüdischen Friedhof ist wie das Ansteigen über die Terrassen nach Sanssouci. Die Kastanien in stolzer Blüte schaffen über dem breiten Bürgersteig ein lichtes Dunkel. Das Eckhaus an der Gounodstraße nimmt die Farbe des Friedhofs-Eingangs auf und übertreibt sie. Das schwisterliche Haus an der anderen Ecke ist zurückhaltend wie die folgende Fassadenreihe; die Häuser scheinen zu wissen, wo sie stehen. Der letzte Komponist vor dem Friedhof ist Puccini. Puccini und Meyerbeer sollten tauschen, denke ich. Die Esse des anlehnenden Industriegebäudes erscheint mir vor dem Friedhof der Juden, ach, der ganzen Berliner Judenheit, fast zynisch. Oder symbolisch, denkmälerisch; der Schornstein ist erloschen. Die Seelen fahren nicht mehr in Rauch auf.

Jetzt stehe ich wieder unter freiem Himmel. Ein klarer Eindruck von: durchs Dunkel zum Licht. Das Dunkel ist würdig, das Licht ist einfach. Die Vögel singen. Die Stadt ist fern. Am Mitteltor vier gefasste und strenge Verbotsschilder. Videoüberwachung. Graue Wolken ziehen auf. Kein Wetter für Mai. Der Markus-Reich-Platz, Straßenende, Friedhofsbeginn, liegt jetzt abends zwischen den Zeiten. Wer nichts weiß, der kann die Stimmung märchenhaft finden. Alles, was hier Vergessen ist, ist Verdrängen.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Buchholz Stadt

Wo soll ich diese Geschichte beginnen lassen? In der Westfälischen Straße (in Wilmersdorf), wo ich wohne, oben am Ku’damm, hinter dem bis in die beginnenden 30er Jahre der Luna-Park folgte: die Volksunterhaltungsstätte, die jetzt eingefangen ist von der Grunewaldhaftigkeit, die der Kommerzienrat Koenig hier oben eröffnete, für die Reichen und Konservativen, deren Leben sich dann in vielen traurigen Fällen veränderte ohne Rücksicht auf Reichtum und Mittelhaftigkeit: Als Deutschland sich zurief: Deutschland erwache, begann es unterzugehen.
Nein, so südwestlich kann ich meinen heutigen Spaziergang nicht beginnen lassen, sonst komme ich auf diesen Seiten nie da an, wo ich hin will. Die Gleichartigkeit in aller Gegensätzlichkeit würde mich freilich auf manchen Gedanken bringen: von der Villenkolonie Grunewald zu den Kolonien um Buchholz: Kolonie Ertragreich, südöstlich vom Dorfmittelpunkt (darf man Dorf sagen?), Glücksklee, Feldweg, Erholung, Bergfried, Krugpfuhl, Gartenvörde, Idehorst, Koppelgraben, Möllersfelde: von Grunewald nach Frohsinn: was wäre das für ein Titel? Welche Gedanken würde er steuern?
Wenn ich an der Kolonie Frohsinn vorüberkomme, südlich vom Rosenthaler Weg, wohl schon zu Blankenfelde und nicht mehr zu Buchholz zählend, bin ich schon fast durch das ganze Gebiet, das ich heute durchwandern, beschreiben will; mehr als eine Annonce der neuen Stadt zwischen Navarra- und Hugenottenplatz wird mir nicht gelingen. Es gibt zu viel zu assoziieren.

Die Stadt wächst, 1620, als der große Kurfürst geboren wurde, der die Hugenotten rief, hatte Berlin 6000 Einwohner; als die Hugenotten, die aus Frankreich Vertriebenen, gekommen waren, Asylbewerber, Asylanten, über 20.000. Ihretwegen hieß Buchholz bis 1913 Französisch Buchholz. Dann führte Deutschland Krieg gegen Frankreich und wollte sich nicht mehr erinnern lassen, dass es auch französische Ursprünge hat. Nationalismus statt Europa. Blutige Ausländerfeindlichkeit, die eigentlich eine Familienfeindlichkeit war. Ist?
Es regnet. Ich stehe mit meiner Lebensfreundin eng unterm Schirm vor der Buchholzer Kirche, am Pfarrer-Hurtienne-Platz, die Kirche ist geschlossen, die meisten Häuser Gottes sind zu, Gott ist ausgezogen. Albert Hurtienne, ein Hugenotten-Nachkomme also (wie Fontane: dieses Idealbild des Berliners) war in Französisch-Buchholz der letzte Seelsorger der französisch-reformierten Gemeinde; vor der Kirche eine Bank, “gestiftet von Markus Hurtienne und Thea Schäfer, geb. Hurtienne”, vielleicht die Kinder des aufrechten Pastors?

“Hugenotten in Buchholz, belebende Kraft seit 1685”, sagt der Gedenkstein in der Platzmitte. 1685 war die Religionsfreiheit in Frankreich erst mal aus, Edikt von Nantes, der Brandenburger Kurfürst, den man allein deshalb wohl den großen nennen kann, antwortete mit einem Edikt von Potsdam: Ausländer kommt her in den märkischen Sand und lasst ihn blühen.
“Mit unerschütterlicher Treue”, schrieb am Ende des 19. Jahrhunderts der preußische Hofarchivar, “haben die Hugenotten der neuen Heimat gedankt und die Befürchtungen, die man bei Aufnahme einer so großen Zahl Fremder wohl haben konnte, zuschanden gemacht.” Daraus hätte Brandenburg-Preußen, Deutschland, etwas lernen können; daraus kann es immer noch viel lernen; müsste es dringend einiges lernen.
Wir gehen schweigsam durch den Regen, die Mühlenstraße entlang, nachdenklich, als ob wir für das Geschick Deutschlands verantwortlich wären. “Sind wir doch auch”, sagt meine Lebensfreundin, “ist jeder. Ausländerfeindlichkeit gibt es, weil ‘normale Menschen’ ausländerfeindlich sind, nicht weil Innenminister Kanther es ist.”
Die Wege durch den Friedhof am Navarraplatz sind aufgeweicht, meine Lebensfreundin trägt einen eleganten grau-blauen Anzug und schöne spitze Schuhe. In der Eingangsloggia der Kapelle steht ein mitfühlend blickender Mann, der uns vielleicht für die Leidtragenden hält.
“Sollen wir was betrauen?” fragt Liesel und antwortet selbst: “Zu betrauern gibt’s immer was. Aber auch zum Freuen.” Sie zieht mich enger an sich. ich freue mich. Dass ich sie habe. Dass ich lebe. Dass ich mir meine Gedanken machen kann. Ich erkläre ihr den Navarraplatz mit dem König von Navarra. Henri Nummer vier, dem Paris später eine Messe wert war: auf Konfessionen kommt’s nicht an, Ausgleich, Versöhnung ist höher.

Damit sind wir nun in dem sich auf der gewesenen Anlage “Schweizerland” erhebenen Neubauanlage, die wir von jetzt an “Buchholz Stadt” nennen. Denn es ist ein städtisches Quartier, ob es ein Berliner Viertel ist (oder nicht doch eine ganz eigene, alleinige Stadt), das wissen wir noch nicht.
Hinüber zum Märkischen Viertel in Reinickendorf, dem soziologisch-politischen Problemgebiet, ehemaligem Problemgebiet vielleicht, wäre es ja über Rosenthaler Weg, an der Industriebahn entlang, an der beziehungsreichen Kolonie Einigkeit vorüber, gar nicht so weit. Nein, Buchholz Stadt sieht anders aus als das Märkische Viertel aussah, als es entstand.

Wir sitzen in der Marktschänke am weitläufig dreieckigen Hugenottenplatz dem der Architekt wirklich einen Platzcharakter verschafft hat, obwohl das gewiss keine einfache Aufgabe war, denn eigentlich fehlt die Geschlossenheit. Der Architekt der Häuser an den beiden Platzseiten, die alleinige Seiten genannt werden können, heißt Frank Friedrich, aber vielleicht sind für die Platzform die Städtebauer verantwortlich, Engel und Zillich, wohl auch Berliner.
Nun muss noch das Leben kommen. Das Quartier fängt an sich zu beleben. Es ist noch nicht fertig, die ersten Bewohner sind aber schon da. Die Hausformen sind unterschiedlich, abwechselnd, nicht monoton, nicht langweilig. Die Architekten haben sich unzeitgeistliche Mühe gegeben, scheint es.

Aber wer von ihnen hat den Ausdruck “Stadtkanten” erfunden? Das Areal ist über 51 Hektar groß. Wo es in Landschaft übergeht, ins Eigenheimliche, Schrebergärtnerliche, ins weite Land, liegen – sagen die Städtebauer – die Stadtkanten. Buchholz ist kein Dorf, keine Vorstadt, sondern eine Stadt. Mit Worten baut man keine Stadt, nicht aus dem Städtebau kommt die Stadt, sondern von den Menschen. Und von dem, was die Architekten in ihrer bürokratischen Fachsprache (und leider ja nicht nur sie) die Infrastruktur nennen.
Die Schule sehen wir wachsen (mit Sonderzug für lernbehinderte Kinder:) diese Züge, Normal- und Sonderzüge; dreizügig, das könnte doch ein Adjektiv für ein Folterinstrument sein. Meine Freundin war in einem anderen Leben Lehrerin: “Die Schulkinder sind doch nicht das Problem”, sagt sie, “in die Schule gehen die Kinder, weil sie müssen und manche auch, weil sie wollen. Aber wo gehen die Jugendlichen hin, wenn die Schule aus ist?” Ob die Tram nach Buchholz Stadt kommt, ist wohl noch unsicher. Der Boden, auf dem diese Stadt an den Kanten der Stadt Berlin emporwächst, war auch einst Kolonieboden. Kolonien – Erweiterungen des Mutterlandes in das Eroberte hinein, Landschaft, die eine Heimat hat, die anderswo liegt.

Während wir nach Pankow-Mitte fahren und dann über die Ossietzkystraße durch den Schlosspark gehen, der immer noch daran erinnert, wie er verschlossen war, denken wir uns nach Grunewald hinüber und vergleichen Kolonien mit Kolonien. Wenn man am S-Bahnhof Pankow einsteigt, muss man nur einmal umsteigen und kann sitzenbleiben bis Wannsee.
Wo sind wir da über die Stadtkanten hinausgekommen? Die Straßen machen die Stadt. Die Verkehrswege. Die Probleme kommen immer mit.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Lehrerinnen

Die Stadt wird immer größer. Berlin wächst. Je mehr man von Berlin kennt, umso größer wird die Stadt. Die Stadt nimmt eine antithetische (oder soll ich sagen: eine dialogische) Gestalt an. Sie fängt an, mit sich selbst zu sprechen (bis man sich sagt: Was für ein Unsinn; die Stadt führt keine Selbstgespräche; sie spricht mit mir, vielmehr: ich spreche mit mir).
Ich erfahre die Ausdehnung, die räumliche Erstreckung Berlins und zugleich ihre geistige … nein, “geistig” will ich nicht sagen. Das klingt nach Thomas Mann: Lübeck als geistige Lebensform. So eine Form war Lübeck nicht und ist nicht mal Berlin. “Erfahrung” – das ist das Wort.
An diesem Montag bin ich zuerst mit der S4, ein Stück mit der S45 nach Altglienicke gefahren, die sogenannte Preußensiedlung zu besichtigen, von Muthesius: Ein Geburtsort der Siedlungsmoderne (habe ich im vorigen Kapitel gerade beschrieben); dann ein Stück zurück (in der ideellen Wirklichkeit war das ein Stück voran), mit der S4 bis Schönhauser Allee.
Ich freue mich schon auf den Zeitpunkt, zu dem die Ringbahn ihren Ring wieder geschlossen hat. Aber jetzt – während ich die Schönhauser Allee nordwärts, durch die Rodenberg- und schließlich die Varnhagenstraße pankowwärts gehe – habe ich ein “Ringgefühl”. Berlin hält sich zusammen, wird zusammengehalten: Von der S-Bahn und von den großen Straßen, die James Ludolf Hobrecht, der eigentliche Erbauer der Metropole, um die City herum gelegt hat. Hier die Wisbyer Straße.
Ich stehe auf der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Pankow, empfinde aber nichts von Grenze. In der Wirklichkeit der Sichtbarkeit und der Sentiments gibt es die Bezirksgrenzen nur ganz selten (und wenn es die Mauer nicht gegeben hätte, gäbe es sie noch seltener).
Die DeGeWo renoviert ihre Wohnanlage nördlich des Humannplatzes, sie wird sich aus ihrer angeschwärzten Gegenwart in eine erinnerungswürdige Zukunft erheben – oder soll ich es umgekehrt sagen? – ihre Vergangenheit wird gegenwärtig werden.

