Wer kiffen will, darf keine Angst haben

Derzeit läuft in Berlin die Grüne Woche. Normalerweise ist das für Taxifahrer nicht so lukrativ wie die Funkausstellung oder die Modemessen. Aber man nimmt, was man kriegt. Und das sind gerade bei der Bauernmesse manchmal merkwürdige Gestalten. Wie vor ein paar Jahren die grünen Jungs oder letztes Jahr die vier Bauern, die großmäulig ins größte Bordell der Stadt wollten. Je näher wir kamen, umso ruhiger wurden sie und als wir dort ankamen, hatten drei von ihnen plötzlich keine Lust mehr. Tja, wenn man sonst nur Sex mit dem eigenen Vieh hat…

Diesmal waren es aber zwei Frauen, nachts um 1 Uhr am Tiergarten. Sie rannten aus einem Hotel auf mich zu und winkten mit den Armen, als gäbe es nur ein einziges Taxi in Berlin. “Wie gut, dass wir sie erwischt haben!”, freuten sie sich. “Kennen Sie Kreuzberg?”
“Ich habe schon mal davon gehört, ja. Es soll hier irgendwo in Berlin sein”, grinste ich zurück.
Die beiden waren sehr aufgedreht, schauten nun aber etwas skeptisch: “Verarschen Sie uns gerade?”
Ich ging nicht drauf ein und wollte wissen, wohin es in Kreuzberg gehen sollte. Aber das wollten sie mir nicht so richtig sagen. Es soll da irgendwo so einen Park geben, wo man aber nicht hingehen sollte, schon gar nicht nachts und erst recht nicht als Frau.
“Dann wissen wir ja schon mal, wo wir nicht hinfahren”. Ich machte mir einen Spaß daraus, dass sie sich nicht trauten, mir das wirkliche Ziel zu sagen. Offensichtlich wollten sie zum Görlitzer Park, um dort Haschisch zu kaufen. Aber sie rückten nicht mit der Sprache raus.
“Doch, doch, fahren Sie mal da hin! Aber vorher müssen wir noch an einen Geldautomaten.”

Also fuhren wir erstmal zum Kottbusser Tor, damit die Damen das künftige Drogengeld abheben konnte. Auf dem Weg erzählten sie, dass sie ja für eine Pharmafirma arbeiten würden und die Grüne Woche zum Kotzen wäre. Und erst recht ihre Kollegen, die auch hier in Berlin wären.

Nachdem sie erfolgreich ihr Geld gezogen haben, drucksten sie wieder herum. Es gäbe da so eine dunkle Straße, direkt am Park, ich wüsste doch schon, was sie meinen. Da stehen “so Schwarze” herum.
“Falls sie Cannabis kaufen wollen, wird das wohl der Görlitzer Park sein”.
“Wenn Sie meinen…”
“Vielleicht wollen Sie ja auch irgendwo Schampus kaufen. Den gibts um diese Zeit eher im Spätkauf, als im Park.”
“Nein, nein, vielleicht haben sie ja recht.”
Oh man, denken die denn, ich fahre sie zur Polizei, weil sie was zum Kiffen kaufen?

In der Görlitzer Straße angekommen hielt ich direkt vor dem mittleren Eingang. Dort ist es wirklich sehr finster und ich rechnete nicht damit, dass sie sich trauen, in den Park zu gehen. Tatsächlich schauten sie erstmal nur rein, tuschelten miteinander und versuchten sich gegenseitig Mut zu machen. “Da sind so dunkle Gestalten drin”, sagte die eine zu mir. “Es sind wohl Schwarze. Kommen Sie mit uns mit?”
Das lehnte ich aber ab. Wenn sie kiffen wollen, müssen sie sich schon selbst trauen. Ich bin zwar auch manchmal nachts im Park, aber nicht bei minus 3 Grad.

“Wir gehen da jetzt rein. Aber bitte warten Sie hier auf uns. Bitte nicht wegfahren, ja? Das müssen Sie uns versprechen!”
Gleichzeitig reichte sie einen 20er nach vorn und ich gelobte, hier zu warten.

Ich weiß nicht, was sie solange da drin gemacht haben, jedenfalls kamen sie erst nach 10 Minuten wieder raus. Und sie waren ziemlich aufgelöst. “Ich hatte solch eine Angst, als er mich so angeschaut hat. Er sah aus, wie ein richtiger Drogendealer.”
Sie meinte das ernst, aber ich musste jetzt lachen. “Sie wollen Haschisch kaufen, aber nicht bei einem Dealer? Wie soll das funktionieren?”
Jetzt lachte auch die andere Frau. Und dann ging die Fahrt zurück nach Tiergarten. Dort standen dann 24 Euro auf der Uhr. Sie reichte mir einen Fünfziger und wollte 20 zurück. Das ließ ich mir gefallen und wünschte den beiden noch viel Spaß.




Schlagloch in der Seele des Taxifahrers

Über die vielen Schlaglöcher, die es derzeit wieder gibt, soll es jetzt nicht gehen. Aber auch die Psyche des Taxifahrers hat schon so manchen Schlag abbekommen und nicht alle Wunden verheilen gleich wieder. Natürlich darf man nicht zu sensibel sein, wenn man jeden Tag mit den unterschiedlichsten Leuten zu tun hat. Manche Zeitgenossen sind einfach unerträglich, teilweise aggressiv oder aufdringlich oder arrogant. Bei anderen Fahrgästen wird man mit deren Schicksal belastet, Krankheit, Trauer, immer wieder bekommt man das Leid anderer Menschen mit. Manche Kollegen machen dann dicht, es interessiert sie nicht. Ich bin nicht so, ich kann einen verletzten Menschen nicht auch noch abweisen. Der Preis ist, wie ein Psychologe damit konfrontiert zu werden.

Manchmal aber fühlt man sich selber so, als würde man selbst nicht mehr ohne Hilfe klarkommen. Im Bett liegt man stundenlos wach, nach nur wenigen Stunden Schlaf fühlt man sich schon beim Aufstehen wie gerädert. Mit dem Taxi steht man dann als achter oder zehnter Wagen an der Halte, aber es tut sich nichts, vorn fährt niemand los. Dann nach 40 Minuten endlich ein Funkauftrag, doch an der Abholadresse steht niemand. Aber man hat ja den Namen, nach mehreren Minuten Warten klingelt man, doch niemand reagiert. Fehlfahrt. Zurück auf Los, wieder anstellen.

Der erste Fahrgast, endlich. Er will nur geradeaus, aber nach einem Kilometer beschwert er sich über die Strecke. Ich erkläre ihm, dass es vom Potsdamer Platz zum Alex nun mal am kürzesten ist, wenn man über die Leipziger Straße fährt, aber nun meckert er über meine angebliche Frechheit. Ein Trinkgeld gibts natürlich nicht.
Danach wieder tote Hose, alle Halten voll, cruisen, aber nur andere freie Taxen vor mir, kein Winker. Über den Funk wird zur Mehrzweckhalle am Ostbahnhof mobilisiert, aber als ich nach nur fünf Minuten dort ankomme, stehen schon 30 bis 40 Wagen da. Längst strömen die Zuschauer raus, nicht mal zehn Taxis bekommen einen Fahrgast. Von dort zum Ostbahnhof, warten auf den ICE aus Bonn. Als der nach einer Viertelstunde durch ist, stehe ich immer noch ziemlich weit hinten. In mir macht sich Frust breit, keine 10 Euro Umsatz in drei Stunden, eigentlich sollte ich lieber Hartz IV beantragen, dann habe ich mehr Geld und mehr Zeit für mich.

Der Rest der Nacht ist nicht viel besser: Ein Vollalkoholiker, ein paar Gangtypen, ein Brite, dem der Name seines Hotels nicht mehr einfällt. Aber wenigstens Fahrgäste, also freundlich bleiben, selbst wenn einem zum Heulen zumute ist. Ich fühle mich ausgebrannt, die Arbeit ist sinnlos und deprimierend. Um Eins mache ich dann Feierabend, das hebt meine Stimmung ein bisschen, ich freue mich aufs Bett. Auch wenn ich jetzt schon weiß, dass ich dann wieder stundenlang nicht einschlafen kann.




Der kämpfende Schwule

Vor ein paar Tagen musste ich zurückdenken an die Zeit, als ich noch ein schwuler Junge war. Ich hatte vergangene Woche einen Funkauftrag erhalten und drei Minuten später stand ich mit dem Taxi vor dem „Vagabund“. Das ist ein Charlottenburger „Herren-Club“, so nannte man das wohl 1968, als das Lokal öffnete. Heute sind vermutlich noch die gleichen Gäste dort, nur Zarah Leander und Marlene Dietrich kommen nicht mehr.
Die meisten Gäste, die ich hier in den frühen Morgenstunden abhole, haben es nicht weit. Wohnen in der Nähe, wollen vielleicht auch in die „Kleine Philharmonie“, die ist noch 10 Jahre älter als der Vagabund.

