Wohnen im Schatten der Fabrik

Zechensiedlungen wie im Ruhrpott oder geschlossene Arbeiterkolonien wie im süddeutschen Raum gibt es in Berlin zwar nicht. Aber auch hier hat der Werkswohnungsbau seine Spuren hinterlassen. Die bekanntesten Beispiele sind Siemensstadt und Borsigwalde – beide Stadtteile tragen bis heute den Namen der Firma, die dort vor über 100 Jahren Werkswohnungen baute. Reine Selbstlosigkeit war es nicht, was die Unternehmen dazu brachte, sich um die Wohnraumversorgung ihrer Mitarbeiter zu kümmern.

Die ersten Werkswohnungen in Berlin wurden bereits 1819 errichtet. Mit der einsetzenden Industrialisierung war der Bedarf an Arbeitskräften rasant angestiegen. Aus allen Teilen Deutschlands wurden Menschen angeworben. Das Problem war nur: wohin mit ihnen? 1815 stellte die stark expandierende “Königliche Eisengießerei an der Panke” Überlegungen an, für ihre Beschäftigten so genannte “Familienhäuser” zu bauen. In einem Schriftwechsel heißt es zur Begründung: Einerseits sei es unmöglich, Mietwohnungen in der Nähe der Fabrik zu beschaffen, andererseits “weil es zur ordnungsgemäßen Betriebsführung wie auch zur Sicherheit des Etablissements wichtig ist, wenigstens einen Teil der Arbeiter immer zur Hand zu haben.” Die Gießerei erwarb Land und ließ vier in einer Reihe liegende Häuser für jeweils vier Familien errichten. Für die Vorratshaltung waren Kellerräume geplant, damit sich die Leute nicht “wie gewöhnlich Löcher in die Wohnungen eingraben” und für jeden Mieter sollte es einen Garten geben, “wodurch zugleich das Ganze ein freundliches Ansehn gewinnen wird.”

In dem Brief werden bereits Hauptprinzipien des späteren Werkswohnungsbaus deutlich. Zum einen ging es den Firmen darum, eine Stammarbeiterschaft in der Nähe der Produktionsstätten zu haben, die bei Reparaturen oder anderen besonderen Ereignissen sofort verfügbar war. Zum anderen sollten insbesondere qualifizierte Arbeitskräfte langfristig an das Werk gebunden werden.
Ein weiteres frühes Beispiel ist die Spindlersche Werkssiedlung in Köpenick. Sie gehörte zur Textilfabrik Spindler und ist heute noch weitgehend erhalten. Die zweigeschossigen Backsteinhäuser stammen aus dem Jahre 1873 und stehen mittlerweile unter Denkmalschutz.

Licht, Luft und ein Stück Natur

In der Gründerzeit sahen viele Fabrikbesitzer nicht nur wegen der dramatischen Wohnungsknappheit Handlungsbedarf, sich im Wohnungsbau zu engagieren. Auch die katastrophalen, unhygienischen Wohnverhältnisse in den traditionellen Arbeiterquartieren waren ein Problem. Bestes Beispiel: Borsigwalde. Heute eine idyllische Siedlung mit kleinen Häusern und gepflegten Vorgärten. Hier draußen in Tegel hatte die Maschinenfabrik Borsig 1894 eine große Fabrik gebaut. Auf einem Gelände ganz in der Nähe des Werks wurde in den Folgejahren eine ganze Reihe von Mietshäusern errichtet – durch die Firma Borsig selbst, aber auch durch Baugenossenschaften, an denen Borsig maßgeblich beteiligt war. Die neue Siedlung erhielt den Namen Borsigwalde. Auch hier waren die Wohnverhältnisse zwar recht beengt und keineswegs luxuriös. Jede dritte Familie hatte einen Schlafburschen, um die Mietlast zu drücken. Die Toilette für alle Hausbewohner befand sich im Keller oder im Treppenhaus. Immerhin gab es aber nicht die dichte Bebauung mit Seitenflügel und Quergebäude wie sonst in den traditionellen Arbeiterquartieren. Ein besonderer Komfort waren jedoch die Mietergärten, die zu jeder Wohnung gehörten. Sie waren von Borsig zur Erholung und zum Anbau von Kartoffeln, Gemüse und Obst vorgesehen. Den Bewohnern boten sie Licht, Luft und ein Stück Natur.

Arbeits- und Mietvertrag gekoppelt

Um 1914 waren in Deutschland gerade einmal 1,4 Prozent des Wohnungsbestandes werkseigene Mietwohnungen. In einigen Regionen war der Anteil jedoch wesentlich höher. So wohnten über 20 Prozent der Beschäftigten in der oberschlesischen Montanindustrie und im Ruhrbergbau in Werkssiedlungen. Die hier häufig angewandte Kopplung von Arbeits- und Mietverträgen war Wohnreformern und Gewerkschaftern ein Dorn im Auge. Kein Wunder. Bedeutete das doch für viele Mieter: Wer seine Arbeit verlor – sei es, weil er selbst ging oder weil ihm gekündigt wurde – verlor auch seine Unterkunft. Die Unternehmen versprachen sich davon, dass ihre Arbeiter dadurch weniger mobil und streikbereit wären.

In Berlin traten die meisten Firmen nicht selber als Bauherren auf, sondern fungierten als Darlehensgeber für Baugesellschaften. Auch die bekannte Werkssiedlung der Firma Siemens entstand größtenteils auf diese Art. 1899 hatte sich Siemens mit seiner Produktionsstätte im Osten Spandaus angesiedelt. Von Anfang an waren werkseigene Wohnungen geplant. Die Beschäftigtenzahlen verdeutlichen den Bedarf: 1899 hatte man 1200 Mitarbeiter, 1910 waren es schon 61000. Im Jahre 1904 wurde mit dem Bau begonnen. Über Terrainspekulanten hatte Siemens Grundstücke für 63 Mehrfamilien-Wohnhäuser von den ansässigen Bauern erworben. Bauherr war die Märkische Bodengesellschaft. Schon ein Jahr später konnten die ersten Wohnungen in der Ohmstraße bezogen werden. Auch diese Häuser boten einen relativ hohen Komfort. Statt der düsteren Hinterhäuser gab es Mietergärten und Grünanlagen im Hof. Bis 1914 wuchs die Siedlung auf insgesamt 845 Wohnungen an. Ab 1910 wurden weitere 1500 Wohnungen errichtet.

Auch andere große Berliner Firmen stellten ihren Mitarbeitern firmeneigene Wohnungen zur Verfügung. So ließ die BVG Anfang der 30er Jahre in der Königin-Elisabeth-Straße und in Niederschönhausen rund um den Betriebshof Wohnungen für seine Schaffner bauen.

Den klassischen Werkswohnungsbau gibt es heute nicht mehr. Bei einem relativ entspannten Wohnungsmarkt und hoher Arbeitslosigkeit müssen die Firmen niemanden mehr mit Werkswohnungen locken. Und außerdem: Wer will schon nach Feierabend ständig seinen Kollegen über den Weg laufen?

Werkswohnungen vor dem Aus: Zurück zum Kerngeschäft

Firmeneigene Wohnungsbestände machen heute praktisch nur noch durch Diskussionen um ihre Privatisierung Schlagzeilen. Ob BVG, Post oder Bahn – fast alle haben in den vergangenen Jahren ihre Wohnungen verscherbelt. Man wolle sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren, heißt es in den Erklärungen. Nebenbei sollen die Verkaufserlöse die leeren Kassen füllen. Kürzlich wurde beispielsweise bekannt, dass die BVG ihre rund 5500 Wohnungen in der Hauptstadt verkaufen will. Ende der 90er Jahre waren in einem jahrelangen Poker die insgesamt 113.000 bundeseigenen Eisenbahnerwohnungen verkauft worden. Die Privatisierung war heftig umstritten, weil die Investoren satte Gewinne einfahren konnten.

Auch die Siemens-Wohnungen wurden nach und nach an Immobilienunternehmen veräußert – jedenfalls in Berlin. In München dagegen soll der Bestand an firmeneigenen Wohnungen sogar ausgeweitet werden. “Wir waren in Berlin soweit, dass wir auf dem Wohnungsmarkt aktiv Mieter suchen mussten”, erklärt der Geschäftsführer der Siemens-Wohnungsgesellschaft, Jürgen Schmieder. “Unser Kerngebiet ist aber die Vermietung an Mitarbeiter des Hauses Siemens und nicht die generelle Mieter-Akquisition.” Am Produktionsstandort München sieht die Lage dagegen ganz anders aus. Hier deckt die Nachfrage an Werkswohnungen nach wie vor nicht das Angebot.

Der Münchner Ballungsraum ist auch das einzige Gebiet, in dem heute noch darüber diskutiert wird, wie sich Firmen Belegungsrechte sichern und den Bau von Wohnungen mitfinanzieren können.

Birgit Leiß
Mit freundlicher Genehmigung des
MieterMagazins




Horst Selbiger: Verfemt, verfolgt, verraten

Im Leben hat man oft Brüche, weil es sich nicht an die eigenen Wünsche hält. Manchmal gibt es Katastrophen, die man nicht beeinflussen kann, höchstens darauf reagieren. Was aber, wenn das nicht nur einmal passiert, sondern immer wieder? Man muss sehr stark sein und viel Glück haben, um das zu überstehen.

Als Horst Selbiger 1928 geboren wurde, war noch nicht klar, dass sein Leben sehr schwer werden würde. Doch schon in den ersten Schuljahren lernte er, dass er „anders“ war. Die kleinen Pimpfe in ihren schmalen Uniformen übten den Hitlergruß, während er als „Halbjude“ ausgeschlossen war aus der “Volksgemeinschaft”. Früh begriff er, dass es keinen Sinn hat, hinterherzurennen. Er musste sich durchsetzen. Mit acht Jahren ging er zum jüdischen Sportverein Makkabi und lernte boxen, um sich auch gegen die handgreiflichen Mitschüler verteidigen zu können. “Da gab es dann auch mal was zurück auf die Nase.”

Sein Vater war Jude, seine Mutter nicht, aber sie erzogen ihn säkular jüdisch. Doch seinen Glauben sollte er bald darauf verlieren.
Immer mehr wurde seine Familie entrechtet, der Vater musste seine Zahnarztpraxis am Kottbusser Damm schließen, ehemalige Freunde wendeten sich ab. Der kleine Horst wechselte auf die Jüdische Schule in der Großen Hamburger Straße, doch bald verschwanden dort immer wieder Mitschüler. “Im Oktober 1938 fehlten plötzlich eine ganze Menge Kinder. Es waren vor allem diejenigen, deren Eltern ursprünglich mal aus Polen kamen.”
Auch Horst war klar, was ihm bevorstand: “Wir wussten das, die Kinder waren damals klüger als die Erwachsenen.”

Am 27. Februar 1943 fand die sogenannte Fabrikaktion statt. Die angeblich letzten 8.000 Berliner Jüdinnen und Juden wurden verhaftet, meistens in Fabriken, in denen sie zur Zwangsarbeit verpflichtet waren. Darunter war auch Horst Selbiger, er wurde aus einem Rüstungsbetrieb herausgeholt: „Wir wurden mit 1.500 bis 2.000 Juden in die ehemalige Synagoge Levetzowstraße eingeliefert. Als wir dort von der SS sehr unsanft von den LKWs ausgeladen wurden, standen Frauen auf der Straße und klatschten Beifall. Es war ein absoluter Zustand der Hilfs- und der Hoffnungslosigkeit. Die Menschen schrien sich an, schimpften, flehten, beteten. Kinder weinten voller Jammer. Jeder von uns ahnte oder wusste es bereits: Wir werden in den Tod geschickt.“

Dort traf Horst seine Freundin Esther wieder, für einen Tag. Es sollte die einzige bleiben in seinem ganzen Leben. Auch sie wurde deportiert, am 1. März 1943 und starb vermutlich schon zwei Tage später in Auschwitz. „Ich stand am Abgrund der Menschheitsgeschichte und das Trauma machte mich stumm. Eine Stummheit, die noch Jahrzehnte in die Zeit nach der Befreiung hineinreichen sollte.“

Horst Selbiger wurde als Kind einer „gemischtrassigen“ Ehe von der Levetzowstraße in das Sammellager Rosenstraße 2-4 in Mitte gebracht. Hier fasste die Gestapo rund 2.000 jüdische Männer und Frauen von nichtjüdischen Ehepartner/innen zusammen, außerdem deren Kinder. Doch die Nazis hatten nicht mit der Entschlossenheit der Eheleute gerechnet, fast alles Frauen: Schon am Abend der Fabrikaktion standen sie vor dem Gebäude und protestierten. In den Tagen danach wuchsen die Proteste lautstark an, die ganze Zeit lang riefen Hunderte von ihnen: „Lasst unsere Männer frei!“
Es war die größte spontane Demonstration gegen die Nazis während des Faschismus‘. Natürlich fuhr die SS und Polizei ihre Mannschaften auf, sogar mit aufgepflanzten Maschinengewehren wurden die Frauen bedroht. Viele wurden geschlagen und festgenommen, doch der Protest wuchs dadurch noch an.

Die festgehaltenen Juden in der Rosenstraße wurden unterdessen mit 50 Personen in Räume mit 20 Quadratmetern gepfercht. Für 2.000 Menschen gab es nur acht Toiletten, mit den entsprechenden katastrophalen Konsequenzen. Doch Horst und die anderen dachten daran, wie es wohl denjenigen ergehen würde, die deportiert worden sind.

Die Proteste in der Rosenstraße hörten nicht auf und ab dem 6. März entließ die Gestapo die Gefangenen wieder. Horst Selbiger bekam einen Entlassungsschein und wenige Tage später durften auch sein Vater und sein Bruder gehen. Doch der große Rest seiner Familie hatte dieses Glück nicht. 61 seiner Angehörigen wurden deportiert und ermordet. Und auch rund 6.000 der etwa 8.000 bei der Fabrikaktion verhafteten Juden wurden gleich nach ihrer Ankunft in Auschwitz umgebracht.

Horst Selbiger hatte seine geliebte Freundin verloren und war der geplanten Deportation und Ermordung entkommen. Was sollte dem 17-Jährigen nun noch passieren? In den letzten Monaten der Naziherrschaft lief er nun ohne den gelben Davidstern mit der Aufschrift „Jude“ an der Jacke als vermeintlich „arischer“ Junge durch Berlin. Er hatte sich sogar noch ein Abzeichen der Hitlerjugend besorgt und besuchte jetzt zum ersten Mal im Leben Kinos, Theatervorstellungen und ging in den Wintergarten – alles Dinge, die den Juden seit über zehn Jahren verboten waren. Genau wie die „Rassenschande“, die er mit Mädchen betrieb, die er nun kennenlernte.

Die Nachkriegszeit bot Horst Selbiger ein neues Leben. 1949 zog er in die neu gegründete DDR, studierte, wurde Journalist, trat der FDJ und der SED bei. Aber er war nicht angepasst genug, flog 1953 aus der Partei raus und erhielt Berufsverbot. 1956 durfte er wieder eintreten, veröffentlichte Hörspiele und Bücher, arbeitete beim Fernsehen. Als er 1964 aus Frankfurt am Main vom Auschwitzprozess berichten sollte, blieb er in der Bundesrepublik. Zu sehr hatten ihn die Schauprozesse belastet, als dass er der DDR-Führung noch vertraut hätte.

Aber auch in der Bundesrepublik wurde er abgelehnt und seiner Rechte beraubt. Da er nach dem Krieg für ostdeutsche Medien gearbeitet hatte, versagte man ihm jahrelang die Anerkennung als „rassisch Verfolgter“. Als er diese endlich bekam, wurde ihm die entsprechende Entschädigung verweigert. 15 Jahre dauerten die Prozesse, in denen der Satz eines Gutachters zitiert wurde: „Dem Kläger steht ein Entschädigungsanspruch nicht zu. … Die jüdische Rasse scheint zu Gicht, Diabetis mellitus und familiärer Hypocolesterinämie zu neigen.“ Dass der zitierte Gutachter Gotthard Schettler NSDAP-Mitglied und Gaustudentenführer war, störte damals niemanden. Und heute offenbar auch nicht: Im Jahr 2017 wurde im sächsischen Falkenstein eine Turnhalle nach ihm benannt. Erst nach Protesten wurde sein Name im Winter wieder von dem Gebäude entfernt. Marco Siegemund, CDU-Bürgermeister des Ortes, sieht in der Ehrung Schettlers jedoch kein Problem: „Er hat ja niemanden umgebracht.“

Und so steht Horst Selbiger mehr als 70 Jahre nach seiner gerade noch verhinderten Deportation wieder mal der Ignoranz in der Bevölkerung gegenüber.
Darüber hat er auch in seinem neuen Buch geschrieben: „Verfemt – Verfolgt – Verraten“ ist im März 2018 erschienen.




Drei Tote auf dem Alex

Am 7. Oktober 1977 gab es auf dem Alexanderplatz schwere Krawalle zwischen DDR-Jugendlichen und der Volkspolizei. Der Auslöser war, dass die Vopo ein Rockkonzert wegen eines Unfalls stürmte. Doch die Jugendlichen ließen sich das nicht gefallen, sie griffen ihrerseits die verhasste Polizei an. Zu lange hatte sich der Frust aufgestaut, die Gängelung, die Bevormundung, die Kontrolle aller Lebensbereiche wurden abgelehnt, Freiräume sollten erkämpft werden. Schon in den Monaten vorher gab es Wohnungsbesetzungen durch Jugendliche, besonders im Prenzlauer Berg, in Friedrichshain und Lichtenberg. Dort, auf öffentlichen Plätzen und auf Konzerten entwickelte sich eine neue Jugendkultur, die mit der FDJ nichts mehr zu tun haben wollte.

Das wollte sich der autoritäre Staat natürlich nicht gefallen lassen und so wurden junge Menschen auf der Straße besonders oft kontrolliert, ihre illegalen Partys in besetzten Wohnungen geräumt. Wer nicht aus der Hauptstadt kam, konnte sogar “Berlinverbot” erhalten.
Viele Jugendliche hatten von dieser Repression genug und so leisteten Hunderte am 28. Republikgeburtstag Widerstand gegen die Vopo. Die Polizei zückte ihre Gummiknüppel und schlug auf alle ein, die sie erreichen konnten.

Es entwickelte sich eine Straßenschlacht. Die jungen Bereitschaftspolizisten waren überrascht und überfordert von der Aggressivität, die ihnen entgegenschlugt. Das Ganze erhielt eine weitere, politische Dimension, als die aufgeputschte Menge Sprechchöre skandiert: “Honecker raus, Biermann rein”, “Nieder mit der DDR” – die Schlachtgesänge kommen aus geübten Kehlen. Viele in der Menge auf dem Alexanderplatz sollen Anhänger des Fußballklubs Union Berlin gewesen sein.

“Plötzlich schlug die ganze Erbitterung der Ost-Berliner Jugendlichen durch. ‘All we are saying is give peace a chance”‘ wurde gesungen. In Sprechchören wurde ‘Freiheit, Freiheit’ gefordert. ‘Russen raus, lasst Biermann rein’, hörte ich.
Die Polizeiketten droschen erbarmungslos zu. Die Massen fluteten zurück, dann flogen hageldicht Steine, und alles strömte wieder vor. Von den Balustraden flogen Flaschen auf die Bullen. Sie trieben daraufhin die Leute oben weg. Als nur noch Bullen oben waren, schmissen die Leute von unten mit Steinen. Die großen Fensterscheiben klirrten. Riesige Splitter segelten den Bullen um die Ohren.
Barrikaden aus Cafe-Tischen, Stühlen, Müllcontainern und den großen steinernen Papierkörben wurden gebaut. Zweitausend Jugendliche gegen vierhundert Polizisten.
Nach zwei Stunden Straßenschlacht gelang es den Bullen, verstärkt durch massiven Stasi-Einsatz, uns zu zerstreuen und einen Teil auf den vorderen Alexanderplatz abzudrängen. Alles war abgesperrt, man kam nicht mehr raus. Wieder stürmte die Polizeikette vor. Ich kam nicht mehr weg und wurde von einem dröhnenden Schlag auf den Kopf kurz ohnmächtig.”

(Aus dem Bericht des damals 17-jährigen Karl Winkler)

Erst in den folgenden Tagen wurde das ganze Ausmaß bekannt. Zwei Volkspolizisten und ein Schüler waren getötet worden, 200 Jugendliche mussten im Krankenhaus behandelt werden, viele von ihnen durch Polizei und Stasi verletzt. Die meisten Festgenommenen kamen vor Gericht und wurden verurteilt, zahlreiche Jugendliche mussten ins Gefängnis.
Der 7. Oktober 1977 war eines der Ereignisse, das junge DDR-Bürger weiter von ihrem Staat entfremdeten. In den Jahren danach verlagerte sich die Organisierung von Jugendlichen in die Kirchengemeinden.




Ausgewiesen! Die “Polenaktion”

„Es gab ein Klopfen an der Tür. Keine Vorwarnung. Die ganze Sache sollte eine Überraschung sein – und es war wirklich eine Überraschung: Sie holten uns aus dem Bett. […] Uns wurden ungefähr 20 Minuten zugestanden, um einen kleinen Koffer zu packen.“ So erinnerte sich der in Berlin geborene Max Engelhard 1996 im Interview mit der USC Shoah Foundation an den Morgen des 28. Oktober 1938 – der Tag, an dem er und sein Vater Leib Engelhard verhaftet und des Landes verwiesen werden sollten.

