Finsterer Hansaplatz

Den Hansaplatz im Tier­garten einen finsteren Ort zu nennen, ist eigentlich falsch. Selbst jetzt, an einem Spätherbsttag um 22 Uhr ist er recht hell. An der Bushaltestelle Altonaer Ecke Klopstockstraße wird man sogar geblendet, schaut man gen Norden auf den Ort, der gemeinhin mit dem Hansaplatz verwechselt wird. Die Scheinwerfer auf dem Restaurantdach, die lang gestreckte beleuchtete Fassade des Grips-Theaters, das Licht des U-Bahnhofs, das durch die Wand aus Glasbausteinen scheint, lassen den Platz heller erscheinen, als er eigentlich sein sollte.
Die Hochhäuser der Bauausstellung, die nun auch schon über 50 Jahre alt sind, heben sich kaum vom dunklen Himmel ab, aber die vielen beleuchteten Fenster zeugen vom Leben am Platz.
Das war nicht immer so. Am Ende des Tausendjährigen Reichs standen hier nur noch Ruinen. Anfang Februar 1945 wurde das gesamte Areal von alliierten Bombern ins Walhalla gejagt, drei Monate später folgte ihm das restliche Reich. Das Hansaviertel, am Rande des Tiergartens gelegen, war keine schlechte Gegend. Aber es war eng. Hinterhäuser und kleine Höfe, nicht so schlimm wie im Wedding, aber doch: voll. Heute ist es schwer vorstellbar, wo es so viel Platz gibt zwischen den Bauten. Es ist, als wären die waagerechten Häuserzeilen in die Vertikale aufgestellt worden.
Wer sich die Mühe macht und in die Bartningallee geht, sollte ihrem Knick nach rechts nicht folgen, sondern einfach geradeaus weitergehen, dem alten Verlauf der Klopstockstraße folgend. Hier muss er über den Rasen, aber es ist, als befände er sich auf einer grün bedeckten Straße: Zwei Baumreihen markieren den einstigen Straßenverlauf und enden, bevor man die Durchfahrt unter der S-Bahn erreicht, in einem Gebüsch. Aber soweit wollen wir jetzt gar nicht.

Wir stehen noch immer an dem Platz, der vor mehr als 60 Jahren in die Finsternis gebombt wurde. Oder soll man “gehüllt” schreiben? Umschreiben. Weil diejenigen, die hier an diesem kalten Februartag verreckten, nicht zu 100 Prozent unschuldig waren an den Ursachen, die zum Krieg führten?
Als damals die Dunkelheit über den Hansaplatz kam, war er noch ein richtiger Platz, nicht nur eine Kreuzung. Er war das Zentrum des Hansaviertels, sechs Straßen führten auf ihn zu, in der Mitte ein Rondell. Dort wurden die Leichen gestapelt, die man aus den Ruinen herauspuhlte. Keine Ahnung mehr von der schönen Wohnung, in der Mathilde Jacob ihre Freundin Rosa Luxemburg empfing, Heinz Knobloch hat ihr mit seinem Buch ein Denkmal gesetzt. Die Straßen waren ruhig danach, durch die Ruinen sah man die Sterne. Schwer vorstellbar, dass hier nochmal Leben einziehen würde.
Heute Nacht aber nimmt der Fahrzeugverkehr nicht ab und tagsüber ist die kleine Fußgängerzone belebt. Auf der nahen Bahntrasse wechseln sich ICE- und Regionalzüge mit den S-Bahnen ab, die U-Bahn lässt den Boden leicht vibrieren. In dem in warmen Farben beleuchteten Restaurant sieht man noch zahlreiche Gäste an den Tischen, trotz der Kälte stehen drei Taxifahrer neben der Rufsäule und unterhalten sich. Aus dem Neubau der Hansa-Bibliothek strömen Leute, die gerade noch eine Lesung gehört haben. Nein, der Hansaplatz ist doch nicht mehr finster, das Leben ist wieder hier.

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