Hotel Bogota

Es ist ein besonderes Hotel, in der Charlottenburger Schlüterstraße, nur wenige Meter vom Kurfürstendamm entfernt. Irgendwie aus der Zeit gefallen, denn vieles in dem geschichtsträchtigen Haus ist noch wie vor einem Jahrhundert. Nicht umsonst hat es viele Stammgäste, manche von ihnen wohnen hier seit Jahrzehnten. Sie lieben den morbiden Charme der Räume, die teilweise noch keine eigene Toilette haben, nicht auf Hochglanz poliert sind und in denen man Einzelzimmer schon ab 40 Euro bekommt. Doch damit könnte bald Schluss ein, der Eigentümer hat dem Hotel zum kommenden Jahr gekündigt. Wie es weitergeht, ist nicht klar.
Dabei hat dieses Haus eine lange Geschichte. Unzählige Künstler aller Genres waren Jahrzehntelang mit ihm verbunden, manche sind es bis heute.

Begonnen hat es vor rund hundert Jahren. Gerade wurde Charlottenburg zur feinen Stadt außerhalb Berlins, die Grundstückspreise stiegen, nur die Reichsten konnten es sich leisten, hier zu bauen. Es begann die Zeit des neues Westens und 1912 entstand auch das Wohnhaus Schlüterstraße 45.  Es gehörte Robert Leibrand, später auch Oskar Skaller, Apotheker und Prothesenhersteller. Er machte mit seinen Waren rund um den Ersten Weltkrieg natürlich ein super Geschäft, “Prothesen-Skaller” war damals stadtbekannt. Schon er nutzte seine großen Räume im Erdgeschoss für kleine Kultur-Veranstaltungen und für Ausstellungen – eine Tradition, die sich bis heute gehalten hat.
Großzügig war auch der Rest des Hauses gebaut, nicht mehr als zwei Wohnungen pro Etage, zwischen 200 und 500 Quadratmeter groß. Prominente und noch unbekannte Künstler lebten dort oder traten auf, wie der junge Benny Goodman, der seine Jazzkarriere noch vor sich hatte. Auch Botschafter, Modeschöpfer, der Jazzer Jack Hylton sowie Fotografen lebten in dem Gebäude.

1934 bezog die Modefotografin Else Ernestine Neuländer, die unter dem Namen Yva berühmt war, die gesamte vierte Etage, in der sie wohnte und auch ihr Atelier einrichtete. Zu der Zeit bildete sie den 16-jährigen Lehrling Helmut Neustädter aus, der zwei Jahre später vor den Nazis in die USA flüchtete. Dort machte er als Helmut Newton Karriere. Viele Jahre später bezeichnete er diese zwei Jahre bei Yva als die glücklichste Zeit seines Lebens.

Yva selber hatte weniger Glück. Sie erhielt als Jüdin von der Reichskulturkammer schon 1933 ein Berufsverbot, setzte sich aber noch mehrere Jahre darüber hinweg. Nichtjüdische Kollege konnten ihr Aufträge zuschustern, doch Mitte der 30er Jahre musste sie die Räume in der Schlüterstraße aufgeben. 1942 wurde sie zusammen mit ihrem Ehemann deportiert und in Sobibor ermordet. Vor dem Hotel Bogota erinnert heute ein Stolperstein an sie, außerdem seit 2011 die Fußgängerpassage Yva-Bogen zwischen Kant- und Hardenbergstraße, direkt neben der Gleisen der Stadtbahn. Im Hotel hängen in der vierten Etage einige ihrer Fotos, dort wo sich einst ihr Atelier befand.

