8 • Die Bekannten

Zu den vielen „Bekann­ten“ meiner Mutter gehörte in erster Linie Tante Anna. Woher kannte meine Mutter sie? Jeden­falls haben meine Eltern sich bei ihr kennen gelernt, denn sie wohnte damals im glei­chen Haus wie Vaters ältere Schwes­ter Frieda (die im Übri­gen als geis­tig minder bemit­telt galt) und war deren Schwä­ge­rin, denn Frieda und Anna hatten zwei Brüder, Deutsch­rus­sen, gehei­ra­tet : Hugo und Karl Goen­rich. Beide waren keine Geis­tes­leuch­ten, kaum des Deut­schen mäch­tig. Tante Anna, die ich mochte, obwohl sie mir immer etwas unheim­lich blieb in ihrer oft spöt­tisch-abschät­zi­gen Art, war dage­gen eine ganz helle, humor­volle Frau, stammte von der Nord­see, ihr Bruder war Leucht­turm­wär­ter auf Amrum, sie hatte etwas Spöken­kie­ke­ri­sches, legte Karten, und es kam mir immer so vor, als gehöre sie gar nicht zu jenem wort­kar­gen, eigen­bröt­le­ri­schen Karl Goen­rich im ewigen Blau­mann, der es über eine Portier­stelle und Klemp­ner­ar­bei­ten nicht hinaus brachte, so dass er mit seiner Frau und der bild­hüb­schen blond­lo­cki­gen Toch­ter Anne­liese, die densel­ben zart­rosa Teint wie viele Frie­sen und mithin ihre Mutter hatte, in einer unge­sun­den, vom Schim­mel befal­le­nen Keller­woh­nung in der Rathe­nower Straße lebte. Die modrige Luft, die einen umfing, wenn man die Stufen zur „Wohnung“ hinab­stieg, war indes­sen für mich ein Grund, tief durch­zu­at­men: ich liebte Keller­ge­ruch, was mir auch den Gang zum Luft­schutz­kel­ler erleich­terte! Tante Anna hatte eine Cousine in Amerika und bekam nach dem Krieg immer Care­pa­kete, wir nicht.

Eine ganz alte Freun­din meiner Mutter, noch aus ihrer Schul­zeit, war Frieda Gutt­mann, ein „Unglücks­wurm“, mit irgend­wie verkrüp­pel­ten Füßen gebo­ren (Vater Säufer, hieß es immer — als, wie wir heute wissen, falscher Erklä­rungs­ver­such). Stets in unför­mi­gen ortho­pä­di­schen Schu­hen steckend, mit Stock und vorste­hen­dem Gebiss, komi­schen Hüten, mir nicht geheuer, aber meine Mutter hing an ihr und pflegte den Kontakt auch nach dem Krieg weiter. Frieda sagte als einzige „Ewe“ zu meiner Mutter, wie sie in ihrer Kind­heit bei Bren­dels hieß.

Wen kann­ten wir noch: Wilma­now­skys in der Wils­na­cker Straße, wo in einem hellen Vorder­zim­mer um einen großen ovalen Tisch herum, wie wir ihn nicht besa­ßen, Rommé gespielt wurde, Fami­lie Jonas in der Rathe­nower Straße mit zwei Töch­tern in meinem Alter, Rose­ma­rie und Sigrid, deren Vater bei Stalin­grad vermisst wurde, in Gefan­gen­schaft geriet und erst mit den letz­ten deut­schen Solda­ten zurück­kehrte, während seine Frau sich inzwi­schen ander­wei­tig „bemannt“ hatte. Natür­lich Piedes in der Drey­se­straße, Irmchen – etwas älter als Traute – „Führe­rin“ beim BDM, und Christa, ein Mädchen in meinem Alter, deren Unfall­tod beim sommer­li­chen Baden in der Oder – es hieß, sie habe einen Herz­schlag erlit­ten: niemals also erhitzt und ohne vorhe­rige Benet­zung ins Wasser gehen! – mir über­aus schreck­lich und unwirk­lich erschien. Piedes waren es, die uns nach unse­rer Ausbom­bung als erste eine Unter­kunft boten, bis wir nach Lübeck abreis­ten. Dort wurde auch die deutsch­spra­chige Sendung von BBC gehört, trotz der BDM-Führe­rin im Hause! Dann: Gieselers – die Toch­ter besaß ein riesi­ges Puppen­haus, Objekt meines kaum verhüll­ten Neides.

Tante Hann­chen mit der kind­lich geblie­be­nen Stimme, die — wie Mutti nach ihrem Werks­un­fall — bei Siemens Büro- und Hilfs­ar­bei­ten verrich­tet und ihr treu verbun­den geblie­ben war. Sie hatte einen Schre­ber­gar­ten in Plöt­zen­see, wo wir sommers des Öfte­ren hingin­gen, auch Frau Jamrath war dabei, wie ein Foto bezeugt. Tante Hann­chens Mann hat sich nach einem Front­ur­laub, als er sich gebüh­rend verab­schie­det hatte und allein zur Bahn Jung­fern­heide gehen wollte, unter­wegs an einem Baum erhängt.

