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    Meyer’s Hof

    Meyer’s Hof stand für das düstere Leben der Armen und Proletarier im Wedding. Der folgende Text ist dem Buch »Eine Reise durch die Ackerstraße« entnommen, das auch schon hier bei Berlin Street dokumentiert ist.

    Der Wedding, das war die Ackerstraße. Und die Ackerstraße, das war »Meyer’s Hof«. Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde er im ganzen Land bekannt als besonders abscheuliches Beispiel von Ausbeutung der Menschen ohne jede Rücksicht auf deren Bedürfnisse, Gesundheit oder Leben. Bis zu 2.000 Menschen lebten zeitweise in diesem Komplex Ackerstraße 132/133. Zusammengepfercht, krank, verzweifelt und oft in den Selbstmord getrieben. Meyer’s Hof war das beste Beispiel des Elends des Proletariats. Und doch war dies nur ein Ausschnitt aus der Geschichte dieses Hauses, das vorher mehr als eine Generation lang ganz anders beurteilt wurde.
    Meyer’s Hof nimmt in diesem Buch besonders viel Platz ein, weil er hundert Jahre lang für die Entwicklung in der Ackerstraße und dem Wedding stand. Trotzdem war dieser Komplex in den verschiedenen Zeiten krasser, als es der Rest des Weddings war. Dies ist aber vor allem aus seiner Größe zu erklären, denn ansonsten war er nur ein Wohnhaus unter vielen, mit den selben Problemen und Entwicklungen.
    Meyer’s Hof: Ein fünfgeschossiges Vorderhaus über die Breite zweier Wohnhäuser. Erdgeschoss, vier weitere Etagen. Dahinter: Fünf ebenso große Qiergebäude, zwölf Meter tief, jeweils im Abstand von zehn Metern, zeitweise mit Kellerwohnungen. Das sechste Quergebäude war niedriger. Die Hinterhäuser hatten in der Mitte eine Tordurchfahrt, davon gingen auf beiden Seiten die Treppenhäuser ab.
    Meyer’s Hof war über die hundert Jahre seines Bestehens keine konstante Einheit, sondern hat sich verändert. Die folgende Vorstellung von Meyer’s Hof ist deshalb auch in mehrere Teile zeitlich gegliedert, weil dadurch die unterschiedliche Entwicklung in den verschiedenen Zeitabschnitten deutlicher gemacht wird.

    Eine kleine Stadt entsteht

    Nicht nur einmal wurde Meyer’s Hof als »Stadt in der Stadt« bezeichnet. Das liegt aber nicht nur an der Größe und Abgeschlossenheit nach außen hin, sondern auch an der Vielfalt, die dieser Wohnkomplex zu bieten hatte. Denn es gab nicht nur Wohnungen, sondern auch viel Gewerbe und zeitweise soziale und kulturelle Einrichtungen in diese Komplex.
    Wieso überhaupt »Meyer’s Hof?«.
    Der Name Meyer bezieht sich auf den Bauherrn dieser Gebäude. Jaques Meyer besaß in den 70-er Jahres des 19. Jahrhunderts eine Textilfabrik in der Köpenicker Straße 18-20, auf deren Gelände auch die Villa stand, in der er bis zum Bau von Meyer’s Hof wohnte. Am 30. Dezember 1871 wurde auf das Grundstück seiner Fabrik eine bis zum 1.1.1877 zurück zu zahlende Hypothek eingetragen. Dieses Geld wurde wahrscheinlich für den Bau von Meyer’s Hof benötigt.
    1878 übernahm sein 27-jähriger Sohn Otto Meyer die Verwaltung und zog auch selbst dort hin, in das zweistöckige Verwaltungs-Gebäude auf dem 6. Hof. Otto Meyer verwaltete Meyer’s Hof bis zu seinem Tod 1920. Der Komplex war also immerhin 36 Jahre lang in Familienbesitz.
    Das Wort »Hof« wurde zur Zeit des Baus eigentlich eher für Gewerbebauten benutzt, erst später auch für Wohnkomplexe. Das zeigt, dass es in Meyer’s Hof von Anfang an üblich war, dass auch Gewerbetriebe angesiedelt wurden.
    Am Anfang gab es 257 Wohnungen und 13 Gewerbetriebe, u.a. eine Bäckerei, eine Badeanstalt und mehrere Werkstätten. Die Bewohner des Vorderhauses setzten sich zusammen aus Ladenbesitzern, Kaufleuten, Angestellten und Beamten, wobei der Begriff »Kaufleute« etwas irreführend ist. Darunter verstand man oft Handwerker, die ihre Produkte auch selber verkauften und das war in Meyer’s Hof vorwiegend der Fall. Im Laufe der 80-erJahre kamen auch noch Fabrikanten dazu, die im 4. oder 5. Hof (damit waren natürlich nicht die Höfe, sondern die entsprechenden Quergebäude gemeint) ihre Fabrik oder Werkstatt hatten. Einige der kleinen Handwerker mit eigener Werkstatt vergrößerten sich im Laufe der Zeit, sie wurden Fabrikanten und zogen dann auch ins Vorderhaus. In den Hinterhäusern lebten vor allem einfache Arbeiter und Angestellte, Arbeitslose und Witwen.
    Der weitaus größte Teil der Wohnungen bestand nur aus Stube, Küche und einer kleinen Kammer. Das waren natürlich die in den Quergebäuden. Dabei waren die Wohnungen auch keine abgetrennten Einheiten, wie man es heute kennt, sondern auf jeder Etage gab es einen langen Flur, von denen die jeweiligen Zimmer abgingen. Man musste also, um z.B. von der Küche in die Stube zu gelangen, über den gemeinsamen Flur. Weil dieser aber in der Mitte des Gebäudes lag, war er immer duster.
    Eine Toilette hatten die Mieter zu dieser Zeit in den Hinterhäusern noch nicht, diese gab es nur auf den Höfen. Und sie wurden auch nur zweimal täglich von einem zentralen Wasserspeicher auf dem Dachboden des 6. Gebäudes aus gespült. Lediglich im Vorderhaus und im Verwaltungs-Gebäude gab es eigene Toiletten. Erst viel später sind dann auch in den anderen Häusern Toiletten eingebaut worden, an den Treppenfluren, immer zwei für eine Etage. Eigene Wasserhähne gab es für die Mieter in den ersten Jahren auch nicht, man musste immer auf den Treppenflur zum gemeinsamen Wasserhahn.
    Jaques und später auch Otto Meyer ließen die Häuser oft umbauen, vor allem, wenn ein Gewerbebetrieb einziehen oder sich vergrößern wollte. Dabei fällt auf, dass sie in den 36 Jahren, in denen sie selbst die Verwaltung besorgten, kein einziges Mal rechtzeitig einen Bauantrag bei der zuständigen Polizeibehörde stellten. Sämtliche Bauanträge für Dutzende von Umbauten wurden nachträglich gestellt und auch erst, wenn der betreffende Umbau von der Polizei entdeckt wurde oder von irgend jmandem verraten wurde. Offensichtlich lieferten sich die Meyers ein kleines Spielchen mit der Polizei.
    Zu dieser Zeit war Meyer’s Hof immer eine Baustelle. Denn die von den Gewerbetreibenden gewünschten Umbauten wurden meist prompt erledigt. Und oft waren diese Vorreiter für Einrichtungen, die dann später auch die Wohnmieter bekamen. Zum Beispiel die Toiletten, Dampfheizungen, Gas und Strom. Die Betriebe erhielten auch eigene Dampfmaschinen, viel später sogar einen Aufzug. Aber auch in den Wohnungen wurden neue Wände gezogen, Durchbrüche gemacht, Räume zusammengelegt, andere getrennt. Für diese Zeit kann man sagen, dass auf die Wünsche der Mieter wirklich eingegangen wurde.
    Über die Lebensverhältnisse der Mieter in den ersten dreieinhalb Jahrzehnten ist kaum etwas überliefert worden. Trotzdem aber noch soviel, dass man von einer relativ humanen Belegungszahl der Wohnungen ausgehen kann, auch wenn schon zur Zeit des Baus gerade im Wedding Wohnungsnot herrschte. Denn die vielen hier entstehenden Betriebe brauchten ja Arbeiter und diese wollten nicht nur arbeiten sondern auch wohnen. Anscheinend waren die Meyers nicht so unverfroren und geldgierig wie die folgenden Eigentümer, die Meyer’s Hof bis zum letzten Meter mit Menschen vollstopften, an denen sie dann verdienen konnten. Allerdings gab es in den erstenJahren auch Keller-Wohnungen, die erst Anfang der 30-er aufgelöst wurden (allerdings durch baupolizeiliche Verfügungen, nicht aufgrund humanitärer Anwandlungen des neuen Besitzers). Über Probleme in den Anfangsjahren berichtet ein Zeitungsartikel:
    »Noch vor Bauvollendung wurde das Gebäude von wohnungssuchenden Mietern gestürmt und in Besitz genommen. Eine schlechte Mieterschaft nistete sich ein, und als der jetzige Besitzer im Jahre 1878 das Grundstück übernahm, war es in der kurzen Zeit völlig verwahrlost. Von der Mieterschaft, die der Besitzer Herr Otto Meyer jetzt antraf, gab er mir einige drastische Schilderungen. Miete zahlten überhaupt nur die wenigsten, und die sich nur auf das Nichtzahlen beschränkten, waren eigentlich noch die besseren Elemente. Einzelne gingen noch viel weiter. Einer der Mieter, von Beruf Töpfer, hatte die Kachelöfen seiner Wohnung abgerissen und verkauft. Ein anderer handelte mit Weihnachtsbäumen, er hatte den Fußboden seines Zimmers aufgebrochen und die Bretter zu Baumstützen und Unterlagen zersägt.
    Der Besitzer nahm sich nunmehr vor, seinen Hausbesitz in die Höhe zu bringen, indem er nur solide Mieter herein nahm, aber zu billigen, nicht steigerbaren Mieten vermietete. Bald hatte sich eine seßhafte Mieterschaft eingefunden.
    Die Geschichte dieser Hausverwaltung, des Niedergangs, des Verfalls, des Aufsteigens ist gewiß lehrreich. Es genügt, ein altes, gut verwaltetes Haus mit verwahrlosten Gebäuden zu vergleichen, um zu erkennen, wieviel hier von der Tätigkeit und der Arbeit – oder der Nichttätigkeit – des Hausbesitzers abhängt.«
    1877 wurde das 59. Polizeirevier in Meyer’s Hof eingerichtet, dessen Leiter Thiele auch in dem Haus wohnte. 1884 veröffentlichte Julius Rodenberg die erste bekannte literarische Beschreibung von Meyer’s Hof:
    »Endlich bietet sich mir auch in der Ackerstraße noch ein Anblick, welcher allein genügen würde, den ungeheuren Abstand zwischen Einst und Jetzt darzuthun, oder gewissermaßen in einem Bilde zu zeigen: Ich meine die Meyer’schen Familienhäuser, welche den Platz einnehmen, wo früher die Baracken des Voigtlandes gestanden haben. Auch damals gab es hier schon Familienhäuser. Aber wie es darn ausgesehen, das ist in dem Buche Bettina von Arnim beschrieben. Wenn man mit solchen Zuständen die gegenwärtigen Familienhäuser vergleicht, dann begreift man, welche Fortschritte wir seitdem gemacht haben. Colossal in ihrem Umfange, geben sie dem Verhältniß sichtbaren Ausdruck, in welchem mit sparsamster Ausnutzung des vorhandenen Raumes zugleich für das häusliche Wohlbefinden und die sanitäre Zukömmlichkeit großer, dicht zusammen wohnender Menschenmengen gesorgt werden kann. Diese Familienhäuser sind Mietshäuser mit etwa fünfhundert Einwohnern. Sie gleichen einer kleinen Stadt, wimmelnd von Menschen und mit jeder Art von Hantierung. Die Front des Hauptgebäudes, mit zwei mächtigen Portalen, flankiert die Ackerstraße; dahinter öffnen sich fünf Höfe, jeder mit zwei vierstöckigen Quergebäuden, durch welche ein gewölbter Durchgang führt, mit zwei Seiteneingängen für die Häuser selbst.
    In den Höfen herrscht das Leben einer Straße: Kinder spielen fröhlich umher, Werkstätten von jeglicher Beschaffenheit sind in vollem Betrieb, und Frauen, welche Grünkram und Obst feilhalten, sitzen an den Ecken. Den Hintergrund des letzten Hofs bildet eine Badeanstalt mit einer großen Uhr, welche die Zeit in diesem Gebäudecomplex regelt, und vorn, am Straßenportal, hängt eine fast die ganze Wand bedeckendeTafel mit den Namen der Einwohner, daneben allerlei sonstigen Benachtigungen. Ich muß sagen, daß dies Alles einen guten Eindruck machte, wie ich bei Zwielicht die Höfe durchschritt, in welchen so viele Hunderte dicht zusammen leben und dennoch einander nicht im Wege sind. Die Luft in den angemessen geräumigen Höfen war nicht schlecht, und als ich sie verließ, fingen eben die Gaslaternen an, ihr reichliches Licht in denselben zu verbrennen.«01

