6 • Hauch von großer Welt

In unse­rem noch gar nicht rich­tig erwähn­ten Schlaf­zim­mer stand das Ehebett und mein Kinder­bett, Traute hatte in der großen Diele ihre Schlaf­statt, später hing dieses Eisen­ge­stell gut sicht­bar in der ausge­brann­ten Ruine an der nack­ten Mauer. Außer­dem stan­den ein Schrank darin und ein Tisch mit ein paar Stüh­len in Ofen­nähe, benutzt nur bei beson­de­ren Gele­gen­hei­ten, Fest- und Geburts­ta­gen. Warum erin­nere ich mich ausge­rech­net an die arom­age­schwän­gerte Seifen­kiste, vier­eckig, aus blan­kem Alumi­nium? Darin­nen die Toilet­ten­sei­fen­stü­cke aufbe­wahrt wurden, die sich zu Geburts­ta­gen meiner Mutter oder durch Sendun­gen meines Vaters aus Fein­des­land ansam­mel­ten – herr­li­che Flie­der­düfte aussen­dend, wenn man heim­lich den Deckel hob. Sie stand auf dem Erdbo­den – wir hatten übri­gens nur gestri­chene Dielen, keinen Teppich oder derglei­chen – in einer Fens­ter­ecke und war somit meiner Klein­kind­höhe viel näher als den darüber hinweg­se­hen­den Erwach­se­nen. Sie schien ein Schatz­käst­lein zu sein. Düfte, Parfüms waren mir sehr ange­nehm und blie­ben in Erin­ne­rung, auch in Zusam­men­hang mit meines Vaters jüngs­ter Schwes­ter, Tante Luise, Jahr­gang 1912, die so etwas wie meine Lieb­lings­tante war, was daran gele­gen haben mag, dass sie eben die jüngste war, als solche erkenn­bar „moder­ner“ und „elegan­ter“ geklei­det, gar geschminkt und parfü­miert herein­schneite. Sie arbei­tete zu dieser Zeit als Sprech­stun­den­hilfe bei Dr. Busch­mann, wähnte sich etwas Besse­res und wurde von den älte­ren Geschwis­tern leise belä­chelt und – benei­det.

Nun war sie nicht die einzige mit Zugang zu den „geho­be­nen Stän­den“, denn meine älteste Schwes­ter Inge­borg (fast 10 Jahre älter als ich) lebte ja seit ihrem vier­ten Lebens­jahr bei unse­rer Groß­tante, genannt Ota, und wenn sie zu Besuch „nach Hause“ kam, wehte ebenso ein Hauch von „großer Welt“ herein, ange­fan­gen bei ihrer Klei­dung, ihrem teuren Fahr­rad und ande­ren Dingen. Aber eigent­lich habe ich das damals nicht so empfun­den, auch nicht, wenn ich bei ihnen in der Niebuhr­straße war, was mir Spaß machte, wenn ich vor einem klei­nen Sekre­tär auf Otas Schoß sitzend beim Pati­en­ce­le­gen zusah und bald assis­tie­ren durfte, so dass ich früh­zei­tig die Farben der Spiel­kar­ten zu unter­schei­den wusste und die Hier­ar­chie der Karten erfasste. Ihre Vier­ein­halb­zim­mer­woh­nung sehe ich noch heute fast detail­ge­treu vor mir, zumal ich ja – wiederum mit „meinen klei­nen Finger­chen“ – so geschickt Staub zu wischen verstand zwischen den Schnör­keln der gedrech­sel­ten Lehnen von Stüh­len und Bänken (es gab eine mit Kelim­kis­sen belegte Bank inte­griert in einen Wand­schrank mit Bücher­bord). Auch die Stühle am großen Esstisch waren mit selbst gear­bei­te­ten Kelim­stof­fen ausge­stat­tet. Die Glas­vi­tri­nen mit den schön anzu­schau­en­den Porzel­lan­fi­gu­ren aus Meißen waren mir vertraut, der große Faun hoch oben auf einem Eckschrank, der nach Aussa­gen meiner Schwes­ter Traute, als sie in diesem Zimmer in der Nacht vor der Total­aus­bom­bung schlief, Ende Januar 1944, sich im Mond­licht sacht bewegte … Aber das ist eine andere Geschichte.

Bei uns in der Pritz­wal­ker Straße gab es so edles Mobi­liar nicht. In der Küche einen Kohlen­kas­ten (bei Ota genoss man Zentral­hei­zung) und einen Hand­tuch­hal­ter mit ordent­li­chem Über­hang, natür­lich mit blauem Kreuz­stich bestickt: eine hollän­di­sche Wind­mühle und Meis­jes in Flügel­hau­ben, dazu wohl auch ein Sinn­spruch wie „Morgen­stund’ hat Gold im Mund“. Hier lernte ich mit meiner Mutter auch die ersten Buch­sta­ben und Silben in meiner Fibel lesen, denn ich hatte schon alles in einem neuen Ranzen mit Tafel und Grif­fel bereit für meine Einschu­lung, die aber vor Sommer 1945 nie erfolgte, denn meine Schule fiel 1943 einem Bomben­an­griff zum Opfer; die höhe­ren Klas­sen wurden ausge­la­gert, die Erst­kläss­ler zurück­ge­stellt, schließ­lich waren wir im Novem­ber selbst „Total­aus­ge­bombte“, verlie­ßen vorüber­ge­hend Berlin usw. Die viel­ge­liebte und mit Stolz herum­ge­zeigte Schul­mappe war dahin … Ebenso die Märchen­wür­fel, große Kuben, auf deren sechs Seiten je eine Märchen­szene im Puzzle-Verfah­ren zusam­men­zu­set­zen waren: der Frosch­kö­nig ebenso wie Schnee­witt­chen, die sieben klei­nen Geiß­lein, Rotkäpp­chen und der Wolf. Traute und ich hatten jede eine heiß­ge­liebte Porzel­lan­tasse in bauchi­ger Rund­form, die einen Katzen­kopf darstellte, einmal in hell­blau, einmal in rosen­rot.

Erika G.: Pritz­wal­ker Straße 5
01 | 02 | 03 | 04 | 05 | 06 | 07 | 08 | 09 | 10 | 11 | 12 | 13

print

Zufallstreffer

Weblog

Nelson Mandela

Er hat nicht nur für Südafri­kas Schwarze so viel geleis­tet, sondern für viele Menschen welt­weit, die sich gegen Rassis­mus und Unter­drü­ckung wehren. Er war und bleibt ihre Hoff­nung und Beispiel, dass der Kampf nicht verge­bens […]

Schreibe den ersten Kommentar

Hier kannst Du kommentieren

Deine Mailadresse ist nicht offen sichtbar.


*