Der Wert eines Menschen

Das Bundesinnenministerium (BMI) hat eine bundesweite Plakataktion gestartet, mit der es Flüchtlingen überreden will, Deutschland wieder zu verlassen. Unter dem Motto “Dein Land. Deine Zukunft. Jetzt.” wird darin in mehreren Sprachen eine Geldzahlung in Aussicht gestellt, wenn die Betroffenen bis zum 31. Dezember in ihr Heimatland zurückkehren.

Diese Kampagne ist absolut zynisch und geht überhaupt nicht auf die Situation der geflüchteten Menschen ein. Immerhin haben die weitaus meisten von ihnen ihr Heimatland nicht deshalb verlassen, ihre Häuser, ihr Hab und Gut, ihre Familien zurückgelassen, weil es in Deutschland so schön ist. Die meisten flohen vor dem Krieg in Syrien, dem islamistischen Terror in Afghanistan, Verfolgung und Unterdrückung. Ihnen jetzt 1.000 Euro anzubieten, damit sie wieder in diesen Horror zurückkehren, ist erbärmlich, es verhöhnt die Erfahrungen, die diese Menschen dort machen mussten.

Das BMI hat sogar einen “Erklärfilm” erstellen lassen, in dem nicht mal unterschieden wird zwischen Migrant/innen und Flüchtlingen. Merke: Migranten wechseln ihr Land in der Regel freiwillig. So wie hunderttausende Deutsche dies auch tun und in anderen Ländern der Welt leben.
Flüchtlinge dagegen verlassen ihr Land, weil sie um Leib und Leben fürchten. Weil sie Angst haben, von einer Bombe zerfetzt zu werden. Oder vom Geheimdienst oder der Taliban gefoltert und ermordet zu werden. Der Großteil von ihnen würde gerne wieder in die Heimat zurückkehren, wenn sie dort ungefährdet leben könnten.
Dies ist aber nicht der Fall: In Syrien wurde erst am Wochenende wieder Giftgas gegen die Bevölkerung eingesetzt. In Afghanistan kann die Regierung nicht mal die eigenen Institutionen gegen die IS-Terroristen schützen – geschweige denn die eigene Bevölkerung.

Wer nicht mal zwischen Migranten unds Flüchtlingen unterscheiden kann – oder will – ist nicht nur dumm. Er versucht damit zu suggerieren, dass es das gleiche ist. Dass also die Flüchtlinge hier in Wirklichkeit keinen Schutz suchen, sondern unter einem Vorwand einwandern wollen.
Und: Mit der “Rückkehrhilfe” macht das Ministerium deutlich, wieviel ihm das Leben eines dieser Menschen wert ist: 1.000 EUR! Ganze Familien sogar nur 3.000 EUR. Dies ist einfach nur rassistisch und heizt die Vorurteile gegen diejenigen an, die am meisten auf unsere Hilfe und Solidarität angewiesen wären!




Denkmal für homosexuelle Naziopfer

Es sieht aus, als hätte jemand vom Holocaust-Denkmal auf der anderen Straßenseite eine Stele in den Tiergarten geschleppt und dort hingestellt. Etwas schräg steht es nun dort, gleich neben der Ebertstraße, wo sich die Touristenmassen die zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor vorbeischieben: Das Denkmal für die homosexuelle NS-Opfer. Wer näher herantritt findet eine Öffnung, in der er auf einem Bildschirm zwei Menschen sieht, die sich küssen. Mal zwei Frauen, mal zwei Männer.

Schwule Männer wurden in der Nazizeit wesentlich stärker verfolgt, als lesbische Frauen. Über 50.000 Homosexuelle sind nach dem Paragrafen 175 verurteilt worden, fast alle landeten in Konzentrationslagern und Zuchthäusern, manche wurden sogar mit medizinischen Versuchen gequält. Als der Bundestag im Jahr 2003 die Errichtung dieses Denkmals beschloss, war die CDU noch dagegen.
Entworfen wurde das Werk von Michael Elmgreen und Ingar Dragset, die für ihre wortwörtlich schräge Darstellung ihrer Kunst bekannt sind.

Das Denkmal ist Teil einer Erinnerungslandschaft. Neben dem Holocaust-Mahnmal gibt es unmittelbar am Reichstag drei weitere Gedenkorte: Einer erinnert an die von den Nazis ermordeten Reichstags-Abgeordneten, ein anderer an die Maueropfer zwischen 1961 und 1989. Etwas versteckt befindet sich außerdem ein Denkmal für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma.