Rund 17.000 jüdische Menschen wurden am 28. und 29. Oktober 1938 im Deutschen Reich verhaftet und in das Nachbarland Polen abgeschoben, weil sie polnische Staatsangehörige waren. In Berlin betraf diese Massenausweisung rund 1.500 jüdische BewohnerInnen, die an diesen beiden Tagen in ihren Wohnungen oder auf der Straße verhaftet und an die deutsch-polnische Grenze transportiert wurden. Die meisten von ihnen mussten die Grenze zu Fuß überqueren und erreichten die polnische Kleinstadt Zbąszyń (Bentschen). Insgesamt kamen über 8.000 ausgewiesene Jüdinnen und Juden in diesem Ort an. Rund 10 Monate mussten sie hier in improvisierten Notunterkünften verharren. Einigen wenigen wurde die Rückreise ins Reichsgebiet gestattet, anderen gelang die rettende Emigration ins Ausland oder sie durften zu Verwandten ins Landesinnere Polens weiterreisen. Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht gerieten sie hier in die Fänge der Nationalsozialisten. Viele von ihnen wurden in den Ghettos und Lagern ermordet. Auch Max Engelhards Eltern überlebten die Shoah nicht: Während er selbst auf einem Kindertransport nach Großbritannien entkommen konnte, wurden Leib und Sofia Engelhard im KZ ermordet.

Die Ausstellung

In der Ausstellung „Ausgewiesen! Berlin, 28. Oktober 1938“ wird die Geschichte von sechs jüdischen Berliner Familien vor, während und nach dem 28. Oktober 1938 erzählt. Für die meisten Familien war dies der Tag, an dem sie für immer auseinandergerissen wurden. Seit Jahrzehnten hatten sie in Berlin gelebt oder waren hier geboren worden. Berlin war ihr Zuhause, ihre Spuren lassen sich im Stadtraum verorten. Die Geschichte der „Polenaktion“ ist deshalb auch ein Teil der Geschichte der Stadt Berlin.

Gezeigt werden in der Ausstellung neben Dokumenten der Verfolgung und Ermordung auch private Familienfotos, die das Leben vor der Ausweisung dokumentieren oder vom Weiterleben nach 1945 erzählen. Die Biografien der vorgestellten Familien wurden unter Mitarbeit von Studierenden der Berliner Universitäten recherchiert und aufgearbeitet.

Website zur Ausstellung

8. Juli – 30. Dezember 2018
Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum
Oranienburger Str. 28-30 in Mitte




Jüdisches Leben in der Kantstraße

Vor hundert Jahren war Charlottenburg neben Mitte das Zentrum des jüdischen Lebens in Berlin. Wieviel Juden einst in der Kantstraße gelebt haben, ist nicht bekannt. Der Anteil an der Bevölkerung lag im Charlottenburger Kiez auf jeden Fall höher, als in den meisten anderen Berliner Stadtteilen. Anders als z.B. in Mitte gehörten viele Juden rund um die Kantstraße dem Mittelstand an. Sie waren oft schon seit Generationen in Berlin ansässig, waren fester Bestandteil der Bevölkerung. Man ging in eine der Synagogen in der Fasanen-, Pestalozzi- oder Kantstraße, ins Quellbad in der Bleibtreustraße, in eines der koscheren Lebensmittelgeschäfte. Jüdische Bürger gehörten ganz normal dazu, bürgerliche in großen Wohnungen sowie ärmere, oft aus Osteuropa eingewandert. Rund um die Kantstraße gab es mehr als hundert Geschäfte, die von Juden geführt wurden.

In der Bleibtreustraße 50 befand sich das “Kartell jüdischer Verbindungen”, einem zionistischen Verein, der die Schaffung des Staates Israel anstrebte. Der Verein “Ort” zur Förderung jüdischen Handwerks, Industrie und Landwirtschaft saß in der Nummer 34. Die Kinderabteilung des jüdischen Sportvereins Bar Kochba-Hakoah trainierte in der Turnhalle Bleibtreustraße 43. Im Gymnasium Knesebeckstraße 24 probte die Jüdische Orchester-Vereinigung, dort saß auch die Freie Jüdische Volkshochschule.

Das alles änderte sich 1933. Das Leben der jüdischen Bevölkerung wurde immer schwieriger. Berufsverbote, Ausgrenzung aus Vereinen und Veranstaltungen, später Zwangsmitgliedschaft in der Reichsvereinigung der Juden, Entrechtung in fast allen gesellschaftlichen Bereichen.

Im Gymnasium in der Knesebeckstraße war rund ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler jüdischen Glaubens. Nachdem sie die Schule verlassen mussten, hatte das Gymnasium Probleme, die Klassen voll zu kriegen, so dass es 1940 wegen Schülermangels schließen musste.

Von Anfang an flüchteten Juden vor den Nazis, nach Palästina, Holland, England, Amerika. Drei Fluchtwellen 1933, nach der Einführung der Nürnberger Gesetze sowie nach der Pogromnacht im November 1938. So haben auch die meisten Juden aus der Kantstraße den Faschismus überlebt. Die anderen mussten sich ab 1941 im Hof der nahen Pestaozzistr. 7/8 einfinden von wo aus sie ihren Gang zu den Deportationsbahnhöfen Moabit oder Grunewald und dann in die Konzentrationslager antraten.

Am 30. Januar 1933, dem Tag der Machtübergabe an die Nazis existierten in der Kantstraße etwa 55 Firmen mit jüdischen Inhabern, die meisten waren Einzelhandelsgeschäfte und Großhandelsfirmen. Am Ende des Faschismus’ war es keine einzige mehr. Heute kennen wir 220 Namen von jüdischen Bewohnern der Kantstraße, die im Holocaust ermordet wurden. Einem Teil von ihnen wird mit Stolpersteinen gedacht, viele aber sind längst vergessen. Hier finden Sie eine Auflistung der Namen aller bekannten jüdischen Opfer, die in der Kantstraße gewohnt haben. Dort ist auch gekennzeichnet, für wen bereits ein Stolperstein verlegt wurde.

Heute ist vom jüdischen Leben in der Kantstraße praktisch nichts mehr übrig. Nur die Redaktion einer jüdischen Zeitung, aber keine speziellen Geschäfte mehr. In der Nähe gibt es allerdings noch die beiden Synagogen in der Fasanen- und der Pestalozzistraße. Neben diesen beiden Gotteshäusern gab es auch die kleine Synagoge Thorat Chessed auf dem Hinterhof der Kantstraße 125, das 1897 errichtete Gebäude existiert noch heute. 1908 gründeten osteuropäischen Juden dort den Verein “Thorat-Chessed”, ihr Sitz war in der Leibnizstraße. Unter der Leitung von Alfred Schrobsdorff bauten sie in der Kantstraße eine ehemalige Glasereiwerkstatt um, entfernten im Erdgeschoss einen Teil der Decke, so dass eine Empore entstand. Noch im gleichen Jahr wurde die Synagoge Beth Jitzchok eröffnet. Unten bot sie Platz für 160 Männer, bis zu 120 Frauen beteten auf der Empore. Der Verein Thorat-Chessed bestand vor allem aus Juden der Mittelschicht, sie richteten den Betraum ein wie ein polnisches Stibl. Das ist der Gegenentwurf der besonders frommen chassidischen Juden zu den prunkvollen Synagogen anderer Gemeinden. Die “Stube” symbolisiert die Einfachheit vor Gott, die keinen Reichtum benötigt.

1919 erhielt die Synagoge einen kleinen Anbau, einen nischenartigen Altarvorbau, der als Platz für das Rednerpult diente. Unter der Naziherrschaft wurde der Anbau wieder abgerissen.

Die Gläubigen betraten die Synagoge normalerweise nicht über den Haupteingang an der Nordseite. Dieser wurde nur zu besonderen Feierlichkeiten genutzt. Im Alltag ging man durch den heute zugemauerten Eingang im Erdgeschoss des Treppenhauses.

Im Jahre 1983 erinnerte sich Charlotte Klein an die Synagoge. Sie war als junge Frau 1938 nach Palästina emigriert und 45 Jahre später zu einem Besuch zurückgekehrt:

“Links in den ersten zwei Reihen saßen die frommen, die besseren Leute. Mein Vater saß dort. Wenn Sie sich die Decke ansehen, dann sieht man, dass das eine neue Decke ist. Früher war hier alles offen und oben war die Tribüne … für die Frauen. Die Galerie bestand zur Hälfte aus Holz. Die Synagoge in der Kantstraße war eigentlich DIE Synagoge. Für uns gab es keine andere. Alle waren damals wie eine große Familie.”
In der Kantstraße ging sie den Weg von ihrem einstigen Wohnhaus “wie in einem Traum den altvertrauten Weg zu unserer Synagoge. Das Gebäude steht, aber alles andere ist eben nicht mehr da.”

Dass die Synagoge in der Nacht des 9. November 1938 nicht zerstört wurde, lag ausgerechnet an einem hochrangigen Mitglied der NSDAP. Er wohnte unmittelbar daneben und bei einem Brand des Gotteshauses wäre auch seine Wohnung zerstört worden. Es gab einige wenige Synagogen in Berlin, die an diesem schicksalhaften Tag nicht abgefackelt wurden, weil sie unmittelbar an Wohnhäusern lagen.

Der Gemeinde Thorah-Chessed jedoch nutzte das nicht viel. Nur zwei Monate später musste sie ihre Synagoge aufgeben, das Gebäude wurde zum Lagerhaus umfunktioniert. Den Krieg überstand es unbeschadet, bis die Rote Armee in Charlottenburg ankam. Ein Trupp der SS verbarrikadierte sich darin und beschoss die über die Bahngleise anrückenden sowjetischen Soldaten. Diese schossen zurück und hinterließen noch Jahrzehnte lang die Spuren des Beschusses mit MGs und Granaten.

Am 16. Mai 1945, nur wenige Tage nach der Kapitulation des NS-Regimes, tagten im alten Betsaal der Synagoge überlebende Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Sie gründeten dort das Charlottenburger “Organisationskomitee der II. Internationale” aus SPD, freien Gewerkschaften und des Allgemeinen Freien Angestellten-Bundes. Die Mitglieder des Komitees beschlossen, dass es in Zukunft nur noch sozialistische Gewerkschaften geben sollte.

In den vergangenen Jahrzehnten diente die ehemalige Synagoge als Bürohaus sowie als Lager. Zwischendurch nutzte der Charlottenburger Kulturverein die Räume als Spielstätte unter dem Namen “Marias Gartenhaus”, bis 2005. Heute befindet sich darin ein Künstleratelier.




Auf der Berliner Stadtbahn, 1882

Am 7. Februar 1882, etwa zehn Jahre nach der Fertigstellung der Ringbahn, wurde auch die Berliner Stadtbahn fertiggestellt, die den Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof) mit dem Westkreuz verband, wo sie eine Verbindung zur Ringbahn bekam. Im heutigen Bezirk Mitte verläuft die Stadtbahn auf gemauerten Bahnviadukten genau auf dem ehemaligen Wassergraben, der das alte Berlin als Teil der Befestigungsanlage umschloss.
Der Bau der Stadtbahn war anfangs von starker Kritik begleitet, da sie als überflüssig und vor allem zu teuer betrachtet wurde. Auch andere Teile der Berliner S-Bahn mussten sich in ihrer Geschichte immer wieder beweisen. Wie in den meisten Fällen verstimmte jedoch auch die Kritik am Bau der Stadtbahn kurz nach deren Fertigstellung.
Einige Monate nachdem die Stadtbahn in Betrieb gegangen war, beschrieb H. Rudolf seine Gedanken und Eindrücke während einer Fahrt auf den 11 Kilometern:

Die erste Anregung zur Ausführung einer Berliner Stadt-Eisenbahn hatte schon vor länger als zehn Jahren der ideenreiche und unermüdliche Baurat A. Orth gegeben und seine Ansichten darüber in verschiedenen Denkschriften (“Eine Berliner Centralbahn, 1871”) dargelegt. Die Idee wurde bald darauf von dem Ober-Regierungsrat Hartwich (+ 1878), welcher damals Vorsitzender der deutschen Eisenbahngesellschaft war, aufgenommen und weiter verfolgt. Die ursprüngliche Idee Hartwichs war: Mittels einer von Osten nach Westen durch Berlin gehenden Stadtbahn und einer damit in Verbindung zu setzenden projektierten Südwestbahn in der Richtung über Charlottenburg und Potsdam nach Halle usw. bis Meiningen den zunächst davon berührten Landesteilen neue Adern des Verkehrs zu eröffnen und dadurch auch eine innigere Verbindung mit den südwestlichen Landesteilen und mit der Schweiz zu erzielen. Dies Projekt fand bei den beteiligten Regierungen das bereitwillige Entgegenkommen, aber die späteren ungünstigen Zeitverhältnisse hemmten die Realisierung des ganzen großen Projektes, indem zunächst der Bau der sogenannten “Südwestbahn” an der Finanzfrage scheiterte.

Da man aber die Idee der Stadtbahn selbst, deren Herstellung aus mancherlei Gründen sich wünschenswert zeigte, deshalb nicht aufgeben wollte, so musste eine andere Grundlage für das Projekt gefunden werden. Und dass das einmal angeregte große Unternehmen nicht wieder im Sande verlief, war das Verdienst der preußischen Staatsregierung. Unter ihrer Ägide und unter Beteiligung verschiedener Eisenbahnverwaltungen (der Berlin-Potsdam-Magdeburger, der Magdeburg-Halberstädter und der Berlin-Hamburger) sowie auch der deutschen Eisenbahngesellschaft wurde im Jahr 1874 ein durch die Landesvertretung genehmigter Vertrag geschlossen und damit für die Ausführung der Stadtbahn eine finanziell gesicherte Basis geschaffen. Durch diesen Vertrag wurde dem Unternehmen allerdings formell der Charakter einer Aktiengesellschaft gewährt, aber der Schwerpunkt bildete doch die natürlich auch pekuniär am stärksten dabei beteiligte preußische Staatsregierung. Zur Leitung des Werkes wurde die Direktion der Berliner Stadt-Eisenbahn kreiert und ihr Chef wurde der Erbauer der Ringbahn, Regierungs-Baurat Dircksen.

Von den ungeheuren, besonders in den bestehenden Bauverhältnissen der alten Stadtteile liegenden Schwierigkeiten die dabei zu bewältigen waren, können wir an dieser Stelle nicht einmal eine Andeutung geben. Der Bau war beschlossen und auch manches, was unmöglich schien, musste durchgesetzt werden. Der Bau begann mit der Zerstörung, aber – ein neues Leben erwuchs aus den Ruinen.

In den letzten Jahren, seitdem der Bau von Monat zu Monat, von Woche zu Woche übersichtlicher und deutlicher das werdende Werk erkennen ließ, wurde die Phantasie des Berliners bis zur prickelnden Ungeduld durch den Gedanken gereizt: Wie wird sich von der Höhe dieser Bahn deine geliebte Stadt ausnehmen? Auch der alte Autochthone hielt sich überzeugt: du wirst da so manche Strecken durchfahren, auf denen dein Auge nie geweilt, so wenig wie auf den Straßen und Plätzen von Peking. Das ist denn nun auch buchstäblich eingetroffen. Nur freilich: von diversen dieser Teilstrecken zwischen den zehn Haltepunkten der Bahn lässt sich auch nicht mit einiger Sicherheit behaupten, dass die durchbrochenen Häusermassen mit ihren hässlichen Hofgebäuden, halb durchschnittenen Mauern, schmutzigen Gräben, Gartenstücken, Höfen, Maschinenwerkstätten, Kohlen-, Holz-, Wäsche- und anderen Plätzen besonders reizvolle Wanderbilder geben. Zuweilen könnte man allerdings wünschen, die Teufelsschöpfung “Eisenbahn” zu verlassen, um unter Führung des Teufels selbst – nämlich Le Sage’s “Diable boiteux” – hier und dort zu verweilen, und – wenn auch nicht durch die Dächer, so doch – in die Fenster zu sehen. Man würde dabei ohne Zweifel ebenso viel kuriose Dinge erfahren als jener Student unter der Führung des Asmodi aus den Häusern von Madrid. Da aber die Eisenbahnverwaltung, so kulant sie auch bisher bei Wünschen des Publikums gegenüber sich gezeigt, durchaus keine Neigung zu haben scheint, mit besonderer Bereitwilligkeit auf solche Nebenzwecke einzugehen, so müssen wir uns schon mit dem begnügen, was an den Fenstern selbst zu sehen ist. Und das waren in der ersten Zeit meist nur neugierige, zuweilen auch wohl ärgerliche Gesicher.

Indessen der Hauptreiz ist und bleibt die völlig veränderte Psysiognomie, welche auch die bekanntesten Teile Berlins annehmen, wenn man sie von diesem Längengrad, der zugleich auch ein Höhengrad ist, betrachtet. Es ist etwas Bekanntes und doch auch zugleich Fremdes, so dass des Berliners bekannte Neigung, das Fremde zu bewundern, sich hier mit seinem nicht minder starken Lokalpatriotismus sehr glücklich vereinigte. Über die Straßen, welche die Bahn durchschneidet, geht es allerdings meist zu schnell hinweg, als dass man von der “Aussicht” viel profitieren könnte. Man reckt den Kopf, jetzt eine uns bekannte und interessante Straße mit schnellem, sicherem Blick zu überschauen, und hört zu seiner Verwunderung vom Nachbar, dass man dieselbe schon vor einer Minute passiert habe. Das befriedigendere Interesse erregen deshalb die Bahnhöfe mit ihrer nächtlichen Umgebung. Einmal lässt das hier etwas gemäßigtere Tempo des Zuges dem Fahrgast mehr Zeit, sich ein wenig umzuschauen; sodann sind die Bahnhöfe meist an solchen Punkten der Stadt angebracht, welche dem Blick eine weitere Aussicht gestatten.

Der östliche Endpunkt der Bahn, die Halle am Schlesischen Bahnhof, ist im Bau noch am weitesten zurückgeblieben, und für die ersten Monate des Betriebes musste man sich mit einem dürftigen Notperron begnügen. Auch die ganze Strecke von hier bis zum nächsten Haltepunkt zeigt vorzugsweise die Schattenseite Berlins, welche oben kurz charakterisiert worden ist. Nur ein paar lange Straßen in der Nähe des Bahnhofs, über welche die Züge hinwegbrausen, bezeichnen wenigstens die ungeheute Ausdehnung der Stadt.

Angenehmer wird das Bild vor dem nächsten Haltepunkt, der den Namen von der zunächst gelegenen Jannowitzbrücke führt. An dieser Stelle musste auf eine bedeutende Strecke längst dem nördlichen Spreeufer der Viadukt im Strombett selbst erbaut werden, so dass man sich sogar den Luxus gestattete, die Breite des Flusses einzuschränken.

Von dem Bahnhof “Jannowitzbrücke”, an dem Vereinigungspunkt der Alexander- und Holzmarktstraße, hat man für etwa eine halbe Minute einen freien Blick über den Spreeverkehr und die nächste Umgegend. Hier, wo zur Sommerzeit die Spree die zahlreichen Vergnügungsfahrzeuge nach Stralau und Treptow aufnimmt, fühlt man sich schon inmitten des bewegten Geschäftslebens der Stadt. Über die von Menschen durchwogten Straßen hinweg sieht man die Spree, um welche sich die zahlreichen Tuchfabriken und Färbereien gelagert haben. Hinter den nächsten Straßenhäusern zeigt sich der Turm der Waisenhauskirche, weiter zurück der Turm des Rathauses; rechts davon der der Parochialkirche mit seinem Glockenspiel, und von links ragen die beiden scharfen Spitzen der vor einigen Jahren schön restaurierten Nicolaikirche. Für diejenigen, welche aus dem Westen und Nordwesten der Stadt die Bahn frequentieren, hat – beiläufig bemerkt – die Station Jannowitzbrücke noch die edle Bestimmung, den Besuch zweier, nur fünf Minuten davon entfernten Theater zu erleichtern: des Wallner- und des Residenz-Theaters. Da die Leser zu meinem Bedauern augenblicklich keinen Gebrauch von dieser verlockenden Gelegenheit machen können, mögen sie faute de mieux auf der Bahnstrecke fahren, welche den langen Häuserkomplex zwischen der Alexander- und Neuen Friedrichstraße in nordwestlicher Richtung durchschneidet. Hier hat man nach links wohl zuweilen enge Durchblicke, welche die in der Neuen Friedrichstraße gelegenen Gebäude einigermaßen erahnen lassen: so die Hinterhäuser des Gymnasiums zum “Grauen Kloster”, des ältestens Gymnasiums in Berlin, und des Lagerhauses; aber über alles hinweg als ein Riese ragt wiederum der breite Turm des Rathauses, welcher in der Tat als ein Wachturm für ganz Berlin erscheint. Sowohl sein kräftiger Körperbau, wie die ihn zierende Farbe der Gesundheit lassen hoffen, dass er diese ehrenvolle Bestimmung noch ungezählte Jahrhunderte unentwegt und unerschüttert erfüllen werde.

Kaum haben wir von ihm den Blick gewendet, so sehen wir plötzlich ein gewaltiges Leben von allen Seiten uns umfluten. Wir sind an einem Hauptverkehrspunkt des “alten Berlins” angelangt: an der Station Alexanderplatz. Es ist dies wohl die interessanteste Stelle der ganzen Stadtbahn. Ausgezeichnet durch einen gewissen malerischen Reiz und ebenso reich an vollem Leben der Gegenwart wie an Erinnerungen, welche in die Vergangenheit, bis in die “gute alte Zeit” zurückreichen. Selbst der Fremde, welcher die Bahn nur befährt, um sie kennen zu lernen, sollte über diesen eigentlichen Mittelpunkt der inneren Stadt nicht so schnell hinwegeilen, sondern, um das reichlebendige Gemälde von der die ehemalige “Königsbrücke” überkreuzenden Bahnbrücke recht zu genießen, hier aussteigen und den nächsten Zug zur Weiterfahrt benutzen. Nach südlicher Richtung sieht man die ganze alte Königstraße hinauf bis zum Schlossplatz. Das volle Bild dieser stärksten Verkehrsader des alten Berlins erhält jene malerische Einfassung durch die alten Colonnaden, jenen zopfigen Bau (von A. Boumann) aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, dessen Architektur aber durch die Bildwerke von Tessaert einen eigenen Reiz erhalten hat. Hinter der linken Seite dieser Colonnaden war lange Zeit das volkstümliche Vergnügungslokal “Villa Colonna”, in noch früherer Zeit “Faust’s Wintergarten”.