    Polizeianzeige vom 14. Juni 1884: »Die tiefen Lichtschächte vor den Kellerfenstern auf dem Hofe entbehren jeglicher Abdeckung oder Umfriedung, so daß daraus Gefahr für Passanten des Hofe namentlich aber für spielende Kinder entstehen kann.« Jaques Meyer wurde aufgefordert, die180 (!) bis zu 1,5 m tiefen Lichtschächte der Kellerwohnungen innerhalb von 14 Tagen vergittern zu lassen.
    Polizeianzeige vom 10. Juli 1891: »Spülung der Closetts befreffend. Auf dem Grundstück befinden sich 4 Closettgebäude, welche zwar an die städtische Kanalisation angeschlossen sind, jedoch der Einzelspülung entbehren; vielmehr haben sämtliche Closetts eines Gebäudes eine gemeinschaftliche Spülung, welche von dem Verwalter des Grundstücks jeden Tag angeblich 2-3 mal vorgenommen wird.
    Meyer hat im hinteren Teil des Grundstücks ein Wasserreservoir angebracht, von welchem der Wasserbedarf nach den Wohnungen, wie auch zu den Closetts geleitet wird. Wenngleich die besagte Einrichtung in sanitätspolizeilicher Beziehung zu klagen noch keine Veranlassung gegeben hat, so stellt das Revier doch gehorsamst anheim, ob nicht auf Grund der bestehenden Bestimmungen die Einzelspülung der Closetts zu verlangen sein dürfte.«
    Doch der Antrag scheiterte, da die Verordnungen lediglich das Vorhandensein von Toiletten regelte, nicht aber die Art der Toiletten.

    Anonyme Postkarte an das Polizeirevier (mittlerweile am Gartenplatz 4) vom 28. Juni 1893: »Ersuche sie freundlichst, den Kaufmann Jintze, wohnhaft hier, anordnen zu wollen seinem Comis eine andere Schlafstelle anweisen zu lassen. Da die betreffende Schlafstelle ein Hängeboden der kaum 4 Fuß hoch ist und auch kein genügendes Fenster zu lüften vorhanden ist.«
    Polizeianzeige vom 2. September 1894: »Am 31. August hat der Eigentümer Meyer auf seinem Grundstück, 2. Hof paterre, zwei Fachwerkwände gänzlich entfernen und in zwei massive Scheidewände Türlöcher einreißen lassen. Zweck der ohne baupolizeiliche Genehmigung ausgeführten Arbeiten ist die Herstellung zusammen hängender Räumlichkeiten zur Unterbringung einer Kochschule für Mädchen der arbeitenden Classen.«
    Beschwerde von zehn Mietern des 5. Quergebäudes vom 17. Mai 1895: »In dem vorstehend erwähnten Quergebäude hat der Buchdrucker W. Manteuffel einen Gasmotor aufstellen lassen, welcher von morgens bis nachmittags 4 Uhr im Betriebe. Hierdurch sind unerträgliche Zustände eingetreten. Nicht allein, daß alles in den Wohnungen stets hin und her schwankt, Winde und Decken haben derartige Risse bekommen, daß der Putz davon abfällt und selbige einzustürzen drohen. Der Zustand ist geradezu lebensgefährlich und seitens des Eigenthümers des Grundstücks eine Abhüfle nicht zu erwarten.«
    Die Besichtigung durch die Bauinspektion ergab, dass der Gasmotor falsch eingestellt war und es deswegen zu den starken Schwingungen kam. Nach der Reparatur war Ruhe.
    1897 wurden in den fünf Quergebäuden insgesamt 51 Toiletten eingebaut. Das entspricht einem WC pro Aufgang und Etage. Danach sind die Toiletten-Anlagen auf den Höfen abgerissen und stattdessen dort Verkaufsstände (1. und 2. Hof) und Pferdeställe (3.-5. Hof) aufgebaut worden.
    Am 28. Oktober 1904 gab Otto Meyer bekannt, dass das Grundstück Tag und Nacht bewacht wird und die ganze Nacht hindurch beleuchtet war. Ein Privatwächter musste nachts jede halbe Stunde seine Runde drehen. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Verhältnisse in Meyer’s Hof zu dieser Zeit einigermaßen geordnet verliefen.
    Von 1874 bis 1910 gab es Dutzende, vielleicht sogar Hunderte Gewerbebetriebe in Meyer’s Hof. Meist waren dies aber keine Firmen, sondern nur einzelne Menschen, die in ihrer Wohnung etwas herstellten oder verarbeiteten. Neben vielen »üblichen« Betrieben waren in Meyer’s Hof auch folgende zu finden: Fünf Cigarrenmacher, eine Grünkramhandlung, die 13. Volksküche, eine Bildhauerwerkstatt, drei Mostrichfabriken, das Vereinslokal der Methodisten-Gemeinde, eine Nudelfabrik, die »Erste Berliner Wäschenäherei«, eine Knopf-Fabrik, ein Bierverlag, ein Depot der Straßenreinigung, eine Filzplattenfabrik, eine Honigkuchen-Fabrik, eine Pantoffelfabrik, eine Cylinderputzer-Fabrik, eine Reisekoffer-Fabrik, eine Bindfadenhandlung, eine Kesselschmiede, eine Glasbuchstaben-Fabrik, eine Schirmstockfabrik, drei Sackhandlungen, eine Haarnadelfabrik, eine Kochschule des Zweigvereins des Vaterländischen Frauenvereins, eine Papiertüten-Handlung, eine Waschanstalt, eine Cartonfabrik, eine Bürstenhölzer-Fabrik, eine Perlmuttschleiferei, eine Kammfabrik, eine Badeanstalt, eine Gänsehandlung, ein Instrumentenmacher, eine Ladenkassenfabrik, eine Eierkognak-Fabrik, ein Metallfaden-Lampenwerk, eine Milchverdampfung, eine Blumendünger-Fabrik, eine Hutfabrik und schließlich eine Sarghandlung…