Mein Fahrgast aber hatte einen weiteren Weg und so kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte von einem nicht so guten Erlebnis, das ich dort als junger Mann vor vielen Jahren hatte. „Ja, es war nicht immer alles ganz korrekt. Früher, als wir noch jeden Abend auf der Suche waren.“ Er erzählte, dass er tatsächlich schon seit 50 Jahren dort verkehrt, die gesamte Geschichte erlebt hat, viele Männer kommen sah – und auch sterben. In den 1980/90ern an Aids, heute am Alter. Er beschrieb die Kundschaft sehr liebevoll, wie man sich eben nach Jahrzehnten kennt, auch in seinen Begierden, seinen Beziehungen und Streits.

Mit einigen von ihnen ist er früher auch auf die Straße gegangen, erzählte er. In den Anfangsjahren war es ja noch ein Skandal, dass sich Männer küssend oder Hand in Hand auf der Straße gezeigt haben. „Wir haben viele Schläge eingesteckt und noch viel mehr Beleidigungen. Als meine Beziehungen zu Walter rausgekommen ist, hat mich mein Vermieter gekündigt. So etwas war damals noch normal.“ Er selber hat die AHA mitgegründet, Mitte der 70er Jahre, die erste Schwulenvereinigung West-Berlins, damals sehr politisch.

„Ich habe mich nie versteckt, habe immer gekämpft. Schließlich bin ich nicht aus meinem pfälzischen Dorf nach Berlin gekommen, um hier genauso weiterzumachen wie dort“, lachte er. Seine Eltern hätten ihm das zeitlebens nicht verziehen, aber was soll man machen. Anpassen und verstecken wollte er sich nicht und wie hätte das auch gehen sollen? Er sprach davon, dass sie damals sehr ernst und kontrovers diskutiert hätten. Die einen wollten eine „schwule Revolution“, was auch immer das sein sollte. Andere kämpften für gleiche Rechte, nur nicht für die Homo-Ehe, das war ihnen zu spießig. Anderen reichte es, wenn es eine möglichst breite Subkultur gab, in der sie sich ausleben konnten.

Mein Fahrgast sagte, dass er sich unbeliebt gemacht hätte, weil er den Kampf für Gleichberechtigung zusammen mit lesbischen Frauen führen wollte. Das war bei den organisierten Schwulen aber noch nicht denkbar, viele hätten sogar einen regelrechten Frauenhass gehabt.

Der Traum der Szene war damals, dass sich so etwas entwickelt, wie 1969 die Kämpfe im Stonewall Inn in der New Yorker Christopher Street, wo sich bis zu 1.000 Schwule und Lesben fünf Tage lang mit der Polizei prügelten. Dies gilt weltweit als Gründungsereignis der offensiv auftretenden Bewegung für Homosexuellenrechte.

Ich konnte im Auto förmlich seine Augen leuchten sehen, bzw. hören, weil er ja hinten saß. Tatsächlich haben sie dann auch in Berlin eine schwule Kampfgruppe gegründet, die eigene Veranstaltungen und Treffpunkte schützte.

Am Ende der Fahrt sagte er noch, dass er sich große Sorgen mache, wie es weitergeht. In Schöneberger Schwulen Dreieck gibt es in den letzten Jahren immer wieder Angriffe auf Schwule, vor allem durch arabischstämmige Jugendliche. Und auf politischer Ebene versucht die AFD, das Land wieder um Jahrzehnte zurückzudrehen. „Es wäre mal wieder Zeit, dass sich die Szene politisiert und organisiert. Und nicht nur ans Feiern denkt.“ Da hat er recht!




Fuck the Rich

Es gab Zeiten in Berlin (damals West), in denen sich die Reichen der Stadt im Grunewald verschanzten und sich nur ab und zu mal auf dem Kudamm blicken ließen. Mit dem großen Teil der Berliner Bevölkerung wollten sie nichts zu tun haben.
Mittlerweile aber sind sie selber viel mehr geworden und tun so, als wären sie die Herren der Stadt. Vor allem rund um den Gendarmenmarkt haben sie ihre Lokale und Restaurants, darunter die Newton-Bar, über die ich hier und hier schon mal geschrieben habe. Aber auch das Restaurant Borchards gehört dazu. Da ich dort bereits zweimal Fehlfahrten hatte, also die Leute sich bereits ein anderes Taxi gewunken haben, fahre ich dort eigentlich nicht mehr vom Halteplatz aus hin. Diesmal erhielt ich den Auftrag aber unterwegs, innerhalb von zwei Minuten war ich auch in der Französischen Straße. Nun muss man wissen, dass dort nicht jeder reinkommt. Schon am Eingang wird man daraufhin abgecheckt, ob man auch Obermensch genug ist, die ehrenvollen Hallen zu betreten. Ich war es eindeutig nicht.
Da es draußen eisig kalt war, stand der Aufpasser im Inneren, so dass ich erstmal rein kam. Sofort schnauzte er mich an, was ich dort wolle. Allerdings merkwürdigerweise auf Englisch. Keine Ahnung, ob er kein Deutsch spricht, aber ich antwortete auf Deutsch, dass ich die Taxifahrgäste abholen will. Er verstand angeblich nicht und musste sich dann um Gäste kümmern, die das Lokal verlassen wollten. Vorn gibt es die Garderobe, und bei diesem Wetter hatten alle irgendwelche Mäntel Umhänge, Stolen und sowas dabei. Das dauerte.
Dann kam ein anderer auf mich zu, wollte ebenfalls wissen, was ich da will. Gleiche Antwort von mir, mittlerweile recht genervt. Er schaute auf seinen Rechner und meinte, es wäre kein Taxi bestellt worden. “Natürlich”, sagte ich und zeigte ihm den Auftrag auf meinem Handy. Aber das interessierte ihn nicht.
Er sprach mit dem anderen, kam dann auf mich zu und sagte, ich solle vor der Tür warten, die Gäste kämen gleich. Doch alle, die nun raus kamen, hatten kein Taxi bestellt. Ich stellte mich also so hin, dass alle um mich herumlaufen mussten, wohl wissend, dass die Türsteher mich von innen sehen konnten. Nach etwa fünf Minuten kam wieder einer raus und meinte auf extrem arrogante Art, ich sollte weg gehen, es gäbe keine Fahrgäste für mich. “Das hier ist öffentliches Straßenland, hier können Sie mich nicht wegschicken”, antwortete ich. Er verschwand wieder hinter seiner Glastür, beobachtete mich aber weiter.
Dann kam ein älteres Paar heraus, sie im Pelz. Meine Frage, ob sie ein Taxi bestellt hätten, beantworteten sie erst gar nicht. Dann schauten dann verächtlich an mir herunter und sagten: “Ganz. Sicher. Nicht.” Dabei zogen sie beide angewiderte Gesichter. Nun reichte es mir mit der Diskriminierung und ich spuckte ihnen vor die Füße. Dabei konnten sie noch froh sein, dass ich sie nicht getroffen habe.
Während sie anfingen, auf mich zu schimpfen und mich zu verfluchen, setzte ich mich wieder ins Taxi und fuhr meiner Wege. Und ich beschloss, soweit das möglich ist, nicht mehr solche widerlichen Geldsäcke zu fahren, für die normale Menschen offensichtlich bloß Abschaum sind. Aufträge von bestimmten Restaurants und Bars werde ich nicht mehr annehmen.




Missglückter Trickdiebstahl

Einem alten Hasen streut man nicht so leicht Salz auf den Schwanz. Dieses allgemein unbekannte Sprichwort kam mir im Nachhinein in den Sinn. Immerhin habe ich an diesem Tag ungefähr 150 Euro nicht verloren. Aber von vorn:

Meine Schicht war schon zur Hälfte vorbei und bisher verlief sie ganz positiv. Ich komme manchmal wochenlang nicht nach Karlshorst, diesmal aber hatte ich schon zwei Touren dort hin, einmal mit Anschluss nach Mitte. Meine Geldbörse war voller als sonst um diese Zeit. Alle Taxihalten am Gendarmenmarkt waren besetzt, also cruiste ich langsam um den Platz auf der Suche nach Winkern. Als ich bei Rot an der Kreuzung Französische / Charlottenstraße stand, öffnete ein Mann hinten rechts die Tür, dort wo die Fahrgäste meistens einsteigen. Ich drehte mich, um ihn besser sehen zu können, nach rechts hinten. Aber er stieg nicht ein, sondern fragte mich in gebrochenem Deutsch, ob ich ihn mitnehmen würde. Allerdings müssten wir noch einen Moment warten, weil gleich noch ein Kumpel von ihm kommen würde, wir müssten auch noch ein paar Meter zurück fahren, und und und… Er war sehr hektisch, ließ mich gar nicht zu Wort kommen und ich bekam das Gefühl, das da was schief läuft.

Ich habe manchmal eine Ahnung, das irgendwas nicht stimmt, und in der Regel ist es dann auch so. Taxifahrerinstinkt oder sowas. Jedenfalls hatte ich sofort alle Sinne aktiviert und merkte, wie es links neben mir plötzlich kühler wurde. Normalerweise ist dort meine Tür und die ist zu. Im selben Moment drehte ich mich also nach links, sah wie jemand seinen Arm ins Auto schob und versuchte, meine Geldbörse aus dem Innenfach der Fahrertür zu ziehen. Ohne nachzudenken zog ich mit einem Ruck die Tür zu. Ich hörte ein Stöhnen, er zog seinen Arm zurück und verschwand nach hinten. Auch der Mann, der mich zuvor abgelenkt hatte, rannte weg.