Das alles muss nun mehr und mehr den baulichen Bedürfnissen der Gegenwart zum Opfer fallen. Es wäre aber sehr bedauerlich, wenn man nicht wenigstens die Colonnaden selbst erhalten könnte. Die alte Königsbrücke wurde durch die Stadtbahn überflüssig; das trübe Wasser, welches darunter sich sehr langsam fortbewegte und aus welchem einige sonderbare Schwärmer noch sonderbarere Fische zu angeln pflegten, dieser sogenannte “Königsgraben” musste für die Stadtbahn in festen Grund und Boden umgewandelt werden. Die Trockenlegung dieses von der Straualuer Brücke bis nach Monbijou die alte “Königsstadt” im Halbkreis umschließenden Grabens war allein schon eine gewaltige Aufgabe: seine Ausfüllung und Befestigung erforderte gegen 100.000 cbm Mauerwerk.

Die Passage der ehemaligen Königsbrücke, eines der lebhaftesten Verkehrspunkte Berlins, bildet jetzt mit ihrer Überbrückung durch die Stadtbahn ein fesselndes Ensemble großstädtischen Lebens, mit seinem neben- und übereinander sich fortbewegenden Gewühl von Menschen und Fuhrwerken dem imposanten Straßenbilde von Ludgate-Hill in der Londoner City nicht viel nachstehend.

Wendet man, der alten Königstraße den Rücken kehrend, den Blick vorwärts, so übersieht man den ganzen Alexanderplatz. Hier münden nicht nur ein halbes Dutzend der volkreichsten und gewerbtätigsten Straßen, hier ist auch die Endstation für zwei Pferdebahnlinien und dazu noch ein überaus lebhafter Marktverkehr. Rechts erkennt man noch flüchtig die in einfachem aber edlem Stil gebaute Hauptfassade des ehemaligen “Königstädter Theaters”, seinerzeit für Oper und Schauspiel ein Mustertheater, wie Berlin seitdem kein ähnliches wieder erhalten hat. Es stimmt wehmütig, wenn man jetzt den Blick auf dies Gebäude richtet, und dort, wo einst Henriette Sontag, Spitzeder, Schmelka, Beckmann und andere ihre Glanzzeit hatten, nur noch die riesigen Schilder für Woll- und Tuchlager, Mäntelfabrike usw. sieht. Gegenüber aber steht unversehrt das alte breite, in goldenen Buchstaben die Aufschrift “Zum Kaiser Alexander” tragende Haus, wo vielleicht in alter Zeit die “neue Weinstube” war, in welcher E.T.A. Hoffmann eine seiner drolligsten Spukgeschichten beginnen lässt. In der nächsten Straße befindet sich ein anderes Haus, ausgezeichnet durch eine noch bedeutsamere und ältere Reminiszenz: das Haus Nr. 10 in der ziemlich stillen Seitenstraße, die den Namen “Zum Königsgraben” führt. Dieses Haus hat über dem Eingangstor eine hübsche Büste Lessings, vor Jahren hier von dem Verein für die Geschichte Berlins gestiftet; und die unter der Büste befindliche Tafel trägt die Inschrift “Lessing dichtete hier Minna von Barnhelm, 1765”.

Nachdem wir diese Umschau gehalten, steigen wir die bequemen Treppen zum Bahnhof wieder hinauf. Der Zug von Osten kommt eilig herbei; er hält in der riesigen Halle, und nach einer Minute fahren wir weiter gen Westen, an dem alten Getreidemagazin hart vorbei, dann über die alte Rochbrücke hinweg, die das Privilegium hatte, für ihre Verbindung der Münz- und Neuen Friedrichstraße den Passanten den alten Berliner “Sechser” abzunehmen, ein Privilegium, über welches jedoch die Fahrgäste der Stadtbahn sich lachend hinwegsetzen. Die nächste Station “Börse” ist schon in zwei Minuten erreicht. Der nicht so große, aber sehr gefällige Bahnhof liegt zwischen der Spandauer Brücke und Monbijou. Das Börsengebäude selbst bleibt vorläufig unserem Auge verborgen.Dafür erhalten wir aber sogleich nach dem Verlassen der Bahnhofshalle einen interessanten Überblick über die den Lustgarten umgebenden Gebäude. Zunächst über die Herkulesbrücke hinweg reicht unser Blick bis zu dem Schlosse; dann sausen wir an dem eigentlichen “Spree-Athen”, an den Museen und der Rückseite der Nationalgalerie vorüber; gelangen, kaum dass wir’s gewahr werden, auf einer massiven Brücke hinüber zum anderen Spreeufer, wo dann auch alle Herrlichkeit im Nu wieder verschwunden ist. Nachdem wir den schmalen Kupfergraben übersprungen haben, ist die Bahnhlinie eine kurze Strecke lang wieder zu beiden Seiten von Häuserreihen eingeschlossen. Da aber heißt es plötzlich: Augen links und gleichzeitig Augen rechts! Wir passieren die große Friedrichstraße, welche man hier in ihrer ganzen Ausdehnung nach Norden und nach Süden überblicken kann. Das gewährt namentlich des Abends durch die unabsehbaren Linien der Gaslaternen ein imposantes Schauspiel. Nur schade, es verschwindet so schnell – schneller als ein Meteor. Gleich auf der anderen Straßenseite fahren wir in die großartige Halle des Bahnhofs “Friedrichstraße” ein. Die Halle dieses Zentralbahnhofs ist in gleichem Stil und in fast gleichen Größenverhältnissen gebaut wie der Bahnhof “Alexanderplatz”.

Beides sind die großartigsten Hallen der Stadtbahn, und auf beiden ist auch die Frequenz die weit überwiegend stärkste. Stets ist der Besuch eines dieser großen Bahnhöfe von eigenartig fesselndem Reiz. Die schönen Vorräume im unteren Teil, wo auch die Billetschalter sich befinden, die weiten und schönen Aufgänge mit bequemen Treppen, dann die Halle selbst, die mit einem riesigen Tonnengewölbe aus eisernem Sparrwerk überdacht ist und besonders abends durch das elektrische Licht einen beinahe feierlichen Eindruck macht. Dazu die fortwährend an- und abfahrenden Passagiere, dazwischen die soliden Zeitungsverkäufer, die sämtliche unter der Direktion eines einzigen Unternehmers stehen und ebenso billig wie höflich sind – kurz, das alles stimmt so trefflich zusammen und greift so glatt und ruhig ineinander, dass es vollkommen begreiflich erscheint, wenn der Berliner die Stadtbahn in ausgedehntem Maße zu Vergnügungsfahrten benutzt. Und die Art der Benutzung wird im Sommer immer allgemeiner werden, besonders nach den westlichen Stationen, die schon vom Lehrter Bahnhof ab außerhalb der Stadt liegen.

Die Strecke von “Friedrichstraße” bis “Lehrter Bahnhof” führt zunächst beim Schiffbauerdamm mittels einer genial konstruierten Brücke wieder auf das nördliche Spreeufer hinüber, und nachdem sie die Luisenstraße und äußere Karlstraße durchschnitten hat, wird sie durch einen lang sich hinziehenden und freistehenden Viadukt zum Lehrter Bahnhof geleitet. Nachdem man beim Zellengefängnis, bei der Ulanenkaserne usw. vorüber durch Alt-Moabit gefahren, tritt die grüne Landschaft immer mehr in ihre Rechte. Zunächst bietet “Bellevue” am südlichen Spreeufer mit den schönen Parkanlagen einen angenehmen sommerlichen Ruhepunkt. Dann durch die an Alt-Moabit sich anschließenden, zum Teil eben erst angelegten Straßen hindurch setzt die Bahn in der Nähe der königl. Porzellanfabrik über die in gerader Linie nach Charlottenburg führende Hauptallee des Tiergartens, um an der nächsten Station “Zoologischer Garten” ein starkes Kontingent von Passagieren abzuliefern.

Der Besuch dieses Vergnügungsparks, der ohnedies beim Berliner Publikum sich besonderer Beliebtheit erfreut, wird durch die Stadtbahn noch sehr gesteigert werden, da jetzt die Bewohner selbst der am weitesten nach Osten gerückten Stadtteile das früher in nebelgrauer Ferne liegende Ziel ihrer Sehnsucht in wenigen Minuten erreichen können. Der Bahnhof liegt an der hinteren (westlichen) Seite des Gartens, aber die Verwaltung hat schleunigst die Einrichtung getroffen, dass an Sonn- und Concerttagen das Publikum auch von dieser – sonst unzugänglichen – Seite Eintritt erlangen kann.

Weniger günstig erweist sich die Bahnverbindung für die beiden noch weiter nach Westen liegenden Stationen Charlottenburg und Westend. Da namentlich der Charlottenburger Bahnhof sehr weit entfernt vom Orte liegt, so wird für die Besucher des Schlossparkes mit dem Mausoleum die bestehende Pferdeeisenbahn nichts von ihrem Ansehen verlieren. Es ist aber neuerdings schon der Plan gefasst, von diesem entlegenen Bahnhof aus noch eine Zweigbahn anzulegen, welche bis zum Mittelpunkte von Charlottenburg führen soll.

Dass überhaupt die Stadtbahn nicht auf der ganzen Strecke gleichmäßig stark frequentiert werden würde, war leicht vorauszusehen. Nach der Zahl der verkauften Billets stehen voran die drei Stationspunkte Schlesischer Bahnhof, Alexanderplatz und Friedrichstraße (und zwar in aufsteigender Zahl). Sobald der vollständige Kursplan inklusive aller Verbindungen mit den großen in Berlin mündenden Eisenbahnlinien ins Leben getreten sein wird, mag die Verkehrsstatistik wohl noch weitere Veränderungen ausweisen. Im Allgemeinen wird das Verhältnis bleiben, wie es jetzt ist: der Lokalverkehr wird eben stets die weit überwiegende Masse von Passagieren liefern. Bereits in den ersten Monaten ist dieser Lokalverkehr ein so großer geworden, wie man ihn wohl kaum erwartet hatte. Und auch diejenigen, welche von vornherein beim großen Unternehmen gegenüber sich sehr skrupulös verhalten haben, tragen bereits mit Vergnügen zur Prosperität desselben bei. An den Sonntagen sind bisher je 50.000 bis 60.000 Billets ausgegeben worden, häufig noch mehr, so dass die vorhandenen Beförderungsmittel, obwohl man sie mit dem gesteigerten Bedürfnis nach Möglichkeit vermehrte, so unzureichend blieben. Auch für die Wochentage gilt die Durchschnittszahl von 15.000 Billets eine ganz ansehnliche.

Nach dem bisher bestehenden Fahrplan, in welchem noch nicht der ganze externe Verkehr aufgenommen werden konnte, gehen auf der Stadtbahn täglich von Ost nach West und von West nach Ost je 102 Züge, so dass also nach beiden Richtungen hin täglich sich 204 Eisenbahnzüge bewegen. Für die Sonntage – das stellte sich schon bei der ersten Fahrt heraus – konnten die nur alle zehn Minuten gehenden Züge, wenn man auch die Wagenzahl beträchtlich vergrößerte, dem Bedürfnis keineswegs genügen. Man hatte deshalb für alle Festtage noch dreißig Extrazüge eingelegt, um die Masse der harrenden Fahrgäste expedieren zu können.

Damit die für den externen Verkehr bestimmten Züge mit dem so großartigen Lokalverkehr nicht kollidieren, so hatte man von vornherein bei der Anlage der Bahn ein bloß doppeltes Geleise als ungenügend erkannt und die ganze Bahnstrecke, deren Länge über 11 km – also etwa anderthalb geografische Meilen – beträgt, mit vier Geleisen ausgestattet. Erst allmählich wird die Einrichtung in ihrer ganzen geplanten Vollständigkeit zur praktischen Verwendung kommen. Wir haben aber jetzt schon an der Stadtbahn-Verwaltung die erfreuliche Erfahrung gemacht, dass dieselbe allen aus dem Publikum und der Presse lautwerdenden Wünschen so viel als möglich nachkommt und so haben die Erfahrungen in den ersten Monaten schon eine Menge erheblicher Verbesserungen herbeigeführt.

Mehr und mehr werden auch die solide aus Ziegelsteinen gemauerten Bogen, welche durch die Pfeiler der Viadukte gebildet werden, zu industriellen Zwecken verwertet. Die ersten segensreichen Institute, die sich ihrer bemächtigten, waren die Bierbrauereien. Schon lange vor Vollendung der Bahn hatte sich in der Luisenstraße die Moabiter Brauerei unter dem Titel “Zum Kyffhäuser” unter fünf solchen Stadtbahnbogen etabliert und in altdeutschem Stile ein vielbesuchtes Bierlokal hergestellt. Noch größer und auch eleganter ist das Etablissement “Zum Franciscaner” an der Kreuzung der Friedrich- und Georgenstraße. Wie vielseitig aber diese Stadtbahnbogen zu verwenden sein werden, das sehen wir schon jetzt am Lehrter Bahnhof, wo der bedeutende Bauplatz der Mitte Mai eröffneten hygienischen Ausstellung an den Stadtbahn-Viadukt sich anlehnt.

Ob bei den ungewöhnlichen hohen Kosten der Stadtbahn – sie belaufen sich auf nahezu 70 Millionen Mark – von einer Rentabilität wird die Rede sein können? Das zu erforschen oder darüber zu mutmaßen und zu prophezeihen, möge anderen überlassen bleiben.

Jedenfalls ist dieser großartige Bau der Neuzeit schon jetzt für den Berliner ein nützliches und angenehmes Verkehrsmittel, für den Fremden eine der hervorragendsten Sehenswürdigkeiten der Reichshauptstadt geworden. Der Nachweis ihrer strategischen Bedeutung möge aber noch recht lange auf sich warten lassen.

H. Rudolf




Dampfer auf dem Savignyplatz

Dass Großbauprojekte manchmal andere Wege nehmen als geplant, weiß man nicht erst seit dem BER-Desaster. Schon vor 130 Jahren wurde ein riesiges Projekt geplant, das jedoch niemals Wirklichkeit geworden ist.

Stellen Sie sich vor, anstelle der Grünflächen auf dem Savignyplatz gäbe es heute ein großes Wasserbecken. Von Nordosten her würden Dampfer einfahren und am Steg stiegen Ausflügler ein, die auf dem Kanal Richtung Wannsee weiter ins Grüne fahren. An den Ufern des Bassins würden im Sommer die Menschen in der Sonne sitzen, an Tischen ihren Kaffee oder eine Berliner Weiße trinken. Die Kantstraße würde das große Wasserbecken als Brücke überspannen.

All dies ist keine Spinnerei, sondern war tatsächlich so geplant. Im Zuge der Stadterweiterung im 19. Jahrhundert sollte eine neue Wasserverbindung hergestellt werden zwischen der Spree und dem Wannsee, weil der Umweg über Spandau schlecht schiffbar war. Dies lag vor allem am teils zu flachen Flussgrund, aber auch an zu niedrigen Brücken, die Spree und Havel überspannten. Schon bei mittlerer Wasserhöhe konnte ein Teil der Schiffe dort nicht mehr fahren.

Parallel zur Stadtplanung von James Hobrecht reifte der Plan, eine Umfahrung zu bauen. Hobrechts Bebauungsplan wurde als Grundlage genommen, um darin eine neue Wasserstraße einzubauen, den rund 18 Kilometer langen Süd-West-Kanal. Er sollte von der noch heute existierenden Schleuse am Landwehrkanal Richtung Süden abzweigen, entlang von Fasanen- und Uhlandstraße auf den Savignyplatz einbiegen und von hier durch die Knesebeckstraße Richtung Wilmersdorf. Von dort aus war geplant, ihn durch die Grunewaldseen zum Wannsee in die Havel zu führen. Zwischendurch war ein Hafen am heutigen Olivaer Platz vorgesehen sowie mehrere Haltestellen auf dem Weg zum Grunewaldsee.

Mit der Planung beauftragt war das Ingenieurbüro Havestadt & Contag, das seinen Entwurf im Jahr 1883 vorstellte. Die Gegend rund um den Savignyplatz war zu diesem Zeitpunkt zwar nur spärlich bebaut, jedoch existierte bereits die Stadtbahntrasse, so dass die Kanalplanung darauf Rücksicht nehmen musste. Die Planer schrieben dazu:

Wie bereits erwähnt wurde, liegt der geeignetste Punkt einer Unterführung des Kanals unter der Stadtbahn im Zuge der Knesebeckstrasse; um diese zu erreichen, ist die Trace so gewählt, dass der Kanal, nach Unterschneidung der Hardenbergstrasse, in einer scharfen Curve an der hinteren Seite des zur Villa Mendelssohn gehörigen Gartens vorbei, das noch unbebaute Terrain durchdringend, den im Bebauungsplan vorgesehenen grossen Platz – des Vereinigungspunkt von 7 Strassen – erreicht; auf letzterem ist ein Wendebassin projektiert, welches bis zur Vollendung der Bebauung der benachbarten Stadttheile mit Vortheil auch als Hafenbassin verwerthet werden kann. Die Strasse No. 18 [heute Uhlandstraße] wird von dem Kanal schiefwinkelig geschnitten. … Die Ableitung der Strasse No. 18 bei ihrem Zusammentreffen mit dem Kanal wird die einzige wesentliche Aenderung des bisher festgestellten Bebauungsplanes sein. …

Die Ausmündung des Kanals liegt im Zuge der Knesebeckstrasse und zwar ist der Kanal in zweischiffiger Breite (18,0 m) in der Mitte der jetzigen Strasse angenommen, wodurch die Theilung derselben in zwei Uferstrassen nothwendig wird. Die hierdurch eintretende Verbreiterung der Knesebeckstrasse bis auf 52 m – excl. Vorgärten – würde zwar auf Kosten der angrenzenden Bauterrains erfolgen, dieselben aber zweifellos in ihren Werthe steigern, weil damit der Charakter der Strasse wesentlich gehoben wird.

Tatsächlich wäre nicht nur der Charakter der Knesebeckstraße extrem verändert worden, sondern z.B. auch der des Kurfürstendamms, der dann als Brücke den Kanal überspannt hätte.

Die Wahl auf die Knesebeckstraße für die Unterführung der Stadtbahn hatte zwei Vorteile: Zum einen das als Savignyplatz geplante Wasserbassin vor der Ausfahrt, was bessere Rangiermöglichkeiten geboten hätte. Vor allem aber hatte die Stadtbahntrasse durch eine um vier Meter größere Lichtweite sowie tiefere Fundierung der Pfeiler, als die Alternativen Fasanen- und Uhlandstraße.

Mitte der 1880er Jahre wuchs die Stadt rasant. “Berlin ist aus dem Kahn gebaut” heißt es, womit gemeint ist, dass ein Großteil des Baumaterials, vor allem Ziegel und Holzbohlen, über die Kanäle in die Stadt kamen. Besonders die Kalkberge Rüdersdorf waren wichtiger Lieferant für die Neubauten in Berlin und all seine vorgelagerten Gemeinden wie Charlottenburg. Rüdersdorf war über Kalk-, Flaken-, Dämmeritzsee und schließlich die Spree an Berlin angebunden. Ein Kanal quer durch die damals noch selbstständigen Gemeinden Charlottenburg und Wilmersdorf würde deren Aufschwung sehr unterstützen.

Letztlich aber kam alles anders. Schon vor der Planung des Süd-West-Kanals wurde seit 1861 auch über eine südliche Umfahrung der Stadt nachgedacht, die allerdings doppelt so lang würde. Der Vorteil war, dass er hier vor allem über Felder geführt wurde, bei denen keine Rücksicht auf bestehende oder geplante Stadtbebauung genommen werden musste. Außerdem bekämen die südlich gelegenen Gebiete eine Verbindung zu Havel und Spree (bzw. die Dahme), auch ohne Umweg über den Landwehrkanal.

Damals wie heute wurden Großprojekte hauptsächlich nach politischen Gesichtspunkten beschlossen. Und so setzte sich der Teltower Landrat Ernst Stubenrauch (genannt “Der Eiserne”) 1885 durch, der den Südkanal favorisierte. Stubenrauch erhoffte sich von dem Kanal, dass sein Landkreis Teltow, der damals noch von Zehlendorf bis Köpenick reichte, wirtschaftlich aufgewertet würde. Um den Widerstand gegen die Entscheidung für den Teltowkanal und gegen den Süd-West-Kanal zu schwächen, beauftragte er ebenfalls das Ingenieursbüro Havestadt & Contag. Dies hatte erst kurz zuvor eine 76-seitige Broschüre zur Planung des Süd-West-Kanals veröffentlicht.

Am 22. Dezember 1900 erfolgte im Park von Babelsberg der erste Spatenstich für den neuen Teltowkanal, auf den Tag genau sechs Jahre später wurde das Bauwerk auf gesamter Länge eröffnet. Damit war die Planung für den Kanal durch Charlottenburg und Wilmersdorf hinfällig. Und am Savignyplatz liegen keine Ausflugsdampfer.




In Erinnerung an Walter Schilling

Es gibt Menschen, die im Kleinen wirken, aber trotzdem Großes erreichen. Zu denen gehörte auch Walter Schilling, der vor fünf Jahren gestorben ist. Die, die ihn kannten, haben ihn noch lang nicht vergessen. Er hat die Bewegung der oppositionellen Jugendbewegung in der DDR maßgeblich mitgeprägt. Und viele wären sicher andere Wege gegangen, hätte er sie nicht unterstützt.