Ich blicke – kann’s sagen, weil ich es weiß, von der gepunkteten Rotlinie über den Stadtplan – nach Pankow. Die Varnhagenstraße mit der breiten Kirche der Heiligen Familie im Hintergrund läuft genau auf die Wohnanlage zu, die sich hier, im südlichen Pankow, zwischen Wisbyer Straße, Koska-, Tal- und Spiekermannstraße erstreckt. Die Max-Koska-Straße, die sozusagen die Varnhagenstraße aus Prenzlauer Berg nach Pankow verlängert, heißt nach Max Koska, der, ein hoher Ministerialbeamter, als Vorsitzender des Beamten-Wohnungs-Vereins diese Wohnanlage in Auftrag gab.
Man nennt sie die Wohnanlage Pankow I und Pankow III, der Architekt war Paul Mebes, der manchen von den baulichen Kleidern geschneidert hat, die Berlin noch immer trägt. Er hat hier auch städtebaulich gut gewusst, was er tat. Er war ein solider Mann, pflegte eine Handwerkergesinnung. “Bescheidenheit, Sachlichkeit, Schönheit.” Anständig. Das Haus, das gerade in der Verlängerung der Varnhagenstraße steht, wenn sie sich wirklich über die tramgeteilte Wisbyer Straße verlängern ließe, steht in den Katalogen als “Lehrerinnenwohnheim”.
Tritt man näher und betrachtet die braunen Terrakotten genauer, die man von Weitem nur als ästhetisch zurückhaltenden Farbschmuck wahrnimmt, dann sieht man auch – ich jedenfalls erkenne es an den traditionellen Frisuren – Lehrerinnen, die ihre Köpfe aus dem ockerweißen Putz herausstrecken. Lehrerinnen von 1910 natürlich.
Heute gibt es ja keine Frauengesichter mehr, die man ohne Zögern Lehrerinnen-Geischter nennen würde. Der Beruf hat sich aus der Töchterhaftigkeit entfernt, die es vor dem ersten Weltkrieg noch als fortschrittlich erscheinen ließ, ein Haus – wie dieses hier über U-förmigen Grußriss – zu bauen für alleinstehende berufstätige Frauen, mit Gemeinschaftsrestaurant und Gemeinschaftsräumen.
Dieses “Lehrerinnenwohnheim” ist umgeben von zwei Wohnblocks, die es mit elegant-geschwungenen Fassaden architektonisch umarmen, um mit ihm und einem halbhohen Abschlussbau zur Spiekermannstraße einen Hof mit Kinderspielplatz zu bilden.
Ich bin jetzt von Zuhause am oberen Kurfürstendamm über Altglienicke hierher nach Südpankow fast vier Stunden unterwegs, “Nur vier Stunden”, denke ich, während ich tiefer hineinwandere nach Pankow und noch andere betrachtungswürdige Anlagen des Berliner Wohnungsbaus passiere, z.B. Erwin Gutkinds nach oben, zu den fehlenden Dachgärten hin, fabrikartig aufsteigende Anlage aus der Mitte der 20er Jahre, Ecke Tal-/Thulestraße.
“Nur” vier Stunden – denn dieser Vormittag ist eine Lehrstunde geworden über die Versuche, baulich, “häuslich” in der Stadt auch diejenigen heimisch zu machen, die die “Masse Mensch” bilden, aus der die Metropole herauswächst und auf die sie auch zweimal herabgefallen ist. Muthesius und Mebes.

Preußensiedlung, Lehrerinnenwohnheim: diese Bauwerke sind eindrucksvolle Beispiele, Exempel, sagen wir doch: Lehrerinnen der Städtischkeit, fast zur gleichen Zeit entstanden, wenige Jahre vor dem ersten Weltkrieg. In einem geschichtlichen Augenblick, als noch Zeit gewesen wäre, sich von den Weltzerstörungen zurückzuhalten, gaben diese steinernen Lehrerinnen ihre Meinung ab über das Wie: wenigstens über einen Aspekt des Wie der Bewahrung.
Draußen oder drinnen, Gartenstadt, Landschaft oder Fassadenauftürmungen, besten-, aber auch möglichenfalls um einen gärtnerischen Innenhof. Ich bin auf der Seite von Mebes. Ich höre die Tram, die Autos, meinetwegen den Lärm der Magistrale, den Vogelgesang lasse ich mir für sonntags.
Stadt ist drinnen, innerhalb des Ringes. Die Geschichte liegt unter der Gegenwart der Stadt wie die Wurzeln der Platanen, die in der Thulestraße das Pflaster anheben. “Gehwegschäden”, Lebensschäden.
Wohin führen die Wege? 1938 baute Mebes für Kanonen-Krupp die Berliner Verwaltung in der Tiergartenstraße, “traditionell-repräsentativ”. Die Häuser sagen schließlich nichts über den Charakter der Menschen darin. Die einen sagen Ja, die anderen sagen Nein, die einen sind Täter, die andern Opfer, viele das eine und das andere, andere viele weder dies noch das. In der Trelleborger Straße, in einem der Wohnblocks hier, über die sich auch städtebaulich reden ließe, in der Nummer 26, wohnten die Saefkows. Widerstand, Tod. Am Haus eine Antifa-Tafel. Was müsste man anschreiben, wenn man den Leuten sagen wollte: Tut nichts Böses, lasst euch nichts Böses tun? Seid rechtzeitig? Ich friere. Ich bin jetzt doch zu lange unterwegs.
An der Vinetastraße steige ich ab zur U2, die – bis ich sie am Gleisdreieck verlasse – die Ober- und und Unterwelt lebhaft wechselt.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Von Pankow nach Köpenick

Von Pankow nach Köpenick, genauer: von Heinersdorf nach Spindlersfeld. Ein Spaziergang allein mit den Füßen wird das natürlich nicht. Die S-Bahnlinien sind … da fallen mir verschiedene Vergleiche ein; sagen wir: die Schlagadern der Stadt, sie verbinden, verknüpfen, versorgen alle Teile der Stadt.
Wenn Menschen aus Heinersdorf und aus Spindlersfeld gleichermaßen sagen: Wir wohnen in Berlin, und wenn sie dann nicht nur den Namen meinen, der ja für sich gar nichts besagt, weil es ihn auch gar nicht zu geben brauchte, dann meinen sie die S-Bahn (und die U-Bahn, die Busse, die Tram: dieses ganze System des Von-hier-nach-dort, das aus Kiezen und inneren Bereichen eigentlich erst die große Stadt macht, in der vielleicht nur die Fahrer der großen S-Bahnlinien Tat für Tag wirklich leben, indem sie glauben, dass sie immer am gleichen Ort sind: in ihrer engen Führerkabine).
So ungefähr dachte ich, als ich an diesem November-Donnerstag, nachmittags gegen Zwei, in Heinersdorf auf dem Bahnsteig stand. “Hier endlich ist kein Berlin mehr – kein Haus mehr, nur eine Windmühle und sandiger Hügel. Hier sind wir im Freien. Vor uns liegt Heinersdorf. Der Geruch des Kornfeldes ist in der Luft. Weit hinüber dehnt sich der Abendhimmel, weit und blau, nur an den Rändern dunstig von der Atmosphäre der Stadt, in der mehr als zwei Millionen Menschen atmen und arbeiten. Aber von ihnen kann man hier nichts sehen. Man sieht nur das Nächste, das nächste Haus, die nächste Straße, die Windmühle, die Sandhügel – und eine Lerche schwirrt über den Feldern und singt.”

Ach nein, hier singt keine Lerche, der Lerchensingetext, den ich hier eben zitiert habe, ist über 100 Jahre alt, ein Stück aus einem wundervollen Artikel eines erstklassigen Berlin-Journalisten; er hieß Julius Rodenberg. Was wissen wir noch von dem, was vor 100 Jahren war? Und warum sollen wir’s wissen? Was vorbei ist, ist vorbei…
Das sind November-Gedanken, während ich über den nördlichen Aus- und Eingang vom S-Bahn-Bahnsteig hinüber aufs Einsenbahn-Gelände gegangen bin, einem Wort nach, das auf dem Wegweiserschild steht und das ich nicht verstehe: “GB Traktion”. Wo der Auf- und Abgang endet, endet offenbar auch der öffentliche Weg. “Dienstweg” ist groß angeschildert, ich weiß nicht, ob ich – ins Unzulässige gelangt – schnell umkehren soll, kein Mensch zu sehen, rechts der eindrucksvolle zweistöckige Rundbau, auf dessen schrägem Dach die Tauben streitend und weißkotend verweilen: wie ein Bauwerk aus dem Rom der Cäsaren oder wie ein Festzirkus aus den 20er Jahre, als die Leute zur Unterhaltung noch ausgingen und nicht mit TV genug hatten.
Gegenüber auf der anderen Seite des Bahnhofs, hinter den breiten verkehrsrauschenden Straßen, stehen wie Mauern vor Pankow mächtige Keramik-verkachelte Wohnhochhäuser, denen gegenüber der theresianisch gelbe Bahnhof im klassischen Schlösschenstil zu der Frage veranlasst: Wie kommt der denn hier her, hat denn die Gegend mit dem Bahnhof begonnen; das gab es ja in Berlin auch, am Mexikoplatz z.B. war zuerst der Bahnhof, ehe die Straßen und die Villen und die Menschen kamen.

Menschen sind hier um den Heinersdorfer Bahnhof nur wenige. Zwei rauchende Männer stehen innen an der Theke des Tag- und Nacht-Imbisses im Bahnhof und, nachdem ich über die Prenzlauer Chaussee hinüber bin, sehe ich zwei andere, die an der Haltestelle der tiefer liegenden Tram stehen.
Nachdem ich dann über das kleine Parkstück und an dem barackenflachen TIP vorüber bin, vor dessen Türen ein kleiner Markt stattfindet, der sich “Lagerverkauf” nennt und überwiegend Billigklamotten anbietet, sehe ich, wie weit sich die Hochhäuser am dritten Arm der Vesaliusstraße nach Norden erstrecken; das waren die ehemaligen Vietnamesen-Hochhäuser, Fremdarbeiter-Unterkünfte, Stätten der Heimatlosigkeit, aber das ist jetzt auch vorbei, das haben wir auch schon vergessen.
Die Gegend sieht proper aus, und sie wird immer properer, je weiter ich nach Westen komme und – wenn man es nicht zuvor wüsste, wäre man direkt überrascht – plötzlich öffnet sich an der Paracelsusstraße ein Wohnhaus-Arrangement, das zu den prächtigsten und schönsten gehört, die es derart in Berlin gibt. Inmitten ein Platz, der keinen Namen hat, den aber jeder Paracelsusplatz nennt. Nach einem großen Arzt – wie übrigens auch Vesalius einer war, der Arzt Karls V., ein früher medizinischer Wissenschaftler, der Gottes Gebot trotzte und Leichen aufschnitt, um Bescheid zu wissen.
Die Ärzte passen. Denn den nördlichen Abschluss dieser um Plätze und weit vorragende Erker und Tor-Terrassen laufenden Paracelsusstraße bildet das Krankenhaus Pankow; wenn man – wie ich jetzt – von unten heraufkommt, sieht es wie ein Großschloss aus, und die Häuser der Paracelsusstraße wären die Kavaliers-Unterkünfte.

Während ich hier entlang gehe, fühle ich mich schon weit fort von dem Bahnhof, der Eisenbahn, den verkehrsdichten Straßen und den hohen Häusern, bei denen ich aber sofort wieder bin, bei der Drogerie um die Ecke biegend zu “Haarkunst” an der anderen Ecke, reinkommen und drankommen.
Das ginge ich mit meinem zu lang gewachsenen Haar hinein, wen ich nicht zu S10 zurück müsste, die mich in 40 Minuten nach Spindlersfeld bringt, einer langhaarigen Blonden gegenüber sitzend, die, ohne auch nur einmal aufzublicken, liest und liest und mich erst mit einem fast verwunderten Blick aus ihren vollgelesenen blauen Augen mustert, als sie in Oberspree aussteigt und die Haare schüttelt, als müsse sie etwas von sich abschütteln.
Gleich were ich im Ernst-Grube-Park sein, als hätte ich im Buch der Stadt eine Seite umgeblättert und begönne auf einer anderen eine andere Stadtgeschichte zu lesen.
Dieses neue Kapitel schreibe ich jetzt für das Bezirksjournal Köpenick, während die Dunkelheit schon niedergesunken ist über die anhaltenden Sorgen unseres Tages.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Von Thule zu Stockholm

Ich will von der Thulestraße zur Stockholmer Straße wandern, vom sagenhaften zum heutigen Skandinavien; ich will vor allem dem großen nördlich bekannten Straßenzug auf den Charakter kommen, der als Wisbyer/Bornholmer/Osloer Straße an die Grenze zwischen Pankow und Prenzlauer Berg entlang nach Wedding läuft (und auch nach beiden Seiten noch weiter); einer der vielen Straßenzüge um Berlin: wirklich ein Verkehrsfluss, pausenlos Autos her und hin, in der Mitte lange Zeit die Tram auf zwei Schienensträngen, die Straßenseiten weit voneinander entfernt, wirklich keine Parkallee, sondern eine Stadtavenue, die zusammenhält, was zusammengehört.
Die unterschiedlichen Quartiere, Kieze, schließen sich rechts und links an sie an, unterscheiden sich und sind sich ähnlich. An der Station Schönhauser Allee steige ich aus der U2 heraus und herunter von der seit dem Auftauchen am Senefelderplatz, in eine Hochbahn verwandelten Metro. Auf halber Höhe beim Abstieg vom Bahnsteig auf die Geschäftsstraße gewähren drei breite Fenster einen Ausblick auf die Baustelle der Schönhauser-Allee-Arcaden, als seien sie für diesen Zweck angelegt. Unten Marktbuden, Wurst- und Grillhähnchenduft, vietnamesische Zigaretten; “Ein Schritt vom Wege”: das ist ein einst bekanntes Theaterstück des Kammergerichtsrates, der der Wichertstraße den Namen gegeben hat; “Das Kammergericht war immer literarisch”, hat Fontane in Bezug auf diesen Ernst Wichert gesagt, aber das gilt längst nicht mehr, ich kann es bezeugen, ich war lange Jahre selbst Kammergerichtsrat. Das Kammergericht hat die Westberliner Isolation nicht gut überstanden.
Es ist ein grauer Tag, die Menschen zeigen Unglücksmienen, “der Augenblick entscheidet”, sagt die Commerzbank, die lachende Werbebotschaft muntert mich auf.

