9 • Die Geschäfte

Zurück zur Pritz­wal­ker Straße 5. Sie sieht heute ganz anders aus. Nicht nur, dass sie von Türken bewohnt wird, die meis­ten Häuser sind ja durch Neubau­ten ersetzt worden, der ganze Verlauf ist irgend­wie anders. Vor allem fehlt die guss­ei­serne Pumpe mit dem schö­nen geschwun­ge­nen und verschnör­kel­ten Griff, der gleich­falls schnör­ke­li­gen Schnute, aus der das Wasser herun­ter­lief, und das stei­nerne Auffang­be­cken, aus dem die Pferde trin­ken konn­ten. Denn man muss wissen, dass damals die Bier­kut­scher – an der Ecke Turm­straße war eine Kneipe, zu der es ein paar Stufen hoch ging – mit den dicken Bier­pfer­den zur Liefe­rung anrück­ten, auch die Müll­ab­fuhr kam sozu­sa­gen berit­ten. Da konnte man die Pferde, wenn sie gedul­dig warten muss­ten, auch mal mit dem umge­häng­ten Futter­ei­mer beim Mamp­fen beob­ach­ten. Außer­dem ließen sie natür­lich die inter­es­san­ten Pfer­de­äp­fel fallen, welche von manchen alten Leuten mit Besen und Schau­fel aufge­nom­men und als wert­vol­ler Dünger oder getrock­net als Heiz­zu­satz gesam­melt wurden. Bedürf­tige wie sie beob­ach­te­ten auch scharf­äu­gig, ob mal bei einem vorüber­fah­ren­den Kohlen­wa­gen ein paar Eier­koh­len oder ein Brikett herun­ter­fie­len. Flugs wurde es einge­sam­melt. Dies sind Szenen, die ich lebhaft vor Augen habe. Auch die Männer, die Press­koh­len liefer­ten, auf dem Rücken einen Holz­kas­ten, in den – womög­lich 1 Zent­ner ‑Kohlen­bri­ketts geschich­tet war, den sie dann im schlimms­ten Fall in eine Wohnung im 4. Stock tragen durf­ten, oder aber hinun­ter in einen Keller. Schwerst­ar­beit.

In den frühen vier­zi­ger Jahren spiel­ten wir noch auf der Straße, auch auf der Fahr­bahn, z.B. ganz brav mit einem klei­nen Holz­krei­sel (Trie­sel genannt, auch das Verb „trie­seln gehen“ war im Schwange), der durch eine außen herum gewun­dene Holz­schnur, die blitz­schnell mitsamt dem Trie­sel losge­las­sen werden musste, im Abrol­len der Schnur in Gang gesetzt wurde und dann mittels dieser an einem Stöck­chen befes­tig­ten Schnur mit geziel­ten Peit­schen­hie­ben am Trie­seln gehal­ten wurde. Natür­lich taten sich die Jungen dabei beson­ders hervor, ich wahr­lich nicht. Sie hatten auch, mir unver­ständ­lich, Inter­esse daran, den Kot von Hunden mittels Stöck­chen näher zu unter­su­chen.

Zu den Geschäf­ten in unse­rer Pritz­wal­ker Straße: Gleich nebenan zur Turm­straße hin gab es das Milch­ge­schäft von Frau Petau. Es ist inso­fern erwäh­nens­wert, weil Milch damals „lose“ verkauft wurde. Man kam mit einem Milch­be­häl­ter (meist aus Blech) mit einem dicken, abklapp­ba­ren Draht­hen­kel über dem abnehm­ba­ren Deckel zu Frau Petau, die dann die gewünschte Menge Milch mit Hilfe von verschie­de­nen Maßbe­chern (1/2 Liter, 1 Liter) an langem Stiel aus dem großen, im Laden­tisch inte­grier­ten Behäl­ter mit loser Milch schöpfte. Es gab Voll­milch, Mager­milch und Molke. Es wurden auch Käse und Butter verkauft, letz­tere auch lose, d.h. sie wurde mit einem hölzer­nen Spach­tel von einem großen Butter­berg abge­schnit­ten und fach­frau­lich zu einem recht­ecki­gen Stück zurecht­ge­klopft, wie man es heute noch bei Deli­ka­tess­ge­schäf­ten wie Lind­ner erle­ben kann.

Weiter zur Drey­se­straße hin resi­dierte der Schus­ter. Herr Reise war meiner Erin­ne­rung nach ein sehr alter Mann, der, mit einer Schürze ange­tan, auf einem nied­ri­gen Sche­mel saß, vor sich einen klei­nen, eben­falls nied­ri­gen Tisch mit unzäh­li­gen Feilen, Hämmern, Messern, Sticheln, Garnen, Ahlen, Nägeln zumal aller Größen, und vor allem Leder­stü­cken verschie­dens­ter Farben und Größen, dazu auch Öle und Fette und Leim. Ein eigen­tüm­li­cher Geruch umgab diesen fast höhlen­ar­tig wirken­den Ort. Damals trug man Schuhe mit Leder­soh­len, und es kam regel­mä­ßig vor, dass Schuhe neu besohlt werden muss­ten. Im Vorder­haus wohnte im Keller (!), heute würde man sagen im Souter­rain, eine Fami­lie Kupka aus Schle­sien, deren gleich­alt­rige Toch­ter meine Spiel­ge­fähr­tin war. Ganz groß in Mode auch damals: das Verklei­den mit abge­leg­ten Sachen der Erwach­se­nen, die Mädchen spiel­ten beson­ders gern „feine Dame“, trip­pel­ten möglichst auf Zehen­spit­zen umher, als hätten sie hoch­ha­ckige Schuhe an, das Schmin­ken war noch nicht so verbrei­tet, kam aber vor. Eines Tages liefen wir völlig verstört und verängs­tigt die Stufen zur Wohnung hinab, weil der Ruf erscholl: „Die Zigeu­ner kommen!“ Sie stan­den in dem Ruf, Kinder „mitzu­neh­men“, viel­leicht gar solche beson­ders gern, die sich kostü­mier­ten wie wir! Entset­zen! Wir krochen unter den Tisch, denn die vermut­lich betteln­den Frauen blick­ten aufdring­lich und fordernd durch das halb hohe Fens­ter hinein und hinun­ter. Es wundert mich, denn man würde heute ja vermu­ten, dass die Volks­gruppe der Zigeu­ner längst im KZ verschwun­den war. Offen­bar bis etwa 1942/43 noch nicht. Wer aller­dings verschwand, war ein unschein­ba­rer klei­ner buck­li­ger Mann, der im Vorder­haus Hoch­par­terre in einer „Kochstube“ hauste, „den haben sie abge­holt“, hieß es. Er soll Kommu­nist gewe­sen sein, viel­leicht galt er auch seines Buckels wegen, der uns Kindern so unheim­lich war, als „lebens­un­wert“? Dieses Krite­rium traf ja sogar auf die Schwes­ter unse­rer so „hundert­pro­zen­ti­gen“ Frau Hoff­schulz zu, wie wir bei einem Besuch in Köslin – auf dem Weg zu einem Sommer­auf­ent­halt in Pommern bei der Fami­lie Post (Kriegs­ka­me­rad meines Vaters) – fest­stel­len muss­ten. Denn dieses schwach­sin­nige halb­erwach­sene Kind wurde von der Fami­lie versteckt, um es vor dem Abge­holt­wer­den zu schüt­zen – das musste Elfriede in Berlin mit ihrer Führer­be­geis­te­rung irgend­wie zu verein­ba­ren suchen.

Erika G.: Pritz­wal­ker Straße 5
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