Schon Schillings Eltern waren in der Opposition, Mitglieder der Bekennenden Kirche während der Nazizeit. Er selber studierte Theologie und baute ab 1959 im stalinistisch geprägten Thüringen ein vom Staat unabhängiges Jugendheim auf. Viele Jahre betreute er Jugendliche, die sich nicht anpassen wollten, war ihr Ansprechpartner, gab ihnen Möglichkeit zur Selbstfindung. Dass viele von denen nicht nur den Staat, sondern auch die Kirche und Religion in Frage stellten, war für ihn nur logisch, Jugend braucht Unruhe.

Natürlich wurde Walter Schilling bald von der Staatssicherheit überwacht. 1974 schloss sie das Jugendheim, doch Schilling arbeitete im Rahmen der Kirche weiter. In Jena hatte er zu vielen jungen Menschen Kontakt, die bald zur Keimzelle der DDR-Opposition wurden. Aus seiner offenen Arbeit ging im ganzen Land auch die „Kirche von unten“ hervor, in der sich in vielen Orten der DDR Jugendliche und junge Erwachsene sammelten. Dabei stand dort nicht die religiöse, kirchliche Arbeit im Mittelpunkt, sondern die gesellschaftliche. Vor allem die Durchsetzung der Menschenrechte waren für die KvU wie für Walter Schilling zentrales Thema – und damit natürlich direkt im Widerspruch zur offiziellen Politik, die den Willen der Partei als einzigen Maßstab akzeptierte.

Jena, Saalfeld, überhaupt Thüringen war neben Ost-Berlin das Zentrum der DDR-Opposition, vor allem der Jugendlichen. Bekannte Oppositionelle waren Roland Jahn, Lutz Rathenow, Jürgen Fuchs, Gerold Pannach und viele andere.

Walter Schilling ließ immer wieder Stasispitzel auffliegen, die versuchten, Jugendliche zu werben. Einmal versteckte auch einen jungen Deserteur der „Nationalen Volksarmee“ und erreichte sogar, dass es keine Anklage gegen ihn gab.

Nach dem Zusammenbruch der DDR enttarnte er eine Reihe von Pfarrern, die mit der Stasi zusammengearbeitet hatte. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Schilling aber erst bekannt, als er im Dezember 2001 zusammen mit 40 anderen DDR-Bürgerrechtlern eine Erklärung gegen die Regierung von Gerhard Schröder veröffentlichte. Darin beklagten sie die zunehmenden Aktivitäten der Geheimdienste, staatliche Aggressivität gegen Kriegsgegner, die Entmündigung der Bürger/innen, den staatlichen Waffenhandel.

Walter Schilling ist noch heute vielen präsent, die in der DDR in der Opposition waren, Hunderte hatten unmittelbar Kontakt zu ihm, viele über Jahrzehnte. Er hat sie geprägt und zu Menschen mitgeformt, die aufmüpfig und kritisch sind, die sich nicht anpassen, nur weil es von den Herrschenden so verlangt wird. Einen schönen Eindruck bekommt man auch in den beiden folgenden Aufnahmen.
Walter Schilling wurde 82 Jahre alt, er starb am 29. Januar 2013.

Nachruf

Das Walterlied:

Für Walter Schilling: Die wunderbaren Jahre




Vater wollte Sohn töten lassen, weil er der Familie Schande machte

Der Eigentümer und Chef einer Familienfirma mit Sitz in Berlin, die er unter schwierigsten Bedingungen groß gemacht hatte, hatte sich alle Mühe gegeben, seinen Sohn zu einem würdigen Nachfolger zu erziehen und gut zu verheiraten, natürlich mit einem Mädchen aus der Familie, mit der richtigen Religion. Aber der Sohn interessierte sich mehr für Männer als für Frauen und mehr für die neueste Musik als für die Arbeit in der Firma. Je strenger die Erziehung durch den Vater wurde, desto unglücklicher wurde der Sohn, bis er schließlich nicht einmal mehr die erfolgreiche Firma übernehmen wollte. Er wollte nur noch weg. Mit seinem Freund versuchte er, nach England zu reisen und sich dort Arbeit zu suchen.

Die Reisepläne flogen auf, und der wütende Vater wollte beide jungen Männer töten lassen, um die Ehre zu retten. Seine Mitarbeiter weigerten sich aber, dabei zu helfen. Der Freund jedoch wurde vor den Augen des Sohnes getötet. Später wurde der Sohn, der inzwischen nicht mehr aufmuckte, zwangsverheiratet mit einem passenden Mädchen, das er nicht liebte, und musste eine Filiale hundert Kilometer weiter weg leiten, um sich zu beweisen – und um nicht am Berliner Leben teilnehmen zu können.

Bis zum Tode seines Vaters musste dieser junge Mann sich ununterbrochen verstellen, allen gegenüber, und er hat nie mehr wirkliche Freunde gehabt. Dennoch übernahm er nach dem Tode seines Vaters die Firma und führte sie zu großem Erfolg. Er stellte viele Mitarbeiter aus anderen Ländern ein und respektierte, dass sie einen anderen Glauben hatten. Bei ihm durfte niemand wegen seiner Religion oder seiner Abstammung diskriminiert werden, obwohl er selbst seinen Glauben verloren hatte. Überall in Berlin und Potsdam setzte er moderne Bauten hin.

So wurde er einer der berühmtesten Deutschen. Er starb kinderlos. Die Firma ist inzwischen erloschen. In Neukölln steht übrigens ein Denkmal, dass dankbare ausländische Mitarbeiter trotz allem dem Vater setzten.

Wer war der Vater, wer der Sohn?

(Geschrieben von Hanno Wupper nach dem Hören eines Radioberichts über die Neuköllner Heroes.)




Schwarz-roter KalendA

Ach wir hatten viele Herren
Hatten Tiger und Hyänen
Hatten Adler, hatten Schweine
Doch wir nährten den und jenen
Ob sie besser waren oder schlimmer:
Ach, der Stiefel glich dem Stiefel immer
Und uns trat er
Ihr versteht: Ich meine
Dass wir keine andern Herren brauchen.
Sondern keine!

Dieses Gedicht des alten Meisters Brecht auf der Rückseite bildet den Abschluss eines Taschenkalenders, der einmal Pflichtlektüre war in der anarchistischen Szene, erst West-Berlins und der alten Bundesrepublik, später auch im wiedervereinigten Großdeutschland. Er steckte in etlichen Arschtaschen und begleitete die Aktivistinnen und Aktivisten durch den revolutionären oder frustrierenden Alltag. Er war in vielerlei Hinsicht eine Hilfe.

Zum einen war es eben ein Kalender, in den man seine Termine reinschreiben konnte. „Aber nicht die konspirativen!“ war mal in einer Ausgabe zu lesen. Dazwischen unendlich viele winzige Comics von Seyfried, ©TOM und vielen anderen Künstlern aus der linken und linksradikalen Gesellschaft, Zitate von revolutionären Klassikern, aus Punkliedern oder aktuellen Demo-Parolen. Dazu zahlreiche historische Daten.

Vor allem lieferte der Schwarz-rote KalendA Kontaktadressen: Anarchistische und andere linksradikale Initiativen, Archive, Zeitungen, Infoläden, Betriebe, Anti-AKW-, Antifa-, Gewerkschafts- und Umweltgruppen. Der Kalender von 1996 listet Hunderte von Adressen auf. Da das Internet damals erst noch im Entstehen war, gab es kaum solch umfangreiche Sammlungen.

Wie auch in allen Jahren davor standen auch im 96er Kalender inhaltliche Artikel, Schwerpunkt dieser Ausgabe war die Geschichte des Anarchismus in Tschechien und der Slowakei. Gruppen wie die Schwarzen Radler, das Büro für anarchistische Diskussion oder die Initiative Freie Heide wurden vorgestellt, es gab einen Wegweiser durch den anarchistischen Blätterwald. Hier alles aufzulisten wäre viel zu viel.

Der „offizielle“ Name des Kalenders war „Schwarz-roter Kain-KalendA“, wobei das hintere A möglichst im Kreis stand. Der Name nimmt Bezug auf den Kain-Kalender, den der anarchistische Schriftsteller Erich Mühsam für 1912 und 1913 herausgegeben hatte.

Der Schwarz-rote erschien von 1983 bis 2000 und wenn man sich heute mehrere von ihnen anschaut, bekommt man eine Übersicht darüber, was es damals vor 20 bis 30 Jahren für politische Kämpfe gab, wie vielfältig und breit der linke Widerstand organisiert war. Man merkt, dass heute vieles davon fehlt, weil es immer weniger Radikale gibt, also diejenigen, die an die Wurzel gehen wollen. So wie sie fehlt auch der Kalender. Sicher ist heute vieles ins Internet abgewandert, das natürlich viel aktueller sein kann. Trotzdem drückte der Schwarz-rote KalendA auch ein Lebensgefühl aus.

Wer möchte, kann sich das gerne nochmal live anschauen. Ralf G. Landmesser, der Herausgeber des Kalenders hat einen Stapel der 1996er Ausgabe ausgegraben. Wer einen haben möchte, schickt einfach einen 5-Euro-Schein und bekommt ihn zugeschickt.
Bestelladresse: Berlin Street, Postfach 210 363, 10503 Berlin




Der erste 1. Mai in Kreuzberg

1987 gab es in Kreuzberg die bis dahin stärksten Straßenkrawalle zum 1. Mai. Damals wurde die “Tradition” der Maikrawalle begründet. In einem Romanentwurf habe ich meine Erlebnisse von damals festgehalten, die Namen wurden jedoch geändert. Aufmerksame Leser kennen den Text bereits.

Der 1. Mai war ein warmer Tag. Am frühen Nachmittag gingen wir zum Lausitzer Platz, wo gerade das Straßenfest begonnen hatte. Schon seit ein paar Jahren wurde an diesem Tag im Kiez gefeiert. Auf einer Bühne spielten Bands, Artisten traten auf, einige Läden aus der Gegend bauten Stände auf und verkauften Bücher, Schmuck und Klamotten. Politische Initiativen verteilten ihr Infomaterial und viele einzelne Leute oder Besetzerkollektive boten Kaffee, Saft und selbst gebackenen Kuchen an. Dazwischen gab es Spiele für Kinder, überall hörte man Musik, es war eine fröhliche Stimmung. Diesmal aber, 1987, war etwas anders. Es gab Diskussionen, überall standen Gruppen von Leuten, die laut miteinander redeten. Ich erfuhr, dass in der Nacht zuvor der Mehringhof von der Polizei durchsucht worden war. Dieses Zentrum der radikalen Linken in Berlin war ein Symbol, die Razzia bedeutete ein Schlag gegen die Szene. Opfer der Durchsuchung war das VoBo-Büro, wo die Aktionen gegen die von der Bundesregierung geplante Volkszählung koordiniert wurden. Es war klar, dass es dagegen noch Protest geben würde, aber ich wollte jetzt erstmal nur feiern.

Tobi aber war ziemlich sauer. Und beunruhigt. »Meinste, dass es heute noch knallt? Das kann man doch nicht einfach so hinnehmen.«
»Klar, da kommt heute noch was, aber jetzt will ich erstmal was zum Futtern und ‘n bisschen rumkucken.«
»Tach Mädels, wie geht’s?« Marko war ein richtiger Autonomer, immer zu einer Provo bereit, die Hasskappe in der Tasche.
»Habt ihr Lust auf ein bisschen Action? Wir treffen uns gleich am Görli, vielleicht finden wir was zum Aufräumen.«, grinste er.
Aufräumen – das bedeutete das genaue Gegenteil, Krawall, mit oder ohne Anlass. Hauptsache es knallt. Ich bin jemand, der darauf auch manchmal Lust hat, in den vergangenen Jahren habe ich an fast allen Straßenschlachten teilgenommen. Diesmal aber wollte ich nicht so recht, jedenfalls nicht jetzt schon, am späten Nachmittag.

Noch während wir neben der Kirche am Lausitzer Platz standen, hörten wir Geschrei am Görlitzer Bahnhof. Von uns aus konnten wir aber nichts sehen, außer einem einzelnen Baulicht. Tobi nahm mich an die Hand und so wäre ich mit ihm überall hingegangen. Er wollte aber auch erstmal nur auf dem Fest bleiben.
Auch die Kirchengemeinde hatte einen Stand aufgebaut und verkaufte dort Kekse und Saft. Nicht teuer, aber trotzdem zu viel für mich. In dieser Situation gibt es nur zwei Möglichkeiten, nett oder böse sein. Also entweder diskutieren oder einfach zugreifen und abhauen. Beides macht auf unterschiedliche Art Spaß, aber weil Christen ja gerne reden, versuchte ich sie meinerseits zuzutexten. Von wegen, dass Jesus ja auch das Brot gebrochen habe und nicht extra Geld dafür verlangte.
»Gebt dem armen Jungen doch was zum Essen, er wird sonst vor Hunger noch bewusstlos, direkt vor eurem Stand!« Tobi gab sich wirklich Mühe.
»Dafür würde er euch bestimmt auch die Füße waschen.«
Ich dachte, ich höre nicht richtig.
»Bist du bekloppt? Wieso denn Füße waschen?«
»Du solltest öfter mal in der Bibel lesen. Da steht das drin!«
Natürlich hatte auch Tobi kein bisschen Ahnung vom Neuen Testament, wahrscheinlich hatte der die Story nur beim Kommunionsunterricht aufgeschnappt.  Aber ob man damit Christen beeindrucken kann?
»Du siehst eigentlich nicht so aus, als ob du nach der Bibel leben würdest«, entgegnete die Hippiefrau schnippisch, aber da war sie bei uns an der richtigen Adresse!
»Wie bitte? Schon als Kind habe ich täglich den Herrn angerufen…«
»…und um Vergebung gefleht für meine Sünden!«
»Genau. Und wie oft habe ich meinen Mitmenschen in schweren Stunden beigestanden!«
»Stimmt. Er hat Trost gespendet und sein letztes Hemd hat er gegeben!«
»Alles im Namen der Barmherzigkeit und des Glaubens.«
»Amen!«
Tobi und ich ergänzten uns hervorragend und wir waren erfolgreich: »Na gut, ihr habt mich überzeugt…«
Wir beide grinsten uns an.
»… dass ihr gute Schauspieler seid. Das soll belohnt werden.«
Sie goss jedem von uns einen Becher Saft ein und reichte uns zwei Stück Kuchen.

In diesem Moment rannten uns mehrere Kinder um, die Saftbecher flogen auf den Verkaufsstand, wir selber konnten uns gerade noch festhalten. Eben noch überall Musik und Lachen, auf einmal nur noch Geschrei. Innerhalb einer Sekunde war die Stimmung gekippt, die Panik der Kinder griff auch auf die Erwachsenen über. Die Wege zwischen den kleinen Ständen waren viel zu eng für die Masse an Menschen, die plötzlich dort durch rannten. Alles was im Weg stand, wurde zur Seite gedrückt, die vielen Tapeziertische mit Spielzeug und Selbstgebackenem zerbrachen, durch die berstenden Saftflaschen wurde es sofort sehr rutschig. In ihrer Panik fielen die Leute hin, andere rannten darüber hinweg.

Im Gegensatz zu den meisten anderen wusste ich, dass unkontrolliertes Wegrennen meist keinen Sinn hat. Man nimmt seine Umgebung nicht mehr wahr, läuft vielleicht noch in die falsche Richtung. Bei den vielen Demonstrationen habe ich gelernt, ruhig zu bleiben, die Situation zu überblicken und erst dann zu reagieren. Nun aber sah ich die Kette der weißen Polizeihelme auf uns zu rennen, ihre Knüppel schlugen in alle Richtungen. Während die ersten nur noch ein paar Meter entfernt waren, blieb der größte Teil von ihnen stehen. Dort prügelten sie auf mehrere Leute ein, die am Boden lagen und sich, so gut es ging, mit ihren Armen vor den Schlägen schützten. Sie schrien um Hilfe. Wir standen direkt neben einem Gebüsch, und anstatt mit mir abzuhauen, bückte sich Tobi, holte sich einen Stein aus den Büschen und warf ihn aus der Drehung dem vordersten Bullen direkt an den Helm. Sofort rasten wir los, den anderen Flüchtenden hinterher. Nach ein paar Metern kamen wir an einem Kinderwagen vorbei, offenbar war die Mutter mit ihrem Baby schon weggerannt. Im Laufen zog ich den Wagen hinter uns her und warf ihn um. Wie erhofft stolperte der Prügelbulle, allerdings ohne richtig hinzufallen. Ein anderer sprang darüber hinweg und verfolgte uns weiter. Anscheinend wurde er aber zurückgepfiffen. Er drehte um und dann liefen sie zu ihrer Einheit zurück.

Damit war es aber noch nicht vorbei. Von hinten wurden nun Tränengasgranaten geschossen, und zwar großflächig auf den gesamten Platz. Während sich die Schläger zurückzogen, knallten von dahinter die Gewehre, die innerhalb einer Minute mindestens 20 Gaskartuschen abfeuerten. Der gesamte Lausitzer Platz, der kleine Park, der Spielplatz und die Kirche verschwanden in den Tränengasschwaden. Während des Angriffs waren viele Kinder in die Büsche geflüchtet, schreiend kamen sie nun raus und rieben sich die brennenden Augen. Eine Frau kam mit einer Seltersflasche angerannt und spülte mehreren Mädchen die Augen aus, alle nicht älter als neun oder zehn Jahre.
Manche hatten den Fehler begangen hatte, sich in Hauseingänge zu flüchten. Das hat die Polizei beobachtet. Ein Trupp stieß vor, riss die Türen auf und schoss ebenfalls Gas in die Hausflure. Natürlich strömt es dort auch in die Wohnungen, aber das war ihnen wohl egal. Für sie waren die Kreuzberger eh alles potenzielle Terroristen, da ist es nicht schade drum, wenn deren Wohnungen mit Tränengas verseucht wurden.

Auch Tobi und ich hatten die volle Ladung abbekommen und so brannten uns die Augen wie verrückt. Man musste sie möglichst zu lassen, was beim Wegrennen aber nachvollziehbare Probleme macht. Ich hatte Kontaktlinsen, die die Augen einige Minuten vor dem Gas schützen. So konnte ich uns beide in ein türkisches Café retten, in dem wir uns erstmal die Augen ausspülen konnten.

»Das mit dem Stein war nicht gerade die Idee des Jahrhunderts«, sagte ich zu meinem Freund.
»Wieso? Kloppe hätten wir doch sowieso bekommen. Außerdem hatte ich zum Nachdenken keine Zeit, wie du vielleicht bemerkt hast.«
Zwischen uns war plötzlich eine aggressive Stimmung.
»Kein Grund gleich auszuflippen, man! Was sollte ich denn machen? Stehen bleiben und mich zusammenschlagen lassen?«
Er hatte ja recht, wahrscheinlich hätte ich selber auch geworfen, wenn ich gerade ‘nen Stein oder eine Flasche in der Hand gehabt hätte.
»Haste gehört, wie das gescheppert hat?« Wir lachten beide los.
»Kein Wunder, Hohlköpfe sind ein prima Resonanzkörper. Das ist wie bei ‘ner Glocke.«
»Gong. Gong«. Ich konnte mich plötzlich vor Lachen kaum noch halten.
»Schade, dass er sich nicht richtig auf’s Maul gelegt hat.«

»Und wie geht’s jetzt weiter?«, fragte Tobi.
»Na, was glaubst du denn? Nach der Aktion knallt es doch wie noch nie.«
Ich sollte recht behalten. Innerhalb einer Stunde entwickelte sich eine Straßenschlacht, wie es sie in Berlin wohl seit 1945 nicht mehr gegeben hat. Hunderte von Menschen griffen die Polizei an, mit Steinen und Knüppeln gingen sie auf sie los.

Wir trieben sie in ihre Mannschaftswagen, nach der Zerschlagung des Festes war die Stimmung unter den Leuten voller Hass. Immer weiter jagten wir die Bullen vor uns her. Manche von denen rannten den bereits flüchtenden Mannschaftswagen hinterher, schafften es gerade noch reinzuspringen. Dann flogen die ersten Mollies an die Wannen, zwei, drei Meter hoch schlugen die Flammen. Zwar wurden jetzt noch Wasserwerfer herangekarrt, aber es nutzte nichts mehr. Was nun folgte war Anarchie pur. Vom Lauseplatz bis zum Kottbusser Tor und dem Moritzplatz, überall wurden jetzt Barrikaden gebaut, eine Strecke von etwa einem Kilometer. Autos, die am Straßenrand geparkt waren, wurden quergestellt. Wir zogen Bauwagen auf die Straßen, warfen sie um und zündeten sie an. Aus allen Hinterhöfen und Baustellen wurde nun Material für den Barrikadenbau herangeschleppt. Mülltonnen, Holzbalken, Zementmischer, Gitter, alte Möbel, auseinander gerissene Baugerüste, Reklametafeln. Auf jeder Kreuzung bauten die Leute meterhohe Barrieren. Und das waren längst nicht nur wir Hausbesetzer, sondern viele andere Kreuzberger, die von der Polizei die Schnauze voll hatten. Viele Kinder und Jugendliche waren dabei, Studenten, Türken und Deutsche, Junge und Alte, Arme, Arbeiter, Angestellte, Alle. Es war ein wirklicher Volksaufstand. Während sich die Polizei immer weiter aus dem Kiez zurückzog, übernahmen wir die Kontrolle.

»An dieses Straßenfest werden wir noch lange denken!« Tobi war begeistert, überschwänglich, und während rings um uns weiter Barrikaden gebaut wurden, tanzte er auf der Straße. Nach dem Schreck von vorhin waren wir jetzt total ausgelassen. Plötzlich waren wir stark und die Bullen die Hasen.

