11 • Ballett und Führerkorso

Recht fern noch blieb mir in dieser Zeit, nur wahr­ge­nom­men als eine Beson­der­heit meiner Schwes­tern, die sie von ande­ren Mädchen unter­schied, der Ballett­un­ter­richt der beiden. Ota, bei der Inge seit ihrem vier­ten Lebens­jahr lebte, hatte für sie eine Aufnahme ins Kinder­bal­lett der Staats­oper ins Auge gefasst, und Inge bestand die Prüfung mit Bravour. Ihre Auftritte als Sarot­ti­mohr und derglei­chen lagen weit vor meiner Geburt, man sprach viel­leicht noch gele­gent­lich davon, auch von den dama­li­gen Stars der Ballett­bühne wie den Geschwis­tern Höpf­ner, Margo Ufer, Daisy Spies, Namen, die sich mir einpräg­ten. Kurz vor der Zerstö­rung des Deut­schen Opern­hau­ses in der Bismarck­straße besuch­ten wir noch 1943 einen Ballett­abend, der, wie das Programm ausweist, eine Nach­mit­tags­vor­stel­lung war – wegen des allabend­lich drohen­den Bomben­alarms. Ein Fall, für den man verpflich­tet wurde, den Anwei­sun­gen des Logen­schlie­ßers zu folgen und die Schutz­räume aufzu­su­chen. Ich habe noch eine vage Erin­ne­rung an die moderne Innen­aus­stat­tung des Zuschau­er­raums, helles Holz und wunder­schöne hell­blaue Samt­sitze. Von den Tanz­dar­bie­tun­gen sind mir, glaube ich, nur die besag­ten Geschwis­ter Höpf­ner in schwe­ben­der Tüll­erin­ne­rung. Traute durfte, als sie 13 war, auch Tanz­un­ter­richt nehmen, was für sie ebenso wie für Inge Anlass genug war, das BDM zu schwän­zen bzw. sich befreien zu lassen.

Nach dem Frank­reich­feld­zug fuhr Inge – eine kleine Fami­li­en­sen­sa­tion – mit dem Ballett der Staats­oper nach Paris zu Auffüh­run­gen in der Grand Opéra im Rahmen des Front­thea­ters und brachte mir zwei Paar elegante Kinder­schuhe mit, wie es sie in Berlin über­haupt nicht gab: einmal schwarze Lack­schuhe, einmal weiße Sommer­schuhe. Beide pass­ten mir nicht und sind mit allem ande­ren 1943 verbrannt. Aber auch wenn ich sie nie trug, waren sie mir doch wich­tig und einma­lig. Was ich damals nicht erfuhr oder nicht rich­tig spei­cherte, war die Tatsa­che, dass Inge gut 14-jährig bei einer ande­ren Front­thea­ter­tour­nee im hohen Norden, nämlich in Rovaniemi/Finnland ster­bens­krank darnie­der­lag: Kopf­grippe mit Fieber über 40 Grad. Phan­ta­sien und große Einsam­keit, denn man hatte sie allein in einem Laza­rett zurück­ge­las­sen, alle ande­ren waren schon heim­ge­kehrt, nur eine Garde­ro­biere wurde abge­stellt, bei ihr zu blei­ben.

Die Bomben­an­griffe und Gänge in den Luft­schutz­kel­ler habe ich selt­sa­mer­weise in gar nicht so schreck­li­cher Erin­ne­rung. Es war irgend­wie span­nend und wohlig unheim­lich, die modrige Keller­luft mochte ich sowieso und sog sie fast lust­voll ein. Doch entsinne ich mich, wie froh ich zum gestirn­ten Himmel aufblickte, wenn wir nach der Entwar­nung – ein Ton, der mir denn doch ebenso wie der heulende Alarm, auch noch nach dem Krieg, fast das Blut in den Adern gerin­nen ließ – vom Keller im Vorder­haus über den Hof zurück zu unse­rem Aufgang gingen. Im Keller selbst saßen alle Haus­be­woh­ner zusam­men­ge­pfercht auf Stüh­len oder Bänken mit den nötigs­ten Habse­lig­kei­ten in Koffern und Doku­men­ten in Taschen, die jeder stän­dig gepackt und griff­be­reit in seiner Wohnung stehen hatte. Als das erste Haus in unse­rer Umge­bung getrof­fen worden war, wander­ten wir übri­gens alle neugie­rig zur Bandel­straße und bestaun­ten die Ruine.

Aus meinen frühen Jahren muss die Erin­ne­rung stam­men an das Erleb­nis eines Führer­kor­sos. Viel­leicht war es der zu seinem 50. Geburts­tag im April 1939, viel­leicht aber auch – wohl wahr­schein­li­cher, weil mein Vater nicht dabei war, da schon im Krieg – der trium­phale Zug nach erfolg­rei­chem Blitz­krieg im Westen anno 1940. Wir waren zum Großen Stern (Sieges­säule) gepil­gert, wo wir über­haupt häufig hingin­gen und ich wie alle Kinder gern mit dem Finger über die große Zehe am Bismarck­denk­mal fuhr, die schon ganz blank war vom vielen Anfas­sen. Aus Anlass der Sieges­feier hatten sich Tausende entlang der Route aufge­baut. Wir stan­den in der Nähe eines Abgangs zur Unter­füh­rung. Manche Leute hatten Leitern mitge­bracht, um das Spek­ta­kel von oben über­bli­cken zu können, was mich sehr verwun­derte. Ich wurde wohl auf dem Arm gehal­ten, wie mir scheint. Die Aufge­regt­heit der Menge teilte sich auch mir als Klein­kind mit. Viel gese­hen werde ich wohl nicht haben können.

In unse­rem Flur hing übri­gens ein Porträt­foto von Adolf Hitler, nicht sehr groß, Stan­dard in fast allen Wohnun­gen. Hinzu kam, dass mein Vater Anfang der 30er Jahre Mitglied der SA gewe­sen war. Meine Schwes­ter Traute hat ihn, wie sie selbst bezeugt, in voller Montur gese­hen, als er sich zum Ausge­hen fertig­machte. Da sie noch sehr klein war und nur vom Hören ein paar Brocken Poli­tik aufge­fasst hatte, äußerte sie nase­weis: „Nu ist der Kommu­nist fertig!“ sehr zum Ärger meines Vaters, der in jungen Jahren leicht jähzor­nig wurde. Beson­ders Traut­chen hatte darun­ter zu leiden. Es wurde immer berich­tet, er habe sie einmal mit der Weih­nachts­mann­rute blutig geschla­gen … meine Mutter habe ihn dann zum Einhal­ten bewegt. Mir blie­ben solche Erleb­nisse erspart, da mein Vater ja im Krieg war!

In der Nacht vor unse­rer eige­nen Ausbom­bung erleb­ten wir, aus dem Keller herauf­ge­kom­men, wie es um uns herum brannte: schräg über den Hof erblickte man, seit­lich am vorge­schrie­be­nen Verdunk­lungs­rollo vorbei, die in phan­tas­ti­schen Farben (Phos­phor-Bomben!) züngeln­den Flam­men in umlie­gen­den Häusern. Zum Löschen – verge­bene Liebes­müh! – hatte man auch aus unse­rem Haus alle verfüg­ba­ren Eimer geholt: Auf jeder Etage stan­den nämlich ein mit Wasser und ein mit Sand gefüll­ter Eimer parat. Nun hatten wir in der folgen­den Nacht selbst gar nichts mehr, aller­dings gaben auch die Pumpen auf der Straße nichts mehr her.

Erika G.: Pritz­wal­ker Straße 5
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