     Das Spekulationsobjekt

    Seit dem Bau von Meyer’s Hof waren nunmehr 36 Jahre vergangen. Über die Zeit zwischen 1910 und Ende der Zwanziger ist nicht bekannt, dass es noch bedeutendere Umbauten gegeben hätte. 1920 starb Otto Meyer und damit begann auch der Abstieg von Meyer’s Hof. Vorübergehend waren noch »Meyers Erben« die Eigentümer, doch zur gleichen Zeit kam die Firma Keyling & Thomas ins Spiel. Diese war bereits auf dem benachbarten Grundstück Ackerstraße 126-129 niedergelassen und betrieb dort eine Eisengießerei. Der Betrieb nahm mehrere große Grundstücke zwischen der Ackerstraße und der Gartenstraße in Beschlag. Doch weil ihr der Platz nicht reichte, begann die Firma damit, auch benachbarte Grundstücke aufzukaufen, um sie dann mit eigenen Gebäuden neu zu bebauen. In der Ackerstr. 123-125 und der Gartenstr. 46 und 47 wurde die ursprüngiiche Bebauung durch neue Gießereihallen ersetzt. Doch mit Meyer’s Hof sollte es Probleme geben.
    Die Firma Keyling & Thomas, mittlerweile umbenannt in Eisengießerei AG, wurde am 21. September 1921 neuer Eigentümer der Ackerstr. 132/133. Als erstes begannen sie damit, das letzte Gebäude in Meyer’s Hof umzubauen, in dem sich bis dahin eine Badeanstalt und die Haus-verwaltung befunden hatte. Stattdessen richtete man in diesem Gebäude eine »Kernmacherei« ein. Die Pläne für Meyer’s Hof waren klar: Abriss der Wohnhäuser, Neubau von Produktions-Gebäuden. Doch da die Eisengießerei nicht schnell genug war, kam ihr 1923 das neue Mieterschutzgesetz dazwischen. Dadurch wurden die Pläne über’n Haufen geworfen, denn nun konnte der Wohnkomplex nicht mehr einfach entmietet werden. Da die Pläne mit dem Grundstück damit zerstoben waren, wurde Meyer’s Hof für die Firma uninteressant; man ließ ihn verkommen, vielleicht auch in der stillen Hoffnung, das Problem würde sich auf diese Art bald von allein lösen. 1927 verließ die Eisengießerei AG dann aber den Standort Wedding und siedelte nach Britz um.

    Im Sommer desselben Jahres verkaufte sie Meyer’s Hof an die »Union Baugesellschaft«, die das Grundstück aber lediglich zu Spekulationszwecken haben wollte. Denn schon am 6. September 1927 bot die Union das Gelände dem Bezirk Wedding zum Kauf an. Anscheinend hatte sie mitbekommen, dass der Bezirk durch das Grundstück eine neue Straße bauen wollte und erhoffte sich dadurch hohe Profite. Es sah auch ursprünglich so aus, dass der Deal schnell vonstatten gehen konnte, doch stritt man im Bezirksamt über die korrekte Straßenführung. Darüber verging Monat um Monat, bis schließlich – zweiJahre später! – der Bau der Straße und damit auch der Kauf des Grundstücks wieder verworfen wurde. Die Union Baugesellschaft hatte in der Zwischenzeit immer wieder zum Kauf von Meyer’s Hof gedrängt, da sie selbst in große finanzielle Schwierigkeiten gekommen war. Gleichzeitig wies sie auch auf die schlimmen sanitären Zustände in dem Haus hin, um damit eine Beschleunigung der Entscheidung zu erreichen. Doch an diesen Zuständen änderte sie nichts. Wie schon zuvor für die Eisengießerei war auch für die Union nur das Grundstück von Interesse, die darauf lebenden Menschen störten nur.
    Im April 1929 verkaufte die Union Baugesellschaft Meyer’s Hof schließlich an die »Norddeutsche Immobilien AG«, zu einem Preis von 170.000 Reichsmark – einem Viertel der Summe, die sie ursprünglich vom Bezirk gefordert hatte.
    Doch schon am 24. Januar 1930 wurde Meyer’s Hof wieder verkauft, diesmal an den Kaufmann Dr. Alexander Turmarkin. Unter seiner Verwaltung ging das Haus nun vollends den Bach runter und wurde zum verrufensten Gebäude Berlins.

    Die 1920er Jahre

    Da es wenig Berichte über die 20-er Jahre in Meyer’s Hof gibt, beschränkt sich das folgende Kapitel vor allem auf’s Ende der Zwanziger bis 1930. Allerdings sind die hier beschriebenen Zustände eben nicht erst zu diesem Zeitpunkt eingetreten, sondern entwickelten sich seit 1921 in diese Richtung.
    Ab 1929 wurde Meyer’s Hof berühmt bzw. berüchtigt als Hochburg des »proletarischen Milieus«. Aufgrund der Wohnungsnot wurden die Wohnungen mehrfach belegt und vollgestopft. Im selben Jahr starb auch der Berliner Maler Heinrich Zille. Und obwohl er kein einziges Bild nachweislich in Meyer’s Hof gezeichnet hatte, wurde das Haus bald die »Zilleburg« genannt. Dies hängt sicher damit zusammen, dass sich die Zeichungen bei Zille und die Zustände in Meyer’s Hof praktisch nicht voneinander unterschieden. Allein 1929 erschienen fünf größere Zeitungs-Artikel über Meyer’s Hof, alle versehen mit zahlreichen Abbildungen. Doch anders als früher galt der Komplex nun als abschreckendes Beispiel.

    Die »Ackerritze«

    »Die Bernauer ist eine eher langweilige Straße. Ein paar Kellerkneipen, zwei Gemüseläden, eine Litfaßsäule, mehr gibt es nicht zu sehen. Und auch die Ackerritze ist längst nicht so breit wie die Brunnenstraße, besitzt nicht so viele Geschäfte. Aber es ist seine Straße. Hier hat er seine ersten Schritte getan, kennt jeden Pflasterstein, jedes Murmelloch und jedes zweite Gesicht, das ihm entgegenkommt. Im Hauflur ist es angenehm kühl. Das ist ein Vorteil dieser Häuser, in denen man im Wnter gar nicht so schnell heizen kann, wie man friert, im Sommer wird es nie sehr heiß, wenn man nicht gerade unter’m Dach wohnt.*