Das Zentrum des Riots war die Oranienstraße. Am Kotti tobten noch Kämpfe, während der Kiez selber schon »befreit« war. Wie auch sonst meistens hatten Tobi und ich unsere Tücher um den Hals, das war Mode in der Szene, aber auch ganz praktisch. Notfalls konnte man es sich einfach vor’s Gesicht ziehen, um nicht so schnell erkannt zu werden. Auf diese Weise zogen wir unter dem Hochhaus durch, das die Adalbertstraße überspannt, zum Kottbusser Tor. Der Kreisverkehr mit dem Hochbahnhof in zehn Metern Höhe, war voller Menschen. Die wenigsten von denen waren vermummt, wahrscheinlich war auch kaum jemand vorher schon mal an einer solchen Schlacht beteiligt gewesen.

Der gesamte Platz war eingenebelt vom Qualm der brennenden Barrikaden, die in Richtung Wassertorplatz errichtet wurden. Es war ein merkwürdiges Bild: Während Hunderte von Menschen Material für die Barriere anschleppten, die immer höher wuchs, sah man von dahinter nur noch die Spritze eines Wasserwerfers. Er gab sein bestes, aber das Feuer konnte er nicht mehr löschen.
Von unserer Seite flogen Steine, der halbe Gehweg war bereits auf dem Luftweg in Richtung Polizei befördert worden. Die revanchierte sich mit Tränengasgranaten, die im Dutzend auf uns abgeschossen wurden.

Mitten in der allgemeinen euphorischen Stimmung wurde Tobi plötzlich ganz still.
»Was ist los, hast du Angst?«
»Na ja, meinst du nicht, dass die gleich richtig zurückschlagen?«
Bevor ich antworten konnte, gab es ein paar Meter neben uns ein großes Geschrei. Drei Zivilbullen hatten sich jemanden gegriffen und versuchten nun, ihn auf die andere Seite zu bringen. Das konnte nicht gutgehen, denn der Weg war längst versperrt. Die Zivis waren so sehr mit ihrer Verhaftung beschäftigt, dass sie die Falle gar nicht bemerkt hatten, in der sie längst saßen. Von allen Seiten schlugen und traten Leute auf die drei Polizisten ein, die sich jetzt mit Tonfas zu verteidigen suchten.
»Warum lassen die Idioten den Typen nicht laufen? Sie haben doch gar keine Chance!«

Ein paar Leute versuchten, den Festgenommenen zu befreien, sie zerrten an ihm, während andere auf die Bullen einschlugen. Plötzlich zogen zwei von denen ihre Pistolen und zielten auf die Angreifer. In diesem Moment wurde der dritte von einem Stein am Kopf getroffen und fiel blutend zu Boden. Nun konnte sich der verhaftete Junge befreien und rannte sofort weg. Zu dritt bahnten sich die Zivis einen Weg durch die Meute, immer die Waffen im Anschlag, die Todesangst war ihnen deutlich anzusehen. Einem wurde noch die Jacke vom Körper gerissen, dann waren sie verschwunden.

»Wollt ihr hier nur rum stehen und glotzen, oder was?« Der Typ, der uns angesprochen hat, hielt eine Holzkiste in der Hand, in der ein Dutzend Flaschen standen, alle mit einem Stück Stoff als Pfropfen. »Feuer habt ihr ja hoffentlich selber.«
Er reichte mir eine Flasche, aber ich nahm sie nicht an. »Was soll ich damit? Ich will die Bullen vertreiben, nicht umbringen.«
Der Typ lachte arrogant und fragte Tobi: »Bist du auch so ein Weichei? Dann geht doch nach Hause zu Mami.«
Tobi fühlte sich in seinem Stolz verletzt und griff nach der Brandflasche.

»Du weißt aber schon, dass man den nach dem Anzünden wegwerfen muss, ja?« Der Typ war ein Arschloch, das war nicht zu übersehen, Außerdem ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass er auch ein Provokateur sein könnte, der erst Leute zu Aktionen animiert, um sie später verhaften zu lassen. Ohne groß nachzudenken, nahm ich Tobi den Molly aus der Hand, zog den Stoff heraus und reichte dem Typ die Flasche. Dabei war ich wohl etwas zu schnell, so dass ein großer Schluck Sprit heraus spritzte – genau auf die Jacke des Typen.
»Pass doch auf, du Idiot!«, brüllte er, »das ist Benzin. Willst du mich abfackeln?«
Er wurde total jähzornig und hätte er nicht noch die Kiste mit den Mollys in der Hand gehabt, wäre er vielleicht auch auf mich losgegangen.
»Man, reg dich nicht so auf, Alter!« Plötzlich war auch Tobi sauer. Er schrie den Typen an, dass er sich verpissen solle. In der Zwischenzeit waren die Leute um uns herum aufmerksam geworden. Einige nahmen dem Typen Flaschen aus der Kiste, um sie selber zu benutzen. Mir aber blieb er suspekt und so war ich froh, als er endlich weiterzog.

Mittlerweile wurde es langsam dunkel und erfahrungsgemäß werden Schlachten mit der Polizei dadurch noch angeheizt. So war es auch an diesem Abend. Jenseits der Barrikaden am Kottbusser Tor zogen sich die Wasserwerfer und Wannen zurück. Plötzlich war da kein Blaulicht mehr und kein Tränengas. Es war, als hätten wir gewonnen und die feindlichen Truppen waren geflüchtet. Ganz falsch war die Einschätzung nicht, wie wir später aus einem Mitschnitt des Polizeifunks erfahren haben. Die Wucht des Widerstands hatte die Polizei einfach überrascht, zudem gab es unter ihnen  auch viele Verletzte.

Hinter dem Heinrichplatz war was los, das sahen wir bis hierher. Im Hindernislauf um die kleinen und größeren Brände herum kamen wir zum Görli.
Der Name Görlitzer Bahnhof ist eigentlich falsch, denn er bezieht sich auf einen Bahnhof, den es gar nicht mehr gibt. Er lag zwischen der Wiener und der Görlitzer Straße, also einige hundert Meter weiter östlich, aber durch den Mauerbau war er vom Streckennetz abgeschnitten. Jetzt war er einfach nur Brachland, das mal zum einem Park mit Schwimmbad werden sollte.
Am Hochbahnhof Görlitzer stand auf ‘nem Eckgrundstück ein weiß verkleidetes, zweistöckiges Gebäude ohne Fenster. Der große Supermarkt von Bolle, eine wichtige Einkaufsquelle für die Bevölkerung. Und der wurde gerade geplündert.
»Kuck mal, Bolle hat heute geöffnet«, grinste Tobi mich an.
»Dann mal nichts wie hin.«

Es war ein überwältigendes Bild. Die Schaufenster waren zerbrochen, die Glastür existrierte nicht mehr. Im Innern sahen wir mindestens hundert Leute. Manche hatten gleich die Einkaufswagen vollgepackt und schoben sie nach Hause. Die meisten hatten irgendwas in den Händen, Würste, Obst, Büchsen, irgendwelche Kartons mit Lebensmitteln. Doch nicht das war das Aufregende, sondern die Leute selbst. Kaum jemand war ein typischer »Szene«-Mensch, sondern es waren die normalen Nachbarn, die dort plünderten. Viele Kinder und Jugendliche, klar. Aber auch Männer Typ Familienvater, alte Rentner mit Einkaufswägelchen, ganze türkische Familien. Der Alkohol und die Zigaretten waren schon weg, als wir in den Supermarkt kamen. Überhaupt war alles Teure längst »ausverkauft«, Käse und Fleisch können sich viele hier ja kaum leisten. Ein Pärchen, beide um die Fünfzig, schlenderte am Marmeladenregal entlang. Man sah ihnen an, wie sehr sie es genossen, endlich mal nicht auf den Preis schauen zu müssen. Ein paar Kinder legten Milchtüten auf den Boden und sprangen drauf, damit sie platzen und den Inhalt umherspritzen. Ihr Vater kam und brüllte sie an, dass sie lieber mal was Sinnvolles machen sollten: »Helft Mutti beim Tragen!«
Es war schon eine komische Situation, diese Alltäglichkeit mitten in dieser totalen Anarchie.
»Weißte was wir jetzt machen,?« Tobi strahlte plötzlich wie ein Atomkraftwerk. »Wir holen jetzt auch was. Für Martha.«
»Ja, coole Idee. Ach, die wird sich freuen!«

Martha hieß mit Nachnamen Pfahl, was ihr im Leben sicher viel Spott eingetragen hat. Jetzt war sie über 80 Jahre alt und lebte in einer kleinen Einraum-Wohnung im Hinterhaus der Oranienstraße 169. Wir kannten sie, weil wir ihre Nebenwohnung mal besetzt hatten. Martha war sehr offen und kam gleich mal rüber zum Kucken und brachte sogar Kekse. Tobi und ich besuchten sie seitdem alle paar Wochen mal, wenn es sich gerade ergab. Leider hatte Martha aber einen Sohn, den man nur als böse bezeichnen kann. Er war Mitte Fünfzig, BVG-Busfahrer und quälte seine Mutter oft. Wenn er zu Besuch war, musste sie ihm immer was zum Essen machen, obwohl sie sehr arm war. Aber mitgebracht hat er ihr nie etwas.

Bei Bolle am Görlitzer war nun aber nichts mehr zu holen. Wir gingen stattdessen wieder zurück in die Oranienstraße bis zum O-Platz. Hier gab es auch noch einen Supermarkt und vielleicht kamen wir da ja noch rein.
Tatsächlich wurde der Plus-Markt gerade aufgebrochen. Der Eingang direkt an der Ecke des ehemaligen Kaufhauses war mit einem Metallrollo gesichert. Normalerweise reicht das, Einbrecher wollen ja leise in den Laden kommen. Diesmal aber mussten wir uns um die Lautstärke keine Sorgen machen. Das nächste Blaulicht war erst etwa 500 Meter weiter zu sehen, noch hinter dem Moritzplatz. Wahrscheinlich wurde dort der Straßenverkehr in des Kiez gesperrt.

Anders als der große Bolle-Markt gab es hier keine Scheiben. Die waren längst gegen Holzplatten ausgetauscht, weil sie zu oft eingeworfen wurden. Und so war es im Supermarkt fast dunkel. Da wir in der Gegend wohnten, kannten wir den Markt ganz gut und konnten uns darin einigermaßen orientieren. Unser Ziel war die Wurst- und Käsetheke, und auch beim Fleisch bedienten wir uns reichlich. Vor der Kasse war das Regal mit dem Alkohol und so besorgten wir auch noch eine Flasche Likör. So voll bepackt zogen wir die hundert Meter zu Marthas Haus. Die Haustür war wie immer offen und auf dem dunklen Hof sahen wir, dass hinter Marthas Fenster noch Licht brannte.
»Wer ist denn da?« Ihre Stimme klang ängstlich, nachdem wir an der Wohnungstür geklopft hatten.
»Tobi und ich. Hey Martha, wir haben hier ein paar Geschenke für dich!«
Sie öffnete und schaute uns aus ihrem Morgenmantel ungläubig an. »Um diese Zeit seid ihr noch unterwegs, Kinder? Na, kommt erstmal rein.«
Sofort bot sie uns wieder was an, aber diesmal waren wir an der Reihe.
»Schau mal, was wir dir hier mitgebracht haben.«

Wir breiteten alles auf ihrem Tisch aus: Jeweils ungefähr ein Kilo Wurst und Käse, ein paar Schnitzel und Koteletts. Tobi zog sogar ein paar Schachteln Zigaretten aus der Hosentasche, die hatte er beim Rausgehen noch eingesteckt. Außerdem Kekse und Schokolade.
»Alles für dich, Martha. Nachträglich zum Geburtstag.«
»Aber ich habe doch erst im Oktober Geburtstag. Habt ihr das etwa gestohlen?«
Tobi setzte seinen allerliebstes Schwiegersohnlächeln auf: »Ne, Martha. Heute kriegen wir alle hier im Kiez endlich mal was geschenkt. Ist das nicht toll? Mach dir mal keene Gedanken, diesmal bezahlen die Reichen.«

Martha blieb skeptisch und kochte uns erstmal einen Tee. Sie hatte hier hinten gar nichts mitgekriegt und so erzählten wir ihr, was alles passiert war. Vom Straßenfest, vom Tränengas, von der Gegenwehr und schließlich von den Plünderungen. Immer wieder fuhr sie erschrocken zusammen. »Oh Gott, ist das denn nicht gefährlich? Passt bloß auf euch auf, meine lieben Jungs!«
Sie hatte etwas sehr mütterliches, es war schön, dass sie sich um uns sorgte. Beruhigend, als wenn uns dann nichts mehr passieren könnte.

Mittlerweile war Mitternacht durch und noch immer saßen wir auf Marthas alter Couch. Vom dritten Stock aus schaute man ein Stückchen hoch zum Dach des Vorderhauses. Vor dem halbdunklen Himmel sah ich, wie mehrere Personen geduckt über’s Dach schlichen. Mehr aber konnte ich nicht erkennen. Ein paar Minuten später plötzlich Geschrei: »Bleib stehen, du Schwein!«.
Tobi rannte zum Fenster, ich löschte erstmal das Licht. Wir sahen, wie ein paar Gestalten mit weißen Helmen über das Dach liefen. Sie waren langsam, weil sie auf der Spitze des Schrägdachs gingen, dort gab es nur schmale Bretter für den Schornsteinfeger. Offenbar suchten sie jemanden.
Und wir sahen ihn: Fest an die Dachziegel gepresst stand er etwa vier Meter unter den Polizisten in der Regenrinne. Mein Herz begann Amok zu laufen, immerhin ist das hier ein altes Haus und ziemlich heruntergekommen. Dass ausgerechnet die Regenrinne  stabil sein sollte, glaubte ich nicht. Es vergingen ein paar Sekunden, bis Tobi reagierte. »Wir müssen ihm helfen! Lass uns nach vorn gehen, vieleicht können wir was tun.«

Wir wussten, dass die Dachböden miteinander verbunden sind. Also kletterten wir nach oben und öffneten im Vorderhaus ein Dachfenster. Es war circa einen halben Meter über dem Mann, für ihn also unerreichbar. Wir machten eine Räuberleiter, ich kletterte zur Hälfte aus dem Fenster und beugte mich nach unten.
»Komm, halt dich fest, ich zieh dich hoch!«
So leicht war das aber nicht. Wer schon mal 70 Kilo mit einer Hand heben wollte und dabei kopfüber aus einem schrägen Dachfenster gehangen hat, weiß, was ich meine.

»Ey Leute, ihr habt mir echt das Leben gerettet. Diese scheiß Rinne hat mich kaum gehalten.«
»Was suchst du dir auch so einen blöden Weg aus zum Spazierengehen.«
Tobi übertraf sich mit seiner Komik wieder mal selbst.
Der da vor uns stand war kaum älter als wir. Mitte zwanzig, komplett schwarze Klamotten und um den Hals ein schwarzweißes Pallituch. Diese »PLO-Tücher« waren sehr praktisch, man konnte seinen Kopf darin komplett verhüllen.
Der missglückte Straßenkämpfer erzählte, dass er vom Dach Steine und Ziegeln auf die Polizei geworfen hatte.

»Bist du bekloppt?«, brüllte Tobi ihn an. »Damit kannst du doch jemanden töten!«
»Na und, es sind doch nur Bullen man, keine Gnade.«
Auch ich wurde total wütend. »Hast du keine Achtung vor dem Leben anderer Menschen? Was bist du – ein Nazi?«
Der Typ schrie, dass wir wohl wohl blöde Okös seien und am besten nach Hause zu Mami gehen sollen.
Tobi hatte vor Wut einen hochroten Kopf, noch nie vorher hatte ich ihn so sauer gesehen.
»Wir hätten dich fallen lassen sollen, du Arsch!«
»Auf welcher Seite steht ihr eigentlich?«, fragte der Typ und versuchte, dabei ganz lässig auszusehen. Aber er war noch immer sehr blass, soweit man das in dem schummrigen Dachboden erkennen konnte.
Tobi und ich waren sehr erschüttert über die Menschenverachtung dieses Typen. Mit solchen wollten wir nichts zu tun haben. Hatten wir aber, jedenfalls an diesem Abend. Wütend verließen wir alle den Dachboden.

Ganz kurz schauten wir noch bei Martha rein und verabschiedeten uns.
»Wir kommen morgen nochmal vorbei und erzählen dir dann, was heute noch war.«
»Oh Gott, oh Gott, passt auf euch auf, Kinder!« Sie tat mir leid, weil sie wirklich um uns besorgt war. Gleichzeitig wollte ich aber raus und nachschauen, was noch passierte. Aber wir kamen nicht weit.

Kaum standen wir auf der Oranienstraße, rannte von rechts ein Rudel Bullen auf uns zu. Sie hatten keine Schilde dabei und wir wussten, was das bedeutet: Diese Gruppe gehörte zum SEK. Das Sondereinsatzkommando ist dafür da, in Situationen einzugreifen, die für normale Polizisten zu gefährlich sind. Zum Beispiel bei Banküberfällen oder Geiselnahmen. Diese Bullen ließen sich mit ein paar Steinen nicht aufhalten, als Selbstschutz reichte der Helm. In den Händen hatten sie statt Schilden und Knüppel kleine schwarze Tonfas. Das sind Holzknüppel mit einem Quergriff, mit dem man nicht nur einfach zuschlagen kann. Wer damit umgehen kann, wirbelt ihn durch die Luft oder sticht auf kurze Distanz mit dem stumpfen Ende auf einen ein. Später erfuhr ich, dass sie in dieser Nacht jemanden genau so ein Auge ausgeschlagen haben.

Wenn ein Dutzend solcher Leute auf einen zu rennt, hilft nicht viel. Kämpfen ist sinnlos, aber verprügeln lassen wollten wir uns auch nicht. Von der anderen Seite sahen wir Blaulicht, dieser Weg war also eh versperrt.
»Das Lager!«, rief Tobi und rannte zwei Häuser weiter auf den Hinterhof. Erst in diesem Moment dachte ich an die versteckten Molotow-Cocktails auf dem Hof der 167. Wir wussten, dass es dort unter einer Metallplatte versteckt ein kleines »Waffenlager« gab. Es war nicht das einzige im Kiez, eine ganze Reihe von Höfen, leer stehenden Wohnungen, Kellern und Dachböden waren so präpariert. Mollies, Steine, Zwillen mit Stahlmuttern waren so breitflächig versteckt, genau für solche Situationen. Manche, wie das Lager im Hof der Oranien 167, lagen sogar taktisch sehr gut, was jetzt ein riesen Glück für uns war.

Wir rannten durch das dunkle Vorderhaus auf den Hof, uns war klar, dass wir nur ein paar Sekunden Vorsprung haben.
»Wo ist diese scheiß Platte?«, zischte Tobi.
»Man, direkt neben der Kellertreppe!«
In diesem Moment sahen wir schon, wie vorn die Haustür auf ging, die ersten weißen Helme waren zu sehen. Die Polizisten rannten aber nicht ins Dunkel, sondern tasteten sich vorsichtig zur Hintertür. Sie hatten wohl schon ihre Erfahrungen gemacht und sind vielleicht mal in einer Falle gelandet. Manchmal werden kleine Grüppchen von Polizisten in Höfe oder in ein Haus gelockt und dann von allen Seiten mit Steinen und Knüppeln angegriffen.

Die Sekunden der Vorsicht gaben uns die Zeit, die dicke Blechplatte zur Seite zu heben. Darunter kamen etwa ein Dutzend Mollies zum Vorschein, die allerdings noch nicht »scharf« waren. Man musste den um den Flaschenhals geknoteten Stoff ja erstmal in Benzin tränken. Das sollte vorsichtig und langsam geschehen, damit das Benzin nicht über die ganze Flasche läuft. Sonst brennt die nämlich beim Anzünden gleich mit. Aber diese Zeit hatten wir jetzt nicht.

Jeder von uns nahm sich zwei Mollies und wir rannten ein paar Meter nach hinten. Hier war eine zwei Meter hohe Mauer, hinter der ein weiterer Hof lag. Über den konnte man quer durch den Block rennen und kam dann in der Dresdner Straße raus. Das hatten wir vor. Aber als wir nach hinten zur Mauer rannten, kamen die ersten Bullen auf den Hof und brüllten gleich: »Hier sind sie!«
Tobi sprang ohne sich festzuhalten auf eine der Mülltonnen, die an der Mauer standen. Dabei fiel ihm eine Flasche aus der Hand und sie zerbrach am Boden. Ich bückte mich und tunkte den Stoff meiner beiden Mollies in die Benzinpfütze. Tobi war schon auf die Mauer geklettert, da rannten die Polizisten von hinten auf mich los.

»Fang!«, schrie ich Tobi an und warf beide Flaschen zu ihm hoch. Diesmal hatte er mehr Glück und beide Mollies blieben heil. Ich kletterte die Mülltonne hoch, während er mit seinem Feuerzeug die Lunte von einem der Brandsätze anzündete. Gerade als ich mich auf die Mauerkrone hoch zog, erreichte mich der erste Bulle und hielt mich am Bein fest. Ich sah zu Tobi und schrie: »Schmeiß doch, man!« und er warf den Brandsatz auf den Boden. Eine Sekunde später stand unter mir alles in Flammen. Der Mollie entzündete auch das Benzin der vorher zerbrochenen Flasche. Die Flammen loderten sofort einen halben Meter hoch. Ich merkte, wie der Polizist mein Bein los ließ und in die andere Richtung rannte. Bloß weg aus dem Feuer! Die anderen blieben stehen, einer trat an der brenndenden Hose des Bullen die Flammen aus. Dann ließ sich Tobi auch schon auf der anderen Seite der Mauer runter.

