In diesem Jahr wurde eine kleine Stadt am Müggelsee weltbekannt: Am 16. Oktober 1906 hatte sich der verarmte Schuster Wilhelm Voigt als Hauptmann des Preußischen 1. Garde-Regiments zu Fuß verkleidet und hielt im Wedding einen Trupp Gardefüsiliere an. Zusammen fuhren sie nach Köpenick und er ließ sich im dortigen Rathaus die Stadtkasse aushändigen. Die Soldaten wies er an, Wache zu halten, während der sich verdrückte. Zwar wurde er schnell verhaftet und verurteilt, trotzdem galt er als Volksheld. Die Farce sorgte nicht nur in Deutschland für Aufsehen, sondern wurde durch die mediale Berichterstattung weltweit bekannt. Zeitgenössische Berichte und Karikaturen erschienen in ausländischen Zeitungen, der Fall des Hauptmanns von Köpenick wurde als Beispiel für preußischen Autoritätsglauben kommentiert.
Was sonst noch geschah:
24. Januar 1906
In der Nationalgalerie wurde die Deutsche Jahrhundertausstellung eröffnet. Sie zeigte Werke deutscher Maler aus dem Zeitraum von 1775 bis 1875.
24. Februar 1906
Eine Kommission des preußischen Kriegsministeriums beriet über die Vorzüge gasgefüllter Luftschiffe und Möglichkeiten zu ihrem Bau durch den Grafen Zeppelin.
5. März 1906
Kaiser Wilhelm II. eröffnete das in der Georgenstraße hinter der Friedrich‑Wilhelms‑Universität das Institut und Museum für Meereskunde. Die Gründung und Eröffnung waren flankierende Maßnahmen zum Flottenbauprogramm. Es war weltweit das erste Museum dieser Art und zeigte auch Ausrüstungsgegenstände der ersten deutschen Antarktisexpedition von 1901 bis 1903.
18. März 1906
Zum Jahrestag der Revolution von 1848 besuchten russische Studenten den Ehrenhain der Märzgefallenen im Friedrichshain. Von der Polizei als politisch verdächtige Elemente angesehen wurden zwölf von ihnen aus Berlin und Preußen ausgewiesen.
5. April 1906
Die Brüder Alfred und Kurt Wegener starteten in einem mit Wasserstoff gefüllten Ballon in Reinickendorf in Richtung Norden bis Jütland. Nach einem Wetterwechsel flog der Ballon Richtung Süden und landete nach 52,5 Stunden ununterbrochener Fahrt in der Nähe von Aschaffenburg. Damit stellten die beiden einen Weltrekord auf. Die Ballonfahrt diente meteorologischer Forschung und der Erprobung astronomischer Ortsbestimmung bei Nacht.
17. April 1906
In Moabit wurde das Kriminalgericht in der Turmstraße seiner Bestimmung übergeben. Zuvor war bereits 1882 ein Gerichtsgebäude im gleichen Block an der Straße Alt-Moabit errichtet worden. Das neue Kriminalgericht galt als sehr modern, es hatte ein eigenes Kraftwerk, Zentralheizung sowie eine Telefonanlage.
14. Mai 1906
Der U-Bahn-Abzweig vom Knie (heute Ernst-Reuter-Platz) zum Wilhelmplatz (heute Richard-Wagner-Platz) wurde eingeweiht. Dadurch erhielt das neue Rathaus Charlottenburg eine Anbindung an das U-Bahn-Netz.
26. Mai 1906
Auf dem Schießplatz Tegel gelang dem Ingenieur August von Parseval, später Professor für Luftschifffahrt, der erste Aufstieg mit dem von ihm gebauten lenkbaren Luftschiff PL I.
2. Juni 1906
Der Teltowkanal wurde von Kaiser Wilhelm II. mit einer Fahrt in der kaiserlichen Yacht Alexandria seiner Bestimmung übergeben. Der Bau des Kanals, der mit einer elektrischen Treidelbahn ausgestattet war, hatte im Dezember 1900 begonnen. Er verbindet bis heute im Süden von Berlin auf einer Strecke von 38 km die Havel mit der Spree.
1. Juli 1906
Eröffnung der Straßenbahn der Gemeinde Friedrichshagen mit einer elektrisch betriebenen Bahn. Doch schon am 16. Dezember wurde sie von der Städtischen Straßenbahn Cöpenick übernommen. Gleichzeitig erfolgte der Umbau auf die Köpenicker Spurweite.
20. August 1906
Durch eine königliche Verordnung wurde der Gemeinde Deutsch-Wilmersdorf das Stadtrecht verliehen.
29. September 1906
Eröffnung des Neuen Schauspielhauses am Nollendorfplatz. Die erste reguläre Vorstellung fand am 25. Oktober statt.
1. Oktober 1906
Am Augustenburger Platz im Wedding wurde das Rudolf-Virchow-Krankenhaus als städtisches Krankenhaus in Betrieb genommen. Mit seinen 1.600 Betten war es das größte Krankenhaus Deutschlands. Die Kosten beliefen sich auf 19 Millionen Reichsmark.
3. Oktober 1906
In Berlin begann die erste Welt-Funkkonferenz, auf der die beteiligten 27 Nationen eine Vereinbarung über die Aufnahme und Weitergabe jeglicher Funkmeldungen unterzeichneten.
27. Oktober 1906
Der Publizist Maximilian Harden bezichtigte in der Zeitschrift Die Zukunft den Berliner Stadtkommandanten Kuno Graf von Moltke der Homosexualität. In einer Artikelserie diskreditierte Harden das Umfeld des Kaisers als moralisch verwerflich. Auch Fürst Philipp von Eulenburg, enger Vertrauter von Kaiser Wilhelm II., wurde Homosexualität und Meineid vorgeworfen sowie „unheilvollen politischen Einfluss“. Die Affäre erschütterte das Ansehen des Kaisers und des Hofes.
8. November 1906
Eröffnung des neu eingerichteten Hauses der Kammerspiele in der Schumannstraße durch Max Reinhardt.
15. November 1906
Die Reichsparteischule der deutschen Sozialdemokratie in der Kreuzberger Lindenstraße wurde durch August Bebel eröffnet. Die Ausbildung der Funktionäre erfolgte in Halbjahreskursen mit jeweils 30 vom Parteivorstand ausgewählten Teilnehmern.
14. Dezember 1906
Im ehemaligen Empfangsgebäude des Hamburger Bahnhofs in der Invalidenstraße wurde das Verkehrs- und Baumuseum eröffnet.

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