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  • Sie sagen: »Wir trauern«

    Sie sagen: »Wir trauern«

    Heute habe ich ein Plakat gesehen, frisch geklebt, von irgendeiner Autonomengruppe: »Wir trauern um … , von den Bullen ermordet.« Den Namen kenne ich nicht, der Hintergrund ist mir auch nicht bekannt, ich glaube es ging dabei um einen Getöteten in Griechenland. Es ist auch das gute Recht, wenn jemand trauert, weil er einen Menschen verloren hat, den er geliebt, gemocht oder wenigstens gekannt hat. Auch ich kenne dieses Gefühl, habe schon ein paar Freunde verloren, durch Drogen, Alkohol, Selbsttötung. Einen durch Mord, Silvio, der damals zu meinem Umfeld gehörte und für den seit 20 Jahren immer im November ein Gedenkmarsch durch Friedrichshain stattfindet.

    Ich nehme nicht daran teil. Nicht, weil ich ihm nicht gedenken will oder nicht an seinen Tod durch Neonazis erinnern möchte. Aber wenn ich diese Demonstrationen sehe, dann kann ich nicht mehr trauern. Es sind immer die gleichen Bilder. Leute, die von Trauer sprechen, aber nur Aggressivität ausstrahlen. Sie schreien Parolen, anstatt zu schweigen. Sie pöbeln Passanten und Polizisten an, und wissen dabei nicht, dass Silvio ein sehr ruhiger und zurückhaltender Mensch war. Aber es wäre ihnen wohl auch egal, denn sein Tod interessiert sie in Wirklichkeit gar nicht. Sie funktionalisieren ihn, sie nutzen ihn als Waffe in ihrem Kampf gegen die Gesellschaft. Der Tod von Silvio wird genauso benutzt wie der des Jungen in Genua, der in Griechenland oder der erschossenen Frau in Frankfurt im vergangenen Jahr.

    Nein, sie trauern nicht. Sie akzeptieren nicht mal die Trauer der Angehörigen und Freunde, die um Gewaltfreiheit gebeten haben und um einen ruhigen Marsch.
    Trauer ist das nicht. Es ist Hass. Sie sollten dieses Wort nicht nutzen, es ist unglaubwürdig. Und es schlägt auf diejenigen ein, die wirklich um den Menschen trauern.


    Artikel als PDF

    Von: Aro Kuhrt

    (17. Januar 2012)

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    KOMMENTARE:

    1. ClaudiaBerlin am 17. Januar 2012 um 11:56 Uhr

      Wie siehst du vor diesem Hintergrund das jährliche Gedenken der LINKEN mit Demo für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg?

      Da »trauert« wohl auch niemand wirklich, es ist ebenfalls eine »politische Funktionalisierung«. Aber evtl. eine legitime?

    2. Aro Kuhrt am 17. Januar 2012 um 16:46 Uhr

      Ich habe ja nichts dagegen, dass Menschen gedacht werden, die einem nahe standen – egal ob persönlich oder auch politisch. Dass bei den Liebknecht-Luxemburg-Demo jedoch wirklich Trauer im Spiel ist, glaube ich kaum.

    3. ClaudiaBerlin am 17. Januar 2012 um 16:51 Uhr

      Mir gings mehr um die Legitimität der politischen Funktionalisierung, die ja durchaus eine Diskussion wert ist.

      In aller Regel wird mittels »kämpferischer Demos und Gedenk-Events« jener Menschen gedacht, die im selben politischen Kampf umgekommen sind. Die es also vermutlich begrüßen würden, wenn sie posthum noch eine agitatorische Funktion für »die Bewegung« haben.

      Private Trauer ist was anderes, klar.





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