Mein Blick ging erstmal in das Fach, die Geldbörse war noch da. Bevor ich so richtig begriff, was gerade passiert war, kam ein altes Ehepaar auf mich zu und wollte mit einer Kurzstrecke nach Kreuzberg. Ich wendete, fuhr los. Noch während der Fahrt rief ich die Funkzentrale an und sie schickte sofort eine Warnung auf die Displays der angeschlossenen Taxis. Die Dame sagte mir, dass vermutlich der eine Täter, den ich gesehen hatte, vor kurzem schon mal mit diesem Trick Erfolg hatte.

Nachdem ich meine Fahrgäste abgeliefert hatte, was nur wenige Minuten gedauert hat, fuhr ich wieder zurück. Gleichzeitig informierte ich die Polizei und wir trafen uns an der Kreuzung. Auch denen gab ich dann die Beschreibung und sie wiederholten sie ebenfalls über Funk. Allerdings glaube ich nicht, dass sie sie erwischt haben, sonst hätten sie mich wohl wegen einer Gegenüberstellung angerufen. Das hatten sie bereits angekündigt.

Ich war jedenfalls froh, so schnell aufmerksam geworden zu sein und genau so reagiert zu haben. Kurz danach bekam ich meine dritte Fahrt in dieser Schicht nach Karlshorst. Ob das auch was zu bedeuten hatte?




Rassismus bringt‘s nicht

Ich stand am späten Abend mit dem Taxi am Bahnhof Zoo. Nach über einer halben Stunde Wartezeit hatte ich noch zwei Taxis vor mir, als ich sah, wie eine kleine Asiatin zum ersten Wagen ging. Sie diskutierten eine Minute, dann stieg der Kollege aus, schaute in Richtung der Bushaltestelle, schüttelte den Kopf und stieg wieder ein.

Die Dame ging zum nächsten Wagen und diskutierte wieder. Ich stieg aus und ging nach vorn, weil ich mir schon dachte, dass die Geschichte noch weitergeht. Tatsächlich stieg der vordere Fahrer wieder aus und rief seinem Kollegen, den er offenbar kannte zu, dass er „die Fitsche“ ja gerne mitnehmen könnte. Zusammen mit ihrem „Kram“. Der aber lachte zurück und rief nach vorn: „Ganz sicher nicht!“

Ich kenne diese Worte. Als „Fitschi“ wurden die Vietnamesen nach dem Mauerfall bezeichnet, ein rassistischer Begriff. Dass er von manchen immer noch benutzt wird, ist schon schlimm genug. Aber dies auch noch den betreffenden Menschen direkt ins Gesicht zu sagen, ist besonders eklig.

Der hintere Kollege schaute zu mir und ich sagte ihm ziemlich wütend, dass ich diese Sprüche zum Kotzen finde. Seine Antwort war: „Nimm Du sie doch mit, wenn Du verstehst, wo sie mit ihrem Scheiß hinwollen. Viel Spaß!“

Tatsächlich war es schwierig zu verstehen, was die Dame meinte, als sie mehrmals „Inde Ente“ sagte. Ich kenne das, viele Asiat/innen haben Probleme mit der deutschen Aussprache und dadurch haben auch die Taxifahrer Probleme, diese zu verstehen. In diesem Fall war es aber nicht so schwer: „Meinen Sie das Linden-Center, Hohenschönhausen?“, fragte ich.
„Ja“ sagte sie begeistert, Inde Ente!“
Den „Scheiß“, den der Kollege meinte, bestand aus etwa 12 bis 14 bis oben hin vollgepackten Einkaufstüten mit Kleidung. Warum man mit Einkaufstüten mitten in der Nacht zu einem Einkaufs-Center wollte, habe ich zwar nicht verstanden, aber meine insgesamt drei Fahrgäste werden schon gewusst haben, wieso. Jedenfalls war der Kofferraum des wirklich sehr geräumigen Opel Zafiras schließlich bis oben hin voll.

Ich habe mich über eine schön lange Fahrt gefreut und gehofft, dass die anderen beiden Kollegen stattdessen irgendeine 6-Euro-Tour kriegen, mit einem doitschen Fahrgast.

Unsere Fahrt ging dann jedoch gar nicht nur zum Linden-Center, sondern danach noch ein ganzes Stück weiter nach Wartenberg, um danach erst in Rummelsburg zu enden.
Die mittlerweile aufgelaufenen 53,90 Euro bezahlte meine Fahrgästin mit drei 20ern: „Sint so“.
Das habe ich sofort verstanden. Vielen Dank!




Sash auf einer neuen Reise

Ich weiß gar nicht mehr, wann wir uns kennengelernt haben. Es ist mindestens acht Jahre her, er hat hier bei Berlin Street seine Kommentare abgelassen, ich in seinem Blog Gestern Nacht im Taxi. Er war auch Taxifahrer, und wie ich hat auch er in Klaus’ Taxi-Weblog mitgelesen. Irgendwie waren wir alle drei auf einer gedachten Linie, vor allem kollegenmäßig, ein bisschen auch politisch und viel zu wenig persönlich. Wir trafen uns ein paarmal zu dritt, nur lose, Sash bin ich auch unterwegs öfters im Taxi begegnet. Meist am Ostbahnhof, wo damals seine Stammhalte war.
Im August 2012 haben wir sogar ein kleines Projekt angefangen, das Taxi-Weblog.de, das Informationen für Taxifahrer/innen bereitstellt. Was monumentales ist zwar nicht daraus geworden, aber es versieht brav seinen Dienst und hat noch immer zwischen 80 und 100 Besucher am Tag.
Am 16. November vor vier Jahren starb Klaus dann unerwartet. Auch Sash hat darüber geschrieben.

Zu dieser Zeit hat mir Sash erzählt, dass er sich in “seiner” Firma recht wohl fühlt. Anders als ich in dem Betrieb, in dem ich seit acht Jahren angestellt war. Zusammen mit meinem Tagfahrer suchte ich eine andere Firma, die nicht so einen diktatorischen Chef hat. Letztendlich sind wir auf Empfehlung von Sash dann dort gelandet und haben uns anfangs sehr wohlgefühlt. Das hat sich leider mittlerweile geändert, weil auch dort der wirtschaftliche Druck nach unten weitergegeben wird. Trotzdem bin ich Sash dankbar, uns den Tipp gegeben zu haben, denn wirklich coole Taxifirmen gibts leider noch weniger als richtig spendable Fahrgäste.

In den vergangenen Jahren habe ich ein kleines bisschen von Sashs Leben mitgekriegt. Über sein Blog, ein bisschen auch über die Gespräche. Seine Hochzeit, seine Vaterschaft, und auch, dass er wohl bald aufhört, Taxi zu fahren. Das hat er nun vor einigen Tagen auch öffentlich gemacht.

So wie ungeschützter Geschlechtsverkehr Folgen haben kann, kann auch das Ergebnis unerwartete Folgen haben. Zum Beispiel, dass man merkt, dass manches plötzlich anders läuft, nicht mehr funktioniert oder einfach unwichtiger wird. Liebevoll wurde das “Projekt Voyager” (nein, das ist nicht wirklich der Name) in den Lebensmittelpunkt gestellt und so wird es sicher noch eine Weile bleiben.
Ein neuer Weblog ist auch schon da: www.kässpätzle-jwd.de.

Wer aber noch im alten Weblog stöbern will, muss sich wohl beeilen. Auf jeden Fall wird nichts Neues mehr geschrieben. Außer vielleicht, die junge Familie ruft sich selbst mal eins und bloggt dann aus der Sucht der Fahrgäste.
Jedenfalls wünsche ich Sash und Familie eine gute Reise!




“Ich hasse Kleingeld”

Früher Abend, ich stehe an erster Stelle der Taxihalte am Bahnhof Zoo. Genau genommen stehe ich sogar als Einziger dort, nämlich auf der rechten Seite, direkt am Bahnhof. Ich verstehe bis heute nicht, wieso sich die Kollegen fast alle auf der linken Straßenseite hinstellen, an den Bushaltestellen. Zwar steigen dort tagsüber tatsächlich mehr Fahrgäste ein, aber schneller kommt man auf der rechten Seite weg. Das ist aber mein Geheimnis, also bitte nicht weitersagen!

Jedenfalls stand ich gestern Abend gegen 20 Uhr dort, als ein höchstens 20-jähriger Kerl auf mich zukam und an die Scheibe klopfte. „Kannst Du auch auf 500 rausgeben?“, fragte er mich ernsthaft. Ich antwortete: „Wenn wir nach Rostock fahren, dann ja. Das kostet etwa 460 Euro“.
Er schaute mich etwas verdattert an, stieg aber ein und fragte: „Das war jetzt ein Witz, oder?“
„Nö, das kostet wirklich 460 Euro.“
Ich genoss seine Unsicherheit, aber ohne Häme. Dass man im Taxi nicht mit einem 500er zahlen kann, sollte ihm klar sein.
Nun zog er sein Geld aus der Tasche und hatte mindestens drei 500-EUR-Scheine in der Hand sowie einen 200er. Den zeigte er mir, aber ich schüttelte nur den Kopf.