An sozia­len Kontak­ten fehlte es auch nicht im Hause Pritz­wal­ker Straße 5: Neben uns das ältere Ehepaar Baier. Hieran knüpft sich die herr­li­che Geschichte, wie Herr Baier, auf dem Klo sitzend, sich mit seinem Wellen­sit­tich in der Küche unter­hielt und meine Schwes­ter Traute, als sie aus der Schule kam und bei uns auf ihr Klin­geln hin niemand öffnete, gerade hörte, wie Herr Baier mit tiefer rauer Stimme rief: „Na warte, ich komme!“ Angst­hase, der sie war, ergriff sie die Flucht, meinte, es sei ein Einbre­cher in unse­rer Wohnung!

Weiter oben Hoff­schul­zens, die Frau aus Pommern, mit leuch­tend hellen durch­drin­gen­den Blau­au­gen, zwei Söhnen Manfred und Horst. Letz­te­rer war ein Jahr älter als ich, wir spiel­ten manch­mal zusam­men, zumal ich das Spiel­zeug von Jungen viel lieber mochte. Wir mach­ten auch Brett­spiele, die ich bei meiner Mutter schon kennen gelernt hatte, beson­ders wohl „Mensch, ärgere dich nicht“, wobei man natür­lich zählen musste, was mir nicht schwer fiel. Über­haupt wurde der Würfel zu meinem Zähl­maß. Denn, ohne dass ich es näher erklä­ren könnte, stellte ich mir auch bei Aufga­ben, die über die Sechs hinaus­reich­ten, stets die Augen auf einem Würfel vor und konnte addie­ren, wo Horst ins Schleu­dern kam. So, dass seine Mutter mich manch­mal wieder runter­schickte, weil ich ihm, der schon zur Schule ging (es muss also 1942/43 gewe­sen sein) bei seinen Haus­auf­ga­ben vorsagte. Frau Hoff­schulz, Elfriede mit Namen – aber damals duzten sich die Erwach­se­nen nicht so schnell wie heute – war eine patente und hilfs­be­reite Frau (die Ideo­lo­gie spielte viel­leicht auch eine Rolle: du bist nichts, dein Volk ist alles): Als meine Mutter im Herbst 1943 (?) eine Fehl­ge­burt erlitt (es wäre ein Bruder gewe­sen!), nahm Frau Hoff­schulz Traute und mich bei sich auf und umsorgte uns.

Dabei fällt mir übri­gens ein, dass ich die Schwan­ger­schaft meiner Mutter irgend­wie mitge­kriegt hatte, wiewohl es damals völlig unüb­lich war, klei­nere Kinder etwa mit einzu­be­zie­hen. Ich war eifer­süch­tig und weiß, dass ich einmal, als meine Mutter wohl auf das kommende Ereig­nis ange­spro­chen wurde, mich ganz fest an ihren Bauch presste, in der wohl­ver­stan­de­nen Absicht, diese „Beule“ zu besei­ti­gen, zurück­zu­drän­gen. Es wäre unwahr zu behaup­ten, ich hätte deswe­gen später Schuld­ge­fühle entwi­ckelt, aber es kam mir doch des Öfte­ren in den Sinn. Was wäre gewe­sen, wenn? Das arme Kind wäre in schlimme, heimat­lose Zeiten hinein­ge­bo­ren worden, in Hunger und Not. Und es hätte sicher­lich mein Nest­häk­chen-Dasein been­det, hätte seinen Teil bean­sprucht. Ganz oben wohnte die dunkel­äu­gige, dunkel­haa­rige und dunkel tein­tierte Frau Lehmann, die wegen ihrer Leibes­fülle schon damals etwas Matro­nen­haf­tes an sich hatte, im Übri­gen so sprach, wie wir es später von Genscher gehört haben, eben mit thürin­gi­schem Zungen­schlag. Sie konnte nähen und hat mir ein Kleid genäht, das von Anfang an zu groß war, wie auf einem Foto zu besich­ti­gen, das mich zusam­men mit meiner Mutter zeigt. Ihr Sohn Rudi war zu meiner Zeit schon aus dem Haus, d.h. Soldat, er war etwas älter als Inge und Traute. Von ihm ist die Anek­dote über­lie­fert, er habe bei einer Nach­er­zäh­lung in der Schule geschrie­ben „Da sackte der Teufel …“, was zu einem geflü­gel­ten Wort wurde. Frau Lehmanns Mann war beim KadeKo (Kaba­rett der Komi­ker) hinter den Kulis­sen tätig, ich weiß nur nicht mehr, ob dies Herr Lehmann war oder ihr zwei­ter Mann, Herr Rieger, der auf den Schlacht­fel­dern in Rumä­nien blieb. Frau Rieger, wie wir sie dann nann­ten, trafen wir nach dem Krieg wieder und verbrach­ten manchen Sommer­sonn­tag in ihrem Garten in Span­dau. Meine Eltern über­nach­te­ten auch dort, um das ganze Wochen­ende in der Natur zu verbrin­gen, bis mein Vater sich irgend­wann nach Meinung meiner Mutter etwas zuschul­den kommen ließ, als er einmal allein dort über­nach­tete, weil er verab­re­dungs­ge­mäß beim Umgra­ben gehol­fen hatte …

Erika G.: Pritz­wal­ker Straße 5
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