Warum nur „Zweiter Weltkrieg“? Und was hat das mit der AFD zu tun?

Schon oft ist mir aufgefallen, dass viele Menschen, aber auch die meistens Medien, über die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland vom „Zweiten Weltkrieg“ sprechen. Natürlich fiel der Krieg in die NS-Zeit, aber doch war er nur ein Teil davon.

Die Macht ist am 30. Januar 1933 an Hitler und damit seine NSDAP übergeben worden. Der Zweite Weltkrieg wurde am 1. September 1939 begonnen, also sechseinhalb Jahre später. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Nazis Deutschland längst fest in der Hand, Österreich war bereits ins „Reich“ eingegliedert, Teile der Tschechoslowakei besetzt, die Judenverfolgung in vollem Gange.

Dass heute viele nur vom Krieg sprechen, wenn sie die Nazizeit meinen, hat sicher mit damit zu tun, dass er, vor allem ab 1942, nach Deutschland zurückkam und viele Städte von den Alliierten zusammengebombt wurden. Spätestens jetzt kapierte die gesamte deutsche Bevölkerung, wohin die Politik Hitlers führte. Zu diesem Zeitpunkt waren aber schon viele Opfer der Nazis tot, verstümmelt, geflohen oder litten in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Die Liste dieser Opfer ist lang, dazu gehörten natürlich die Juden und Zeugen Jehovas, Sozialdemokraten und Kommunisten, Sinti und Roma, Schwule und Lesben, Gewerkschafter und Künstler, Behinderte sowie Menschen, die einfach den Mund gegen die Nazis aufgemacht hatten. Behalten Sie diese Auflistung für ein paar Minuten im Gedächtnis!

Von nichts gewusst

Natürlich wusste die Mehrheit der Deutschen, was da vor sich ging. In den gleichgeschalteten Zeitungen hetzten die Nazis täglich gegen diejenigen, die sie wahlweise als „Volksverräter“ oder als „Untermenschen“ bezeichneten. Und spätestens seit der Pogromnacht am 9. November 1938 und den folgenden Tagen konnte niemand mehr behaupten, er hätte „von nichts gewusst“.

Viele Deutsche wollten vermutlich, dass diese zahlreichen Schandflecken der NS-Politik nach 1945 möglichst nicht mehr erwähnt werden. Die eigene Schuld, nichts dagegen gesagt oder getan zu haben, belastete bewusst oder unbewusst sicher die meisten nicht davon betroffenen Menschen. Bei ihnen ist es nachvollziehbar, dass sie die Zeit des Faschismus lieber auf die Jahre des Weltkriegs beschränkten. Für diese Leute war die Bombardierung des eigenen Zuhauses natürlich wesentlich schlimmer als das Leid der Nazi-Opfer zuvor und auch weiterhin. Nun aber waren sie selbst Opfer – und die „Täter“ kam von außen, die Russen, Briten und US-Amerikaner waren ja „Feinde“.

Doch warum wird mehr als 80 Jahre danach noch immer diese Floskel „während des Kriegs“ benutzt, wenn die gesamte Naziherrschaft von 1933 bis 1945 gemeint ist? Selbst von der dritten oder vierten Generation danach?

Natürlich haben die Erlebnisse des Kriegs in Deutschland, die Bombennächte und auch die nie wieder zurückgekehrten Soldaten – Väter, Söhne, Ehemänner – ein kollektives Trauma geschaffen. Der Krieg hat die allermeisten Familien in Deutschland betroffen und viel Leid gebracht, auch was die spätere Teilung des Landes sowie die Vertreibungen betraf. Deshalb ist er vielleicht mehr in der gesellschaftlichen Erinnerung verankert, als dessen Ursache, nämlich die NS-Herrschaft.

Selbst wenn heute niemand mehr lebt, der für die Herrschaft der Nazis mitverantwortlich war, ist eine Form von historischer Kollektivschuld noch immer im Bewusstsein vorhanden. Anders als beim Krieg, den man ja einfach als von außen aufgedrängt ansehen kann. Was natürlich Blödsinn ist, denn ohne Hitlers Angriffskriege wären auch keine Bomben auf die deutschen Städte gefallen.