Ich sprang hinterher. Wir rannten über den Hof, wollten durch’s Hinterhaus nach vorn flüchten. Kaum öffneten wir die Tür, sahen wir einen bulligen Kerl vor uns. Irgendein Bewohner von der Sorte »Müllkutscher«, diejenigen, die Volkes Stimme auch mal mit der Faust Nachdruck verleihen. Er griff sich Tobi und hielt ihn am Kragen fest. Mit der anderen Hand versuchte er, mich zu packen. Ich nahm Tobi den Mollie aus der Hand und schlug ihn dem Bär auf den Kopf. Die Kopfhaut riss auf und der Mann brüllte wie wahnsinnig, sicher auch, weil das Benzin in die Wunden kam. Aber wenigstens ließ er Tobi los.

In diesem Moment sah ich, wie zwei der Bullen über die Mauer stiegen und auf uns losrannten.
»Gib Feuer!«, schrie ich und Tobi warf unseren letzten Mollie in den Durchgang zum Hof.
Hinter den Polizisten dann der brennende Eingang, im Flur der hilflos schreiende Mülltyp, man kann nicht sagen, dass wir besonders unauffällig waren. Aber wenigstens verfolgten uns die beiden Bullen nicht mehr.
Nach einem kurzen Sprint durch’s Vorderhaus öffneten wir leise die Tür zur Dresdener Straße 16 und lugten heraus. Hier waren keine Bullen, aber links und rechts sahen wir an den Häuserwänden blaue Lichter zucken. Offenbar war am Kotti und am O-Platz schon die Polizei und kurz darauf sahen wir dort auch mehrere Wannen sich langsam vortasten. Sie schoben die längst ausgebrannten Barrikaden zur Seite.

»Lass uns versuchen, nach Hause zu kommen. Genug für heute.« Ich nahm Tobis Vorschlag gerne an.
Aber so leicht war das mit dem Rückzug nicht. Denn zwischen uns und der Adalbertstraße stand jetzt der Feind. Also packten wir unsere Halstücher in die Hosentasche, setzten die harmlosesten Unschuldsmienen auf und machten uns auf einen weiten Umweg, rund um den Kiez, an der Mauer entlang bis zur Adalbertstraße.

Am nächstens Morgen spazierten wir durch den Kiez. Es sah aus wie im Kriegsgebiet. Fast alle Schaufenster waren eingeworfen, selbst die kleinen Läden aufgebrochen und geplündert. In den Türen standen vezweifelte Inhaber, manche weinten, andere waren wütend. Den meisten aber sah man ihre Ratlosigkeit an.
Am Straßenrand war genau zu erkennen, welche Autos schon in der Nacht dort gestanden haben. Sie waren entweder völlig zerbeult, mit eingeworfenen Scheiben oder sogar ausgebrannt.
»Ist dir klar, dass wir das waren?«, fragte ich Tobi. Mir ging es plötzlich dreckig, denn wir hatten ja die Polizei, den Staat, die Reichen als Ziel unserer Angriffe. Getroffen wurden aber fast nur die einfachen Leute.

»Das waren wir nicht, nur ein bisschen. Wir waren ja nur dabei.«
»Klar, alle waren nur dabei. Wie damals in der Reichskristallnacht.«
Tobi sah mich entsetzt an: »Bist du bescheuert? Was haben wir mit den Nazis zu tun?«
Mir war auf einmal wirklich zum Heulen. »Vielleicht mehr, als uns das klar ist.«
»Quatsch! Die Nazis haben Juden ermordet oder denen die Scheiben eingeschmissen, das ist doch was ganz anderes. Außerdem kämpfen wir nicht gegen ‘ne Minderheit, sondern gegen Nazis!« Seine Argumente wurden immer verworrender.
»Sind die Faschos keine Minderheit mehr? Gehören die Läden hier etwa alle den Nazis?«

Das Schlimme an der Diskussion war ja, dass ich das alles kenne und eigentlich genauso rede.
»Wir haben noch nie mal so richtig darüber gesprochen, warum wir das machen und was wir erreichen wollen.«
»Na, ist doch klar: Widerstand!« Tobi begriff nicht, was ich meinte. Kein Wunder, ich stellte ja plötzlich auf einmal alles in Frage, was bisher anscheinend klar war. Doch der Anblick dieser Zerstörungen hat mir regelrecht die Augen geöffnet.
»Aber wenn wir keinen Unterschied mehr machen zwischen einer Nazikneipe und ‘nem Klamottenladen…«

»Was hast du denn auf einmal?«, fiel mir Tobi ins Wort. »Wirst du jetzt ein Hippie oder was? Es war doch geil letzte Nacht, die Barrikaden und so. Wann erlebt man das schon mal?«
»Darum geht es doch gar nicht! Wir sind doch keine Hooligans, die sich nur wegen der Action prügeln, oder? Ich hab eigentlich schon ‘nen politischen Anspruch.«
»Politischer Anspruch. Ja toll. Ich nicht, oder was? Ey, wir sind der Widerstand, kapierste das nicht? Der Kiez gehört uns, die Bullen sollen sich hier raushalten. Und die Hausbesitzer sollen sich verpissen. Ist das vielleicht nicht politisch?«
»Und was haben die kleinen Läden damit zu tun?« So eine Schaufensterscheibe kostet bestimmt tausend Mark. Daran kann so einer pleite gehen.«

Tobi sah aber jedes Argument als persönlichen Angriff, obwohl es ja gar nicht so gemeint war. Es ging ja auch gegen mich selbst und meine eigene Ignoranz. Ich merkte, dass plötzlich etwas zwischen uns stand. Wir hatten uns auch vorher manchmal gestritten, aber diesmal ging es tiefer. Wir sahen uns ja als politische Menschen, aber waren nicht in der Lage, auch so zu diskutieren. Vielleicht auch deshalb, weil nicht viel dahinter steckte. Waren wir nicht doch eher Hooligans?
Schweigend gingen wir die Oranienstraße weiter.

»Lass uns kurz bei Martha vorbeigehen«, schlug ich vor.
»Ne, keine Lust.« Tobi war immer noch sauer.
Also stieg ich allein die drei Stockwerke nach oben und klopfte. Es war aber nicht Martha, die mir öffnete, sondern ihr Sohn. Und der zog mich sofort in die Wohnung und schlug mir ins Gesicht.
»Da ist ja einer dieser Chaoten! Euch sollte man alle vergasen, wie damals!«, brüllte er und schlug wieder zu. Im Affekt trat ich ihm mit voller Wucht zwischen die Beine und offenbar hab ich gut getroffen. Winselnd ging er zu Boden.
Dann sah ich Martha, zusammengesunken auf ihrer Couch. Sie hatte wohl geweint und wischte sich gerade das Gesicht trocken. Ich beugte mich sofort zu ihr.
»Was ist denn los? Hat er dich geschlagen?«, wollte ich wissen.
»Nein«, schluchzte sie, “aber angeschrieen. Und alles weggeschmissen, was ihr mir gestern gebracht habt.” Sie zeigte zum Mülleimer, wo der Käse und das Fleisch rausschauten. Ich nahm alles raus, machte es wieder sauber und legte es auf ihren Küchentisch.
Dann nahm ich mir ihr Nudelholz und ging zu ihrem Sohn.

»Wenn du nicht sofort die Wohnung verlässt, schlage ich dir den Schädel ein!«
Er schaute mich mit einem hassverzogenen Gesicht an, rutschte dann aber zur Wohnungstür. Aufstehen konnte er noch nicht. Als er draußen war, schloss ich die Tür und ging zu Martha. Sie war noch immer sehr aufgeregt.
»Wie kann eine so liebe Frau nur mit so ‘nem bösen Jungen gestraft sein«, sagte ich. »Nimm’s mir nicht übel, aber das denke ich wirklich.«
»Ach Junge, du hast ja recht. Aber was soll ich denn machen? Manfred ist doch nun mal mein Sohn.«
Wir saßen dann noch über eine Stunde zusammen und redeten. Über ihr Leben, über den Sohn, über Tobi und mich. Ich erzählte ihr von meinem schlechten Gefühl, was die Plünderungen der kleinen Läden anging.

Als ich ging, drückte sie mich eng an sich. Es war das erste Mal. Und das letzte Mal, dass wir uns sahen. Als ich sie eine Woche später besuchen wollte, sagten die Nachbarn, dass Martha zwei Tage vorher gestürzt war. Sie hatten sie ins Urban-Krankenhaus gebracht, wo sie nach ein paar Stunden gestorben ist. Ich bin dann dort hin, wollte wissen, wo sie beerdigt wird. Aber man wusste es nicht. Ich habe es auch nicht mehr erfahren.

 




Der aufrechte Hinckeldey

Wer vom Jakob-Kaiser-Platz kommend den Kurt-Schumacher-Damm Richtung Flughafen Tegel fährt, kommt direkt an einer verkehrsumtosten Brücke vorbei, die hier den Heckerdamm über die Stadtautobahn führt. Sie ist nach einem Mann benannt, der schon lange vergessen ist und doch für Berlin eine sehr wichtige Funktion hatte. Vor allem aber war Carl Ludwig Friedrich von Hinckeldey ein im Volke beliebter Mann, wenn auch nicht von Anfang an.

Nach der Revolution 1848 war die bewaffnete Obrigkeit in Berlin generell nicht gut gelitten, die Toten vom 18. März waren noch nicht vergessen, als Hinckeldey sein Amt als Generalpolizeidirektor antrat. Heute würde man ihn den Polizeipräsidenten nennen. Er galt als sehr eigensinniger und gestrenger Mann, trotzdem als sozial denkend. Wer sich nicht an die Regeln hielt, bekam es mit ihm zu tun, egal ob Tagelöhner, Bürger oder Adliger.

Ludwig Hinckeldey war verantwortlich für zahlreiche Verhaftungen, baute den Spitzelapparat aus, ließ viele Demokraten einsperren. Flächendeckende Kontrollen auf Straßen und in Bahnhöfen verunsicherten Kriminelle und wen Hinckeldey dafür hielt. Außerdem überwachte er scharf die Pressezensur. Er nahm sein Amt so ernst, dass ihm jede Günstlingswirtschaft fremd war. Ohne Rücksicht auf Verdienste oder Stellung des anderen ging er gegen Ungesetzlichkeiten vor, selbst gegen die fast über dem Gesetz stehende Junkerpartei. Anders als Seinesgleichen zog er aus seiner Stellung keine materiellen Vorteile, weshalb er auch nie reich wurde. Sein Verhalten brachte ihm bald Ansehen in der Bevölkerung ein, aber scharfe Ablehnung im Adel.

Die damaligen Polizeipräsidenten hatten im 19. Jahrhundert weit mehr Macht als heute. So führte Hinckeldey in Berlin die Berufsfeuerwehr ein, gemeinnützige Einrichtungen, das Einwohnermeldeamt. Außerdem gestattete er Ernst Litfaß die Aufstellung seiner Werbesäulen, um dem wilden Plakatieren ein Ende zu bereiten. Die Berliner Schutzmänner mussten an ihren Zylindern, die damals Teil der Uniform waren, öffentlich ihre Dienstnummern tragen, um identifizierbar zu sein.

Da sich der Adel für etwas Besseres und über dem Gesetz stehend hielt, war der Generalpolizeidirektor immer mehr Anfeindungen ausgesetzt. Doch seine Loyalität und Unparteiischkeit faszinierte den König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV. Reaktionäre Kreise des höfischen Militärs verabredeten jedoch, Hinckeldey loszuwerden. Sie stellten ihm eine Falle. Als er einen illegalen, von Adligen betriebenen Spielclub schließen ließ, provozierte ihn der Offizier Hans von Rochow, bis Hinckeldey die Kontrolle über sich verlor. Er forderte von Rochow zum Duell heraus. Duelle waren zu der Zeit längst verboten und dass Ludwig Hinckeldey einen solchen Schritt tat, zeigt, in welcher Erregung ihn diese Konfrontation gebracht hatte. Da Hinckeldey mit trotz seiner Position kaum praktische Erfahrung mit Waffen hatte, war der Ausgang der Auseinandersetzung vorhersehbar – und genau so beabsichtigt. Es wurde vermutet, dass Ludwig Hinckeldey darauf hoffte, der König würde das Duell noch verbieten, aber das geschah nicht. Die patriarchischen Ehrenkodexe dieser Zeit verboten aber auch einen Rückzieher.

Am frühen Morgen des 10. März 1856 passierte in der Jungfernheide, was geplant war: Von Rochow erschoss Hinckeldey. Er wurde dafür später zu vier Jahren Festungshaft verurteilt, allerdings war er schon nach einem Jahr wieder in Freiheit. Der König soll nach der Nachricht von Hinckeldeys Tod geweint haben. Als nach dem Tod des Polizeichefs bekannt wurde, dass er ein sehr armes Leben geführt hatte, wurden in der Bevölkerung für seine Witwe innerhalb weniger Tage 10.000 Taler gesammelt. Dem Trauerzug schlossen sich rund 100.000 Bürger Berlins an.

Ein steinernes Kreuz, das damals für ihn an der Stelle des Duells errichtet wurde (etwa dort, wo sich heute die Brücke befindet), wurde 1956 rund 300 Meter weiter nördlich in den östlichen Teil des Jungfernheideparks verschoben. Ludwig Hinckeldeys Grab befindet sich auf dem Nikolai-Friedhof an der Prenzlauer Allee.

Foto: Heino Sauerbrey (Heino-Sauerbrey.de)




3. Februar 1945: Die Zerstörung der Innenstadt

Es war der Vormittag des 3. Februar 1945. Nur noch die Dümmsten unter den Nazis konnten an ihren Endsieg glauben. Doch was an diesem Tag geschah, sollte auch ihnen die Augen öffnen. Es gab einen Bomberangriff auf die Innenstadt der Reichshauptstadt. Allerdings nicht irgendeinen sondern den dreihundertsten. Offenbar wollten die Alliierten dieses Jubiläum feiern, denn es wurde der schwerste Luftangriffe des ganzen Krieges auf Berlin.

Um 10.27 Uhr heulten die Luftschutzsirenen, um 11 Uhr tauchten die Bomber am Himmel auf. Er färbte sich dunkel, so viele waren es und sie hatten das Regierungsviertel im Visier. Von Westen kommend flogen 939 “Fliegende Festungen” der US Air Force immer die Spree entlang, ab Moabit war dann der Punkt, von dem ab die Ladung abgeworfen wurde. Durch ganz Mitte und Kreuzberg zog sich eine Schneise der Zerstörung bis nach Friedrichshain, 2200 Tonnen Sprengstoff zerstörten das Schloss und den benachbarten Dom, Bahnhöfe, Kaufhäuser, Kirchen und tausende Wohnhäuser. Selbst U-Bahnhöfe stürzten unter der Wucht des Angriffs zusammen, im Bhf. Weberwiese starben mehrere hundert Menschen, die dort Schutz gesucht hatten.
Der Angriff dauerte nur 50 Minuten, aber er kostete etwa 25.000 Menschen das Leben. Die meisten von ihnen wurden unter den zusammenstürzenden Gebäuden begraben, von vielen blieb nichts zurück. Die Kraft der Bomben und des Feuers war stärker. Mehr als 120.000 Menschen verloren an diesem Tag ihre Wohnung, die Schneisen, die der Angriff schlug, sind zum Teil heute noch zu sehen. Um die Leipziger Straße, die Oranienstraße, den Alexanderplatz und die Wilhelmstraße hielt kaum ein Haus den Bomben stand. Die Charité wurde getroffen, das Rote Rathaus und die Staatsoper. Zerstört wurden auch die Museumsinsel, die Neue Reichskanzlei und mehrere Botschaften.

Wie viele hatten immer noch gehofft, dass es eine militärische Wende geben würde, dass die versprochene “Wunderwaffe” V2 das Kriegsgeschehen zu Gunsten der Wehrmacht umkehren würde. Vergeblich. Unter dem Beben der Einschläge wurde vielen endlich klar, dass dieser Krieg verloren war.
Wer die Katastrophe dieses Tages überlebt hatte, sah noch Tage lang brennende Häuser und völlig zerstörte Straßenzüge. Man muss heute mal mit offenen Augen vom Halleschen Tor kommend die Wilhelmstraße, Koch- und Oranienstraße entlang laufen, um das Ausmaß der Zerstörung zu begreifen. Komplette Häuserblöcke waren durch die Wucht zerstört worden, Straßenzüge über einen Kilometer hinweg zusammengestürzt. Bis zum Moritzplatz zogen sich die Flächen hin, manche sind noch heute unbebaut.

Der 3. Februar war einer der schwärzesten Tage in der Geschichte der Stadt. Zwar folgen noch zehn Wochen lang weitere Angriffe aus der Luft, am 26. sogar ein noch größerer. Wer aber den 3. Februar überlebt hatte, wollte nur noch die restlichen Wochen herum bringen.
Zehn Tage nach dem Bombardement stand Dresden auf der Liste. Dort starben in der Nacht zum 14. Februar mehrere zehntausend Menschen, weil die britischen Phosphorbomben einen Feuersturm entfacht hatten – ein Schicksal, das Berlin erspart geblieben war.

Foto: Bundesarchiv, Jerusalemer/Zimmerstraße




Moabiter zahlte 350 Milliarden Rundfunkbeitrag

Heutzutage beträgt der Rundfunkbeitrag für Radio und Fernseehen 215,76 Euro im Jahr. Das ist für viele zwar zu teuer, aber längst nicht so viel wie vor 84 Jahren. Aufgrund der Inflation musste der Moabiter Wilhelm Kollhoff am 31. Oktober 1923 rund 350 Milliarden Mark für die Genehmigung des privaten Rundfunkempfangs zahlen! Kollhoff betrieb zu dieser Zeit einen Zigarrenladen in der Turmstraße 47 und erhielt nach zweiwöchiger Wartezeit sein Radio und die Rundfunkempfänger-Lizenz Nr. 1 ausgehändigt. Damit gilt er als erster offizieller Rundfunkteilnehmer Deutschlands.
Offenbar hat ihn die Zahlung des Beitrag nicht arm gemacht: Sein Geschäft betrieb er danach noch mehr als 20 Jahre lang.




Die Schlacht am Nolli

Wenn heute ein US-Präsident Berlin besucht, gibt es dagegen in der Regel nur wenige und zumeist friedliche Proteste. Das war mal anders. Als 1982 bekannt wurde, dass Ronald Reagan im Rahmen einer NATO-Tagung West-Berlin besuchen würde, entstand schnell eine breite Protestbewegung dagegen. Aufgrund der massiven atomaren Aufrüstung der USA und ihrer Unterstützung konterrevolutionärer Gruppen in Nicaragua ging die Ablehnung durch das gesamte linke, alternative und fortschrittliche Spektrum. Gewerkschaften, Parteien, Friedensgruppen bis hin zur Hausbesetzerbewegung wollten alle am 11. Juni demonstrieren, dem Tag von Reagans Aufenthalt in der halben Stadt. Es war auch klar, dass es von einigen Gruppen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen würde, was die meisten jedoch ablehnten. Und so wurde nach vielen Gesprächen beschlossen, zwei Demonstrationen zu veranstalten: Eine sehr breite am Vortag des Besuchs und eine direkt am 11. Juni, während Reagans Anwesenheit in Berlin.
Die Demo am 10.6.1982 wurde viel größer als erwartet, ungefähr 80.000 Menschen nahmen daran teil, zeitgleich gab es eine viermal so große Demo in der damaligen Regierungshauptstadt Bonn. Dies zeigte, dass es sehr viele Menschen gab, die gegen die Kalte-Kriegs-Politik der US-Regierung auf die Straße gehen. Zwar kam es auch hier zu Konfrontationen mit der Polizei, aber das hielt sich in Grenzen und eskalierte nicht.

Anders jedoch am nächsten Tag: Schon am Morgen hatte die Polizei den Nollendorfplatz abgesperrt, da die geplante Demonstration vom Gericht verboten worden war. Stoßstange an Stoßstange standen die Mannschaftswagen, quer über die Straße waren bis auf 2 Meter Höhe mehrere Rollen Stacheldraht übereinander ausgerollt. Als vielleicht 4.000 Menschen auf dem Platz waren, wurden sie eingekesselt. Die Polizei wollte sie einzeln kontrollieren und machten dazu an zwei Stellen die Sperre auf. Dort kam es natürlich zu Konfrontationen, die sich immer mehr ausweitete. Vom Innern des Kessels flogen massiv Steine auf die Polizei, die sich aber nicht hinein traute, um die Angriffe zu beenden. Und auch von außen wurden die Beamten angegriffen. Die Demonstranten brachen schließlich durch, so dass die Polizisten in ihre Mannschaftswagen sprangen. Mehrere dieser „Wannen“ fuhren dann in die Menge hinein, und machten Jagd auf kleine Grüppchen. Die Beamten sprangen dann raus, prügelten kurz auf jeden ein, den sie erwischen konnten und fuhren sofort weiter.

Um die Polizei zu stoppen, wurde ein Einrichtungsgeschäft geplündert und aus den Möbeln Barrikaden gebaut, die angezündet wurden. Einer der Mannschaftswagen blieb im eigenen Polizei-Stacheldraht hängen und wurde von den Leuten umgeworfen. Den Polizisten gelang es noch, mit ihren Waffen zu fliehen, aber das Fahrzeug wurde angezündet und brannte völlig aus.

Rund sechs Stunden lang tobten die Kämpfe, die sich vom Nollendorf- bis zum Winterfeldplatz und die umliegenden Straßen ausbreiteten. Es war eine der längsten und brutalsten Straßenschlachten der 1980er Jahre in West-Berlin und die größte öffentliche Aktion unter dem Selbstverständnis als Autonome. Am Ende gab es Dutzende Verletzte auf beiden Seiten sowie mehr als hundert Festnahmen.

Zwar gelang es den Demonstranten nicht, die Gegend zu verlassen und eine Demonstration in Richtung Schloss Charlottenburg durchzuführen, wo Reagan eine Rede hielt. Doch der Massenprotest vom Vortag und die schweren Krawalle an diesem Freitag sorgten weltweit für ein breites Echo. Die Aussage war, dass die Außenpolitik der USA es in der Bundesrepublik von vielen abgelehnt wurde.

