Zwischen Gängelei und Kreativität

In der DDR sollte Werbung nicht den Konsum ankur­beln, sondern die „sozia­lis­ti­sche Bewusst­seins­bil­dung“ anre­gen. Wie gelang dieser Balan­ce­akt?

Die nach­ge­bo­re­nen Aufar­bei­ter der DDR-Geschichte redu­zie­ren die DDR-Werbung auf den Minol-Pirol, das Leip­zi­ger Messe­männ­chen und die Tausend Tele-Tipps. Zu kurz gedacht! Gelernte DDR-Bürger sind 40 Jahre in ihrem Lebens­ge­fühl von einer vom Verbrau­cher bestimm­ten Werbung mit Produkt- und Kombi­nats­na­men geformt worden.

Einen wesent­li­chen Anteil daran hatte von den 1950er-Jahren bis 1990 die einma­lige Fach­schule für Werbung und Gestal­tung in Berlin-Köpe­nick, die etwa 3000 Kommu­ni­ka­ti­ons-Metho­di­ker und ‑Desi­gner ausbil­dete. Sie schu­fen Produkt- und Kombi­nats­na­men wie Orwo, Florena, Spee, Ruhla, Mons­a­tor, Robo­tron, Fort­schritt Land­ma­schi­nen, Inter­flug und Inter­ho­tel.

Zu ihrem Tätig­keits­feld gehör­ten Veran­stal­tun­gen wie „800 Jahre Leip­zi­ger Messe“, die „Ostsee­wo­che“, die „Iga ’61“ in Erfurt, Pres­se­feste der Bezirks­presse, Deutsch­land­tref­fen der FDJ sowie Messen der Meis­ter von Morgen. Hinzu kamen die Welt­fest­spiele 1951 und 1973, die Ausstel­lung „15 Jahre DDR“ in Moskau, die DDR-Natio­nal­aus­stel­lun­gen 1988 in Peking und Moskau und das Musik­in­stru­men­ten-Museum Klin­gen­thal. Auch das Erschei­nungs­bild der Inter­ho­tels Palast­ho­tel in Berlin, des Hotels Belle­vue in Dres­den bis hin zum Fried­rich­stadt-Palast in Berlin gehörte dazu.

Der Ursprung dieser Fach­schule war die Ende des 19. Jahr­hun­derts gegrün­dete Kunst­ge­werbe- und Hand­wer­ker­schule. Die Indus­trie im 20. Jahr­hun­dert erwei­terte die Ausrich­tung der Lehr­in­halte. Als Reichs­wer­be­fach­schule war sie vor dem Zwei­ten Welt­krieg auf das Modernste mit Foto- und Druck­tech­nik ausge­stat­tet. Ein „werbe­me­tho­di­sches System“ für die Durch­füh­rung der Werbung für Produkte und Dienst­leis­tun­gen war dort Lehr­in­halt. Ausgangs­punkt bildete eine Analyse der für den Einsatz der Werbung rele­van­ten Fakto­ren und der zu tref­fen­den Maßnah­men. Dazu gehör­ten die werb­li­che Aussage, die Auswahl der Medien und die Kosten für Produk­tion und Einsatz. Ab 1967 hatte sie als Fach­schule für Werbung und Gestal­tung (FWG) den Status einer Fach­hoch­schule und war die einzige derar­tige Fach­schule für Werbung im gesam­ten Ostblock.

Bera­tung statt Mani­pu­la­tion

Die Schule wurde durch das Propa­gan­da­mi­nis­te­rium auch für die Massen­be­ein­flus­sung benutzt. Propa­ganda-Aktio­nen wie „Pst! Feind hört mit!“, „Kohlen­klau“ oder „Räder müssen rollen für den Sieg!“ gehör­ten dazu. In der DDR sollte, konnte und durfte Werbung nicht vorder­grün­dig den Konsum ankur­beln. Sozia­lis­ti­sche Werbung sollte zur Infor­ma­tion über die Gebrauchs­wert­ei­gen­schaf­ten von Waren dienen. Sie sollte die Kunden bera­ten, das war das Gebot. Mani­pu­la­tion der Käufer war mit der Ethik des Sozia­lis­mus unver­ein­bar. Wert wurde auf „sozia­lis­ti­sche Bewusst­seins­bil­dung“ gelegt. Die Marx­sche Formel „Das Sein bestimmt das Bewusst­sein“ war den DDR-Ideo­lo­gen zu simpel.

In der Werbung Tätige waren Regeln unter­wor­fen, deren Grund­lage das erwähnte werbe­me­tho­di­sche System war. Lehr­in­halte waren Themen wie psycho­lo­gi­sche Wirkungs­be­wer­tung von Medien, Media­lehre, Kosten­fak­to­ren des Einsat­zes von Medien und Maßnah­men, Werbe­text­ge­stal­tung, Wirkungs­fak­to­ren visu­el­ler Gestal­tung von Medien und das Verhält­nis von Werbung und Ökono­mie.