Also reduziert man die Zeit zwischen 1933 und 1945 auf den Weltkrieg und selbst dort lieber auf die Zeit ab 1942, als er sich langsam gegen Deutschland richtete. So vermeidet man auch die Auseinandersetzung damit, was für den damaligen Krieg und die Verbrechen der Wehrmacht verantwortlich war. Nämlich die nationalsozialistischen Machthaber, die schon lange vor 1933 offen gesagt haben, was sie planen. Ob Holocaust, Angriffskriege, Unterwerfung der Sowjetunion oder die Gleichschaltung der deutschen Gesellschaft: All dies war lange vor der Machtübergabe an Hitler bekannt. Selbst wenn im Nachhinein viele Menschen behaupteten, sie hätten es nicht gewusst.

Die AFD

Und heute? Sicher, die AFD ist nicht die NSDAP. Die äußeren Verhältnisse sind die nicht von vor hundert Jahren. Und doch gibt es viele Parallelen: Ganz vorn der Rassismus, der völkische Nationalismus und die antidemokratische Grundeinstellung. „Wir werden sie jagen“ hatte der AFD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland schon vor neun Jahren gesagt in Bezug auf ihre politischen Gegner. Und so kam es auch: Seitdem gab es in Deutschland unzählige Angriffe mit Verletzten und auch Toten durch Rechtsradikale. Die AFD spielt dies als Einzelfälle herunter, die mit ihr nichts zu tun hätten. Wölfe in Schafspelzen. Dabei sind etliche Mitglieder und auch Funktionäre dafür bekannt, in Neonazi-Organisationen gewesen zu sein und auch heute noch entsprechend Kontakte zu haben.

Viele fallen darauf rein, wenn sich diese Partei als „rechtsstaatlich“ hinstellt und angeblich die Interessen der Bürger vertritt. In Wirklichkeit ist sie jedoch genauso menschenverachtend und völkisch, wie ihre Vorgänger. Was früher die Juden waren, sind heute vor allem die Moslems, Immigranten und Flüchtlinge. Ansonsten die gleichen, die schon oben in der Liste der NS-Opfer aufgeführt sind.

Und tatsächlich will die AFD auch vieles aus den vergangenen Jahrzehnten rückgängig machen: Raus aus der EU, raus aus dem Euro, keine Unterstützung mehr für Flüchtlinge und demokratische Initiativen, Rückkehr zu einem rein abstammungsbasierten Staatsangehörigkeitsrecht. Ihre aktuellen Vorbilder sind das derzeitige Russland und die USA unter Trump.

Vor hundert Jahren waren die bürgerlichen und antifaschistischen Parteien untereinander sehr zerstritten, die Bevölkerung hatte kaum noch Vertrauen in sie. Im März 1933 stimmte die Zentrumspartei (vergleichbar mit der heutigen CDU) für das Ermächtigungsgesetz der Nazis. Und damit für die alleinige Herrschaft der Nationalsozialisten. Leider gibt es auch heute in der CDU Kräfte, die für eine Zusammenarbeit mit der AFD eintreten. Noch mehr beim Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Die heutigen bürgerlichen Parteien bieten für viele Menschen keine Lösungen mehr an. Doch auch wenn sich Geschichte nicht wiederholt, sind die Parallelen offensichtlich.

Haben die Deutschen wirklich aus der Geschichte gelernt? Die jüngsten Wahlergebnisse lassen daran Zweifel aufkommen. Noch heute wird von der NS-Zeit fast nur als Kriegszeit gesprochen. Aber all die Zerstörungen der demokratischen Strukturen und die Verfolgung unzähliger Menschen ab 1933 werden nicht dazugezählt. Das zeigt, dass diese Zeit nicht wirklich als Problem angesehen wird. Und dies lässt für heute nichts Gutes erwarten.

Wer populistischen Parolen hinterherrennt und die Schuld für Krisen Minderheiten in die Schuhe schiebt, macht es sich zu einfach. Wohin das führen kann, sollte man gerade hier in Deutschland, eigentlich wissen. Aber vielleicht ist das ja vielen Menschen auch einfach egal.

Foto: V. S. Kinelovsky, KI-koloriert

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