Die Thulestraße liegt schon in Pankow. Ich betrachte das Haus, Ecke Kurze Straße, in dem vor Jahren das Bezirksjournal seinen Betrieb begonnen hat. Statt des Garagenhofes jetzt eine postmoderne Wohnanlage. Da habe ich selbst das Gefühl, dass ein Stück meiner Vergangenheit eingemauert und steinversiegelt sei. Die Gegend sieht viel aufstrebender auf als 1990, aber sie ist mir auch fremder. Hier Kräne, an der Greifenhagener Straße Kräne am Ende und am Anfang: Berlin, die bekrante Stadt, Kranopolis. Ich habe die Kräne gerne. Für mich sind es Zeichen der Lebendigkeit. Kino Nord; daneben: Piano Traum; die Straße hebt sich zur Wisbyer an und fällt ab zur Gethsemanekirche, die ich unten sehe, während ich in die Kuglerstraße nach Westen einbiege. Die Straße wirkt wie ein ruhiges, gut möbliertes Wohnzimmer am Flur, den die Schönhauser Allee bildet. Das Gemeindehaus der Paul-Gerhardt-Gemeinde neben dem Café der Heilsarmee, unrenovierte und schon erneuerte Fassaden; Nummer 26, 24 zum Beispiel: fast edel. Das prächtig geerkerte Eckhaus beherbergt den vielgegenwärtigen Optiker Ruhnke, die Fassade des renovierungsbedürftigen Nachbarhauses sieht aus wie ein Theatervorhang, der sich niedersenkt oder in einem Stück nach oben hebt, wie das Theatervorhänge vor der letzten Jahrhundertwende gerne getan haben. Als wir noch hier arbeiteten, war in dem Eckhaus Wisbyer/Schönhauser ein Ristorante, jetzt Humana Second Hand.
Im Westen hellt sich der Himmel auf, als ich nun in die Bornholmer Straße einbiege. Der Wind weht über mich hinweg, je tiefer ich in die Senke zur Bösebrücke hinab marschiere, erst kurz vor der Brücke wird der Weg sich wieder anheben. Die Schlachterei Mehlhorn bietet frische Eisbeine, “Wohnen in Prenzlberg im 2. Hof” wirbt der Bornholmer Hof, neben denkmalgeschützter, aber verfallender Fassade, die auf blau umkachelten Säulen ruht. Diese südliche Straßenseite zeigt eine entwickeltere Vorgartenkultur als die nördliche; “Kultur” ist vielleicht zuviel gesagt.

Die nach Süden anzweigende Driesener Straße lockt mich durch den angekündigten geschlossenen Kiezeindruck in sich hinein und dann in die Czarnikauer Straße, die an die skandinavische Magistrale ehemals preußische, jetzt polnische Orte anknüpfte. Da kamen viele Leute her, die hier in der Gegend Jahrhundert-Endnot durchzustehen hatten. Mit der Malmöer Straße fängt der Aufstieg zur Bösebrücke an. Aufstieg ist zuviel gesagt, nun ist schon zum zweiten Mal ein Wort zu dick und bedeutungsvoll. Ähnlich wie das Mauerstück, das als eine Art Denkmal vor der Brücke aufgestellt ist, an der zum “Top Auto Park” verwandelten Stelle, wo die Grenzbaracken der DDR standen. “Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen”, zitiert dieses Mauergedenkstück Willy Brandt; da hat er recht gehabt, der 9. November ist gerade gewesen, in der Nacht auf den 10. November 1989 gings hier rund, viele wollten auf die jeweils andere Seite, da standen sie dann und wunderten sich, wie ähnlich die Stadt sich selbst war. Am Fuße des Denkmäuerchens Wachsreste von Erinnerungskerzen, aber auch Scherben zerbrochener Schnapsflaschen. Auf der sich zu ihrer Mitte aufwölbenden Bösebrücke bleibe ich ein Weilchen stehen, um das heftige Zittern zu spüren, das das unaufhörliche Hin und Her der Autos verursacht. Das ist das Zittern der Zusammengehörigkeit.
Ich blicke nach Süden, nach Norden, über die Gleisanlagen, die die Bösebrücke mit ihrem eleganten Eisenbogen zusammenfasst. Die westliche beginnende Weddinger Seite wirkt landschaftlicher als die hiesige Prenzlberger. Das Prenzlberger Berlin ist älter als das Weddinger. Wedding ist charakterlich aus den 60er Jahren, Prenzlauer Berg ist aus dem [vor]vorigen Jahrhundert. Dass sie bis in die 50er Jahre eine gemeinsame Geschichte hatten, ist weniger gegenwärtig, als dass sie 40 Jahre lang in unterschiedlichen Schicksalen lebten.

Ich marschiere schnell in die Osloer Straße abwärts, über Wriezener, Biesenthaler und Gotenburger Straße in die Stockholmer Straße, wo ich von Hugo Härings baugeschichtlichen Wohnhäusern aus den 20er Jahren eigentlich keinen Gefühlsunterschied zwischen Prenzlauer Berg und Wedding mehr empfinde. Es waren also Grenzerinnerungen, die mich auf der Bösebrücke irritiert haben. Der Weg von der Thulestraße ist kein Weg vom Gestern ins Heute, es liegt kein Zeitenabfall zwischen diesen Straßen. “Der Traum der Kommune, der schlief nur und ist doch noch lange nicht tot”, steht an einem Haus in der Grüntaler Straße. Ich glaube, da irren sie sich. Die Nebel hängen hier so dicht über den Dächern, dass die Größe der in ihrem Anflug auf Tegel plötzlich sichtbar werdenden Flugzeuge fast erschreckt. Die Travemünder Straße führt die Stockholmer bis an die Badstraße fort, durch die elegant nach Norden sich auf- und abbiegende Badstraße komme ich zur U8. 15 Jahre sind die beiden Mädchen vielleicht alt, die mir in der U-Bahn gegenüber sitzen.
“Ich verstehe deine Logik nicht”, sagt die eine. “Du sollst nicht meine Logik verstehen, sondern mich”, sagt die andere und sagt damit, worum auch ich hier bitte.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Die Wahrheit und die Wirklichkeit

Bis zur Danziger Straße bringt mich meine Freundin R. in ihrem schnellen, flachen Auto, aus dem ich mich auf den paradoxen Weg mache: hinauf zur Untergrundbahn.
Zur Schönhauser Allee steigt die U-Bahn auf, erhebt sich, hält sich eine ganze Weile oben, ehe sie nach einer bunten Fassade am Eschengraben wieder hinabführt: beziehungsreich bis zur Station Vinetastraße. Denn Vineta hieß die Stadt, die die Stürme des Meeres von der Insel Wollin hinabfegten in einen Untergrund der Sagenhaftigkeit.
Ich gehe nun das U-Bahn-lose Stück der Berliner Straße hinunter, das die Tram in zwei ärgerlich getrennte Seiten zerschneidet. Die U-Bahn-Verlängerung zum S-Bahnhof Pankow ist aber schon im Bau.
In einem Kirschbaum abseits der Straße zwitschern die Spatzen und vebreiten ihr optimistisches Lebensgefühl. Das Hof-Haus dahinter sieht ein bisschen wie Goethes Gartenhaus aus. Da fange ich schon an, an Heiner Müller zu denken. Ich will mir das Haus Kissingenplatz 12 ansehen. Ich will mir vorstellen, wie die Gegend hier vor 20 Jahren aussah, vor 19 Jahren, im Sommer 1978, als Müller hier mit der Stasi sprach.
Grüß Gott Berlin stand damals nicht an der S-Bahnbrücke, auf die ich – das “Kissingen-Eck” im Rücken – hinabblicke, denn die Straße hebt sich leicht an oder fällt ab zu dieser S-Bahn-Unterführung, hinter der nach meiner persönlichen Voreingenommenheit erst das “richtige Pankow” beginnt und durch die ich nachher zu dem backsteinprächtigen S-Bahnhof Pankow gehen werde für die Rückfahrt.

Aus dem Fenster der “Gerichtsklause” kann ich das Amtsgericht gut beobachten. Es heißt wieder Amtsgericht. Das Gebäude ist nicht mehr ganz dasselbe wie das, das das Stadtbezirksgericht beherbergte. In die Arkona- und die Lohmestraße hinein ist es durch neue weiße Flügel aus der Senatsbaukunst erweitert. Eins der beiden Berliner Familiengerichte hat jetzt hier seinen Sitz, aber hinten zur Borkumstraße sind noch die Gebäude, um die eine Einsperrmauer verläuft und deren Fenster vergittert sind. Die meisten deutschen Gerichte haben etwas Einsperrendes. Da mögen sie sich nach vorne hin die imitierendste Mühe geben.
Der Haupt-Architekt dieses Gerichts vom Anfang des [vorigen] Jahrhunderts hieß Paul Thoemer, er ist für manchen Berliner Justizbau verantwortlich, vor allem für das heutige (sog. Neue) Kriminalgericht in der Turmstraße: mit seinem Partner Rudolf Mönnich hat er außer diesem Pankower Gericht aus derselben angeblich süddeutsch-barocken Formenkiste auch das Amtsgericht Schöneberg in der Grunewaldstraße zusammengesetzt: Vorstadtgerichte, hieß es damals, sie sollten ländlichen Charakter ausdrücken. Beim Amtsgericht Wedding verwendeten sie dann “sächsischen Barock”, aber es kam immer dasselbe raus: eine Fassade, die nicht darüber hinwegtäuscht, was dahinter ist.
Gegenüber der Schulfassade aus ähnlichem Imitatstil, die es ein Stück weiter ostwärts zu besichtigen gibt, habe ich gerade das umgekehrte Gefühl. Man muss das Türschild lesen, um zu wissen, dass hinter einer solchen Fassade eine Schule ist. Diese heißt jetzt nach Rosa Luxemburg. Hoffentlich hören die Schüler da drinnen was über Rosa, ich würde sie die Liebesbriefe an Paul Levi lesen lassen, damit sie auch selber lernen, wie man Liebesbriefe schreibt: nämlich indirekt, lieber über Dringlichkeiten als über Gefühle.
Vom Tor dieser Schule aus kann man auf der anderen Seite des Kissingenplatzes die Georgskirche sehen. Der Turm ist besonders spitz, das goldene Kreuz auf der obersten Spitze besonders bedeutungsvoll, die Flugzeuge kommen so tief herein, dass man befürchtet: gleich stoßen sie an.
“Hic est porta coeli”: Hier ist das Tor des Himmels: Der Kissingenplatz ist schön, ein Platz für sich, in einer Gegend für sich, einer “besseren Gegend”, aber Tor zum Himmel…? St. Georg steht über dem Drachen, der Drache ist schon tot. 1978, stelle ich mir vor, war das allenfalls ein Bild der Hoffnung. Oder ein ironisches Bild.

Kissingenplatz Nr. 12 wohnte Heiner Müller, als die Stasi-Offiziere Holm und Girod zu ihm zu Besuch kamen. Sie sprachen mit Müller und seinem Freund Dieter Klein über – wie man so sagt, aber sie sagten es wohl nicht so – Gott und die Welt, das heißt: nicht über Gott, sondern vor allem über Karl Korsch und den kritischen Marxismus, später über die Weltpolitik, über die Gefahren des Nationalismus, über die Dritte Welt, über alles Mögliche.
Die Tschekisten wollten – heißt es – die Akte Operative Personenkontrolle Müller, OPK “Zement”, umschreiben in den IM-Vorlauf “Heiner”, aus dem Opfer aktenmäßig einen Täter machen, damit er “da bleibt”, die DDR nicht verlässt… “1961 – da wurde die Mauer gebaut, wir waren erleichtert … Eine ganz neue Möglichkeit zu arbeiten: Die Mauer als Schutz gegen das Ausbluten … Und zur gleichen Zeit sagte Otto Gotsche, der Sekretär von Ulbricht: Jetzt haben wir die Mauer, und jetzt werden wir jeden daran zerquetschen, der gegen uns ist …” Kein Mensch ist integer. In keinem guten Stück.

Ich mache mich auf den Rückweg, durch die Karlstadter Straße, die mit doppelbaumbestandenem Mittelstreifen auf die Gemündener Straße zuläuft und mit ihr einen Platz bildet, von dem mich ein Hausdurchgang zum Miltenberger Weg und zur Georgskirche zurückbringt.
Die ganze Gegend ist sehr baumbestanden; Kirche, Schule, Gericht, bessere Wohnungen, Vorstadtruhe, ein städtebauender Freund von mir sagt zu solchen Eindrücken schnell: “Bad Pyrmont”, hier müssten wir aber “Bad Kissingen” sagen. Je herbstlicher es wird, um so schöner ist eine solche Gegend. Berlin ist überhaupt eine herbstliche Stadt. Immer geht in ihr etwas zu Ende.
Die Wahrheit ist etwas anderes als die Wirklichkeit. Ich persönlich glaube nicht an die Wahrheit und schätze sie als sozialen Wert nicht sonderlich. Der Morgenpostservice in Nummer 38 zeigt die BZ-Schlagzeile von heute an: “…und die Bibel hat doch Recht: Schlangen hatten früher Beine.”

