In unserem noch gar nicht richtig erwähnten Schlafzimmer stand das Ehebett und mein Kinderbett, Traute hatte in der großen Diele ihre Schlafstatt, später hing dieses Eisengestell gut sichtbar in der ausgebrannten Ruine an der nackten Mauer. Außerdem standen ein Schrank darin und ein Tisch mit ein paar Stühlen in Ofennähe, benutzt nur bei besonderen Gelegenheiten, Fest- und Geburtstagen. Warum erinnere ich mich ausgerechnet an die aromageschwängerte Seifenkiste, viereckig, aus blankem Aluminium? Darinnen die Toilettenseifenstücke aufbewahrt wurden, die sich zu Geburtstagen meiner Mutter oder durch Sendungen meines Vaters aus Feindesland ansammelten – herrliche Fliederdüfte aussendend, wenn man heimlich den Deckel hob. Sie stand auf dem Erdboden – wir hatten übrigens nur gestrichene Dielen, keinen Teppich oder dergleichen – in einer Fensterecke und war somit meiner Kleinkindhöhe viel näher als den darüber hinwegsehenden Erwachsenen. Sie schien ein Schatzkästlein zu sein. Düfte, Parfüms waren mir sehr angenehm und blieben in Erinnerung, auch in Zusammenhang mit meines Vaters jüngster Schwester, Tante Luise, Jahrgang 1912, die so etwas wie meine Lieblingstante war, was daran gelegen haben mag, dass sie eben die jüngste war, als solche erkennbar „moderner“ und „eleganter“ gekleidet, gar geschminkt und parfümiert hereinschneite. Sie arbeitete zu dieser Zeit als Sprechstundenhilfe bei Dr. Buschmann, wähnte sich etwas Besseres und wurde von den älteren Geschwistern leise belächelt und – beneidet.
Nun war sie nicht die einzige mit Zugang zu den „gehobenen Ständen“, denn meine älteste Schwester Ingeborg (fast 10 Jahre älter als ich) lebte ja seit ihrem vierten Lebensjahr bei unserer Großtante, genannt Ota, und wenn sie zu Besuch „nach Hause“ kam, wehte ebenso ein Hauch von „großer Welt“ herein, angefangen bei ihrer Kleidung, ihrem teuren Fahrrad und anderen Dingen. Aber eigentlich habe ich das damals nicht so empfunden, auch nicht, wenn ich bei ihnen in der Niebuhrstraße war, was mir Spaß machte, wenn ich vor einem kleinen Sekretär auf Otas Schoß sitzend beim Patiencelegen zusah und bald assistieren durfte, so dass ich frühzeitig die Farben der Spielkarten zu unterscheiden wusste und die Hierarchie der Karten erfasste. Ihre Viereinhalbzimmerwohnung sehe ich noch heute fast detailgetreu vor mir, zumal ich ja – wiederum mit „meinen kleinen Fingerchen“ – so geschickt Staub zu wischen verstand zwischen den Schnörkeln der gedrechselten Lehnen von Stühlen und Bänken (es gab eine mit Kelimkissen belegte Bank integriert in einen Wandschrank mit Bücherbord). Auch die Stühle am großen Esstisch waren mit selbst gearbeiteten Kelimstoffen ausgestattet. Die Glasvitrinen mit den schön anzuschauenden Porzellanfiguren aus Meißen waren mir vertraut, der große Faun hoch oben auf einem Eckschrank, der nach Aussagen meiner Schwester Traute, als sie in diesem Zimmer in der Nacht vor der Totalausbombung schlief, Ende Januar 1944, sich im Mondlicht sacht bewegte … Aber das ist eine andere Geschichte.
Bei uns in der Pritzwalker Straße gab es so edles Mobiliar nicht. In der Küche einen Kohlenkasten (bei Ota genoss man Zentralheizung) und einen Handtuchhalter mit ordentlichem Überhang, natürlich mit blauem Kreuzstich bestickt: eine holländische Windmühle und Meisjes in Flügelhauben, dazu wohl auch ein Sinnspruch wie „Morgenstund’ hat Gold im Mund“. Hier lernte ich mit meiner Mutter auch die ersten Buchstaben und Silben in meiner Fibel lesen, denn ich hatte schon alles in einem neuen Ranzen mit Tafel und Griffel bereit für meine Einschulung, die aber vor Sommer 1945 nie erfolgte, denn meine Schule fiel 1943 einem Bombenangriff zum Opfer; die höheren Klassen wurden ausgelagert, die Erstklässler zurückgestellt, schließlich waren wir im November selbst „Totalausgebombte“, verließen vorübergehend Berlin usw. Die vielgeliebte und mit Stolz herumgezeigte Schulmappe war dahin … Ebenso die Märchenwürfel, große Kuben, auf deren sechs Seiten je eine Märchenszene im Puzzle-Verfahren zusammenzusetzen waren: der Froschkönig ebenso wie Schneewittchen, die sieben kleinen Geißlein, Rotkäppchen und der Wolf. Traute und ich hatten jede eine heißgeliebte Porzellantasse in bauchiger Rundform, die einen Katzenkopf darstellte, einmal in hellblau, einmal in rosenrot.
Erika G.: Pritzwalker Straße 5
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