Innerhalb West-Berlins führten die Krawalle dazu, dass es schwere Vorwürfe der bürgerlichen Parteien gegen die Alternative Liste (heute Grüne) gab, da diese die Demo angemeldet hatten, nach dem Verbot aber nicht absagten. Die Autonomen gerieten in der linken und Hausbesetzerszene ebenfalls unter Druck, weil solche Krawalle Sympathien in der Bevölkerung kosteten.

 




Weizsäckers Kampf gegen die Hausbesetzer

Richard von Weizsäcker wurde die letzten Jahrzehnte in der deutschen Gesellschaft sehr verehrt. Doch viele Berliner, die in den Achtzigern jung waren, haben ein anderes Bild von ihm. Denn er ist mitverantwortlich für den Tod mehrerer Menschen, die während seiner Zeit als Regierender Bürgermeister durch die Polizei zum Opfer wurden. Weizsäcker hielt sich als Innensenator den CDU-Parteifreund Heinrich Lummer, der später seinen Posten räumen musste, weil ihm Geldzahlungen an die NPD nachgewiesen wurden. Überrascht hat die Unterstützung der Neonazis kaum jemand, Lummer galt schon immer als stramm rechter Recke.

Am 22. September 1981 schlug der Berliner Senat zu: 200 Hausbesetzungen hatten ihn in den Vormonaten gequält, nun sollte damit Schluss sein. Obwohl sich viele der besetzten Häuser um eine Legalisierung bemühten, ging der Senat mit äußerster Härte gegen besetzte Häuser vor, er war an einer friedlichen Lösung nicht interessiert.
Den Bluthund machte Heinrich Lummer, er setzte die harte Linie durch, sein Chef Richard von Weizsäcker nickte sie ab. Mindestens zwei Tote und über 200 Verletzte forderte das Vorgehen der Polizei. Weizsäcker schadete es nicht, er konnte vier Jahre später in seiner “Berliner Rede” den guten Menschen spielen. Im Herbst 1981 jedoch war er mitverantwortlich für eine unsägliche Hetze gegen tausende junger Menschen in unserer Stadt, die einen Teil der rund tausend leerstehenden Wohnhäuser Berlins besetzt hatten.
Die Machenschaften der Spekulanten, die die Häuser verrotten ließen, um Abrissgenehmigungen zu bekommen und dann teure Neubauten errichten zu können, hatten zu dieser Zeit einen Höhepunkt erreicht. An den Großdemonstrationen nahmen im Sommer bis zu 80.000 Menschen teil und sie kamen aus allen Schichten. Zwar waren auch zahlreiche gewaltsuchende Autonome darunter, doch in der damaligen Hausbesetzerbewegung waren sie ein kleiner Teil.

Weizsäcker und Lummer störte das nicht, sie kündigten siegessicher schon einige Tage vorher die Räumung von acht ausgewählten Häusern an. In diesen Gebäuden lebten Studenten, Schüler, Musiker, keine Krawallsuchenden oder Autonomen. Am Morgen des 22.9. versammelten sich vor und in den Häusern jeweils mehrere hundert Menschen zum Schutz, FU-Seminare wurden in Häuser verlegt, um den harmlosen Charakter und die Solidarität zu demonstrieren. Doch es half alles nicht. Die Polizei setzte massiv Tränengas, Knüppel, Wasserwerfer und Panzerwagen ein, die Häuser wurden mit Baggern gestürmt, an die Rammböcke aus Stahl geschweißt waren.
Obwohl es in den Häusern keine aktive Gegenwehr gab, rastete die Polizei aus, auch aufgestachelt dadurch, dass sich Lummer auf dem Balkon eines der Häuser in Napoleonmanier zeigte und dort eine improvisierte Pressekonferenz hielt. Sie prügelte eine Gruppe von Demonstranten, die sich auf der Bülowstraße befand, mitten in den Verkehr der Potsdamer Straße. Dabei wurde der 18-jährige Klaus-Jürgen Rattay vor einen fahrenden BVG-Bus getrieben. Er verschwand sofort unter einem der Vorderreifen und wurde noch einige Meter mitgeschleift. Klaus-Jürgen Rattay war sofort tot. In den kommenden Mintuten und Stunden wurden in die Blutlache immer wieder Blumen hineingelegt, am Bordstein entstand eine kleine Mahnwache. Doch die Stiefel der Polizei trampelte es immer nieder, es durfte kein Gedenken geben.

Der damalige Polizeipräsident Klaus Hübner behauptete später, Rattay sei “in einen Autobus gerannt”. Kein Wort davon, dass es seine Polizisten waren, die ihn dort hingeprügelt haben und die an diesem Tag teilweise zwei, drei Minuten lang mit Knüppeln auf Menschen einschlugen, die längst wehrlos am Boden lagen. Sie haben den Tod von Klaus-Jürgen Rattay verursacht. Frei nach der Parole, die ihr oberster Dienstherr wenige Minuten vorher bei der Pressekonferenz ausgegeben hatte: “Wenn schon, denn schon, in einem Aufwasch ist das am besten erledigt.”
Noch heute sind die damals Beteiligten nicht frei von Emotionen. Viele hat der damalige Tag an eine Polizeidiktatur erinnert, ehemalige Widerstandskämpfer gegen die Nazis waren schockiert, was sie dort erleben mussten. Der Tag hat die Macht des Staates gegen die Bevölkerung mit aller Gewalt demonstriert und bewiesen, dass so etwas nicht nur in ausländischen Diktaturen möglich ist.




Flucht nach Ost-Berlin

Viele Jahre gehörte das Lenné-Dreieck zwischen Ebert-, Bellevue- und Lennéstraße zum DDR-Gebiet, auch wenn es sich auf der Westseite der Mauer befand. Nachdem hier am 17. Juni 1953 das Columbus-Haus abgefackelt worden war, in dem sich ein Stützpunkt der Ost-Berliner Volkspolizei befand, wurde das Gelände nicht mehr genutzt. In den folgenden 35 Jahren war es Brachland. Im Zuge eines Gebietsaustauschs wurde beschlossen, es dem West-Berliner Senat zu überlassen, der hier einen Teil der geplanten Westtangente bauen wollte – eine Autobahn, von Schöneberg bis in den Wedding.

Im Mai 1988 jedoch besetzten linke Aktivisten das Lenné-Dreieck, das sie in Kubat-Dreieck umbenannten, in Erinnerung an Norbert Kubat. Der 29-Jährige war ein Jahr zuvor bei den 1.-Mai-Krawallen festgenommen worden und hatte sich in der Haft erhängt.

Die Besetzung sollte die Nutzung des Geländes für den Autobahnbau verhindern. In den Wochen danach entstand auf dem Dreieck ein Zelt- und Hüttendorf, in dem Dutzende Menschen wohnten, Tiere gehalten wurden und Veranstaltungen stattfanden. Auch ein Piratensender wurde von hier aus betrieben. Da es sich noch immer um DDR-Gebiet handelte, durfte die West-Berliner Polizei es nicht betreten.

Am frühen Morgen des 1. Juli 1988, als das Gelände offiziell an West-Berlin ging, rückte die Polizei mit Panzern, Wasserwerfern und einigen hundert Mann an, um das Kubat-Dreieck zu räumen. Etwa 200 der Besetzer und Sympathisanten kletterten an Leitern die Mauer hoch. Da die DDR-Regierung im Vorfeld von der Aktion informiert war, hatte sie auf dem Grenzstreifen LKWs aufgefahren, in die die Besetzer dann kletterten. Damit konnten sie sich der Verhaftung durch die West-Berliner Polizei entziehen. In Ost-Berlin kamen die umgekehrten Flüchtlinge erst zum Frühstück in eine Grenztruppen-Kaserne und konnten danach mit der U-Bahn wieder nach West-Berlin fahren.
Die Autobahn wurde trotz der Räumung nicht gebaut.




Konsum und Konsum in der Brunnenstraße

Im feinen Westen, in Schöneberg, Charlottenburg und Wilmersdorf, da lebten schon Anfang des vorigen Jahrhunderts die besser verdienenden Menschen. Mit dem schmuddeligen, armen Norden wollte man nicht so viel zu tun haben. Und auch die Leute, die hier in der Gegend um die Brunnenstraße lebten, hatten nicht viele Verbindungen dorthin, obwohl es eigentlich nur wenige Kilometer sind, die zwischen Kudamm und Brunnenstraße liegen.

Doch “der Norden”, und das war damals noch alles nördlich des ehemaligen Verlaufs der Stadtmauer, das war eben ein eigener Stadtteil, eine eigene, getrennte Welt. Hier gab es die Industrie, Mietskasernen, Massenmenschenhaltung. Doch auch hier hatte man seinen Stolz und auch hier gab es, natürlich im Verhältnis zur Gegend gesehen, “bessere” Geschäfte. Quer durch das alte Proletarierviertel verlief die Brunnenstraße; hier konzentrierte sich neben den verschiedenen Vergnügungsstätten wie Kinos, Varietés und Theater auch der Handel. Vor allem im unteren Teil der Straße, vor dem Rosenthaler Platz, entstanden viele Geschäfte, Kaufhäuser und auch bessere Restaurants. Diese Entwicklung trug der Brunnenstraße Anfang des 20. Jahrhunderts den Titel “Kudamm des Nordens” ein. Natürlich war er angemessener, also bescheidener, als das Original im feinen Westen, aber für die hier lebenden Menschen war ein Spaziergang durch die Brunnenstraße durchaus ein Erlebnis.
Hier konzentrierten sich vor allem Fachgeschäfte für Bekleidung sowie für Wohnungseinrichtung. Mehrere feine Restaurants luden die Menschen ein.

An der Ecke zur Invalidenstraße bzw. Veteranenstraße befanden sich gleich drei Kaufhäuser. Dort, wo heute die Polizeiwache steht, war das Kaufhaus “Held” ansässig, und an der Ecke des heutigen Weinbergparks stand das Schuhhaus Leiser. Nur ein Haus hat den Krieg überlebt und ist noch heute gut als ehemaliges Warenhaus zu erkennen. Hier an der Ecke Veteranenstraße wurde von Adolf Jandorf kurz nach der Jahrhundertwende eines von sechs Häusern erbaut. Jandorf gehörte neben Oscar und Hermann Tietz sowie Georg Wertheim zu den ersten, die die Zeichen der Zeit erkannt hatten und nicht mehr nur Spezialhäuser errichteten, sondern wahre Handelspaläste, die sich teilweise über sechs Stockwerke erstreckten und in denen es “Alles” zu kaufen gab. Damals waren es wirklich noch Paläste. Die größten von ihnen, am Leipziger Platz oder am Dönhoffplatz, hatten riesige Verkaufssäle, große Eingangshallen, Balkone, Erker, Brücken innerhalb des Gebäudes, die Innenhöfe überspannten, in denen Brunnen sprudelten. Das Haus in der Brunnenstraße gehörte jedoch zur mittleren Kategorie, repräsentativ, aber nicht protzig.

Während Jandorf seine Kaufhauskette aufbaute, war auch der Konzern der Familie Tietz im Entstehen. Nach dem Tod seines Onkels Hermann wurde Oscar Tietz 1923 der alleinige Eigentümer und begann zu expandieren. Unter anderem kaufte er 1926 auch Jandorfs Haus in der Brunnenstraße 19-21. Doch durch die Massenarbeitslosigkeit und die Rezession fielen die Umsätze des Konzerns seit 1930 um fast 50 Prozent. Dazu kamen zusätzliche Repressionen ab 1933, da Oscar Tietz Jude war. Beispielsweise organisierten die Nazis einen Warenhaus-Boykott mit gleichzeitigem Schließungs- und Entlassungsverbot, womit sie die in jüdischem Familienbesitz befindlichen Warenhäuser in den Ruin treiben wollten. Tietz wurde abhängig vom Wohlwollen der Banken, die der Firma jedoch bereits im Juni 1933 die Pistole auf die Brust setzten: Sanierung des Konzerns oder Liquidierung. Oder anders ausgedrückt: Verkauf an die Banken oder Auflösung der Firma. Was später ganz offen praktiziert wurde, war zu dieser Zeit sozusagen noch eine “kalte Arisierung” jüdischen Eigentums. Aus dem Haus von Hermann Tietz wurde “Hertie” (HERmann TIEtz), die Familie verließ Deutschland und kehrte nie wieder zurück. Nach dem Krieg war von dem Konzern nicht mehr viel übrig. Nur drei von zehn Berliner Hertie-Häusern waren 1945 noch zu gebrauchen, teilweise lagen diese in der sowjetischen Besatzungszone, wie das in der Brunnenstraße, und waren damit für die Firma ebenfalls verloren.
Hertie zog statt dessen in ein neues Warenhaus ein, das zuvor von der Firma HELD gebaut und genutzt wurde, im Weddinger Teil der Brunnenstraße, direkt an der Ecke Stralsunder Straße. Aufgrund seiner konkurrenzlosen Lage war dieses Haus eine Goldgrube, bis 1961 die Mauer gebaut wurde. Man versuchte noch weiterzumachen, doch von drei Seiten durch die Mauer eingeschlossen, waren keine Gewinne mehr zu erwarten. Als dann auch noch das benachbarte AEG-Werk geschlossen wurde, gab Hertie auf. Am 14. März 1983 wurde das Haus Brunnenstraße 127-129 geschlossen. Jahrelang diente es als Jugendzentrum der Gewerkschaft, bis es Mitte 2015 abgerissen wurde.

Währenddessen zog in das Haus an der Ecke Veteranenstraße neues Leben ein: Es wurde vom Mode-Institut der DDR genutzt, hier gab es neben Produktion auch Vorführungen und eine Ausstellung von DDR-Mode. Allerdings war der gute Ruf der Brunnenstraße zu diesem Zeitpunkt längst verblasst. Die großen Häuser waren zerstört, außer dem ehemaligen Hertie-Haus gab es nur noch das Eckhaus am Rosenthaler Platz, in dem einst das Möbel- und Bekleidungshaus Berthold Feder residierte. Hier wurden die oberen Stockwerke abgetragen und das HO-Möbelhaus einquartiert.

Aber es gibt ja noch das andere Ende der Brunnenstraße, oben am Gesundbrunnen. Anders als am Rosenthaler Platz war dies ja keine feine Gegend, aber trotzdem gab es auch hier interessante Geschäftsniederlassungen. Eine der wichtigsten ist eine Geschichte für sich:
Wenn man heute das Wort Konsum hört, dann liegt die Betonung auf der zweiten Silbe und man meint damit Verbrauch, auch Luxus; Konsumrausch, Konsumtempel und ähnliches verbindet man damit. Bis zum Ende der DDR gab es jedoch auch die gleich geschriebenen Läden, deren Betonung aber auf der ersten Silbe lag, ausgesprochen hörte es sich wie “Konnsum” an. Diese Konsum-Läden waren meist kleine, schmucklose Geschäfte, aber sie waren keine Erfindung der DDR. Die Wurzeln lagen mehr als hundert Jahre zurück, also fangen wir auch dort an.

Die Gründung der ersten Konsum-Genossenschaften in Berlin geht auf das Jahr 1863 zurück. 1902 schlossen sich die Konsum-Vereine Berlin-Nord und Süd, Weißensee und Schöneberg zur “Konsumgenossenschaft Berlin und Umgebung” (KGB) zusammen, weitere kamen in der Folgezeit dazu. Hauptaufgabe war die Versorgung ihrer Mitglieder mit billigen Nahrungsmitteln bester Qualität. Die erste Blütezeit erlebte die Genossenschaft nach Ende des Ersten Weltkriegs, doch hielt ihr Wachstum auch durch die 20er-Jahre an, Anfang der Dreißiger hatte sie in Berlin fast 200.000 Mitglieder!
Die Genossenschaft betrieb eigene landwirtschaftliche Betriebe, zwei Großbäckereien, eine Kaffeerösterei, eine Wurst- und eine Mineralwasserfabrik sowie zahlreiche kleinere Betriebe. Und sie hatte nicht nur kleine Verkaufsstellen: Im nördlichen Teil der Brunnenstraße stand eines von fünf Warenhäusern, die die KGB betrieb. Allein im Wedding existierten 22 Konsum-Lebensmittelgeschäfte, insgesamt waren es in Berlin mehr als 280.

Doch die Genossenschaften waren nicht entideologisiert, ganz im Gegenteil. Schon früh galten sie neben den Parteien und Gewerkschaften als “dritte Säule” der Arbeiterbewegung. Sie waren der Versuch, ein Stück sozialistischer Zukunft schon in der Gegenwart zu realisieren. Und so reichte die Spaltung der linken Arbeiterbewegung natürlich auch weit in die Genossenschaftsbewegung und trieb ebenfalls zur Spaltung. Im Streit, wer nun die rotesten Tomaten und Äpfel anbot, spaltete sich auch die Konsum-Bewegung schon Anfang der Zwanziger in einen kommunistischen und einen sozialdemokratischen Teil. Der Laden in der Ramlerstraße 11 war beispielsweise fest in kommunistischer Hand.
Ein sozialdemokratischer Verkaufsstellenleiter erinnert sich: “Ich habe einen sehr geringen Umsatz gehabt, damals. Der Kampf der KPD und der NSDAP, der Nazis, die waren schön gemeinsam gegen die Konsumgenossenschaft, die haben stark dagegen gearbeitet.”
Während die Kommunisten der sozialdemokratischen Führung “faschistisierten Bürokratismus” vorwarfen, sprachen diese von “kommunistischen Krebszellen”. Doch ab 1933 hatten beide Seiten dann ganz andere Probleme.
Die Nazis besetzten 1933 auch gleich alle Leitungsgremien der Konsumgenossenschaft, sie brauchten aber noch gut zwei Jahre, um die Konsum-Produktionsbetriebe ihrem “Gemeinschaftswerk der Deutschen Arbeitsfront” anzugliedern und die Läden zu privatisieren.

Gleich nach dem Ende des Faschismus wurde am Neuaufbau der Konsum-Struktur gearbeitet, nun wieder gemeinsam mit SPD- und KPD-Mitgliedern. Bereits im Januar 1946 konnten die ersten Verkaufsstellen der neuen Genossenschaft im sowjetischen Sektor eröffnen.
Am 27. Mai 1946 fand die erste Versammlung zur Gründung der “Konsumgenossenschaft Wedding” in der Grüntaler Straße am Gesundbrunnen statt. Im Gründungsprotokoll hieß es unter anderem: “Warum muß heute wieder neu aufgebaut werden? Weil durch Uneinigkeit der Arbeiterschaft die alten Genossenschaften zerschlagen werden konnten. Als Genossenschaftler sind wir [heute] nicht parteipolitisch und religiös gebunden, aber wir bekennen uns zu der Politik, die für die Arbeiterschaft die einzig richtige ist, zum Sozialismus. Wer mitarbeiten will, muß sich zur Politik, die den Sozialismus erreichen will, bekennen.”

Aber nicht einmal ein Jahr später verabschiedete sich die Abteilung 17 der SPD (Gesundbrunnen) bereits aus der Genossenschaft, da diese ein Organ der Kommunisten sei. Trotzdem arbeiteten weiterhin Sozialdemokraten mit. Und es gab auch durchaus Probleme mit dem sowjetischen Teil der Stadt, aus dem die Waren teilweise abgeholt werden mussten: “Da wir dem VBK angeschlossen waren, kriegten wir auch Waren aus dem Zentrallager [in Lichtenberg], freilich mußten wir sie abholen. Einmal mußte ich Brot holen; ein entfernter Onkel von mir war dort als Backmeister tätig, der sorgte dafür, daß wir was abkriegten. Ich habe so 100 bis 120 Brote abgeholt und zur Bernauer Straße gebracht, da läßt mich der Vopo nicht raus. Da bin ich zum Prenzlauer Berg zum russischen Kommandanten. Wir haben uns gut verstanden, aber eine Bescheinigung, sagte er mir, kann ich dir nicht geben. Sag dem Posten, du hast mit mir gesprochen, ich bin einverstanden. Ich sage: Wenn der mir mal glaubt. Dann hat er mir noch seine Nummer gegeben, ich soll anrufen, wenn es absolut schiefgeht. Der Vopo hat noch ein bißchen Schwierigkeiten gemacht und dann gesagt: Fahr bloß weiter…”
Die Spaltung ging weiter, im Osten wurde der “Verband Berliner Konsumgenossenschaften” (VBK) der Zusammenschluss aller Genossenschaften, in Westberlin wurde 1950 der rein sozialdemokratische “Berliner Genossenschaftsverband” gegründet. Neben diesen beiden gab es dann die Weddinger Genossenschaft; zwar kommunistisch, aber dummerweise im Westen, war sie in beide Richtungen isoliert. Da er sich weigerte, dem Westberliner Verband beizutreten, wurde der Weddinger Konsum im August 1952 zwangsweise liquidiert.