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Amalie: Trenck und Taut

Vorgestern in Treptow. Um mir anzusehen, wie Bruno Tauts Reform des Arbeiterwohnungsbaus begann, 1913, farbig: Tuschkastensiedlung. Ehe sich das steinerne Berlin für Arbeiter reformierte, hatten die Bessergestellten für sich mit Reformen des Ihren schon begonnen.
Dafür nach Pankow. Die Bewegung war zwar dieselbe: erst hinein in die Stadt, die Stadt ansammeln, vergrößern, die Fassaden schließen, dann heraus aus der Stadt, Gartenstadt, Landhäuser, Parks.
“Vergleichen wir nun – um ein Beispiel zu haben – (sagt der Professor) den Akazienhof am Falkenberg in Treptow und den Amalienpark an der Breiten Straße in Pankow. Es gibt strukturelle Ähnlichkeiten, gewiss: um einen Hof, einen Park herum ordnet sich das Private, das wenigstens den Anschein erweckt, dass es gelegentlich auch ein Öffentliches sein könnte…”
Ach nein, das ist kein Anfang. Pankow liegt viel zu weit weg von Treptow, als dass man da viel vergleichen könnte. Vielleicht eine kleine Geschichte: Reise der Christa Wolf aus dem Amalienpark in Pankow zu Anna Seghers in der Volkswohlstraße in Treptow, von den feinen zu den kleinen Leuten… nein, nein, das ist auch nichts, da stimmen die Daten wohl nicht, und Anna Seghers ist im Vergleich zu der zeitgenössischen Frau immer eine große, woher die auch kommt: Diese Reise ginge immer aufwärts.

Erinnere mich, Muse, statt dessen ans Ferne, das hinter den Zeiten verschwunden ist. Warum nennt ein 52-jähriger Königlicher Baurat, Architekt namens March, Otto, seinen städtebaulichen Versuch, über den sich fast noch besser reden als darin wohnen lässt, gerade nach dieser Preußenprinzessin Amalie, Schwester des bekannten königlichen Friedrich: eine Frau voller Launen, einst schön, dann – wie wir alle – weniger, schwer musikalisch, Spinett, Klavier, Laute, Flöte wie der vermentzelte Bruder, Bach-Autographen im Schrank, Komponistin von Militärmärschen, aber auch von süßen Weisen: “Wenn ich einsam zärtlich weine…”, ohne Mann, ohne vorzeigbaren Mann, vielleicht die frühe Geliebte des Trenck, Garde du Corps, den der königliche Bruder zehn Jahre in Ketten legte, 60 Pfund schwer um Hals und Fesseln, geflüchtet, entkommen, eingefangen, entlassen, um am Ende den Kopf in Paris zu verlieren – nicht an eine Frau, sondern durch die Revolution, unter der Guillotine, ein Geheimdienstmann wohl; die Liebesgeschichte mit der Prinzessin ist wahrscheinlich erfunden, Sensationsjournalismus, Fiktion, die Gefängnisse, die Folter, die Guillotine waren allerdings echt.
Wieso gehört diese Geschichte hierher nach Pankow unter die feinen Leute, in den Amalienpark, der eben 100 Jahre alt geworden ist?
Der Sohn des Vaters, der sich hier architektonisch verewigte, lebt fort durch das Olympia-Stadion (Goldmedaille 1936: damals hatte man die Idee, dem Wettkampf der Muskeln einen Wettkampf des Geistes … will ich wirklich nicht sagen … nebenan zu stellen: Gold für Stadien: Werner March, Deutschland, 3. Reich. Karinhall für den Nazi-Kondottiere G hat er auch gebaut, davon blieben nur wenige Trümmer in der Heide), als Papas Amalienhof fertig war, war er drei Jahre, als alter Mann erhob er von seiner Lehrkanzel in der TU Widerspruch gegen die Kahlschlagsanierung Westberlins durch den Brandt-Senat… ja, ja: so kann man das sehen.

Was erzählt mir da die Muse, während ich unter der Platane sitze inmitten der Häuser, die eins nach dem anderen renoviert und – sobald fertig – besetzt werden (bilde ich mir ein) von Wirtschaftsberatern, Rechtsanwälten, Ärzten und überhaupt solchen, die in die Taschen greifen können.
Die 100-jährige Geschichte ist dann nur noch Illustration für das neue Wohngefühl, Geschichte erhöht Wohnwert. Einen bedeutenden anderen Sinn hat sie nicht. Was auszieht, kann vergessen werden.
Was denke ich da, auf der schwarzen Bank unter dem stolzen Baum, der seine Geschichten für sich behält oder sie vielleicht auch herunter sinken lässt? Ich sehe: Patienten, Klienten, Mandanten, Kunden, vor allem Bauhandwerker … gerade da – bin ich ein Minütchen eingeschlafen und träume? – kommen fünf junge Mädchen, schüchtern-herausfordernd, eine Lolita dabei, auf mich zu, die Videokamera läuft, Joana, ihre Freundin hat Geburtstag, sie wollen akustisch-visuelle Glückwünsche einsammeln.
Joana, du denkst doch nicht, dass ich zufällig hier sitze mit meinem weißen Strohhut und meinem knallroten Hemd mit Ausrufezeichen von Joop? Sondern ausgeschickt von der guten Fee Amalie, dir einen Glückwunsch in den Amalienpark zu bringen, er wird dir nützen wie … wie ein Glückskiesel, durch Jahrhunderte glattgeschliffen in den Tiefen des Ganges. Hin auf den Flügeln des Gesanges! Dort weiß ich rot blühenden Garten…
Ich muss demnächst wiederkommen, den Amalienpark ohne Feenbeeinflussung und ohne Bildungsreminszenzen beschreiben, wenn er seinen Jahrhundertgeburtstag hinter sich hat und wieder jung ist.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Von der Wollank- zur Vinetastraße

Mein heutiger Spaziergang beginnt, wo die S1 hält, am Anhalter Bahnhof. Ich gehe hinter dem Fassadenrest über die knapp begrünte Brachfläche; früher war hier einer der belebtesten Bahnhöfe Europas, Walter Benjamin identifizierte ihn mit der Eisenbahn selbst.
Weg, alles weg! Soll ich Reste suchen, wirkliche, gedankliche? Soll ich am Bahnhof Wollankstraße suchen, wo die Mauer war? Zwischen den nördlichen Brückenpfeilern, Zeichen an der Wand?
Früher dachte ich: Geschichte ist wichtig, Geschichte erklärt. Diesen Irrglauben habe ich aufgegeben. Was vorbei ist, ist vorbei. Das gilt für Mörder und Totschläger vielleicht etwas anders. Für uns andere aber ist Verdrängung die Voraussetzung des Lebens.
Keine Mauer an der Wollankstaße. Wo die Grenze zwischen Wedding und Pankow ist, die es vielleicht nicht mehr gibt, sieht man nicht, so sehr man sich niederbeugte. Zwischen Pankow und Wedding gibt es wohl nur zwei Straßenübergänge. Das sind die Wilhelm-Kuhr-Straße, die weiter oben die Bezirke unter der S-Bahn hindurch verbindet, und eben die Wollankstraße, in der – wie man wohl sagen kann – das Fernsehen erfunden wurde.
Man soll die Kinder herführen, damit sie sehen: Es hat eine Zeit ohne Fernsehen gegeben. Das habe ich an dieser Stelle früher geschrieben. Ich nehme es zurück. Nachdem es das TV gibt, ist es nicht nützlich, sich in Zeiten ohne TV zu versetzen. Ohne TV können wir nicht leben. Brot, Liebe und Fernsehen braucht der Mensch. Ohne Unterhaltung klappt das Leben nicht. Nicht umsonst sind “Unterhalt” und “Unterhaltung” in all ihrer Bedeutungsvielfalt fast dasselbe Wort.

Mit solchen schweifenden Gedanken stehe ich lange an der Ecke Wollank-/Brehmestraße; die beiden schön gelb renovierten Häuser wirken wie Torhäuser nach Pankow, solange man von der Grenze hier noch etwas ahnt und wissen will. Das nordöstliche Eckhaus dagegen hat Erneuerung nötig, die Stukkaturen sind beschädigt, die Balkone fort. Die DDR wurde, je mehr sie endete, immer balkonloser.
Die Brehmestraße ist voller Renovierung. Die Fassade von Nr. 62 (z.B.) steht in ihrem Gelb-Weiß fast klassisch da, kühl und geordnet. Es wird eine schöne Straße. Jetzt ist sie eine typische Straße des Berliner Nordens, eine Straße der Zwischenzeit. Sie ist nicht mehr, was sie war, und noch nicht, was sie sein wird. Was sie durch die 40 Jahre DDR war, wissen schließlich nur die, die sie schon damals – wir sagen schon: damals – bewohnt haben.
“Wir bauen für Sie”, schreibt eine Firma aus Homburg an dem Haus Ecke Rettigweg, “Stuckaltbau im Diplomatenviertel”, das klingt ein bisschen nach Ironie, die Diplomaten sind fern, weiter hinten, in der Esplanade, sind welche, sofern sie noch da sind. Oder schon wieder.
Ich gehe ein Stück des Rettigwegs aufwärts, links in der Pradelstraße liegt das Lutherhaus, ein evangelisches Verkündigungs- und Gemeindehaus; die Modernität seiner Fassade aus expressionistischen Klinkern hat Auswirkungen auf die Nachbarschaft, in der das angrenzende Haus sich erfreulich nahe der Moderne hält und ferne von der Post.
“Wir sind auf dem Hof”, meldet der Kindergarten, aber auf dem Hof, zu dem das Lutherhaus eine verputzte Wand zeigt, längst nicht so eindrucksvoll wie die Straßenfassade, ist niemand.
Die Fassaden gegenüber sind mit grünen und grünlich-blauen Drapierungen verhängt; das hätten wir vor Christos Reichstag nicht geglaubt, dass das Häuserverhüllen ein so allgemeines Gesellschaftsvergnügen werden würde, eine Notwendigkeit ist es doch nicht? Oder habe ich nur nicht aufgepasst und es war immer so und Christo nur ein Imitator?

Am Ende scheint sich der Rettigweg an der mit Glasscherben bewehrten Mauer des Keramikwerkes in der Ruhe des Vorstädtischen niederzulegen; da geht es rechts durch das Grün der Gaillard-Straße, das bald das Grün eines Friedhofs ist. Überall in Berlin gerät man schließlich in Friedhöfe. Es wird viel gestorben in der Stadt. Am Eingang ein dreiarmiger Ständer mit blechernen Gieskannen. An der Info-Tafel die derzeit auf vielen Friedhöfen zu lesende Ankündigung: “Zur Zeit wird die Standsicherheit überprüft”.
Ich leide an Bluthochdruck, mein Herz macht gelegentlich Sprünge, ich bin nicht sehr standsicher. Ich sitze auf der Bank am Mittelweg, einen Augenblick denke ich: Hier möchte ich sitzen bleiben, in dieser städtischen Ruhe, zusehen, wie sich die Gegensätze vereinigen.
Es läutet 12; vier alte Frauen gehen fast gleichzeitig zum Ausgang, als ob sie nun Mittagspause hätten, Mittagspause des Gedenkens. Leisten sie hier Erinnerungsarbeit? Oder Gärtnerei? Wie die Mauer: Sollten wir auch “unsere Lieben” lieber vergessen, wenn sie gegangen sind? Die Pflege der Schädelstätten als Beschäftigung begreifen, allenfalls als soziale Verpflichtung, aber nicht als Gedächtnisarbeit? Die Toten waren niemals hier, die Toten sind nirgendwo, wo Erde ist und Grün.
Nach der fast eleganten Biegung, die die Straße bei Nr. 16 macht, gehe ich auf die Kleingartenkolonie Famos zu. Hier, hinter einem kleinen bezirklichen Rosenbeet, liegt ein kleines türkisches Bistro. Bliebe ich hier noch etwas länger sitzen, erführe ich noch mehr aus dem Leben des Arbeitslosen am Tisch hinter mir, den der freundliche türkische Wirt aufzuheitern versucht.
Am Lebensmittelgeschäft um die Ecke ist angesprayt: “Tod dem Leben! Es lebe der Fernseher”, als ob die Kids gerstern schon gewusst hätten, was ich unten in der Wollankstraße heute gedacht habe. Die Brehmestraße zieht hier zwischen Kolonien entlang; an der weißen Laube ein Rehgeweih, als ob hinten Wälder wären.

