Bei Ota waren wir auch, warum wir dort nicht blieben, weiß ich nicht. Immerhin bekam ich aus Inges Beständen eine ungarische Puppe und den kleinen Plüschhund Bonzo geschenkt, den ich noch Jahre später jeden Abend zur Ruhe bettete und zudeckte. Aber mit Puppen habe ich nach dem Verlust meiner Schildkrötpuppe und meines Teddys nie wieder gespielt. Als mein Sohn Florian mit knapp 4 Jahren sein geliebtes Rotröckchen auf dem Nachhauseweg von der Tagesmutter zu uns verlor, tat mir das unendlich weh, und ich glaube, es war so etwas wie eine verzögerte Trauer über meine eigenen verlorenen Kinderschätze.
Danach ging es – vermutlich noch mal über Berlin, nach Kraasa bei Meuselwitz. An die vielen Zugreisen habe ich keine klaren Erinnerungen, nur das vage Bild von unheimlich hastenden Menschenmassen auf Bahnsteigen, auch wohl die lange Treppe im Lübecker Bahnhof, die hohen Bahnhofshallen und die schnaufenden Ungetüme, die Dampflokomotiven, deren riesige miteinander verbundene Räder auf mich ebenso faszinierend wirkten wie die uniformierten Schaffner mit roten Tressen und schräg über der Brust verlaufendem roten Band, hierin irgendwie ähnlich dem höchst geschäftigen Geldbriefträger, der meiner Mutter allmonatlich das Gehalt meines Vaters brachte, stets mit einem gespitzten Bleistift hinter dem Ohr, seine große Geldledertasche umgeschnallt, in dunkelblauer Uniform mit steifer Mütze.
Doch: eine deutliche Erinnerung an unsere erste Reise nach Lübeck im Sommer 1943, bei der ich mit einem mitreisenden Mädchen spielte und sang („Schornsteinfeger ging spaziern“, „Blau, blau, blau sind alle meine Kleider“ usw.) Dazu gehört auch, dass sich mir der Name „Ludwigslust“, das wir passierten, aus welchem Grund auch immer dauerhaft einprägte, und umgekehrt ich, immer wenn wir später dort vorbeikamen, an dieses Spiel in der Eisenbahn denken musste. Und wie begeistert ich war, denn da ich nie einen Kindergarten besucht hatte, war für mich die Begegnung mit Gleichaltrigen irgendwie hochgradig stimulierend. Zwar hatte meine Mutter mir allerlei Lieder und liedhafte Spiele beigebracht, auch mit mir „Spitzendeckchen“ aus gefaltetem Papier gebastelt, Schlangen aus Buntpapier zusammengeklebt und dafür selbst gemachten „Kleister“ aus Mehl und Wasser gefertigt, aber das Zusammenspiel mit anderen Kindern war doch etwas anderes. Im Übrigen waren meine kleinere Kusine Brigitte und der etwas ältere Wolfgang zwar interessant, aber mir eigentlich zu simpel. Im Sommer 1943 erste Begegnung mit Knallerbsen, den weißen Früchten der Schneebeeren, mit denen mein Cousin mich eifrig bewarf.
Irgendwann im Krieg sollte ich doch mal in einen Kindergarten gehen, gleich nebenan sozusagen, in der Bandelstraße. Das Unglück wollte es, dass just bei unserem Erkundungsbesuch (meine Mutter und ich also) ein Kind sich in der Eingangstür – das Etablissement lag zu ebener Erde in einem Ladenraum – einen Finger eingeklemmt hatte. Das Blut floss – in meiner Erinnerung – in Strömen, der Finger baumelte irgendwie gequetscht herunter, dazu großes Geschrei und Aufregung. So unterblieb mein Eintritt in den Kindergarten wohl ob des schrecklichen Erlebnisses. Zu diesen Jahren gehören auch Besuche in den Schrebergärten von Bekannten, z.B. bei „Tante Hannchen“, einer ehemaligen Kollegin meiner Mutter während ihrer wenigen Jahre als Siemens-Laufburschin nach ihrem Unfall. Der Garten lag nahe dem S‑Bahnhof Jungfernheide, der Geruch des von der Sommersonne durchwärmten Holzes der Wände gehört zu den unvergänglichen Erinnerungen, ebenso das Geräusch der unablässig umhersummenden Fliegen! Man hängte damals noch die klebrigen, sich ringelnden langen Fliegenfänger in der Mitte des Raumes auf, doch die Viecher verstanden es, daran vorbeizusteuern. Mit viel Kraftaufwand konnte man auch, unterstützt durch einen Erwachsenen, an der schön geschnörkelten Pumpe Wasser heraufholen, das so frisch und eigentümlich eisenhaltig schmeckte. Es existiert ein Foto aus dieser Laube, wo ich völlig ausgeflippt lache und herumtolle, auch Traute, Mutti und Tante Hannchen sind zu sehen, und natürlich meine geliebte Frau Jamrath.
[Ende]
Erika G.: Pritzwalker Straße 5
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