In jener Nacht vom 21. auf den 22. November 1943 (dem 40. Geburtstag meiner Mutter) kamen wir aus dem Luftschutzkeller zurück in die Wohnung, und kurz darauf hieß es, wir sollten alle „vorsichtshalber“ das Haus räumen, da es im Dachstuhl anfange zu brennen, angesteckt vom Nachbarhaus und dem Funkenflug. Man versuche zu löschen. Auch unser Hausbesitzer mit dem schönen Namen eines Humanisten – Ensconatus – verließ mit uns das Haus, ein alter Herr und Nazi mit Parteiabzeichen, völlig verwirrt. Seine Frau war in Stralsund, um der gleichfalls gerade ausgebombten Tochter beizustehen, die ein Baby zu versorgen hatte. Herr Ensconatus hockte mit mir im Funkenregen an der Ecke Pritzwalker / Turmstraße auf bzw. neben ein paar planlos rausgeschleppten Gegenständen, ein Vogelbauer war dabei und eine Käseglocke mit Harzer Käse! Dazu Decken und Betten: meine Mutter lief immer wieder hinein, um noch etwas zu holen. Im ersten Schock hatten wir nicht einmal die sonst für den Kellergang routinemäßig ergriffenen Koffer, Taschen, meinen Schulranzen usw. mitgenommen, denn es sollte ja angeblich nur für ein paar Stunden sein. Meine Mutter erzählte später immer, sie habe, anstatt das ganze Schubfach mit dem Besteckkasten herauszuziehen, wie in Trance für jeden von uns Löffel, Gabel, Messer, Teelöffel zusammengesucht … Als sie irgendwann Bettzeug aus dem Hinterhaus herausschleppte, während das Feuer im Vorderhaus schon viel weiter nach unten vorgedrungen war, so dass glühende Holzstücke und dicke Funken umherflogen, als sie durch den Hausflur lief, hat ein Mann sie durch seinen Zuruf und Zugriff gerettet, denn er sah, dass ihr Schal im Begriff stand Feuer zu fangen, was sofort auf das Federbett übergegriffen hätte.
„Frau“, rief er, „Sie brennen ja gleich!“ Die Hitlerjugend war eingesetzt, beim Evakuieren der Bewohner zu helfen. Tags darauf standen auf der Straße und in den Hausfluren der – wenigen – unversehrt gebliebenen Häuser Möbelstücke und Matratzen herum, jeder konnte schauen, ob ihm etwas gehörte. Uns natürlich nicht, denn bis zu den Hinteraufgängen sind die Jungs verständlicherweise nicht vorgedrungen. Es wehte ein feuriger Wind an der Ecke Turmstraße, alle Welt war in Aufruhr. Irgendwann kam die Meldung, wir könnten im benachbarten Kriminalgericht Aufnahme finden. Die Kellergewölbe wurden geöffnet, Decken verteilt, man lag auf dem Fliesenboden, bildete Grüppchen. Aus großen Kisten, noch in Holzwolle verpackt, kamen nagelneue gläserne Nachttöpfe zutage, die ausgespült und zweckentfremdet wurden, um die in Kübeln angelieferte Erbsensuppe aufzunehmen. Die NS-Frauenschaft und wer sonst noch beteiligt war hatten ihre Organisation im Griff! In den Gewölben des Gerichts war es mitnichten finster, vielmehr ist mir der Aufenthalt so in Erinnerung, als hätten wir dauernd unter hellster, ja grellster Beleuchtung gelebt und geschlafen. Wie lange waren wir wohl dort?
Die meisten Betroffenen fingen schon am nächsten Tag an, bei Verwandten, Freunden und Bekannten nach einer Unterkunft Ausschau zu halten. Zuerst aber zog es alle und jeden zu dem „Haus“, das es nur noch als Ruine gab, als müsste man sich vergewissern, dass es wirklich nicht mehr existierte, dass da nur noch ein metallenes Bettgestell, in einen Mauervorsprung verkeilt, an der ausgebrannten Wand hing oder ein paar Steintöpfe mit eingelegten Gurken im gemauerten Fensterschrank standen, dessen Holztüren natürlich verkohlt und herausgefallen waren. Einmal das Glimmen und die Hitze vergangen in der Kühle des Novembermonats, wagten wir uns hinein in die Ruinen, drangen vor auf den Hof, um hinaufzublicken zu „unserer Wohnung“, sahen die gespenstisch aussehenden Treppen – Geländer weg, Holzstufen verbrannt, die nackten Mauersteine – es musste doch irgend etwas geblieben sein. Eben das verbogene Bettgestell, die Steintöpfe und – Tage später, als ich mit meinem Onkel Paul noch einmal den Weg hinein wagte – ein kleines hellblaues Emaille-Teekesselchen aus meiner Puppenstube. Es lag plötzlich gut sichtbar unten auf den Trümmern, und Onkel Paul kletterte durch eine Fensterhöhle im Souterrain, um es für mich herauszuholen. Ein Augenblick des Glücks ganz eigener Art umfängt mich im Gedanken hieran.
Onkel Paul, den ich damals, glaube ich, das erste Mal sah und wegen seiner großen Ähnlichkeit mit meinem Vater sofort liebte, hatte Fronturlaub, kam aus Russland über Berlin und besuchte uns, da er – oh Wunder in diesen Zeiten! – erfahren hatte, dass wir ausgebombt waren. Er verfügte sofort, dass wir nach Lübeck zu seiner Familie kommen sollten, zumal Weihnachten vor der Tür stand und auch mein Vater erwartet wurde: Urlaub wegen Totalausbombung der Familie! Zuvor aber wanderten wir noch gleich nach dem 21. November zu Vaters ältestem Bruder Fritz, dessen Frau Paula so geizig war, dass sie uns, meiner Mutter und mir, nicht einmal etwas zu essen anbot, obwohl ihre Speisekammer sichtbar gut bestückt war mit vollen Einweckgläsern. Traute erzählte neulich, wir hätten eine „leerstehende“ Wohnung, vollständig eingerichtet, im Hause von Dieschers (auch so eine SA-Connection, glaube ich) in der Turmstraße beziehen können, aber Mutti wollte nicht, argwöhnte wohl zu Recht, es handle sich um eine jüdische „Hinterlassenschaft“. Wir fanden dann eine vorübergehende Bleibe bei der Familie Piede in der Dreysestraße, jene die erst kürzlich ihre jüngste Tochter durch einen Badeunfall an der Oder verloren hatte. Die älteste Tochter Irmchen war in Trautes Alter, Führerin beim BDM, was Piedes aber nicht hinderte BBC zu hören. Das erste Mal erklang dort für mich das charakteristische Signal, und alle lauschten angespannt, zumal natürlich die Lautstärke aufs äußerste gedrosselt wurde und man verschwörerisch zusammenrückte. In dieser Zeit fing ich an, wieder bettnässerisch tätig zu werden, wohl die Folge aller unverdauten Erlebnisse und Aufregungen um mich her. Es gab sich wieder, in Lübeck war nichts mehr davon zu merken.
Erika G.: Pritzwalker Straße 5
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