Die Fach­schule war einge­bun­den in das System der künst­le­ri­schen Hoch- und Fach­schu­len beim Minis­te­rium für Kultur. Die jähr­li­che Quote der Studi­en­plätze in den Fach­rich­tun­gen Werbe­öko­no­mie (Kommu­ni­ka­ti­ons­me­tho­dik) und Gestal­tung (Visu­elle Kommu­ni­ka­tion) war 22 bezie­hungs­weise 25 Studi­en­plätze.

Voraus­set­zung für das Studium war eine beruf­li­che Ausbil­dung mit Abschluss in einem für die Werbung und Gestal­tung rele­van­ten Beruf. Abitu­ri­en­ten waren unter den Bewer­bern in der Minder­heit; statt­des­sen über­wo­gen Fach­ar­bei­te­rin­nen um die 20 Jahre aus dem Bereich der Gebrauchs­wer­bung. Ein Groß­teil von ihnen war vom Betrieb zum Studium dele­giert – der zukünf­tige Einsatz der Absol­ven­ten war so schon bestimmt.

Zur Deckung des Bedarfs an Werbe­fach­kräf­ten für den Export und Absatz von DDR-Inves­ti­ti­ons­gü­tern wurde ab 1960 ein Fern­stu­dium der Werbe­öko­no­mie einge­führt. Später schloss sich ein Fern­stu­dium für Pres­se­ge­stal­ter der Bezirks­presse und für Kombi­nats- und Indus­trie­zweig­zei­tun­gen an. Die Ausbil­dungs­zeit betrug drei Jahre und hatte – neben einem Semes­ter gemein­sa­mer Grund­la­gen­aus­bil­dung in Dialek­ti­schem und Histo­ri­schem Mate­ria­lis­mus und Poli­ti­scher Ökono­mie – dann die fach­spe­zi­fi­schen Lehr­in­halte.

Neben der umfas­sen­den theo­re­ti­schen Ausbil­dung verfügte die Schule für die praxis­ori­en­tierte Ausbil­dung über eine Setze­rei (Hand­satz), eine Drucke­rei (Buch‑, Offset- und Sieb­druck), eine Buch­bin­de­rei, ein Foto­ate­lier und eine Modell­bau-Werk­statt. Die schul­ei­gene Biblio­thek wurde durch die DDR-Außen­han­dels­wer­be­ge­sell­schaft Inter­wer­bung mit entspre­chen­den Publi­ka­tio­nen aus der inter­na­tio­na­len Presse und Fach­pu­bli­ka­tio­nen aus der BRD unter­stützt. Die Abschluss­ar­bei­ten der Fach­rich­tun­gen Werbe­öko­no­mie und Gestaltung/Ausstellungsgestaltung wurden archi­viert.

Die Schule war in das gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche System der DDR einge­bun­den. Von ihr wurden für Jahres­tage der DDR, für Partei­tage, Jugend­tref­fen und ähnli­che Anlässe lini­en­kon­forme gestal­te­ri­sche Leis­tun­gen erwar­tet. Zu den Lehrern gehör­ten hoch­be­fä­higte, gefragte und ange­se­hene Grafi­ker, Illus­tra­to­ren, Typo­gra­fen und Verpa­ckungs­ge­stal­ter, die eine Grat­wan­de­rung zwischen oft klein­ka­rier­ter, dogma­ti­scher Gänge­lei und künst­le­ri­scher Umset­zung ihrer Ideen voll­füh­ren muss­ten.

Die Messe­be­tei­li­gun­gen der Kombi­nate an inter­na­tio­na­len Messen mit Schwer­punkt Hanno­ver Messe und an den Leip­zi­ger Messen wurden im Unter­richt durch Kolle­gen aus der Praxis vorge­stellt. Im Jahre 1969 erschien, verfasst von Ökono­men, erfah­re­nen Prak­ti­kern, Gestal­tern und Lehrern der FWG, im Verlag Die Wirt­schaft das „Hand­buch der Werbung“. Das Buch war Fach­li­te­ra­tur im Unter­richt.

Für die Werbe­prak­ti­ker der DDR gab es außer­dem die Zeit­schrift Neue Werbung – aller­dings fehlte ein Forum, wo sie sich über fach­li­che Fragen hätten austau­schen können. Der Wunsch nach Grün­dung einer Berufs­ver­ei­ni­gung, wie es sie zum Beispiel für Jour­na­lis­ten, Tech­ni­ker und Thea­ter­schaf­fende gab, wurde abge­wie­sen. Erst 1989 war der Weg dafür frei.

