Es war vor allem ein tragisches Ereignis, das den Berlinern für dieses Jahr in Erinnerung blieb: Am 26. September 1908 gab es am Gleisdreieck ein U-Bahn-Unglück, bei dem 20 Menschen ums Leben kamen.
Das Gleisdreieck war damals noch kein Bahnhof, sondern tatsächlich ein Dreieck aus Gleisen: Aus Kreuzberg, Schöneberg und vom Potsdamer Platz führten drei Hochbahnstrecken über diesen Ort. Dadurch wurden dieselben Gleise von unterschiedlichen Linien befahren.
Gegen 13.45 Uhr fuhr ein Zug aus Schöneberg kommend in Richtung Kreuzberg. Gleichzeitig näherte sich der Zug vom Potsdamer Platz in die gleiche Richtung. Der Fahrer des Schöneberger Zugs übersah jedoch das Haltesignal und fuhr so mit voller Geschwindigkeit auf das Gleis, das für den Zug vom Potsdamer Platz freigegeben war. Dieser stieß dem ersten Zug in die Seite. Dessen dritter Waggon wurde aus dem Gleis gestoßen und stürzte kopfüber rund zehn Meter in die Tiefe, sodass die Fahrgastkabine vom 17 Tonnen schweren Untergestell zerquetscht wurde.
20 Menschen starben bei diesem Unfall, 18 wurden teilweise schwer verletzt. Ein Jahr später erhielt der Zugführer, der das Haltesignal übersehen hatte, eine Gefängnisstrafe. Aufgrund dieses Unglücks wurde das Gleisdreieck 1913 zu einem Kreuz umgebaut, in dem die Linien auf unterschiedlichen Ebenen fahren. Damit die Fahrgäste dort umsteigen konnten, legte man auch gleich einen Bahnhof an. Trotz dieser Umgestaltung bekam der die Station den Namen Gleisdreieck, den sie bis heute führt.
Was sonst noch geschah:
4. Januar 1908
Der spätere Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin hielt sich für drei Tage in Berlin auf, um sich mit anderen marxistischen Revolutionären zu treffen. In einer Wohnung in der Pestalozzistraße 69 in Charlottenburg traf er unter anderem mit Rosa Luxemburg zusammen.
10. Januar 1908
Zehntausende demonstrierten vor dem Abgeordnetenhaus für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Preußen. Initiator der Aktion war die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die durch das in Preußen geltende Dreiklassenwahlrecht besonders benachteiligt war. Das Dreiklassenwahlrecht gab den Reichen und Adligen wesentlich mehr Rechte, als allen anderen Bürgern.
18. Januar 1908
Bei einer militärischen Übung auf dem Artillerieplatz Tegel wurde versehentlich eine Granate in ein Wohnhaus in Saatwinkel abgeschossen. Nach diesem Vorfall wurden die Schießübungen auf dem Gelände vollständig eingestellt. Viel später entstand dort der Flughafen Tegel.
16. März 1908
Die Firma Siemens eröffnete in Siemensstadt eine Güterbahn mit einer Streckenlänge von 20 km. Die Werkbahn in der Nonnendammallee schloss an die Güterbahn nach Gartenfeld an und hatte auch eine Verbindung zur Militärbahn in Eiswerder.
29. März 1908
Unter der kaiserlichen Prachtstraße Kaiserdamm in Charlottenburg wurde die U-Bahn zwischen der Wilmersdorfer Straße (Bahnhof Bismarckstraße) und Reichskanzlerplatz (heute Theodor-Heuss-Platz) in Betrieb genommen.
13. April 1908
Die alte Garnisonkirche in der Neuen Friedrichstraße (heute Anna-Louisa-Karsch-Straße) in Mitte brannte nieder. Ihr Wiederaufbau erfolgte sofort und war bereits 1909 abgeschlossen. 1943 wurde sie bei einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört, die Reste 1962 abgetragen.
22. Mai 1908
In Spandau wurden Versuche unternommen, durch Brieftauben automatische Foto-Geländeaufnahmen zu erhalten.
1. Juni 1908
Als erste Verkehrsgesellschaft führte die Allgemeine Berliner Omnibus AG Monatskarten ein.
2. Juni 1908
In den Ausstellungshallen am Zoologischen Garten wurde die erste Deutsche Schiffbau-Ausstellung eröffnet. Die Veranstaltung, bei der unter anderem auch Kaiser Wilhelm II. seine Sammlung historischer und silberner Schiffsmodelle präsentierte, lief über mehrere Monate.
11. Juni 1908
Einweihung des vom Stadtbaurat Ludwig Hoffmann entworfenen Märkischen Provinzial-Museum. Die sechs Gebäudeteile wurden märkischen Bauwerken aus Gotik und Renaissance nachgebildet.
15. Juni 1908
In der Weddinger Gerichtsstraße wurde eine von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann entworfene Volksbadeanstalt ihrer Bestimmung übergeben.
16. Juni 1908
Bei der Landtagswahl konnte die SPD trotz Benachteiligung durch das Dreiklassen-Wahlrecht erstmals (mit sechs Mandaten) in das Abgeordnetenhaus einziehen.
1. Juli 1908
Die Städtische Straßenbahn Berlin, der erste stadteigene Straßenbahnbetrieb, eröffnete die Linien zwischen Landsberger Allee/Elbinger Straße in Friedrichshain und dem Weddingplatz sowie zwischen Landsberger Allee und dem Stettiner Bahnhof in der Invalidenstraße.
18. August 1908
Ein Erlass des preußischen Kultusministeriums erlaubte die Immatrikulation von Frauen an den Universitäten. So konnten zum kommenden Wintersemester auch an der Friedrich-Wilhelms-Universität erstmalig Studentinnen immatrikuliert werden.
26. September 1908
Auf dem Bahnhof Gleisdreieck kollidierten zwei U‑Bahnzüge, 20 Menschen kamen dabei ums Leben.
1. Oktober 1908
Eröffnung der U-Bahn-Linie vom Leipziger Platz zum Spittelmarkt mit den Zwischenstationen Kaiserhof, Friedrichstraße und Hausvogteiplatz.
11. Oktober 1908
In Schmargendorf erfolgte der Start zum Ballon-Wettbewerb um den „Gordon-Bennett-Preis der Lüfte“. 23 Ballons starteten. Der Ballon „Conqueror“ der US-Mannschaft platzte und ging bei Friedenau nieder.


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