Die Maximilianstraße führt mich unter der S-Bahn hindurch, ruhig, doppelt baumbestanden, zwischen kleinen Vorgärten, Schmuckkeramiken an den Fassaden zur Rechten. In der Brixener Straße denke ich, weil ich vorhin über die Vereinigung der Gegensätze räsonierte, an Nikolaus von Kues, der aus der “Vereinigung der Gegensätze” eine philosophische Kategorie machte: “Coincidentia oppositorum”: In der hier ihrem Namen ausleihenden Tiroler Stadt war der Kardinal Bischof, vor einem halben Jahrtausend. Wir können ihn vergessen, “Von der gelehrten Unwissenheit” hieß sein Hauptwerk.
Damit komme ich, vorbei an einer Schule, über deren Äußeres Frau Stahmer sich schämen muss, auf den Andreas-Hofer-Platz. Für Berliner Verhältnisse ist das ein Berg, ein hoch gelegener Spiel- und Ruheplatz, hinten die Skyline der Bornholmer Straße. Ich sitze da und spiele mit Gedanken über den Sandwirt: “Zu Manitu in Banden der treue Hofer…”, treu? Wem? Aber auch vernünftig? Wenn die Franzosen ihn nicht erschossen hätten, lebte er gewiss nicht mehr. Und hier, in Pankow, schon gar nicht.
Dann steige ich ab zur Esplanade. Sie sieht aus, wie sie heißt. Man sieht nicht, dass sie im Süden PrenzlBerg, sonst Pankow ist. Zur Berliner Straße hin stehen hier die Häuschen, die jetzt offenbar Stück für Stück das Diplomatische mit dem Medizinischen vertauschen; aus Botschaften werden Ärztehäuser. Ein paar Kleinbotschaften sind aber noch da, Tunesien, der Libanon, Indonesien, allerdings auch Brasilien: Außenstellen, heißt das zur Zeit, bis Berlin endgültig aufgehört hat, außen zu liegen.
Gleich links geht es hinab: U-Bahnhof Vinetastraße. “Ruhleben” heißt die Richtung. Das ist auch so ein Name.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Merkpfähle II – Majakowskiring

Ich kam von Schönholz herüber. Als der Weg über den Friedhof führte, brach er mehrmals durch die dünne Zeitendecke und blieb in der Vergangenheit stecken. Dorther sind die Merkpfähle. In den Majakowskiring trete ich ein mit einem dicken Merkpfahl auf der linken Schulter. Wenn er nicht anfinge mich zu drücken, wäre diese Ringstraße ein einfacher, ruhiger Ort.
1947 ist in New York eine Anthologie deutscher Texte erschienen im Aurora Verlag, den 1944 Heinrich Mann mitgegründet hatte, auf dessen Pankower Platz ich eben gesessen hatte. Becher hat auch mitgemacht und Zweig und andere Pankower. Die Sammlung hieß Morgenröte. Der zweite Text ist ganz kurz und lautet: “Wenn man auf einer entfernten Insel einmal ein Volk anträfe, bei dem alle Häuser mit scharf gelandenem Gewehr behängt wären und man beständig nachts Wache hielte was würde ein Reisender anderes denken können, als dass die Insel von Räubern bewohnt wäre?”
Man kommt von der Grabbeallee hinein in den Majakowskiring und an der Ossietzkystraße ohne Probleme wieder hinaus. Da liegt auch das Schloss, zu dem der Weg ebenfalls offen ist, wenn es auch wegen der in die Straße ragenden Torhäuser so aussieht, als ob er jederzeit wieder geschlossen werden könnte.
Diesen Eindruck habe ich vom Majakowskiring nicht. Man sieht ihm nicht mehr an, dass er abgesperrt wurde, als er noch nach dem letzten deutschen Kronprinzen und seiner Oma hieß und erst wieder geöffnet, als die “Herren aus Pankoff” zu “Männern von Wandlitz” mutiert waren.

Dass hier das “Städtchen” war, in dem sich die obersten DDR-Herrscher gettoisierten, sehe in der gemütlichen Gegend nicht an. Die Straße wirkt zurückgezogen; ich treffe einen einzigen Mann. Er sieht sympathisch aus, im kurzärmeligen Hemd, braungebrannt, weißhaarig, ein kleines ledergebundenes Buch in der Hand. Als er mich anspricht, denke ich: es ist jemand, der für eine Menschenrechtsorganisation Unterschriften des Protestes einsammelt. Ein Zeuge Jehovas. Die Zeugen Jehovas sind auch vom Staat von Bonn verfolgt worden, weil sie unbedingte Pazifisten sind. Um dessenwillen bin ich auf ihrer Seite.
Gerade hat das Bundesverwaltungsgericht ein rechtswidriges Urteil über sie gesprochen. Die Zeugen brennen jedem Staat auf der Haut. Ich bin mit meinen Meinungen über sie fertig. Ein Traktat will ich nicht. Einen kleinen bunten Zettel nehme ich, weil er den berühmten Augenblick abbildet, in dem ein Schwert zu einer Pflugschar wird. “Und Speere zu Sicheln” oder so ähnlich; der Zeuge hat eine andere Übersetzung als Luther.
Das Haus vor dem wir uns unterhalten nennt sich LiteraturWERKstatt, es ist gut geweißt, sieht gar nicht nach Werkstatt aus, hinten ein Gartenhaus, ein Lieferwagen aus PM hat gerade was gebracht, zwei staatstragende Fahnenmasten ragen leer, aber ankündigend in den Sommerhimmel.
Nr. 46/48: Otto Grotewohl hat hier gewohnt. Als wir den vorletzten Vorsitzenden der SPD fragten, was die SPD über die Tatsache denkt, dass eine der Hauptstraßen Berlins nun nicht mehr nach ihrem ehemaligen (Teil-)Vorsitzenden, sondern wieder nach einem ehemaligen preußischen König heißt, sagte er: Grotewohl hat die Ideale der SPD verraten.
Ach, junger Mann: Und Ebert, dessen Straße hinter Hermann Göring wieder aufgetaucht ist? Er hat für WK I gestimmt, für einen Krieg der europäischen Arbeiter gegeneinander. Gab es da kein Ideal, das entgegenstand? Die SPD hat ihre Ideale oft verraten. Das kann nicht das Kriterium sein. Sondern Absicht und Ehrlichkeit, spätere Feigheit wird verziehen. Die Wilhelmstraße hätte die Otto-Grotewohl-Straße bleiben sollen. Man darf die Geschichte nicht wie ein Stehauf-Männchen behandeln. Manche dürfen es eben doch.

Damit kommen wir zu Walter Ulbricht. Er wohnte Nr. 28-30. Aus der Betrachtung des Hauses, das jetzt da steht, kann man keine Rückschlüsse auf den Mann ziehen. Das ist ein Neubau. Ulbricht blieb ein Buhmann der deutschen Geschichte. Auch die starken persönlichen Ähnlichkeiten zwischen ihm und Konrad Adenauer verdecken die großen grundsätzlichen Unterschiede nicht. Wenn ich Plutarch wäre, würde ich aus diesen beiden Männern mit dem spröden Verhältnis zur deutschen Sprache ein einziges deutsches Leben machen. Der Vergleich hebt die Unterschiede hervor.
Gerade weil Adenauer und Ulbicht sich so ähnlich waren, ist mir nie unklar gewesen, dass auf Adenauers Seite besser leben war. Für ein vereinigtes Deutschland waren sie beide nicht. Die Welt braucht kein Deutschland. Nachbar Becher mit seinem “einig deutsches Vaterland” lag da ganz falsch. Diskret betrachte ich Nr. 34. Ein Rechtsanwalt hat hier sein Büro. Eine große dunkle Tafel erinnert an den Dichter der anderen deutschen Nationalhymne. Ich bin nicht dafür, dass Vaterländer besungen werden, selbst Mutterländer nicht. Ich bin nicht fürs Vaterland. Ein Begriff aus der Mottenkiste der falschen Gefühle.
Einen kulturelleren Kulturminister hatte Deutschland kaum je als Johannes R. Becher (für einen Vergleich mit Sachsen-Weimar-Eisenach war die DDR nun wirklich zu groß). Er hat Brecht den schnellen Weg nach Deutschland geebnet, er hat Heinrich Mann gerufen, den der Tod vor Zweideutigkeiten bewahrte. Er hat Hans Fallada ein neues Haus gegeben. Jetzt steht Nr. 19 leer, in der Straße, der man 1994 den Namen gegeben hat, mit dem Fallada im Personenstandsregister stand: Rudolf Ditzen. Er war schon ziemlich fertig, als er hier einzog. Hier hat er seinen letzten Roman geschrieben. Es war der erste Roman über den deutschen Widerstand gegen die Nazis. Über den Widerstand von unten, nicht über den Widerstand von oben, der später kam und auf den die Bundesrepublik ihr feierliches Gedenken dann meist beschränkt hat. Jeder stirbt für sich allein.

Ich komme an dem Haus vorüber, in dem Wilhelm Pieck, bis zu seinem Tode Präsident der DDR, der erste und der letzte, gewohnt hat. Man hätte auch ihm seine Straße in Berlin lassen sollen, damit mancher sich gefragt hätte, wer war der Mann und was hat er getan vom SPD-Sekretär in Bremen bis hierher in den versperrten Ring, das abgelegene preußische Schloss und den arrangierten Friedhof in Friedrichsfelde, auf dem er zweimal Rosa Luxemburg begraben hat.
Der Staat von Pankoff ist lange hin. Schon seit 1956, als er zum Staat von Wandlitz wurde. Der Majakowskiring ist längst zurückgekommen in die Realität. Er ist kein Denkmal. Er hat alles vergessen. “Die Geschichte wird der revolutionären Ungeduld der SED Respekt zollen.”
Hat sie’s getan? Hätte sie’s tun sollen? Auf Intellektuelle ist kein Verlass, auch wenn sie große Klassiker sind.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Merkpfähle I – Von Schönholz zu Francke

Die S1 ist mir gut vertraut. Als ich in Schlachtensee wohnte, fuhr ich oft mit dieser Bahn; Tucholsky hat sie apostrophiert, als noch die Bankdirektoren mit ihr reisten von den Sommervillen an der Rehwiese zu den Banken und Börsen der Innenstadt.
Hier, im Norden, zwischen Wedding, Reinickendorf und Pankow benutze ich sie seltener. Eine Freundin von mir, tatsächlich eine Baronin, erinnert sich an den Weg, der auf der Westseite der Bahn entlang führte; mit dem Fahrrad fuhr sie ins Märkische Viertel, manchmal konnte man die S-Bahn über die Mauer fahren sehen, manchmal versteckte sie sich hinter ihr. “Heute weiß ich kaum noch, wo die Mauer war”, sagt die Baronin, “muss mal gucken, ob ich noch Fotos habe.”
Ich gehe den ehemaligen östlichen Mauerweg entlang, der ausdrücklich als Geh- und Fahrradweg ausgewiesen ist. So hätte man diesen Bauwerk aus der Teilungszeit überall erhalten sollen. Die Mauerbrache ich in eine gepflegte Wiese verwandelt. Man erkennt kaum noch trennendes Gelände. Dort öffnet sich auch der Friedhof. Städtischer Friedhof Pankow. Das Wirtschaftsgebäude neben der Kapelle erinnret an eine ländliche Ausflugsgaststätte.

Ich studiere die Anschläge in der Schautafel. Der Inspektor dieses Friedhofs scheint ein besonders strenger Mann zu sein. Nur Verbote und Drohungen: Das auf den Wegen zwischen den Grabanlagen wachsende Gras entfernen, Begräbnisstätten in einem würdigen Zustand erhalten, “es entspricht nicht der Würde der Ruhestätte unserer Verstorbenen, wenn Sie…” a bis f: “Verstöße gegen die Anstandspflichten dieser heiligen Stätte gegenüber müssen gebührend geahndet werden. Für den Schadensersatz müssen Friedhofsschänder im Interesse der Allgemeinheit haften… Befindet sich an Ihrem Grabstein ein grüner Aufkleber, sind Sie verpflichtet, den Stein umgehend durch ein zugelassenes Fachunternehmen befestigen zu lassen”. Mit wem spricht der Verwalter da?
Über seine Texte ließe sich ein juristisches Seminar abhalten; ich erwäge das ernsthaft. Und ich überlege auch, warum die Friedhöfe nicht privatisiert werden; in Holland gibt es private Friedhöfe, es klappt alles bestens, keine Heiligkeit wird verletzt, was geht den Staat überhaupt das Heilige an? “Wenn der Staat heilig ist”, sagte mein Großvater, “dann will er meistens das Leben.”
Der Pankower Friedhofsinspektor hat mir aber auch ein schönes Wort vermittelt: “Merkpfähle für die einzelnen Grabstätten können erworben werden.” Merkpfähle kann man immer gebrauchen: Zeichen, die man aufrichtet an Orten, Dingen, Gedanken, Gefühlen, von denen man befürchtet, dass man sie vergessen wird.

Den ersten Merkpfahl wollte ich am Grab von Hans Litten aufstellen; er ist im KZ Dachau umgekommen, ein junger Rechtsanwalt; in einer Zeit, als so viele seiner Kollegen die Ehre seines Berufsstandes gekränkt haben, hat er ein Zeichen aufgerichtet, an das man sich halten kann, wenn man sich fragt, ob man in Deutschland mit gutem Gewissen Jurist sein kann.
Ich finde das Grab nicht. Auch das Grab von Ernst Busch finde ich nicht. Ich muss seine Grabstätte nicht sehen, auch sein Haus in der Leonhard-Frank-Straße nicht, der Mann steht mir vor Augen, seine Stimme klingt mir in den Ohren. Als ich begeisterungsfähig war, begeisterte er mich.
Hinten, wo Grabsteine stehen wie die Soldaten, angetreten zum letzten Gefecht, sehe ich manchen Grabstein, bei dem ich mir was denken könnte. Dr. h c. Paul Wandel, 1905 bis 1995, “strenge Parteirüge” 1957, ich lese in dem strengen Buch von Schirdewan “Aufstand gegen Ulbricht”, 1994: Wollweber, Selbmann, Oelßner, Schirdewan, Wandel, Ziller. Ziller nahm sich 1957 das Leben, “mit Vati ist was passiert”, Wandel, den ich hier ruhen sehe, wurde noch stellvertretender Außenminister, schließlich – bis auf den Grabstein hinab – ehrenhalber promoviert von der Humboldt-Universität.
Ich bin auf dem Weg zum Majakowskiring, in dem 1957 die Freunde von eben die Straßenseite wechselten und die Grüße nicht erwiderten. Lang, lang ist es her.

