Zu den vielen „Bekannten“ meiner Mutter gehörte in erster Linie Tante Anna. Woher kannte meine Mutter sie? Jedenfalls haben meine Eltern sich bei ihr kennen gelernt, denn sie wohnte damals im gleichen Haus wie Vaters ältere Schwester Frieda (die im Übrigen als geistig minder bemittelt galt) und war deren Schwägerin, denn Frieda und Anna hatten zwei Brüder, Deutschrussen, geheiratet : Hugo und Karl Goenrich. Beide waren keine Geistesleuchten, kaum des Deutschen mächtig. Tante Anna, die ich mochte, obwohl sie mir immer etwas unheimlich blieb in ihrer oft spöttisch-abschätzigen Art, war dagegen eine ganz helle, humorvolle Frau, stammte von der Nordsee, ihr Bruder war Leuchtturmwärter auf Amrum, sie hatte etwas Spökenkiekerisches, legte Karten, und es kam mir immer so vor, als gehöre sie gar nicht zu jenem wortkargen, eigenbrötlerischen Karl Goenrich im ewigen Blaumann, der es über eine Portierstelle und Klempnerarbeiten nicht hinaus brachte, so dass er mit seiner Frau und der bildhübschen blondlockigen Tochter Anneliese, die denselben zartrosa Teint wie viele Friesen und mithin ihre Mutter hatte, in einer ungesunden, vom Schimmel befallenen Kellerwohnung in der Rathenower Straße lebte. Die modrige Luft, die einen umfing, wenn man die Stufen zur „Wohnung“ hinabstieg, war indessen für mich ein Grund, tief durchzuatmen: ich liebte Kellergeruch, was mir auch den Gang zum Luftschutzkeller erleichterte! Tante Anna hatte eine Cousine in Amerika und bekam nach dem Krieg immer Carepakete, wir nicht.
Eine ganz alte Freundin meiner Mutter, noch aus ihrer Schulzeit, war Frieda Guttmann, ein „Unglückswurm“, mit irgendwie verkrüppelten Füßen geboren (Vater Säufer, hieß es immer — als, wie wir heute wissen, falscher Erklärungsversuch). Stets in unförmigen orthopädischen Schuhen steckend, mit Stock und vorstehendem Gebiss, komischen Hüten, mir nicht geheuer, aber meine Mutter hing an ihr und pflegte den Kontakt auch nach dem Krieg weiter. Frieda sagte als einzige „Ewe“ zu meiner Mutter, wie sie in ihrer Kindheit bei Brendels hieß.
Wen kannten wir noch: Wilmanowskys in der Wilsnacker Straße, wo in einem hellen Vorderzimmer um einen großen ovalen Tisch herum, wie wir ihn nicht besaßen, Rommé gespielt wurde, Familie Jonas in der Rathenower Straße mit zwei Töchtern in meinem Alter, Rosemarie und Sigrid, deren Vater bei Stalingrad vermisst wurde, in Gefangenschaft geriet und erst mit den letzten deutschen Soldaten zurückkehrte, während seine Frau sich inzwischen anderweitig „bemannt“ hatte. Natürlich Piedes in der Dreysestraße, Irmchen – etwas älter als Traute – „Führerin“ beim BDM, und Christa, ein Mädchen in meinem Alter, deren Unfalltod beim sommerlichen Baden in der Oder – es hieß, sie habe einen Herzschlag erlitten: niemals also erhitzt und ohne vorherige Benetzung ins Wasser gehen! – mir überaus schrecklich und unwirklich erschien. Piedes waren es, die uns nach unserer Ausbombung als erste eine Unterkunft boten, bis wir nach Lübeck abreisten. Dort wurde auch die deutschsprachige Sendung von BBC gehört, trotz der BDM-Führerin im Hause! Dann: Gieselers – die Tochter besaß ein riesiges Puppenhaus, Objekt meines kaum verhüllten Neides.
Tante Hannchen mit der kindlich gebliebenen Stimme, die — wie Mutti nach ihrem Werksunfall — bei Siemens Büro- und Hilfsarbeiten verrichtet und ihr treu verbunden geblieben war. Sie hatte einen Schrebergarten in Plötzensee, wo wir sommers des Öfteren hingingen, auch Frau Jamrath war dabei, wie ein Foto bezeugt. Tante Hannchens Mann hat sich nach einem Fronturlaub, als er sich gebührend verabschiedet hatte und allein zur Bahn Jungfernheide gehen wollte, unterwegs an einem Baum erhängt.