    Zuerst tauchte er in der Literatur bei Franz Hessel auf. In seinem Buch »Spazieren in Berlin« beschreibt Hessel eine Wanderung von der Leipziger Straße in Richtung Norden, wobei er auch in die Ackerstraße verschlagen wird: »Durch die Ackerstraße nach dem Wedding zu. Selbst diese traurige Gegend bekommt etwas vom Weihnachtswald und bunten Markt ab. Aus dem Hof der riesigen Mietskaserne, dem ersten Hof – sie hat wohl fünf oder sechs, eine ganze Stadt wohnt darin. Alle Arten Berufe lassen sich erraten aus den Anschlägen: Apostelamt, Pumpernickelfabrik, Damen- und Burschenkonfektion, Schlosserei, Lederstanzerei, Badeanstalt, Drehrolle, Fleischerei… Und noch soundso viel Schneiderinnen, Näherinnen, Kohlenmänner, die in den endlosen, graurissigen Quergebäuden hausen.
    Die Wölbungen dieser Torgänge geben dem Großstadtelend wenigstens noch ein Gesicht. Sonst ist es hier im Norden wie auch in den proletarischen Teilen von Schöneberg oder Neukölln den Häusern von außen meist nicht anzusehen, wieviel Armut sie bergen. Wie die Menschen, so haben auch die Gebäude eine heruntergekommene Bürgerlichkeit. Sie stehen in endloser Reihe; Fenster an Fenster, kleine Balkons sind vorgeklebt, auf weichen Topfblumen ein kümmerliches Dasein fristen. Um eine Vorstellung vom Leben der Bewohner zu bekommen, muß man in die Hof vordringen, den traurigen ersten und den traurigeren zweiten, man muß die blassen Kinder beobachten, die da herumlungern und auf den Stufen zu den drei, vier oder mehr Eingängen der lichtlosen Quergebäude hocken, rührende und groteske Geschöpfe, wie Zille sie gemalt und gezeichnet hat.«
    Am 1. Mai 1929, dem sogenannten »Blutmai«, erschien dann in der »Arbeiter-Illustrierten-Zeitung« (AIZ) die erste Foto-Reportage über Meyer’s Hof. In den Fotografien erkannte man krasse Bilder aus der Wirklichkeit. Der Hoffassaden-Ausschnitt zeigte die gleiche Heruntergekommenheit der Bausubstanz und ließ zum ersten Mal erkennen, dass für die Instandhaltung des Hofes nichts mehr getan wurde, seit Meyers Erben verkauft hatten.
    Einige Monate später, am 5. September 1929, erschien eine zweite Fotoreportage, diesmal im »Weltspiegel«. Unter dem Titel »Die Ackerstraße 132/133 lädt zum Ball« berichteten die beiden Journalisten von einem Hoffest, an dem sie offensichtlich teilgenommen haben. Dieses Fest fand traditionell am 4. August statt. Im Gegensatz zum AIZ-Artikel wurde nun nicht das Kaputte und Elende in der Vordergrund gestellt, sondern das »Milljöh«.

    In einer Beilage berichtete die »Berliner Morgenpost« am 31. Oktober 1929 über Meyer’s Hof: »Über Berlin kreisen Flugzeuge, unter der Erde rattern Untergrundbahnen, durch die Ackerstraße zwängen sich zweistöckige Autobusse, denen die erste Mieterin in Meyershof, Frau Minna Riedel, jetzt eine schwerhörige Greisin, noch immer etwas mißtrauisch nachsieht. Nur an dem Haus der tausend Menschen, Ackerstr. 132, hat sich nichts wesentliches verändert. Der Glanz der Mauern ist zwar verblichen, und von den Fassaden springt in großen Blättern der Putz ab. Aber noch immer steht es wie eine Burg, deren Höfe, wenn es dämmert, Burgverließen ähneln, in die ein freudloses Schicksal sonnenhungrige Großstadtkinder geworfen hat.
    Hunderte gehen jeden Morgen mit frischen Augen auf den Weg zur Arbeit und kehren abends müde wieder in das Haus zurück, das selten einen Bewohner loszulassen scheint, ehe der Tod ihn abruft.
    Eine jede Laune unseres vielfältigen Schicksals ist innerhalb der Wände von Meyershof erlebt worden. Mehr als 1.000 Ehen wurden geschlossen, 500 Frauen haben ihre Kinder zur Welt gebracht. Geschäftsleute sind zugrunde gegangen, und andere haben Erfolg gehabt. Im Nachbarhaus ist vor 38 Jahren die zwölfjährige Lucie Berlin von einem Lustmörder getötet worden. 150 Hausbewohner haben Meyer’s Hof im Sarg verlassen, den ihnen der Tischler im Paterre gezimmert hat. Einer hat sich erhängt, andere ließen den Gashahn offen… Eine Generation hat den Krieg mitgemacht und ist vom Sensenmann dahingemäht worden.«
    In einem Interview über das Leben in Meyer’s Hof erzählte der Bewohner Harry Kopisch später: »Das große Tor war während der Arbeitszeit auf. Danach wurden das Tor und die Aufgänge abgeschlossen. In der ersten Zeit gab es extra einen Nachtwächter, da hat man noch keinen Schlüssel gehabt, den mußte man rufen. Dann kam der an und hat erstmal geguckt: Wer ist denn das, wo wollen Sie hin? Wenn man bekannt war, wurde man reingelassen. Er hatte im ersten Quergebäude im Durchgang sein Kabäuschen. Links, zum zweiten Hof hin, war eine kleine Tür mit einem Verschlag, da hat er Bett, Tisch und einen Ofen drin gehabt. Als er dann 1928 starb, folgte ihm keiner mehr nach. Vater Block, der alte Hauswart, hat das auch nicht übernommen. Eine Zeitlang haben sie das Tor dann noch zugesperrt, und jede Familie hatte ihren Schüssel, der so groß war, daß man einen Menschen damit totschlagen konnte. Aber dann hat sich kein Mensch mehr drum gekümmert, und das Tor blieb offen.«

    Meyer’s Hof

    »Nolle wohnt in Meyer’s Hof wie das Haus Ackerstraße 132/133 nur genannt wird. Es hat schon mehrfach den Besitzer gewechselt und gehört jetzt einem Russen namens Tumerkin. Dieser Tumerkin steckt nichts, aber auch gar nichts in das Haus, um es wenigstens ein bischen wohnlicher zu machen, will nur die Miete kassieren. Es heißt sogar, er hätte das Haus noch nie gesehen. Doch nicht wegen dieses Meyer oder Tumerkin ist das Haus so berühmt geworden, sondern wegen der sechs Hinterhöfe und der unbeschreiblichen Enge der Räume. Über zweitausend Mieter leben hier. Und dazu sind die Wohnungen noch so feucht, daß die Kinder die hier leben spotten, sie hatten Wohnungen mit fließendem Wasser – immer an den Wänden runter.«02

    Der Mieterstreik

    Am 24. Januar 1930 erwarb Alexander Tumarkin Meyer’s Hof. Er kümmerte sich genauso wenig um den Komplex wie seine Vorgänger. Allerdings wurde er in den ersten Jahren der Nazizeit gezwungen, etwas für das Erscheinungsbild von Meyer’s Hof zu tun, was aber nicht viel mehr als Kosmetik war. 1938 oder 1939 verschwand Tumarkin in die USA und erzählte dort, dass er als Jude rumänischer Abstammung enteignet worden sei. Nach dem Faschismus, 1950, stellte er von New York aus einen Antrag auf Wiedererstattung seines angeblich enteigneten Besitzes. Doch es stellte sich heraus, dass er gar nicht enteignet worden, sondern anscheinend vor den hohen Schulden geflohen war.
    Als Tumarkin 1930 Meyer’s Hof übernahm, beantragte er bei der Städtischen Baupolizei im Bezirksamt Wedding eine Ausnahme-Regelung zur Rückverwandlung von Gewerbe- zu Wohnräumen. Das 5. Hinterhaus, das Jahre zuvor zu einem reinen Fabrikgebäude umgebaut worden war, stand zum Großteil leer. Durch die Wirtschaftskrise war an eine Neuvermietung zu Gewerbezwecken nicht zu denken, stattdessen suchten Hunderttausende eine bezahlbare Wohnung, mehrere zehntausend Menschen saßen auf der Straße. Da ließ sich natürlich aus dem Haus wieder mal ein Geschäft machen. In der Folgezeit wurden Teile des 5. Quergebäudes mit Einraum-Wohnungen bebaut, in die Menschen einzogen, die vorher in größeren Wohnungen gelebt hatten. Doch bei der riesigen Arbeitslosigkeit konnten sich viele die größere Wohnung nicht mehr leisten und mussten sich in ein einziges Zimmer quetschen.
    Ansonsten wurde in Meyer’s Hof auch weiterhin nichts repariert. Am 13. April 1931 wandten sich die Mieter Heising und Köhler aus dem 2. Quergebäude an die Baupolizei: »In Anbetracht der vielen Mißstände, die in dem berüchtigten Meyershof herrschen, möchten Unterzeichnete ebenso höflich wie dringend bitten, Meyershof einen Besuch abzustatten. Die Höfe und hauptsächlich die Einfahrt von der Straße bis zum 4. Hof sind in solch schlechtem Zustand, daß Unglücksfälle gar nicht ausbleiben.
    Gefährlich wirken auch die Fassaden, die man bei und nach schlechtem Wetter nur mit Lebensgefahr spazieren kann. Auch fahren hier Radfahrer, Autos und Lastautos mit großer Geschwindigkeit auf den Höfen, daß sich die Bewohner, hauptsächlich Kinder und alte Leute, in steter Lebensgefahr befinden. Nach allen Verhandlungen, die wir mit der Verwaltung und dem Hauswirt geführt haben, blieb bisher alles erfolglos.
    Wir bitten nun die Baupolizei, uns in dieser Sache zu unterstützen und stehen zu jeder Zeit zur Verfügung.«01