Das Grab von Inge Müller finde ich dicht am Ausgang zur Leonhard-Frank-Straße. Die Stele am Grab von Heiner Müller selbst, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, sieht ganz ähnlich aus. Der Name in stilisierter Schreibmaschinenschrift, Inge Müller war ja auch Schriftstellerin, Heinrich-Mann-Preis zusammen mit Heiner Müller. Später fand er es einen großen Fehler, dass er sie als Mitautorin beim Lohndrücker genannt hatte, “so kam ein Riss in unsere Beziehungen”.
In der Clara-Zetkin-Straße hatte diese Beziehung begonnen. Inge hatte eine grüngestreifte Bluse an, der oberste Knopf stand offen. “Sie war sehr preußisch erzogen. Manchmal erzählte sie und ohne Hass, dass ihre Mutter sie geschlagen hatte, “mit allem was greifbar war”. 1966 hat sie sich selbst umgebracht, Heiner Müller stand kurz unter Mordverdacht. Bei ihrer Beerdigung, hier, wo ich jetzt stehe und dem Kopftheater zuhöre, hat Heiner Müller sich endgültig Peter Hacks zum Feind gemacht. Alle mussten ihm kondolieren, Hacks stolperte und fiel vor Müller auf die Knie. Niemand durfte lachen.
Während ich auf den Heinrich-Mann-Platz zugehe, auf diesem weiten Villenplatz unter kleinen Eichen auf der Bank sitze, an den großen Lübecker Landsmann denke und den Wolken zuschaue, habe ich das Gefühl, mittendrin zu sein in der deutschen Literaturgeschichte. Ich weiß, dass ich weiter oben in der Homeyerstraße an dem Haus vorüberkommen werde, in dem Arnold Zweig gewohnt und fruchtbar weiter Literatur diktiert hat.
Am Abend werde in in seinem klaren Buch “Bilanz der deutschen Judenheit” lesen. In Heiner Müllers Gesprächs-Memoiren “Krieg ohne Schlacht” werde ich lesen, dass auch Arnold Zweig, ebenso wie die anderen Literatur-Berühmtheiten, für Müllers Ausschluss aus dem Schriftstellerverband stimmte, weil er gesagt hatte, was der Partei nicht gefiel … die Partei … die Partei … Dass jemals eine Partei so wichtig war, dass es jemals auf die Mitgliedschaft in einem Verein so sehr ankam…

Ich denke an dem stillen Ort, der eigentlich ein Denkmal inmitten gebrauchen könnte statt eines Gullis, nicht vorwurfsvoll: weiß ich, wie ich mich verhalten hätte? “Mir war mein Schreiben wichtiger als meine Moral”, sagte Müller. In die Schulbücher würde ich diesen Satz nicht setzen, er enthält mehr als die Wahrheit. “Es gibt ein Menschenrecht auf Feigheit”, gibt es; ich nehme es auch oft in Anspruch. Feigheit ist mir weniger unheimlich als Mut.
Wir wissen nicht mehr, wo die Mauer verlief. Ich Alter sehe hinüber zu dem Altenheim, das an der Ecke Heinrich-Mann-/Cottastraße Paul Mebes und Paul Emmerich gebaut haben. Architektonische Vorläufer der Moderne, vielmehr: selbst modern, sie halten auch jetzt noch stand.
Ihre vorbildhafte Siedlung in der Paul-Francke-Straße wird gerade restauriert. Eine lebhafte Baustelle. Es ist Mittag. Die Arbeiter sitzen auf den Ladeflächen ihrer Lkws und bauen kleine Wälder aus Flaschen. “Der Dreck ist unsagbar”, sagt ein Alter zum anderen. “Ich kriege die Fenster gar nicht mehr auf”, sagt der andere. Das wird sich ändern. Es wird wieder Luft hereinkommen.
Ich biege in den Majakowskiring ein. In dieser Ringstraße durch die deutsche Geschichte stelle ich einen Merkpfahl auf für meinen nächsten Bericht.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Ossietzkys letzte Wege

Es ist der 5. Mai, ein sonniger Montag. Ossietzky steht in der Ossietzkystraße. Auf einer Wiese. Gegenüber der Wirt vom Hey Chauk Lai fegt den rosa Traum der japanischen Kirsche vom Bürgersteig.
Hinter Ossietzky blüht es rot, neben ihm eine Kastanie, zu seinen Füßen liegt ein Strauß roter Nelken. Gestern war sein 59. Todestag. Ossietzky ist aus Erz. Klein, lebensgroß, in die Erde gezogen vom Gewicht seines Mantels; er scheint zu frieren. Es bläst von vorn, so dass er sich gegen den Wind neigen muss, manche Falten des Mantels sprechen dagegen dafür, dass es von hinten weht, von rückwärts, als ob er vorwärts getrieben würde; er blickt zur Erde, es fiel ihm schwer, heißt es, jemanden in die Augen zu blicken. Steht er im Wasser, in Wellen, im grünen Fluss? Auf bewegtem Gelände. Eine ältere Frau lehnt oben im Balkon und sieht aufmerksam herunter, während ich versuche, Ossietzky sprechen zu lassen. “Von mir ist weiter nichts zu sagen”.
Zuvor hieß diese Straße Schlossstraße. Und nun führt sie tatsächlich an dem Schloss vorbei, welches die Straße mit seinen Wachhäusern auf der einen und auf der anderen Seite abbricht und teilt. “Wir bitten zur Vermeidung von Unfällen nur die freigegebenen Wege zu benutzen”; in der nach dem frei denkenden Journalisten benannten Straße ist das ein Spruch mit Unter- und Hintersinn.

Der private Wachmann lehnt neben der Schlossbarriere, als träumte er vergangenen staatlichen Wachzeiten nach. Ich gehe ein Stück um das Schloss herum, blicke in Lennés Landschaft. Sie liegt in der Sonne wie ein buntes Tuch über deutscher Geschichte, ich will es nicht aufheben. Der Ausgang – oder wenn man von der anderen Seite käme, der Eingang – ist viel weniger gepflegt, eher ein Lagertor. “Geld- und Werttransport GmbH. Zugang für Unbefugte verboten”, aber niemand mehr da, die Garagen stehen leer, es kommen keine Staatsgäste und keine Geldtransporte.
An diesem anderen Ende heißt die Ossietzkystraße schon Dietzgenstraße. Ich denke an meinen Vater. Er hat über die “48er” ein Buch geschrieben. Zu ihnen gehörte auch Dietzgen, der in USA, Chicago, gestorben ist. Sein Hauptwerk heißt “Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit”. Das passt. Passt auch zu Ossietzky, dessen Platz nun kommt. Inmitten der Friedenskirche. Mit ihrem Pfarrhaus hinter ihrem Gitterzaun hat sie etwas Privates, Inselhaftes.
Ich überlege mir, während ich durch die Wackenbergstraße gehe, was Ossietzky wohl zum Wackenberg gesagt hätte. 1935, als auf dem Wackenberg Kundgebungen stattfanden für die “Rückkehr des Saarlandes ins Reich”, war Ossietzky, festgenommen seit dem 28. Februar 1933, im Konzentrationslager Esterwegen im Emsland; gequält, gefoltert, er kommentierte nichts mehr. 1935, das Saarlandsjahr, an das diese Straße mit ihrem Nazi-Namen erinnert, ist das Jahr, in dem Tucholsky starb.

Was hätte er gesagt, stelle ich mir vor, während ich am schönen Herthaplatz, Buchholzer Straße, in den Friedhof einbiege, in dessen südlich-östliche Mauer Ossietzkys Asche eingemauert wurde am 14. Mai 1938. Tucholsky redend an dieser Stelle, nein, das kann man sich nicht vorstellen. Das Bild, das von Tucholsky bleibt, ist das Bild eines schweigenden Herrn: Sprechen, Schreiben, Schweigen: eine Treppe.
Es ist 59 Jahre her, dass Ossietzky hier, an diesem kleinen Mäuerchen, diese Treppe erstiegen hatte. Keine Reden am Grabe, die Gestapo in Beobachtungsstellung, Grabplatte verboten, die kam mit ihrer goldenen Schrift erst später, sie nennt die Daten und: “Frieden für immer”, die Vergissmeinnicht frisch gegossen, eine grünliche Plastikvase, die säuberlich beschrieben ist: “Grab Carl von Ossietzky”, eine Tulpe und ein paar vertrocknete Ichweißnichtwas.
Nebenan ruhen Scharnitzkys, von ihnen kommen dunkelgrüne Gewächse herüber, hinter der niedrigen Mauer ein verwilderter Garten. Ich lese leise die zwei Sätze Tucholskys vor, die ich für diese Gelegenheit mitgebracht habe, die junge Frau, die ein Mauerstück weiter eine alte Grabstätte pflegt, hört es nicht, ich spreche leise, sonst geniere ich mich: “Es ist mir unmöglich, einem so unpathetischen und stillen Kameraden wie meinem Freunde Ossietzky markige Abschiedsworte zuzurufen, wir sind keine Vereinsvorsitzenden … Leer is die Wohnung. Trauer, die macht dumm / Denn kram se so in seine Sachen rum … Denn lebst du wieda wie nach Noten! / Keener wandert schneller wie die Toten.”

Ich wandere die lange Waldowstraße aufwärts, links ab in die Schillerstraße, am Straßenbahndepot vorbei, ein Baudenkmal; Nordend, wo die GSW eine Stadt baut, für die sie verspricht: gut und sicher wohnen. Sicher wohnen – keine Angst haben, dass man rausgeschmissen wird.
Ossietzky kannte diese Angst sein bürgerliches Leben lang, meist lebte er in möblierten Zimmern. Auch das Zimmer bei Dr. Dosquet können wir ein möbliertes Zimmer nennen. In der Mittelstraße 6-8. Da stehe ich jetzt, inmitten des Straßendreiecks Kastanienallee, Blankenfelder Straße, Schönhauser Straße. Eine Privatklinik betrieb Wilhelm Dosquet hier, Freiluftbehandlung war seine Spezialität.
Am 23. November 1936 wird Ossietzky, der krank an offener Tuberkulose im Polizeikrankenhaus liegt, das galt schon als Gnade, der Friedensnobelpreis für 1935 verliehen. Göring verspricht ihm eine Lebensrente, wenn er ablehnt. Ossietzky bleibt unbestechlich, auch um das eigene Leben ließ er sich nicht erweichen, die Nazis waren wütend. Ossietzky durfte nicht ausreisen, um den Preis entgegen zu nehmen; der norwegische König kam nicht zu der Preisverleihung, der Rechtsanwalt, den Ossietzky schickte für das Nobelgeld, unterschlug, kaufte sich davon die Eden-Lichtspiele in Charlottenburg.

Seit dem 14. Dezember 1936 gibt Dr. Disquet Ossietzky ein Dach überm Kopf und Pflege: “Ich glaubte zunächst, einen guten Arzt gefunden zu haben … und statt dessen habe ich einen sorgenden Freund gefunden, dessen gütige Menschlichkeit sich zwischen mich und die Krise stellt”. Manchmal ging Ossietzky hinüber in die Birkenallee, wo Disquets in Nr. 6 wohnten.
Ich gehe diesen Weg jetzt auch, Ossietzky letzten Weg, an dem niedrigen Haus vorbei, das zur Kastanienallee das Halbrund abschließt, mit dem die Birkenallee beginnt. Die letzten Bilder zeigen Ossietzky, wie er hier, Birkenallee 6, am Kaffeetisch sitzt mit Wilhelm Disquets Schwiegertochter, die den Kuchen auflegt und raucht. Ossietzky wird von starker Lampe beleuchtet.
Wilhelm Disquet, der Arzt, Jude, starb vor Ossietzky, im Februar 1938, rechtzeitig sagt man, wenn man die deutsche Geschichte kennt. 1943 fielen Bomben auf das Haus. Es steht erneuert da. Die Bäume im Park sind die alten.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Von der Grunow- zur Wollankstraße II

Eigentlich weiß ich über Wilhelm Kuhr fast nichts; aber ich mache mir Gedanken über ihn, während ich durch seine Straße auf den Triumphbogen zugehe, hinter dem der Bürgerpark beginnt.
Wilhelm Kuhr war Jurist, er machte eine bescheidene Bürgermeisterkarriere von Burg bei Magdeburg nach Pankow; er kaufte für die Stadt das Gelände des Bürgerparks, sonst wären Mietskasernen hingekommen, liest man; Bevölkerung von Pankow 1870 etwa 3.000 Menschen, 1905 fast 30.000, 1919 rund 58.000: wahrscheinlich wären es wirklich Wohnkasernen geworden, aber wo wohnten die Leute nun?
Wiesen statt Wohnungen; ich bin mir nicht sicher, ob Wilhelm Kuhr eine richtige Entscheidung getroffen hat. 1914 zog er in den Krieg. Entweder ist er in Ungnade gefallen, oder er hat ganz falsch gedacht. Mit fast 50 ist man zu alt fürs Leutnantsein. Bei einer polnischen Stadt ist er für seinen Kaiser gefallen; der Kaiser ist nicht gefallen. Nachdem er Hunderttausende umgebracht hatte, hat er sich privatisiert, um als Gutsbesitzer zu Ende zu leben.
Der Bürgerpark war von Anfang an etwas Anachronistisches. Welche Gedanken lagen dem Triumphbogen zu Grunde, mit dem der Park anfängt, als sei’s Italien?

