Stromern im Virchow

Schon als Kind war ich immer neugierig, musste meine Nase überall reinstecken und habe nicht auf die Warnungen der Erwachsenen gehört. Im Alter von etwa 10 Jahren war ich wegen einer Operation am Ohr für einige Tage im Weddinger Rudolf-Virchow-Krankenhaus. Das bestand damals noch hauptsächlich aus relativ kleinen Gebäuden, ein bis zwei Stockwerke hoch, die wie in einem großen Park verstreut lagen. Vor allem aber waren sie unterirdisch verbunden, was mich natürlich besonders interessierte. Und da ich ja nicht bettlägerig war, streunte ich unbemerkt durch die Keller der vielen Gebäude. Die meisten Abteilungen hatten seltsame Namen, die ich nicht zuordnen konnte und so wurVirchow-Krankenhausde ich auch nicht stutzig, als ich in der Pathologie ankam. Dort allerdings merkte ich schnell, wo ich gelandet war, mehrere Leichen lagen auf Metalltischen, andere zugedeckt auf Bahren. Von diesem Moment an ging ich nie wieder in den Virchow-Keller.
In der vergangenen Nacht nun verschlug es mich zufällig wieder auf dieses Krankenhausgelände. 35 Jahre später sieht es dort völlig anders aus, im Zentrum der Anlage stehen jetzt moderne Massenabfertigungsgebäude, weiß, hell ausgeleuchtet, steril. Viel lackiertes Metall, das Neonlicht ist vielleicht notwendig, keine Ahnung, auf jeden Fall aber abstoßend. Als es 1988 fertiggestellt wurde, war es das modernste Krankenhaus Europas.
Durch einen kleinen Nebeneingang kam ich auf das Gelände, zu Fuß kann man auch nachts an mehreren Stellen hinein. Gleich neben der Einfahrt am Nordufer stand ich am Hubschrauberlandeplatz. Manchmal höre ich, wie ein Rettungshelikopter dort hinfliegt. Meistens sehr hoch, weil direkt neben dem Krankenhaus noch die Hochspannungsleitungen des Kraftwerks Moabit verlaufen, nachts leuchten dort starke rote Lampen an der Spitze. Tagsüber wahrscheinlich auch, ich habe noch nie darauf geachtet. Unmittelbar neben dem Landeplatz ist ein Bettenhaus mit der Rettungsstation. Ich stelle mir den Lärm vor, wenn hier ein Hubschrauber herunter kommt. Wahrscheinlich wachen nachts sämtliche Kranke auf, die auf dieser Seite des Hauses liegen. Ob das gesundheitsfördernd ist?
Über die Südallee ging ich ins Innere des Geländes. Hier verläuft die eigentliche Hauptstraße des Virchow-Krankenhauses, die Mittelallee. Sie hat einen breiten Grünstreifen zum Spazierengehen, an den Seiten stehen die großen modernen Bettenhäuser. Chirurgie, Frauen, Kinder, jedes spezielle Gebäude ist so groß wie woanders eine ganze Klink. Am Anfang und Ende der Allee stehen noch ein paar der alten Häuser, auch sie wurden saniert und sehen fast aus wie neu. Ich will nicht “schön” sagen, denn ich kann sie nicht betrachten, ohne an ihre Funktion zu denken. Krankenhäuser sind mir schon immer ein Greuel, mögen die einzelnen Gebäude teilweise auch ansprechend sein. Sie sind wie Gigolos, man darf sich von ihnen nicht täuschen lassen.
Auf dem Mittelstreifen stehen Bänke zum Ausruhen, ein Buddy-Bär, Brunnen, Skulpturen, Tagsüber ist hier jetzt im Frühjahr bestimmt eine Menge los. Das nördliche Ende der Mittelallee führt zum alten Hauptgebäude am Augustenburger Platz, dies ist für die vielen Besucher der Haupteingang, weil dort auch die U-Bahn hält. Wer mit dem Auto kommt, muss in der Seestraße reinfahren. Jetzt um 2 Uhr morgens ist aber die Allee und auch der Platz am Haupthaus menschenleer. Nur am Eingang der Chirurgie steht ein Mann und raucht, anscheinend ein Mediziner. Ansonsten ist es ruhig, auch von außen dringt nur wenig Straßenlärm herein. Mitten im Block ist man von der Außenwelt wie abgeschnitten, es ist ein merkwürdiges Gefühl, wie ausgeliefert sein.
