Lebenstaucher

Normalerweise bewege ich mich in Berlin im Auto durch die Gegend, das bringt mein Beruf als Taxifahrer mit sich. Da bekommt man so einiges mit, an Geschichten, Beziehungen, Problemen. Meistens allerdings nur von den Fahrgästen, doch was außerhalb der teilverglasten Blechkiste abgeht, das sieht man lediglich wie im Fernsehen, nur ohne Ton. So schnell ist man wieder an jemandem vorbei, den man eben noch draußen gesehen hat, keine Zeit und keine Möglichkeit, ihn auf mich wirken zu lassen. 100 Kilometer fahre ich in einer Nacht, da komme ich an mindestens tausend Geschichten vorbei, die ich leider nie erfahren werde.
Deshalb ist es immer gut, mal nicht mit dem Auto zu fahren, sondern zu laufen. Diesmal war das eine zwangsweise Entscheidung, denn auf meinem Weg von Wilmersdorf in den Wedding musste ich am Bahnhof Spichernstraße den Zug verlassen, wegen einer “technischen Störung”. Also machte ich mich zu Fuß auf den Weg nach Norden. Und weil ich es nicht eilig hatte, lief ich langsam, sperrte meine Augen und Ohren auf und tauchte immer wieder für ein paar Sekunden in das Leben anderer Menschen ein. Spaziergänger sind Lebenstaucher, das ist schön, manchmal traurig, aber interessant.

Dort wo die Schaperstraße die Bundesallee kreuzt liegt das Lokal “Harlekin”, eine Schwulenkneipe, Tische und Stühle sind bei dem warmen Wetter voll besetzt, die Stimmung ist wie im Biergarten. Nicht nur Männer sitzen hier, etwa ein Viertel sind Frauen, allerdings ist die Atmosphäre nichts für mich. Alkoholgeschwängerte Männer versuchen zusammen ein Lied zu singen, eine Frau liegt einer anderen in den Armen, aber da ist nicht Zärtlichkeit, sondern Rumgezicke. Sie geifert die andere an, die sie gleichzeitig festhält, ein merkwürdiges Bild. Ein jüngerer Mann bemerkt mich, winkt mir freundlich zu hinzukommen, aber ich schüttele den Kopf. Zu abstoßend finde ich das alkoholische Gelage, das ist nicht anders als bei jeder anderen Kneipe. Nicht mein Fall.

An der Lietzenburger Straße biege ich kurz nach links und gleich wieder rechts in die Meinekestraße. An der Ecke vor dem Hotel steht eine Traube Holländer, laut wie immer, und natürlich machen sie keinen Platz für die anderen Passanten. Ruppig bahne ich mir den Weg durch die Menge, doch die etwa 30 Touristen lassen sich nicht wirklich davon beeindrucken. Nur ein kleiner Junge am Rand schaut mich erschrocken an, wie zur Entschuldigung zucke ich mit den Schultern und lächele ihn an. Er soll nicht denken, dass die Deutschen unfreundlich sind, außerdem war er der einzige, der sich nicht an der Gehwegblockade beteiligte. Er reagierte aber kühl, war sich wohl nicht sicher, ob mir zu trauen sei.
Das gleiche Bild nur ein paar Meter weiter, vor dem Hard-Rock-Café, diesmal sind es aber Spanier, doch auch sie weichen nicht. Hier mache ich einen kleinen Bogen um die Gruppe. Nicht weil ich Spaniern grundsätzlich aus dem Weg gehe, Holländer aber anremple, sondern ich hatte einfach keine Lust schon wieder den Bad Boy zu spielen.
Zurück auf dem Bürgersteig kam aus der Gruppe gerade ein Mann um die 40 heraus, der Blindenstock wedelte über die Gehwegplatten, es ist mir ein Rätsel, wie er durch diese Gruppe hindurchgekommen ist. Doch vor ihm lagen noch einige Hindernisse. In der Meinkestraße sind vor jedem zweiten Haus Stühle und Tische an den Bürgersteig gestellt, sie nehmen bis zu Dreiviertel der Breite ein. Also sprach ich den Blinden an, ob ich ihm helfen sollte, hier durchzukommen. “Lassen Sie mal, ich kenne den Weg genau, vielen Dank!”, sagte er. Und tatsächlich umkurvte er wie ein Sehender die Tische vor den Lokalen. Nun kam er mit dem Stock an einen Hund, der an einer Laterne befestigt war und auf dem Gehweg lag. Der sprang auf und verdrückte sich zwischen die Autos, anscheinend hatte er Angst vor dem Stock. Kurz danach war der Blinde verschwunden, ich spazierte so langsam, dass er mir davongelaufen war.