Wenn man davon ausgeht, dass der Begriff Denkmal eigentlich “denk mal!” bedeutet, hat das Homosexuellen-Denkmal sicher noch lange seine Berechtigung. Denn klar ist, dass nicht nur das Gedenken an schwule Naziopfer wichtig ist, sondern dass es auch heute noch zahlreiche Diskriminierungen und Übergriffe auf Homosexuelle gibt. Das angeblich so tolerante Berlin hat trotz breiter Aufgeklärtheit noch eine andere Seite, auch gegen die ist dieses Denkmal gemacht.




Wappen am Reichstag

Millionen von Besuchern aus aller Welt besichtigen jedes Jahr das Reichstagsgebäude. Sie warten meist in langen Schlangen vor dem Westportal auf Einlass. Einen ersten Eindruck vom historischen Teil des Parlamentsgebäudes bieten da bereits die Wappen derjenigen deutschen Staaten, Länder und Städte, die sich 1871 zu Deutschen Reich vereinigt hatten. Insgesamt sind als “Stammbaum” zwanzig Wappen in zwei verschiedenen Größen abgebildet. Das neue Reich war ein Bundesstaat, dem 25 Einzelstaaten angehörten. Die genaue Zuordnung der Wappen sorgt heute deshalb für Verwirrung.

Zum Deutschen Reich zählten die vier Königreiche Preußen, Bayern, Sachsen und Württemberg sowie Großherzogtümer, Herzog- und Fürstentümer mit Namen wie Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Coburg-Gotha, Reuß ältere Linie oder Schaumburg-Lippe und Waldeck. Außerdem traten dem Bundesstaat die Freien und Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck bei. Hinzugezählt werden muss auch das 1871 in Folge des Deutsch-Französischen Krieges annektierte Elsass-Lothringen.

Mit dem damals wohl bekanntesten Bauplastiker Otto Lessing hatte der Reichstagsarchitekt Paul Wallot einen geeigneten Künstler für die Ausgestaltung des Parlamentsgebäudes gewinnen können. Lessing, ein Urgroßneffe des berühmten Dichters, war auf einer Vielzahl von prominenten Baustellen beschäftigt, so beim Neubau des Preußischen Landtags oder bei der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

Über den genauen Fortgang bei der Gestaltung der Arbeiten am Westportal ist wenig bekannt. Der Nachlass des renommierten Bildhauers ging weitgehend verloren. Es ist überliefert, dass es Paul Wallot selbst nicht auf die genauen heraldischen Bedeutungen ankam, für ihn stand das Schmückende im Vordergrund. Daher entzündete sich schon die zeitgenössische Kritik an den falsch und fehlerhaft dargestellten Wappen.

Und doch liegt in der Unvollständigkeit eine klar kalkulierte Dramatuirgie. Die vier Königreiche, die von ihrer Einwohnerzahl ohnehin neben dem Großherzogtum Baden zu den fünf größten Staaten im Deutschen Reich zählten, sind ihrer politischen Stellung folgend größer als die übrigen Wappen dargestellt. Auf der linken Portalseite stehen Preußen und Sachsen, rechts hingegen Bayern und Württemberg. Die sechs Großherzogtümer sind im rechten Winkel jeweils zwischen den vier Königreichen in der Reliefmitte auf beiden Portalseiten angeordnet. Nicht vollständig und nicht immer heraldisch richtig sind die Fürstentümer und die Hansestädte abgebildet. Unterhalb der gesamten Wappenreliefs befinden sich zwei Allegorien, die die beiden preußischen Ströme, den Rhein (an der linken Portalseite) und die Weichsel (an der rechten Portalseite) zeigen.
Bereits am Westportal gibt es also reichlich zu sehen. Ein Blick auf die Reliefs lohnt sich.

Volker Wagner, Blickpunkt Bundestag




Rassismus bringt‘s nicht

Ich stand am späten Abend mit dem Taxi am Bahnhof Zoo. Nach über einer halben Stunde Wartezeit hatte ich noch zwei Taxis vor mir, als ich sah, wie eine kleine Asiatin zum ersten Wagen ging. Sie diskutierten eine Minute, dann stieg der Kollege aus, schaute in Richtung der Bushaltestelle, schüttelte den Kopf und stieg wieder ein.

