Eine andere Welt

Ein Pfleger hilft beim Anziehen

Man macht im Leben immer wieder neue Erfahrungen. Nicht alle sind auf den ersten Blick positiv, im Nachhinein aber stellen sie sich als eine Bereicherung heraus. Dazu gehört auch mein kurzes Praktikum in einem Berliner Pflegeheim. Ich hatte es angetreten, weil ich eine Ausbildung zum Betreuer machen will. Vorher sollte ich mal „reinschnuppern“, da ich nicht wirklich wusste, was mich dort erwarten würde. Das Ergebnis war: Es ist hart. Und es ist trotz allem schön.

Die Vereinbarung mit dem Betreiber des Heimes war formlos und unkompliziert: „Melden Sie sich um 8 Uhr bei der Schichtleitung“. Ich unterschrieb einen kurzen Vertrag, in dem Versicherung und ähnliches geregelt wurde, dann ging ich ins kalte Wasser. Genauer gesagt: In den Tagesraum.

Die Schichtleiterin bot mir das Du an und klärte mich auf, dass ich die Bewohnerinnen und Bewohner nur unterstützen sollte, mehr nicht. Verboten sind zum Beispiel, ihnen das Essen „anzureichen“ (also sie zu füttern) oder sie auf die Toilette zu bringen. Diese Aufgaben sind den Pflegerinnen vorbehalten.

Also stand ich erstmal nur in der Tür und beobachtete. Im Tagesraum standen zwölf Tische für jeweils vier Personen, nur die Hälfte der Plätze war besetzt. Neben dem Eingang ein Board, auf dem Brötchen, Stullen, Butter, Belag und Marmelade lagen. Eine Betreuerin fragte jeden Einzelnen, was er oder sie denn heute früh essen möchte und legte alles auf den Teller. Kaffee, Tee und Saft standen bereits auf den Tischen. Wer den eigenen Teller nicht selbst tragen konnte, dem wurde er zum Platz gebracht.

Dies war meine Aufgabe, genau wie leeres Geschirr und Besteck abzuräumen, Kannen mit frischem Kaffee und Tee auf die Tische zu stellen und auch mal einzugreifen, wenn jemandem etwas runtergefallen ist oder wenn es an einem Tisch Streit gab. Ansonsten stand ich am Rand und beobachtete.

Auf der rechten Seite des Raums saßen diejenigen, die dement waren, alle eng aneinander. Einige von ihnen konnten selbstständig essen, die anderen wurden von den Pflegern unterstützt. Sie legten ihnen das klein geschnittene Brot in die Hand und führten diese dann zum Mund. Dabei sprachen sie mit ihnen, wie zu einem kleinen Kind: „Jetzt machst du schön den Mund auf und isst die Stulle.“

Manche der Bewohner wollten nicht essen, schoben die helfende Hand weg, maulten, eine schrie immer wieder. Doch die Pflegerinnen, die sich teilweise um zwei Leute gleichzeitig kümmerten, blieben ruhig, redeten sanft auf die Patienten ein. Manche streichelten ihnen auch über die Arme und Schulter. Ich bewunderte ihre Geduld. Und ich sah in die Gesichter der Bewohner. Einige waren total teilnahmslos, andere lächelten, wenn die Pflegerin mit ihnen sprach. Insgesamt war es ein liebevoller Umgang, wie ich ihn nicht erwartet hatte. Eine Bekannte arbeitete ebenfalls als Altenbetreuerin und berichtete von schrecklichen Verhältnissen. Der Umgang war immer gereizt, die Bewohner wurden teilweise angebrüllt, obwohl sie für ihre Situation nun wirklich nichts können. Vor ihren Augen und Ohren wurde über sie gelästert. Die Dementen wurden teilweise sitzen gelassen, wenn sie sich in die Hose gemacht hatten.

