Das Jahr 1904

Der Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld veröffentlichte das Buch Berlins drittes Geschlecht. Das Werk war eine der ersten populärwissenschaftlichen Schilderungen des homosexuellen Lebens in Berlin und trug maßgeblich zur Sichtbarkeit der Subkultur bei. Hirschfeld beschrieb in dem Buch detailliert das soziale Leben homosexueller Männer und Frauen im damaligen Berlin. Er schilderte die verschiedenen Treffpunkte, von exklusiven Bällen und privaten Zirkeln bis hin zu den Soldatenstrichen und öffentlichen Badeanstalten. Hirschfeld nutzte den Begriff des „dritten Geschlechts“, um Menschen zu beschreiben, die sich nicht in das binäre Schema von „Vollmann“ oder „Vollweib“ einfügen ließen. Er sah sie als natürliche „sexuelle Zwischenstufen“. Das Buch verdeutlichte, dass Homosexualität in allen Gesellschaftsschichten existierte – vom Adel bis zur Arbeiterschaft. Hirschfeld wollte Vorurteile abbauen, indem er zeigte, dass Homosexuelle normale, produktive Mitglieder der Gesellschaft sind.
Das Buch löste sowohl in der Wissenschaft als auch in der breiten Öffentlichkeit heftige Reaktionen aus und markierte einen Wendepunkt in der Wahrnehmung von Homosexualität. Zum einen lockte es Neugierige in die beschriebenen Lokale und trug dazu bei, dass Berlin in den folgenden Jahrzehnten zum Mekka der queeren Welt wurde. Konservative Kreise und die Kirche reagierten alarmiert. Sie sahen in der „Zurschaustellung des Lasters“ eine Gefahr für die öffentliche Moral und forderten eine noch strengere Überwachung der „Sittenlosigkeit“.
Magnus Hirschfeld war Mitbegründer des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK). Das Buch diente als Argumentationshilfe, um zu belegen, dass die strafrechtliche Verfolgung von Homosexualität unnatürlich und ungerecht sei. Hirschfeld nutzte die Popularität des Buches, um seine politische Agenda voranzutreiben: Die Abschaffung des §175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Doch dieser wurde erst 90 Jahre später aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.

Was sonst noch geschah:

16. Januar 1904
Das neue Gebäude des Preußischen Herrenhauses, Leipziger Straße 3/4 in Mitte, wurde der Preußischen Landtagsverwaltung übergeben. Heute befindet sich darin der Bundesrat. Das Herrenhaus grenzte rückseitig an das 1899 übergebene neue Abgeordnetenhaus und bildete mit diesem ein palastartiges Ensemble im Stil des 18. Jahrhunderts.

11. Februar 1904
In Kellers Festsälen in der Koppenstraße 29 in Friedrichshain fand eine Versammlung von mehr als 2.000 sozialdemokratischen Frauen statt. Dort sprach Clara Zetkin über das Zusammenwirken kaiserlicher Regierungsbehörden mit der russischen Geheimpolizei.

1. April 1904
Die Hasenheide, die zuvor teilweise zur Gemeinde Tempelhof gehörte, wurde komplett an Rixdorf (heute Neukölln) übergeben.

1. April 1904
Eröffnung des Königlichen Material-Prüfungsamts in der Potsdamer Chaussee (heute Unter den Eichen). Heute befindet sich dort die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung.

8. Mai 1904
Einweihung des 1867 gegründeten Instituts für Zuckerindustrie in der Amrumer Straße 32 im Wedding. 1951 wurde das Institut an die Technische Universität angegliedert, das Gebäude noch bis 2012 als Zuckermuseum betrieben. 2016 wurde es an das Deutsche Herzzentrum verkauft.

9. Juni 1904
Ein Kindermord in der Ackerstraße beschäftigt die Öffentlichkeit. Etwa 1.000 Menschen nahmen an der Beerdigung der 8-jährigen Lucie teil. Der Mordfall ist bemerkenswert, weil im Prozess das erste Mal in einem Kriminalfall in Berlin die Bestimmung von gefundenem Blut berücksichtigt wurde. Der Täter hatte behauptet, es wäre Blut von einem Tier.

12. Juni 1904
Eröffnung des Internationalen Frauenkongresses mit Teilnehmerinnen aus 25 Ländern.

13. Juli 1904
Betriebseröffnung der Straßenbahn der Gemeinde Französisch-Buchholz. Die erste Strecke der Pferdebahn führte vom Bahnhof Pankow-Heinersdorf nach Französisch Buchholz.

4. September 1904
Weihe der Synagoge in der Rykestraße im Prenzlauer Berg zusammen mit einer Religionsschule im Vorderhaus. Am selben Tag erfolgte die Eröffnung einer Synagoge der Gemeinde Adass Jisroel in der Artilleriestraße (heute Tucholskystraße).

10. Oktober 1904
Mit der Gründung des Vereins der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter Berlins begann die proletarische Jugendbewegung in Deutschland.

18. Oktober 1904
Eröffnung des Kaiser-Friedrich-Museums auf der Museumsinsel in Mitte. 1956 wurde es umbenannt in Bode-Museum, zu Ehren des langjährigen Generaldirektors der Berliner Königlichen Museen, Wilhelms von Bode.

22. Oktober 1904
Im Ullstein-Verlag erschien die erste Ausgabe der BZ am Mittag. Sie war als erste deutsche Boulevardzeitung direkt für den Straßenverkauf konzipiert

24. Oktober 1904
Einweihung der Denkmäler von Moltke und Roon auf dem damaligen Königsplatz vor dem Reichstag. Beide stehen heute am Großen Stern im Tiergarten.

1. November 1904
Eröffnung des S‑Bahnhofs Zehlendorf/Beerenstraße (heute Mexikoplatz) in Zehlendorf.

13. November 1904
Einweihung der schwimmenden Schifferkirche im Humboldthafen. Das umgebaute Schiff machte seitdem bis 1944 in verschiedenen Häfen fest.

5. Dezember 1904
Beginn eines zweimonatigen Versuchsbetriebs mit Oberleitungs-Omnibussen Niederschöneweide und Johannisthal.

28. Dezember 1904
Beginn des Ersten Parteitags der Sozialdemokratischen Partei Preußens.



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