Die Dame ging zum nächsten Wagen und diskutierte wieder. Ich stieg aus und ging nach vorn, weil ich mir schon dachte, dass die Geschichte noch weitergeht. Tatsächlich stieg der vordere Fahrer wieder aus und rief seinem Kollegen, den er offenbar kannte zu, dass er „die Fitsche“ ja gerne mitnehmen könnte. Zusammen mit ihrem „Kram“. Der aber lachte zurück und rief nach vorn: „Ganz sicher nicht!“

Ich kenne diese Worte. Als „Fitschi“ wurden die Vietnamesen nach dem Mauerfall bezeichnet, ein rassistischer Begriff. Dass er von manchen immer noch benutzt wird, ist schon schlimm genug. Aber dies auch noch den betreffenden Menschen direkt ins Gesicht zu sagen, ist besonders eklig.

Der hintere Kollege schaute zu mir und ich sagte ihm ziemlich wütend, dass ich diese Sprüche zum Kotzen finde. Seine Antwort war: „Nimm Du sie doch mit, wenn Du verstehst, wo sie mit ihrem Scheiß hinwollen. Viel Spaß!“

Tatsächlich war es schwierig zu verstehen, was die Dame meinte, als sie mehrmals „Inde Ente“ sagte. Ich kenne das, viele Asiat/innen haben Probleme mit der deutschen Aussprache und dadurch haben auch die Taxifahrer Probleme, diese zu verstehen. In diesem Fall war es aber nicht so schwer: „Meinen Sie das Linden-Center, Hohenschönhausen?“, fragte ich.
„Ja“ sagte sie begeistert, Inde Ente!“
Den „Scheiß“, den der Kollege meinte, bestand aus etwa 12 bis 14 bis oben hin vollgepackten Einkaufstüten mit Kleidung. Warum man mit Einkaufstüten mitten in der Nacht zu einem Einkaufs-Center wollte, habe ich zwar nicht verstanden, aber meine insgesamt drei Fahrgäste werden schon gewusst haben, wieso. Jedenfalls war der Kofferraum des wirklich sehr geräumigen Opel Zafiras schließlich bis oben hin voll.

Ich habe mich über eine schön lange Fahrt gefreut und gehofft, dass die anderen beiden Kollegen stattdessen irgendeine 6-Euro-Tour kriegen, mit einem doitschen Fahrgast.

Unsere Fahrt ging dann jedoch gar nicht nur zum Linden-Center, sondern danach noch ein ganzes Stück weiter nach Wartenberg, um danach erst in Rummelsburg zu enden.
Die mittlerweile aufgelaufenen 53,90 Euro bezahlte meine Fahrgästin mit drei 20ern: „Sint so“.
Das habe ich sofort verstanden. Vielen Dank!




Sash auf einer neuen Reise

Ich weiß gar nicht mehr, wann wir uns kennengelernt haben. Es ist mindestens acht Jahre her, er hat hier bei Berlin Street seine Kommentare abgelassen, ich in seinem Blog Gestern Nacht im Taxi. Er war auch Taxifahrer, und wie ich hat auch er in Klaus’ Taxi-Weblog mitgelesen. Irgendwie waren wir alle drei auf einer gedachten Linie, vor allem kollegenmäßig, ein bisschen auch politisch und viel zu wenig persönlich. Wir trafen uns ein paarmal zu dritt, nur lose, Sash bin ich auch unterwegs öfters im Taxi begegnet. Meist am Ostbahnhof, wo damals seine Stammhalte war.
Im August 2012 haben wir sogar ein kleines Projekt angefangen, das Taxi-Weblog.de, das Informationen für Taxifahrer/innen bereitstellt. Was monumentales ist zwar nicht daraus geworden, aber es versieht brav seinen Dienst und hat noch immer zwischen 80 und 100 Besucher am Tag.
Am 16. November vor vier Jahren starb Klaus dann unerwartet. Auch Sash hat darüber geschrieben.

Zu dieser Zeit hat mir Sash erzählt, dass er sich in “seiner” Firma recht wohl fühlt. Anders als ich in dem Betrieb, in dem ich seit acht Jahren angestellt war. Zusammen mit meinem Tagfahrer suchte ich eine andere Firma, die nicht so einen diktatorischen Chef hat. Letztendlich sind wir auf Empfehlung von Sash dann dort gelandet und haben uns anfangs sehr wohlgefühlt. Das hat sich leider mittlerweile geändert, weil auch dort der wirtschaftliche Druck nach unten weitergegeben wird. Trotzdem bin ich Sash dankbar, uns den Tipp gegeben zu haben, denn wirklich coole Taxifirmen gibts leider noch weniger als richtig spendable Fahrgäste.

