Die Zeit in der Pritzwalker Straße war eine Zeit intensiver sozialer Kontakte, die meine Mutter pflegte, wobei ich nicht fehlen durfte.
Familiär wäre da zuerst zu nennen Vaters älteste Schwester Helene, genannt Tante Lene, eine viel belächelte und doch ungemein tapfere und bewundernswerte Frau. Mit einer Hüftluxation geboren, an deren Behandlung Ende des 19. Jahrhunderts im bettelarmen schlesischen Dörfchen Steinseifersdorf niemand auch nur im Entferntesten denken konnte, hinkte sie über neunzig Jahre durchs Leben, und wie sie mir später einmal beim Betrachten von Jugendfotos sagte: „Jaja, das Lenla (schlesisch!) war ein hübsches Ding, aber wenn sie aufstand zum Tanz war’s vorbei.“ Als ältestes von neun Kindern ging sie früh aus dem Haus, also wohl mit vierzehn, „in Stellung“, und zwar sehr bald nach Berlin, wo sie später als Arbeiterin bei Siemens (Mitglied im Werkschor der „Siemens-Heimchen“) eine kleine Wohnung in der Lübecker Straße 26 mietete, Quergebäude 4. Stock. Da humpelte sie jahraus, jahrein hinauf und hinunter mit ihrem Stock. Dort nahm sie auch ihren alten Vater auf, den gleichfalls seit einem Unfall in jungen Jahren humpelnden (ein Knie war steif) Ferdinand Höhnisch, als dieser bald nach dem Tod seiner Frau anno 1929 sein armseliges Häuschen aufgab. Es war immer davon die Rede, er sei im Zusammenhang mit Straßenausbauten nach 1933 enteignet bzw. geringfügig entschädigt worden.
Der alte Mann – geb. 1860 – wurde allerdings zuerst herumgereicht im Kreise seiner zahlreichen Kinder, war einige Zeit in Lübeck bei dem jungen Ehepaar Paul und Annemarie Höhnisch, die schon zwei kleine Kinder hatten und wenig Geld, wohl auch kurz in Westfalen bei dem älteren Sohn Ernst, dann bei meinen Eltern in der klitzekleinen Pritzwalker-Straßen-Wohnung, schließlich beim Lenla in Stube und Küche. Meinen Großvater sehe ich mit intensiv blauen Augen vor mir, sein langer störrischer Bart und die Barttasse, die er benutzte, sind unvergessen (Inge mochte ihm als kleines Mädchen bei einem Besuch in Schlesien keinen Kuss geben und erläuterte es kurz und bündig: „Opa Bart, Oma nicht Bart“), vor allem natürlich seine vielgeliebten Butterschrippen mit einer Schicht Salz obenauf, Objekt immerwährenden Staunens. Er saß meistens in der Küche am Fenster, dem Himmel nah, — ob er überhaupt noch ausging? Ich weiß es nicht. Tante Lene war tagsüber ja „auf Arbeit“, aber eine Treppe höher wohnte auf der anderen Seite des Treppenabsatzes die jüngere Tochter Grete (natürlich Margarete) mit ihrem versoffenen Mann Erich Vaupel und den beiden Söhnen Ernst und Erwin. Da hatte der alte Mann sicherlich seine Abwechslung …
Zu Tante Lene ist noch zu sagen, dass sie es war, die all die jüngeren Geschwister nach Berlin holte, für sie einen Arbeitsplatz suchte – Tante Grete und Tante Luise waren „in Stellung“, die Jungens, jedenfalls Paul und Max, kamen zu einem Bäcker in die Lehre (in Siemensstadt) – mit vierzehn Jahren. Übergangsweise wohnten alle zuerst bei ihr, und für Tante Grete, die dann eine Friseurlehre schmiss, weil sie im Ersten Weltkrieg den feschen Hauptmann Vaupel kennen lernte und von ihm 1918 einen zunächst unehelichen Sohn bekam, besorgte sie wohl die Wohnung in der Lübecker Straße 26, dieselbe die wir dann nach 1945 bewohnten.
Wir kamen jedenfalls in meiner Kindheit regelmäßig zu Besuch, auch um die Ecke in die Stromstraße zum ältesten Bruder meines Vaters, Fritz Höhnisch, und seiner gleichfalls aus Schlesien stammenden Frau Paula geb. Holz, die älter war als er, geizig und stets krank, was offensichtlich von den Verwandten angezweifelt und als Mache abgetan wurde. Sie hatten eine Tochter Edith, die in den 40er Jahren schon verschwunden war, es hieß, sie sei ausgerissen. Ihre Eltern hatten für sie „das Beste“ gewollt, einen jungen, noch armen Assistenzarzt aus dem benachbarten Robert-Koch-Krankenhaus als Untermieter aufgenommen (in einer kleinen Zweizimmerwohnung!), für den Edith dann die Doktorarbeit tippte, ihm auch wohl sonst vom Vater zur Verfügung gestellt wurde, bis das Mädchen sich befreite. Oder hat der Mediziner das Weite gesucht? – Ich weiß es nicht. Onkel Fritz war mein Taufpate, ebenso wie mein Cousin Erwin Vaupel, den ich wie auch seine Braut Gerda Mellenthin sehr bewunderte, wahrscheinlich weil beide sich um mich kümmerten. Mir ist, als hätten sie mich auch einmal mit auf den Sportplatz genommen, denn Gerda war Kugelstoßerin und Erwin 100-m-Läufer. Er ist, kurz nachdem sein Vater Erich im Kurlandfeldzug ein Bein verlor, wie die stehende Redewendung hieß, bei einer Kampfhandlung im gleichen Gebiet vermisst gemeldet worden und niemals mehr wiedergekommen, was meine Tante Grete bis zu ihrem Ende im hohen Alter von über neunzig Jahren nicht verwinden konnte. Wir alle haben ihn sehr betrauert. Tante Grete hat nach dem Krieg alle Suchaktionen des Roten Kreuzes wahrgenommen und wohl gar noch gehofft, als Adenauer die letzten deutschen Kriegsgefangenen nach Deutschland holte. Ein Soldat hatte zu Protokoll gegeben, Erwin und er hätten, auf ihre Schnelligkeit vertrauend, bis zum letzten Moment am Geschütz ausgeharrt, seien dann geflohen, um einen Hügel herum, der eine links, der andere rechts, und der eine kam nicht durch, ward nie wieder gesehen.
Erika G.: Pritzwalker Straße 5
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