Der Triumphbogen sagt: Der Bürger (oder doch der Bürgermeister) will Kaiser sein. Oder wenigstens Graf. Einige Schriften behaupten, Hermann Killisch von Horn sei Graf gewesen. Die Grabstelle der Killischs ist noch da, auf dem Schmuckfriedhof, mit dem der Park beginnt. Andere sagen, der alte Killisch von Horn war ein Parvenü, er hat sich den Adel gekauft, ein windiger Geschäftsmann, ein Schieber.
Er war in Bromberg geboren, 1821, er war also 34 Jahre alt, als er die vierte Tageszeitung Berlins gründete. Sie hieß “Berliner Börsen-Zeitung”, sehr auflagenstark war sie nie, aber zeitweise sehr einflussreich; die Gründung, heißt es, geht auf Bismarck zurück; bevor er Staatsmann wurde, war Bismarck preußischer Gesandter beim Deutschen Bund, in Frankfurt am Main, dort lernte er die Frankfurter Börse kennen; aus dem Börsenwesen würde auch in Berlin sehr viel mehr werden, als es war, 1806 (im Jahr der preußischen Niederlage bei Jena) notierte der Berliner Kurszettel 21 öffentliche Fonds, 1840 zusätzlich das ganz Neue: Eisenbahnaktien, in den 60-er Jahren Bankanteile und Hypotheken, 1870 360 Effekten, 1895 fast 1.300, und so ging es weiter.
Bismarck hatte gesehen, worauf die Sache hinauslief, und er hatte auch gesehen, dass sie Börsianer ein publizistisches Organ brauchten; Hermann Killisch schuf es, am 1. Juli 1855 erschien die “Berliner Börsen-Zeitung” zum ersten Mal; bis in den Zweiten Weltkrieg bestand sie, fast bis zuletzt im Besitz der Killischs, Ende ’39 starb Arnold Killisch von Horn, der die Zeitung bis wenige Monate vor seinem Tod geleitet hatte, da war sie an die Nazis gefallen, nicht von selbst.
Die Killischs waren also publizistische Diener der Hochfinanz, auch viele hohe Offiziere bezogen von ihnen ihre politische Meinung oder ließen sich die bestätigen, die sie ohnehin hatten; der General von Stülpnagel war der letzte Geschäftspartner der Killischs; in den beginnenden 20-er Jahren war Walther Funk ihr Wirtschaftsredakteur, den Adolf Hitler zu seinem Wirtschaftsminister und zum Reichsbankpräsidenten machte; er wusste, in wessen Interesse.
Der letzte Zeitungs-Killisch hatte noch die Idee, aus der “Börsen-Zeitung” für den Propaganda-Minister Dr. Goebbels eine neuartige Wochenzeitung zu machen, aber der Nazi-Presse-Zar Amann ging zu Hitler, und Hitler entschied sich gegen Goebbels, bis der dann “Das Reich” bekam. “Das Reich” sah so ähnlich aus wie Killisch sich die verwandelte Börsen-Zeitung vorgestellt hatte und wie heute “Die Zeit” aussieht. Aber nein, das darf man nicht sagen, das ist zu missverständlich.

Während man an einem kalten Februartag durch den Bürgerpark geht, ganz allein, nur die Bergziegen sind da, die nicht wissen wieso, muss man aufpassen, dass einem im Kopf nicht alles durcheinander geht. ich gehe auf Johannes R. Becher zu, der von Cremer geformt mit blau besprayter Genitalzone missmutig über den Bürgerrasen geht, als ob er gerade dächte: Auferstanden aus Ruinen, aber mit Fragezeichen.
Der andere Großbürgersohn, der in diesem Bürgerpark ein bisschen weiter hinten gefeiert wird, gehört hierher auch nur so, wie er überall hingehört, weil er einer der größten deutschen Schriftsteller einer Zeit war, die vergangen ist. Untertanen gibt es immer noch, aber die sind nicht mit Heinrich Mann zu heilen. Die belletristischen Intellektuellen passen nicht in die Nähe der Schulze- und der Wollankstraße, die nach den Grundbesitzern genannt sind, die hier kräftig Mäuse machten. Sie halten Stand, jedem deutschen System sind sie recht. Sie sind die wahren deutschen Bürger.

Ich verlasse den Park schnell. Gegenüber in der Wilhelm-Kuhr-Straße 3 hat Reinhold Burger die Thermoskanne erfunden und die ersten Röntgenröhren gebaut, durch die Wollankstraße fuhr die erste Straßenbahn Berlins, Deutschlands, der Welt? Max Skladanowski, ein ehemaliger Schausteller, hat hier fast den Film erfunden und in Nr. 134, auf dem Hof, konnte man 1936 zur Nazi-Olympiade zum ersten Mal Fernsehen sehen. Da muss man die Kinder hinführen, um ihnen zu sagen: Fernsehen hat es tatsächlich nicht immer gegeben.
Südlich und östlich vom Bürgerpark ist Pankow hochaktuell, das Gestern zum Heute, wie: das Buch zum Film; in Pankow kann man erleben, dass die Gegenwart Vergangenheit hat; aber vielleicht brauchen wir die Vergangenheit nicht mehr; es geht auch ohne, manchmal geht’s besser; vielleicht ist Verdrängung doch nützlicher als Dr. Freud dachte; wir lassen’s drauf ankommen.

Der Asphaltweg, der hinter den Hof-Häusern der Schulzestraße entlang führt, erinnert an etwas, was wir gar nicht mehr wissen wollen. Auch die Mauer war ein deutsches Ding, wie die Thermoskanne, die Nipkow-Scheibe fürs TV, die Börsen-Zeitung für die Geschäfte und die Vorurteile, wie die Mietskasernen für den Grundprofit, Johannes R. Becher fürs Nationale, Heinrich Mann fürs Internationale und Wilhelm Kuhr, wer weiß wofür. Von Toten kann man in Wirklichkeit nur eins sagen: Sie sind tot. Alles andere, was man über sie sagt, sagt man über die Lebenden.
Durch das Friesenblau der Türen steige ich auf den Bahnsteig Wollankstraße hinauf, stehe nun erhoben, auf der einen Seite Wedding, auf der anderen Pankow, kein Unterschied des Charakters. Die von der Mauer freigelegten Hinterhöfe sehen aus wie ausgebreitete Arme. Die S-Bahn, mit der ich nun von Pankow fortfahre, ist auf wörtliche Weise Stadt-Bahn: Schneller kann man nicht ersehen, was Berlin ist, als aus diesem Zug, bis er – schon in Mitte – gleich hinter dem Grab Theodor Fontanes in der unteren Welt verschwindet.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Von der Grunow- zur Wollankstraße I

Die Herren aus Pankow, sagte Adenauer, wenn er die Feinde benennen wollte, die niemals recht hatten. Mit dieser Formel bin ich aufgewachsen; halb nahmen wir sie ernst, halb ironisierten wir sie, als wir sie in der Schule immer wieder verwendeten, um die zu benennen, von denen wir uns nicht sagen lassen wollten: die Lehrer des Katharineums in Lübeck zum Beispiel, unter denen sich manche Nazis gehalten hatten.
So ging von Anfang an vieles durcheinander. Wen hat der Kölner Kanzler eigentlich gemeint? Johannes R. Becher doch nicht; Weinert, Fallada, Arnold Zweig, Ossietzky schon gar nicht, obwohl sie ihm alle wahrscheinlich wenig sympathisch waren. Die Frage ist historisch, sie kann unbeantwortet bleiben.
Wir können Adenauer unter seinen Rosen und Wilhelm Pieck unter seinen Genossen ruhen lassen. Männer von gestern, von vorgestern. Wilhelm Pieck hat hier gewohnt, im Schloss amtiert, bis er mitsamt seinem Präsidentenamt aus der DDR verschwunden ist.

Die meisten Pankower Offizialgebäude, die ich heute sehen werde, sehen so aus, als ob es die DDR nie gegeben hätte. Zuerst sehe ich das Gesundheitshaus in der Grunowstraße, die unverändert nach dem Landbesitzer aus dem 19. Jahrhundert benannt ist, dem die Felder gehörten, bevor sie Straßen wurden. Meine Eltern hatten aus einem Jenaer Kunstgewerbegeschäft einen Aschenbecher, der in demselben Stil dekoriert war wie das Gesundheitshaus. Eilert Franzen hieß der Architekt. Er kommt mehrmals vor in Pankow.
Oder William Wolffs Musikschule in der Schulstraße Nr. 2. Es wird immer noch Musik gelehrt in dem Haus. “Musik Kabinett” steht jetzt dran, das klingt mehr nach Vollendung als nach Pädagogik, aber es wird immer noch um dasselbe gehen. Auf dem kleinen, die Szene ins Idyllische verwandelnden Parkplatz davor schildert eine Pankowerin einer anderen, wie sie den soundsovielten Geburtstag ihres Mannes gefeiert haben auf einen Schiff der Weißen Flotte: “Und dann hat mein Mann eine sehr schöne Rede gehalten. Mir sind direkt die Tränen gekommen”. Es beginnt zu regnen.
Im “Ei” gibt es Milchkaffee aus großen blauen Töpfen. Auf dem bunten Zirkusbild an der Hauswand gegenüber sehen die Akrobaten wie Turner aus, eher ernsthaft als lustig, auch wenn sie die Lippen verziehen.
Aus Pankow stammt einer der tollsten Jongleute aller Zeiten, fast so gut wie Rastelli, er hieß Adolf Salerno, ihn hat Adenauer gewiss auch nicht gemeint. Ich blicke über die Straße, die den Johannes R. Becher abgestreift hat und wieder heißt wie sie ist: breit.

Der Bundestagsabgeordnete Gerd Poppe, der neben “Bertis Schreibparadies” sein Büro hat, macht uns darauf aufmerksam, dass das Haus ursprünglich einer Familie Fischer gehörte; Fischers waren die ersten Juden, die aus Pankow in eine staatliche Todesfabrik transportiert worden sind. Wer waren die Nachbarn? Die Treuhand, schreibt der Bundestagsabgeordnete, ließ durch Missmanagement die Zigarettenfabrik Garbaty sterben, Anfang der 1880-er Jahre gegründet von Josef Garbaty-Rosenthal, zu Beginn des [vorigen] Jahrhunderts in der Berliner Straße angesiedelt, Erweiterungsbau 1930 von Höger, dessen Lebensdaten denen meines Großvaters gleichen, damit ich weiß, wie alt die Moderne ist.
Dicht dabei (Berliner Straße 120/121) das ehemalige Waisenhaus der jüdischen Gemeinde, nach Vertreibung der Waisen zog das Reichssicherheitshauptamt ein; die Täter in das Haus der Opfer, so ist es immer.
Die Tegel anlandenden Flugzeuge ziehen niedrig herein über den mitten in der Breiten Straße liegenden Dorfanger, der nichts Dörfliches mehr hat.
Das Schönste an der Kirche sind die Türme. Sie sind von Stüler, der an vielen Orten am Charakter Berlins mitgebaut hat. Ein Alter fährt auf seinem Fahrrad bei Rot über die Ossietzkystraße, als ob er dächte: “Von Rot lass ich mir gar nichts mehr verbieten”, es kann aber auch eine ehemaliger General sein, der sich in seinem beruflichen Leben daran gewöhnt hat, dass Vorschriften nur für andere gelten.
Aus dem “Gambrinus” muss man einen schönen Blick auf den traditionsreichen Wochenmarkt haben. Der Automarkt neben dem Groß-Bürgerhaus heißt Glück: “Glück Glück Glück”.

Gegenüber im Plattenbau die Buchhandlung, die den Seriennamen “Kiez” mit Heinrich Mann verbindet, ich wollte schon feststellen: In den vielen Fenstern kein einziges Buch, das Heinrich Mann gekauft hätte, aber im letzten Fenster gibt es die Kompilation der Mann-Nichte, auch den großartigen Brodkey, das wäre was für Heinrich gewesen und natürlich Goldhagen: ich glaube, der Lübecker Großkaufmannssohn hätte dem jungen amerikanischen Historiker zugestimmt: es gibt besondere Bedingungen in Deutschland, die soviele Eltern und Großeltern zu Mördern und Mordgehilfen haben werden lassen.
Wollen wir die Debatte um die DDR und ihre Hinterlassenschaft beenden bis ein weiteres halbes Jahrhundert vergangen ist und statt dessen gemeinsam die gemeinsame Nazi-Geschichte aufarbeiten?
Was würde denn sein, sagt meine Freundin, wenn die Wehrmachtsausstellung, die jetzt in Wien und München so viele aufbringt, im Rathaus Pankow gezeigt würde unter dem imitierten Marmor und den Löwenköpfen aus scheinbarem Gold?
Ach, was sind das für Fragen, lange stehe ich vor den Fotos der Bezirksverordneten und der Bezirksamtsmitglieder, die an goldenen Ketten im Vestibül des Rathauses hängen, die Stadträte und die Verordneten sehen aus wie wir alle; es reicht nicht, dass wir uns ansehen, um herauszubekommen, wie wir denken und wie wir denken müssen, wenn wir Zukunft haben wollen.