In den vergangenen Jahren habe ich ein kleines bisschen von Sashs Leben mitgekriegt. Über sein Blog, ein bisschen auch über die Gespräche. Seine Hochzeit, seine Vaterschaft, und auch, dass er wohl bald aufhört, Taxi zu fahren. Das hat er nun vor einigen Tagen auch öffentlich gemacht.

So wie ungeschützter Geschlechtsverkehr Folgen haben kann, kann auch das Ergebnis unerwartete Folgen haben. Zum Beispiel, dass man merkt, dass manches plötzlich anders läuft, nicht mehr funktioniert oder einfach unwichtiger wird. Liebevoll wurde das “Projekt Voyager” (nein, das ist nicht wirklich der Name) in den Lebensmittelpunkt gestellt und so wird es sicher noch eine Weile bleiben.
Ein neuer Weblog ist auch schon da: www.kässpätzle-jwd.de.

Wer aber noch im alten Weblog stöbern will, muss sich wohl beeilen. Auf jeden Fall wird nichts Neues mehr geschrieben. Außer vielleicht, die junge Familie ruft sich selbst mal eins und bloggt dann aus der Sucht der Fahrgäste.
Jedenfalls wünsche ich Sash und Familie eine gute Reise!




Ich trag’ den Staub von deinen Straßen

Ich trag’ den Staub von deinen Straßen
An meinen Schuhen heute noch mit mir herum.
Ich hab’ sie halt nie putzen lassen,
Nur aus Vergesslichkeit? Nun ja, vielleicht darum.
In tausend Liedern hat man dich besungen,
Da kommt es nun auf ein Lied mehr ja auch nicht an.
Ich hab’ den Kopf voll von Erinnerungen,
Mehr als ich wohl in einem Lied erzählen kann.
Von Moabit bis hin nach Lichtenrade,
Vom Wedding bis hinauf nach Wittenau.
Da kenn’ ich Kneipen, Plätze, Fassaden
Wie jedes Loch in meinen Taschen so genau.

Da gibt es Kneipen, wie vor hundert Jahren,
Da steh’n am Tresen noch die Stammkunden umher,
Die zur Eröffnung auch schon hier waren,
Da gibt es Dinge, die gibt es schon fast nicht mehr.
Da ist der Bierhahn niemals ganz geschlossen,
Da steht ein Brotkorb, und der ist für jeden frei,
Und mancher holt sich dort sein Almosen
Und isst’s im Duft von Eisbein und Kartoffelbrei.
Da gibt es Straßen voller Glanz und Flitter,
Und ein paar Schritte weiter and’re Straßen, wo
Die Tür’n verschloss’ner als Kerkergitter,
Die Pflastersteine härter sind, als anderswo.

Da gibt’s Fassaden, die wie damals prangen,
Und jeder Mauerstein erzählt: es war einmal!
Als wär’ die Zeit dran vorbeigegangen,
Dann gibt es andere, da war es nicht der Fall.
Da gibt es Heilige und Sonderlinge,
Weltenerlöser und Propheten aller Art.
Und man hört lächelnd verworr’ne Dinge
Von Weltenuntergang und sünd’ger Gegenwart.
Da gibt’s noch Seen und richtige Wälder
Mit echten Förstern drin in zünft’ger Tracht.
Da gibt’s noch richtige Wiesen und Felder,
Und echte Füchse sagen sich dort „Gute Nacht“.

Da gibt es Laubenpieper, deren Gärten
Ein Stückchen Sanssouci, ein Stückchen Acker sind.
Vor Apfelbäumen und Gartenzwergen
Dreh’n unverdrossen kleine Mühlen sich im Wind.
Da gibt es Dorfau’n, wie im Bilderbogen,
Auf denen spenden Gaslaternen gelbes Licht.
Da sind die Vorhänge zugezogen,
Und hinter jedem Vorhang regt sich ein Gesicht.
Da gibt es Wüsten aus Beton und Steinen,
Und alle Straßen darin sind gespenstisch leer.
Wie eine Fata Morgana scheinen
Noch ein paar Schrebergärten vor dem Häusermeer.