    Mit dieser Eingabe war es das erste Mal, dass zwei Mieter für alle sprachen, nicht nur für die eigenen Interessen. Bei einer Besichtigung lässt sich die Baupolizei von der Hausverwaltung mit der Zusage abspeisen, dass die nötigen Arbeiten bereits in Auftrag gegeben worden seien. Tatsächlich wurde dann aber im Juli 1931 nur damit begonnen, den Putz von den Wänden abzuklopfen, ohne ihn zu erneuern. Die Mieter in Meyer’s Hof setzten dem aber zunehmend Widerstand dagegen, weil sie zu Recht fürchteten, dass sich dadurch die Wände mit Wasser vollsaugen und das Wohnen dort noch gesundheitsschädlicher wird. Die Arbeiten wurden aufgrund des Widerstands abgebrochen.
    Am 3. August 1932 ging die Mieterin Adamczak zur Baupolizei, weil das Wasser nur noch völlig verdreckt aus den Leitungen kam. Doch auch nach einer Entnahme von Wasserproben änderte sich nichts, die Mieter wurden mit ihrem Problem allein gelassen. So wurde August Heising im Oktober 1932 von den Bewohnern als Mietersprecher gewählt und verfasste einen Beschwerdebrief an die Baupolizei, in dem er verlangte, dass die Fassaden neu verputzt werden. Außerdem beschrieb er Klagen vieler Mieter über Rauchbelästigungen beim Feuern der Kochmaschinen und beim Heizen der Ofen.
    »Weiterhin ist das aus der Wasserleitung fließende Wasser vollständig verschmutzt, trübe, dunkelgefärbt und ungenießbar. Ich beantrage, dem Vermieter aufzugeben, in möglichst kurzer Frist die oben angeführten Mängel beseitigen zu lassen.«

    Doch wieder geschah nichts. Die Mieter hatten genug, am 29. Dezember 1932 hielten sie eine Versammlung ab. Sie beschlossen, ab dem 1. Januar 1933 solange keine Miete mehr zu zahlen, bis ihre Forderungen erfüllt werden:
    1. Vollständige Renovierung des gesamten Komplexes, 2. reines Trinkwasser, 3. Rücknahme sämtlicher Exmissionsklagen, 4. Streichung der rückständigen Mieten, 5. Senkung der Mieten um 25%. Hinter diesem Beschluss standen 227 von 230 Mietparteien! Nur die drei Nazis weigerten sich, den Beschluss mitzutragen.
    Zu dieser Zeit gab es in Berlin bereits eine Mieterstreikbewegung. Allerdings ist diese in der Literatur kaum belegt, man muss vor allem in der damaligen Tagespresse suchen. Und da war es vor allem die »Rote Fahne« der KPD, die darüber berichtete: Zum Beispiel über zwei Streiks in der zu Wohnzwecken umgebauten Kaserne Neue Friedrichstraße 99 und der »Wanzenburg«, dem ehemaligen Stadtgefängnis, deren Zellen ebenfalls vermietet wurden. Fast täglich fanden sich Berichte von Häusern, die den Mietstreik beschlossen oder erfolgreich beendet hatten, von Exmittierungen, die verhindert, oder leer stehenden Wohnungen, die besetzt wurden. Begonnen hatte diese Bewegung mit dem Beschluss der Mieter von 14 Wohnhäusern in der Swinemünder Straße, und zwar in dem kurzen Abschnitt zwischen Arkonaplatz und Zionskirchplatz im Stadtbezirk Mitte. 300 Mietparteien verweigerten dort seit dem 12. August 1932 die Mietzahlung. In Hunderten von Wohnhäusern wurden in den Monaten danach Mieter-Versammlungen abgehalten, Kampfleitungen wurden gewählt.
    Ursache der Streiks waren natürlich zum einen die zu hohen Mieten, zum anderen die immer höhere Zahl der Arbeitslosen, die 1932 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Eine alte Frau formulierte einen Satz, der sich dann wie ein Lauffeuer verbreitete und zum Motto der Bewegung wurde: »Erst kommt bei uns det Essen!«

    Die Polizei versuchte zunächst eine Ausweitung der Streikbewegung durch Verhaftungen zu verhindern. So wurden am 18. August 1932 fast alle Mieter der Lychener Straße 18 im Prenzlauer Berg verhaftet, als sie eine Mieterversammlung abhielten. Am nächsten Tag dasselbe mit 63 Verhaftungen in der Liebenwalder Straße 41 im Wedding. Doch das konnte nicht verhindern, dass am folgenden Tag 120 Familien im umgebauten Gefängnis am Molkenmarkt, der Wanzenburg, mit dem Streik begannen. Dieser endete erstmals relativ erfolgreich, die Miete wurde um 40% herabgesetzt.
    Die Mieter der Köpenicker Str. 34/35 begannen am 1. September ebenfalls zu streiken und verwandelten das ganze Haus in eine einzige Kampfburg. Meterlange, auf den Bürgersteig gemalte Pfeile wiesen in eine kleine Gasse, einen Fabrikzugang, von dem man gieichzeitig in die bestreikten Häuser gelangte. Den schmalen Hof umschlossen zwei große Mietshäuser und eine Fabrikmauer, auf der in meterhohen Buchstaben die Parole »Erst das Essen, dann die Miete« prangte. Aus den Fenster hingen 30 rote Fahnen, vor einem Treppenaufgang stand: »Hier wird gestreikt, wir wollen leben«. Über einem Kellerfenster: »Hier verkommen unsere Kinder«. Von den 30 Kindern im Haus hatten zwölf Tuberkulose. Ein Pfeil zeigte fragend auf ein anderes Kellerloch: »Licht, Luft und Sonne für alle?«.
    Dieses Haus wurde Anlauf- und Kontaktstelle der Streikbewegung, hier konnten sich Mieter aus ganz Berlin über die Methoden dieses Kampfes informieren. Und das Interesse war riesig: Zum 1. November 1932 traten abgesprochen ganze Straßenzüge in den Mietstreik, z.B. die Kösliner Straße (Wedding) und die Fischerstraße (Mitte). Ende November griff die Bewegung auch auf die großen Neubausiedlungen der Wohnungsbau-Gesellschaften über. Hier vor allem mit der Forderung für weniger Miete. Bei einer Massenversammlung der »Gagfah«-Gesellschaft, an der 7.000 Mieter teilnahmen und einer Versammlung von 2.800 »Roland«-Mietern wurden massiv Forderungen nach niedrigerer Miete laut.

    Es war vor allem die KPD, die sich in der Streikbewegung engagierte, allerdings kann man nicht nur von einer KPD-Bewegung sprechen. Im November gab auch die Parteiführung der SPD bekannt, dass sie die Streiks unterstütze, sie konzentrierten sich jedoch mehr auf die Mietminderungs-Forderungen in den Neubaublöcken. Zu den katastrophalen Bedingungen in den vielen Altbauten äußerte sich die SPD kaum.

    Das Loch

    »Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finsteren, stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat. Sie werden hineingesteckt, und zum Schluß überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch gerade aus diesem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.«

    Kurt Tucholsky, 1931

    Als sich Meyer’s Hof um die Jahreswende 1932/33 nun ebenfalls den Streiks anschloss, war dies ein Signal. Nun berichteten auch breitere und bürgerliche Medien ausführlicher über die Beweggründe und Ausmaße der Streikbewegung. Am 6. Januar 1933 schrieb die »Welt am Abend« über die Verhältnisse in Meyer’s Hof:
    »Die rissigen Fassaden der Hinterhanser sind mit roten Schriften überzogen, aus unzähligen Fenstern hängen rote Fahnen und von den Wänden leuchten rote Transparente. An einer kahlen Mauer schreit der Satz: »Wir wollen als Menschen leben!«, auf einem weiteren Transparent sind die Worte geschrieben: »Erst die Kinder satt, dann dem Hauswirt watt«. Überall haben die Mieter ihre Kampfansagen angebracht. Es ist ein gespenstischer Spaziergang, durch die dunklen schluchtartigen Höfe zu laufen, und überall von roter Farbe begrüßt zu werden: Die Streikleitung besteht aus kommunistischen, sozialdemokratischen und parteilosen Arbeitern. Wir kämpfen um nacktes Menschenrecht, wir wehren uns unserer Haut, erklären die Mieter.
    Wir gehen in eine Wohnung; ihr Inhaber, ein alter Mann, nimmt ein Glas und füllt es aus der Leitung: Es ist eine schwarzgraue, fast undurchsichtige, mit kleinen Sandkörnchen durchsetzte Flüssigkeit. In einer anderen Wohnung ist das Leitungswasser nicht schwarz, sondern gelb und milchig. Wahrscheinlich sind die Rohre versackt und verfilzt und möglicherweise verschiedene angebrochen, so daß sich der Unrat mit dem Wasser vermengen kann.
    Der Steinboden im Hof hat große Löcher. Es gibt keine Nachtbeleuchtung, ein Fremder würde sich glatt die Beine brechen. Die Dächer der Häuser sind defekt: Bei Regen prasselt das Wasser in Strömen herein.
    Wir gehen in die Wohnung von Frau Grou, die in einer winzigen Kammer unter der Erde haust: Das ist kein Wohnkeller mehr, denn das Fenster ist durch einen Pferdestall verdeckt, von den Wänden rinnen unaufhaltsam Wassertropftn, die die Farbe lösen und am Fußboden eine schmutzige Lache bilden. Unter dem Fensterbrett wächst dicker Schwamm, der nicht auszurotten ist.
    Dann steigen wir die Treppe zum dritten Stockwerk. Über dem knapp10 Quadratmeter grofen Wohnloch befindet sich ein Klosett – die Decke hält nicht dicht, die Jauche näßt durch und tropft auf den Tisch der beiden Leute, die hier leben müssen. Eine Wand des Raumes ist gerissen, aus dem zweiten, nebenan liegenden Klosett kann man in die erbärmliche Stube hineinsehen. Das ist der Meyer-Hof, das in ganz Deutschland berüchtigte Schandstück des Nordens, der Ackerstraße.«