An sozialen Kontakten fehlte es auch nicht im Hause Pritzwalker Straße 5: Neben uns das ältere Ehepaar Baier. Hieran knüpft sich die herrliche Geschichte, wie Herr Baier, auf dem Klo sitzend, sich mit seinem Wellensittich in der Küche unterhielt und meine Schwester Traute, als sie aus der Schule kam und bei uns auf ihr Klingeln hin niemand öffnete, gerade hörte, wie Herr Baier mit tiefer rauer Stimme rief: „Na warte, ich komme!“ Angsthase, der sie war, ergriff sie die Flucht, meinte, es sei ein Einbrecher in unserer Wohnung!
Weiter oben Hoffschulzens, die Frau aus Pommern, mit leuchtend hellen durchdringenden Blauaugen, zwei Söhnen Manfred und Horst. Letzterer war ein Jahr älter als ich, wir spielten manchmal zusammen, zumal ich das Spielzeug von Jungen viel lieber mochte. Wir machten auch Brettspiele, die ich bei meiner Mutter schon kennen gelernt hatte, besonders wohl „Mensch, ärgere dich nicht“, wobei man natürlich zählen musste, was mir nicht schwer fiel. Überhaupt wurde der Würfel zu meinem Zählmaß. Denn, ohne dass ich es näher erklären könnte, stellte ich mir auch bei Aufgaben, die über die Sechs hinausreichten, stets die Augen auf einem Würfel vor und konnte addieren, wo Horst ins Schleudern kam. So, dass seine Mutter mich manchmal wieder runterschickte, weil ich ihm, der schon zur Schule ging (es muss also 1942/43 gewesen sein) bei seinen Hausaufgaben vorsagte. Frau Hoffschulz, Elfriede mit Namen – aber damals duzten sich die Erwachsenen nicht so schnell wie heute – war eine patente und hilfsbereite Frau (die Ideologie spielte vielleicht auch eine Rolle: du bist nichts, dein Volk ist alles): Als meine Mutter im Herbst 1943 (?) eine Fehlgeburt erlitt (es wäre ein Bruder gewesen!), nahm Frau Hoffschulz Traute und mich bei sich auf und umsorgte uns.
Dabei fällt mir übrigens ein, dass ich die Schwangerschaft meiner Mutter irgendwie mitgekriegt hatte, wiewohl es damals völlig unüblich war, kleinere Kinder etwa mit einzubeziehen. Ich war eifersüchtig und weiß, dass ich einmal, als meine Mutter wohl auf das kommende Ereignis angesprochen wurde, mich ganz fest an ihren Bauch presste, in der wohlverstandenen Absicht, diese „Beule“ zu beseitigen, zurückzudrängen. Es wäre unwahr zu behaupten, ich hätte deswegen später Schuldgefühle entwickelt, aber es kam mir doch des Öfteren in den Sinn. Was wäre gewesen, wenn? Das arme Kind wäre in schlimme, heimatlose Zeiten hineingeboren worden, in Hunger und Not. Und es hätte sicherlich mein Nesthäkchen-Dasein beendet, hätte seinen Teil beansprucht. Ganz oben wohnte die dunkeläugige, dunkelhaarige und dunkel teintierte Frau Lehmann, die wegen ihrer Leibesfülle schon damals etwas Matronenhaftes an sich hatte, im Übrigen so sprach, wie wir es später von Genscher gehört haben, eben mit thüringischem Zungenschlag. Sie konnte nähen und hat mir ein Kleid genäht, das von Anfang an zu groß war, wie auf einem Foto zu besichtigen, das mich zusammen mit meiner Mutter zeigt. Ihr Sohn Rudi war zu meiner Zeit schon aus dem Haus, d.h. Soldat, er war etwas älter als Inge und Traute. Von ihm ist die Anekdote überliefert, er habe bei einer Nacherzählung in der Schule geschrieben „Da sackte der Teufel …“, was zu einem geflügelten Wort wurde. Frau Lehmanns Mann war beim KadeKo (Kabarett der Komiker) hinter den Kulissen tätig, ich weiß nur nicht mehr, ob dies Herr Lehmann war oder ihr zweiter Mann, Herr Rieger, der auf den Schlachtfeldern in Rumänien blieb. Frau Rieger, wie wir sie dann nannten, trafen wir nach dem Krieg wieder und verbrachten manchen Sommersonntag in ihrem Garten in Spandau. Meine Eltern übernachteten auch dort, um das ganze Wochenende in der Natur zu verbringen, bis mein Vater sich irgendwann nach Meinung meiner Mutter etwas zuschulden kommen ließ, als er einmal allein dort übernachtete, weil er verabredungsgemäß beim Umgraben geholfen hatte …
Erika G.: Pritzwalker Straße 5
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