Walterchens Ballhaus

An Ball­häu­sern mangelte es im Berlin der 1920er Jahre wahr­lich nicht. Nicht immer fanden dort aber Bälle der geho­be­nen Klasse statt. Wie auch im Königs­hof in der Bülow­straße 37, der während der Weima­rer Repu­blik in Natio­nal­hof umbe­nannt wurde. Zu diesem Zeit­punkt entwi­ckelte es sich zu einem Treff­punkt von Schwu­len und Lesben, mehrere Homo­se­xu­el­len-Initia­ti­ven nutz­ten die Räume für Veran­stal­tun­gen. Seit 1926 gab es Bälle “nur für Damen”. Der 400 Mitglie­der starke Damen­klub Violetta orga­ni­sierte ab 1928 Lesben- und Trans­ves­ti­ten­bälle.

Während der Nazi­zeit waren solch offen homo­se­xu­elle Treff­punkte nicht mehr möglich. 1943 über­nahm der 60-jährige Walter Drae­sel den Natio­nal­hof und benannte ihn um in Walter­chens Ball­haus. Drae­sel war eine Marke, mit einem Papa­gei auf der Schul­ter und einem Pudel neben sich achtete er stets darauf, dass sich seine Kund­schaft anstän­dig benahm. Auch wenn er selber öfters mit einem Gummi­ham­mer Männer malträ­tiert haben soll, die nicht tanzen woll­ten. Er galt als Mafia-Papa, wurde “Seelen­trös­ter” genannt oder auch “Walter­chen mit dem golde­nen Herzen”. Ihm lag das Wohl­be­fin­den der Damen am Herzen. Es hieß, die Männer müss­ten nicht mehr alle Zähne im Mund haben, aber auf jeden Fall eine Krawatte um den Hals.

Das Ball­haus am Bülow­bo­gen hat den Krieg über­lebt. Danach entwi­ckelte es sich erneut zu einem Etablis­se­ment für Homo­se­xu­elle und Trans­se­xu­elle. Bis 1971 fanden zum Beispiel “Tunten­bälle” statt. Zu diesem Zeit­punkt war Walter Drae­sel bereits tot, er war 1965 im Alter von 82 Jahren gestor­ben. Im Zuge der Stadt­sa­nie­rung wurde Walter­chens Ball­haus 1975 abge­ris­sen.

Foto: Deut­sche Foto­thek

Wiki­me­dia Commons, CC BY-SA 3.0
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