„Egal, dann muss meine Freundin das zahlen“, sagte er und nannte die Pariser Straße als Ziel. Das ist nicht wirklich weit, aber ich gehöre nicht zu den Taxifahrern, die ihre Fahrgäste unfreundlich behandeln, wenn diese nur eine kurze Tour haben.
Dann erklärte er mir, er würde 500er sammeln. Deshalb sei er auch froh, dass ich die nicht wechseln kann. „Ich hasse Kleingeld, weißte“.

Auf dem Weg rief er seine Freundin an und sprach extrem unhöflich mit ihr. Sie soll doch gefälligst mit 15 Euro runterkommen, ob sie zu blöd ist, das zu kapieren. So ging das die ganze kurze Fahrt über, es war mir unangenehm, da mitzuhören.

Am Ziel angekommen ließ er sein Handy auf dem Sitz liegen und holte das Geld, das seine Freundin ihm an die Tür gebracht hatte. Das Taxameter zeigte 6,70 Euro. Er reichte mir drei 5er und verabschiedete sich. Ich dachte, er hätte sich verzählt und wollte mir 10 Euro geben. Aber als ich ihn drauf aufmerksam machen wollte, wiederholte er seinen Spruch von vorher: „Ich hasse Kleingeld“. Tja, wer spendable reiche Eltern hat, kann sich solche Trinkgelder leisten…




Mit Seehofer im Taxi

Manchmal hat man im Taxi schon ein beklemmendes Gefühl. Ich meine nicht, weil man Angst vor einem Überfall hat oder sowas. Viel schlimmer: Es könnte sein, das einem Horst Seehofer ins Taxi steigt. OK, schlimmer wäre vermutlich noch das Pärchen Gauland und Weidel, aber wir wollen es ja nicht übertreiben.

Mein Auftrag mit der neutralen Adresse Alt-Moabit 140 und einem weiblichen Privatnamen wunderte mich erstmal nicht. Ich habe schon öfter Fahrgäste vom Bundesinnenministerium abgeholt, das ist nicht ungewöhnlich.
Allerdings musste ich erstmal eine Weile an der Einfahrt warten, weshalb mir irgendwann der Mensch von der Bundespolizei ans Fenster klopfte, auf wen ich denn warten würde. Ich sagte den Namen und er reagierte sofort zustimmend: “Ach so, dann ist es ok”.
Zwar wunderte mich, dass er in einem solch großen Haus ausgerechnet meinen Fahrgast kennt, aber vielleicht ist er ja ein Gedächtnisgenie.

Nach rund 10 Minuten Wartezeit stieg dann tatsächlich eine relativ junge Frau ein. Auf der linken Seite, von mir erst unbemerkt, kam dann Horst Seehofer ins Auto, sagte aber nichts. Ich sah ihn nur im Rückspiegel. Noch bevor sie mir das Fahrziel nennen konnte, fing sie an zu lachen: “Nein, das ist er nicht!” Sofort lachten beide und dabei hörte ich, dass “Herr Seehofer” in Wirklichkeit eine Frau war, die ihn aber wirklich sehr ähnlich sieht, jedenfalls auf dem ersten Blick und im Rückspiegel.
Die beiden klärten mich auf, dass ich nicht der erste Taxifahrer wäre, der dachte, er hätte den Innenminister im Auto.

Sie fragte mich, ob das so schlimm wäre, wenn es wirklich Seehofer gewesen wäre. Ohne nachzudenken sagte ich “Es muss nicht sein.”In gleichen Moment fiel mir ein, dass die Antwort eventuell nicht so schlau war, aber ihre Reaktion war Lachen und ein “Das kann ich mir denken!”

Wie sich während der Fahrt herausstellte, arbeiten beide offenbar in höheren Positionen im Ministerium und sind alles andere als Seehofer-Fans. Im Gegenteil. Zuerst unterhielten sie sich untereinander über irgendeinen neuen Fauxpas, den er sich geleistet hat. Es war schnell klar, dass sie nicht seine Fans waren. Offenbar geht er auch mit seinen Untergebenen nicht besonders feinfühlig um.
Da sie mich irgendwann ins Gespräch mit einbezogen, durfte ich dann auch meine Meinung sagen. Sie waren überrascht, weil sie dachten, alle deutschen Taxifahrer würden die Politik von Seehofer gutheißen.

Ich bestritt, dass er überhaupt eine klare Politik betreibe, aber das was er macht ist natürlich schon katastrophal genug. Sie sagten, manche im Ministerium würden ihn “Donald Seehofer” nennen, weil er gerne so wie Trump wäre.
Eine erzählte, dass es unter den Angestellten mittlerweile Seehofer-Witze geben würde, die man aber nur unter der Hand weitererzählen dürfe. Bloß nicht per E-Mail, denn das ganze Ministerium-Intranet wird überwacht.
Die andere glaubte nicht, dass dort auch nach Witzen gesucht würde, aber die Jüngere sagte dass sie das weiß, nicht nur annehme. Jede einzelne Nachricht würde gescannt und gelesen. Und wer Witze über Seehofer verbreite, würde mit Sicherheit Ärger bekommen. “Wie damals beim Staatsratsvorsitzenden.” Wieder lachten beide.

Im Laufe der Fahrt erzählten sie noch, dann innerhalb des Innenministeriums die meisten nicht glauben, dass Seehofer noch allzu lange Minister bleiben würde. Und dass er auch merkt, dass ein Großteil der Bediensteten ihm gegenüber negativ eingestellt sind. Daneben gibt es aber noch die Karrieristen und Rechten. So wie sie das sagte, meinte sie wohl eher Rechtsradikalen. “Es gibt bei uns schon ein paar, die würden sich auch über einen Innenminister Gauland freuen”, sagte sie. Aber das ist eine kleine Minderheit.

Insgesamt war es eine interessante Fahrt, weil ich mal einen kleinen Einblick bekommen habe, wie es in der Burg aussieht. Und dass Horst Seehofer nicht mal innerhalb seines eigenen Ministeriums von den Angestellten respektiert wird.




Möchtegern-Rocker

Bei großen Messen reisen oft Tausende von Geschäftsleuten nach Berlin und einen Teil von ihnen hole ich am Abend mit dem Taxi ab. Auf dem Weg vom Messegelände ins Hotel oder in ein Restaurant bekomme ich die Gespräche mit, die sie dann untereinander führen, nach einem anstrengenden Arbeitstag. Meistens unterhalten sich die Leute über geschäftliche Dinge, manchmal auch über Personalien. Na ja, Personalien ist vielleicht das falsche Wort, es geht eher darum, über Kollegen, Geschäftspartner oder Konkurrenten herzuziehen. Das Geschlecht ist dabei völlig unerheblich, Männer und Frauen können genauso eklig sein.

Fast nur aus Männer besteht noch eine andere Gruppe. Diese wächst vor allem über sich hinaus, wenn Frauen dabei sind: Die Möchtegern-Rocker. Nicht, dass sie irgendwie einem Bandido oder Hells Angel ähneln würden, sie finden es schon wild, die Krawatte abzulegen.

Es sind vor allem die Geschichten, die sie erzählen, von verwegenen Taten, vom Rebellentum unter der bürgerlichen Fassade. Im letzten Jahr hatte ich mal einen Fahrgast im Taxi, der damit rumgeprollt hat, wie er angeblich während der G20-Krawalle in Hamburg mit den Autonomen mitgegangen ist und dort die Sau rausgelassen hat. Auf die Frage seiner Kollegin, ob er denn auch Steine geschmissen hätte, antwortete er, dass er sich daran nicht mehr erinnern könne. Er wäre ja „so breit“ gewesen, dass ihm einige Stunden im Gedächtnis fehlen würden. Hach, was für ein Indianer der Großstadt…

Der gute Mann heute kam von der InnoTrans, einer großen Eisenbahnmesse. Ich hatte in dieser Schicht mehrmals Geschäftsleute von dort, aus Neuseeland, Südkorea und der Schweiz. Er aber war aus Bayern, das war nicht zu überhören. Zusammen mit seinen zwei männlichen Kollegen gockelte er von der einzigen Frau, dass es nur noch peinlich war.