Aber hier, in „meinem“ Pflegeheim war es anders. Als Herr Krüger* in seinem Liegerollstuhl in den Tagesraum geschoben wurde, begrüßten ihn mehrere der Betreuerinnen und Pfleger. Dabei sah er nicht so aus, als würde er von seiner Umwelt noch etwas wahrnehmen. Er musste auch richtig gefüttert werden, jeder Bissen war ein kleiner Sieg.

Vor ihm saß Marianne. Sie konnte zwar allein essen, versuchte aber ständig, mit ihrem Rollstuhl, den Tisch und den Raum zu verlassen. Alle zwei, drei Minuten wurde sie zurückgeschoben. Kurz danach wieder: Erst testweise einen halben Meter, dann einen, dann drehte sie den Rollstuhl langsam Richtung Ausgang. Da sie den Raum nicht allein verlassen durfte, wurde sie dann wieder zurückgeschoben. Für einen kleinen Bissen, dann versuchte sie es wieder. Sie gehörte zu denen, die auch nach dem Frühstück im Tagesraum blieben und nicht auf ihr Zimmer zurückgebracht wurden. Also wiederholte sich die Prozedur über den Tag verteilt dutzende Male, auch ich schob sie immer wieder zurück an den Tisch.

Im Pflegeheim gibt es klare Strukturen, flankiert durch die vier festen Termine Frühstück, Mittagessen, Kaffee und Abendbrot. Dazwischen je nach Bedarf und Notwendigkeit Arztbesuche, Reha, Sport, Gespräche. Wer nichts auf dem Programm hatte, konnte zwischen den Mahlzeiten im Tagesraum bleiben. Dort hatten die Betreuer die Aufgabe, die Bewohnerinnen und Bewohner zu beobachten und ihnen etwas für die Freizeitgestaltung zu bieten. Aber das war auch nicht von allen gewünscht, die meisten zogen sich auf ihre Zimmer zurück. Und es gab auch diejenigen, die das Haus allein verlassen konnten.

In den wenigen Tagen, in denen ich mein kurzes Schnupperpraktikum absolvierte, kamen einige Aktivitäten zusammen. Eine Betreuerin spielte mit Interessierten ein Spiel, bei dem immer neue Wörter erraten werden mussten. Auch „Stadt – Land – Beruf“ und mehrere Brettspiele wurden gespielt. Jemand zeichnete etwas an das Whiteboard und alle mussten raten, was das sei. Mit den Dementen wurde gemeinsam gesungen, passend zur Jahreszeit vor allem Frühlingslieder. Selbst diejenigen, die sonst nur stumm vor sich hindämmerten, blühten plötzlich auf, sangen mit oder ließen ihre Arme tanzen. Es war ein kleiner Moment der Freude in ihrem Leben und hat mich sehr berührt.

Ich selber nutzte die Zeit auch, um mich mit Einzelnen zu unterhalten. Aufgrund des eintönigen Alltags im Heim hatten wohl alle Bewohner ihre Geschichten schon oft erzählt und kaum jemand interessierte sich noch dafür. Da war ich als Neuer ganz willkommen und tatsächlich erfuhr ich in den wenigen Tagen vieles über das Schicksal von einigen. Da war Frau Ludwig, eine höchstens 60 Jahre alte und sehr dicke Frau, die schon seit ihrer Kindheit in der gleichen Gegend wohnt. Als Kind ist sie im gleichen Block zur Schule gegangen, Jugend, Erwachsenenleben, ihre Arbeitsstelle in einem Geschäft – alles spielte sich im Umkreis weniger hundert Metern um das Pflegeheim ab. Innerhalb des Heims konnte sie sich ohne Rollstuhl fortbewegen, aber draußen war das kaum möglich. Deshalb war sie immer darauf angewiesen, dass ihre Tochter mal vorbeikommt und sie ein bisschen durch die Straßen schiebt. Sie organisierte im Heim auch manchmal Spiele-Nachmittage, an den Betreuern vorbei. Dabei war es egal, wie gut jemand war oder überhaupt noch mitmachen konnte. Hauptsache, er oder sie saß dabei und konnte wenigstens zuschauen.