    Wie sehr sich der Mieterstreik ausgeweitet hatte, ist nicht bekannt. Doch Ende Oktober 1932 waren allein in der Gegend um den Stettiner Bahnhof 312 Häuser mit 14.615 Mietern im Streik. Anfang1933 hatte die Streikbewegung ihren Höhepunkt, doch mit der Machtübergabe an Adolf Hitler traten plötzlich ganz andere Verhältnisse in Kraft. Seitdem gab es auch keine Informationen zu Mietstreiks mehr. Vor dem Hintergrund des verzweifelten Versuchs, doch noch einen Generalstreik als letztes Mittel gegen den sich auf allen Ebenen und mit allen Mitteln durchzusetzenden Faschismus zu organisieren, ist das zu verstehen. Man kann aber davon ausgehen, dass der Terror der Nazis überall die Weiterführung des Streiks verhindert hat.

    Geschichte eines Mieterstreiks

    Eines Morgens um sechs – die Jungens kamen vom Zeitungsaustragen -
    Hielt vor der grauen Mietskaserne ein Plattenwagen.
    In der Haustüre standen zwei Polizisten und ein Mann vom Gericht,
    Die gingen drei Treppen hinauf und klopften. Man öffnete nicht.

    Der Schlosser kam und brach auf. Das ganze Treppenhaus roch nach Gas.
    Menschen kamen und schnupperten. Sahen sich an. Keiner sagte etwas.
    Ein Schupo kam wieder herunter und hustete: »Is was passiert?« -
    »Exmittieren wird nicht mehr nötig sein! Sind schon krepiert!«

    Die Tage daraufwar es stiller: gedämpfter Zank und Geschrei;
    Wenn einer mit dem Verwalter Krach hatte, liefen sie alle herbei.
    Und eines Abends brüllte einer durchs ganze Haus:
    »Hört mal zu! Morgen früh schmeißen sie im dritten Hof einen raus!«

    Am nächsten Morgen waren schon alle Hausflure und Treppen besetzt.
    Die Polizisten kamen und der Mann vom Gericht: »Wer hat euch hier aufgehetzt?«
    Ein alter Mann trat vor und sagte: »Wollen Sie’s probieren?
    Gegen uns alle? Wir lassen hier keinen mehr exmittieren!«

    Um neune gingen die Polizisten. Der Wagen fuhr leer wieder weg.
    Ein Mann rief hinterher: »Nich wiederkommen! Hat doch keinen Zweck!«
    Im Hof stieg einer auf den Müllkasten und sprach: »Das ist euch doch klar,
    Mit der Einigkeit ist allerhand zu erreichen, nich wahr?«

    Am Tage darauf kamen alle zusammen im Hof Nummer vier.
    Und der alte Mann stieg auf den Müllkasten und schwang ein Papier.
    »Arbeiter, hier hab ich einen Brief an den Wirt geschrieben. Hört her!
    Wir zahlen bloß noch die halbe Miete. Wir können nicht mehr!«

    Auf diesen Brief war vom Wirt ein kurzer Bescheid gekommen:
    Er verhandle nicht, er hätte gerichtliche Schritte unternommen.
    Und wieder versammelten sie sich. »Der kann doch bei uns nicht landen!«
    Wir zahlen jetzt überhaupt nicht mehr. Wir streiken! Verstanden?«

    Der Hauswirt setzte Gericht und Polizei in Bewegung.
    Der Verwalter rannte von Tür zu Tür, rot vor Erregung.
    War alles umsonst. Keiner zahlte. Da kam ein Schreiben:
    »Mieten um fünfzig Prozent gesenkt. Rückstände nicht mehr einzutreiben!«

    Und wieder versammelten sich alle. Da sagte der alte Mann:
    »Das war der erste Erfolg. Es kommt nur auf die Einigkeit an!
    Und das gilt überall, nicht bloß beim Kampf um Kammer und Küche!
    Gegen unsere Geschlossenheit geht jede Macht in die Brüche.«