Höfe, in die sich keine Fremden wagen,
In denen immer grade irgendwas passiert,
In denen, wie hier die Leute sagen,
Man mit dem Schießeisen die Miete abkassiert.
Da gibt’s von Zeit zu Zeit noch einen greisen,
Halbtauben Lumpensammler, der am Haustor schellt,
„Ankauf von Lumpen, Papier, Alteisen!“
Schon fast ein Fabelwesen einer and’ren Welt.
Der Braunbierwagen fährt längst and’re Lasten.
Den Scherenschleifer und den Kesselschmied,
Den Alten mit seinem Leierkasten,
Die gibt es fast nur noch in meinem Lied.

Ich trag’ den Staub von deinen Straßen
An meinen Schuhen heute noch mit mir herum.
Ich habe sie halt nie putzen lassen,
Nur aus Vergeßlichkeit? Nun ja, vielleicht darum.

Reinhard Mey




An der Oberbaumbrücke

Als Kreuzberger Pflanze bin ich nahe der Grenze zu Ost-Berlin aufgewachsen. Die Mauer war für mich normal, so wie die Ruinen, die abgeschnittenen Straßenbahnschienen und die großen Schilder “Sie verlassen jetzt West-Berlin”. Bei manchen schrieben wir darunter: “…und knallen mit dem Kopp an die Mauer!”
Solch ein Schild stand auch an der Oberbaumbrücke, hier war fast das Ende von Kreuzberg und unserer Stadt. Ost-Berlin gehörte damals für uns ja nicht dazu. Zwar gab es auch die Schlesische Straße, die noch etwas weiter östlich führte, zum tatsächlichen Ende, aber da kamen wir kaum mal hin.

Die Oberbaumbrücke war etwas besonderes. Hier stand zwar die Mauer quer drüber, aber sie hatte einen Durchlass, denn die Brücke war auch ein Grenzübergang. Der Durchgang war etwa zwei Meter breit, nur Fußgänger konnten ihn benutzen. Direkt dahinter stand ein Wachturm, dessen Fenster vergittert waren. So nah am Westen wollte man wohl sicher sein, dass kein Grenzbeamter stiften geht, denn der Abstand betrug gerade mal einen halben Meter. Das Ufer der Spree war an dieser Stelle gleichzeitig die Grenze. Da die DDR ihre Mauer nicht mitten im Wasser aufbauen konnte, stand sie gegenüber, etwa 50 Meter vom Friedrichshainer Ufer entfernt. Sie ist heute die East Site Gallery. Von der Kreuzberger Seite kam man bis ans Wasser heran.

Dass der Fluss hier auf voller Breite zu Ost-Berlin gehörte, wurde einigen Kindern zum Verhängnis. Mehrmals fielen am Groebenufer (heute: May-Ayim-Ufer) kleine Jungs ins Wasser und kamen die 2 Meter Uferbefestigung nicht hoch. Zwar existierte auch ein Abstieg bis auf Wasserhöhe, aber Polizei und Feuerwehr durften nicht eingreifen und auch andere Helfer fanden sich meist nicht. Deshalb ertranken hier auf den 300 Metern mindestens vier Kinder, die man sonst vielleicht hätte retten können. Als 15-Jähriger erlebte ich einmal solch eine Situation mit, die jedoch glimpflich ausging: Wieder war ein kleiner Junge über die Absperrung geklettert, ausgerutscht und ins Wasser gestürzt. Da es damals warm war, waren viele Leute in der Nähe, die eingreifen konnten. Ein Mann zog sich sofort bis auf die Unterhose aus und sprang ins Wasser. Gegenüber lag immer ein Patrouillenboot der Grenztruppen in Bereitschaft, sie gaben Gas und fuhren Richtung Unglücksort – der für sie aber offenbar ein Tatort war. Noch während der Fahrt hatten die Soldaten nichts besseres zu tun, als den Helfer über Lautsprecher aufzufordern, “das Territorium der DDR sofort zu verlassen”.
Angesichts der sich anbahnenden Tragödie war das unglaublich. Von Kreuzberger Seite aus wurden Holzbretter ins Wasser geworfen, damit sich der Mann und der Junge daran festhalten konnten. Dort wo die Treppe bis ans Wasser führte, hob der Retter das Kind auf den ersten Absatz. Der Junge wurde sofort nach oben gezogen und kam mit dem Schrecken davon. Der Mann jedoch konnte nicht so schnell hochklettern. Das Grenzboot fuhr weiter auf ihn zu, offenbar wollte man ihn verhaften. Um dem Mann zu helfen, hielten wir Äste ins Wasser, damit er sich daran hochziehen könnte. Die Grenzler aber waren mittlerweile so nah dran, dass sie ihn zwischen Kaimauer und Boot einklemmten und gleichzeitig versuchten, ihn an Bord zu ziehen. Von unserer Seite aus schlugen einige Leute auf die Vopos ein, ich versuchte mit einem Freund, das Boot mit Stangen vom Ufer wegzudrängen. Endlich konnte jemand den Mann aus dem Wasser ziehen, nun war auch er in Sicherheit.