Ein klei­ner Kreis von Kolle­gen der Fach­schule und der Praxis war sich einig: Ein Verband zur Inter­es­sen­ver­tre­tung der Berufs­kol­le­gen musste geschaf­fen werden. Sie nahmen Kontakt zu dem in Deutsch­land bestehen­den Bund Deut­scher Werbe­be­ra­ter und Werbe­lei­ter (BDW) in Bonn auf. Von dort kam Bera­tungs­hilfe und mate­ri­elle Unter­stüt­zung.

Am 3. März 1990 wurde in der Fried­rich­straße im Haus der Sowje­ti­schen Kultur der Werbe­fach­ver­band der DDR mit einer Auftakt­ver­an­stal­tung gegrün­det, an der rund tausend Menschen teil­nah­men. Der BDW im Westen hatte unge­fähr 4000 Mitglie­der. Jetzt kamen aus dem Osten um die 1000 dazu.

„Aufwes­ten“ zum Diplom-Desi­gner

Das Aus für die einma­lige Fach­schule für Werbung und Gestal­tung in Berlin-Köpe­nick kam unter­des­sen mit dem Ende der DDR und ihrer Kombi­nate, Betriebe und Orga­ni­sa­tio­nen im Binnen- und Außen­han­del. Ja, die Entschei­dung des West-Berli­ner Senats war schnell getrof­fen. Ein Schrei­ben im ersten Halb­jahr 1990 „per Bote“ an den Schul­di­rek­tor brachte die Gewiss­heit: „Die Schule ist abzu­wi­ckeln“. Der gestal­te­ri­sche Schul­teil wurde folg­lich in die Fach­hoch­schule für Tech­nik und Wirt­schaft in Karls­horst ange­glie­dert. Der Schul­teil Werbung – also Kommu­ni­ka­ti­ons­me­tho­dik – wurde geschlos­sen.

Zeit­gleich folg­ten ab 1990 für die Werbe­fach­leute der DDR, Kombi­nate und Außen­han­dels­be­triebe, der Deut­sche Werbe- und Anzei­gen­ge­sell­schaft (Dewag) und des Konsums Betriebs­schlie­ßun­gen und Entlas­sun­gen. Es waren somit fast alle in der Werbung Beschäf­tig­ten betrof­fen. Das entschei­dende Problem war, dass DDR-Studi­en­ab­schlüsse in der BRD nicht aner­kannt wurden. Das Präsi­dium des BDW, in das auch vier Fach­kol­le­gen aus dem Osten gelangt waren, erreichte schließ­lich, dass sich die Kultus­mi­nis­ter­kon­fe­renz mit dem Thema befasste.

So konn­ten in den Jahren 1991 und 1992 über die Kultus­mi­nis­te­rien der Länder auf Antrag und unter Beifü­gung der Studi­en­un­ter­la­gen Werbe­leute mit DDR-Abschlüs­sen eine im Westen übli­che Berufs­be­zeich­nung und damit die offi­zi­elle beruf­li­che Aner­ken­nung erhal­ten.

Eine Frage beschäf­tigte die Betei­lig­ten dabei im Beson­de­ren, nämlich was aus dem Abschluss mit der Bezeich­nung „Werbe­öko­nom“ gemacht werden könnte. Es wurde – wie alles damals – nach der Formel entschie­den: Was es bisher in der BRD nicht gab, kann es auch künf­tig nicht geben. Nach Abwä­gen und auch auf Drän­gen von unse­rer Seite wurde dann der Ausweg gefun­den: Werbe­öko­no­men konn­ten sich zum „Diplom-Desi­gner“ aufwes­ten lassen.

Letzt­lich haben viele aner­kannte Praxis-Kolle­gen in der BRD-Wirt­schaft mit eige­nen Agen­tu­ren ihren Start gemacht. Auch große BRD-Agen­tu­ren schätz­ten ihre Fähig­kei­ten. Viele Mitar­bei­ter der Inter­wer­bung fanden mit ihrer fach­li­chen Kompe­tenz, ihrer Kennt­nis der Märkte und Messen in Osteu­ropa und der arabi­schen Welt eine neue Beschäf­ti­gung.

Die Ironie der Sache: Der verschmähte Teil der Ausbil­dung von Fach­leu­ten für den metho­di­schen Kommu­ni­ka­ti­ons­pro­zess als „Werbe­öko­no­men“ wurde ab 1992 von freien Trägern in Berlin mit Fach­leh­rern der „Fach­schule für Werbung und Gestal­tung“ mit exter­nen Lehr­gän­gen und geför­der­ten Gebüh­ren fort­ge­setzt.

Helmut Meyer
Gebo­ren 1935 in Char­lot­ten­burg, Schrift­set­zer, Pres­se­zeich­ner und Desi­gner. Als Zeich­ner für die Tages­zei­tung Freie Presse arbei­tete er über Jahr­zehnte in der Wirt­schafts­wer­bung.

[ Dieser Text erschien zuerst in der Berli­ner Zeitung und steht unter der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 ]

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