Nicht nur, dass er mich ungefragt duzte, worauf ich die ganze Zeit mit konsequentem „Sie“ reagierte. Er erzählte ausgiebig, dass er ja schon seit zwei Tagen in Berlin war, die „Szene gecheckt“ hätte und einige alte Kumpels getroffen hat. Gemeinsam haben sie dann „die Gegend unsicher gemacht“. Solange, bis sie sich gestern mit dem Türsteher am Berghain angelegt hätten. Aber den hätte er schon „klargemacht, verstehste?“. Und dann wäre er dort ein paar Stunden „gut abgegangen“, bla bla. Dann machte mein Fahrgast aber den Fehler, mich ins Gespräch mit einzubeziehen:
„Im Berghain kenne ich fast jeden, der da arbeitet. Ist ja der angesagteste Club Europas, stimmts Herr Taxifahrer? Bist Du auch manchmal dort?“

Ich sagte, dass mich der Club nicht interessiert. „Außerdem dachte ich, das dort montags bis mittwochs nur die Kantine geöffnet hat.“
„Nein, es geht hier nicht ums Essen. Dann war es eben vorgestern.“
Die Frau warf ein, dass vorgestern aber Montag war, es also auch nicht geöffnet gewesen sei.
„Dann war es eben woanders, jedenfalls in Prenzlberg.“
„Im Prenzlauer Berg gibt es keine Clubs mehr, die sind dort schon lange vertrieben. Und die Berghain-Kantine heißt nur so, es ist keine Gaststätte.“

Es machte mir einen riesen Spaß, die Großmäuligkeit zu entlarven, obwohl er mir auch ein bisschen Leid tat. Aber wirklich nur ein bisschen. Auch das legte sich, weil er einfach nicht aufgab. Er erzählte nun, dass er öfters am Wochenende nach Berlin einfliege, um hier mit seinen Kumpels abzuhängen. Das wären alles harte Typen, die schon manche Erfahrung mit der Polizei gemacht hätten. Wenn sie zusammen „durch den Kiez“ ziehen, dann würden die Leute aber auf die andere Straßenseite wechseln.
Die Frau sagte dazu, dass sie sowas blöd fände, andere Menschen einzuschüchtern, was ihn sofort zum Zurückrudern veranlasste: „Nein, nein, ich bin ja dabei der Vernünftige und passe auf, dass nichts passiert. Die Jungs hören ja auf mich. Wir gehen dann meistens in irgendwelche Konzerte und treffen uns da mit unseren Leuten. Das geht dann ganz schön ab da. Da sind auch meistens die Autonomen mit dabei.“

Nicht nur ich war von diesem „harten Kerl“ begeistert, auch die anderen himmelten ihn spöttisch an: „Im Office bist Du doch immer der Brave, wusste gar nicht, dass Du so wild sein kannst.“
„Ihr wisst so einiges nicht von mir“, prollte er nochmal rum, aber man merkte ihm an, dass er unsicher wurde. Dummerweise fing er dann nochmal an, vom SO36 zu sprechen, das ja seine Lieblingslocation wäre. Allerdings sprach er das „so 36“ aus, statt S.O.36. Niemand nennt es „so 36“. Ich musste nochmal gemein sein und fragte: „Das in Charlottenburg?“
„Ja klar, man, Du weißt wenigstens Bescheid.“ (Für Auswärtige: Das SO36 ist im Herzen Kreuzbergs, etwa 8 Kilometer von Charlottenburg entfernt.)
Glücklicherweise waren wir am Ziel angekommen und nachdem sie ausgestiegen waren, grinste noch eine ganze Weile in mich hinein.




Wette verloren

Man soll sich seiner Sache nie zu sicher sein. Es kommt selten vor, dass ich mich mal auf eine Wette einlasse, zumindest wenn es um reale Euro geht. Aber diesmal konnte ich einfach nicht anders, es lockte das leicht verdiente Geld.

Begonnen hatte es am Hotel Bristol, dem ehemaligen Kempinski in der Fasanenstraße. Die Fahrt ging nach Zehlendorf, eine schöne Strecke. Schnell war ich mit dem Fahrgast im Gespräch, einem Historiker mit Schwerpunkt Berlin. Genau der richtige Gesprächspartner für mich.
Irgendwie kamen wir dann auf das Roseneck und die Clayallee zu sprechen. Dabei bemerkte er, dass die Clayallee unmittelbar am Roseneck beginnt. Ich habe ihm widersprochen und gesagt, dass die Straße dort noch ein Stückchen Hohenzollerndamm heißt und erst nach ca. 150 Metern zur Clayallee wird. Das wollte er nicht gelten lassen, er bestand darauf, dass die Straße direkt am Roseneck ihren Namen ändert.

Nun hat es wenig Sinn, wenn man sich gegenseitig die eigene Meinung klarzumachen versucht. Zum Spaß sagte ich: “Wir können ja wetten.” Das war wirklich nicht ernst gemeint, aber er fand die Idee sofort super. Begeistert schlug er vor: “Wenn Sie recht haben, verdoppele ich am Ende der Fahrt den Fahrpreis. Wenn nicht, brauche ich nichts zu bezahlen.” Da ich mir sicher war, nahm ich die Wette an.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon kurz vor’m Roseneck. Wir mussten bei Rot halten und versuchten beide, das Straßenschild auf der anderen Seite der Kreuzung zu erkennen. Das war aber nicht möglich.
Dann fuhren wir los und auf dem Straßenschild stand: Hohenzollerndamm. Wie ich es in Erinnerung hatte, ändert die Straße ihren Namen erst an der Kurve, Höhe Bernadottestraße. Mein Fahrgast war verdattert, aber nicht aufgrund der verlorenen Wette, sondern wegen seines Irrtums: “Ich fahre hier seit Jahrzehnten fast täglich lang. Unglaublich, dass ich mich so geirrt habe.”

Am Ende der Fahrt stand das Taxameter auf 22,30 Euro. Er sagte “machen Sie 25”, reichte mir einen 50-Euro-Schein und stieg aus. Dann klopfte er nochmal ans Fenster: “Die nächste Wette mit Ihnen gewinne aber ich!”
Ich antwortete “Das werden wir ja noch sehen.” Und ich hoffe, es kommt wirklich dazu.




Kreative Stadtführung

Es kommt öfter vor, dass man als Taxifahrer gebeten wird, einige Sehenswürdigkeiten abzufahren, damit Touristen einen Eindruck von der Stadt bekommen. Manchmal übernimmt einer der Fahrgäste die Moderation, was aber böse in die Hose gehen kann, wenn er sein Wissen nur von Fotos und vom Hörensagen hat, und den Rest dazu dichtet. Dies war auch mein Eindruck, als ich ein paar Briten durch Mitte und Tiergarten fuhr.

Ich stand am frühen Abend am Lustgarten. Die vier Damen und Herren wollten noch schnell was von Berlin sehen, deshalb fuhr ich sie erstmal über die Museumsinsel. Am Wohnhaus von Angela Merkel ging es los: Der laute Engländer neben mir erklärte den anderen, dass Merkel zu DDR-Zeiten stellvertretende Familienministerin gewesen sei und damals dieses alte Haus bekommen habe. Die Vorbesitzer wurden deshalb angeblich verhaftet und aus der DDR ausgewiesen, damit das Haus frei würde. So, so, ich ahnte schon, wie es weitergeht. Und tatsächlich erfuhr ich, dass es damals Unter den Linden täglich eine Panzerparade gegeben hat, um die stete Wachbereitschaft der Armee zu demonstrieren. Daher also die Schlaglöcher.

Leider ging der Blödsinn genauso weiter. Beim Reichstag sagte der Brite, dass das Gebäude früher auf der Rückseite zugemauert war, weil die DDR-Grenztruppen immer in die Fenster geschossen hätten. Denn angeblich war der Reichstag bis 1989 Sitz des Bundeskanzlers, wenn er nach Berlin kam. Vorher – bis 1945 – war hier nach seinen Angaben die NS-Regierungszentrale.

Bis zu diesem Zeitpunkt überlegte ich noch, ob ich ihn korrigieren sollte, aber das verwarf ich gleich wieder. Es wäre einfach zu viel gewesen und ich wollte ihn auch nicht bloßstellen. Und was soll’s auch, dann tagt der Bundestag heute eben in der ehemaligen Reichskanzlei.

Genauso ging es weiter, als wir am Haus der Kulturen der Welt vorbei fuhren. Darin ist heute angeblich der Sitz der Bundeskanzlerin. Kurz danach sahen wir das angebliche “Schloss Charlottenburg”, in dem der Bundespräsident wohnt, um dann zur Siegessäule zu kommen, die von Hitler persönlich entworfen wurde! An diesem Punkt wollte ich eigentlich bemerken, dass Nazi-Deutschland den Krieg doch verloren hat und was denn die Siegessäule für einen Sinn hätte. Aber mir war es mittlerweile auch egal.

Auf dem Weg zur Budapester Straße überquerten wir noch angeblich die Spree (Landwehrkanal), wo ich etwas langsamer fahren sollte. Ich lernte, dass hier genau in der Mitte die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin verlief und deshalb die Grenzboote beider Seiten nebeneinander im Wasser lagen.

Da konnte man ja nur froh sein, dass die Mauer nicht auch noch mitten im Wasser stand…




Hitze macht dumm im Kopf

Heute war wieder so eine Nacht. Eine Taxischicht, die man sich einfach nicht wünscht und die nur nervt. Keine Ahnung, vielleicht ist die Hitze mit Schuld daran.

