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  • Kellerleiche IM

    Kellerleiche IMEs ist wirklich eine unendliche Geschichte, fast 18 Jahre nach dem Ende der DDR tauchen noch immer Namen von einstigen Stasi-Spitzeln auf. Während zahlreiche der Hauptamtlichen heute frech in der Öffentlichkeit auftreten, Veranstaltungen sprengen und ihre einstigen Opfer verhöhnen, verstecken sich vor allem die »Inoffiziellen Mitarbeiter« (IM), also diejenigen, die damals ihre Kollegen, Freunde, Nachbarn und manchmal sogar Verwandte und Ehepartner bespitzelt haben. Sie stehen moralisch auf der untersten Stufe, weil sie deren Vertrauen ausnutzten, sie ausspionierten und verrieten.
    Im wesentlichen sind es drei Gründe, weswegen sich Leute zu solchen Spitzeldiensten entschieden haben. Viele taten es aus politischer Überzeugung, die meisten erhielten dafür Geld, manche wurden von der Stasi erpresst. Warum auch immer jemand seine Mitmenschen privat ausspionierte, jeder hatte seit dem Ende der DDR ausreichend Zeit, sich zu outen und seine Opfer um Verzeihung zu bitten. Tatsächlich haben dies aber nur wenige getan, umso mehr wurden enttarnt, als im Jahr 2003 die »Rosenholz«-Dateien mit den Klarnamen der Spitzel auftauchten.
    Immer wieder werden neue Fälle bekannt, wie jetzt bei der Berliner Zeitung. Warum diese Angst vor der Wahrheit? Es hat sich doch gezeigt, dass diese Leichen im Keller doch irgendwann gefunden werden. Und dass noch niemand deswegen gelyncht worden ist. Wer sich selber ohne Not outet, hat die Möglichkeit sich zu erklären, auch einen Fehler einzugestehen. Vor allem aber kann er seinen Frieden machen, braucht sich nicht mehr zu verleugnen und über viele Jahre in Angst vor Entdeckung zu leben. Er hat die Chance auf einen Schlussstrich. Leider nutzen nur wenige diese Möglichkeit und je länger man wartet, umso schwerer wird es. Wenn man sich aber erst nach seiner Enttarnung erklärt, wird man nie wirklich glaubwürdig sein.
    Ich kenne selber zwei ehemalige IMs, einen seit Anfang der 80er Jahre, den anderen habe ich erst vor einigen Jahren kennengelernt. Der erste hat sich unmittelbar nach der Wende geoutet, als noch nicht klar war, was ihm eventuell blüht. Im Frühjahr 1990 wussten dann viele bescheid, dass er Berichte über sie geschrieben hatte. Die meisten haben wie ich den Kontakt zu ihm aufrecht erhalten, da er seine Beweggründe nachvollziehbar erklären konnte. Der Fall ist insofern besonders, da die Berichte vor allem nach gemeinsamen Auslandsreisen ins »nichtsozialistische Ausland« geschrieben wurden und jeder wusste, dass es immer mindestens einen Judas gab. Der andere outete sich Mitte der 90er Jahre selber, nachdem erste Gerüchte aufgekommen waren, als manche Opfer ihre Stasi-Akten gelesen hatten. Er versuchte sich zu erklären, er wäre damals erpressbar gewesen, manche seiner Freunde verteidigten ihn danach sogar. Ich konnte seine Beweggründe nicht akzeptieren, da es in erster Linie um materielle Vorteile ging, wozu auch gehört, dass man sein Studium zuende machen kann. Aber auch dieser Mann hat deshalb niemals Repressalien erlitten, wurde nicht gekündigt, nicht verprügelt. Lediglich einige Freunde haben sich von ihm abgewandt.
    Natürlich würde ich mich nicht freuen, jetzt noch von alten Bekannten zu hören, dass sie mich damals für die Staatssicherheit bespitzelt haben. Andererseits möchte ich es wissen, um selber entscheiden zu können, wie ich damit umgehe. Anders ist es bei Leuten, die ich erst nach der Wende kennengelernt habe, da ist es mir relativ egal. Wahrscheinlich, weil ich nicht direkt betroffen bin. Ich weiß auch von anderen Bekannten und Kollegen nicht, was früher mal war. Und das ist auch nicht nötig.
    Letztendlich ist das Thema längst von der Geschichte überholt worden.


    Artikel als PDF

    Von: Aro Kuhrt

    (25. April 2008)

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