Das Pankower Rathaus hat aus vielen deutschen Zeiten etwas, von der DDR hat es offenbar wenig, man kann um das Gebäude herumgehen, vorne ist es rot, hinten gelb; Pöschke und Klante heißen die Architekten die den sparsamen Expressionismus an der Ecke zur Neuen Schönhauser Straße angebracht haben.
Auf dem Hof schauen Kinder, sie zeigen mir den Effe-Finger und machen sich einen Spaß daraus, mich zu fragen, wie’s mir geht, bis einer ruft: “O! Der schreibt!”; da sind sie alle hinter dem Fenster verschwunden, vielleicht ist auch die Lehrerein hereingekommen und der Geschichtsunterricht hat begonnen.
Hoffentlich hören sie etwas, was sie wissen wollen. Von Wilhelm Kuhr werden sie nichts wissen wollen. Während ich in seine Straße einbiege überlege ich, was ich von ihm weiß. Das erzähle ich im nächsten Kapitel. Mir ist von Pankow die Seele ein bisschen übergegangen, ich habe abseits vom Wege gedacht. Ich muss mich beruhigen.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Die Erfindung des Fernsehens in Berlin

Als am 22. März 1935 im Haus des Rundfunks in der Masurenallee die weltweit erste regelmäßige Fernsehausstrahlung begann, war dies der Anfang eines Siegeszugs. Der “Reichssendeleiter” war dem NS-Propaganda-Ministerium unterstellt und ließ den Erfinder Paul Nipkow feiern. So wurde der erste Sender sogar nach ihm benannt. Schon als junger Mann hatte der Pankower Ingenieur 1884 seine “Nipkow-Scheibe” vorgestellt, die Bilder zeilenweise abtasten und in elektrische Impulse umwandeln konnte. Diese konnten übertragen und an anderer Stelle wieder zusammengesetzt werden. Doch erst 1928 konnte das Ergebnis – ein Fernsehbild von der Größe einer Postkarte – auf der Funkausstellung öffentlich vorgestellt werden. Testsendungen wurden ab 1926 über den neu errichteten Funkturm ausgestrahlt.

Als 1935 mit regelmäßigem Sendebetrieb begonnen wurde, war natürlich noch alles live, eine Aufzeichnungsmöglichkeit gab es noch nicht, gesendet wurde dreimal wöchentlich für je 90 Minuten. Es gab auch noch keine Fernsehindustrie, die wenigen Geräte wurden in Handarbeit hergestellt. Und sie standen auch nicht in Wohnungen, sondern fast nur in öffentlichen “Fernsehstuben”. Die erste wurde in der Berliner Straße in Pankow eröffnet und zog kurz danach in die Wollankstraße 134, das Haus steht noch heute. Nach 15 Monaten Sendebetrieb gab es in Berlin gerade 25 dieser Vorführräume. Allerdings kamen die Menschen auch eher zum Bestaunen der neuen Technik, als wegen dem Programm, denn man brauchte schon sehr gute Augen oder ein Fernglas, um aus einigen Metern Abstand noch etwas erkennen zu können. Das Kino war in der Sehqualität noch weit überlegen.
Allerdings wuchs schon bald eine starke Konkurrenz heran. Manfred von Ardenne und Siegfried Loewe entwickelten die Technologie der Braunsche Röhre, die Bilder wurden nun elektronisch abgetastet und umgewandelt. Schon ein Jahr nach Nipkows großem Erfolg kam bei den Olympischen Spielen 1936 die neue Technologie zum Einsatz. Zwar waren die Kameras noch so groß wie zwei Kühlschränke, doch sie waren eine technische Sensation. Paul Nipkows Erfindung war nur ein Wegbereiter für die rasche Weiterentwicklung des Fernsehens. Dass die Nazis ihn feierten, gleichzeitig aber die elektronische Technologie seiner Konkurrenten nutzten, lag an Siegfried Loewes jüdischer Herkunft. Paul Nipkow dagegen erhielt nach seinem Tod 1940 sogar ein Staatsbegräbnis.

Überhaupt nutze die NS-Regierung die Technik natürlich für sich. Allerdings hatte sie nicht nur die Unterhaltung und Propaganda im Sinn, sondern sie wollte sie militärisch nutzen: Mit kleinen Kameras wurden im Krieg z.B. die V2-Raketen ins Ziel gelenkt. So ist es auch zu erklären, dass nicht nur das Propagandaministerium, sondern auch das Ministerium für Luftfahrt von Hermann Göring für die ersten Fernsehsender zuständig waren.
Während des Kriegs wurden die öffentlichen Aufführungen nicht mehr weiter gefördert. Die Post betrieb zwar auch weiterhin etwa 50 Fernsehstuben, doch Joseph Goebbels setzte mehr auf den Rundfunk und die Wochenschauen, weil sie zu diesem Zeitpunkt viel mehr Menschen erreichen konnten.

Mit dem Ende des NS-Staats wurde der Fernsehbetrieb von den Alliierten verboten, erst 1947 durfte die Post wieder Tests durchführen. Doch es dauerte noch bis zum Herbst 1950, dass der erste Sendebetrieb aufgenommen werden konnte. Zuerst in Hamburg mit dem NWDR, ab 1951 auch wieder in Berlin. Vier Jahre später erst konnte das Fernsehen bundesweit empfangen werden.
Mit der Erfindung von Paul Nipkow hatte das TV längst nichts mehr zu tun, sein Name war auch lange in Vergessenheit geraten. Doch mittlerweile erinnert man sich wieder an denjenigen, der das Prinzip der Bildabtastung und Umwandlung in Einzelpunkten erfunden hat. Und der das erste Fernsehen der Welt realisiert hat.




Echte Schwestern

Zwei Franziskanerinnen betreuen Aids-Kranke, schwules Leben gehört zu ihrem Alltag. Diese Nonnen machen ernst mit der Nächstenliebe. Eine Würdigung.

Der Mann war auf der Flucht, und er trat sie nach vorne an. “Ick habe eure Nummer von der Aids-Hilfe”, sagte er, “die haben gesagt: Sind zwar Nonnen, aber egal. Ick habe ein Problem: Ick braucht eure Hilfe. Aber ick bin schwul, trinke zehn Dosen Bier am Tag, bin Atheist und habe einen Hund.” – “Wo ist das Problem?”, fragte Schwester Hannelore. Schwester Juvenalis, 68, lächelt liebevoll, während ihre Mitschwester Hannelore, 46, die Anekdote von damals zum Besten gibt. Dann erzählt Schwester Juvenalis stolz, wie die Geschichte weiterging: Einige Monate später verließ der Man diese Welt mit einem Versprechen: “Wenn es den da oben wirklich gibt, halt ich euch die erste Reihe frei.”
Höchstens der Papst könnte noch daran zweifeln, dass diese beiden Ordensschwestern einen Platz im Himmel sicher haben. Sie haben immer ernst gemacht mit der Nächstenliebe. Mitte der 90er Jahre verließen sie ihr Kloster in Münster und gingen nach Berlin. Damals wütete die Aids-Katastrophe in der schwulen Hauptstadt noch ungebremst. Deswegen kamen sie. Man kann das nicht richtig würdigen, wenn man nicht versteht, warum die beiden Nonnen wurden. Aber es hilft schon, ihnen in ihre wachen Augen zu schauen: In ihren Blicken liegt eine liebevolle Gewissheit.
Im Jahr 1960 war Schwester Juvenalis sich nicht sicher. Sie trug noch ihren bürgerlichen Namen: Engeline. Wirklich wahr. Engeline war damals 23 Jahre alt und verliebt in einen Jan. Sie hatte den Wunsch, eine Familie zu gründen, aber irgendwas stimmte nicht. Ihr Geliebter spürte das. Und fragte schließlich: “Ist da ein anderer?” Ja, da war ein anderer, aber es war kein Nebenbuhler. Engeline wollte mit Gott leben – und ging noch im selben Jahr ins Kloster.
Schwester Hannelore vollzog diesen Schritt 27 Jahre später erstmal testweise, für zwei Wochen. in dieser Zeit verstand sie die franziskanische Überzeugung. “Es ging nicht darum, dass irgendwer oben denkt, und die anderen gehorchen”, sagt sie, “im Vordergrund steht immer die Frage: Was ist aus christlicher Sicht heute dran? Was sind die Zeichen der Zeit? Der heilige Franziskus ging zu den Lebrakranken vor den Toren der Stand. Und wir kümmern uns um Menschen mit Aids.” Schwester Juvenalis und Schwester Hannelore leben heute in einer Nonnen-WG in Pankow. Sie teilen ihre schlichte Altbau-Wohnung mit Schwester Bernhildis, die als Köchin in einer Suppenküche für Obdachlose arbeitet. Im Erdgeschoss haben sie das Büro ihres Hospizdienstes Tauwerk eingerichtet. Von hier aus organisieren sie die Betreuung von Aids-Kranken in ihrer letzten Lebensphase – in den eigenen vier Wänden. 30 bis 40 Fälle übernimmt Tauwerk pro Jahr. Alle drei bis vier Wochen stirbt einer der Schützlinge. In An einem goldgelben Vorhang neben dem Schreibtisch hängen, mit Stecknadeln befestigt, unzählige Kärtchen mit Namen und Todesdaten; ein schwules Paar hat eine Doppelkarte bekommen. Vergessen wird niemand. Der Tod mag hier kräftig zulangen, doch zur Routine wird er nicht.
“Juvi!” – Paul fällt der kleinen Nonne zur Begrüßung um den Hals. Der 58-Jährige ist seit 18 Jahren HIV positiv, und die Krankheit ist schon weit fortgeschritten. Das Fettgewebe in seinem Gesicht hat sich durch die HIV-Medikamente zurückgezogen, und es fällt ihm nicht leicht, artikuliert zu sprechen. Paul war vor zehn Jahren der erste Patient von Tauwerk. Jetzt kommt regelmäßig eine Ehrenamtlerin und kocht für ihn. Heute ist Schwester Juvenalis mit nach Wilmersdorf gefahren, um mit Paul und seinem Mann Mark, ebenfalls seit 18 Jahren infiziert, Kaffee zu trinken.
Als die beiden Nonnen das Paar kennen lernten, wollte Paul gerade aus der Kirche austreten. “Irgendwann”, erinnert sich Schwester Juvenalis, “hat er dann gesagt: Wenn es Leute wie euch in der Kirche gibt, brauche ich nicht mehr auszutreten.” Schwester Juvenalis greift sich ans Herz und lächelt. Sie ist noch immer gerührt.
Am Anfang wurden die Schwestern von den Schwulen nicht immer mit offenen Armen empfangen. “Erst krieg ich Aids, und jetzt hab ich auch noch ‘ne Nonne am Hals!” – so was bekamen die beiden damals zu hören. Es war verletzend, Opfer von Vorurteilen zu sein, aber die beiden verstanden, dass diese schroffe Ablehnung ebenfalls aus Verletzung entstanden war: Katholiken hatten das böse Wort von Aids als der “gerechten Strafe Gottes” ausgesprochen. Diese Wunde wollte sie heilen. Schwester Juvenalis und Schwester Hannelore ließen keinen Gauweiler von der CSU und keinen Papst für sich sprechen. Sie waren selbst nach Berlin gekommen. Gemeinsam mit jungen Schwulen gingen die gelernten Krankenschwestern zu speziellen Schulungen der Aids-Hilfe. Bei ihren Patienten fragten sie nie, wie einer sich infiziert hatte. Was spielte das für eine Rolle?
Aber Moment! Was ist denn nun mit Sex? “Wir finden nicht alles gut, was es da so gibt”, sagt Schwester Juvenalis. Sie meint die eher “lieblosen” Formen von Sexualität, die ja gerade in der schwulen Welt vorkommen. Aber sie fügt von sich aus hinzu: “Das sehe ich dann aber bei Heterosexuellen genauso.”
Und sie betont, dass es sich um eine persönliche Meinung handelt. Die Lebensentwürfe ihrer Schützlinge haben die beiden immer respektiert. Das gilt bis zum letzten Atemzug. “Die Kranken führen bei uns eine Regie”, bekräftigt Schwester Hannelore.
Dazu gehört auch, dass die Nonnen meist nicht in ihrer Tracht ausrücken, sondern in entspannter Freizeitkleidung: “Ich muss dann nicht immer erst erklären, dass ich nicht mit dem erhobenen Zeigefinger komme.” Bei Beerdigungen stellen die beiden eine Kerze auf, die von einem “Halleluja”-Schriftzug und der Regenbogenfahne geziert wird.
“Ich habe viel von ‘unseren Männern’ gelernt”, sagt Schwester Juvenalis. In vielen schwulen Beziehungen erleben wir, wie liebevoll und feinfühlig die Partner miteinander umgehen.”
Sie klingt fast ein bisschen zu bescheiden, als sie das sagt. Aber so sind die Nonnen nun mal.

Holger Wicht

Mit freundlicher Genehmigung der Siegessäule

Tauwerk ist auf ehrenamtliche Helfer und Spenden angewiesen.
Spendenkonto: 1279331008
Berliner Volksbank
BLZ 100 900 00
Weitere Informationen:
www.hospiztauwerk.de