Die City West voll, wegen der Leichtathletik-Europameisterschaft ist der nördliche Breitscheidplatz für Autos gesperrt. Und natürlich bekam ich als Erstes einen Funkauftrag zum Hotel Palace: Hinweis: Über Kurfürstenstraße anfahren. Nur stand dort leider eine Polizeisperre und die eingesetzte Beamtin war besonders schlau. Denn obwohl ich gar nicht bis zum Platz durchfahren wollte, ließ sie mich nicht durch, mit der Begründung, der Platz wäre gesperrt. Meinen Einwand, das Hotel wäre vor dem Platz und ich würde dann auch wieder umkehren, wenn ich meinen Fahrgast hätte, interessierte sie nicht. Da könnte ja jeder kommen und sowas behaupten. Ich zeigte ihr den Auftrag im Display, was sie mit der Bemerkung konterte, das könne mir ja auch jeder zuschicken. Da während Diskussion die Durchfahrt auch für „berechtigte Fahrzeuge“ versperrt war, kam nun einer ihrer Kollegen und wollte mich wegschicken. Ich bestand darauf, zum Hotel durchfahren zu können. Er: „Na dann fahren Sie doch!“ Seine Kollegin ging wortlos aus dem Weg, plötzlich ging es also.
Vor dem Hotel angekommen wartete natürlich niemand. Der Doorman wusste von nichts. Ich rief die Zentrale an und nach einer Minute sagte sie, der Fahrgast wäre wohl schon weg. Super. Zum Glück habe ich vorher nicht schon eine Stunde am Taxistand gestanden, um dann eine Fehlfahrt zu haben.

Das kam erst am frühen Abend. Genau 69 Minuten Warten an der Taxihalte Savignyplatz, die um diese Zeit eigentlich ganz gut läuft. Dann ein Funkauftrag, ein superteures Hotel am Steinplatz. Von dort geht es oft in die City Ost, ich freute mich schon auf eine hoffentlich ertragreiche Tour. Es wurde gerade Grün, ich raste die 200 Meter bis zur Uhlandstraße, dann links abbiegen. Keine zwei Minuten nach dem Losfahren kam ich am Hotel an. Reingehen, melden, fragende Gesichter an der Rezeption. Sie hätten kein Taxi bestellt, vielleicht die Bar nebenan? Auch die wussten von nichts. Mehr als eine Stunde umsonst rumgestanden, meine Laune war auf dem Niveau des Straßenbelags. Dazu die unerträgliche Hitze, die vor allem negative Gefühle noch verstärkt.

Aber ich schluckte es runter, Frust gehört beim Job dazu, man muss damit umgehen. Ich fuhr nun den Kudamm hoch und runter und hatte auch bald eine Fahrt nach Steglitz. Am Ziel angekommen fiel der Dame auf, dass sie kein Geld dabeihatte. Und auch keine EC- oder Kreditkarte. Und auch zuhause sei kein Geld, versicherte sie mir gleich mehrmals. Ansonsten schien sie die Tatsache aber nicht zu stören, dass sie die Taxifahrt nicht zahlen konnte. Stattdessen fragte Sie frech: „Und, was wollen Sie nun machen?“ Sie sah es überhaupt nicht als Problem an.

Ich war nun richtig sauer und sagte, dass ich die Polizei rufe, dann würde es eine Anzeige wegen Betrugs geben. Das würde dann sehr viel teurer als eine Taxifahrt. Plötzlich brüllte sie mich auf Russisch an, wahrscheinlich Beleidigungen, die ich glücklicherweise nicht verstand. Dann stieg sie einfach aus, ging auf die Haustür zu, schloss sie auf und drängte sich rein.

Ich rannte hinterher und konnte gerade so verhindern, dass sie die Tür schloss. Nun schrie ich sie an, dass das eine Sauerei ist und dass sie eine Kriminelle wäre. Sie ließ sich nicht beeindrucken, ging nach oben. Ich hinterher, um der Polizei später sagen zu können, wohin sie verschwunden sei. Doch sie klingelte an einer Tür im zweiten Stock. Dort sprach sie mit einer Nachbarin und bekam von ihr einen 20-Euro-Schein. Den reichte sie mir, nicht ohne mich wieder auf Russisch zu beschimpfen. Ich sah sie verächtlich an und tappelte zurück zum Taxi.

Zwei, drei Stunden später verschlug es mich noch zum Olympiastadion. Hier finden derzeit die Hauptveranstaltungen der Leichtathletik-EM statt. Es war fast alles vorbei, nur noch vereinzelt kamen Leute raus. Da sonst kein Taxi da war, wartete ich einige Minuten am Olympischen Platz. Tatsächlich steuerten schon bald drei Leute auf mich zu, ein mittelalter Mann und zwei recht junge Frauen. Schon während er mir das Fahrtziel „Crowne Plaza Hotel“ nannte, merkte ich, dass er einen aggressiven Ton hatte. Ich fragte, welches Crowne Plaza er meinte, denn es gibt zwei davon. Er wiederholte genervt und betont langsam: „Crowne Plaza Hotel“. Meine Frage, ob das in der Nürnberger Straße oder in der Halleschen Straße beantwortete er, indem er den Namen ein drittes Mal aufsagte.

„Wenn Sie mir nicht sagen, in welches der beiden Crowne Plaza Hotels Sie wollen, kann ich Sie nicht fahren!“ Langsam war ich sehr genervt von dem Typen. Ich war froh, dass er nicht direkt neben mir saß. Stattdessen mischte sich nun eine der beiden Frauen ein und sagte in ruhigem Ton, dass es in der Nähe vom Kudamm sei. Ich bedankte mich und fuhr in die Nürnberger Straße. Der Typ fing von hinten nochmal an zu stänkern, als ich in die Kantstraße fuhr. Aber ich ignorierte ihn, so wie das auch die beiden Frauen taten. An Ziel meckerte er nochmal über den angeblichen Umweg, ich konterte nur mit „ja, ja“. „Ja ja heißt leck mich am Arsch“, blökte er, wenig fantasievoll. Ich ließ das unbeantwortet, grinste aber etwas. Die Frau neben mir grinste zurück.

Glücklicherweise ist eine solche Häufung von nervenfressenden Erlebnissen die Ausnahme. Am Ende meiner Schicht ging es dann nochmal für 50 Euro vom Wedding nach Kleinmachnow und Wannsee. Auf der leeren Rückfahrt nahm ich den Umweg über die Havelchaussee, die nachts nur von Taxis befahren werden darf. Man ist also ungestört, wenn man dann einen Stopp am kleinen Strand einlegt und für ein paar Minuten ins Wasser geht. Das habe ich getan und es war alles wieder gut :-)




Voll und aggressiv

Ausnahmsweise stand ich mal an der Taxihalte Alt-Mariendorf. Als ich mich um Mitternacht anstellte, waren zwei Kollegen vor mir, die im Abstand von 5 Minuten Einsteiger hatten. Im Haus neben uns war gerade eine Party, es war recht laut. Es waren noch weitere Fahrgäste zu erwarten, deshalb blieb ich stehen.

Der erste stand dann auch gleich an der Beifahrertür und fummelte am Schloss herum. Mit einem Schlüssel! Und sturzbetrunken. Mal abgesehen davon, dass es dort gar kein Schlüsselloch gibt, war es auch nicht sein Auto, sondern das Taxi von mir.

Ich stieg aus und lief um den Wagen herum, auch um zu verhindern, dass er da noch irgendwas zerkratzt. Beulen und Kratzer hat das Taxi zwar schon mehr als genug, es müssen jedoch nicht noch mehr dazu kommen.
Also stellte ich mich eben ihn und fragte, was das werden soll. Er schaute mich an, als hätte ich ihm einen unsittlichen Antrag gemacht und brabbelte dann was von „Taxi fahren“. Ich sagte ihm, dass man dazu normalerweise keinen eigenen Schlüssel benötigt, außer man ist der Taxifahrer. Daraufhin versuchte er mir ohne jede Vorwarnung mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Damit war die Situation vom Absurden ins Gefährliche umgeschlagen. Da er nicht sehr schnell war, konnte ich ihm den Arm abwehren und auf den Rücken drehen, dann drückte ich ihn gegen den Wagen und schrie ihn an, was das solle. Er begann nach mir zu treten, was ich aber auch abwehren konnte.

Mittlerweile war ein ebenfalls betrunkenes Pärchen aus dem Haus gekommen und mischte sich ein. Ich sollte gefälligst den „armen Mann“ in Ruhe lassen. Zum Glück kam mir ein weiter hinten stehender Kollege zur Hilfe. Er hielt mir die beiden vom Leib, während ich meinen Patienten langsam zu Boden brachte. Das war nicht weiter schwierig, da die Schwerkraft der seiner Beine weit überlegen war.

Nun kamen aus dem Haus noch zwei Männer dazu, und ich befürchtete, die Situation könnte eskalieren, weil sie sich gleich ebenfalls mit dem Besoffenen solidarisierten. Sie stellten sich drohend neben mich. Ich rief meinem Kollegen zu, er solle bitte die Polizei rufen. Gleichzeitig versuchte ich, den beiden die Situation zu erklären. Da aber der am Boden sitzende Mann offenbar ein Kumpel von ihnen war, ließen sie sich nicht auf ein Gespräch ein. Stattdessen begann einer, mich gegen das Auto zu drücken. Ich riss meine Arme hoch und schrie ihn an, er solle mich nicht anfassen. Das schreckte ihn erstmal ab, aber er blieb weiter aggressiv.

Innerhalb nur einer Minute kam ein ziviler Polizeiwagen an, direkt danach noch ein Streifenwagen. Sie trennten uns voneinander und ließen sich von mir die Situation erklären. Den Betrunkenen zogen sie dann vom Wagen weg und befragten noch alle anderen Beteiligten.

