Viele der Künstler meiner Jugend sind jetzt im Rentenalter. Manche machen trotzdem immer weiter, vermutlich bis sie auf der Bühne an Altersschwäche sterben. Ihr Vorbild ist vielleicht Johannes Heesters, der sogar noch mit 106 Jahren öffentliche Auftritte hatte. So weit sind die Rolling Stones noch nicht: Mick Jagger und Keith Richard sind „erst“ 82, sie gründeten die Band 1962, vor 64 Jahren!
Ein Jahr zuvor wurde Campino geboren, der später als Jugendlicher in der Punkband ZK spielte. Daraus entwickelten sich die Toten Hosen, die es nun seit 44 Jahren gibt. Und die vergangene Woche ihr letztes Studioalbum veröffentlicht haben. „Trink aus! Wir müssen gehen“ gehört für mich zu ihren besten Alben, sowohl musikalisch als auch textlich. Genau genommen ist es ein Doppelalbum, aber dazu später mehr.
Die erste Platte darin mit 16 neuen Songs hat eine inhaltliche Breite und Tiefe, wie man sie in dieser Intensität selbst von den Hosen bisher kaum kannte. Schon in der Vergangenheit haben sie sich zu aktuellen gesellschaftlichen Themen immer wieder klar positioniert, doch diesmal geht es weiter. Natürlich befinden sich darauf Texte gegen den Rechtsruck in Deutschland, über AFD und Mitläufertum. Aber auch weitergehende Gedanken, was man möchte, was man auf keinen Fall (sein) will. Es gibt Rückblicke in die eigene Geschichte, auch sehr privat, immer wieder aber auch eine Hommage an diejenigen, die sich nicht anpassen, die Flüchtlingen, Armen, Obdachlosen helfen, die sich nicht von den Rechtsextremen einschüchtern lassen. Es ist ein Rückblick- und ein Mutmach-Album, wenn auch manchmal mit Sorgenfalten.
Dieses Thema setzt sich auf der zweiten CD fort, die sogar 25 Songs beinhaltet (in der Vinyl-Version aufgeteilt in zwei Platten). Es sind Lieder von anderen Musikern, die von den Bandmitgliedern ausgesucht wurden. Das Besondere daran: Sie alle wurden zusammen mit eben diesen Künstlern eingespielt, der Tote-Hosen-Frontmann Campino singt sie gemeinsam mit ihnen.
Darunter befinden sich musikalische Vorbilder der Toten Hosen wie die Altrocker Stranglers, U.K. Subs oder The Specials. Überraschenderweise aber welche, die man hier sicher nicht erwarten würde. Zusammen mit Wolf Biermann singt Campino dessen inoffizielle Hymne der einstigen DDR-Opposition, das Lied Ermutigung: „Du lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit“. Auch aus der DDR stammt Bettina Wegner, deren Lied Kinder („Sind so kleine Hände“) in einer wunderbaren Interpretation gespielt wird. Mit der Schlagersängerin Vicky Leandros singt Campino „Ich liebe das Leben“, mit dem Alt-Linken Hannes Wader seinen uralten Hit „Schon so lang“. Viele weitere Künstler und Bands sind dabei, u.a. Element of Crime, Fehlfarben, Broilers, BAP, Antilopen-Gang oder New Model Army. Allein für diesen Teil würde sich die Anschaffung des neuen Albums lohnen.
Trink aus! Wir müssen gehen ist ein Highlight der Karriere der Toten Hosen, der gelungene Abschluss einer Band-Geschichte, die oft unvorstellbar war. Dazu gehören Tragödien wie das tote Mädchen bei einem Konzert, die Überfälle von Neonazis, aber auch unfassbare Erfolge wie die Stadionkonzerte in aller Welt. Dass sogar die CDU auf einer Wahlkampfveranstaltung mehrfach einen Hosen-Song spielte, passte der Band dagegen überhaupt nicht.
Die Toten Hosen sehen sich nicht nur als Band, sondern als Clique, als Gang. Und so schreiben sie im Booklet auch, dass sie zwar keine weiteren regulären Alben mehr veröffentlichen werden, sich aber nicht auflösen: „Weil wir Freunde sind, tun wir das erst auf dem Friedhof – Jochen, Wölli und Faust warten dort schon auf uns.“ Tatsächlich hat die Band 2012 in Düsseldorf eine große Grabstätte gekauft, auf der auch die jetzigen Bandmitglieder einst begraben werden wollen.
Die „Trink Aus! Wir müssen gehen“-Tour führt die Hosen 2026 und 2027 nochmal durch ganz Deutschland und einige andere Länder. Das Konzert im Olympiastadion im Juli ist leider schon ausverkauft. Wer trotzdem noch hin will, müsste nach Leipzig oder Braunschweig fahren.
Video zur Entstehung des Albums:

Schreibe den ersten Kommentar