4 • Bobby und Mokkabohnen

Eine frühe und recht unscharfe Erin­ne­rung betrifft „Peter­chens Mond­fahrt“ im Thea­ter (m.E. am Nollen­dorf­platz): Bestri­ckende Eindrü­cke müssen es gewe­sen sein, und am eindrucks­volls­ten war für mich die „Blitz­hexe“, an die ich immer denken musste, wenn im Klei­nen Tier­gar­ten auf einem Rummel­platz eine rasante Bahn aufge­baut war, der „…Blitz“, mit dem ich natür­lich nicht fuhr. Aber Traute.

Wir gingen auch des Öfte­ren in den Zoo, jeden­falls habe ich eine dunkle Erin­ne­rung an den bedroh­lich mit dem Rücken zu uns „klucken­den“ Riesen­go­rilla Bobby, für den es in Aqua­rium-Nähe jetzt ein Denk­mal gibt. Im alten Affen­haus, das im Krieg zerstört wurde, konnte man damals noch sehr nahe an die Äffchen heran­kom­men, weil in ihren Käfi­gen keine halb­ho­hen Schei­ben hinter den Gitter­stä­ben den Kontakt verwehr­ten. Mir, die ich wohl unten auf die umlau­fende zaun­ar­tige Absper­rung gestie­gen war, streckte ein klei­ner wendi­ger Affe – Kapu­zi­ner? – seine Hand hin und ich hatte nichts Besse­res zu tun, als zutrau­lich die meine auszu­stre­cken. Das ging alles so schnell, dass meine Mutter dem nicht Einhalt gebie­ten konnte, ich dann aber wohl schrie, weil der Affe meine Hand nicht wieder losließ. Die Situa­tion wurde durch einen der Tier­pfle­ger, die damals noch „Wärter“ hießen, berei­nigt. Wie, weiß ich nicht mehr, aber dieses Aben­teuer war eine Zeit­lang ein Erzähl­thema, wo immer ich es anbrin­gen konnte.

Dann waren natür­lich die Kroko­dile eine Attrak­tion, lang andau­ern­der Schre­cken in meiner Phan­ta­sie. Sie verban­den sich mit Film­ein­drü­cken von Zirkus­sze­nen und leicht beklei­de­ten Damen wie die berühmte La Jana. Das führte zu Albträu­men, in denen ich eine erwach­sene Frau war, denen die Kroko­dile die Brüste abzwa­cken woll­ten! Ich habe mich später immer gefragt, ob das die weib­li­che Vari­ante von Kastra­ti­ons­angst war.

Bei den schwe­ren Bomben­an­grif­fen im Novem­ber 1943 wurde nicht nur das Aqua­rium getrof­fen, man vernahm von Leuten, die in Zoonähe wohn­ten bzw. nach dem Alarm aus dem Zoobun­ker (den zu spren­gen es – sehr zur gehei­men Freude der Berli­ner – nach dem Krieg mehre­rer Anläufe der Besat­zer bedurfte) nach Hause wander­ten, dass die „armen Tiere“, wie meine Mutter immer wieder­holte, stun­den­lang jämmer­lich schrien, sei es vor Angst, sei es, weil sie am leben­di­gen Leibe verbrann­ten oder sonst­wie verletzt waren. Erste Erin­ne­run­gen betref­fen Ausfahr­ten im „Sport­wa­gen“, einem Kinder­wa­gen für schon größere Klein­kin­der, mit dem man einfach schnel­ler voran­kam. Darin kniend durfte ich mir in der Turm­straße die beson­ders gelieb­ten Mokka­boh­nen selbst aus einem Auto­ma­ten ziehen, der neben einem im Keller gele­ge­nen Grün­kram­la­den (Obst- und Gemü­se­la­den) an der Wand hing, gerade so in meiner Greif­weite. Auch Bana­nen pfleg­ten wir dort zu kaufen und gleich zu verspei­sen. Als einmal meine Schwes­ter Traute und ihre Freun­din Helga Rietz dabei waren, wurde unter­wegs gesun­gen, dabei verlangte eine von ihnen nach der nächs­ten Stro­phe, ein Wort, das ich so schön fand, dass es mir mitsamt der Situa­tion unver­ges­sen blieb, wie ich über­haupt eine ausge­spro­chene Vorliebe für ausge­fal­lene Wörter entwi­ckelte, dies aller­dings doch erst um eini­ges später: Als ich nach dem Krieg meine Mutter zur Leih­bi­blio­thek in der Wils­na­cker Straße (in einem Laden­ge­schäft) beglei­tete und prompt die so schön altmo­di­schen und kitschi­gen Romane von Nata­lie von Esch­struth und ande­ren aussuchte, in denen das Wort Kaffee als Café in Kursiv­druck vorkam, das Accent aigu – ein damals natür­lich unbe­kann­ter Begriff – war das Nonplus­ul­tra in meinem Reper­toire.

Erika G.: Pritz­wal­ker Straße 5
01 | 02 | 03 | 04 | 05 | 06 | 07 | 08 | 09 | 10 | 11 | 12 | 13

print

Zufallstreffer

Weblog

Griechischer Wein

Mehr als ein Schla­ger sollte es werden — und das wurde es auch. Das Lied “Grie­chi­scher Wein”, gesun­gen von Udo Jürgens, geschrie­ben von Michael Kunze, befasst sich mit den Gefüh­len der damals soge­nann­ten Gast­ar­bei­ter, mit […]

Geschichte

Gründung der Alternativen Liste

Die 1970er Jahre waren geprägt von zahl­rei­chen Grün­dun­gen linker und links­extre­mer Parteien und Grup­pie­run­gen: Maois­ti­sche, leni­nis­ti­sche, stali­nis­ti­sche, trotz­kis­ti­sche, DDR- und Sowje­t­u­nion-orien­­tiert und zahl­rei­che mehr. Paral­lel dazu entwi­ckelte sich aber auch eine linke Bewe­gung, die nicht […]

Schreibe den ersten Kommentar

Hier kannst Du kommentieren

Deine Mailadresse ist nicht offen sichtbar.


*