    Erich Weinert, 1932

     Meyer’s Hof im Faschismus

    Nach der Machtübergabe an Hitler und dem Reichstagsbrand veränderte sich das Leben vor allem für diejenigen, die sich in der Zeit davor besonders für Arbeiter- oder Mieterrechte eingesetzt hatten. Gerade in den Mietskasernen, die Hochburgen der SPD und KPD waren, war dies ein unvorstellbarer Einschnitt. Es ist heute auch schwierig, den Alltag nachzuvollziehen, weil viele der Zeitzeugen nicht mehr leben. Etwaige schriftliche Zeugnisse davon existieren kaum, weil sie aus Sicherheitsgründen nicht angelegt oder vorsätzlich vernichtet wurden.
    Über die Auswirkung der Verhaftungswellen auf die Bewohner von Meyer’s Hof gibt es kaum Informationen. Augenzeugen dafür sind im Nachhinein nicht an die Öffentlichkeit gegangen und heute sicher nicht mehr am Leben.
    Vergleicht man aber die Adressbuch-Einträge der Ackerstr. 132/133 von Ende 1932 mit denen von 1935, fällt auf, dass nur noch 50% der ursprünglichen Bewohner dort lebten. Erst ab 1935 pendelte sich die Bewohnerschaft wieder ein und blieb relativ konstant.
    Die 1932 und Anfang 1933 entstandenen Mietergemeinschaften, die sich aus dem gemeinsamen Interesse gebildet hatten, waren zerstört. Die von den Nazis angeordneten »Hausgemeinschaften« waren damit ja nicht mehr zu vergleichen, die bildeten eher die kleinste Einheit der sogenannten Volksgemeinschaft.
    Am 9. Februar 1933, also gut eine Woche nach der Machtübernahme der Nazis, besichtigte eine Kommission der Baupolizei Meyer’s Hof. Sie verordnete Tumarkin ganze drei Auflagen, die allerdings so lächerlich waren, dass es ihm nicht schwer fiel, diese zu erfüllen. Auch ansonsten hat sich Tumarkin mit den neuen Machthabern sehr gut arrangiert, was aus mehreren Briefen hervorgeht.
    Dass sich in Bezug auf die ursprünglichen Forderungen der Mieter von Meyer’s Hof nichts verändert hatte, zeigt der Text eines Briefes, den eine Mieterin im Dezember 1934 schrieb: »Hierdurch teile ich ihnen höflich mit, daß ich unserem Hauswirt Dr. Tumarkin seit Jahren nach jedem Regen gemeldet habe, wie sehr es in unserer Küche durchregnet, doch blieben meine Beanstandungen immer ohne Erfolg.«
    Erst 1935 griff der Bezirk mit öffentlichen Mitteln in die Verhältnisse in Meyer’s Hof ein: »Heute hat die neue Bezirks-Verwaltung des Weddings mit allen Kräften eine Besserung der Wohnverhältnisse herbeigeführt. Nicht nur die Fassaden des Vorderhauses und der sechs Quergebäude wurden instandgesetzt, sondern auch sämtliche Treppenhäuser und Wohnungen in einen freundlichen und wohnlicheren Zustand gebracht.«
    Es ist zu vermuten, dass die oberflächlichen Maßnahmen vor allem im Zusammenhang mit den für 1936 geplanten Olympischen Spielen und der damit verbundenen internationalen Öffentlichkeit standen.
    Eines der wenigen Zeugnisse aus der Zeit des Faschismus, die Meyer’s Hof betreffen, fand sich 1941 in der von Joseph Goebbels gegründeten Zeitschrift »Das Reich«:
    »1933 begann man zuerst das Haus von den örtlich allgemein behannten politischen Anführern zu säubern. Mehr war kaum auf den ersten Anhieb zu tun. Der Riesenkomplex der über sechs Höfe aufgeteilten Mietskasernen wird heute von 675 Menschen bewohnt.
    Die 170 Familien des Hauses, von denen etwa 20 in Kochstuben wohnen, haben 130 Kinder. Die Mieter der Einzelstuben sind zu 80 Prozent alte Leute, Rentner-Ehepaare oder verwitwet. Die übrigen Kochstuben werden von jüngeren Ehepaaren bewohnt, die z.T. erst in den letzten zwei, drei Jahren zuzogen und deren Kinder schon während des Krieges geboren wurden. Sie gehören, wie die Mehrzahl der Familien hier, der Arbeiterschaft an.
    1938 setzte die Kreisleitung VI der NSDAP einen politischen Treuhandverwalter für Meyers Hof ein. Er hat die Vollmacht zur weltanschaulichen, politischen und sozialen Beaufsichtigung der Mieter und setzt sich auch dafür ein, daß rückständige Mieten bezahlt werden. Der politische Treuhandverwalter ist eine Sondererscheinung, bedingt durch die außergewöhnlichen Verhältnisse dieses gigantischen Hauses. Die Partei wird durch einen Zellenleiter vertreten, der Werkzeugmacher von Beruf ist, und von fünf Blockleitern.
    An allen Ecken und Enden ist mit dem Aufräumen begonnen worden. Alte, alleinstehende Personen, die es gewohnt waren, ihre oft nicht sauberen Zimmer auch noch als Nachtasyle gegen Entgelt zu verwerten, und die davon nicht abließen, wurden mit Hilfe der Stadt in Altersheimen untergebracht. Die dadurch frei gewordenen Räume, meistens Kochstuben, wurden mit anderen Einzelzimmern verbunden, so daß Familien mit Kindern mehr Platz erhielten. Mit dem Ziel, den Familien nach ihrer Kopfzahl die geeignetste Wohnung zu verschaffen, wurde in dem Gebäudekomplex Wohnungstausch über Wohnungstausch vorgenommen. Vor allem galt es, das Haus zu entvölkern. Die Keller-Wohnungen mußten ganz aufgehoben werden.
    In einem Raum von 75 qm wurde eine Schar der HJ hereingenommen. Ihr Auftreten hatte eine gute propagandistische Wirkung und viele Anmeldungen zur Folge. Bei den allgemeinen öffentlichen Versammlungen schneidet Meyer’s Hof keineswegs schlecht ab. In vielen Fällen kann man eher das Gegenteil sagen.
    Die Mehrzahl der Familien, das hat sieh in den letzten Jahren gezeigt, sind sehr wohl fähig, sich in ein höheres soziales Niveau einzuordnen, wenn man sich Mühe um sie gibt. Auf der anderen Seite existieren schwierige, vielleicht hoffnungslose Fälle. Aber die kommen nicht nur hier, sondern auch anderwärts vor.
    Es gibt in Meyer’s Hof Menschen, die 45, ja 60 Jahre in ihm wohnen, die sich auch heute dort in ihrem gewohnten Heim glücklich fühlen und hoffen, bis zu ihrem Tode nie ausziehen zu müssen. Frau S., eine Witwe, wohnt seit 44 Jahren in der gleichen Stube und Küche. Sie zog darin neun Kinder auf. Ihr Mann war 27 Jahre lang der Wächter des Hauses, das früher noch jeden Abend abgeschlossen wurde.«
    Wann während des Kriegs Meyer’s Hof beschädigt wurde, weisen keine Dokumente mehr nach. Auf jeden Fall gab es die ersten Bombenschäden in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 1943. Ein Artikel, der 1947 im »Sozialdemokrat« erschien, gibt einen kleinen Einblick:
    »In einer schrecklichen Nacht rissen Bomben eines der Quergebäude in Stücke, fraßen die Flammen vier weitere Blocks, so daß nur noch das Vorderhaus und das erste Hintergebäude stehen blieb! Über zweihundert Wohnungen wurden zerstört, über siebenhundert Menschen verloren ihr Obdach, oft ihre letzten Habseligkeiten. Nuir hundert Wohnungen, in denen jetzt dreihundert Arbeiter mit ihren Familien, Rentner und Pensionäre hausen, blieben erhalten. Und, ein Trost bei allem Unglück, sämtliche Einwohner der kleinen Stadt konnten sich retten.
    ’Nieder mit den Nazis’ kann man am Flureingang lesen. Ein mutiges Wort, mit grüner Farbe geschrieben, als Meyer’s Hof brannte, Ausdruck der Gesinnung einer Stadt in der Stadt, die sich zur Weimarer Zeit an ’besonderen Tagen’ in rotes und schwarz-rot-goldenes Fahnentuch hüllte und braune Sprechchöre zum Teufel jagte. Und die auch heute noch denkt und fühlt und haßt und liebt wie ehemals.«
    Von Meyer’s Hof blieb nach dem Krieg nur das Vorderhaus und das erste Hinterhaus erhalten, die vier hinteren Quergebäude waren vollständig zerstört und wurden später abgerissen.

    Die letzten Jahre – Erinnerungen

    Während große Teile der Grundstücke im Weddinger Sanierungsgebiet von der DeGeWo gekauft wurden, erhielt den Block 262, auf dem auch Meyer’s Hof stand, südlich der Ernst-Reuter-Siedlung eine der kleineren gemeinnützigen Baugesellschaften, die Alexandra-Stiftung. Diese Stiftung kaufte Meyer’s Hof von dem Sohn des Vorbesitzers, der das Grundstück mehrere Monate vorher von seinem Vater erworben hatte. Er verkaufte den Hof am 21. Juli 1965. Und anscheinend hat die Alexandra-Stiftung mit dem Gelände Großes vor, jedoch nicht mit Meyer’s Hof.

    Denn am 29. September 1965 verschickte sie an alle Mieter ein gleichlautendes Schreiben, in dem diese darüber informiert wurden, dass die Mietsverhältnisse zum nächstmöglichen Termin gekündigt sind. Da die Stiftung als Sanierungsträger verpflichtet ist, den Mietern Ersatzwohnungen zu beschaffen, legte sie dem Schreiben einen Fragebogen bei. Mit dem ausgefüllten Bogen sandten manche Mieter kurze Briefe zurück, in denen sie ausführten, dass sie bereits sehr lange im Wedding wohnten, und dort auch bleiben wollten.
    Mit den Entmietungen ging es dann aber doch nicht so schnell, wie die Alexandra-Stiftung sich das vorgestellt hatte. Fünf Jahre später, 1970, verzeichnet das Adressbuch noch immer 42 Mietparteien in den 82 Wohnungen in Meyer’s Hof. Einige der Wohnungen wurden in der Zwischenzeit zwangsgeräumt, weil sie für unbewohnbar erklärt worden waren. Erst am 17. Oktober 1972, sieben Jahre nach der ersten Nachricht für die Mieter, dass ihr Haus abgerissen werden soll, wurde Meyer’s Hof gesprengt. Und es dauerte nochmal ein halbes Jahr, bis das Grundstück geräumt war. Das war dann das endgültige Ende von Meyer’s Hof.

    Erinnerungen an Meyer’s Hof

    Die beiden folgenden Texte sind Erinnerungen ehemaliger Bewohner von Meyer’s Hof. Sie wurden komplett dem Buch »Das Berliner Mietshaus« entnommen.

    Inge und Hilla Mann:
    »Der Flur hatte kein direktes Licht, die Türen waren meistens verschlossen und hatten keine Fenster. Ab 1936 gab es elektrisches Licht im Meyer’s Hof, bis dahin wurde mit Gas, Petroleum oder Kerzen beleuchtet. Seitdem hing eine trübe elektrische Glühbirne im Flur. Es war so’n richtiger Graulkorridor.
    Familienfeste wurden von allen, die auf dem Flur wohnten, gemeinsam gefeiert, dann waren die Türen offen. Wir wussten doch, wie unsre Buden aussahen, wir brauchten uns doch nicht voreinander zu schämen. Keiner war besser. Das Klo lag neben der Küche, der hintere Teil war abgetrennt, das war die Speisekammer von Frau Spaldings. Darüber war das Fenster, das man mit einer Stange öffnen konnte.
    Wir hatten ja nur in der Küche gelebt. Da gab’s zu essen, zu trinken, da wurde drin gewohnt. Das Schlafzimmer, das war tabu, da wurde nur drin geschlafen. Aber meine Mutti, die hat in der Küche geschlafen. Geheizt wurde nur in der Küche. Wir haben immer im Kalten geschlafen.
    Küche kann man das eigentlich nicht nennen, das war so ein kleines Ding mit einem Wasserhahn. Links stand der Kochherd, so ein eisernes Ding, der wurde mit Kohle geheizt. Neben dem großen eisernen Herd stand ein Gasherd, der mit einem Schlauch an einen Automaten angeschlossen war. In den Gasautomaten musste ich immer einen Groschen reinstecken.«