Frau Hohenstein dagegen war sehr etepetete. Sie gab sich etwas arrogant, fühlte sich als etwas Besseres. Was sie auch sofort klarmachte: „Ihre Schuhe hätten Sie auch mal putzen können, bevor Sie an meinen Tisch treten.“ Ich wusste bereits, dass sie sehr auf Etikette achtete, aber dies war nun mal ein Pflegeheim und kein Sterne-Hotel. Trotzdem ließ sie sich dazu herab, mir etwas von sich zu erzählen, von ihrem „dreckigen“ Ehemann, der sie auch noch mit einer Älteren verlassen hatte. „Mit einer Jüngeren, das hätte ich ja noch verstanden, aber so…“ Später erfuhr ich, dass ihr Mann im vergangenen Jahr in diesem Heim gestorben war und seine „Freundin“ in Wirklichkeit nur seine Pflegerin war.

Der 78-jährige Ingo berichtete, dass ihn seine Familie nicht mehr besuchte, weil sie das zu sehr belasten würde. Die Töchter waren wenigstens Weihnachten und zu seinem Geburtstag da, aber das letzte Mal auch nicht mehr. Er war sehr traurig, als er das erzählte. Die Familie hatte zwischendurch sogar die Zahlung für das Pflegeheim eingestellt. Dabei sind seine Kinder nach seiner Aussage nicht arm, die rund 3.000 Euro im Monat verdient allein der Sohn innerhalb einer Woche.
Ich nahm kurz seine Hand und er schaute mich sehr dankbar an. Solche Momente sind Stiche in mein Herz, aber natürlich ist dieses Heim voll mit Menschen, die teils schwere Schicksale zu ertragen haben. Die manchmal von den engsten Verwandten verlassen und vergessen wurden.

Dass man bestimmte Bewohnerinnen und Bewohner an die Hand nimmt, sie mal über die Schulter oder Arme streichelt, ist dort an der Tagesordnung. Es ist vor allem bei den Dementen der Fall, die diese kurzen Momente der Wärme genießen.

Als mal wenig zu tun war, habe ich Marianne gefragt, ob wir ein bisschen herumfahren wollen. Sie nahm meine Hand und nickte ganz aufgeregt. Ich legte sie ihr kurz auf die Schulter und sagte fröhlich: „Na dann, los geht’s!“ Wir fuhren erst das gesamte Erdgeschoss ab, dann auch kurz auf dem Bürgersteig vor dem Haus und schließlich in den Garten, der im Hof des Pflegeheims liegt. Marianne war begeistert. Zurück im Tagesraum erwartete uns schon meine Chefin, die mir klarmachte, dass so etwas nicht erlaubt sei. Jedenfalls was das Herumfahren außerhalb des Heims betrifft, vor allem aus rechtlichen Gründen. Man kann viel falsch machen, wenn Bürokratie vor menschlicher Notwendigkeit geht.

Gegen 12 Uhr dann das Mittagessen, ein wahrer Kampf. Der Tagesraum war viel voller als beim Frühstück und da viele im Rollstuhl sitzen, ist auch wenig Platz an den Tischen und dazwischen. Da kommt es schnell zu Reibereien untereinander. Die Betreuer und Pflegerinnen hatten richtig viel zu tun, die Dementen zum Essen zu animieren, bekleckerte Kleidung abzuwischen, und immer wieder Streits zu schlichten. Für mich war diese eine Stunde am anstrengendsten, ich hätte eigentlich immer an zwei oder drei Stellen gleichzeitig sein müssen. Für jemanden, der sich schnell überfordert fühlt oder nicht mit Menschen umgehen kann, wäre das kein Job. Denn trotz allen Stresses darf man die eigene Belastung nicht an den Bewohnern auslassen, sondern muss die Ruhe bewahren und freundlich bleiben.