Schließlich wollten sie noch wissen, ob ich eine Anzeige machen möchte, aber das schien mir zu übertrieben. Stattdessen wollte ich nur noch wegfahren. Wer weiß, was da noch für Leute aus dem Haus kommen würden. Ich hatte bereits den Motor gestartet und wollte gerade vom Halteplatz herunterfahren, als einer der Polizisten an meine Scheibe klopfte. Ob ich mir vorstellen könnte, den Betrunkenen nach Hause zu fahren.
„Das fragen Sie mich jetzt nicht im Ernst, oder?“. Ich war wirklich perplex. Er wies mich auf meine Beförderungspflicht hin, aber ich konterte, dass die nicht gilt, wenn ich oder der Fahrgast gefährdet sein könnten. Und dass ich das war, war ja wohl offensichtlich.
Er hatte wohl keine Lust, ihn mitzunehmen. Ich aber auch nicht. Und auch der Kollege hinter mir stieg in sein Auto und fuhr langsam los.

Keine Ahnung, wie der Kerl nach Hause gekommen ist. Aber wenn man sich so volllaufen lässt, dass man aggressiv wird, braucht man sich auch nicht wundern, wenn einen niemand mitnehmen will.




Tausende Taxifahrer gedopt

Ein neuer Skandal erschüttert Berlin: Am Wochenende ging Taxifahrer Gerhard M. (43) an die Öffentlichkeit und gestand, dass er seit über 15 Jahren fast immer gedopt Taxi gefahren ist. Unter Tränen gab er zu, dass Aufputschmittel, Koffein, Vitamine u.ä. auch bei seinen Kollegen “völlig normal” seien, die Fahrer machen sich darüber gar keine Gedanken mehr, sie lachen sogar über die wenigen Taxifahrer, die keinen Kaffee trinken.

Blutkontrollen gibt es im Taxigewerbe fast nie, so dass sich das Aufputschen durch irgendwelche Mittelchen mittlerweile zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt hat. Ein schlechtes Gewissen hat kaum jemand, wie eine Umfrage an den Taxiständen Alexanderplatz und Europa-Center ergab. Zwar wurden manche Kollegen rot und stammelten, dass sie “selbstverständlich” keine entsprechenden Mittel nehmen, als man sie aber auf die Thermoskanne neben dem Sitz ansprach, wurden sie aggressiv und bedrohten uns mit Schlägen und einer Strafanzeige wegen Verleumdung.
Noch ist nicht absehbar, welche Konsequenzen dieser Skandal haben wird. Wenn es wirklich so ist, dass sich schätzungsweise 90 Prozent aller Berliner Taxifahrer mit Kaffee, Cappuccino, Cola und anderen Aufputschmitteln dopen, müssen harte Maßnahmen ergriffen werden, damit das Taxigewerbe wieder glaubwürdig wird. Möglicherweise müssen sogar die Einnahmen der vergangenen fünf Jahre wieder an die Fahrgäste zurückgegeben werden.
Das Ordnungsamt hat jedenfalls angekündigt, das Taxigewerbe künftig sehr genau zu beobachten. Vor allem nachts, wenn manche Fahrer mit ihren Fahrgästen mit teilweilse über 50 km/h durch die Straßen rasen, soll es Dopingkontrollen geben. Im Interesse der Fahrgäste und vor allem der ehrlichen Taxifahrer.




Sie und Du

Das mit dem Duzen ist so eine Sache. Unter den Taxikollegen ist das “Du” normal, jedoch nicht zwischen Funkzentrale und Taxifahrer. Anders sieht es natürlich im Umgang mit den Fahrgästen aus, da ist das “Sie” Pflicht. Allerdings gibt es viele Kunden, die mich als Taxifahrer duzen. Meist sind das junge Fahrgäste, Studenten oder so. Sie sehen das locker und duzen, auch wenn man wie ich nicht mehr zum Jungvolk gehört.

Die andere Duz-Spezies sind Betrunkene beiderlei Geschlechts. Das ist dann eher unangenehm, zumal sie einem oft auch körperlich näherkommen, an den Arm fassen, mit dem Mund fast bis ins Ohr kriechen. In diesem Fall ist es nötig, deutlich und bestimmt Abstand einzufordern, ich bestehe dann auch auf dem “Sie”, um Distanz zu schaffen. Natürlich muss man die Balance halten zwischen Abweisung und Freundlichkeit. Auch wenn er einem auf die Pelle rückt ist es trotzdem noch ein Fahrgast, der Anspruch auf eine korrekte Beförderung hat. Auf mehr aber auch nicht.

Als Drittes gibt’s den Kumpel-Typen, immer männlich, mittelalt und obwohl sicher nicht vermögend, gibt er immer Trinkgeld. Er ist arbeitslos, Arbeiter, Kleinkrimineller oder erfolgloser Zuhälter. Und er lässt einen spüren, dass er die Arbeit als Taxifahrer anerkennt. Ganz anders als mancher Schnösel, der einem nur arrogant begegnet.

Am unangenehmsten sind mir jedoch die Duzer, bei denen man gleich merkt, dass es aufgesetzt ist. Sie haben grundsätzlich eine Frau dabei (nicht die Ehefrau), der sie imponieren wollen. Sie duzen Taxifahrer, um zu demonstrieren, wie gut sie mit allen können, wie offen sie doch sind. Sie spielen “Mann von Welt”, dabei schreit alles an ihnen “Ich bin ein Spießer” und allein würden sie nie auf die Idee kommen, einen fremden Menschen zu duzen. Diese Männer sieze ich grundsätzlich, schon aus Gemeinheit, um ihr falsches Gehabe bloßzustellen. Das ist zwar nicht nett, aber wenigstens ehrlich.

Genauso unangenehm finde ich auch das anbiedernde Geduze in der Werbung, speziell bei der BVG (“Weil wir dich lieben”) und der Berliner Polizei (“Da für dich”). Was wohl passiert, wenn man die Beamten ebenfalls duzt? Vermutlich gibt es dann gleich einen Anraunzer.




Üble Manipulation

Es ist sehr anstrengend, wenn man Fahrgäste im Taxi hat, die alles besser wissen, ohne es wirklich zu tun. Und die mich dann anblöken, dass ich keine Ahnung hätte, weil doch der von ihnen vorgeschlagene Weg viel besser wäre. Und die sich dann am Ende der Fahrt von ihrer Frau anhören dürfen: “Siehst du, der Taxifahrer hatte recht, es ist viel billiger als sonst.”
Aber die Antwort dieses Menschen war dann unschlagbar: “Von wegen. Wahrscheinlich ist der Taxameter manipuliert.”

Sicher, ich habe daran rumgefummelt, damit meine Fahrgäste weniger zahlen müssen, als regulär. Auf sowas muss man erst mal kommen.




Merkwürdige am Hauptbahnhof

Der Berliner Hauptbahnhof ist nicht nur riesig, sondern dort findet man auch ständig Menschen die – freundlich ausgedrückt – etwas merkwürdig sind. Im vergangenen Sommer sah ich dort einen sehr alten Mann, nur mit String-Tanga und offenem Pelzmantel bekleidet. Regelmäßig führt eine alte Frau ihre vier bis sechs Hunde im und am Bahnhof spazieren. Jugendliche aus dem nahen Hostel, die auf Klassenfahrt in Berlin sind, benehmen sich oft daneben und bekommen dann Ärger mit dem Wachschutz. Vor einigen Jahren probte in der Südhalle ein Gospelchor, offenbar waren das ebenfalls Touristen.

Nicht, dass ich irgendwas dagegen hätte, jeder soll nach der eigenen Façon glücklich werden, nicht wahr Friedrich? Manchmal aber wundere ich mich schon etwas mehr. So z.B. bei Sperrung des Tiergartentunnels über die zahlreichen Autofahrer, die offenbar nicht in der Lage sind, die Zeichen zu erkennen. In diesem Fall sind diese Zeichen
1. Schilder, die das Einfahren in den Tunnel am Europaplatz verbieten,
2. große gelbe Blinklichter über der Straße, die auf eben jene Schilder hinweisen sowie
3. eine große, rot-weiß-gestreifte Schranke mit roten Blinklichtern, die quer über die Fahrbahn geschwenkt ist und verhindert, dass Autos in den Tunnel fahren.

Trotz all dieser unübersehbaren Zeichen gibt es bei jeder Ampelphase ein paar Autofahrer, die trotzdem versuchen, in den Tunnel zu kommen. Da die Schranke erst nach ca. 10 Metern die Durchfahrt versperrt, stehen dann plötzlich 2, 4 oder mehr Fahrzeuge wie die Kuh vorm Berg. Der einzige Weg raus ist dann, rückwärts wieder auf die Kreuzung zu fahren, in den rollenden Verkehr hinein. Das ging dort schon mehr als einmal schief.

Gestern allerdings so richtig: Manche Autofahrer meinen nämlich, sie müssten vom Europaplatz kommend links extra schnell in den Tunnel rasen. Blöd, wenn dies gleich mehrere tun und der erste plötzlich eine Vollbremsung machen muss, um nicht gegen die Schranke zu brettern. So hatten letzte Nacht die Fahrer vor vier oder fünf Autos erstmal genügend Zeit, sich über die Verkehrsregeln Gedanken zu machen. Denn sie mussten auf die Polizei warten, nachdem sie alle ineinander gefahren waren.

