Falsche Zeitung

“Sie sind echt ein netter Taxifahrer. Sie haben gute Ideen und interessante Gedanken. Was halten Sie davon, wenn ich eine Reportage über Sie mache?”
Natürlich fühlte ich mich geschmeichelt, andererseits glaube ich, dass es mittlerweile genug Taxi-Reportagen gibt. So wahnsinnig exotisch ist das Metier ja nun auch nicht. Sicher, es wird auch viel Blödsinn geschrieben, bis hin zu den Berichten, die unser Gewerbe in die Nähe der organisierten Kriminalität rücken. Doch selbst wenn ich da einiges klarstellen könnte, letztendlich habe ich keinen Einfluss darauf, was tatsächlich gedruckt wird.

Die Dame war wirklich sehr nett, aber leider von der falschen Zeitung. Bevor ich jemandem von der “Bild” ein Interview gebe, muss ich noch sehr tief sinken. Weil ich aber ein feinfühliger Mensch bin, versuchte ich ihr das in freundlichen Worten zu erklären. Dass ich nicht sie als Person ekelhaft finde, sondern das Blatt, für das sie arbeitet. Und dass ich gerne glaube, dass sie für die Hetze in der Bild-Zeitung nicht verantwortlich ist, sie aber auch meinen Standpunkt verstehen muss.
“Leider sind Sie ja nicht der Einzige, der so denkt,” sagte sie noch, dann waren wir auch schon am Ziel. Sie sah enttäuscht aus, offenbar hatte sie wirklich geglaubt, mir damit eine Freude zu machen.
Ein bisschen hatte ich deshalb beim Weiterfahren auch ein schlechtes Gewissen. Aber nur ein bisschen.

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3 Kommentare

  1. Auf den Zeitpunkt warte ich ja nur… ;)

    Nee, schlechtes Gewissen wäre definitiv übertrieben – so sehr ich gegen alle Vernunft an die hehren Absichten der ein oder anderen “Journalisten” glaube, die das nur als Karrieresprungbrett verwenden.

    Aber die 500 Zeichen soll mir ein Bild-Schreiberling mal zeigen, mit denen er das Gewerbe würdig beschreiben und/oder analysieren will!

    Selbst wenn man der Bild genügend Rückgratlosigkeit unterstellen würde, dass sie auch korrekte Berichte bringt: Erstmal will ich sehen, dass sie überhaupt Platz für diese Infos haben!

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