Auch bei Leuten wie Charles, einem alten Franzosen, der immer wieder in seiner Muttersprache herumbrüllte, jedoch ohne sichtbaren Grund. Als ich ihn ansprach, dass er bitte etwas leiser sein sollte, schrie er mich an. Ich antwortete ihm ruhig aber im festen Ton, dass er gefälligst respektvoll sein sollte. Nicht unbedingt mir gegenüber, sondern vor allem den anderen, die an seinem Tisch saßen und die unter seinem Gebrüll litten. Er antwortete nur „Bla, bla, bla“, blieb dann aber tatsächlich ruhig. Ein paar Minuten später winkte er mir freundlich zu, als wäre nichts gewesen. Vermutlich hatte er es auch schon wieder vergessen.

Respekt, das ist ein wirklich wichtiger Begriff in einer Schicksalsgemeinschaft wie dieser. Jede und jeder möchte wahrgenommen werden, mit der eigenen Geschichte, dem Leben, den Bedürfnissen. Egal ob der Mensch sich klar ausdrücken kann oder nicht mehr in der Lage ist, selbstständig zu sprechen und zu 100 Prozent auf Hilfe angewiesen ist.

Frau Ludwig, die lange im Tagesraum saß, sagte am zweiten Tag zu mir: „Jeder hier ist anders. Aber eigentlich sind doch alle gleich, nur an verschiedenen Punkten ihres Lebens. Aber für alle kommt danach nichts mehr. Noch kann ich klar denken, aber irgendwann sitze ich auch bei denen drüben.“ Dabei zeigt sie auf den großen Tisch mit den Dementen. Dann stand sie auf, ging dort hin und setzte sich neben Gerda, die gerade von ihrer Betreuerin gefüttert wurde. Sie legte ihre Hand auf Gerdas Schulter und lächelte sie an. Und sie bekam ein Lächeln zurück.

Plötzlich Aufregung am Tisch daneben. Gerade noch hatte eine Pflegerin Herrn Krüger einen Löffel mit Suppe an den Mund gehalten, als er nicht mehr reagierte. Sie sah irritiert auf und schickte mich los, damit ich die Chefin hole, die im Nebenraum saß. Währenddessen versuchte sie, Herrn Krügers Puls zu fühlen. Doch da war wohl keiner mehr. Sie schoben ihn mit seinem Liegerollstuhl ins Dienstzimmer.

Im Pflegeheim ist der Tod kein seltener Gast. Erst wenige Tage vor meiner Ankunft war eine Dame gestorben, ein kleines Gesteck mit ihrem Namen stand im Eingangsbereich. „Wir wissen alle, dass das hier unsere letzte Station im Leben ist“, sagte mir Frau Ludwig noch.

Solch ein Pflegeheim ist wie eine andere Welt. Von außen kriegt man es kaum mit, aber sowie man es betritt, gibt es andere Regeln. Oder vielleicht doch die gleichen, die auch draußen gelten sollten?

Ich habe in diesen wenigen Tagen viel erlebt, an schlimmen Dingen wie Einsamkeit, Demenz, Depression, Hoffnungslosigkeit, Krankheit und Tod. Aber auch, wie die Betreuer und Pflegerinnen nicht nur einfach ihren Job machen, sondern auf jeden der einzelnen Menschen dort eingehen, mit ihnen spielen, scherzen, ihnen Hoffnung geben und sie auch mal streicheln.

In Berlin gibt es rund 300 Pflegeheime, ich weiß nicht, wie es in den anderen läuft. Auch dort gibt es sicher zu wenig Personal, das sich um alle Bewohnerinnen und Bewohner angemessen kümmern kann. In dem Heim, in dem ich gewesen bin, fehlen ebenfalls Leute. Und Geld, um mehr einstellen zu können. Trotzdem nehmen sich die Angestellten dort die Zeit, wirklich menschlich mit ihren Schützlingen umzugehen. Bei all dem körperlichen und psychischen Stress ist das eine unwahrscheinlich große Leistung!

* Alle Namen wurden geändert

Foto: Dibus85

Wikimedia Commons, CC BY 2.0
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