Im Vorderhaus wohnte auch der Hausbesitzer Ensconatus, dessen Frau mir als gütige weißhaarige Dame in Erinnerung ist, wahrscheinlich auch wegen der Episode mit dem Fünf-Mark-Stück! Damals zahlte man seine Miete direkt in bar beim Vermieter. Meine Mutter stieg mit mir also die Treppen hoch zu Frau Ensconatus im Vorderhaus. Wir saßen an einem großen runden Tisch, denn die Bezahlung wurde in einem Mietbüchlein vermerkt und per Unterschrift beglaubigt, als ich von dem abgezählten Geld — die Summe endete auf 5 – eben jenes Fünfmarkstück, das vermutlich so schön glänzte, an mich nahm, damit rumspielte, bis es mir entglitt und prompt in die verschnörkelte ebenerdige Abdeckung des großen Kachelofens rollte. Es war für meine Mutter ein kleines Drama, denn das Geldstück war nicht wieder hervorzuholen. Wahrscheinlich ist es dann, als das Haus niederbrannte, dahingeschmolzen. Ich glaube, Frau Ensconatus erließ meiner Mutter aber ein Ersatzstück, kannte sie doch unsere, wie man heute sagen würde, prekären Lebensverhältnisse. Denn meine Eltern hatten hier einst als „Portiersleute“, heute: Hausmeister, begonnen und waren auch durch Vatis Stelle als Justizwachtmeister nicht unbedingt aus dem Schneider.
Natürlich waren für mich die Umtriebe meiner älteren Schwester Traute von hohem Interesse, konnte sie doch Rollschuhe laufen, was sich in der asphaltierten Dreysestraße abspielte, wobei auch „große Jungs“ mitmachten und offenbar die Würze des Ganzen darstellten. Dazu gehörte z.B. Karl-Heinz Zemke genannt Kalle, auch Ulrich Brommont aus der Thomasiusstraße (der später bei Kriegsende als Hitlerjunge Dienst auf dem Zoobunker tat, von dort nach Sibirien verschleppt wurde und bis zur Unkenntlichkeit aufgeschwemmt erst in den 50er Jahren heimkehrte). Man ging auch gern mal „zum Italiener“ in die Eisdiele Zyliax in der Wilsnacker Straße, möglichst mit den Rollen unter den Füßen, und aß an den kleinen Marmortischchen köstliches Eis, dessen Zubereitung man neugierig bestaunte. Die kleine Schwester durfte mehr geduldet als eingeladen dabei sein. Helga Rietz natürlich! Trautes Schulfreundin wohnte in der Dreysestraße direkt gegenüber der Einmündung unserer Pritzwalker Straße, auch auf dem Hof. Ihre Mutter war geschieden und schlug sich als Arbeiterin bei Knorr durch. Sie hatte kriegsbedingt häufig Nachtschicht, so auch an jenem unglückseligen 21. November 1943, als wir alle ausgebombt wurden. Helga war bei Alarm (auf Hausschuhen!) zu uns herüber geeilt, was ihr womöglich das Leben gerettet hat, denn unser Haus wurde im Gegensatz zu ihrem noch nicht getroffen. (Erst in der folgenden Nacht brannte es ab, still und heftig, angesteckt von den Nachbarhäusern, auch ohne Treffer.) Helga und ihrer abwesenden Mutter war buchstäblich nichts geblieben als das, was sie auf dem Leibe trugen.
Aber gemach: Vorher hatten sie mich alle beide häufig „hochgenommen“, mich ins Bockshorn gejagt, mir Angst gemacht! Einmal hatten sie auf dem unbeleuchteten Zwischenflur außen am Schrank einen Mantel meines Vaters aufgehängt, über dem Bügel irgendwie seinen Hut platziert, dann schickten sie mich etwas holen, und ich musste im Halbdunkel daran vorbei, was mich planmäßig erschreckte, entsetzte, wahrscheinlich zu schnellerem Schritt und den erwarteten Schreien veranlasste. Meine große Schwester war mir jedoch genauso liebevoll zugetan wie ich ihr, was sich nicht zuletzt auch darin erwies, dass sie mir von ihrer ersten Verschickung nach Langenried in Sachsen eine wundersame Metallmaus zum Aufziehen mitbrachte. Angetan mit einem roten Filzhöschen, begabt mit beweglichen Gliedern ähnlich einer Mickymaus, was sie zu erstaunlichen Purzelbäumen befähigte, kurz sie konnte, vielmals bewundert, „Kabolz“ (Kobolz) schießen. Diese Maus hatte Trautchen, damals wohl 11 oder 12 Jahre alt, der viel kleineren, vielleicht fünfjährigen Tochter ihrer Wirtsfamilie „abgebammt“, will sagen durch eine List abgewonnen, die an das Märchen vom Hasen und dem Igel erinnert. Trautchen schlug nämlich einen Wettlauf vor, den sie unweigerlich gewinnen musste, und das arme kleine Mädchen händigte brav die vereinbarte Prämie aus.
Erika G.: Pritzwalker Straße 5
01 | 02 | 03 | 04 | 05 | 06 | 07 | 08 | 09 | 10 | 11 | 12 | 13

Schreibe den ersten Kommentar