Gewundert habe ich mich auch über meine Fahrgäste, die es ebenfalls letzte Nacht geschafft haben, mich innerhalb von vielleicht fünf Minuten auf die Palme zu bringen.

Es war schon vorher klar, dass es eine kurze Fahrt wird. Im Funkauftrag, der mich zur Kreuzung Tor-/Chausseestraße schickte, stand als Ziel bereits „Hauptbahnhof“. Zwar verstehe ich nicht, wieso man sich dafür extra ein Taxi bestellt, wenn man an einem Ort wohnt, an dem jede Minute ein bis fünf leere Taxis vorbeifahren. Ich verstehe auch nicht, wieso ich 15 Minuten dort warten muss, bis die Leute dann endlich runterkommen, ohne sich für die Verspätung zu entschuldigen. Stattdessen maulten sie rum, dass ich 5 Minuten zuvor das Taxameter angestellt habe. Eigentlich startet man es schon beim Eintreffen am Abholort.

„Zum Hauptbahnhof“ zickte eine der beiden Frauen mich an. Über die Invalidenstraße waren wir schnell dort. Kurz vor dem Bahnhof fuhr ich rund 200 Meter weit in die Zufahrt über das Friedrich-List-Ufer am Europaplatz zum Eingang. Dort angekommen fragte mich der Mann, was sie dort sollen. „Sie wollten zum Hauptbahnhof, hier ist der Eingang“, antwortete ich.
„Wir wollten aber zum Steigenberger!“, zischte eine seiner Begleiterinnen.
„Das kann ich ja nicht wissen, wenn Sie mir das nicht sagen.“
„Jetzt werden Sie nicht auch noch pampig! Außerdem heißt es ja wohl ‚Steigenberger am Hauptbahnhof‘. Hauptbahnhof!“
„Nein, es heißt ‚Steigenberger am Kanzleramt‘. Kanzleramt – nicht Hauptbahnhof!“ Ich hatte jetzt genug. Ich stehe ja dazu, wenn ich einen Fehler mache, aber mir solchen Mist anzuhören, dazu hatte ich für die paar Euro keine Lust.
„Wollen Sie jetzt hier aussteigen und durch den Bahnhof durchlaufen oder soll ich außen rum fahren?“

Natürlich hatten die Herrschaften keine Lust zum Laufen, also ging‘s zurück zum Europaplatz, dann einmal um den ganzen Bahnhof rum. Dort angekommen wollten sie ernsthaft 2 Euro weniger zahlen, weil ich ja einen Umweg gefahren sei. Ich reagierte kühl, nahm mein Handy und sagte: „Dann werde ich mal die Polizei rufen. Das Taxameter läuft dann allerdings weiter.“
Der Mann warf mir einen Zehner hin, die Frauen zischten wieder herum, irgendwas von „Unverschämtheit“, dann verschwanden sie im Hotel.

Mal schauen, was mich morgen am Hauptbahnhof erwartet.




In den hohen Norden

Es gibt rund 10.000 Straßen in Berlin und wohl niemand kennt sie alle. Ich schätze, dass ich etwa ein Viertel bis ein Drittel davon ohne Stadtplan oder Navi finde würde. Das ist sicher kein schlechter Schnitt, wenn ich manche meiner Taxikollegen so höre.

Schön ist es immer, wenn sich meine Taxi-Fahrgäste wundern, dass ich ausgerechnet ihre kleine Straße im Außenbezirk kenne. So war es auch gestern Nacht, als mein Kunde in den Kasinoweg nach Frohnau wollte. Eine schöne Fahrt von Charlottenburg aus, zumal er darauf bestand, den Umweg über die Autobahn zu fahren. Da ich aber vor langer Zeit schon mal einen Kunden dorthin hatte, habe ich mir den Namen gemerkt, zumal er schon sehr merkwürdig ist. Ein Kasino gibt es dort nämlich nicht.

Eine Stunde später fand ich mich am Hauptbahnhof wieder. Ein altes Ehepaar versuchte mir klarzumachen, dass sie mir ihren Straßennamen gar nicht erst nennen brauchen – ich würde die Straße eh nicht kennen. Sie läge in Frohnau und da würden sich die meisten Taxifahrer sowieso nicht auskennen. Es ist auch wirklich schwierig, denn es gibt so gut wie keine Straße, die einfach nur ordentlich geradeaus führen und normale Kreuzungen mit anständigen Querstraßen hätten. Stattdessen vor allem ein wildes Straßenknäuel und dazu gehört auch der Kasinoweg, zu dem meine Fahrgäste wollten. Die winzige Straße hat etwa 15 Häuser und es ist schon ein Zufall, dass ich aus verschiedenen Richtungen Kunden praktisch zum gleichen Ort hatte. Das Ehepaar wunderte sich auch und sie lobten meine Kenntnisse ausdauernd. Was sich aber leider nicht im Trinkgeld niederschlug.

Aber manchmal spielt das Leben eben verrückt und vermutlich werden mir nun wieder einige vorwerfen, ich würde übertreiben. Tatsächlich sollte ich in dieser Nacht aber ein drittes Mal in die Gegend kommen, diesmal aus dem Prenzlauer Berg und das Ziel in der Welfenallee lag nur rund 200 Meter Luftlinie vom Kasinoweg entfernt.

Die drei Fahrten in den Norden machten in dieser Schicht mehr als die Hälfte meiner Einnahmen aus, zumal der letzte Fahrgast morgens um 2.30 Uhr die 35 EUR mit einem 50er zahlte und dem Spruch: „Geben Sie mal 5 zurück.“ Dabei hat er während der ganzen Fahrt kein Wort gesprochen, außer dass er lieber Jazzradio hören würde statt Rock.

Auch wenn man sich am späten Abend oder nachts nicht mehr in Frohnau, Waidmannslust oder am Märkischen Viertel an die Taxihalte stellt, sondern erstmal eine recht weite Strecke in die Innenstadt fährt, lohnen sich Touren nach Frohnau doch sehr. Gleich dreimal in einer Schicht, das hebt die Stimmung dann schon. Und dann auch noch immer in die gleiche Gegend, das ist vielleicht ein Zeichen des Himmels.

 




“Rufen Sie uns bitte ein Taxi”

Ich fahre ein Taxi, das ich echt klasse finde, denn es ist genau wie ich: Es ist nicht mehr das Neueste, hat schon über 270.000 Kilometer hinter sich, einige kleine Beulen, meist nicht ganz sauber. Zudem ist es kein schicker Mercedes, sondern ein eher pragmatischer Opel.

Es gibt Fahrgäste, die bestellen bei der Funkgesellschaft ausdrücklich einen Mercedes und wenn ich an der Taxihalte stehe, steigen manche auch lieber hinter mir in den C-Klasse-Sternling ein, als bei mir. OK, das ist ihr gutes Recht. In Berlin haben die Fahrgäste die freie Taxiwahl, sie sind nicht gezwungen, das erste Taxi in der Reihe zu nehmen.

Was aber gar nicht geht ist, was ich jetzt erlebt habe: Ich stand als Einziger an der Taxihalte vor dem Hotel Radisson in Mitte. Kurz zuvor hatte ich das Auto an einer Tankstelle gewaschen. Ein Pärchen in teuren Klamotten steuerte auf mein Taxi zu, blieb dann aber zwei Meter davor stehen. Sie unterhielten sich offensichtlich über das Fahrzeug. Dann klopfte der Mann an die Scheibe und stellte die etwas dumme Frage, ob ich denn das einzige Taxi hier wäre.
Ich blieb aber freundlich und antwortete: “Wenn kein anderes hinter mir steht, dann anscheinend ja.”
“Hm.” Er war sich unsicher, ich mir jetzt auch. Hatte ich etwa vergessen, das Taxischild anzuschalten? Aber nein, es leuchtete.
Dann sagte er: “Rufen Sie uns bitte ein Taxi”.
“Warum sollte ich das tun? Sie stehen schon vor einem, ich fahre Sie gerne.”
“Nein, ich meinte ein richtiges Taxi. Nicht so ein…” Er sprach nicht weiter, aber ich sah schon an seinem Gesichtsausdruck, dass er sich zu fein war, in einen ordinären Opel einzusteigen.
Da ich nicht antwortete, wiederholte er seine Bitte. Ich antwortete nur “Rufen Sie doch selber an”, und schloss das Fenster.

Man mag mir vorwerfen, eingeschnappt gewesen zu sein. Aber wenn ihm mein Wagen nicht schick genug war, musste er sich schon selber um eine Alternative kümmern. Zumal ich sowieso keinen Funk habe und per Telefon anrufen müsste. Das konnte er dann auch selber tun.
Ich würde das machen, wenn es jemand gewesen wäre, der wirklich ein anderes Taxi braucht, weil er z.B. einen Elektrorollstuhl fährt. Aber jemanden damit zu beauftragen, mit dem man sich gleichzeitig weigert mitzufahren, das mache ich nicht mit.

Mittlerweile warteten zwei andere Fahrgäste, als hinter mir ein Mercedes-Taxi an die Halte fuhr. Einer der anderen stieg dort ein, der zweite dann bei mir und bescherte mir eine schöne Fahrt nach Zehlendorf.
Nur das feine Pärchen stand noch vor dem Hotel und wartete. Selber schuld.