Ebenfalls eine Genossenschaft, aber ganz anderer Art, entstand bereits 1860 am Gesundbrunnen: Der “Bankverein Gesundbrunnen” war die erste Bankgründung Weddinger Bürger, eine Einrichtung zur Hilfe durch Selbsthilfe zur Versorgung der mittelständischen Wirtschaft mit Krediten. Bis dahin gab es vor allem so genannte Darlehenskassen, die man im Nachhinein betrachtet eher als Sozialamt für Kleinunternehmer bezeichnen könnte: Der Staat und wohlhabende Bürger zahlten dort – ohne Gegenleistung – Geld ein, und Kaufleute oder Handwerker, die Geld brauchten, bekamen es dort. Und zwar nicht nur als zinsloses Darlehen, sondern in der Regel auch ohne die Pflicht, es zurückzuzahlen. Wen wundert’s, dass dieser Art von Kassen keine Zukunft beschieden war. Im Jahre 1847 kam nun ein Herr Schulze aus dem sächsischen Delitzsch (daher wurde er später auch Schulze-Delitzsch genannt). In seiner Heimatstadt hatte er bereits ein Hilfskomitee gegründet, das als Vorläufer der späteren genossenschaftlichen Selbsthilfe zu sehen ist. Er brachte diesen Gedanken der gegenseitigen Unterstützung nach Berlin und setzte ihn durch, vor allem im handwerklichen Bereich. An Schulze-Delitzschs Ideen orientierte sich auch der neu gegründete Bankverein Gesundbrunnen.
Die Rechtsform der Genossenschaft existierte damals jedoch noch gar nicht, sie wurde erst 1895 eingeführt, deshalb wurde die Bank nach dem Vereinsrecht gebildet. Wegen der geringen finanziellen Kraft der Bevölkerung waren die Vereinsvorstände zunächst daran interessiert, möglichst vielen Menschen den Beitritt zu erleichtern. Daher setzte man die zu entrichtende “Beisteuer” auf 15 Silbergroschen fest, die in sechs Monatsraten zu zwei Silbergroschen und fünf Pfennigen eingezahlt werden konnte. Alle darüber hinaus gezahlten Beträge blieben Eigentum des Mitglieds und wurden mit vier Prozent verzinst, sobald sie die Höhe von zehn Talern erreicht hatten. Die Beiträge wurden überwiegend von Vertrauensleuten kassiert. Diese wurden aus den einzelnen Bezirken gewählt und hatten die Aufgabe, das Geld aus der Wohnung der Mitglieder abzuholen. Noch heute existiert diese Funktion in der Berliner Volksbank, die sich aus dem Bankverein entwickelt hat. Nur werden diese Beiträge heute aus praktischen Gründen nicht mehr bar vom Mitglied abgeholt…

Schon damals wurden die potentiellen Mitglieder genau unter die Lupe genommen, ihre Kreditwürdigkeit und -fähigkeit wurde genau geprüft. Sie durften noch nie “einen Bürger zu Schaden gebracht” haben, noch nie einen Kredit irgendwo unpünktlich zurückgezahlt haben und musste mindestens drei Monate Mitglied im Bankverein sein.
Der Bankverein Gesundbrunnen kaufte bald ein Grundstück nahe dem Bahnhof an der Badstraße und baute dort ein eigenes Gebäude mit einer Stahlkammer. Ansonsten hatte der Verein wenig laufende Kosten: Löhne und Gehälter wurden nicht gezahlt, da der Vorstand ehrenamtlich tätig war und keine Hilfskräfte einstellte. Den Rest erledigten die Mitglieder. Allerdings gab es einen prominenten Feind, und der saß ziemlich weit oben: Reichskanzler Otto von Bismarck war den neuen Associationen gegenüber feindlich eingestellt: “Die Kreditgenossenschaften sind die Kriegskassen der Demokratie, die unter Regierungskontrolle gestellt werden müssen!”

1890 hatten die Geschäfte einen Rahmen erreicht, dass man sich Gedanken machte, einige Änderungen einzuführen. Erstmals wurde ein eigener Raum eingerichtet, in dem eine offene Geschäftsstunde, täglich von 18 bis 19 Uhr, abgehalten wurde. Bald musste eine zweite Öffnungszeit, vormittags von 8 bis 10 Uhr, angeboten werden. 1893 wurde der Scheckverkehr eingeführt, vorerst allerdings nur innerhalb der Mitgliederschaft.
Bis zum Jahre 1905 war der Bankverein Gesundbrunnen das einzige Kreditinstitut im Stadtteil. Doch mit der Ansiedlung von Industrie und Handel begannen auch andere Banken, sich am Gesundbrunnen niederzulassen. Die Dresdner und die Commerzbank eröffneten 1905 ihre ersten Filialen, die Deutsche Bank folgte bald darauf. Allerdings erreichte keines dieser Institute eine solch enge Bindung an den Stadtteil wie der Bankverein. 1938 wurde der Bankverein in “Volksbank Gesundbrunnen” umbenannt. Nach dem Krieg war dann erstmal Schluss. Nur die Sparkassen durften Ende 1945 wieder öffnen. Nach langen Verhandlungen gelang es aber der Volksbank dann doch, im Januar 1946 als einzige private Bankgesellschaft sechs Filialen genehmigt zu bekommen. Da diese Genehmigung aber nicht nur für den Gesundbrunnen galt, schloss man sich mit anderen Genossenschaften zusammen, woraus dann die Volksbank Berlin entstand, die es auch heute noch gibt.




Mieterkrawalle in Berlin

Schon seit in Berlin Wohnungen vermietet werden, gibt es Proteste gegen zu hohe Mieten, schlechte Instandhaltung, gegen Ungeziefer, Schimmel, feuchte Wände und vielem mehr. Auch wenn die meisten Wohnungen heutzutage nicht mehr in solch erbärmlichem Zustand sind, gibt es noch immer Wohnungseigentümer, die zwar das Meistmögliche aus den Mietern heraus pressen wollen, aber so gut wie nichts in die Erhaltung oder Verbesserung der Häuser investieren.
Natürlich waren die Wohnungen im 19. Jahrhundert um vieles schlechter als heute. Aber so wie schon damals werden Mieter von vielen Eigentümern als Melkkühe angesehen oder die Häuser dienen als Spekulationsobjekte. Einer der ersten größeren Proteste dagegen gab es im Jahr 1872. Heute versteckt sich die Blumenstraße hinter den Zuckerbäckerbauten der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain. Früher aber war dies mal ein Vergnügungsviertel und eine arme Arbeitergegend. Es herrschte schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Wohnungsnot, die Industrialisierung zog zigtausende Menschen in das aufstrebende Berlin, doch der Wohnungsbau blieb hinter dem Bedarf zurück, Mieter hatten keinerlei Rechte. Im Normalfall drängte sich eine Familie in einer Einraum-Wohnung, das waren oft sieben, acht Menschen. Eigene Toiletten gab es nicht.
Wer keine Wohnung fand, zimmerte sich in den Baulücken oder auf Höfen aus ein paar Brettern wenigstens einen Unterstand gegen den Regen. Vor dem Kottbusser Tor oder dem heutigen Strausberger Platz entstanden auf diese Weise großflächige Brettersiedlungen, Slums, wie man sie heute aus Indien oder Südamerika kennt.
Aber auch den Mietern ging es nicht besser. Praktisch jedes Jahr wurden die Mieten erhöht und wer sie nicht zahlen konnte, flog sofort raus. Oft behielten die Hauseigentümer als Ersatz für die ausstehende Miete noch den Hausrat. So passierte es täglich, dass ganze Familien von einem Tag auf den anderen ohne jegliche Habe obdachlos wurden.

So ähnlich geschah es auch am 25. Juli 1872 dem Tischler Ferdinand Hartstock aus der Blumenstraße 52. Ohne Vorwarnung kündigte ihm der Vermieter, weil der einen neuen Mieter hatte, der mehr zahlen konnte. Noch am selben Tag standen die Möbel der Familie Harstock auf dem Gehweg vor dem Haus. Dem Eigentümer war nicht klar, was er damit auslöste.
Jeder der Mieter in der Gegend wusste, was das zu bedeuten hatte. Diesmal war das Fass voll: Immer mehr Menschen versammelten sich vor dem Haus der raus geschmissenen Familie. Und auch Arbeiter aus den zahlreichen Friedrichshainer Fabriken kamen dazu, bis die Menge auf 2.000 Menschen angestiegen war. Sie riefen Parolen gegen den Mietwucher und protestierten gegen die Kündigung der verzweifelten Familie. Die Polizei rückte an und ließ durch die Feuerwehr die Möbel abtransportieren. Doch damit konnte sie die Lage nicht mehr beruhigen.
Immer mehr Bewohner aus der Gegend kamen dazu. Sie warfen die Scheiben der Wohnung des Vermieters ein, der im Nebenhaus wohnte, sie demonstrierten in den umliegenden Straßen und gegen Abend befanden sich um die 5.000 Menschen in der Blumenstraße. Als die Polizei mit Verstärkung eintraf, flogen aus den Kneipen Steine, die wenigen Dutzend Polizisten hatten kaum eine Chance. All der Frust der Armen wandelte sich nun in Gewalt. Mit Säbeln schlug die Polizei von Pferden aus auf die Aufrührer ein. Erst in der Nacht verebbten die Auseinandersetzungen. Doch damit war es nicht vorbei.

Am folgenden Tag wurde vom Magistrat der Stadt die Feuerwehr nach Friedrichshain beordert. Sie begann damit, die Barackensiedlungen abzureißen. Geplant war das schon länger, weil einige Tage später der Zar von Russland sowie der Kaiser von Wien nach Berlin kamen und sie sollten keine Slums zu Gesicht bekommen. Innerhalb weniger Stunden wurde die gesamte Barackenstadt südlich des heutigen Strausberger Platz zerstört, inklusive der wenigen Besitztümer der Bewohner. Das ließ die Wut der Bürger natürlich explodieren. Tausende verließen ihre Wohnungen oder die nahen Fabriken und sammelten sich rund um die Blumenstraße. Aus Rinnsteinen wurden Barrikaden errichtet, als mehrere hundert Polizisten eintrafen, empfing sie ein Regen von Steinen. Die Kämpfe gingen über Stunden und forderten zahlreiche Verletzte. Allerdings gab es nur 20 Festnahmen.
In der Nacht zum nächsten Tag ließ der Polizeipräsident Warnungen plakatieren, in denen er mit Waffengewalt drohte. Kaiser Wilhelm I. hatte zudem die Bereitstellung mehrerer Regimenter der preußischen Armee angeordnet, die notfalls mit scharfer Munition gegen die Protestierer vorgehen sollten.
Aufgrund der starken Repression verebbten die Blumenstraßenkrawalle, dafür gab es an diesem Tag in der Skalitzer Straße in Kreuzberg neuen Aufruhr. Auch dort war gerade eine Wohnung zwangsgeräumt worden.

Mitten in der Nacht überfiel dann die Polizei die verbliebenen Barackensiedlungen und trieb die Bewohner hinaus. Die Fabriken hatten geschlossen, so dass von dort keine Hilfe kommen konnte. Innerhalb von Stunden zerstörte die Feuerwehr die letzten Behausungen, mehrere hundert Familien wurden obdachlos.

Bericht vom Hausbesitzer Wiesecke über eine versuchte Räumung:

“Man rottete sich auf dem Hof in großen Haufen zusammen, insultirte meine Hausofficianten und wurde immer unverschämter und herausfordernder. Unter diesen Umständen mußte der Executor den Beistand der Wache fordern, und da diese nur aus vier Mann bestand, so verstärkte sie sich von der Hauptwache und aus der Artillerie-Caserne, so daß im kurzem 30 Mann und ein reitender Gendarm auf dem Hof erschien. Statt diesen Demonstrationen zu weichen, ging nun der Lärm erst recht los, man brüllte, pfiff und schrie, verhöhnte die Wache und insultirte mich, der ich stets zu vermitteln und zu begütigen suchte, nebst meiner Umgebung, bewarf uns mit Sand und drohte zu Steinwürfen zu schreiten.
Um den Sturm nicht sich weiter – vielleicht bis in die Stadt verbreiten zu lassen, indem schon mehrere gar nicht in diesen Häusern ansässige Menschen sich den Tumultanten beigesellt hatten, beschloß ich auf Anraten des Herrn Polizei-Commissarius von meinem früheren Vorhaben einstweilen ganz abzusehen. Ich ließ den bereits exmittierten Einwohnern die Schlüssel wieder zurückgeben.”

Die Krawalle in der Blumenstraße waren die ersten breiten Mieterproteste in Berlin, aber nicht die einzigen. Einige Jahre später begann eine Organisierung von Mietern und langsam erreichten sie die Einführung wenigstens minimaler Rechte.
Während des 1. Weltkriegs zogen zigtausende Menschen vom Land nach Berlin. Gleichzeitig kam der Wohnungsneubau fast völlig zum Erliegen, so dass eine erneute Wohnungsnot entstand, die sich noch durch die gesamte Weimarer Republik hinzog. Nach 1918 politisierten sich die Mieterorganisationen und standen oft in einer Reihe mit den vor allem linken Parteien. Zur Verhinderung von Zwangräumungen wurden von kommunistisch orientierten Gruppen sogar “Mieter-Verteidigungstrupps” gegründet. Gleichzeitig begannen erste Mieterstreiks, bei denen ganze Wohnhäuser die Zahlung der Miete verweigerten. Im April 1921 waren in Berlin mehrere zehntausend Mieter im Streik, manche Quellen sprechen von über Hunderttausend.

Den nächsten Höhepunkt gab es Anfang der 1930er Jahre. Die übervollen Mietskasernen trieben die Menschen wieder auf die Straßen, bei den Moabiter Krawallen kam es 1932 zu tagelangen Straßenschlachten. Symbol für die Verelendung war Meyers Hof in der Weddinger Ackerstraße, eine Mietskaserne mit sechs Hinterhöfen und jeweils nur einer Toilette und einer Küche pro 35 Meter breiter Etage. In diesem Komplex lebten zeitweise bis zu 2.000 Menschen. Als der Eigentümer das Haus völlig verfallen ließ, traten sämtliche Mieter in den Streik, mit Ausnahme der drei dort lebenden Nazis.

Die “Welt am Abend” schrieb am 6. Januar 1933 über einen Besuch in Meyers Hof:
“Die rissigen Fassaden der Hinterhäuser sind mit roten Schriften überzogen, an einer kahlen Mauer schreit der Satz: Wir wollen als Menschen leben!
Wir gehen in eine Wohnung. Ihr Inhaber, ein alter Mann, nimmt ein Glas und füllt es aus der Leitung: Es ist eine schwarzgraue, fast undurchsichtige, mit kleinen Sandkörnchen durchsetzte Flüssigkeit. In einer anderen Wohnung ist das Leitungswasser nicht schwarz, sondern gelb und milchig.
Wir gehen in die Wohnung von Frau Grou, die in einer winzigen Kammer unter der Erde haust: Das ist kein Wohnkeller mehr, denn das Fenster ist durch einen Pferdestall verdeckt, von den Wänden rinnen unaufhaltsam Wassertropfen, die die Farbe lösen und am Fußboden eine schmutzige Lache bilden. Unter dem Fensterbrett wächst dicker Schwamm, der nicht auszurotten ist.
Dann steigen wir die Treppe zum dritten Stockwerk. Über dem knapp 10 Quadratmeter großen Wohnloch befindet sich ein Klosett – die Decke hält nicht dicht, die Jauche näßt durch und tropft auf den Tisch der beiden Leute, die hier leben müssen.”

Überall in Berlin flackerten nun Mieterproteste auf und oft wurden schon die Versammlungen von der Polizei zerschlagen. So sind am 18. August 1932 fast alle Mieter der Lychener Straße 18 im Prenzlauer Berg verhaftet worden, als sie eine Mieterversammlung abhielten. Am nächsten Tag dasselbe mit 63 Verhaftungen in der Liebenwalder Straße 41 im Wedding. Doch das konnte nicht verhindern, dass am folgenden Tag 120 Familien im umgebauten Gefängnis am Molkenmarkt, der Wanzenburg, mit dem Streik begannen. Die Mieter der Köpenicker Str. 34/35 begannen am 1. September zu streiken und verwandelten das ganze Haus in eine einzige Kampfburg. Zum 1. November 1932 traten ganze Straßenzüge in den Mietstreik, z.B. die Kösliner Straße (Wedding) und die Fischerstraße (Mitte). Ende November griff die Bewegung auch auf die großen Neubausiedlungen der Wohnungsbau-Gesellschaften über. Hier vor allem mit der Forderung für weniger Miete. Bei einer Massenversammlung der “Gagfah”-Gesellschaft, an der 7.000 Mieter teilnahmen und einer Versammlung von 2.800 “Roland”-Mietern wurden massiv Forderungen nach niedrigerer Miete laut.
Wie sehr sich der Mieterstreik ausgeweitet hatte, ist nicht bekannt. Doch Ende Oktober 1932 waren allein in der Gegend um die Invalidenstraße 312 Häuser mit 14.615 Mietern im Streik. Anfang 1933 hatte die Streikbewegung ihren Höhepunkt, doch mit der Machtübergabe an die Nazis traten plötzlich ganz andere Verhältnisse in Kraft. Seitdem gab es auch keine Informationen zu Mietstreiks mehr. Vor dem Hintergrund des verzweifelten Versuchs, doch noch einen Generalstreik als letztes Mittel gegen den sich auf allen Ebenen und mit allen Mitteln durchzusetzenden Faschismus zu organisieren, ist das zu verstehen. Man kann aber davon ausgehen, dass der Terror der Nazis überall die Weiterführung des Streiks verhindert hat.

Nach dem Krieg herrschte in der ganzen Stadt Wohnungsnot. Da diese nicht von den Eigentümern künstlich erzeugt worden war, gab es wenig Proteste. Erst Ende der 1970er Jahre gab es wieder größere Mietrechts-Aktionen. Vor allem der mutwillige Leerstand mehrerer hundert Wohnhäusern in West-Berlin brachte die Bürger dazu, dagegen zu protestieren. 1980/81 wurden über 200 dieser Häuser besetzt.
Zwar gab es in Berlin noch nie so viel Mieterrechte wie heute, trotzdem werden noch immer Bewohner von Hauseigentümern schikaniert und erpresst. Das Zumauern von Fenstern belegter Wohnungen in der Moabiter Calvinstraße war ein besonders schwerer Fall, aber bis heute gibt es auch die alte Strategie, vermietete Häuser verfallen zu lassen, um sie dann als unbewohnbar einstufen zu lassen und abreißen zu können. Mieterrechte sind weiterhin keine Selbstverständlichkeit. Bis heute werden Mieter zwangsgeräumt und auf die Straße gesetzt, wenn sie ihre Wohnung nicht mehr bezahlen können. Da hat sich in den vergangenen 150 Jahren nichts geändert. Und solange es auf der einen Seite Hausbesitzer und auf der anderen Seite Mieter gibt, werden sich die Bewohner gegen die Machenschaften der Eigentümer zur Wehr setzen müssen. Ob gerichtlich, mit Mietstreiks oder gar mit Gewalt, hängt auch immer auch vom Verhalten des Besitzers ab.




Lasterhaftes Hallesches Tor

Heute ist das Hallesche Tor in Kreuzberg mit seiner Brücke über den Landwehrkanal vom Straßenverkehr bestimmt. Autos auf beiden Seiten des Kanals, auf der Brücke die BVG-Busse, herum wuselnde Passanten überall, auf dem Wasser die Ausflugsdampfer, oben und unten die U-Bahn. Eine ganz andere Art von Verkehr gab es hier um die vorletzte Jahrhundertwende.

Damals befand sich direkt am Blücherplatz in einem typischen Berliner Wohnhaus die Eckkneipe “Zur Katzenmutter”. Zwei Räume nur, aber stets gut gefüllt mit Soldaten und Zivilisten, fast alle männlich. Die Enge zwang die Gäste, etwas näher zusammen zu rücken. Es war beabsichtigt, sich näher zu kommen, denn hier trafen sich Soldaten aus der Dragonerkaserne (heute Finanzamt am Mehringdamm) sowie von den militärischen Anlagen auf dem Tempelhofer Feld mit speziellen Berlinern Herren. Vor allem für die vom Lande stammenden Handwerker und Bauern, die ihren Militärdienst in der Reichshauptstadt verrichteten, waren dieses Lokal und ähnliche in der Gegend die Gelegenheit, mal etwas anderes auszuprobieren. Die meisten von ihnen kamen aus ärmlichen Verhältnissen und erhofften sich finanziellen und vielleicht auch geistigen Gewinn, wenn sie mit großstädtischen Homosexuellen anbändelten.
Tatsächlich ging es dabei nicht nur um Sex, sondern auch um kulturelle Aktivitäten, Diskussionen, Museumbesuche. Man ging zusammen essen und ins Varieté, wobei nicht wenige der Soldaten in ihren Heimatorten verheiratet waren. Trotzdem führte der Weg von der Katzenmutter über den Besuch im Salon meist auch ins Bett. Der Soldat freute sich über die Befriedigung, gutes Essen und Zigarren, der Berliner Herr über sexuelle Zuneigung.

Das alles blieb natürlich auch dem preußischen Militär nicht verborgen, bald verbot es seinen Soldaten den Besuch in diesen Lokalen. Die Katzenmutter wurde 1903 sogar polizeilich geschlossen, doch schon ein Jahr später ging das Treiben dort munter weiter, bis das Lokal 1910 endgültig schließen musste.

Mehr als dreißig Jahre lang diente die Gegend um das Hallesche Tor der Anbahnung homosexueller Kontakte. Sobald es dämmerte, spazierten die Interessierten am Kanal entlang, man schaute sich unauffällig an, blieb am Geländer nebeneinander stehen, kam ins Gespräch. Und wenn es passte, nahm der Zivilist den Uniformierten mit zu sich nach Hause. Während der Weimarer Republik wurde den Soldaten deshalb sogar der abendliche Aufenthalt am gesamten Waterloo-Ufer vom Militär untersagt. Aber solche Verbote sind natürlich sinnlos, die Treffpunkte verlagerten sich einfach westwärts zum Tempelhofer und Schöneberger Ufer. All das war mit der Machtübernahme der Nazis vorbei. Die öffentlichen Toiletten am Blücherplatz, an der Möckern- und der Flottwellstraße standen unter besonderer Beobachtung und bald war es für die Männer zu gefährlich, sich hier noch zu treffen.

In den 1960er bis 80er Jahren war dann das neu errichtete Toilettenhäuschen am Waterloo-Ufer nochmal Treffpunkt schwuler Männer. Da ging es aber nur noch um Sex, ein gemeinsamer Museumsbesuch nahm dort vermutlich eher selten seinen Ausgang.