13 • Kein Kindergarten

Bei Ota waren wir auch, warum wir dort nicht blie­ben, weiß ich nicht. Immer­hin bekam ich aus Inges Bestän­den eine unga­ri­sche Puppe und den klei­nen Plüsch­hund Bonzo geschenkt, den ich noch Jahre später jeden Abend zur Ruhe bettete und zudeckte. Aber mit Puppen habe ich nach dem Verlust meiner Schild­kröt­puppe und meines Teddys nie wieder gespielt. Als mein Sohn Florian mit knapp 4 Jahren sein gelieb­tes Rotröck­chen auf dem Nach­hau­se­weg von der Tages­mut­ter zu uns verlor, tat mir das unend­lich weh, und ich glaube, es war so etwas wie eine verzö­gerte Trauer über meine eige­nen verlo­re­nen Kinder­schätze.

Danach ging es – vermut­lich noch mal über Berlin, nach Kraasa bei Meusel­witz. An die vielen Zugrei­sen habe ich keine klaren Erin­ne­run­gen, nur das vage Bild von unheim­lich hasten­den Menschen­mas­sen auf Bahn­stei­gen, auch wohl die lange Treppe im Lübe­cker Bahn­hof, die hohen Bahn­hofs­hal­len und die schnau­fen­den Unge­tüme, die Dampf­lo­ko­mo­ti­ven, deren riesige mitein­an­der verbun­dene Räder auf mich ebenso faszi­nie­rend wirk­ten wie die unifor­mier­ten Schaff­ner mit roten Tres­sen und schräg über der Brust verlau­fen­dem roten Band, hierin irgend­wie ähnlich dem höchst geschäf­ti­gen Geld­brief­trä­ger, der meiner Mutter allmo­nat­lich das Gehalt meines Vaters brachte, stets mit einem gespitz­ten Blei­stift hinter dem Ohr, seine große Geld­le­der­ta­sche umge­schnallt, in dunkel­blauer Uniform mit stei­fer Mütze.

Doch: eine deut­li­che Erin­ne­rung an unsere erste Reise nach Lübeck im Sommer 1943, bei der ich mit einem mitrei­sen­den Mädchen spielte und sang („Schorn­stein­fe­ger ging spazi­ern“, „Blau, blau, blau sind alle meine Klei­der“ usw.) Dazu gehört auch, dass sich mir der Name „Ludwigs­lust“, das wir passier­ten, aus welchem Grund auch immer dauer­haft einprägte, und umge­kehrt ich, immer wenn wir später dort vorbei­ka­men, an dieses Spiel in der Eisen­bahn denken musste. Und wie begeis­tert ich war, denn da ich nie einen Kinder­gar­ten besucht hatte, war für mich die Begeg­nung mit Gleich­alt­ri­gen irgend­wie hoch­gra­dig stimu­lie­rend. Zwar hatte meine Mutter mir aller­lei Lieder und lied­hafte Spiele beigebracht, auch mit mir „Spit­zen­deck­chen“ aus gefal­te­tem Papier gebas­telt, Schlan­gen aus Bunt­pa­pier zusam­men­ge­klebt und dafür selbst gemach­ten „Kleis­ter“ aus Mehl und Wasser gefer­tigt, aber das Zusam­men­spiel mit ande­ren Kindern war doch etwas ande­res. Im Übri­gen waren meine klei­nere Kusine Brigitte und der etwas ältere Wolf­gang zwar inter­es­sant, aber mir eigent­lich zu simpel. Im Sommer 1943 erste Begeg­nung mit Knall­erb­sen, den weißen Früch­ten der Schnee­bee­ren, mit denen mein Cousin mich eifrig bewarf.

Irgend­wann im Krieg sollte ich doch mal in einen Kinder­gar­ten gehen, gleich nebenan sozu­sa­gen, in der Bandel­straße. Das Unglück wollte es, dass just bei unse­rem Erkun­dungs­be­such (meine Mutter und ich also) ein Kind sich in der Eingangs­tür – das Etablis­se­ment lag zu ebener Erde in einem Laden­raum – einen Finger einge­klemmt hatte. Das Blut floss – in meiner Erin­ne­rung – in Strö­men, der Finger baumelte irgend­wie gequetscht herun­ter, dazu großes Geschrei und Aufre­gung. So unter­blieb mein Eintritt in den Kinder­gar­ten wohl ob des schreck­li­chen Erleb­nis­ses. Zu diesen Jahren gehö­ren auch Besu­che in den Schre­ber­gär­ten von Bekann­ten, z.B. bei „Tante Hann­chen“, einer ehema­li­gen Kolle­gin meiner Mutter während ihrer weni­gen Jahre als Siemens-Lauf­bur­schin nach ihrem Unfall. Der Garten lag nahe dem S‑Bahnhof Jung­fern­heide, der Geruch des von der Sommer­sonne durch­wärm­ten Holzes der Wände gehört zu den unver­gäng­li­chen Erin­ne­run­gen, ebenso das Geräusch der unab­läs­sig umher­sum­men­den Flie­gen! Man hängte damals noch die kleb­ri­gen, sich ringeln­den langen Flie­gen­fän­ger in der Mitte des Raumes auf, doch die Viecher verstan­den es, daran vorbei­zu­steu­ern. Mit viel Kraft­auf­wand konnte man auch, unter­stützt durch einen Erwach­se­nen, an der schön geschnör­kel­ten Pumpe Wasser herauf­ho­len, das so frisch und eigen­tüm­lich eisen­hal­tig schmeckte. Es exis­tiert ein Foto aus dieser Laube, wo ich völlig ausge­flippt lache und herum­tolle, auch Traute, Mutti und Tante Hann­chen sind zu sehen, und natür­lich meine geliebte Frau Jamrath.

[Ende]

Erika G.: Pritz­wal­ker Straße 5
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Es ist wie so oft in Berlin: Der Schein trügt! Wo sich heute ein Park befin­det, war einst ein Ort des Schre­ckens. Wo vor hundert Jahren Menschen unter kata­stro­phals­ten Bedin­gun­gen wohn­ten, spie­len heute Kinder in […]

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