Zurück zur Pritzwalker Straße 5. Sie sieht heute ganz anders aus. Nicht nur, dass sie von Türken bewohnt wird, die meisten Häuser sind ja durch Neubauten ersetzt worden, der ganze Verlauf ist irgendwie anders. Vor allem fehlt die gusseiserne Pumpe mit dem schönen geschwungenen und verschnörkelten Griff, der gleichfalls schnörkeligen Schnute, aus der das Wasser herunterlief, und das steinerne Auffangbecken, aus dem die Pferde trinken konnten. Denn man muss wissen, dass damals die Bierkutscher – an der Ecke Turmstraße war eine Kneipe, zu der es ein paar Stufen hoch ging – mit den dicken Bierpferden zur Lieferung anrückten, auch die Müllabfuhr kam sozusagen beritten. Da konnte man die Pferde, wenn sie geduldig warten mussten, auch mal mit dem umgehängten Futtereimer beim Mampfen beobachten. Außerdem ließen sie natürlich die interessanten Pferdeäpfel fallen, welche von manchen alten Leuten mit Besen und Schaufel aufgenommen und als wertvoller Dünger oder getrocknet als Heizzusatz gesammelt wurden. Bedürftige wie sie beobachteten auch scharfäugig, ob mal bei einem vorüberfahrenden Kohlenwagen ein paar Eierkohlen oder ein Brikett herunterfielen. Flugs wurde es eingesammelt. Dies sind Szenen, die ich lebhaft vor Augen habe. Auch die Männer, die Presskohlen lieferten, auf dem Rücken einen Holzkasten, in den – womöglich 1 Zentner ‑Kohlenbriketts geschichtet war, den sie dann im schlimmsten Fall in eine Wohnung im 4. Stock tragen durften, oder aber hinunter in einen Keller. Schwerstarbeit.
In den frühen vierziger Jahren spielten wir noch auf der Straße, auch auf der Fahrbahn, z.B. ganz brav mit einem kleinen Holzkreisel (Triesel genannt, auch das Verb „trieseln gehen“ war im Schwange), der durch eine außen herum gewundene Holzschnur, die blitzschnell mitsamt dem Triesel losgelassen werden musste, im Abrollen der Schnur in Gang gesetzt wurde und dann mittels dieser an einem Stöckchen befestigten Schnur mit gezielten Peitschenhieben am Trieseln gehalten wurde. Natürlich taten sich die Jungen dabei besonders hervor, ich wahrlich nicht. Sie hatten auch, mir unverständlich, Interesse daran, den Kot von Hunden mittels Stöckchen näher zu untersuchen.
Zu den Geschäften in unserer Pritzwalker Straße: Gleich nebenan zur Turmstraße hin gab es das Milchgeschäft von Frau Petau. Es ist insofern erwähnenswert, weil Milch damals „lose“ verkauft wurde. Man kam mit einem Milchbehälter (meist aus Blech) mit einem dicken, abklappbaren Drahthenkel über dem abnehmbaren Deckel zu Frau Petau, die dann die gewünschte Menge Milch mit Hilfe von verschiedenen Maßbechern (1/2 Liter, 1 Liter) an langem Stiel aus dem großen, im Ladentisch integrierten Behälter mit loser Milch schöpfte. Es gab Vollmilch, Magermilch und Molke. Es wurden auch Käse und Butter verkauft, letztere auch lose, d.h. sie wurde mit einem hölzernen Spachtel von einem großen Butterberg abgeschnitten und fachfraulich zu einem rechteckigen Stück zurechtgeklopft, wie man es heute noch bei Delikatessgeschäften wie Lindner erleben kann.
Weiter zur Dreysestraße hin residierte der Schuster. Herr Reise war meiner Erinnerung nach ein sehr alter Mann, der, mit einer Schürze angetan, auf einem niedrigen Schemel saß, vor sich einen kleinen, ebenfalls niedrigen Tisch mit unzähligen Feilen, Hämmern, Messern, Sticheln, Garnen, Ahlen, Nägeln zumal aller Größen, und vor allem Lederstücken verschiedenster Farben und Größen, dazu auch Öle und Fette und Leim. Ein eigentümlicher Geruch umgab diesen fast höhlenartig wirkenden Ort. Damals trug man Schuhe mit Ledersohlen, und es kam regelmäßig vor, dass Schuhe neu besohlt werden mussten. Im Vorderhaus wohnte im Keller (!), heute würde man sagen im Souterrain, eine Familie Kupka aus Schlesien, deren gleichaltrige Tochter meine Spielgefährtin war. Ganz groß in Mode auch damals: das Verkleiden mit abgelegten Sachen der Erwachsenen, die Mädchen spielten besonders gern „feine Dame“, trippelten möglichst auf Zehenspitzen umher, als hätten sie hochhackige Schuhe an, das Schminken war noch nicht so verbreitet, kam aber vor. Eines Tages liefen wir völlig verstört und verängstigt die Stufen zur Wohnung hinab, weil der Ruf erscholl: „Die Zigeuner kommen!“ Sie standen in dem Ruf, Kinder „mitzunehmen“, vielleicht gar solche besonders gern, die sich kostümierten wie wir! Entsetzen! Wir krochen unter den Tisch, denn die vermutlich bettelnden Frauen blickten aufdringlich und fordernd durch das halb hohe Fenster hinein und hinunter. Es wundert mich, denn man würde heute ja vermuten, dass die Volksgruppe der Zigeuner längst im KZ verschwunden war. Offenbar bis etwa 1942/43 noch nicht. Wer allerdings verschwand, war ein unscheinbarer kleiner buckliger Mann, der im Vorderhaus Hochparterre in einer „Kochstube“ hauste, „den haben sie abgeholt“, hieß es. Er soll Kommunist gewesen sein, vielleicht galt er auch seines Buckels wegen, der uns Kindern so unheimlich war, als „lebensunwert“? Dieses Kriterium traf ja sogar auf die Schwester unserer so „hundertprozentigen“ Frau Hoffschulz zu, wie wir bei einem Besuch in Köslin – auf dem Weg zu einem Sommeraufenthalt in Pommern bei der Familie Post (Kriegskamerad meines Vaters) – feststellen mussten. Denn dieses schwachsinnige halberwachsene Kind wurde von der Familie versteckt, um es vor dem Abgeholtwerden zu schützen – das musste Elfriede in Berlin mit ihrer Führerbegeisterung irgendwie zu vereinbaren suchen.
Erika G.: Pritzwalker Straße 5
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