Kurz vor dem Kudamm gibt es einen Laden, in dem letztes Jahr ein Imbiss eröffnet hat. Man bekommt dort Currywurst, aber auch ein paar andere Speisen, unter Taxifahrern hat er einen ganz guten Ruf. Auch hier stehen Tische draußen und sämtliche Plätze waren besetzt, genau wie innerhalb des Ladens. Ich holte mir eine Selters und eigentlich wollte ich auch noch eine Currywurst probieren. Neben mir saß eine Berliner Familie, Vater, Mutter und beide Kinder stark übergewichtig. Die Mutter schnauzte ihren mindestens 20 Kilo zu schweren Sohn an, dass er keine Wurst mehr bekommt, “zwee Würschte mit Pommes reichen, sonst wirste noch dick!” Das meinste sie ernst! Dabei wog sie wahrscheinlich das Doppelte von dem, was normal ist. Wenigstens hat sie damit mir ins Gewissen geredet und ich beschränkte mich auf die Selters.

Am Kudamm bog ich rechts ab, um an der Ampel Richtung Zoo weiterzugehen. Kurz vor der Kreuzung hielt mir ein junger Mann einen bunten Zettel entgegen. Ich las nur was von “Dianetik” und war schon genervt. Jetzt bemerkte ich den Infostand der Scientologen, der etwas zurückgesetzt aufgebaut war. Meine Reaktion “behalte Deinen Dreck” war vielleicht etwas zu laut und aggressiv, aber er nahm es ungerührt zur Kenntnis und wandte sich bereits dem nächsten Passanten zu. Der sah aus wie ein anatolischer Hirte auf seinem ersten Besuch in der Stadt, von dem was der Mann ihm sagte verstand er anscheinend kein Wort. Lächelnd nahm er ihm aber einen seiner Zettel ab, ging zwei Schritte weiter und zerriss die Werbung. Er sagte irgendwas zu seiner Bäuerin und beide lachten. Der Scientologe schaute diesmal etwas verdattert, dann ging er aber tapfer auf das nächste Opfer zu.

Zwischen Kantstraße und Bahnhof Zoo gehen die Passanten durch eine enge Passage. Hier stehen Jungs auf der Suche nach einem Freier, andere Männer sehen aus, als würden sie auf eine Gelegenheit warten, jemandem die Brieftasche zu klauen. Vielleicht stimmt es, es können aber auch anerzogene Ängste aus meiner Kindheit sein, also Vorurteile. Auf dem Treppenabsatz zum Sexshop im Obergeschoss stand ein älterer Mann, der tatsächlich alle seine Taschen durchsuchte. Hose, Jacke, vorn, hinten, Innentaschen, anscheinend war ihm wirklich seine Geldbörse gestohlen worden oder er hat sie verloren. Verzweifelt schaute er nach oben, überlegte wohl, nochmal zurückzugehen. Dort im ersten Stock liegt ein schwuler Sexshop mit Darkroom. Wenn er dort drin war, wird er seinen Geldbeutel sicher nicht mehr wiederfinden.
Kurz vor der Ecke zur Hardenbergstraße hat der Burger King ein kleines Fenster zum Bürgersteig. Normalerweise kann man hier auch eine schnelle Bestellung für unterwegs machen, diesmal aber wird dort nichts verkauft. Die Frau vor dem Fenster wollte das nicht einsehen, schon zehn Meter vorher hörte ich ihr Gemecker. “In der Zeit hätten Sie mich schon längst bedienen können”, keifte sie die schmale Asiatin an, die hinter dem Fenster stand und ihr klarzumachen versuchte, dass es dort keinen Verkauf gibt. Anscheinend war sie aber zu höflich, um das Fenster einfach zu schließen.

Zehn Meter weiter stoppt eine Polizeiwanne, 6 bis 8 Mann springen heraus, laufen zum nahen U-Bahn-Eingang. Dort steht wie immer eine Gruppe Alkies, einer rennt die Treppe herunter, zwei Polizisten hinter. Die anderen Beamten umzingeln die Gruppe, verlangen die Ausweise. Diese Situation kennt man hier, mit solchem Druck versucht der Senat die Alkoholiker dort wegzubekommen, aber das klappt natürlich nicht. Die Ausweise bräuchten die Trinker eigentlich gar nicht mehr zu zeigen, mit Sicherheit sind sie bei den Polizisten längst alle bekannt.
Während ich den Bahnhof Zoo entlang gehe, wundere ich mich darüber, dass hier nach seiner Degradierung zum Regionalbahnhof noch immer so viel los ist. Mindestens zwanzig Taxis warten auf Fahrgäste, draußen stehen jetzt mehr Verkaufsbuden als zu der Zeit, als dies noch der Hauptbahnhof war. Einen Kollegen kenne ich, er beklagt sich darüber, dass er nun schon seit über einer Stunde hier wartet, und immer noch ein paar Wagen vor ihm sind. Doch die anderen Taxihalten sind auch nicht leerer, wegfahren ist also sinnlos. Er beneidet mich um mein freies Wochenende und dass ich einfach spazieren gehen kann.