Ich verdrücke mich Richtung Norden, hinter einem der beiden Gesundheitsklötze steht noch heute der alte Wasserturm. Man sieht ihn auch von außen sehr gut, wenn man z.B. aus Moabit über die Putlitzbrücke fährt, er überragt alle Gebäude des Krankenhauses. Natürlich ist er nicht mehr in Betrieb, jedenfalls nicht in der ursprünglichen Funktion. Mittlerweile habe ich ein Gefühl, als wäre ich ein Eindringling. In der Nordstraße kam mir ein Arzt oder Pfleger entgegen, der mich ganz misstrauisch angeschaut hat, er schaute mir auch hinterher. Deshalb lief ich nun einen Bogen bis zum sogenannten Forum, das tagsüber anscheinend von Studenten genutzt wird, das Virchow-Krankenhaus ist ja eine Uni-Klinik, Teil der Charité, also der Humboldt-Universität. Hier am Forum gibt es eine Bibliothek, ein Café und einen Platz, auf dem Stühle und Tische stehen und eine Menge Dreck, Essensreste und leere Flaschen liegen herum. Vom Westring führt ein kleiner Fußweg in die Büsche, wieder bin ich neugierig und lande auf einem Holzsteg, er führt durch hohen Gestrüpp in einen Garten. Rechts die hohe Mauer, die das gesamte Gelände umgibt, etwa zweieinhalb Meter mit einem roten Ziegeldach. Davor steht ein etwa 1,80 Meter hoher Grabstein, die Inschrift kann ich in der Dunkelheit nicht lesen. Der Weg führt noch an der Mauer entlang zu einem steinernen Pavillon, vielleicht sitzen hier im Sommer Leute im Schatten und genießen das warme Wetter. Zur anderen Seite hin komme ich an einen Fußballplatz, hohe Gitter umzäunen das Spielfeld. Etwas weiter biegt der Weg wieder zum Westring. Dort versperrt aber eine Gittertür den Weg, mit einer fetten Kette abgeschlossen. Dieser Teil des Krankenhausgeländes hat etwas unheimliches, finsteres, was nicht nur daran liegt, dass dort die meisten Laternen ausgefallen sind. Es hätte mich nicht gewundert, wenn auf dem Rückweg der Holzsteg verschwunden gewesen wäre.
So aber kam ich wieder auf den Westring, der mich direkt zu einem dreckigen Betonhochhaus führte. Ich bin mir nicht sicher, dass in diesem Klotz auch Kranke liegen, auf jeden Fall wünsche ich es ihnen nicht. Allerdings ist es hier wie bei fast allen Häusern auf dem Gelände: Mitten in der Nacht sind die meisten Fenster zwar dunkel, hier und da aber brennt Licht und manchmal sieht man jemanden dahinter. Da mache ich mir Gedanken, ob es eine Krankenschwester ist, oder ein Patient der nicht schlafen kann. Vielleicht auch ein Arzt, der sich gerade auf eine OP vorbereitet.
Nur ein paar Meter weiter führt ein Weg raus aus dem Gelände. Ein altes, viel zu großes Pförtnerhaus steht neben der modernen Schrankenanlage, aber es gibt hier keinen Nachtwächter. Als ich auf die finstere Sylter Straße hinaustrete, fühle ich Erleichterung. Ich muss dann noch ein langes Stück an der Mauer entlang, die von hier viel höher aussieht, als von innen. Wie eine Burg, sie ist abweisend und trotz ihrer hellen Farbe beklemmend. Trotzdem nehme ich mir vor, nochmal herzukommen, tagsüber dann, und mir noch den Rest des Geländes anzuschauen.

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