10 • Rollschuhlaufen und Eis essen

Im Vorder­haus wohnte auch der Haus­be­sit­zer Ensco­na­tus, dessen Frau mir als gütige weiß­haa­rige Dame in Erin­ne­rung ist, wahr­schein­lich auch wegen der Episode mit dem Fünf-Mark-Stück! Damals zahlte man seine Miete direkt in bar beim Vermie­ter. Meine Mutter stieg mit mir also die Trep­pen hoch zu Frau Ensco­na­tus im Vorder­haus. Wir saßen an einem großen runden Tisch, denn die Bezah­lung wurde in einem Miet­büch­lein vermerkt und per Unter­schrift beglau­bigt, als ich von dem abge­zähl­ten Geld — die Summe endete auf 5 – eben jenes Fünf­mark­stück, das vermut­lich so schön glänzte, an mich nahm, damit rumspielte, bis es mir entglitt und prompt in die verschnör­kelte eben­erdige Abde­ckung des großen Kachel­ofens rollte. Es war für meine Mutter ein klei­nes Drama, denn das Geld­stück war nicht wieder hervor­zu­ho­len. Wahr­schein­lich ist es dann, als das Haus nieder­brannte, dahin­ge­schmol­zen. Ich glaube, Frau Ensco­na­tus erließ meiner Mutter aber ein Ersatz­stück, kannte sie doch unsere, wie man heute sagen würde, prekä­ren Lebens­ver­hält­nisse. Denn meine Eltern hatten hier einst als „Portiers­leute“, heute: Haus­meis­ter, begon­nen und waren auch durch Vatis Stelle als Justiz­wacht­meis­ter nicht unbe­dingt aus dem Schnei­der.

Natür­lich waren für mich die Umtriebe meiner älte­ren Schwes­ter Traute von hohem Inter­esse, konnte sie doch Roll­schuhe laufen, was sich in der asphal­tier­ten Drey­se­straße abspielte, wobei auch „große Jungs“ mitmach­ten und offen­bar die Würze des Ganzen darstell­ten. Dazu gehörte z.B. Karl-Heinz Zemke genannt Kalle, auch Ulrich Brom­mont aus der Thoma­si­us­straße (der später bei Kriegs­ende als Hitler­junge Dienst auf dem Zoobun­ker tat, von dort nach Sibi­rien verschleppt wurde und bis zur Unkennt­lich­keit aufge­schwemmt erst in den 50er Jahren heim­kehrte). Man ging auch gern mal „zum Italie­ner“ in die Eisdiele Zyliax in der Wils­na­cker Straße, möglichst mit den Rollen unter den Füßen, und aß an den klei­nen Marmor­tisch­chen köst­li­ches Eis, dessen Zube­rei­tung man neugie­rig bestaunte. Die kleine Schwes­ter durfte mehr gedul­det als einge­la­den dabei sein. Helga Rietz natür­lich! Trau­tes Schul­freun­din wohnte in der Drey­se­straße direkt gegen­über der Einmün­dung unse­rer Pritz­wal­ker Straße, auch auf dem Hof. Ihre Mutter war geschie­den und schlug sich als Arbei­te­rin bei Knorr durch. Sie hatte kriegs­be­dingt häufig Nacht­schicht, so auch an jenem unglück­se­li­gen 21. Novem­ber 1943, als wir alle ausge­bombt wurden. Helga war bei Alarm (auf Haus­schu­hen!) zu uns herüber geeilt, was ihr womög­lich das Leben geret­tet hat, denn unser Haus wurde im Gegen­satz zu ihrem noch nicht getrof­fen. (Erst in der folgen­den Nacht brannte es ab, still und heftig, ange­steckt von den Nach­bar­häu­sern, auch ohne Tref­fer.) Helga und ihrer abwe­sen­den Mutter war buch­stäb­lich nichts geblie­ben als das, was sie auf dem Leibe trugen.

Aber gemach: Vorher hatten sie mich alle beide häufig „hoch­ge­nom­men“, mich ins Bocks­horn gejagt, mir Angst gemacht! Einmal hatten sie auf dem unbe­leuch­te­ten Zwischen­flur außen am Schrank einen Mantel meines Vaters aufge­hängt, über dem Bügel irgend­wie seinen Hut plat­ziert, dann schick­ten sie mich etwas holen, und ich musste im Halb­dun­kel daran vorbei, was mich plan­mä­ßig erschreckte, entsetzte, wahr­schein­lich zu schnel­le­rem Schritt und den erwar­te­ten Schreien veran­lasste. Meine große Schwes­ter war mir jedoch genauso liebe­voll zuge­tan wie ich ihr, was sich nicht zuletzt auch darin erwies, dass sie mir von ihrer ersten Verschi­ckung nach Langen­ried in Sach­sen eine wunder­same Metall­maus zum Aufzie­hen mitbrachte. Ange­tan mit einem roten Filz­hös­chen, begabt mit beweg­li­chen Glie­dern ähnlich einer Micky­maus, was sie zu erstaun­li­chen Purzel­bäu­men befä­higte, kurz sie konnte, viel­mals bewun­dert, „Kabolz“ (Kobolz) schie­ßen. Diese Maus hatte Traut­chen, damals wohl 11 oder 12 Jahre alt, der viel klei­ne­ren, viel­leicht fünf­jäh­ri­gen Toch­ter ihrer Wirts­fa­mi­lie „abgeb­ammt“, will sagen durch eine List abge­won­nen, die an das Märchen vom Hasen und dem Igel erin­nert. Traut­chen schlug nämlich einen Wett­lauf vor, den sie unwei­ger­lich gewin­nen musste, und das arme kleine Mädchen händigte brav die verein­barte Prämie aus.

Erika G.: Pritz­wal­ker Straße 5
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