Während der ganzen Aktion wurden wir vom anderen Ufer aus beobachtet und von dort sowie vom Boot aus fotografiert. Den Beamten war es wichtiger, die “Grenzverletzer” zu bekämpfen, als dem Verunglückten zu helfen. Dieses Erlebnis hat mich tief getroffen und mein Verhältnis zu den “Organen” der DDR dauerhaft geprägt.
Später rächte ich mich für das Erlebte. Mehrmals ging ich mit Freunden nachts neben der Oberbaumbrücke runter an die Spree. Wir ließen Bretter oder kleine Flöße ins Wasser, auf denen benzingetränkte Lumpen lagen, die wir anzündeten. Wenn die Grenzboote zum Löschen kamen, bewarfen wir sie mit Steinen.

Aber es gab auch andere Situationen. In mancher Sommernacht saßen die Pärchen am Ufer, den Blick auf das schwarze Wasser und den hell erleuchteten Todesstreifen, die Hände streichelten den Partner. Wir haben nichts mehr um uns herum wahrgenommen, küssen, fühlen, ein unauffälliger Orgasmus, selten wurde man von Spaziergängern gestört. Diese schönen Erlebnisse waren das Kontrastprogramm zur Kälte der Grenzanlagen gegenüber.

Mitte der 1980er Jahren ging ich öfter mal nach Ost-Berlin rüber, weil ich dort Freunde gefunden hatte. Der Übergang auf der Oberbaumbrücke lag am nächsten und so lernte ich ihn auch von innen kennen. Damals stand gleich hinter der Brücke, quer über die gesamte Breite, das zweistöckige Grenzgebäude. Hier musste ich immer wieder mal zur Kontrolle in einen der kleinen Räume, in denen nur ein Tisch stand. Ausziehen, Kontrolle, selbst im Hintern, Kleidung und Gepäck wurden akribisch gefilzt. Manchmal kam noch ein Verhör dazu, wohin ich wollte, und warum. Es war nicht wirklich schlimm, aber immer sehr unangenehm und eines Tages wurde ich als “unerwünschte Person” zurückgewiesen. Bis zum Sommer 1989 war dann Schluss mit Hauptstadt der DDR.

Als kurz nach der Maueröffnung die Grenzanlagen an der Oberbaumbrücke abgebaut wurden, war das ein tolles Gefühl. Plötzlich stand ich mitten auf der Brücke und niemand konnte mir was. Die beiden Türme waren damals noch im Zustand von 1961, im Krieg beschädigt, die Dächer fehlten. Jemand hatte die Stahltür herausgerissen, so konnte ich mit einem Freund nach oben klettern. Wir genossen den Blick über die Spree, in den Sonnenuntergang. Ein anderes Mal nahmen wir Holz mit nach oben und entzündeten dort ein Feuer, es war wie eine riesige Fackel.

Schon bald nach der Wiedervereinigung sollte die Oberbaumbrücke auch für den Autoverkehr geöffnet werden. Vor allem von Kreuzberger Seite gab es dagegen heftige Proteste, weil absehbar war, dass der Verkehr stark zunehmen würde. Mehrere Male wurden Barrikaden gebaut und angezündet, es gab Blockaden und Demonstrationen, aber vergeblich. Die Brücke erhielt eine Komplettsanierung, sogar Straßenbahnschienen wurden eingebaut, und heute ist sie die einzige Autoverbindung zwischen Kreuzberg und Friedrichshain. Ruhe findet man hier nicht mehr, selbst die Straßenseite zu wechseln ist ein Risiko. An der Ufermauer aber spielen immer noch Kinder und abends sieht man hin und wieder Jugendliche, eng umschlungen, ohne ihre Umwelt wahrzunehmen. Die Oberbaumbrücke ist noch immer eine schöne Kulisse für romantische Momente.

ANDI 80

Foto: Roehrensee, 1986. Lizenz