Eine frühe und recht unscharfe Erinnerung betrifft „Peterchens Mondfahrt“ im Theater (m.E. am Nollendorfplatz): Bestrickende Eindrücke müssen es gewesen sein, und am eindrucksvollsten war für mich die „Blitzhexe“, an die ich immer denken musste, wenn im Kleinen Tiergarten auf einem Rummelplatz eine rasante Bahn aufgebaut war, der „…Blitz“, mit dem ich natürlich nicht fuhr. Aber Traute.
Wir gingen auch des Öfteren in den Zoo, jedenfalls habe ich eine dunkle Erinnerung an den bedrohlich mit dem Rücken zu uns „kluckenden“ Riesengorilla Bobby, für den es in Aquarium-Nähe jetzt ein Denkmal gibt. Im alten Affenhaus, das im Krieg zerstört wurde, konnte man damals noch sehr nahe an die Äffchen herankommen, weil in ihren Käfigen keine halbhohen Scheiben hinter den Gitterstäben den Kontakt verwehrten. Mir, die ich wohl unten auf die umlaufende zaunartige Absperrung gestiegen war, streckte ein kleiner wendiger Affe – Kapuziner? – seine Hand hin und ich hatte nichts Besseres zu tun, als zutraulich die meine auszustrecken. Das ging alles so schnell, dass meine Mutter dem nicht Einhalt gebieten konnte, ich dann aber wohl schrie, weil der Affe meine Hand nicht wieder losließ. Die Situation wurde durch einen der Tierpfleger, die damals noch „Wärter“ hießen, bereinigt. Wie, weiß ich nicht mehr, aber dieses Abenteuer war eine Zeitlang ein Erzählthema, wo immer ich es anbringen konnte.
Dann waren natürlich die Krokodile eine Attraktion, lang andauernder Schrecken in meiner Phantasie. Sie verbanden sich mit Filmeindrücken von Zirkusszenen und leicht bekleideten Damen wie die berühmte La Jana. Das führte zu Albträumen, in denen ich eine erwachsene Frau war, denen die Krokodile die Brüste abzwacken wollten! Ich habe mich später immer gefragt, ob das die weibliche Variante von Kastrationsangst war.
Bei den schweren Bombenangriffen im November 1943 wurde nicht nur das Aquarium getroffen, man vernahm von Leuten, die in Zoonähe wohnten bzw. nach dem Alarm aus dem Zoobunker (den zu sprengen es – sehr zur geheimen Freude der Berliner – nach dem Krieg mehrerer Anläufe der Besatzer bedurfte) nach Hause wanderten, dass die „armen Tiere“, wie meine Mutter immer wiederholte, stundenlang jämmerlich schrien, sei es vor Angst, sei es, weil sie am lebendigen Leibe verbrannten oder sonstwie verletzt waren. Erste Erinnerungen betreffen Ausfahrten im „Sportwagen“, einem Kinderwagen für schon größere Kleinkinder, mit dem man einfach schneller vorankam. Darin kniend durfte ich mir in der Turmstraße die besonders geliebten Mokkabohnen selbst aus einem Automaten ziehen, der neben einem im Keller gelegenen Grünkramladen (Obst- und Gemüseladen) an der Wand hing, gerade so in meiner Greifweite. Auch Bananen pflegten wir dort zu kaufen und gleich zu verspeisen. Als einmal meine Schwester Traute und ihre Freundin Helga Rietz dabei waren, wurde unterwegs gesungen, dabei verlangte eine von ihnen nach der nächsten Strophe, ein Wort, das ich so schön fand, dass es mir mitsamt der Situation unvergessen blieb, wie ich überhaupt eine ausgesprochene Vorliebe für ausgefallene Wörter entwickelte, dies allerdings doch erst um einiges später: Als ich nach dem Krieg meine Mutter zur Leihbibliothek in der Wilsnacker Straße (in einem Ladengeschäft) begleitete und prompt die so schön altmodischen und kitschigen Romane von Natalie von Eschstruth und anderen aussuchte, in denen das Wort Kaffee als Café in Kursivdruck vorkam, das Accent aigu – ein damals natürlich unbekannter Begriff – war das Nonplusultra in meinem Repertoire.
Erika G.: Pritzwalker Straße 5
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