Das Haus Schlüterstraße 45 wurde als jüdischer Besitz enteignet, 1942 übernahm es die Filmkammer der Reichskulturkammer. Geschäftführer der Filmkammer und ab 1944 Reichsfilmintendant war Hans Hinkel, der schon ab 1935 für die “Entjudung des deutschen Kulturlebens” betraut war. Er machte das Haus zu einem der wichtigesten Orte der Propaganda-Kultur der Nazis, Minister Joseph Goebbels ging hier ein und aus. Im heutigen Frühstücksraum des Hotel befand sich der Vorführsaal der Kammer, hier wurden Goebbels und manchmal Adolf Hitler neue Produktionen vorgeführt, mit Heinz Rühmann, Heinrich George, Grethe Weiser.
Der Keller des Hauses wurde zum Lager für Raubgut, das jüdischen Künstlern gestohlen wurden war. Bilder von Liebermann und anderen verbotenen Malern landeten auch in den Büros, die so mit der Kunst angeblicher “Untermenschen” geschmückt wurden. Welch eine Perversion.

Das Gebäude wurde im Krieg nicht zerstört und am Ende des Faschismus blieben auch alle Unterlagen der Reichskulturkammer erhalten. So konnte später gut konstruiert werden, wie und durch wen Künstler diskriminiert und vernichtet worden sind.
Nach der Befreiung nutzte die russische Armee das Haus, um das Kulturleben in Berlin zu organisieren. Im Juni 1945 gab es dort eine erste Ausstellung von Künstlern wie Max Beckmann, Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Ludwig Kirchner. Am 6. Juni 1945 fand hier die Gründung der “Kammer der Kunstschaffenden” statt, am 8. August die des “Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands”, durch Johannes R. Becher, der später Kulturminister der DDR wurde. Nun verkehrten nicht mehr die Vorzeigekünstler der Nazis in dem Haus, sondern Antifaschisten wie der Regisseur Wolfgang Langhoff, die Dichter Anna Seghers oder Willi Bredel.

Noch während der Kulturbund in dem Haus saß, der bald in die Sowjetische Besatzungszone umziehen sollte, richteten die britischen Alliierten die Spruchkammer zur Entnazifizierung der Kulturschaffenden ein. Jetzt kamen Rühmann, Furtwängler oder George nicht mehr so leicht beschwingt in das Haus, stattdessen mussten sie sich hier ihrer Funktion während der Nazizeit rechtfertigen. Die Anhörungen und Urteile fanden im früheren Vorführraum statt. Dort wurde auch die Klassifizierung der Künstler vorgenommen, von der sowohl die Erlaubnis zum Arbeiten abhing, als auch die Menge der Lebensmittelrationen. Bekannte Komponisten, Schaupieler, Musiker, Schriftsteller bekamen mehr als unbekanntere. Unter ihnen war auch Axel Springer, der dort seine erste Lizenz zum Zeitungsdruck erhielt.

In den 50er Jahren erwarb der Deutsche Gewerkschaftsbund das Haus und verkaufte es 1964 weiter. Nun entstanden hier vier Hotels, Bogota, Rheinischer Hof, Pension Jahn und unten die Tanzbar Modern Style. Der einstige Vorführraum wurde zu einem Restaurant, später zum Casino. Nach dem Krieg wurden rund um den Kudamm viele kleine Etagen-Hotels und Pensionen eingerichtet, noch heute gibt es in der Gegend viele Überbleibsel aus dieser Zeit.
Hans Rewald, vor den Nazis nach Kolumbien geflohen, eröffnete 1964 das Hotel Bogota in der vierten Etage. Von seinem Exil hatte er einige Einrichtungsgegenstände mitgebracht, die er für die Ausstattung nutzte. Nach und nach kaufte er den Rest des Hauses dazu, so dass sein Hotel schließlich das gesamte Gebäude belegte. 1976 verkaufte er es.
Mit seiner alten Einrichtung, alten Türen und Fenstern, dem alten Fahrstuhl, hat im Hotel Bogota die alte Zeit ein bisschen überlebt. Aber noch immer findet hier Kultur statt, vor allem Ausstellungen und am Wochenende wird Tango getanzt.

Bei Tagesspiegel.de werden einige Fotos aus dem Inneren gezeigt, u.a. auch vom heutigen Frühstücksraum.

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1 Kommentar

  1. Hallo,

    Helmut Neustedter lebte nach seiner Flucht in Australien und machte dort Karriere. Gestorben ist er aber in den USA nach einem Autounfall. ( Quelle Wikipedia )
    mfg
    Steffen K.

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