Der Fußweg, der hinterm Bahnhof zum Landwehrkanal führt, hat eine Besonderheit. Wenn man sich rechts durch die Büsche schlägt kann man von oben in den Zoo schauen. Die Sträucher sind an diesen Stellen schon fast alle heruntergetreten, und tatsächlich sieht man alle zehn Meter jemanden an der Brüstung. Meist sind es Familien, aber an einer Stelle steht ein altes Paar, beide schätze ich um die 80 Jahre. Sie aber schauen nicht in den Zoo, sondern stehen eng umschlungen da, was um sie vor sich geht nehmen sie nicht wahr. Was für ein wunderschönes Bild.
Auf der Brücke über der Schleuse sind beide Geländer voll besetzt: Im Kanal stauen sich die Ausflugsdampfer, weil ja immer nur eines in den Schleusentrog passt. Eltern und Großeltern erklären den Kindern was da vor sich geht. Dazwischen drängelt sich eine Gruppe älterer Herren in engen bunten Radlerhosen auf ihren Fahrrädern durch die Menschen, als dann noch ein Velotaxi die Leute zur Seite schiebt, beginnen die zu protestieren. Ich schlängle mich durch, ein Stückchen gehts durch den Tiergarten, entlang der Gaslaternen-Ausstellung. Die geht auch nördlich der Straße des 17. Juni noch weiter, vorher mache ich aber noch einen Abstecher in den ehemaligen Berlin-Pavillon. Seit ein paar Jahren befindet sich hier ein Burger-Restaurant im Stil der 60er Jahre. An der Kasse werde ich mit den Worten begrüßt, dass “das System” kaputt ist und es deshalb nichts zu essen gibt. Ich wollte sowieso nur was zum Trinken kaufen, trotzdem mache ich mir Gedanken, ob die Aussage nicht vielleicht politisch gemeint ist. Sicher nicht, der American Way Of Life kennt keine Selbstzweifel.

Dabei könnten sie schnell kommen: Keine 20 Meter weiter sitzt auf einer Bank ein Mann um die 50, das Leben hat ihm offenbar schon viele Wunden zugefügt. Tüten und Taschen stehen um ihn herum, dahinter ein Einkaufswagen, ebenfalls vollgepackt, wahrscheinlich ist es seine ganze Habe. Er schaut mir schon entgegen und bemerkt, dass ich ihn beobachte, schätzt mich ab. Dann hebt er eine Hand zum Gruß, ich grüße zurück. “Haste nen Euro?” fragt er, klar, hab ich. Dann wünscht er mir noch einen schönen Tag.
Auf dem Weg zum Hansaplatz sitzt ein dunkelhäutiges Mädchen auf dem Bürgersteig, vor sich eine Decke ausgebreitet, darauf liegen ein paar alte Hefte mit Geschichten, daneben mehrere Spielzeugautos. Hier kommt nur alle paar Minuten ein Passant vorbei, die Geschäfte laufen sicher schlecht. Sie schaut mich kaum an, sicher rechnet sie nicht damit, dass ich ihr was abkaufe. Aber da hat sie sich geirrt, denn ich entdecke ein kleines Feuerwehrauto, das ich unbedingt haben will. 50 Cent soll es kosten, weil ich ihr aber 2 Euro gebe und “stimmt so” sage, stellt sie noch einen Lastwagen dazu. Ich finde das klasse und bedanke mich, sie freut sich.

Am Hansaplatz vor dem geschlossenen Grips-Theater spielen ein paar Kids. Als ich an ihnen vorbei gehe, rufen Sie “Hey Schwuler”. Ich drehe mich um und sehe, dass sie das zu einer älteren Frau gesagt haben, die gerade aus dem Supermarkt gekommen ist. Die nimmt das aber locker, scheinbar kennen sie sich, sie droht den Jungs im Scherz an, sie zu verprügeln. Ein paar tun gleich so, als würden sie geschlagen, “Aua, aufhören!” rufen sie, dann lautes Gelächter. Die Frau stellt sich zu den Kids, während ich weitergehe Richtung Lessingstraße. Unter der S-Bahn-Brücke lag bis vor einem Jahr immer eine obdachlose Frau auf einem Vorsprung, Decken, Tüten und Schlafsack  neben sich. Sie schlief hier auch tagsüber, nun ist sie fort. Verjagt oder gestorben? Ich weiß es nicht, aber ich denke immer an sie, wenn ich hier lang komme.

Auf der Lessingbrücke steht ein Pärchen, zwei junge Männer, vielleicht Studenten, sie streiten sich. Der eine ist eifersüchtig, der andere droht auszuziehen “wenn das so weitergeht”. Dass andere Fußgänger alles mithören können stört die beiden nicht. Ich überquere die Straße und stelle mich ans Geländer, mein Blick geht runter auf die Spree. An der Kaimauer liegen drei Boote, auf einem sitzt eine Familie bei Kaffee und Kuchen. Als ein Ausflugsdampfer vorbeifährt, schaukelt es aber doch ein bisschen, doch das kann ja einen Seemann nicht erschüttern.
An der Turmstraße angekommen, gehts runter zum Bahnhof, die U-Bahn fährt wieder. Es war ein schöner Spaziergang, den Rest fahre ich aber lieber wieder. Auch in der Bahn tauche ich gleich wieder ein in das Leben einiger Leute, davon erzähle ich aber ein anderes Mal.

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