    Harry Kompisch:
    »1924, als ich drei Jahre alt war, bekam mein Vater die Wohnung. Ich habe dort bis 1941 gelebt, bis ich eingezogen wurde, also 17 Jahre lang. Ich habe meine Kindheit dort verbracht, und ich muss sagen, es war eine wunderschöne Jugend, trotzdem es ’Milljöh’ war. Heutzutage würde man das keinem Menschen mehr zumuten, aber für uns Kinder war das ein Paradies zum Spielen.
    Wir haben nicht geguckt, wohnt der im Vorderhaus, wohnt der im zweiten, im dritten Hof. Uns verband nur die Freundschaft und die Spielerei. Jungs und Mädels haben zusammen gespielt. Erst mit etwa 16 trennte sieh das ein bischen.
    Der wichtigste Spielplatz war sicher Meyer’s Hof selbst, dann der Gartenplatz, der einen großen Buddelplatz hatte. Auf das Eisenbahn-Gelände durfte man nicht. Die Straße war auch Spielplatz. Wir sind mit dem Roller oder Rad gefahren und haben Ballspiele gemacht, vor allem Schlagball. Wenn die Straßenbahn kam, mussten wir Pause machen. Die Straßenbahn haben wir in unsere Spielfläche mit einbezogen; Auf- und Abspringen während der Fahrt, oder wir haben Knallplätzchen, mit denen wir Trapper und Indianer gespielt haben, auf die Schienen gelegt. Dann kam die Straßenbahn angekracht. Die Fahrer, die da täglich mit der 3 durchfuhren, die kannten Meyer’s Hof schon und sagten sich, jetzt musst du mal langsam fahren, die haben bestimmt wieder was auf die Schienen gelegt.
    Unser Revier war der Block zwischen Acker- und Gartenstraße. Unser eigenes Revier, das hatten wir in Beschlag, das kannten wir in- und auswendig, die gegenüber liegende Straßenseite der Ackerstraße gehörte schon nicht mehr dazu. Der tiefe Wedding war der Bereich Ackerstraße, Gartenplatz, Bernauer Straße, Gartenstraße bis zum Ende hin. Der Wedding hinter der Schwindsuchtbrücke war wieder ein anderes Gebiet. Für uns endete der Wedding an der Schwindsuchtbrücke.
    Die Sacknäherei im letzten Quergebäude war nur ein Stockwerk hoch, ein Flachbau, der für uns Kinder herrlich zum Spielen war. Wir sind über die Dächer gerannt, übers Nebenhaus bis hin zum sechsten Hof, da ging eine Leiter runter am Schornstein, dann waren wir auf dem Flachbau. Entweder hatten die unten im Hof Säcke gestapelt, auf die wir dann drauf gesprungen sind, oder wir sind die Regenrohre runter gerutscht. Wir konnten auch, wenn wir weiter gegangen sind, über die Dächer von Keyling & Thomas hinweg rüber bis zur Gartenstraße. Später, das muss so 1934/35 gewesen sein, wurden die Fabrikhallen ausgeräumt und einer der ersten überdachten Berliner Rummelplätze in ihnen eingerichtet. Genau unter einem Fenster lagen die Matten der Ringer; da haben wir als Kinder immer runter gespuckt und haben uns unseren Jux gemacht.
    Etwa acht bis zehn Kinder aus Meyer’s Hof waren in derselbe Klasse, die Clique Meyer’s Hof hielt auch zusammen gegen Angriffe von aufen. Die Clique bedeutete Schutz, man war ja die größte Kinderzahl in der Gegend. Morgens hatten die meisten einen gemeinsamen Schulweg. Wir sind dann zur gleichen Zeit los. Einer rief den anderen runter. Da war früh immer der Appell auf dem Hof: ’Biste fertig?Kommste runter? Wir gehen jetzt!’ – ’Ja, ich komme!’. Neben meinem Zimmer war der Treppenaufgang von 132, da pochte man an die Wand, das war unser Privattelefon.
    Die Schrippenkirche hatte, was wir als Kinder sehr begrüßten, eine Art Fundgrube von Sachen, die verloren gegangen waren und dort versteigert wurden. Uns interessierten damals immer Spazierstöcke, damit haben wir als Kinder Hockey und Cricket gespielt. Einer kostete einen Sechser oder einen Groschen, den habe ich meinem Vater aus dem Leib gerissen, und dann haben wir den Puck über die Straße geschoben.
    Die HJ hat in Meyer’s Hof keine Kunden werben können. Gegenüber war eine Berufsschule, später hieß sie Walter-Wagnitz-Haus, da hatten die sich etabliert. Wir haben gar keinen Kontakt zu denen gehabt. Gewiss, die wollten uns auch manchmal angreifen und sind da rausmarschiert, mit Fahnen, und versuchten uns zu provozieren. Aber wir haben uns gesagt: Lass die laufen; wir sind dann unserer Wege gegangen. Also in Meyer’s Hof haben die keine großen Freunde gewinnen können.
    Unser Teil der Ackerstraße und der weiter unten, hinter den Friedhöfen, die haben wenig miteinander zu tun gehabt. Der Friedhof war unsere Grenze, die Bernauer Straße. Was dahinter kam, war ein anderes Gebiet. Da unten gab es Prostitution. Im oberen Teil der Ackerstraße gab es das gar nicht. Das war ein Arbeiterviertel, da haben die nicht Fuß gefasst. Zur Markthalle ging man selten. Der Hauptgrund ist bestimmt gewesen, dass die Leute bar bezahlen mussten. Denn hier im Umkreis des Hauses in den Stammgeschäften, die wir hatten, konnte man anschreihen lassen. Und Freitag war Zahltag. Zur Markthalle in der Ackerstraße pilgerte man von Meyer’s Hof nur für bestimmte Artikel wie Fisch, den es dort frischer gab als bei uns beim Much. Der hatte zwar auch Fisch, aber der war eingelegt in großen Fässern.
    Die Nazis haben keinen Fuß gefasst in Meyer’s Hof. Da war mehr die SPD und die KPD – früher sagte man ’die rote Hochburg’ – bis zum Mieterstreik. Der wurde ja auch von den politischen Parteien organisiert und unterstützt. Vor dem Mieterstreik, da kam der Tumarkin. Man hatte an der Brandwand zur Ackerstraße 134 über der Schlachterei Sprüche angemalt. Einem jungen Mann hatte man eine Wäscheleine umgebunden, hat einen Sitz befestigt, dann saß er wie auf einer Schaukel. Oben haben drei Mann gestanden und ihn runtergelassen, dann hat er die Wand bemalt: ’Tumarkin kommt nach Berlin, um arme Leute auszuziehn; doch Meyer’s Hof ist auf dem Posten, und er kommt nicht auf seine Kosten’. Das hat der an die Wand gemalt und das blieb da auch stehen. Bis die Nazis endlich drauf gestoßen sind: Das muss weg! Dann haben sie die Fassade neu gestrichen.
    1933/34 haben die Nazis die bekannten Kommunisten und Sozialdemokraten rausgeholt. Vorne im Vorderhaus wohnte der jüdische Arzt Dr. Moses, die Familie ist 1935 emigriert nach Amerika. Und die Familie Sperling – die Frau war ’Arierin’, wie man so schön sagte, und der Mann war Jude, die Kinder waren Halbjuden, und die hat man nachher bis auf die Frau alle abgeholt. Das jüngste Kind, der Feddi, lebt heute noch, aber sein Bruder und der Vater, die sind irgendwo umgekommen. Den Sperlings-Kindern haben wir alle Kinder, mal einen Brief geschrieben, den haben wir der Mutter übergeben. Die wollte ihren Sohn besuchen, aber sie hat auch mit der Jüdischen Gemeinde Rücksprache genommen, und um uns nicht zu gefährden, hat sie den Brief nicht abgegeben.«

    1. Aus den drei Bänden »Das Berliner Mietshaus« von Johann Friedrich Geist und Klaus Kürvers. Auf über 1.500 Seiten wird darin die Entwicklung Berlins in den vergangenen 300 Jahren nachgezeichnet. Eine Pflichtquelle, wenn man zur Berliner Historie arbeitet. [] []
    2. Aus dem Buch von Klaus Kordon: »Mit dem Rücken zur Wand«. Kordon, geboren 1943, hat eine »Trilogie der Wendepunkte« geschrieben: Drei Romane, die jeweils einige Wochen 1918/19, 1933 sowie 1945 mit den Augen eines Kindes sehen, das mit seiner Familie in der Ackerstraße wohnt. Die Bücher sind sehr lehrreich und äußerst spannend geschrieben: »Die roten Matrosen«, »Mit dem Rücken zur Wand«, »Der erste Frühling«. []

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    Von: Aro Kuhrt

    (26. Januar 2012)

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